Sonntag, 2. Oktober 2016

Große Pädagogen

In einem schriftlichen Interview sagte ein Pädagogikprofessor zu mir: "Aus meiner Kenntnis der Werke großer Pädagogen möchte ich sagen, dass sie manchmal unbewusst amicativ dachten. Und vielleicht war die Praxis von Janusz Korczak und Alexander Neill sogar amicativer als die von Ihnen!"

Meine Antwort: "Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Amicatives Denken setzt den radikalen Bruch mit dem pädagogischen Denken voraus. Für das amicative Denken gibt es eine andere anthropologische Basishypothese als für das pädagogische Denken. Im amicativen Denken gilt: Das Kind ist ein zu 100 Prozent selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, das Kind ist ein zu 100 Prozent vollwertiger Mensch von Anfang an. Beides wird im pädagogischen Denken anders gesehen. Im pädagogischen Denken gilt: Das Kind ist noch kein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, sondern wird dies erst im Laufe der Kindheit durch Erziehung. Dieser radikale Gegensatz ist nicht vermischbar, es gibt keine Grauzone.

Es ist also zu überlegen, welche Basispositionen haben Korczak, Neill und andere große Pädagogen. Da sowohl Korczak als auch Neill als auch alle anderen großen Pädagogen an der Menschwerdung des Kindes – ein jeder auf seine spezielle Art – arbeiten, erkenne ich nicht irgendein amicatives Element in ihrem Denken. Es muss darauf geachtet werden, dass freundliches, achtungsvolles, respektvolles, liebevolles, usw. usw. Verhalten nicht ausreicht, um schon von amicativer Substanz zu sein. Selbstverständlich sind alle berühmten Pädagogen liebevoll, freundlich usw.. Amicativ wird es aber erst dann, wenn sie ihr Homo-educandus-Menschenbild nicht mehr in sich tragen. Anders ausgedrückt: Solange sich Korczak, Neill und andere noch verantwortlich für Kinder und ihre Entwicklung fühlen, sind sie auf sicherem pädagogischen Boden. Erst wenn sie sich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühlen – weil sie erkennen, dass die Kinder dies ja selbst sind –, betreten sie amicatives Land. Und erst dann, wenn sie so verantwortungs-los auf die Kinder zugehen, wird ihre konkrete Beziehung, ihre Praxis, amicativ genannt werden können. Ich sehe nicht, dass irgendein großer Pädagoge dies realisiert hat. Nicht Rousseau, Comenius, Kant, Pestalozzi, Fröbel, Petersen, Montessori, Korczak, Neill, Freinet, Makarenko noch sonst wer. Ich finde in ihren Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich von ihrer Verantwortung für Kinder losgesagt hätten, ganz im Gegenteil. Gerade die großem Pädagogen sind ganz besonders voll von Verantwortung für Kinder, mehr als andere.

Kommentare:

  1. Bravo! Besser kann man es nicht ausdrücken! Genau so ist es.

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  2. Stimmt. Denn die auch die"großen Pädagogen" sitzen im Adultismus fest, der Basis aller Unterdrückung.
    Jans

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