Dienstag, 4. Oktober 2016

Definition

"Herr Dr. von Schoenebeck, wie definieren Sie Selbstverantwortung?"

Eine Definition soll helfen, etwas klarer zu machen. Der amicative Begriff "Selbstverantwortung" ist aber nicht definierbar. Er ist etwas anderes als eine intellektuelle Position, er ist ein existentieller Wert. Sie können zum Beispiel auch nicht ein Bild von Picasso oder eine Sinfonie von Beethoven definieren. Und wenn Sie das nicht können, verlassen Sie nicht Anspruch und Wissenschaftlichkeit, sondern Sie bemerken mit wissenschaftstheoretischem Überblick, welche Parameter angemessen sind, um die Wirklichkeit korrekt zu erfassen. In der Kunst und Musik gelten andere Maßstäbe als in der abstrakten Analyse einer Theoriediskussion. Sie können darüber streiten und Sie können fragen, wie man damit auskommt und welche Konsequenzen es hat, wenn man Kinder amicativ und damit selbstverantwortlich sieht. Aber Sie wollen eine Definition. Sie wollen Klarheit. Sie werden diese Klarheit aber nicht auf diesem Weg erhalten.

Selbstverständlich läßt sich die amicative Position auch klar erkennen: mit dem Herzen, der Erfahrung, der Intuition, dem taoistischen "Tun ohne Tun" und anderen emotionalen und existentiellen Möglichkeiten. Was Amication ist, wird auch klarer, wenn Sie weiter mit mir im Gespräch bleiben und Ihr Denken sich verleiten lässt, mir ein wenig zu folgen ... Wollen Sie das? Wollen Sie sich auf ein solches Abenteuer einlassen? Ich habe das in meinem Dissertationsprojekt mit Kindern vor 40 Jahren gemacht und mir von den Kindern die amicative Welt zeigen lassen. Man muss eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich selbst zu verändern oder verändern zu lassen. Mit einer intellektuellen Definition hat so etwas nichts zu tun, wohl aber mit existentiellen Wahrheiten. So etwas entzieht sich nun nicht der Diskussion. Genau darüber kann man sich austauschen, existentielle Erkenntnisse sind kommunikabel. Vielleicht lesen Sie eins meiner Gedichte:

wenn
ich
mich ihnen
aussetze
so geschehen
verwandlungen in mir
die mit dem zu tun haben
wie sie sind

Kommentare:

  1. Sehe ich anders!
    Sehr wohl kann man den Wortsinn "Selbstverantwrtung" klar definieren.
    "Verantwortung" ist ja klar definiert. "Selbstverantwortung" ist dann einfach Verantwortung für sich selbst. Und aus amicativer Sicht wird dies ja auch genau beschrieben (also "definiert"): Kindern wird nicht mit 16, 18 oder 21 "Selbstverantwortung (gönnerhaft) übertragen", sondern sie haben diese von Geburt an (oder sogar noch früher).
    Dass diese Selbstverantwortung in Diktaturen und Demokraturen gewaltsam unterdrückt wird, ändert nichts an der definierten Tatsache, DASS sie selbstverantwortlich sind. Punkt.

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    1. ... jede noch so klare Definition (Duden und co) ist letztlich "nachträglich" aufgeschrieben und wird ja auch immer wieder an den aktuellen Wortgebrauch der Menschen (versucht) angepasst- deshalb werden diese Bücher, in denen Definitionen zu finden sind, immer wieder neu herausgegeben.. was dabei auf der Strecke bleibt bleiben muss ist der individuelle Filter durch den wir ein Wort mit Sinn für uns ganz persönlich und subjektiv füllen (es gibt auch hier keine Objektivität in dem Sinne einer "klaren Definition"- meist meinen wir aber, wir können uns einigen, was ein Begriff bedeutet- es bleibt aber IMMER eine Annäherung) LG K.

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    2. Zunächst:
      Ich sehe darin (dass hier - und/oder in Büchern - subjektive Definitionen zur Kenntnisnahme angeboten werden) keine "auf der Strecke bleibende Subjektivität".

      Und dann noch:
      Ich habe nicht den Eindruck, dass es hier um das Erreichen einer objektiven Einigung bzgl. einer "Klare Definition"-Objektivität geht.

      LG HaJo51

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    3. ich schon..(nicht bei Hubertus) LG K.

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    4. Die Diskussion um "das Füllen von Wörtern mit persönlichem Sinn" hatte ich schon oft. Wenn ich mit anderen Menschen sinnvoll sprachlich kommunizieren will, muss ich mich für den anderen verständlich ausdrücken – und sofern es sich um Vorträge oder Texte für die Allgemeinheit handelt, funktioniert natürlich auch bloß eine allgemein definierte Sprache. Dass und wie Deutsch seit hundert Jahren von der Dudengesellschaft festgelegt wird, kann ja strittig sein (einige Teile der "neuen Rechtschreibung" boykottiere ich ganz) – nichtsdestotrotz macht es unter Kommunikationsgesichtspunkten keinerlei Sinn, Blau als Rot zu bezeichnen.

      Hubertus will in diesem Text den Fokus vom Definieren weglenken, hin zum (subjektiven) Empfinden von angeborenen oder gewachsenen "existenziellen Wahrheiten".
      Doch um solche Empfindungen für andere in schriftlicher oder mündlicher Kommunikation nachvollziehbar zu machen, braucht es eine klar definierte Spache. Selbst das Gedicht basiert auf einer solchen.

      Das Erleben ohne erklärende Sprache (von dem Hubertus hier eigentlich erzählt) ist dagegen naturgemäß nicht definierbar – und genau dieses Erleben der Amication ist für viele (ganz besonders Kinder) das Anziehende daran.

      Im übrigen ist auch eine Beethoven-Symphonie "sprachlich" (also im Notentext) sehr wohl exakt definierbar!
      Und genau hier liegt der Hund begraben: entweder man ist von Beethoven oder Amication ergriffen, oder eben nicht. Aber genauso wie man Beethovens Musik definieren und erklären kann, geht dies auch mit der Selbstverantwortung. Und genauso wie viele Menschen Beethoven nicht erfassen können oder wollen, ist es auch mit der Amication. Trotz klarer sprachlicher Definition. Oder gar, wie in den Kommentaren anklang, gerade wegen klarer Definition? Weil diese zu deutlich macht?

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    5. " Wenn ich mit anderen Menschen sinnvoll sprachlich kommunizieren will, muss ich mich für den anderen verständlich ausdrücken "--


      da liegt vielleicht auch ein Hund begraben..wenn mein Gegenüber mich missversteht oder ich mich missverstanden fühle, hab ich mehrere Möglichkeiten: es ist mir egal und das Gegenüber ist ein "Idiot"..es ist mir egal und der andere ist trotzdem kein "Idiot"... es ist mir nicht egal und (warum auch immer) wichtig, aus meiner Sicht "richtig" verstanden zu werden und ich investiere Zeit und Energie, mich, wie du es nennst, für den anderen verständlich auszudrücken (dafür muss ich Lust haben, mich in diese seine Denk und Verständniswelt einzufühlen und ein bißchen seine "Sprache zu lernen")...oder auch ich bin der Meinung, ich drücke mich (objektiv?) richtig und klar aus und die Art und Weise, wie ich das verstanden haben will, ist sowieso die einzige Art und Weise, wie man es verstehen kann.. LG Karin

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  2. Hallo, Hubertus!

    Aus meiner Sicht wird der Begriff 'Verantwortung' von vielen Menschen sehr oft nur mit der juristischen 'Verantwortung vor dem Gesetz' assoziiert bzw. gleichgesetzt.
    Deshalb halte ich es für angebrachter, bei Beschreibungen des Geschehens, das auf das (zunächst intuitive und später zusätzlich auf das Selbst begründete) Mensch-sein eines Menschens bezogen ist, den Begriff 'Verantwortung' möglichst gar nicht zu verwenden.

    LG von HaJo51

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    1. Zunächst kann und muss es ja um die juristische Verantwortung gehen ... wie soll sich das GEFÜHL Selbtverantwortung denn entwickeln, wenn die Welt um einen herum anderes behauptet!?
      Andererseits kann ich von mir selbt sagen, dass ich schon als Kind (sagen wir mal mit 10 Jahren) wusste, dass die rechtliche Verantwortung bei den Großen lag, aber das was ich denken und tun wollte, oder dachte und tat, immer "richtig" war ... ich habe also meine innere Selbstverantwortung niemals in Frage gestellt, egal was die Verwachsenen gepredigt haben.

      Wenn wir nach anderen, philosophischeren Begriffen für solche inneren Empfindungen (und damit auch dem Umgang mit dem Gegenüber) suchen, müssen wir natürlich im Auge haben, dass damit die ganze grundsätzliche, klare Forderung, sowie die Diskussion darüber, verwaschen werden kann – die Gefahr, dass alles dann in weichgewaschenes Eso-Geschwafel abgleitet, ist groß!

      Zwar mögen dann vielleicht mehr Leute "auf den Zug aufspringen" (wie dies bei hunderterlei Phrasengedresch-Konzepten – nicht nur im pädagogischen Bereich – der Fall ist), aber wollen wir das?
      Ich nicht.

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    2. Zunächst muss gar nichts... aus meiner Sicht kann die juristische ebene sowieso nicht ohne umfühlen u umdenken verändert werden bzw ist das wenig sinnvoll gesellschaftlich gesehen.. und ja, ich würde wollen, dass möglichst viele auf den zug aufspringen, damit überhaupt Veränderungen passieren können.. die beginnen eben gesamtgesellschaftlich mit kleinen Schritten u machen nur so sinn, weil sonst die Gesellschaft nicht mitkommt..ich bin zb auch eben nicht für die sofortige Aufhebung der schulpflicht, auch wenn ich das innerlich grundsätzlich langfristig abSolut richtig finde.. ist halt die Frage, was will man o wünscht sich u auf welchem weg geht man..kriegsweg o friedenspfad..plegt man seine feindbilder u braucht sie vielleicht sogar irgendwie o bleibt man grundsätzlich selbst mit inhaltlichen 'gegnern' im Austausch u kontakt..ohne innere überzeugung u konsequenz zu verraten..

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    3. Das heißt dann Anbiedern statt Klartext.
      Damit spricht man nur solche an, die heute auf- und morgen wieder abspringen.
      Das ist genau wie auf dem Partner-Markt: bloß nichts sagen, was abschecken könnte – Hauptsache erst mal einschmeicheln ...
      Ärger vorprogrammiert.

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    4. da ist für mich kein anbiederndes Element (und selbst wenn- verboten?) der Klartext geht nicht verloren durch Brückenbau.. nie und nimmer.. und selbst wenn welche heute auf und morgen wieder abspringen- die Chance, dass ein, zwei was "mitnehmen" /verstehen durch Erleben und im Kontakt sein, besteht immer (wieder)...
      LG und gute Nacht..

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  3. ...könnte man über einen alternativen Begriff nachdenken...warum nicht? Ist auch ein (gerade heute) massiv überstrapazierter Begriff (bei dem genau deshalb in erster Linie auch viele emotionale Falltüren lauern)

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  4. überhaupt..die "Leute" bei ihrer emotionalen Reaktion verständnis-bereit abholen (Sorge,Angst,Verwirrung...daraus Empörung,Miss-und Unverständnis..Abwehr?).. geht auch vielleicht..wenn man will/kann/Lust hat.. LG Karin

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    1. Also ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Leute bei ihrer emotionalen Reaktion "abzuholen"!
      LG HaJo51

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    2. nö, musst du doch auch nicht..("wenn man will,kann, Lust hat") LG K.

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    3. ..du willst/ kannst eben nicht..Bist so jemand nicht..ich hab null den Anspruch, dass jmd. verbindlich zu machen. Amen

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