Montag, 21. September 2020

Charlottes Wege im Paradies




Spaziergang mit Freunden, mit Stephan und Friederike. Ich gehe mit ihrer Tochter Charlotte (2) voraus. Charlotte fällt hin und hat sich die Haut aufgeschürft. Sie blutet ein wenig und sie weint.

Was kann ich jemandem Gutes tun, der leidet? Soll ich Charlotte auf den Arm nehmen? Soll ich es wegreden? „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Zeig mal“ oder „Das hätte aber auch schlimmer ausgehen können“ oder „Tut es sehr weh?“ Begrüße ich den Schmerz des Kinds mit der gebotenen Höflichkeit? Lehne ich ihn ab? Sehe ich nur Komplikationen? Ist die Ruhe des Spaziergangs dahin? Wie geht es mir? Bin ich verärgert? Bin ich hilflos? „Auch das noch“ oder „Wieso denn?“ oder „Ausgerechnet jetzt“.

Reagiere ich gelassen? Sollte ich gelassen reagieren? Ist Gelassenheit nicht zu kalt und unpersönlich? Kann ich persönlich und gelassen sein? Wenn ich erschrecke, macht ihr das noch mehr Angst. Wenn ich Trostformeln sage wieHeile heile Gänschen“ – was tue ich damit? Ist so etwas ein guter Zauber für kleine Kinder? Was will ich erreichen? Soll Charlotte wieder lachen? Soll sie den Schmerz verlieren, vergessen? Was habe ich gegen Schmerz? Was ist eigentlich überhaupt gegen Schmerz zu sagen? Aber wie kann man nur so etwas fragen! Doch gehört Schmerz nicht zum Leben dazu?

Also: Charlotte fällt hin und es tut ihr weh. Ich bin dabei. Ich helfe ihr auf. Ich tupfe das Blut ab. Ich sehe sie an. Ich nehme sie auf den Arm. Worte? Wozu? Welche Worte?

Wie kann ich jemandem beistehen, der in Not ist? Andersherum: Wie will ich, dass mir beigestanden wird, wenn ich in Not bin? Ich falle hin, die Haut ist aufgeschürft, ich blute. Du bist dabei. Du hilfst mir auf und gibst mit ein Taschentuch, um das Blut abzutupfen. Was wünsche ich, dass Du sagst? Was solltest Du tun, damit es mich tröstet?

Was wollen wir für Hilfe, was wollen wir für Trost? Was will ich, was willst Du? Wer sind wir, wenn wir Trost brauchen? Sollte man das wissen? Will ich wissen, wer ich bin, wenn ich Trost und Hilfe brauche? Ich habe Not und Schmerz, und Du bist dabei. Und ich wünsche mir jetzt von Dir...  Es hängt davon ab, wer Du bist, wer Du in meinem Leben bist. Wie unsere Beziehung ist. Wem ich mich anvertrauen kann, zeigen kann, in mein Herz sehen lassen kann, in meine Not und in meinen Schmerz. Wen hätte ich gern dabei, wenn ich gleich hinfallen werde? Wen wünsche ich um mich herum? In guten wie in schlechten Zeiten?

Charlotte fällt hin, ich bin dabei. Hat sie mich ausgesucht? Man muss nehmen, was da ist, und jetzt bin ich da. Und es wird etwas geschehen, mit uns. Sie erlebt ihren Schmerz in meiner Gegenwart, ich erlebe ihren Schmerz in meiner Gegenwart. Meine Antwort kommt aus mir und meiner Beziehung zu ihr, aus unserer beider Realität.

Also: Charlotte fällt hin und ich bin dabei. Sie ist zwei Jahre alt, wir kennen uns ein wenig, ich habe mich über diesen jungen Menschen vor mir eine halbe Stunde lang gefreut, auf unserem Spaziergang. Ich habe ihre Souveränität und Lebendigkeit, ihre Selbstverständlichkeit und ihre Sanftheit wahrgenommen und aufgenommen. Ich habe ihr ohne Worte gesagt, dass mir ihre Gegenwart gut tut. Und ich habe von ihr ohne Worte gehört, dass es für sie okay ist, wenn ich auf dem Spaziergang mit dabei bin. Ich bin dabei, und ich bin einbezogen.

Und so antworte ich auf ihren Schmerz: „Willst du noch einen Keks?“ Und ich sage mit dem Herzen: „Das Leben geht weiter, auch mit blutender Haut. Wo waren wir eben? Wir haben Kekse auf dem Spaziergang gegessen. Ein Keks ist eine feine Sache. Er schmeckt. Schmerz schmeckt nicht. Aber kommt vor. Wenn man hinfällt. Es tut dann weh. Wer hat das gerne? Man kann ihm nicht ausweichen, aber natürlich geht er auch wieder.“ Und ich nehme sie auf den Arm, trage sie ein Stück, frage „Okay?“ Sie nickt. Ich setze sie ab und gebe sie dem bunten Leben zurück.

Und ich? Ich rede mit dem nächsten Stein, über den sie stolpern könnte und mit der nächsten Distel, die sie stechen könnte, um sie ein wenig abzulenken, diese Hindernisse auf Charlottes Wegen im Paradies.



Montag, 14. September 2020

Schauen - Geschenk des Lebens






Ich bin mit Yann (4) auf dem Spielplatz. Vor uns spielen vier Kinder (8-10) ein Ballspiel: Sie schlagen sich den Ball über eine fest installierte Tischtennisplatte zu und laufen dabei um die Platte herum. Viel Dynamik, viel Emotion, mit Gewinnen und Verlieren. Yann schaut und schaut. Eine halbe Stunde lang. Dann locke ich mit „Nach Hause?“ und unseren Spielplänen dort. Wir ziehen los.

Schauen und schauen und schauen... Wirklich, ein Geschenk des Lebens! Einfach nur schauen, vergessen der Rest. Klar, kenne ich. Aber es hat schon lang nicht mehr angeklopft. Es fliegt alles so dahin. Oder fließt, wenn es sich ruhiger anlässt. Aber Anhalten, Innehalten, Aus- und Abschalten und Schauen: das ist doch eher selten.

Ich habe es erst nicht wahrgenommen, dass Yann da so verlängerte und verlängerte. Ja klar, er sieht sich das mal an, was die großen Kinder da so machen. Aber es verwandelte sich und veränderte die Dimension. Aus dem Hinsehen wurde das Schauen.

So ein Schauen zieht mich aus der normalen Geschäftigkeit, aus der Normalität eben. Es ist eine Zauberei, eine Verzauberung des Alltäglichen. Ein Mitsein, Mitschwingen. Anhalten der Seele.

Ich habe gewartet, dass Yann das Signal zum Aufbruch gibt. Er saß ja schon im Buggy, startbereit wir beide. Aus meinem Warten wurde ein Hinsehen zum Spiel der Kinder. Erst sah ich sie nur um die Platte laufen und mit dem Ball hantieren, dann verstand ich die Spielregeln. Und verfolgte ihr Spiel und die Varianten, die ihnen einfielen. Ich bekam zu jedem der vier Kinder eine immer deutlichere Wahrnehmung, erlebte ihre Individualität, ihre Stimmen, ihr Aussehen, ihre Aktionen. Aus meinem Warten wurde ein Schauen: das Fenster öffnete sich, ich sah in das Leben.

Wir zottelten dann weiter. An der Straßenbaustelle arbeiteten und lärmten der große Bagger und der kleinen Kipper. Der Bagger rumorte, kratzte den Sand zusammen, packte ihn und übergab ihn dem Kipper. Der fuhr nach sechs Einladungen zum Sandhaufen einige Ellen weiter hinten und kippte ab. Rückwärts weg vom Bagger, umdrehen, vorwärts zum Sandhaufen und zurück. Wir haben zig mal dieses Ritual der beiden erlebt. Schauen eben.

Auf dem Weg nach Hause war ich im Schaumodus. Ich schaute in die Welt und sog alles rechts und links auf. Zum Schauen muss ich nicht stehen bleiben, Schauen geht auch dann, wenn ich mich bewege. Es ist die Bewusstheit, die große Aufmerksamkeit. Die Achtsamkeit.

Überall möglich. Das Schauen wartet. Einen Tag später setze ich mich auf eine Bank in den Feldern, die ich beim Joggen entdeckt habe. Ich sitze dort so für mich hin und schaue. In die Abendwolken. Geschenk des Lebens.

Montag, 7. September 2020

Dank und Willkommen






Im Rückblick auf zwei Monate Sommerzeit habe ich zig große und kleine Begebenheiten vor Augen. Es ist ein feines Gewebe voller Bilder. Dies alles fließt in der Rückschau dahin wie ein großer Strom. Ich kann überall anhalten und mich an dies und das ranzoomen, an alles, was da in meiner gelebten Zeit so kreuchte und fleuchte. Die Vergangenheit ist ein weites Land hinter einem großen Tor, dem Jetzt-Tor.

Gehört das alles mir? Gehört das alles zu mir? Macht mich meine Vergangenheit aus? In wie viel Resonanz bin ich mit meiner Vergangenheit? Wer bestimmt hier die Auswahl und das Maß der Erinnerung? Bin ich das selbst oder gibt es da etwas, das mir die Bilder und Szenen vorlegt? Wie viel Selbstbestimmung habe ich im Umgang mit der Vergangenheit?

Na ja, ich muss mir solche Fragen nicht stellen. Ich kann all das, was geschehen ist, auch einfach geschehen sein lassen, sich in mir ausbreiten oder wegbreiten lassen, mal hier etwas merken, mal dort etwas nicht merken. Einfach fließen lassen, so wie es kommt. "Passt schon" sagen zum Vergangenheitswirbel in mir.

Beim Schreiben eines Posts, also jetzt, suche ich mir aus der riesigen Vielfalt meiner Erlebnisse irgendetwas heraus, über das ich schreiben will. Ich konzentriere mich und habe dann dieses oder jenes im Blick, hole es heran, drehe und wende es, und lass meine Gedanken drumrumlaufen. Und das, was dann da so läuft, tippe ich in die Tastatur und es wird der neue Post.

Die Geschehnisse des heutigen Tages: viel, sehr viel. Wie immer, jeder Tag hat ja seine 24 Stunden, zwei Drittel davon bin ich wach und ströme wach so in der Zeit dahin. Wo will ich anhalten – was spricht mich in der Rückschau an? So an, dass ich es als Einstieg für meine Zeilen nehmen kann? So dass sich daraus ein Thema ergibt, irgendwie mit Amicationsgedanken verspinnbar?

Von den Tausend Heutebildern will ich aber keins für ein Nachsinnen nehmen. Ich sinne ja gern nach und ich sinne gut nach. Aber heute: da lasse ich die Zeitbilder nur kommen und bespinne sie nicht. Aber ich will bei einigen anhalten, sie zeigen, mitteilen, was mir meine Lebenszeit heute so geboten hat:

Die Zweijährige, die von ihrer Mutter an die Hand genommen wurde, als ich langsam mit dem Auto vorbeifuhr.
Der Waldboden voller Blaubeerbüsche, als ich nach Pilzen Ausschau hielt.
Der Briefkasten, zu dem ich mit dem Rad gefahren bin.
Das Knäckebrot, herrlich mit Käse bedeckt, zwischendurch verspeist.
Der kalte Wind am Badesee, der ein "lieber heute nicht" entschieden hat.
Die junge Reiterin im Wald und unser freundlicher kurzer Gruß und unser Lächeln.
Der Schwarzspecht, wie er vor mir herfliegt und am Kiefernstamm landet.
Das Kartoffelfeld, an dem ich auf meiner Radrunde vorbeifahre, erntefertig, Kraut und Blätter sind dahin, es geht um die goldenen Erdfrüchte.
Das neue Familien-Baugebiet in meinem Dorf, das auch an meiner Radrunde liegt: was macht das mit den Menschen, die bisher an dem freien Feld wohnen?
Der Tankdeckel von meinem Auto, als ich tanke: Kleines Teil, das ich immer wieder in der Hand habe.
Das Dynamo von meinem Fahrrad: ausprobiert, ob das Licht geht, ja es geht, vorn und hinten, und wieder abgeschaltet, weil es sich so schöner fährt.
Eine Mücke an der Wand, aber ich bin gut drauf und bringe sie mit Glas und Postkarte aus dem Fenster.

Endlos, diese Bilder des Tages. Sie lassen sich ja nicht vermeiden, wir leben in der Dimension der Zeit. Aber all diese Dinge da draußen vor mir sind ja auch in mir entstanden. Und in Resonanz zu all dem, was sich in mir im Laufe der vielen Jahre meines Lebens verdichtet hat. Dank und Willkommen Euch allen!



Montag, 29. Juni 2020

Sommerpause







Auch in diesem Sommer gibt es eine Pause in meinem Blog. Ich schreibe also keine neuen Posts, und Anfang September geht es weiter. Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sommer!




Montag, 22. Juni 2020

Raum geben







Ich bin mit dem Auto unterwegs. Vor mir, in der Tempo-30-Zone, fahren zwei Jungen (8) mit ihren Tretrollern auf der Fahrbahn: Sie gehören auf den Bürgersteig, schon klar. Tun sie aber nicht, auch klar. Ich kann sie von der Straße scheuchen, ein kurzes Antuten reicht, wieder klar. Tu ich aber nicht.

Ich lass sie in Ruhe vor mir herfahren, halte so viel Abstand, dass sie merken, dass ich sie lasse. Es dauert ja auch nicht lange, nach einer halben Minute sind sie in einer Einfahrt verschwunden.

Ich habe ihnen Raum gegeben. Muss ich nicht machen, kann ich machen. Großer Bogen: Merke ich, wenn mir das Leben Raum gibt? Muss es ja nicht machen, kann es aber machen. Die Jungen haben mein Raum-Geben gemerkt. Ich war schon ungewöhnlich, ein Autofahrer macht so etwas nicht, er bringt Rollerkinder auf Vordermann, auf den Bürgersteig. Merke ich, wann mir das Leben Raum gibt?

Aber was heißt schon das Leben! Es sind die Umstände, der Tag, das Wetter, die Leute rechts und links, die Nahen und die Fernen. Ich sehe auf meiner Radtour 15 Pferde auf einer Koppel. Sie haben Platz. Raum. Hat der Bauer ihnen Raum gegeben? Ich komme am Reiterhof vorbei, die Pferde dort stehen einzeln in ihre Boxen. Kleiner Raum. Auch Raum gegeben? Merken Pferde so etwas? Klar, eine große Koppel ist etwas anders als eine kleine Box.

Auf welcher Koppel bin ich unterwegs? In welcher Box stehe ich? Ein Pferd muss nehmen, was kommt. Ich aber kann dran drehen! Die Jungen müssen auch nehmen was kommt: Der übliche Autofahrer, was Bürgersteig heißt. Oder ein Alien-Autofahrer, was Straße heißt. Ist mein Leben ein üblicher Raumgeber oder ein Alien-Raumgeber? Na ja, das Leben findet statt, macht sein Ding, egal, wer ich bin und was ich davon halte. Ich bin aber derjenige, der die Raumgröße definiert. Wobei man sich alles superschönreden kann: Raum ist in der kleinsten Hütte... Ist die Kabine in der ISS groß oder klein? Die Weiten des Weltalls... Im Frühtau zu Berge: Wanderweite Wälder und Höhen... Gelassenheiten und Aufgeregtheiten ... Die Raumgeschichte ist ein weites Feld. Bei jedem neuen Geburtstag kann ich den Raum sehen, den ich hatte, ein Jahr lang. Und jeden Abend, Tag für Tag, kann ich sehen: wie viel Raum!

Wenn die Kinder beim Anziehen nicht in die Gänge kommen: Ich kann zuwarten - ich kann Tempo machen. Wie viel Raumgeben hat in mir Platz? Kommt drauf an - auf alles, den Tag, die Umstände, die Stimmung, die Pläne, was weiß ich. Eins aber ist klar: Raumgeben ist erhebend, ist eine freudvolle Angelegenheit. Wie ich die beiden Kinder vor mir auf ihren Rollern sehe: es tut einfach gut, sie nicht zu stören. Ich bin gern ein Raumgeber, wenn ich denn ein Raumgeber grad sein kann.





Montag, 15. Juni 2020

Pädagogisches Tabu







Ich will mal wieder etwas Grundsätzliches schreiben, etwas aus dem Großen Nachdenken. Aber eigentlich ist ja alles gesagt...hier kommt das Pädagogische Tabu.*

*

Wie kommt es, dass wir uns die Frage nach der Selbstverantwortung des Kindes nicht stellen? Die einfachste Antwort darauf ist, dass es eben eine völlig sinnlose Frage ist. Denn da Kinder nicht Verantwortung für sich übernehmen können, braucht man auch nicht danach zu fragen. Ja, eine Frage danach wäre ein unsinniger Gedanke, so, wie wenn man etwas sieht, das gar nicht existiert.

Diese Antwort wird uns von dem traditionellen Umgang mit Kindern gegeben und von der zugehörigen Wissenschaft, der Pädagogik. Es ist so, dass sich diese Lehre vom Umgang mit Kindern auf Sätzen wie diesen aufbaut: "Kinder können nicht wissen, was für sie gut ist." "Kinder können keine Verantwortung für sich übernehmen." "Erwachsene tragen für Kinder die Verantwortung." Man schiebt dann ein "noch" ein: Die Kinder können es noch nicht. Erst, wenn sie gelernt haben, selbstverantwortlich zu sein, erst wenn sie reif genug und erwachsen sind, werden sie selbstverantwortliche Menschen sein können.

Die traditionelle Haltung ist von einem Tabu geprägt: "Erkenne nicht die Fähigkeit des jungen Menschen, Verantwortung für sich übernehmen zu können." Es ist wie mit einem Bann belegt, dies zu bemerken und darüber nachzudenken. Wie entstand das pädagogische Tabu? Wie konnte es geschehen, dass den Erwachsenen die Selbstverantwortungsfähigkeit des jungen Menschen in Vergessenheit geriet?

Nun, der Umgang mit Kindern ist tief in einer Haltung verwurzelt, in der Menschen sich berechtigt fühlen, über andere Menschen Herrschaft auszuüben. Die Position, die Kindern die eigene Verantwortung abspricht und stattdessen Erwachsenen die Verantwortung zuspricht kommt aus dieser Herrschaftstradition, aus dem jahrtausendealten Patriarchat.

Wenn man andere unterwerfen will, dann ist es die sicherste Methode, wenn diese selbst daran glauben, dass es für sie richtig ist, beherrscht zu werden. Und genau so wird mit uns verfahren. Als Kinder bekommen wir unser ganzes Kinderleben lang gezeigt, dass es unumgänglich ist, wenn andere - Erwachsene - uns führen, über uns bestimmen, sich für uns verantwortlich fühlen, uns die Verantwortung abnehmen. "Zu unserem eigenen Besten."

Das pädagogische Tabu wird von den Erwachsenen nicht gespürt, die ein erzieherisches Selbstverständnis und einen pädagogischen Anspruch haben. Sie sind erfüllt von dem "Ich weiß, was für Kinder gut ist", sie fühlen sich für die Kinder verantwortlich und bestimmen über sie "zu ihrem Besten". Sie verstehen deswegen zunächst nicht, wovon die Rede ist, wenn man die Selbstverantwortung des Kindes ins Gespräch bringt.

Es gibt dann entrüstete Proteste. Wie stets, wenn man an ein Tabu rührt. "Sie wollen damit doch nur provozieren, auf Kosten der Kinder." Diese Erwachsenen haben ihr Zusammenleben mit Kindern an diesem Tabu ausgerichtet, und sie fühlen sich tatsächlich verantwortlich für Kinder. Lassen sie sich dennoch gewinnen? Gewinnen womit? Enttabuisierung ist ein schmerzlicher Prozess. Man muss ja etwas aufgeben, was bisher unverrückbar zum Selbstverständnis und Weltbild gehört. Es stürzt etwas ein - wie wird das Neue sein? Es muss eine sinnvolle und befriedigende Alternative geben.



* "Eigentlich ist ja alles gesagt": Der Text über das Pädagogische Tabu war am 29.11.16 im Blog. Geschrieben habe ich ihn für mein Buch "Kinder der Morgenröte", das 2004 erschien. (Seite 26 ff.)

Montag, 8. Juni 2020

Uhuoka







Ich habe Tagebücher aus der Zeit durchgeblättert, als unserer Kinder klein waren. Da steht einmal über unseren Dreijährigen: "Er spielt sehr fantasievoll - er stellt sich Dinge vor, mit denen er spielt, z.B. pflückt er eine imaginäre Möhre und füttert damit einen imaginären Hasen." Tja, fantasievoll, imaginär... Ich habe damals Fantasiegteschichten für die Kinder geschrieben. Hier ist eine, "Uhuoka":

*

Der rosa Wasserfall hielt die Luft an. Wieso kamen die grünen Steine erst jetzt? Es war verabredet, dass sie viertel nach Sonnenbeuge eintreffen sollten. Er wusste, dass es gleich schrecklichen Ärger geben würde. Die drei grünen Halme, die auf die grünen Steine warteten, stiegen steil hoch, legten sich über das Rollbund und sandten grelle Blitze aus. Der rosa Wasserfall merkte, dass er wärmer wurde, dass an einigen Stellen bereits sein Wasser verdampfte. Er sandte Hilferufe zum großen Rosasee, oberhalb der Baumgrume.

Der See nickte. Natürlich, die grünen Steine. Sie hatten sich wieder bei Uhuoka aufgehalten, dem Lehmmolch. Es war schon öfter vorgekommen, dass sie dort so lange gewürfelt hatten, bis das gesamte Wasser des Wasserfalls durch den Zorn der grünen Grashalme zu den Wolken verdampft war. Mit der Folge, dass die Erdfurche, für die sie alle gemeinsam sorgen mussten, abrutschte. Aber diesmal sollte es nicht soweit kommen, er würde schon dafür sorgen. Seufzend sandte der Rosasee seine Wasserkäfer los. Sie zogen riesige Wassermassen zum Wasserfall, und das Verdampfen wurde weniger und hörte ganz auf.

Die drei grünen Halme machten eine Pause, und sie riefen die grünen Steine. Endlich kamen sie, voller Lehm, mit dem nächsten großen Wasserstoß. Vierzehn Wasserkäfer schoben sie vor sich her. Der rosa Wasserfall entspannte sich. Es ging gerade noch. Die drei Halme saugten die Steine auf, das Grün der Ebene wurde greller und greller. Plötzlich - aber der Wasserfall war darauf vorbereitet, da er davon wusste - kippte die Farbe in dunkles Lila um, und mit gewaltigem Donnern begann sich die Ebene zu drehen.

Der Spalt, der durch die Drehung der Ebene frei wurde, quoll über von fettigen langen weißen Geschöpfen, die Lieder sangen. Lieder, die wunderschön klangen und die er, der rosa Wasserfall, nicht genug hören konnte. Wenn diese Líederwesen nur nicht so fettig gewesen wären. Die Ebene kam mit einem letzten Donnern zum Stillstand, und aus dem jetzt breiten Spalt glitt Uhuoka, der Lehmmolch. "Wer kennt mich nícht?" schrie er in die lila Ebene. Er rief es dreimal, und dann verschwand er wieder im Spalt. Die Liederwesen krochen hinter ihm her, die Ebene drehte sich zurück, der Himmel wurde lila, dann grün. Der Wasserfall berührte die grünen Steine, und sie ließen sich mit dem rosa Wasser fortspülen.

Aber heute hatte Uhuoka noch eine besondere Aufgabe zu erledigen. Er klopfte bei den drei grünen Halmen an. Sie ließen ihn eintreten, und Uhuoka übergab dem rosa Wasserfall eine silberne Muschel. Die Muschel schillerte. Sie öffnete sich und die drei grünen Halme legten sich in ihre Mitte. Uhuoka setzte sich auf die Muschel, und mit der rosa Gischt des Wasserfalls herumgewirbelt stürzten sie die wilde Schlucht hinab. Während sie stürzten, rief die Erdfurche ihre Namen. Ihr Flug wurde langsamer, und sie glitten über die Wellen des Rosasees. Uhuoka klatschte begeistert und die silberne Muschel nickte.




Montag, 1. Juni 2020

Vom Umsiedeln in den Großraum Positiv







Zu Pfingsten will ich etwas Besonderes in den Blog stellen, habe aber keine Zeit zum Schreiben. Also suche ich einem schönen früheren Text, pfingstgerecht soll er sein. Ich finde diesen hier*:

Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es lässt sich rasch überlegen, dass es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, dass es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluss zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Wir gehören uns selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Es gibt die Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es gibt die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, dass das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie lässt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es passt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Misstrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich lass mir das nicht schlechtreden - ich lass mich nicht mehr schlechtreden“. Man muss ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flussfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewissheit, dass alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Dass alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Grundidee: diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.


*  Post vom 25.2.17





Montag, 25. Mai 2020

Unbesorgt

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Bin ich besorgt? Bin ich unbesorgt? Corona lässt diese Frage an mich ranschwappen. Man kann mit dem Virus besorgt oder unbesorgt umgehen. Besorgt ist klar, das war die ganze Zeit so. Unbesorgt ist neu, jedenfalls dass so viele neuerdings Corona abtun und runterspielen. Bergamo gabs nicht? New York auch nicht? Brasilien? Wenn ich beim Einkaufen bin, sehe ich die Leute schon besorgt. Sie sind nicht ängstlich, sie sind umsichtig.

Aber zu "Unbesorgt": Ich habe mir den Zuruf "Sei unbesorgt!" mal vorgenommen und spüre ihm nach. Ein schöner Spruch! Ich denke ihn groß: "Sei unbesorgt!", sagt das Leben zu mir. Ein richtiger Wohlfühlspruch. Schönreden wird alltagstauglich. Es ist so ein Glanz dabei, eine Freude.

Wo das "Sei unbesorgt!" aber auch alles passt! Wenn ich mit dem Rad losfahre: es wird keine Panne geben. Ich lass das dann mal, dieses "Es könnte aber doch passieren". Ja, könnte. Ja, passieren. Ich habe Flickzeug dabei, es beruhigt. Ich bin unbesorgt unterwegs und habe auch mein Flickzeug dabei. Beides geht. Unbesorgt mit Mundschutz.

Passieren kann jede Menge. Großkrank, Unfall, Garnichtgut, Schlamassel bei den Lieben, was weiß ich. Das lässt sich ja nicht ausblenden. Ich habe mal wieder, wie immer, die Wahl, durch welche Lebenstür ich gehen will: durch die Besorgt-Tür oder durch die Unbesorgt-Tür. Wer sagt, was ich tun soll, wer drängelt? Ich bin mein eigener Chef, und ich gehe zum "Sei unbesorgt!" Das mache ich nicht so, dass ich realitätsfremd werde, das mache ich mit Augenzwinkern. Ich weiß schon, was da alles lauert, aber das darf es auch. "Ist schon gut."

Ich hätte gern dieses und jenes. Was nicht passiert. Lottogewinn... Ja, da könnte ich drüber grummeln und betrübt sein. Aber so ein fröhliches "Sei unbesorgt!" ist doch einfach besser.

Corona: Ich bin da unbesorgt. Aber ich bin handfest unbesorgt, mit Mundschutz und Abstand und Händewaschen. Die Unbesorgtheit von so einigen der Coronaszene finde ich einfach nur leichtsinnig. Unbesorgt ist etwas Achtsames und Mächtiges. Kann aber umkippen in "Mir doch egal", Leichtsinn eben, oder Borniertheit. Nicht mein Ding. Ich passe schon auf, wo ich mir "Sei unbesorgt!" zurufe. "Sei unbesorgt", sage ich zum Unbesorgt, "ich mache das schon richtig." "Wirst Du", sagt Unbesorgt zu mir.














Montag, 18. Mai 2020

Die Leiter im Kirschbaum






Mitten aus meinem Vortrag:


Ich zeige Ihnen einen kleinen Film. So, Licht aus, Film ab. Sie sehen eine Leiter im Kirschbaum, 20 Sprossen. 10 Dreijährige kommen zur Leiter, mit ihren Müttern. Die Kinder fangen an, die Leiter hochzuklettern. Die Mütter reagieren unterschiedlich. Die eine holt ihr Kind bei Sprosse 3 von der Leiter, die andere bei Sprosse 5, die dritte lässt es bis nach oben klettern und die vierte nimmt die Leiter weg. Also unterschiedliche Reaktionen.

Nächste Szene: Derselbe Kirschbaum, dieselbe Leiter. Aber 10 andere Dreijährige, andere Mütter. Aber dieselben Reaktionen wie vorhin: die Mütter holen ihre Kinder von der Leiter bei Sprosse 3 oder 5, oder nicht, eine schleppt die Leiter weg.

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Die Müttergruppen sind unterschiedlich: die einen fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich, haben also ein Verantwortungsgefühl – die andern nicht. Frage an Sie: Welche Müttergruppe hat ein Verantwortungsgefühl, die erste oder die zweite? Das können Sie nicht erkennen, denn die Handlungen sind dieselben. Sie können es erst erkennen, wenn Sie diese besondere Brille aufsetzen, die ich Ihnen jetzt gebe. Und ich Ihnen die beiden Filme noch einmal zeige.

Brille auf, Film ab. Sehen Sie jetzt bei der ersten Müttergruppe einmal zu den Herzen der Mütter. Sie erkennen mit Hilfe der Brille, dass Strahlen aus den Herzen herauskommen. Viele. Rote, blaue, grüne, gelbe, alle möglichen. Das sind Gefühle, die mit Hilfe Ihrer psychologischen Erkenntnisbrille sichtbar werden. Um besser sehen zu können, halten wir den Film jetzt an und machen ein Standbild. Schauen Sie zu den roten Strahlen. Rote Strahlen sind Ausdruck der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Vergleichen sie die Mütter. Die Mütter lieben ihre Kinder unterschiedlich stark. Wir können nachmessen. Die eine Mutter liebt ihr Kind 45 Zentimeter, die andere 3 Meter achtzig, die dritte 15 Meter und so weiter.

Jetzt schauen sie nach den grüngelben Strahlen. Im Handbuch für Gefühle können Sie nachlesen: Grüngelb seht für das Verantwortungsgefühl. Sie erkennen, dass die Mütter sich unterschiedlich stark für ihre Kinder verantwortlich fühlen. Die eine Mutter 1 Meter zwanzig, die andere 6 Meter siebzehn, die dritte 18 Meter und so weiter. Sie haben aber alle bei aller Unterschiedlichkeit grüngelbe Strahlen, sie fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich. Wir wissen also: Die erste Müttergruppe ist die Gruppe mit dem Verantwortungsgefühl für Kinder. „Ich fühle mich für Dich verantwortlich.“

*

Film weiter, zweite Müttergruppe. Anhalten, wieder ein Standbild. Schauen Sie sich bitte die zweite Müttergruppe an. Sie sehen wie bei der ersten Gruppe viele bunte Gefühlsstrahlen aus den Herzen kommen. Alle Mütter haben wie eben rote Strahlen, sie lieben ihre Kinder, unterschiedlich intensiv wie eben. Halten Sie nun nach den grüngelben Strahlen Ausschau. Sie finden nichts? Nehmen sie die Lupe! Wir vergrößern. Wieder nichts? Ja, sie können auch nichts finden, denn diese Mütter haben ein anders gebautes Herz als die Mütter eben. Sie haben kein Grüngelb! Alle Mütter der zweiten Gruppe tragen kein! Verantwortungsgefühl in sich. Sie fühlen sich nicht für ihre Kinder verantwortlich. Die Mütter unterscheiden sich nicht im Handeln – aber in der Gefühlswelt. „Ich fühle mich nicht für Dich verantwortlich“.Warum? Weil diese Mütter wissen: Ein jeder Mensch, und sei er noch so klein, ist für sich selbst verantwortlich, und ein "Ich bin für Dich verantwortlich" ist für sie eine Anmaßung, die sie nicht in sich tragen.

Bei der zweiten Müttergruppe können Sie aber Gefühlsstrahlen erkennen, die bei der ersten Müttergruppe nicht zu finden sind. Sehen Sie das Orangeviolett? Alle Mütter haben diesen orangevioletten Gefühlsstrahl. Unterschiedlich intensiv, die eine 2 Meter zehn, die zweite 5 Meter dreißig, die dritte 19 Meter achtzig und so weiter. Was ist das für ein Gefühl? Im Handbuch für Gefühle finden Sie die Antwort: „Würdekronen-Achtungsgefühl“. Darunter steht eine längere Erklärung, es wird auf meinen Vortrag verwiesen, auf die Gleichwertigkeit und die Selbstverantwortung der Kinder. Und auf den Indianer und den Büffel. Da steht: „Orangeviolett ist ein spezielles Gleichwertigkeitsgefühl, das an die Stelle des Verantwortungsgefühls tritt“.

*

Die Gleichwertigkeit, von der ich spreche, ist also ein psychologisch Ding. Als Erwachsener fühle ich die Gleichwertigkeit zu Kindern. Menschen können dieses Gefühl in sich haben oder nicht. Ich habe es in mir. Mit Ihrer Brille können Sie erkennen, wie es orangeviolett aus meinem Herzen kommt. Aber Sie werden grüngelb, das Verantwortungsgefühl, nicht finden.

Gibt es so etwas, dass Menschen unterschiedliche Gefühle haben? Das ist banal. Der eine hasst, der andere liebt. Und Gefühle können sich ändern, aus Hass kann Liebe werden. Das Verantwortungsgefühl kann weniger werden und gänzlich gehen, und gleichzeitig kann das Gleichwertigkeitsgefühl wachsen und wachsen und das Verantwortungsgefühl ablösen. Oder das Gleichwertigkeitsgefühl ist da und war verdeckt und kommt nun heraus. Oder hat heimlich gestrahlt. Wie auch immer.

Das Gleichwertigkeitsgefühl macht mich nicht hilflos und handlungsunfähig. Das Kind kann nicht in die Steckdose fassen, die Kuh ist tot und der Büffel auch. Aber bei meinem Handeln schwingt nicht ein Oben-Unten mit. Sondern? Das jedenfalls nicht! Es schwingt ein anderes Gefühl mit, das gleichwertig daherkommt. Ich nenne es das Gleichwertigkeitsgefühl oder das Würdekronen-Achtungsgefühl. Es kommt aus einem Gefühlsland, das jenseits jeglicher Erziehung, Mission, Vormundschaftlichkeit und so weiter existiert.



































Montag, 11. Mai 2020

Gehtnicht und Gehtdoch







Wenn man mit Kindern unterwegs ist, gibt es viele Dinge, die nicht gehen, die einfach nicht gehen. Wobei schon klar ist, was die Kinder gern hätten und was sie wollen, wo es aber offensichtlich nicht geht. Wo noch nicht einmal drüber nachgedacht wird, ob es nicht doch gehen könnte. Also Alltäglichkeiten wie: noch ein Eis, noch mal zurück, hier abbiegen, Überraschungsei, jetzt zum Zoo, im Heizkeller spielen, den Hamster draußen laufen lassen. Was weiß ich. Wo das Gehtnicht über dem Gehtdoch thront.

*

Gestern hatte ich mich mit meinem Sohn Felix zu einem Waldgang mit seinen beiden Kindern Klara (8) und Kolja (6), meinen Enkelkindern, verabredet. Da standen aber zwei "Das geht nicht" davor: Zweieinhalb Stunden mit dem Auto hinfahren, zweieinhalb Stunden zurückfahren: für einen Spaziergang? Völlig unverhältnismäßig plus Ökosau! Außerdem Corona: Lässt sich das einhalten mit den Kindern, die anderthalb Meter Abstand, wenn man draußen unterwegs ist? Felix und ich befanden: Das geht! Wir hatten uns coronamäßig acht Wochen nicht gesehen, das wog die Fahrerei auf. Und das mit dem Abstand würden wir schon hinkriegen.

Jedenfalls trafen wir uns. Superwetter. Bevor es losging: "Ich kann nicht auftreten " Klara humpelte barfuß aus Felix Auto und konnte mit rechts nicht mehr richtig auftreten. Aber kein Druckschmerz, also Splitter? Oder vielleicht mit Schuhen? Gehtnicht nahm Witterung auf. "Das wird nichts", dachte ich, "kein Gang in die schöne Mailandschaft. Dann eben Picknick." Gehtnicht feixte. "Einen Versuch könnten wir machen", sagte Felix, "wenns nicht geht, dann gehts nicht." "Genau mein Reden", Gehtnicht war zufrieden. Den Versuch machten wir. Der Versuch wurde länger und länger, barfuß ging es weiter. Gehtdoch war an der Reihe.

Ich hatte Tierli-Kekse mitgebracht. "Die gibts, wenn wir ans Wasser kommen." Gemeint war die Ems, unser Ziel nach einer halben Stunde durch Wald und Feld. Nach drei Minuten: "Hier ist Wasser", Kolja hatte einen Tümpel entdeckt. Kolja sagte nicht Keks, er sagte Wasser, aber war schon klar. Gehtnicht: "Das ist nicht die Ems, jetzt gibts keinen Keks." Aber Gehtdoch rückte den ersten Keks aus Felix Rucksack raus. Mein Sohn war auch klar: Wasser ist Wasser. Und: es gab mehrere Wässerchen bis zum Fluss... Gehtnicht war not amused, Gehtdoch schon.

Ein großer Baum lag über dem Weg. Man konnte sehen, dass es einige Krabbler unten durch geschafft hatten. Gehtnicht wurde nicht gefragt, Kolja war durch. Klara: "Das geht nicht, ich bin größer." Gehtnicht war zufrieden. Felix: "Das schaffst Du." Und Klara schaffte es. Gehtdoch war zufrieden. Felix ließ es sich nicht nehmen, auch drunter durch zu rutschen. Rucksack zuerst. Gehtdoch strahlte.

Noch ein umgefallener Baum, schräg nach oben. Da rauf klettern? Jetzt war Gehtnicht klar: "Das geht nicht, zu gefährlich." Aber rittlings vorschieben und vorschieben: das ging doch! Bis oben hin, ziemlich wackelige Geschichte. Gehtdoch passte auf.

"Wirf uns einen Keks zu", kam es von oben. Ja, dahinten war wieder ein Tümpel zu sehen. "Das klappt nicht", dachte ich. Felix versuchte es. Drei Kekse landeten im Gestrüpp. Gehtnicht war zufrieden. Schöner Mist. "Wart mal", sagte ich. Ich hatte als einziger Schuhe und lange Hose an. "Ich hol sie." "Dorn und Brennnessel", griente Gehtnicht mich an, "das lässt Du schön bleiben!" Wo Gehtnicht recht hat, hat Gehtnicht recht. Egal. Ich da durch. "Seht Ihr einen?" Sahen sie nicht. Aber ich. Alle drei. Geht doch!

Wir wollten zum alten Feuerplatz. Der Sandweg dahin war ein echter Sandweg, sehr sehr staubig. Kolja wollte Schwarzstaubschlange spielen. War dabei, sich in den Sand zu knallen. Gehtnicht blies ins Horn: "Sofort aufstehen!" Kurzer Blick von Felix: "So eine schöne Schlange." Es stiebte und staubte, Kolja war kaum mehr zu sehen, kroch meilenweit im schwarzen Element. Zwei Spaziergänger kamen entgegen, wichen auf den Grasrand aus. "Das wird ja eine schöne Badewanne heute Abend!" Gehtnicht nickte gequält. Gehtdoch las im Schlangenbuch nach: "Schwarzstaubschlange, aha."

Die geplante Spaziergehzeit war lange vorbei. Das Abendessen war verabredet. Zu Hause, ohne mich, wegen Corona. "Wir müssen umdrehen." Aber wir wollten doch zur Ems. Gehtnicht triumphierte: "Keine Ems!" Felix telefonierte per Handy: "Wir kommen später, geht das?" "Nein, bitte lass Katharina nein sagen", hörte ich Gehtnicht. Aber:"Klar, das geht." Ja glaub ichs!

Dahinten war wunderschöner gelber Ginster. "Da will ich hin", sagte Klara. Und der Fluss? "Ha", sagte Gehtnicht, "nix Ginster." Aber eigentlich...Gehtdoch kam so gelbgold daher. Es war wirklich sehr schöner Ginster. Ich machte ein Foto: Ginsterkinder.

"Können wir barfuß durch die Wiese rennen?" "Das Gras ist hoch, die Bienen freuen sich", sagte Gehtnicht, "und die Disteln. Außerdem schmeißen die Leute auch Flaschen in die Wiese, da ist doch alles voller Scherben." Gehtnicht hatte gute Argumente. "Klar könnt Ihr", Felix war klar. Gehtdoch passte auf: kein Bienenstachel im Fuß, keine Scherbe im Fuß.

Matschböschung an der Bevermündung in die Ems. Wir standen auf der Mündungsbrücke und hielten nach Fischen Ausschau. Der Matsch zog Kolja an. Schon war er unten. "Er sollte da nicht rummachen", dachte ich, "wenn er abrutscht, gibt eine Riesenrettungsaktion. Muss ja nicht sein. Obwohl?" "Kein Obwohl!", Gehtnicht redete auf mich ein, "wenn der abrutscht!" Felix hatte die Ruhe weg. Gehtdoch grinste. Kolja, barfuß, kurze Hose: sein rechtes Bein war bis zum Knie wunderschön schlammschwarz. Gehtdoch lachte. Felix: "Da solltest Du Dir das andere Bein auch schwarz machen." Ja gehts noch? Nochmal in die abrutschige Matschböschung? Gehtnicht schrie Alarm. Aber Felix hatte Freude an dem Matschvergnügen von Kolja. Beim Einsauen des zweiten Beins rutschte er tiefer und tiefer. Gehtdoch hielt die Luft an, "Siehst Du", rülpste Gehtnicht. Kolja kam raus und war stolz auf seine schwarzen Beine. "Geht doch!" rief er.

Ratsch – die Kekspackung riss kaputt, die Kekse sausten in den Sand. "Die könnt Ihr vergessen", Gehtnicht war endlich mal dran. "Die sammeln wir ein", sagte Felix. "Die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen", kommentierte ich. Auf dem Sandweg blieb ein bisschen übrig. "Für die Vögel". Gehtdoch schmeckte es.

Die Verlängerungsstunde war rum. Jetzt zügig zu den Autos. Da kamen wir an eine Stelle der Bever, wo ich mit Felix und seinen Freunden früher oft war. Er war so alt wir Klara heute, und es waren immer herrliche Wasserabenteuer. Jedenfalls gingen wir erinnerungsmäßig zum Sandufer von damals, ein Ehrenbesuch. "Kann ich da mal rüber?" Klara peilte das andere Ufer an. 15 Meter weg. "Eh Leute, das Abendessen", Gehtnicht baute sich auf, "außerdem: ist es nicht Sommer, viel zu kalt, außerdem: keine Badesachen dabei, außerdem: keine Handtücher dabei, außerdem." "Eigentlich haben wir doch Zeit". Felix und ich sahen uns an und dachten an früher. Kurz mal ans Handy: "Geht, kein Problem." Gehtnicht fiel in Ohnmacht.

Es war wunderwunderschön. Beide schafften die andere Seite, das Wasser ging bis zum Bauch. Richtiges Wasservergnügen. Zum Abtrocknen gabs T-Shirts. Mehr geht nicht!



Montag, 4. Mai 2020

Zwei Planeten







Auf meinen Vorträgen habe ich viele Sprachbilder, hier kommt das von den zwei Planeten. Ich erzähle:


Sie sitzen auf der Wolke und erfreuen sich Ihrer Entwicklung, plaudern mit dem Klapperstorch. Nach neun Monaten kommt Petrus und sagt: „Es ist so weit. Morgen ist Eure Geburt.“ „Oh prima!“ Alle Babys freuen sich. „Ich muss noch etwas mit Euch besprechen“, sagt Petrus. „Ich habe zwei verschiedene Planeten zur Auswahl. Ihr könnt Euch aussuchen, wo Ihr hinwollt.“ „Erzähl mal“, sagen die Babys. „Also", sagt Petrus, „auf dem einen Planeten gehen die Menschen davon aus, dass Ihr Euch erst in achtzehn Jahren zu vollwertigen Menschen entwickeln werdet. Und damit das auch klappt, erziehen sie Euch. Sie fühlen sich für Euch verantwortlich, für Eure Entwicklung und Menschwerdung. Sie glauben nicht, dass Ihr schon vollwertige Menschen und selbstverantwortlich seid.“

Die Babys sind perplex. „Die meinen im Ernst, dass wir nicht selbst für uns die Verantwortung tragen können? Dass wir keine selbstverantworlichen Wesen sind? Was haben wir denn die neun Monate hier gemacht? Ist das ein – Erziehungsplanet?"

„Auf dem anderen Planeten“, erzählt Petrus weiter, „gehen die Menschen davon aus, dass Ihr selbstverantwortliche Wesen seid. Dass Ihr Souveränsein in den neun Monaten Eurer Entwicklung gelernt habt und als voll ausgebildete Selbstverantworter auf die Welt kommt. Sie wissen natürlich, dass Ihr immer nur von Eurem jeweiligen Wissen ausgehen könnt. Dass ihr Erwachsenenwissen und Euer Babywissen verschieden sind, dürfte wohl klar sein. Und deswegen wird es vieles geben, wo sie und Ihr zu unterschiedlichen Einschätzungen und Entscheidungen kommt. Sie werden bei vielem, was Euch wichtig ist, nicht mitmachen und Euch daran hindern, es zu tun. Aber sie stellen dabei niemals in Frage, dass Ihr diese Fähigkeit zur Selbstverantwortung habt, von Anfang an. Es ist ein Souveränitätsplanet. Ihr könnt entscheiden, auf welchen Planeten Ihr kommen wollt.“

Ich sitze mit meinen Freunden im Kreis und wir haben Petrus zugehört. „Also, ich will zu dem zweiten Planeten“, sage ich. Alle anderen Babys wollen das auch, niemand will zum Erziehungsplaneten. Wir sind uns einig, dass es voll daneben ist, in einer Erziehungswelt aufzuwachsen. Wir wollen zum Souveränitätsplaneten.

Petrus druckst herum. „Tja, ich habe erwartet, dass Ihr so reagiert. Nur leider gibt es den zweiten Planeten nicht in erreichbarer Nähe. Ihr versteht schon: kulturelle Zeitverschiebung. Den gibt es erst in 100 Jahren wieder. Aber ich habe ein paar Eltern, die das jetzt schon so sehen wie in 100 Jahren. Ich schau mal, wie viele freie Plätze ich habe...“




Montag, 27. April 2020

Wieder Schule







Coronamäßig sollen die Kinder demnächst ja wieder in die Schule gehen. Ob das eine gute Idee ist, wird sich zeigen. Ob Kinder überhaupt in der Schule gut aufgehoben sind, wenn Erwachsene sie dort bilden, formen und erziehen wollen? Dazu habe ich ja nun seit Jahr und Tag meine eigene Meinung. Hier ein Text darüber aus meiner Schatzkiste. Es geht um meine ersten Begegnungen mit der fremden Art "Schulkinder".

 *

Kann ich die Verantwortung für die Kinder übernehmen? Eltern sind für alles und jedes verantwortlich, richtige Ernährung, richtige Kleidung, alles. Als Lehrer bin ich nicht für alles verantwortlich, sondern nur für das Oberstübchen der Kinder, für ihre geistige Entwicklung. Und per Sport auch ein bisschen für ihren Körper. Ich werde also für die Kinder in Bezug auf ihre geistige Entwicklung verantwortlich sein.

Den Haken hier zu setzen war eigentlich ganz einfach. „Kann ich Verantwortung?“, habe ich mich gefragt. Wofür wird man denn Lehrer? Damit in den Kopf der Kinder das reinkommt, was rein gehört. Aber es war nicht ganz einfach. Es war überhaupt nicht einfach. Es gab einen Widerstand. In mir. Bin ich wirklich für die Kinder verantwortlich? Habe ich zu entscheiden, was in ihrem Kopf sein soll? Haben Erwachsene das überhaupt zu entscheiden? Eltern für ihre Kinder? Lehrer für die Kinder? Ja doch, Eltern und Lehrer lieben Kinder und sind für sie verantwortlich. Aber so ging das nicht. Es gab einen unerklärlichen Widerstand in mir.

Da habe ich die Kinder gefragt, beim nächsten Unterrichtsbesuch, in der Pause. „Soll ich für Euch die Verantwortung übernehmen? Für eure geistige Entwicklung? Und ein bisschen auch für eure körperliche und allgemeine Entwicklung, sozial und so?“ Die Kinder sind solche Fragen von Erwachsenen nicht gewohnt. Sie sahen mich seltsam an und rannten weg. Ich habe sie mir dann gepackt, und sie mussten antworten.

„Willst Du eine ehrliche Antwort?“ „Na klar.“ „Wirklich?“ „Ja.“ Und dann kam es: „Okay, wenn Du es wissen willst: Du hast sie wohl nicht alle! Du bist doch nicht für uns verantwortlich. Sowieso nicht und auch nicht für unseren geistige Entwicklung. Wir gehören uns selbst, nicht den Erwachsenen, nicht den Eltern, nicht der Schule, nicht den Lehrern, nicht der Gesellschaft noch sonst wem. Wir gehören uns! Lass den Unsinn, Dich für uns verantwortlich zu fühlen. Wir gehören uns selbst und sind selbst für uns verantwortlich! Du bist nicht für uns verantwortlich!“.

Peng! Da stand ich da. Klare Antwort: Ich bin nicht für Kinder verantwortlich. Also kein Haken an die Verantwortung. Nun ja, man redet nicht so mit Kindern, ich habe sie ja nicht wirklich gefragt. Ich habe mir die Kinder angesehen bei den Unterrichtsbesuchen und mir selbst diese Frage vorgelegt, diese Frage nach der Verantwortung für Kinder. Und in mir selbst die Antwort gehört. Diese Antwort: „Du bist nicht für jemanden verantwortlich, der das selbst ist. So etwas ist herabsetzend, entmündigend und demütigend.“ Ich war in Resonanz geraten mit einem Wissen, das in mir aufstieg, einem Wissen aus meiner eigenen Kindheit.







Montag, 20. April 2020

Am Mississippi







Bei der Durchsicht meiner CD "Amication live"* bleibe ich bei einer Passage hängen. Ich hielt damals einen Vortrag vor angehenden Erzieherinnen und wollte ihnen klar machen, dass es verschiedene Menschenbilder gibt. Es sollte später um das pädagogische und das nichtpädagogische Bild vom Kind gehen. Um ihnen die Sache mit den Menschenbildern nahe zu bringen, sprach ich erst einmal über zwei Bilder, die sie kannten: Über das Bild vom Afrikaner als einem den Weißen gleichwertigen Menschen. Und über das Bild vom Afrikaner als einem den  Weißen nicht gleichwertigen Menschen. Sie wußten natürlich, dass Schwarze früher als Sklaven gehalten wurden und dass da keine Gleichwertigkeit im Spiel war. An diese überholte Sichweise von damals konnte ich anknüpfen. Hier die Passage:

   "Welche Bilder hat man denn vom Nächsten, vom anderen? Wo kommen diese Bilder her? Sie sind in der eigenen Biographie entstanden, in der eigenen Kindheit. Zum Beispiel: ob schwarze Leute richtige Menschen sind oder ob die nicht besser Sklaven sind und Nigger. Nun stellt Euch vor, Ihr wärt am Mississippi groß geworden vor 200 Jahren. Da würden Euch Eure Eltern erzählt haben, Eure Verwandten und Bekannten und Freunde, dass die Schwarzen gar keine richtigen Menschen sind. Und das glaubt man dann ja auch, weil alle das erzählen. Und wenn man so mit den Schwarzen zu tun hat, den Sklaven auf der Farm, dann weiß man als kleines Kind, als mittleres Kind, als großes Kind, als Erwachsener, dass man es mit fast richtigen Menschen zu tun hat. Aber die ganz richtigen Menschen, die zum Beispiel auch politische Rechte haben, die spricht man anders an und die sind weiß. Und keiner der Famersleute da unten am Mississippi kommt auf die Idee, dass man Unrecht tut, wenn man sie mit der Peitsche schlägt oder wenn man sie verkauft. Denn Schwarze sind keine richtigen Menschen. Das ist das Bild, das sie dort am Mississippi im Herzen tragen."

   "Dann kann es passieren, dass Ihr mit zwanzig Jahren nach New York müsst um die Baumwolle zu verkaufen. Für Eure Eltern, die gerade nicht reisen können. Und Ihr kommt mit Bürgerrechtlern ins Gespräch. Große Diskussion, und die Bürgerrechtler in New York erzählen, dass die Schwarzen doch richtige Menschen sind. Dann seid Ihr verwirrt und fangt zum ersten Mal an, richtig darüber nachzudenken. Und fahrt nach Hause und seht die Schwarzen auf Eurer Farm mit anderen Augen, mit anderem Herzen. Ein anderes Bild. Und vielleicht ändert sich dann ganz viel."

Im weiteren Verlauf des Vormittags an der Fachschule erzähle ich dann von den zwei Bildern, die es von Kindern gibt. Dem erzieherischen, mit dem sie groß geworden sind und das sie in sich tragen. Und von dem anderen Bild, dem Bild von Kindern als Wesen, die schon richtige Menschen sind und die nicht erst per Erziehung dazu gemacht werden müssen. Zwei Bilder wie in New York. Und die Studentinnen fahren nach Hause und sehen die Kinder mit anderen Augen, mit anderem Herzen. Ein anderes Bild. Und vielleicht ändert sich dann ganz viel...




* Die CD "Amication live" ist auf meiner Website www.amication.de/audio.html zu finden und kann dort gehört werden. Ich kann sie auch kostenfrei zuschicken, zum Hören zu Hause oder im Auto und zum Kopieren und Verschenken.

Montag, 13. April 2020

Welch ein Singen, Musiziern







"Draußen spielt sich gerade ein Wunder ab, für das man nicht einmal das Haus verlassen muss. Es genügt, das Ohr zu öffnen - und das Herz." Les ich in der ZEIT*. Stimmt, denke ich, würd das aber nicht so hoch hängen. Es geht um den Gesang der Vögel, die jetzt zu Frühlingsanfang wieder zu singen beginnen. Einige sind hiergeblieben, andere kommen nach und nach aus dem Süden zurück.

Seit meiner Studentenzeit habe ich Verbindung zu ihnen, den Vögeln. Ich machte Exkursionen mit, hörte Schallplatten und hatte dann alle auf Tonband. Es war wirklich nicht leicht, die Stimmen den richtigen Vögeln zuzuordnen. Aber nach und nach kannte ich immer mehr. Ich war frühmorgens raus, hörte und staunte, erwischte mit dem Fernglas auch mal Seltenheiten wie Birkhuhn und Goldregenpfeiffer. Die Große Rohrdommel am Dümmer zu hören - das war schon was! Und ich stiefelte auch mal mit Freunden der Ornithologengesellschaft durch die Rieselfelder, um nachts Vögel aus den aufgespannten Netzen zu nehmen, im Bauwagen zu vermessen und zu beringen. Meine Lehrer-Examensarbeit für die 1. Staatsprüfung schrieb ich über Hilfen für das Erlernen von Vogelstimmen.

Eines Morgens um fünf auf Beobachtungsstation im Moor. Der Große Brachvogel bewachte Revier und Frau. Als ein schöner fremder Mann auftauchte, gabs großes Theater und eine wilde Verfolgungsjagd, die beiden waren weg. Da kam der Dritte fröhlich trillernd eingeschwebt und nutzte seine Chance. Ja mei!

Die Vögel begleiten mich durchs Leben. Und jetzt im Frühling nehm ich mein Fernglas, geh raus und schaue ihnen zu. Und trainiere weiter neue Arten, die ich noch nicht im Ohr habe. Den Schilfrohrsänger vom Sumpfrohrsänger zu unterscheiden... Drosselrohrsänger und Teichrohrsänger krieg ich schon hin. Aber Blaukehlchen und Braunkehlchen - abwarten.

Ich sinne darüber nach, wie man hobbymäßig seine Zeit verbringen will. Tausend Varianten! Mir ist das mit den Vögeln zugefallen. Und wie jeder sein Hobby schön findet, fühle ich mich auch rundum wohl, wenn ich draußen bin, auf Vogelstimmenexkursion. Ich mache das, weil - ja, da hab ich keine wirkliche Antwort. Oder zig Antworten. Es ist eben stimmig für mich. Weil halt!

Im Zeitartikel lese ich etwas Hintergründliches: "Das Spektakel des Vogelgesangs erzeugt ein hochkomplexer, filigraner Stimmapparat, die Syrinx. Sie ist nicht größer als eine Linse und zusammengesetzt aus einem Dutzend Knochenringen sowie zwei Dutzend Muskeln. Die Stimmlippen können sich bis zu 200-mal pro Sekunde zusammenziehen. Der Gesang ist stimmliche Präzisionsarbeit im Millisekundenbereich." Tja, echt jetzt! Das ist schon interessant, und es macht Staunen. Meine Freude an dem ganzen Szenario gründet aber woanders, nicht im Wissen um diese fantastischen Zusammenhänge, um diese Wunder der Natur. Meine Freude kommt aus einem Mitgenommenwerden und Mitgenommensein. Ich gerate in Resonanz mit all dem, was den Gesangskosmos um mich herum ausmacht. Die Musik, die Farben, die Lebenskraft, das Naturambiente drumrum, die große Harmonie. Und sie gehen ja auch miteinander, gründen eine Familie und ziehen die Kinder groß. Und dann auf große Fahrt übers Meer nach Afrika...

Vielleicht bin ich da auch zu pathetisch. Egal. "Der Luft wird Gesang verliehen"**, ja so ist es gut gesagt. "Ich liebe mich so wie ich bin", eins meiner Mottos und eins meiner Bücher: genau das höre ich von jedem Vogel, wenn er singt. Es ist einfach nur schön.

 


*   Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern. Fritz Habekuss, DIE ZEIT Nr. 14 vom 26.3.20, S. 37
** a.a.O., Fritz Habekuss zitiert den Schriftsteller David Haskell

Montag, 6. April 2020

Was sollte ich mich grämen?







Bei dem schönen Wetter bin ich draußen. Ich sitze auf einer Bank am Waldrand, esse meinen Apfel und sehe den Vögeln zu. Blaumeise, Kohlmeise, Sumpfmeise, Buchfink, Zilpzalp und Co. Es ist idyllisch. Aber es gibt ja Corona. Seit Tagen und Tagen das Hintergrundgeräusch. Und das Zukunftsgeräusch. Oder eher Hintergrundmusik und Zukunftsmusik? Egal, das Welttheaterstück Corona belgeitet mich.

Ich gehe irgendwie gelassen damit um. Obwohl es ja viel von meiner Konzentration einfordert. Und meiner Zeit. Ich bin auch anteilnehmend und interessiert. Aber, und das habe ich neulich schon geschrieben, ich kann das alles ja auch ausblenden. Wie die 3 Millionen Kinder unter 5 Jahren, die jedes Jahr an Hunger sterben. Angerührt ja, ausblenden ja. Wie so viel anderes Leid auf der Welt, wohin man auch schaut.

Ob ich Corona, das alles nicht ganz schlimm finde, katastrophal? Ein Freund fragte mich. Na ja, was heißt  hier katastrophal? Jedes individuelle und persönliche Leid und Elend ist eine Katastrophe. Aber ich habe das dann doch mal an anderen Groß-Schrecknissen gemessen, die hier passieren könnten. Die Coronakrise ist ja kein Atomunfall, mit Blitz und Donner und zigtausend Toten auf einmal und zigtausend Toten in den Jahren danach. Könnte ja auch passieren, es gibt noch sechs laufende Atomkraftwerke in Deutschland. Es ist ja auch kein gewaltiges Erdbeben mit zigtausend Toten, könnte ja auch passieren, meine nächste Erdbebenzone ist in der Eifel. Es ist ja auch kein Vulkanausbruch mit zigtausend Toten. Könnte ja auch passieren, in der Vulkaneifel oder sonstwo in Deutschland, es gibt 9 Vulkanzonen hierzulande. Es ist ja auch kein Militärüberfall mit zigtausend Toten, könnte ja auch passieren, die Weltpolitik ist grad mal nicht so berechenbar.

Es ist ja auch nicht die Pest ausgebrochen. Es ist ein Virus. Sagen wir mal: nur ein Virus. Irgendwie überschaubar. Klar, wenn wir nichts unternehmen, gibt es auch zigtausend Tote, es könnten Millionen werden. Aber wir, alle, tun ja etwas, damit das nicht passiert, damit es keine wirkliche Katastrophe wird. Also: die Coronakrise ist keine Katastrophe, sie ist harmlos im Vergleich zu den grade aufgezählten Szenarien, die wirkliche Katastrophen wären. Und die Wirtschaft? Das wird schon wieder.

So weit, so klar. Was ja noch kommen kann. Wer weiß das schon. 100 Millionen Corona-Infizierte auf der Welt mit 10 Millionen Corona-Toten? Marke Spanische Grippe wie vor 100 Jahren, da gab es 500 Millionen Infizierte mit 50 Millionen Toten. Nur, aber, also: Ich warte das mal ab. Gemach. Ich habe da so eine gewisse Gelassenheit den Unbilden, Umglücken, Katastrophen gegenüber, in die ich geraten könnte, die über mich herfallen könnten. Katastrophal für mich wäre ein Autounfall, Vergiftung, Geiselnahme und so etwas. Zum Leben gehört das Lebensrisiko. Man kann auch die Treppe runterfallen und aus ists.

Soviel zum Gruseligen. Ich will mir da nichts schönreden, ich mache mir nur einen angemessenen Rahmen. Und bleib mal auf dem Boden.

Es gibt ja auch Schönes in der ganzen Coronakrise: Die vielen Mitmenschlichkeiten, Einfühlungskeiten, Humorigkeiten, Fröhlichkeiten. Die Leute sind doch so positiv! Sie singen von den Balkonen, sie applaudieren von den Balkonen, sie nähen selbst Masken, sie halten beim Spazierengehen Abstand. Die Leute sind irgendwie auch beschwingt und erfülllt in ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und Fürsorglichkeit. Ich werde von Fremden angelächelt. Manchmal kommt ein fürsorglicher Blick, ich gehöre ja zur Risikogruppe...

Wir immer ist jeder sein eigener Chef, auch darin, wie er mit Corona umgehen will. Ich nehm Corona nicht auf die leichte Schulter, halte den Anstand ein und wasche mir sorgfältig die Hände. Aber ich mach mich nicht verrückt. Ich habe - natürlich - eine Hollywoodszene vor Augen, die mich erst irritiert hat, dann aber schlüssig wurde und die ich immer dabei habe. Im Erdbeben-Katastrophenfilm "2012" gab es auch einen Vulkanausbruch. Der Protagonist berichtet davon aus der Nähe per Funk. Und er hat keine Chance. Das weiß er, doch er ist einfach nur begeistert, das miterleben zu können. Die Welt würde untergehen, klar, gleich würde es aus mit ihm sein, und so kam es dann auch (andere überlebten, der Film sollte ja weitergehen). Aber er berichtet - grade auch angesichts seines bevorstehenden Endes - unverdrossen, fröhlich und begeistert davon, was er sieht: wie sich die Erde wölbt und dann der grandiose Ausbruch. Das lässt er sich nicht nehmen - was sollte er sich grämen?

Was sollte ich mich grämen?

Montag, 30. März 2020

Tonis Brief an ihre Katze








Im Post vom 9. März habe ich den Bericht von Antonett aufgenommen: Amication leben. Sie hatte mir nicht nur ihren Bericht geschickt, sondern auch einen Brief an ihre Katze. Hier ist er:



Tonis Brief an ihre Katze

Ich möchte nicht mehr analysieren und erklären, sondern einfach da-sein: wie Du, die Du Dich in der Sonne wärmst, ohne etwas über das Zustandekommen des Wetters wissen zu wollen.

Ich möchte mir mit sicherem Gefühl Menschen suchen und von ihnen weggehen können, wenn sie nicht gut für mich sind: wie Du, die Du ohne Zögern meidest, bevorzugst, liebst, verlässt.

Ich möchte mir Zärtlichkeit und Liebe holen können, wenn ich sie brauche: wie Du, die Du dann sanft auf meinen Schoß springst.

Ich möchte unaufdringlich und ohne Ratschläge trösten können: wie Du, die Du einfach zu mir kommst und mir zuhörst, wenn Du merkst, dass ich traurig bin.

Ich möchte mich zuviel ›Liebe‹ und zuviel Anspruch anderer gelassen entziehen können: wie Du, die Du ruhig aufstehst und fortgehst, wenn mein Streichelbedürfnis größer ist als Deins.

Ich möchte mich wehren können: wie Du, die Du die Krallen zeigst, wenn ich Deine sanfteren Zeichen nicht verstehe.

Ich möchte ohne Schuldgefühle bevorzugen und ungerecht verteilen können: wie Du, die Du nachts, wenn B. nach Hause kommt, von meinem Bett aufstehst und in ihr Zimmer gehst - ohne zu überlegen, ›was das mit mir macht‹.

Ich möchte allezeit erst mal für mich sorgen können und mich wichtig nehmen: wie Du, die Du stets nur etwas für Dich tust - und es ist schön, wenn unserer beider Wünsche übereinstimmen.

Ich möchte meiner Kraft und meinem Können sicher vertrauen: wie Du, die Du Deine Sprünge immer richtig abschätzt und genau weißt, was zu gefährlich für Dich ist, was Du nicht schaffst.

Ich möchte achtsam und vorsichtig sein können, meinen Weg zu gehen, ohne zu zerstören: wie Du, wenn Du auf meiner vollen Fensterbank spazierst, ohne etwas umzuwerfen.

Ich möchte anmutig, kraftvoll, harmonisch und schön sein: wie Du, die Du nicht überlegst, ob Du wohl anmutiger, schöner ... bist; wie Du, die Du keine verspannten Muskeln hast, weil Du nichts unterdrückst.

Ich möchte mich trauen, mit weniger Worten auszukommen: wie Du, die Du darauf vertraust, dass ich Dich lieb genug habe, Dich auch wortlos zu verstehen; wie Du, die Du Deine Sachen machst, ohne um Erlaubnis zu fragen und Dich zu rechtfertigen.

Ich möchte laut fordern können, was ich für mein Recht halte: wie Du, wenn Du morgens Dein Frühstück verlangst.

Ich möchte mich laut beschweren können, statt seufzend hinzuneh­men: wie Du, wenn Dir Dein Katzenklo zu dreckig ist.

Ich möchte mich einfach in anderer Leute Betten legen und nicht an meinem Wert zweifeln, wenn sie mich dort nicht haben wollen: wie Du.

Ich möchte neugierig sein und mich in alle Höhlen trauen: wie Du, der kein Karton zu dunkel und kein Schrankfach zu unheimlich ist.

Ich möchte in meiner Umgebung immer wieder neue Dinge, Menschen, Freude-Möglichkeiten, Streichel-Partner, spannende Sachen zum Untersuchen und Spielen finden: wie Du, die Du Dich nie langweilst.

Ich möchte mich total dem Genuss hingeben können, wenn mir Liebe gegeben wird: wie Du, die Du nie berechnest, wie viel Gegenstreicheleinheiten Du mir nun schuldest und nie überlegst, ob ich Dich morgen auch noch streichele, wie Du Dir eine Garantie dafür verschaffen kannst, was Du dafür tun musst und wen ich sonst noch streichele ...

Ich möchte mich trauen, eitel zu sein und mich stundenlang mit mir zu beschäftigen: wie Du, die Du Dich so ausgiebig und genussvoll putzt, für Dich.

Ich möchte alle meine Eigenschaften besitzen und keine davon verleugnen: wie Du, die Du Dich nie fragst, ob Mäusefangen moralisch ist; die Du Dich nicht der Schizophrenie verdächtigst, weil Du zärtlich und grausam bist.

Ich möchte mich aus Angelegenheiten anderer raushalten und nicht deren Bestes wissen: wie Du, die Du mir nicht das Rauchen oder das Colatrinken verbietest.

Ich möchte sicher, unmanipulierbar und unerziehbar sein: wie Du, die Du nur Deiner Wege gehst, nur Dir gehorchst, nur Dir gehörst.

Ich möchte nicht andere fragen müssen, wie ich am besten Toni bin: wie Du, die Du nicht auf die Idee kämest, eine andere Katze zu fragen, wie man am besten eine Katze ist.

Ich möchte keine Theorien mehr lesen, sondern einfach leben: wie Du, die Du Dich frech auf mein Buch legst und die Schrift verdeckst, in der ich wieder nach dem Zauberwort gesucht habe, und mir zeigst: Hier ist das Lebendige, jetzt!









Montag, 23. März 2020

Corona am 22. März 2020







"Die Seuche zeigt jedem ein anderes Gesicht, sie kommt als Bedrohung, als Schock, als Störung, als Chance." Spiegel-Schlagzeile.* So ist es. Jeder geht mit dieser Virusgeschichte so um, wie es ihm zukommt. Ich überlege, ob es eine angemessene Linie gibt. Schwierig. Mir fällt eher ein, was ich unangmessen finde. Wenn man das Ganze als Schwindel abtut, auf die leichte Schulter nimmt, wenn einem 800 Virustote am Tag in Italien egal sind. Und die ganzen Verschwörungstheorien. Und die ganzen Lobhudeleien, was Corona alles Positives bewirken wird. Unangemessen.

Klar, jeder ist sein eigener Chef und kann mit dem Virus machen, was er will. Da gibt es keine wirklichen Vorschriften. Regeln, die eingehalten werden sollen, sind Regeln, die von Menschen für Menschen festgesetzt werden. Über ihre Einhaltung aber entscheidet dann ein jeder selbst. Was Folgen hat, wie alles, was wir tun oder lassen. Inklusive der Sanktionen, wenn wir uns nicht an die Regeln halten.

Die Kontaktverbotsregeln, die heute erlassen wurden, werde ich einhalten. Die finde ich angemessen. Wie ich sowieso ein guter Regeleinhalter bin, aber mit Ausnahmen. Ein Durchfahrtsverbotenschild will von mir beurteilt sein. Das Kontakte-Verboten nehme ich ernst. Und halte den Abstand ein.

Die Coronageschichte ist in meinem Nachdenken und meiner Tageswahrnehmung sehr präsent. Ich merke, wie es meine Aufmerksamkeit anzieht. Als ich heute Nachmittag zum Spazierengehen rausgefahren bin, habe ich bewusst Musik gehört. Ich wollte mit dem ganzen Kram nichts mehr zu tun haben. Schönes Wetter, Sonn pur, Corona - nein danke. Später habe ich dann wieder die Nachrichten gehört. Interessiert. Es hat ja auch seinen Reiz. Was gibt es Neues?

Ich gehöre mir selbst. Gehöre ich Corona? Wenn es mich erwischt, gehöre ich immer noch mir selbst. Ich reagiere auf eine Ansteckung so, wie mir das zukommt und wie ich das will. Ich bin nicht der Sklave eines Virus. Mein Ichgefühl, meine Würde gehen nicht dahin, wer auch immer die äußere Oberhoheit hat. Na ja, es sind schon grundsätzliche Fragen, die das ganze Theater aufwirft.

Noch etwas aus dem Spiegel: "Ich hoffe, dass die Gesellschaft durch diese Erfahrung solidarischer wird. Dass die Menschen künftig stärker füreinander da sein wollen".** Tja, das ist die Chancenreaktion, der optimistische Blick. Ich glaube, dass die, die eh gut miteinander umgehen, sich durch Corona bestärkt fühlen in ihrem empathischen und solidarischen Verhalten. Andere - die Egoistischen - wird das nicht beeindrucken. Eher ihren Egoismus verstärken.

Wie gehe ich nun mit Corona um? Die "Seuche", wie das so schön heißt, ist präsent. Es bleibt spannend. Angerührt bin ich - von all dem Leid und all dem Mitgefühl, das anlandet an meiner Weltwahrnehmung. Da sind das Mitleid und die Trauer. Das Mitfühlen ist ein schönes Gefühl, es nimmt mich mit. Ich wähle den Weg, der mich stärkt und der mir gut tut.




*   Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 32
** Zitiert als Aussage von Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender, in: Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 17

Montag, 16. März 2020

Durchsetzen und Gummistiefel







Beim Vortrag komme ich auf den Durchsetzungspunkt zu sprechen. Die Eltern wollen sich nicht so gern - genauer: extrem ungern -  durchsetzen, wenn sie ihre Kinder dabei nicht "mitnehmen" können, wie das so schön heißt. Sie wollen, dass die Kinder bei den Elternentscheidungen mitmachen, mitziehen, einsehen, Widerstand aufgeben. Dass es also ohne Streit und Geschrei, Tränen und Leid ausgeht. Heute gab es das Beispiel der schmutzigen Gummistiefel, die die dreijährige Tochter partout nicht ausziehen wollte.

Noch mehr Gespräche, noch mehr Werben, noch mehr Mitnehmen. Die Eltern wollen von mir hören, wie es denn gelingen kann, dass die ganze Durchsetzerei gut ausgeht. "Ja Mama, dann zieh ich die Stiefel aus". So soll es sein.

Wenn alle Einigungsbemühungen nichts bringen... - klar, da kann man zulegen, Sonne scheinen lassen, Seminare besucht haben, grad gut drauf sein, schlau, listig, hinterlistig vorgehen. Wenn das aber alles nichts hilft, dann soll ich das Zaubermittel haben. Hab ich aber nicht.

Dann geht es um "Du oder ich", Stiefel aus oder Stiefel an. Und wenn die Mutter den Dreck nicht im Flur und auf dem Teppich haben will, muss sie - sich durchsetzen. Die Stiefel von den Füßen kriegen - wobei "kriegen" heißt: gegen den Willen des Kindes entfernen, von den Füssen abziehen bis runterreißen. Wie das geht? Mit dem entsprechendem Mittel. Machtmittel Körpermacht: handgreiflich, Kind und Fuß festhalten und ziehen. Mit dem Machtmittel Psychomacht könnte das Kind auch selbst tun, was es soll: Erfolg per Druckstimme, Ekelton, bösem Blick.

"Geht das nicht auch anders?" - und dann erzählen die anderen Eltern davon, wie sie es schaffen würden, friedlich, mit Einigung, "mitnehmend" eben. Ich halte dagegen: "Es ist aber grade nicht zu schaffen. Die Stiefel sind jetzt stellvertretend für alles Mögliche. Und es wird in Ihrem Alltag immer wieder passieren, dass es keinen Frieden gibt. Dass Sie sich durchsetzen, mit Ihren Machtmöglichkeiten, auch mit körperlicher Macht." "Wobei, auch klar" - das sage ich dann schon noch - "Sie sich ja nicht immer durchsetzen müssen. Sie können auch nach- oder aufgeben und hinnehmen oder akzeptieren, dass das passiert, was Ihr Kind will. Also Dreck auf dem Teppich. Aber wer will das schon. Sie werden sich durchsetzen."

Ich sage dann, dass die Eltern sich keinen Vorwurf machen müssen. "Wenn Sie beim Durchsetzen Ihren Kindern auch weh tun, ihnen Leid zufügen: das gehört dazu, das lässt sich nicht ändern, und dafür müssen Sie sich weder schämen noch schuldig fühlen." Ich wende das dann ins Allgemeine: Wenn man sich für seine Interessen, Ideale, Richtigkeiten einsetzt, und der andere dann nicht tun kann, was er will, bedeutet das immer auch, dass der andere nicht begeistert ist und an uns leidet. Unseren Weg gehen heißt  für andere oft, dass diese ihren Weg nicht gehen können.

Es braucht schon irgendwie ein großes Herz, sich annehmen zu können, sich zu mögen und weder die Selbstachtung noch die Selbstliebe zu verlieren, wenn wir anderen Leid zufügen. Klar haben wir so ein Friedensbild von uns, dass wir durchs Leben gehen ohne dass wir Leid auslösen. Aber das ist einfach unrealistisch! Und genau das sage ich den Eltern.

Die Verbrämung "Das ist doch nur zu deinem Besten" ändert nichts wirklich am Leid des Kindes. Es soll uns beruhigen, dass wir doch gar nicht so schlimm und leidvoll für die Kinder sind. Sind wir aber! Und dem kann man ins Gesicht sehen. Auch Jesus, Sinnbild des Friedens und der Liebe, fügte Leid zu, als er seine Ideale verteidigte: Als er den Geldwechslern im Tempel die Tische umwarf und sie verprügelte oder als er die Pharisäer mit seinen Predigten so erzürnte, dass sie ihn umbringen ließen.

Man kann dazu stehen, dass man - auch, immer wieder, auch den Kindern gegenüber - jemand ist, der Leid zufügt. Sich schlecht fühlen dabei - ist überflüssig. "Sie sind eine gute Mutter, ein guter Vater. Sie müssen nicht an sich zweifeln, wenn Sie sich durchsetzen und es dann Tränen bei den Kindern gibt."

Und ich sage auch "Sie können es aber lassen, den Kindern ihre Niederlage noch zusätzlich zu erschweren. Durch das Herabsetzen der Kinderposition mit dem ganzen Sieh ein, ich habe recht!-Theater. Ein klares Hier stehe ich, ich kann nicht anders!, eine authentische, ehrliche Botschaft zwischen den Zeilen ist von anderer Qualität. Sie machen dann Ihr Kind nicht schlecht, putzen es nicht runter, lassen ihm seine Würde in der Niederlage."

"Sie müssen den Glauben an sich nicht verlieren, wenn Ihnen keine gemeinsame und friedliche Lösung gelingt. Sie haben sich doch bemüht, mit Ihrem Kind geredet und versucht es mitzunehmen. Sie haben Ihre Bücher gelesen und Vorträge und Seminare besucht. Aber es kommt eben immer wieder vor, dass das alles nichts nutzt. Und dann stehen Sie halt zu sich, setzen sich durch, das Kind leidet - und Sie glauben an sich."

"Verboten ist das nicht!", schiebe ich hinterher. Ob die Gummistiefel beim nächsten Mal leichter von den Füßen gehen?

Montag, 9. März 2020

Amication leben, Antonett







Ich schaue gerne nach, wie mein Blog rezipiert wird. Heute konnte ich sehen, dass auch der Post "Amication leben, Helmut" aufgerufen wurde. Ich hatte vor Zeiten einmal herumgefragt, ob mir jemand aufschreiben könnte, was Amication in der Dimension "Ich liebe mich so wie ich bin" für ihn bedeutet. Daraufhin schrieb mir auch Helmut seine Gedanken auf. Es waren insgesamt 18 Berichte zusammengekommen, von denen ich bisher sieben in den Blog übernommen habe.* Da wieder einmal ein Bericht gelesen wurde, will ich jetzt einen weiteren posten: den von Antonett.



 Amication leben, Antonett

Ich habe das Märchen geglaubt, das mir erzählt wurde: dass ich nicht auf mich, meinen Nutzen, mein Glück, meine Wünsche achten darf, sondern mein Leben damit verbringen muss, für das Wohlbefinden anderer zu sorgen oder es zumindest nicht zu stören. Mein Vorname Antonett beinhaltet das ganze Programm, deshalb gefällt er mir auch nicht mehr. Mein Nettsein war Selbst-Verleugnung.

Ich habe - bis auf meine ersten und meine letzten Jahre - fast mein ganzes Leben mit einer Frau verbracht, die mich unglaublich schlecht behandelte. Ich hatte mich so an ihr Vorhandensein gewöhnt, dass mir nicht mehr auffiel, dass sie der Grund dafür war, dass ich mich ständig schlecht (im wahrsten Sinne des Wortes) fühlte. Der Gedanke, mich von ihr zu trennen, kam mir daher erst recht nicht.

Nie war sie mit mir zufrieden! Ständig nörgelte sie an mir herum und forderte mich auf, mich zu ändern. Wenn es mir schlecht ging, ließ sie mich fast immer im Stich: statt mich zu trösten und auf meiner Seite zu stehen, wenn ich traurig war, machte sie mir Vorwürfe: "Du stellst dich immer so an!" Wenn ich etwas nicht geschafft hatte, ermutigte sie mich nicht, sondern es hieß: "Von dir war ja nichts anderes zu erwarten. Versager!" Wenn ich mich ungeliebt fühlte, meinte sie, das wundere sie gar nicht, schließlich sei an mir ja auch nichts Liebenswertes zu entdecken.

Und ich hörte mir alles an und zuckte zusammen und murmelte: "Du hast ja recht..." Diese Frau war wie ein teuflischer siamesischer Zwilling. Diese Frau war ich selbst!

Dann merkte ich, dass wir gar nicht untrennbar aneinander gewachsen waren, sondern nur durch Handschellen miteinander verbunden, zu denen der Schlüssel verloren gegangen war: Ich war eine Gefangene! Ich fand den Schlüssel, habe mich von ihr befreit und sie davongejagt. Der Schlüssel war die Erkenntnis, dass ich wichtig, wertvoll und gar nicht verbesserungsbedürftig bin, sondern okay. Ich weiß jetzt, dass ich das Recht habe, so zu sein, wie ich bin: Zu fühlen, was ich fühle. Zu denken, was ich denke. Zu wollen, was ich will. Zu tun, was ich tu.

Wenn ich schreibe, dass ich das Recht habe, zu sein, wie ich bin, heißt das nicht, dass ich unverändert bleiben will oder bleibe. Ich verändere mich wie jedes lebendige Wesen (im Gegensatz zu Marionetten) ständig - aber nun zu meinen Gunsten, aus mir selbst heraus, ohne Ziel ("So und so muss ich werden, so und so darf ich nicht bleiben"). Ich zerre und (er)ziehe nicht mehr an mir herum, sondern finde es spannend und schön, heute noch nicht zu wissen, wie ich morgen sein werde. Ich bin nicht mehr auf der Welt, um andere glücklich zu machen - dass sie es durch meine Existenz oft sind, macht mich natürlich froh, aber es ist nicht mein vordersts Ziel. Erstmal ist dies mein (und soviel ich weiß, einziges) Leben, meine nicht wiederholbare Zeit - und ich habe alles Recht, sie für mich zu nutzen.

Ich hoffe, dass ich mich einmal nicht nur akzeptieren, mögen und freundschaftlich behandeln, sondern lieben werde - wie einfach wäre dann mein Leben! Ich müsste der Liebe dann nicht mehr nachlaufen - sie wäre bei mir und keiner könnte sie mir nehmen. Keiner könnte mich durch Behauptungen in eine gute oder schlechte Antonett verwandeln. Liebe heißt für mich: "So darfst du sein - gleich gültig, was das ist: 'so'." Auf diese Weise möchte ich mich selbst auch lieben.

Dass ich die ersten Schritte in Richtung Selbstliebe getan habe, merke ich schon in alltäglichen Kleinigkeiten (wie sich Liebe eben stets mehr im Kleinen zeigt als in den großen Taten!), am Umgang mit mir selbst, der liebevoller und sorgsamer geworden ist. Ich behandle mich immer mehr wie eine Freundin: "Für mich ist das Beste gut".

So achte ich zum Beispiel mehr auf mein körperliches Wohl: ich lasse mich nicht mehr aus Gleichgültigkeit hungern und knalle mir das Essen nicht mehr so unhöflich auf denTisch. Ich lasse mich nicht mehr frieren, sondern bin mir die eine Minute, die das Warmanziehen kostet, wert - auch wenn ich nur um die Ecke zum Bäcker will. Ich achte auf mein Leben, denn es ist lebenswert: zu Stoßzeiten schiebe ich mein Rad über den Zebrastreifen, statt mich in das Chaos des Kreisverkehrs zu stürzen. Mein Leben ist mir wichtiger als die paar Minuten Zeitersparnis und das Kopfschütteln der "mutigen" anderen Leute. Im Laden dulde ich nicht mehr, dass sich andere vordrängeln und mir meine Zeit stehlen. Ich wehre mich, wenn andere acht(ungs)los mit mir ungehen, statt wie früher hilflos herumzustehen und zuzulassen, dass ich verletzt werde. Wenn ich traurig bin, ermutige ich mich zum Weinen, statt mich lieblos wie früher zur Ordnung zu rufen. Wenn ich mich langweile, ärger, mit mir unsympathischen Menschen zusammen bin, weiß ich jetzt, dass ich dort nicht bleiben muss und beschließe: "Das tu ich mir nicht an". Und gehe, mich sinnvollen Dingen zuzuwenden.





* Die bisher im Blog aufgnommen Berichte sind von Jutta (Post vom 16.4.17), Michael (18.4.17), Elisabeth (20.4.17), Christiane (11.6.17), Helmut (30.6.17), Vera (30.9.17), Ursula (20.1.18).

Montag, 2. März 2020

Abendresümee







"Dann reicht es also, wenn ich meinem Sohn mehr Raum gebe?" Das Resümee einer Mutter nach meinem Vortrag, aber auch eine Frage an mich. Na ja, denke ich, den Kindern mehr Raum geben ist immer gut, aber das ist nicht das, was ich vermitteln wollte. Das sage ich ihr dann auch. Und ich sage ihr, um was es mir heute Abend ging.

Es macht nicht den Unterschied aus, ob wir gelassen, kurzangebunden oder langleinig mit den Kindern umgehen. Wiewohl eine geduldige, raumgebende Art besser ist als eine genervte oder einschränkende. Es kommt nicht auf die Länge der Leine an, wiewohl die längere sympathischer ist. Es kommt auf die Leine selbst an. Ich erzähle nicht von Großzügigkeit im Gegensatz zu Kleinzügigkeit. Ich erzähle von etwas anderem. Etwas gänzlich anderem. Von der Leine selbst, ihrer Grundsubstanz, ihrem Material, nicht ihrer Kürze oder Länge. Und davon, dass wir die bekannte (längere oder kürzere) Leine gänzlich aus der Hand legen können.

Wenn wir großzügig sind (oder nicht großzügig), dann gehen wir - selbstverständlich - davon aus, dass wir stellvertretend für die Kinder die angemessenen Entscheidungen für sie treffen. Treffen müssen, weil die Kinder das noch nicht können. Was offensichtlich ist. So offensichtlich, dass darüber - überhaupt Entscheidungen für die Kinder zu treffen - nicht nachgedacht wird. Angemessene eigene Entscheidungen treffen die Kinder irgendwann. Endgültig sind sie selbstkompetent, selbstverantwortlich, souverän (oder wie immer man das nennen will) mit 18 Jahren. Was heißt: Volljährigkeit. Was auch mit 19 oder 21 oder 17 sein könnte. Bei uns gilt eben 18, von 21 herabgesetzt per Bundestagsabstimmung, so beschlossen am 22. März 1974, wirksam ab 1. Januar 1975.

Zwischendurch, auf dem Weg dorthin, in die Selbstverantwortlichkeit/Selbstständigkeit mit 18, überlassen wir den Kindern mehr und mehr Lebensbereiche. Wo wir merken, dass sie es können, "schon" können oder "endlich" können. Die Dinge selbst gut richten: Den Stuhl ohne Runterfallen erklimmen, die Hände ohne Überschwemmung waschen, das passende Schuhzeug raussuchen (Sandalen, Halbschuhe, feste Schuhe, Gummistiefel, barfuß), den Handykonsum im Griff haben, zur rechten Zeit nach Hause kommen.

Wir sind stellvertretend für sie verantwortlich, bis sie das selbst können. Und in diesem Szenario lässt sich dann - bei gutem Wetter, guter Stimmung, gutem Leben - mal mehr mal weniger Raum geben.

So weit so bekannt. Jetzt kommt mein ABER: Ich bin nicht stellvertretend für die Kinder verantwortlich! Weil sie das selbst sind: selbstverantwortlich, ichkompetent, souverän. Und zwar von Anfang an  - zu 100 Prozent. Nicht zunehmend mehr und mehr im Laufe der Großwerdens, und mit 18 dann angekommen. Mein Umgang mit den Kindern ist  - von dieser Position her gesehen, der 100prozentigen Selbstverantwortlichkeit - so wie mein Umgang mit Erwachsenen. Jeder von uns will sein Ding machen, was immer das ist. Und wie auch immer das merkwürdig, komisch, inakzeptabel für andere auch sein mag. Wobei wir dann gegebenenfalls dazwischen gehen könnten. Oder nicht dazwischen gehen und alles passieren lassen. Raum geben oder nicht Raum eben.

Aber - und das ist der entscheidende Punkt, den ich vermitteln will - ich stelle dabei nicht in Frage sondern gehe davon aus, dass jeder, auch jedes Kind, aus seiner Sicht das grade anzetteln, tun, verwirktlichen will, was für ihn sinnvoll, richtig, angemessen, das Beste ist. Dies "Ich kann selbst entscheiden, was für mich das Beste ist" wird nicht bestritten. Es wird nicht einmal thematisiert, es ist einfach zu selbstverständlich: diese Ichkompetenz, diese Verantwortung für sich selbst, diese Souveränität. Was immer das auch für ein Ergebins hervorbringt, wie immer wir auch darauf reagieren werden. Es gilt diese Entscheidungshoheit, Souveräntät, Selbstverantwortung - als Basis. Dieses Humanum trägt jeder Mensch von Geburt an in sich. Menschen sind Selbstverantworter.

Das ist ein grundsätzlicher Wechsel in der Einschätzung der Kinder. Entweder gilt: Kinder sind nicht von Geburt an souverän und ichkompetent, sondern werden dies langsam beim Heranwachsen und sind dann mit 18 angekommen. Oder es gilt, meine Position: Kinder sind von Geburt an voll souverän und ichkomptent. Jeder Mensch ist dies, es gibt da keinen Unterschied von jungen und erwachsenen Menschen. Um diesen Blickwechsel, Grundlagenwechsel, Paradigmenwechsel geht es, nur um diesen.

Wie raumgebend wir dann auf diese ichkompetenen Entscheidungen der Kinder reagieren - das wird sich zeigen. Und das hängt von vielem ab und kann heute anders sein als morgen. Aber darüber - wieviel Raum muss sein - rede ich nicht an meinen Abenden. Ich rede davon, wie souverän Kinder, junge Menschen grundsätzlich gesehen sind. Und da komme ich mit dem ungewohnten Blick der vollen Souveränität von Anfang an.

Wobei dieser Blick, so sage ich dann, wenn die Sprache drauf kommt, jenseits jeglicher Pädagogik und jeglicher Erziehungsvorstellung ist. Denn jede Pädagogik und jede Erziehung haben diese eingeschränkte Souveränitätssicht: Kinder werden erst entscheidungssouverän. Während ich dies eben anders sehe: Kinder sind - von Geburt an - entscheidungssouverän.

Es gelingt immer wieder, an meinen Abenden auf diesen Kerngedanken aufmerksam zu machen und ihn auch zu vermitteln. Ein Nachdenken, Innehalten, einen neuen Blick zu bewirken  Nach einigen Erklärungsumwegen hatte diese Mutter dann verstanden, worauf ich hinauswollte. "Die Kinder können Entscheidungen treffen, die ihnen und ihrer Sicht entsprechen. Dass sie das können, muss ich ihnen nicht absprechen. Aber ob ich das zulasse, was sie vorhaben, kann ich dann sehen. Da kann ich einschränken oder Raum geben."  Hat sie verstanden? Ich glaube schon.

PS: Und wenn ein Kleinkind dann in die Steckdose fassen will, weil es sie für eine Schweineschnauze hält? Und wenn mein Nachbar dann einen SUV kaufen will, weil der "dem Klima nicht schadet"? Und wenn der Hühnerbaron dann Hühner in Käfigen hält, weil das mehr Geld bringt? Ihren Entscheidungen können wir zustimmern oder nicht zustimmen, wir können Raum geben oder keinen Raum geben. ABER: Kleinkinder, Nachbar, Hühnerbaron - alle Menschen sind ichkompetent, selbstverantwortlich, entscheidungssouverän.