Montag, 28. Dezember 2020

Corona und der Mai 1945

 


 

In alten Unterlagen fand ich Aufzeichnungen meiner Großmutter aus der Zeit des Kriegsendes 1945. Ihr Haus in Berlin war von Bomben getroffen und in Flammen aufgegangen. Sie hatte neun damals shon erwachsene Kinder und mit einer ihrer Töchter und der zweijährigen Enkelin war sie bei Verwandten in der Nähe von Magdeburg untergekommen. Kurz vor dem 8. Mai, dem Kriegsende, hat sie ihre Aufzeichnungen fortgesetzt. Ich stelle davon etwas in den Blog.

Wir werden 75 Jahre später grade von Corona geplagt – aber wenn ich diese Briefe lese, ordne ich das mal anders ein. Coroa ist ja nicht harmlos, wirbelt alles durcheinander und tötet auch. Aber ich frage mich doch, ob wir nicht jammern auf hohem Nivau. Und die Aufzeichnungen meiner Großmutter sind ja nur ein kleines Fenster zum Blick auf das riesige, wirkliche und wahrhaftige Grauen damals. "Frau Baronin, Sie werden morgen verhaftet." Meine Urgroßmutter nahm sich vor Vertreibung und Enteignung das Leben... 60 Millionen Kriegstote. Corona? Ich bleib mal auf dem Boden.

 

*

Brief vom 6. Mai 1945

Liebe Kinder!

Der erste Sonntag nach all den Schrecken, all der Angst, den Sorgen. Wo mögt Ihr alle sein? Wie mag es Euch gehen? Wie mögt Ihr den Sonntag zubringen? Es gibt so viele Fragen so voll Angst, die ich an Euch stellen möchte, deren Beantwortung ich voll Angst erwarte! Ihr armen drei Berliner. Was mögt Ihr ausgestanden haben! Wie oft habe ich an Euch gedacht! Es ist schrecklich, so hier zu sitzen, zu warten, zu denken! Und wann werden wir endlich Botschaften von Euch Dreien und von Euch allen erhalten?! Und wie mag es Euch gehen? Von keinem weiß ich, wo er ist.

Nun will ich Euch so der Reihe nach erzählen. Von C.-J. kam das letzte: eine Karte, er kam von Meiningen mit dem letzten Zug. So hörten wir zuerst von dem Vordringen der Amerikaner – wir haben weder Radio noch Zeitung gehabt – waren ganz erschüttert. Und dann bangten wir um die Meininger: M. und die drei kleinen Kinder und Tante M. Wie haben wir uns den Kanonendonner entsetzlich, schrecklich vorgestellt, die armen verschüchterten Kleinen und die arme Mutter, immer dachten wir an sie, und dann wurde Mühlhausen genannt und die Amerikaner kamen näher nach Weimar! Unser Schrecken, unsere Angst nahm kein Ende! Die Russen näherten sich Meißen, die Amerikaner Leipzig! Ob E. dort blieb? Wir haben es uns so oft gefragt.

Und dann kamen die schrecklichen Tage, als der Kampf um Berlin losging! Wir hörten an unserem geflickten kleinen Radio Brandenburg, Potsdam nennen, Marienfelde, unser liebes Lichterfelde, Lankwitz, Friedenau, den Norden, wo F., auch R. stehen. Immer, immer waren wir in größter Sorge. So ging's weiter bis endlich zur – Kapitulation von Berlin! Ihr könnt Euch vorstellen, wie verzweifelt wir hier sitzen, wie wir Eure Ängste teilen, immer wieder das schreckliche Empfinden, nicht bei Euch zu sein, Euch nicht helfen zu können.

So waren wir voll Besorgnis. Nachts die Flieger machten uns zu schaffen, sie brummten so entsetzlich und waren nahe, die Fenster klapperten und die Türen rüttelten im Schloß. So nun nähert sich der Sonntag dem Ende, wie mag er gewesen sein?



 

Montag, 21. Dezember 2020

Im Dannenröder Forst - Du bist nicht allein!

 


 „Du bist nicht allein! Du bist nicht allein! Du bist nicht allein!“ Als die jungen Leute rechts und links zu skandieren anfingen, wurde es doch noch einmal anders, erreichte einen anderen Level. Ich hatte in der Nähe zu tun und wollte einen Abstecher zum Ort des Geschehens machen. Dem Ort, der in den Nachrichten war und mit dem ich mich verbunden fühlte. Dem Dannenröder Forst. Bäume fällen für die nächste Autorase? Find ich heutzutage unpassend. „Muss ja nicht durch den Wald gehen, wenn es denn sein muss – wenn es denn sein muss“, so war ich unterwegs. Jedenfalls wollte ich mal ein bisschen Solidarität zeigen, mich wenigstens mal blicken lassen. Samstag Spätnachmittag vor dem großen Aktionstag morgen, am Sonntag, dem 29. November, an der geplanten A 49 bei Gießen.

Dann waren da drei große Zeltlager auf den Weiden, sicher 1000 Personen. Fand ich viel. Alle liefen mit Maske rum. Fand ich überraschend und überzeugend. Friedensvoll das Ganze. Auf dem Weg durch den Wald nach vorn war dann Sägegrusel zu hören. Gar nicht schön. Der Zaun mit Natodraht oben drauf: Noch weniger schön. Das sicherte die Maschinen, die Logistik, Polizeifahrzeuge und den Wasserwerfer ab. Wie will man da noch was verhindern? Ich schnappte mir einen grünen großen Nadelzweig – jetzt hängt er im Ekeldraht. Mein kleines Zeichen.

Links gings zur Aktion. Es war schon ziemlich dunkel, ungefähr 50 Leute waren unterwegs. Wollten wie ich einfach mal schauen, bevor es morgen zur Sache geht. Nach 3 Minuten an Zaun lang kam – nur ein rotweißes Absperrband, das übliche, von Baum zu Baum gezogen. Vor mir, das heißt auf der anderen Seite des Bands: große freie Fläche, genug Platz für die Autobahn, vollendete Tatsache. Doch weiter linkslinks, da war Aktion: in 200 Meter Entfernung Maschinen, Säge, Rufe, Fallgeräusch der grünen  Nadelriesen. Gar nicht schön. Gruselig. Ging ans Herz.

Auf der anderen Seite des Bands, 10 Meter vor mir, stand eine Handvoll Polizisten, in Kampfmontur. Lässig. Unsereins war ja auch brav, irgendwie touristisch unterwegs. Jedenfalls heute. Musterung, Auge in Auge. Schweigen. Aber dann: einer, ein Mach-Ich-Nicht-Mit, brach durch, rannte zu den Waldriesen. Die Polizisten vor mir hinterher. Er wurde auf den Boden geworfen, Handschellen, abgeführt. Wir, diesseits, im Herzen jenseits, überrascht, reglos, überwältigt. Wie der Mensch, der jetzt von anderen Menschen abgeführt wurde. Dann kam es das erste Mal: „Du bis nicht allein“, leise, dann mehr und dann richtig laut. Die drei verblieben Polizisten vor uns strafften sich, einer hielt den Schlagstock in der Hand.

Und schon wieder gab es Alarm, vorn bei den Maschinen sprintete der Nächste Mach-Ich-Nicht-Mit zu den Bäumen hin, auch er wurde gefasst und abgeführt. „Du bis nicht allein, Du bis nicht allein, Du bist nicht allein.“ Robust und laut.

Was ist schon ein Band aus Plastik? Das ist nichts. Aber es war alles. Es sagte klar und deutlich, nicht misszuverstehen: bis hier hin und nicht weiter! Und wenn ich da einfach...Ja, was dann? Hinrennen? Mir nicht gefallen lassen, was mir nicht gefällt? Den ganzen Kladderadatsch, der dann unweigerlich kommen würde, über mich ergehen lassen? Tja, ich hab drüber nachgedacht, in Erwägung gezogen, es bleiben lassen. Aber zwiespältig. Wer will ich sein? Wer bin ich? Die Bäume, jeder einzelne schöne Riese, sollen stehen bleiben, wachsen und leben! Die Autos können auch woanders lang fahren, durch Wiesen und Felder...auch nicht schön, aber besser, als Baum tot und Wald weg! Der bin ich. Der will ich sein.

Das "Da kannst Du nichts machen“ war nicht da. Klar kann ich was machen. Wie die beiden eben. Nur: das bringt nicht die Baumrettung. Es bringt für mich aber was: das gute und tiefe Gefühl, mir nicht alles bieten zu lassen. Schon klar, aber der Preis war mir dann zu hoch. Gebrochene Knochen, Verfahren am Hals. Feige? Einsicht? Abwägen? Ich hab es halt gelassen. Und die anderen rechts und links neben mir auch. Aber ich versteh sie, die oben auf den Bäumen trotzen und für den Wald und ihr Selbst einstehen: Du bist nicht allein.

Hat mich aufgewühlt, das „Du bis nicht allein“. Wenigstens das wurde den beiden Aktivisten mitgegeben. Wenig. Aber mehr als Null. Wie mein Besuch vor Ort: wenig, aber mehr als Null. Und ich habe wieder einmal gemerkt: Mit mir ist zu rechnen. Alles geht mir nicht durch... Es kommt drauf an, um was es geht, aber ich steh parat. Und werde dann nicht allein sein.

 

Montag, 14. Dezember 2020

Der Tiger

 


Heute kommt eine Geschichte, die ich für meine Kinder geschrieben habe. 

 *

Der Tiger 

Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch. Für die vier Krabben war es das Zeichen. Sie kamen unter dem großen Rhabarberblatt hervor und liefen blitzschnell den Stamm der Kokospalme hoch. Der Tiger fauchte. Mit einem Satz sprang er über die Sandbank. Er streckte sich in den heißen Sand und schloss die Augen. Die vier Krabben lockerten vorsichtig eine große Kokosnuss. Sie fiel haargenau kurz vor die Nase des Tigers. Der Tiger schob die Kokosnuss mit der Tatze beiseite, schlug sein Notizbuch auf und schrieb.

Waren wir gut?“ fragten die Krabben. „Ihr habt es prima hinbekommen, so, wie wir es geübt haben“, antwortete der Tiger. Der Delphin überbrachte die Nachricht dem Wassertropfen, und der Wassertropfen flog zu den vier Krabbenmädchen. Sie freuten sich sehr, dass es mit der Kokosnuss so gut geklappt hatte.

Der Tiger sah auf. Vor ihm stand ein rosa Pelikan. „Du sollst schnell zum Wind hinter dem Farn kommen, er bittet Dich“, sagte der Pelikan. Der Tiger sah zu den Krabben, die jetzt die Kokosnuss aßen. Sie nickten ihm zu. Er stand auf und hängte sich an die Federn des Pelikans. Sie flogen eine Weile, bis sie in den Farnwald kamen. Der Tiger lief nun sehr schnell, und der Pelikan blieb zurück.

Tiger“, rief der Wind hinter dem Farn, „Du musst mir diesen Stein wegrollen, ich schaffe das nicht.“ Der Wind kam dem Tiger entgegen. Der Tiger fauchte den Stein an, und der Stein rollte beiseite. Mit einem lauten Knall kam der kleine Sohn des Windes hinter dem Farn aus dem Erdloch, das der Stein verdeckt hatte.

Ich habe beinah keine Luft mehr gekriegt“, weinte er. Der Stein war erschrocken. „Wieso, Du bist doch Wind, wieso brauchst Du noch Luft?“, fragte er. „Das kannst Du nicht wissen“, sagte der Tiger, „kleine Winde brauchen immer mehr Luft als sie selbst sind.“ Er rollte den Stein wieder vor das Erdloch.

Mir gefällt es besser, wenn der Stein da weg ist“, sagte der blaue Leguan. Der Tiger sah den Stein an, und der Stein sah den Tiger an. Der Stein zuckte mit der Achsel, und der Tiger zuckte mit der Achsel. Der Biber konnte den Stein wegrollen, und der blaue Leguan kuschelte sich in das Erdloch.

Als es dunkel wurde, sprang der Tiger wieder über die Sandbank. Er streckte sich in den noch warmen Sand und schloss die Augen. Er hörte fern die riesigen Dampfer tuten, und er hörte das Wispern der Strandmäuse. „Krabben“, flüsterte der Tiger, „seid Ihr schon zu Hause?“ Ein Krabbenmädchen brachte ihm Melonensaft. „Sie sind schon lange zu Hause, Du warst fort und hast es nicht bemerkt“, sagte sie. Der Tiger nickte. Das Krabbenmädchen nahm den Krug und ließ sich ins Wasser gleiten. Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch, und diesmal war es das Zeichen für die vier kleinen Eulen, die erlöst aufatmeten, dass der Tiger endlich das Zeichen gab.
















***


 

Montag, 7. Dezember 2020

Kauf es einfach!



Ich besuche meine Mutter. Zum Mittagessen nimmt sie einen Schuss Maggi, und zwar immer. Heute Mittag: "Wo ist das Maggi?" Das Maggi ist weg. Nicht auf dem Fensterbrett, nicht im Küchenschrank rechts, nicht im Küchenschrank links. Zauberei. "Ich kauf Dir nachher eine neue Flasche." Das will sie aber nicht. "Das Maggi taucht schon wieder auf." Ich kauf es trotzdem.


Und denke an der Kasse nach: Gehe ich zu weit? Bin ich übergriffig? Sie will doch kein neues. Ich finde aber, dass es da sein soll. Weil sie es jeden Tag hat. Ich mache mir also ihre Gedanken. Was ich oft tue: Mir Gedanken darüber machen, was für andere gut ist. Na ja, es sind meine Gedanken, diese Deine-Gedanken. Ich bin doch nicht altländisch-oben-unten unterwegs, rede ich mich raus. Außerdem und trotzdem und sowieso: habe ich nicht recht? Tja, da bin ich doch mal wieder im Alten Land unterwegs. Oder ist es nur meins, nicht Deins, was hier abgeht? Ich krieg das alles mit, an der Kasse, und nehm es mir nicht übel. Schmunzel über meine Besserwisserei. Wenn sie denn eine ist!

Wenn ich den anderen nicht in Ruhe lassen kann, wenn ich es für ihn so einrichten kann, wie es gut für ihn ist - besser als er das selbst weiß. Was spielt sich da ab? Warum lasse ich die Kinder nicht so hoch klettern, wie sie wollen? Warum nehme ich für Dich einen Schal zum Spaziergang mit? Warum bringe ich Mon Chéri und keine Rose mit, wenn ich nach Hause komme? Oder doch lieber die Rose? Ich bin verstrickt in dieses feine oder grobe Netz, das mich zu Dir sehen läßt in dieser Kümmerei. Nehm ich Dir dann etwas von Deiner Würde? Ist das ein Oben-Unten? Oder bin ich nur achtsam, so wie es gut ist zwischen uns? Wie bin ich denn unterwegs?

Wenn wir das immer wüßten! Weshalb also kauf ich das Maggi? "Mach Dir keine Gedanken, kauf es einfach." Na gut. Ich stelle das Maggi beim Abendessen auf den Tisch. "Danke, aber wär doch nicht nötig gewesen." "Na ja", sag ich.

 

Montag, 30. November 2020

Sonntag Vormittag

 

 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. »Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. 

»Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?«

 »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. »Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. 

»Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.«

»Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« 

»Ich meine es nicht äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend, sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.«

 »Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grund­haltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.« 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. 






 

Montag, 23. November 2020

Lebenslupe



Er nahm den Zollstock und die Wasserwaage, kniete sich hin und maß nach. Maß nochmal nach, und nochmal. Stand auf und schaute zum Kollegen im Bagger, dem mit der großen Flachschaufel. Er machte ein Zeichen mit der Hand und trat zur Seite. Der Baggerfahrer verstand die Handbewegung und fuhr ein bisschen nach links, setze die große Schaufel vorsichtig auf und zog zentimetergenau die dunkle Straßenerde nach hinten, in die Schaufel hinein, hob dann die Schaufel, fuhr ein Stück zurück, dann zur Seite und kippte die aufgeschrabbte Erde ab. Er, der Bauarbeiter, trat wieder vor, hockte sich hin, nahm Zollstock und Wasserwaage und maß nach. Aufrichten, Blickkontakt, Daumen nach oben, jetzt stimmte es.

Ich habe Yann (4) und Johann (2) von der Kita abgeholt und wir sind mal wieder zur großen Straßenbaustelle gewandert. Hier gibt es immer was zu sehen. Heute wird der Straßenuntergrund geglättet, bevor in ein paar Tagen die Asphaltmaschine drankommt. Es ist mitten auf der Straße in Längsrichtung eine Schnur gespannt, vorn eine Stange im Boden, hinten eine Stange in den Boden. Die Schnur zeigt die Höhe der demnächst aufzutragenden Asphaltdecke an. Vom Straßenuntergrund bis zur Schnur (später: Asphaltdecke) müssen es exakt 15 Zentimeter sein, und zwar die ganze Straßenbreite über. Der Mann vor uns misst von der Schnur aus, hält die Wasserwaage von der Schnur zum Zollstock. Und er misst auch vom Bordstein aus. Er wirft uns einen Blick zu. Später kriegen wir mit, dass er Ivo heißt.

Ich bin fasziniert über diese exakte Handarbeit der beiden Männer. Der Baggerfahrer bewegt den Steuerknüppel in Millimeterbewegungen in alle Richtungen, und die große Schaufel und die Räder, das ganze Riesenfahrzeug antworten filigran. Große Sorgfalt und große Lässigkeit.

Da fahre ich auf einer Straße einfach so dahin, tagtäglich, und denke mir nichts dabei. Aber was für ein grandioser Hintergrund! Wie viele Gedanken, Überlegungen, Bemühen, Zufriedenheit, Einverständnis, Freude, große Pläne, kleine Pläne, Pläne bis ins Detail zu Schnur, Zollstock, Wasserwaage, Stangen, Steuerknüppel, kurzer Blick, zur Seite treten, wieder vorgehen, hinhocken, anfahren, zurückfahren. Dann kommt der Baggerführer runter und sie reden kurz und lachen, dann geht es weiter.

Mein Blick wandert, ich bin aufgeweckt worden, wach für das, was so eine Straße alles in sich birgt. 200 Meter weiter: Jeder der Bordsteine vor uns wird penibel ausgerichtet, Schnur dabei, besondere Bordsteinzange, gepolsterter Steinhammer zum Justieren, Steinsäge für den Passstein. Dann kommt auf der Schulter das Spezialbetonpulver heran, Papiersack abgelegt, Löcher mit dem Hammerstiel rein, Sack aufgerissen, Betonpulver mit der Hand und ohne Handschuh rasch und gekonnt an die Bordsteinwand gehäufelt, geglättet.

Muss da nicht Wasser drauf?“ Ich stelle Kontakt her. „Mache ich gleich“, und er holt hinter dem Stapel eine Gießkanne vor, grün, wie für den Garten. Wasser drauf, auch die Bordsteinkante wird schön sauer abgespült, mehrmals, wirklich sauber. Wasser nachholen vom Kran 200 m vorn. Wieso haben die keinen Schlauch gelegt? Meine stille Frage. Und meine stille Antwort: Haben sie eben nicht. Stör nicht ihre Kreise. Du siehst doch, in welcher Stimmigkeit, ja Harmonie sie unterwegs sind. Also nochmal Wasser drauf. „Gute Arbeit!“ „Ja immer!“ Es ist eine Zeremonie, ein heilig Tun.

Ivo: „Willst Du mitmachen?“ „Nein", sagt Yann, „das habe ich doch nicht gelernt.“ Sie quatschen ein bisschen. Und wir sind nicht allein. Neben uns ist ein Vater, der seine Tochter auch auf die Absperrung gesetzt hat: „Montag kommt die Asphaltmaschine, das wird interessant.“ „Interessant ist das alles, was hier täglich passiert“, sagt die Oma hinter mir, Enkel auf dem Arm, „der will gar nicht mehr weg.“ „Es gibt Montag diesen einmaligen Geruch“ sage ich, „den vergessen die Kinder ihr Leben nicht.“

So viele kleine Sequenzen, kleine Ereignisse, kleine Erlebnisse, heute, hier beim Straßenbau. Wann bin ich offen für diese unendliche Vielfalt um mich herum? Ich düse normalerweise so durch den Tag. Aber ab und zu komme ich in diesen besonderen Modus. Dann sehe ich alles mit der Lebenslupe. Wenn ich im Wald bei der Gymnastik das gelbe Herbstblatt neben meinem Fuß sehe und es nicht übersehe. Wenn ich die drei Schritte des Nachbarn zu seiner Garagentür sehe und sie nicht übersehe. Wenn ich die Quittung in der Hand der Kassiererin sehe – „Wollen Sie die Quittung?“ – und sie nicht übersehe, sondern die Zeit anhalte. „Wollen Sie die Quittung?“ Worte, einfach so gesprochen in den Strom der Zeit. Ich habe sie gespeichert für die Ewigkeit.



 

Montag, 16. November 2020

Meine Doktorarbeit - wie ging das ab?

 


Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie. 

*

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land. 

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.










 

Montag, 9. November 2020

Kunst im Wald

 


Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kultur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daherkommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hochkultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran lässt sich erkennen, ob es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunstauktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgendwelche Schriftgelehrten legten fest, was Kunst ist und was es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa: Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowieso.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder komponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorführen, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine gebastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erinnerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respektieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte, der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren? Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klatschen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener Chef und lass mich nicht ins Bockshorn jagen. Es ist in der Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstäben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist. Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu und seh ich gern zu. Ich mag klassische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben, die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen. "Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch und läuft erleichtert auf mich zu. "Du erstarrst nicht in Ehrfurcht vor mir?" "Nein", sage ich. "Endlich" antwortet sie. "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?"








 

Montag, 2. November 2020

heile heile gänschen

 


heile, heile gänschen
es ist bald wieder gut
das kätzchen hat ein schwänzchen
es ist bald wieder gut
heile, heile mausespeck
in hundert jahren ist alles weg

*

Neulich ging es um Trost und Trösten. Ein Freund konnte damit nichts anfangen, mit Trost und Trösten. Dieses Beistehen und Nahsein, wenn es anderen schlecht geht, war für ihn etwas Ungutes und Negatives? Kein Trost? Kein Trösten? Als ich ihn verständnislos anblickte, erklärte er es mir.

Als Kind wurde er oft getröstet. Aber so, dass ihm der Schmerz und das Ungemach weggetröstet wurde. „Ist doch nicht so schlimm“ und so. Er erlebte es so, dass ihm nicht beigestanden wurde. Sondern dass ihm eingeredet wurde, dass gar nichts Schlimmes passiert sei. Dass das, was ihm so viel Ungemach bereitet hatte, doch gar kein Ungemach wäre. Und dass es nicht richtig wäre, genauer: dass er nicht richtig wäre, wenn er Angst hatte, litt, weinte. Dass das alles gar kein Schmerz und Leid sei, sondern übertriebener Unsinn, Psycho Richtung Hysterie. Er erfuhr durch diese Trösterei, dass er nicht so ein Kind sein sollte, wie er sich aber grade erlebte.

Passen seine Kindheitserlebnisse in die Trostwelt? „Jetzt stell Dich nicht so an“ kenne ich natürlich auch, aber so etwas läuft bei mir nicht unter Trost. Eher als Ausschimpfen und Abkanzeln. Und einem Großen zur Last fallen mit meinem Schmerz. Aber für meinen Freund lief so etwas Herabsetzendes eben unter Trost. Ich versehe das mal mit einem Anführungszeichen: Für ihn war das „Trost“. Und deswegen will er nie in seinem Leben getröstet, „getröstet“ werden. 

Das, was Trost für mich ausmacht, das Nahsein und Beistehen, liebevoll in den Arm genommen werden, das will auch er nicht missen. Natürlich nicht, denke ich. Nur dass das alles für ihn nicht in der Trostwelt zu finden ist. Da gibt es für ihn Nichtgesehenwerden bis Herabsetzung.

Als ich das alles verstanden hatte, dachte ich noch etwas über den Trost und das Trösten nach. Trost ist etwas Großes, ja Großartiges. Ich kann Dir Dein ungutes Erlebnis nicht wegzaubern, ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber ich kann Dich in Deinem Schmerz nicht allein sein lassen. Nähe, Wärme, Mitfühlen. In den Arm nehmen. Schon grandios, wie wir Menschen da miteinander umgehen können.

Am faktischen Ungemach ändert sich ja nichts. Der geliebte Mensch ist gestorben, der Partner ist fort, das Bein ist gebrochen, die Grenzüberschreitung und Herabsetzung ist passiert, und so weiter und so fort. Aber ein anderer Mensch ist einfach da und lässt mich nicht allein in meinem Schmerz, Leid und Kummer. Es ist ein Helfen in unsichtbaren Gefilden, eine heilende Kraft.

Mir geht es schon mal so, dass mir zu einem Schmerz eines anderen nichts einfällt, was ich sagen könnte. Sprachlos. Ratlos. Ich will ja seinen Schmerz mit verkehrten Worten nicht noch vergrößern. In solchen Situationen bin ich dann einfach wortlos da, auch etwas angespannt wegen meiner Ratlosigkeit. Aber eben da. Meine Erfahrung ist, dass der andere dann von sich aus das Wort an mich richtet, zu erzählen beginnt. Und oft reicht es auch, wenn ich wortlos ein Taschentuch rüberreiche, für die Tränen und die Nase. Diese Geste hat dann soviel Liebeskraft, dass sie oft ein Lächeln hervorruft. Was heißt, dass der Seelenschmerzkrampf schon nicht mehr ganz so stark krampft.

Wie viel Trost habe ich als Kind erlebt? Woran erinner ich mich? Wie alle Kinder werde ich auch immer wieder den Neinschmerz, den Körperschmerz und den Seelenschmerz erlebt haben. Und ich habe Erinnerungsbilder von Trosterlebnissen (der guten Art). Das „Ich will nicht getröstet werden“, von dem mein Freund erzählt, kann ich mir nur vorstellen, wenn so eine Trösterei von demjenigen kommt, von dem ich das Ungemach grade erlebe. Dann soll er sein Verhalten ändern! Tun, was ich will! Nicht zu seiner Aktion, die Ungemach für mich ist, mich auch noch „tröstend“ anmachen. So ein Szenario kann ich mir ausmalen. Aber das ist verdreht. Gehört zum unguten Umgang mit Kindern. Mit so etwas habe ich nichts zu schaffen. Und mit dem, was ich unter Trost verstehe, hat das auch nichts zu schaffen.

Und dann: Ich kann mich ja auch selbst trösten. Was ich immer wieder einmal mache. „Ist doch nicht so schlimm" - die dunkle Variante dieses Satzes, von der mein Freund erzählt, ist dann hell und hilfreich. Ich kriege mich wieder ein, komm wieder runter, lasse es mal so sein, wie es ist. Lasse mein Betrübnis, Leid und Schmerz gelten, werd aber nicht zum Dramaking. Sondern schau schon wieder zu den hellen Wolken, die hoch am Himmel ziehen. Sehe unten die schönen Blumen auf der Wiese. Letzter Schluchzer, geht schon wieder. „heile heile Gänschen“ - ein guter Trost.


 

Montag, 26. Oktober 2020

Geschenke




Finn wird zwei, ich will ihm etwas zum Geburtstag schenken. Nach einigem Überlegen zwischen Stofftier, Auto und Holztier vom Bauernhof bleibe ich beim Bilderbuch hängen. Neulich habe ich mit dem zweijährigen Johann ein Bilderbuch angesehen, das war prima. Also: ein Bilderbuch für Finn.
 

Schenken – ein weites Feld. Was passiert mir beim Schenken? Ich will eine Freude machen. Aus gegebenem Anlass oder einfach so. Ich habe etwas gefunden, ich habe etwas gesucht, etwas hat mich gefunden, und das will ich Dir geben, Dir schenken. Damit es Dich freut, erfreut. Und mir dann ein schönes Gefühl macht. Weil Du dich freust. 

Es gibt Bereiche, wo ich mich gut auskenne und wohlfühle, wenn es ums Schenken geht. Natur zum Beispiel, Blumen und Co. Aber die richtigen, die zu Dir passen, wie ich meine. Sonnenblume, Lilie, Gänseblümchensträußchen, Kornblumen, Wildblumenstrauß. 

Zu Weihnachten suche ich kleine Besonderheiten auf dem Weihnachtsmarkt und in den Weihnachtsregalen der Baumärkte. Dabei gibt es ein „das passt zu dem“, ist stimmig. 

Bei der Anlass-Schenkerei (Geburtstag, Weihnachten, sonst) ist eine gewisse Mühe dabei, es soll ja auch gut kommen, so ein Geschenk. Da bin ich froh, wenn ich mit der Sucherei fertig bin und was Passendes gefunden habe. Und dann wird es schön verpackt und geht auf die Reise. Heute: zu Finn. 

So ein spontanes Geschenk ist von leichterer, von leichter Art. Es stellt sich ein, aus heiterem Himmel, und will getan sein. Und wird getan: „(Das ist) Für Dich“. Schön und leicht. Und es könnte mir gern mal öfter über den Weg laufen. 

Dann gibt es noch Zweckgeschenke. Die sollen etwas bewirken. Gute Laune, offenes Ohr, Bitte erhören, listig, hinterlistig, aus Not, verzweifelt. Damit passiert, was passieren soll. Von vergifteten Geschenken ganz zu schweigen. Aber diese zwielichtige und dunkle Schenkewelt ist nicht meine Art. Meine Schenkerei kommt aus dem Sonnenland. Habe ich ein gutes Herz beim Schenken? Habe ich. 

Ich bin der Chef dieser Lebenswelt Schenken. Ich kann es tun oder es lassen. Ich gehöre nicht dem Schenken, ich gehöre mir. Die Weihnachts-Schenkerei hat schon Lust, mir zu zeigen, wo es langgeht. Da wehre ich mich dann und behalte die Oberhand. Aber ich mach den ganzen Schenkezirkus doch mit. Mach ich das? Ich sag dem Schenkezirkus, dasss er gar kein Zirkus ist, jedenfalls nicht für mich. Wenn ich Weihnachten etwas schenke, dann weil ich das will, ohne Zirkus. Ich muss nichts schenken, ich kann. Und ich werde. Und schmeiß mich frohen Mutes ins weihnachtliche Schenkegetümmel. 

Klar, Geschenke werden von mir auch erwartet. Kinder, die in meinem Leben sind, bekommen Geschenke. Erwarten sie das von mir? Schon, irgendwie. Sie wären enttäuscht, wenn zum Geburtstag nichts kommt. Konvention, die mich im Griff hat? Bin ich der Schenkedackel? Na ja, so hoch hänge ich das nicht. Es ist eine schöne Konvention, die ich mitmache. Betonung liegt auf ich: ich mache mit, weil ich das will. Und weil ich Enttäuschungsleid nicht will.  

Bin ich ein Geschenk? Tja – jeder ist ein Geschenk des Lebens. So kann man das sehen. Schenkt mir das Leben etwas, einiges, vieles, immer mal wieder was, selten, nie? Fühle ich mich vom Leben/Schicksal/Gott/Universum beschenkt? Nun, ich habe durchaus ein Beschenktseingefühl. Ganz allgemein, fühlt sich gut an. Aus dieser allgemeinen Beschenktseinwohlfühlwelt kommt immer wieder mal Konkretes. 

Tausenderlei. Aber solche Geschenke wollen auch erkannt, bemerkt sein. Dann stiften sie Freude in mir. Kleine Geschenke: Abendrot, Nachtigall, Pilzmesser wiedergefunden, Geschäft grad noch offen, gute Grußkarte gefunden. Große Geschenke: Meine Begabungen. Mein Frohsinn. Diese Kinder. Diese Frau. Diese Freunde. Diese Gesundheit. Dieses lange Leben. 

Bin ich ein Geschenk? Für andere Menschen? Für Dich? Zur Freude? Zur Unterstützung? Ja,das kommt eben auch vor, da kann ich nichts für. Macht ja nix, ich bin auch gerne ein Geschenk.





 

Montag, 19. Oktober 2020

Honig, pures Glück II

 


(Fortsetzung des Posts vom 12.10.)
 
Wenn wir unsre Geheimnisse, unsere Heiligkeiten, unseren Honig und unsere Rosenwelten leben – wie wird das Echo sein, das da kommt, kommen kann, kommen könnte? Gibt es dunklen Donner oder lichtes Mitsein?

Was gebe ich von mir preis, was vertraue ich an: den Menschen um mich herum? Erzähle ich von meiner Liebe? Von meinen geheimen Entschlüssen? Von meinen erkundenden Gedanken? Von meinen aufsteigenden Melodien? Von meinem Naschen am Lebensglück?

Teil mit mir meinen Frieden.“ So voll ist mein Herz. So viel Freude und Glück ist in mir. „Willst du auch“ - teilhaben an dem, was mir geschenkt wird? In Deinen Augen sehe ich den Glanz meiner Augen. Und Du spürst, wie süß der Honig ist.

Wir haben früh gelernt, wie das mit dem Anvertrauen der Honigwelten ist. Wir gehen vorsichtig durch die Welt und durchs Leben. Wir wissen, wen wir mitnehmen können. Und vor wem wir auf der Hut sein sollten. Und oft folgen wir lieber dem Misstrauenspfad, als dass wir uns den Honig verbittern und die Rosenwelt verwüsten lassen. Und verstecken die süßen Gläser unseres Herzens. Doch ab und zu geschieht auch das Wunder, dass der andere nicht dunkel ist, sondern hell und liebevoll, und ich kann davon erzählen, wie viel Glück und Licht in mir ist.

Ein jeder kennt da sein eigenes Maß, und wo der eine ganz vorsichtig ist, ist der andere robust. Was erzählen Kinder noch ihren Eltern, was erzählen sich noch die Partner? Wie gefährlich ist das Mich-Zeigen ? Für meinen Frieden? Wo der eine ganz ins Versteck geflohen ist, hat der andere ein überströmendes Herz und gerät immer wieder in Gefahr.

Vielleicht können wir ab und zu innehalten, wenn wir die Kinder beim Honigschlecken überraschen, und uns zurückziehen, die Küchentür leise schließen, überwältigt von ihrem Glück in Resonanz geraten.

Vielleicht können wir Rosen schenken, wenn wir ein süßes Seelengeheimnis aus der Erwachsenenwelt mitbekommen. Zeuge werden ohne Dunkelwolken zu verbreiten, so angebracht sie auch sein mögen. Die Dunkeltür leise schließen, überwältigt vom Glück des anderen in Resonanz geraten

Die Achtsamkeit im Zusammensein mit den anderen und ihren Heiligkeiten, mit den Kindern oder mit dem Partner, will immer wieder neu bedacht werden. Es ist ein so weites Feld.



Montag, 12. Oktober 2020

Honig, pures Glück

 


„Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Ich seh doch, dass Du genascht hast!“ Ich will all das schützen, bewahren, bergen. All das, was gut, heilig, schön, prächtig, liebevoll ist. Den Honig im Glas, die zigtausend Bienen, die mir ihr Geschenk gemacht haben, die Freude, die vom Mund aus in mich hineinzieht, der erfüllte Wunsch, die Verheißung: Du kannst glücklich sein. Honig, pures Glück.

„Nein.“ Ich will mir das nicht entreißen lassen, wegstehlen lassen, schlechtreden lassen. Ich bin im Rosenland unterwegs, im Honigland, im Lichtland. Diese verhexende Dunkelheit in meinem Rücken, ich spür ja, wie sie stärker wird, der Schicksalstornado rast heran. Ich kenne das ja, ich werde mitgerissen werden, zerschellt irgendwo stranden, zerschlagen, gedemütigt, herabgesetzt, vertrieben.

„Zeig her!“ Die Finger der Bergehand werden aufgestemmt, der Honigfinger triumphierend hochgerissen, Beweis meiner Unartigkeit, Türöffner für die folgende Seelenfingerei. Grenzüberschreitung, Willkür, Gehirnwäsche. Ich bin chancenlos, ich bin ausgeliefert, mein Herz, meine Seele, meine Liebe: beiseite gestoßen, Pech und Schwefel über mich. 

 

***

 

 „Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Hast Du genascht?“ Ich bin erschrocken, fahre hoch... und weiß mich doch geborgen. Klar habe ich genascht, wie die Großen das nennen. Ich bin dem Honig gefolgt, der Einladung der Bienen, des Lichts und des Lebens, des Sommers und der Blumen. Er steht uns Kindern zu, dieser Honig, ein Finger voll, viele Finger, das ganze Glas. Die Wucht der Richtigkeit meines Seins und die Wahrheit des Honigs tragen mich. Die Stimme hinter mir schwingt ein, sie ist so süß wie der Honig im Glas.

„Willst Du auch?“ Schnelle Schritte, Einverständnis der Herzen, leuchtende Augen, wir lachen, und es tut gut. So viel Friede, so viel Freude. So viel Vertrauen, so viel In-die-Seele-Sehen. Ja, wir sind auch verschmitzt. Wir wissen schon, was die Großen davon halten. Aber sie sind fern, wir sind geschützt durch die Macht des Honigs und durch unseren Glauben an uns selbst. Wir schließen das Glas, klettern durchs Fenster und laufen in unser Glück.





Montag, 5. Oktober 2020

Schoko und Vanille II

 


In einer Zeitschrift * las ich zum Thema Antidiskriminierungsarbeit die Überschrift eines Interviews: „Wir wurden alle rassistisch sozialisiert“, und die Unterzeile endete mit „ – und was ist mit uns ganz persönlich?“ Mir fielen sofort die Zehn kleinen Negerlein, Negerküsse und der Mohrenkopf ein. Aber das kam hier doch wuchtig gesellschaftlich daher:

Diskriminierung gibt es bei Polizei, Justiz und Standesämtern, im Bildungs- oder Freizeitbereich oder auf dem Wohnungsmarkt: Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist auch Alltag hier bei uns in NRW, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur unabhängige Beschwerde-stellen, sondern etwa auch eine rassismussensible Aus- und Weiterbildung von Landesbediensteten oder die Entwicklung von Diversitätskonzepten in der Verwaltung, auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungsbereich oder bei Gewerbetreibenden wie Clubs oder Fitnessstudios. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Rassistische Erfahrungen gehören für viele Menschen zum Alltag. Rassismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“ **

Beim Stichwort „Bildungsbereich“ hat es bei mir Klick gemacht und ich habe das ganze Szenario übertragen auf „Wir wurden alle adultistisch sozialisiert.“ Ich habe das Wort und den Inhalt „Neger“ auf das Wort und den Inhalt „Kinder“ übertragen. Es sind Menschen – keine Neger. Es sind Menschen – keine Kinder. Es sind People of Color, es sind junge Menschen. Die ganze Diversitätsdebatte zeigt die verschiedensten Ecken und Winkel, Blickwinkel, in denen Menschen auf gleichwertige Beachtung und Behandlung warten. Junge Menschen sind da eine Gruppe von vielen, die nicht aus ihrer eigenen Welt heraus wahrgenommen werden. Sondern aus der Welt und der Sicht und dem Handlungsgeschehen der Anderen, aus den Fremdzuschreibungen der Erwachsenen-Dominanzgesellschaft. Was Adultismus genannt wird und was ich seit 1980 in meinen Publikationen so benannt habe.

Im Forschungsprojekt meiner Doktorarbeit hatte ich mich zu den Jungen Menschen aufgemacht, jenseits adultistischer Positionen und Befindlichkeiten. Ich bin diesen Menschen in ihrer eigenen Weltsicht und ihrer eigenen Identität begegnet und habe mit ihnen so gelebt. Wie ein Weißer das heute mit einem Schwarzen hinbekommen kann, wenn und soweit er sich vom eingeimpften, sozialisierten Rassismus löst, zu lösen beginnt. Wenn er darum weiß und sich auf neue Begegnungspfade begibt.

Ich nehme das Statement von Frau Valdés mal als Vorlage. Mein Interwiew-Statement geht dann so:

Adultistische Diskriminierung gibt es überall, im familiären Bereich, im Bildungs- und Freizeitbereich, bei Polizei, Justiz und Standesämtern oder auf dem Wohnungsmarkt. Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist Alltag, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur adultismusfreie Fakultäten und Lehrstühle an den Hochschulen und entsprechende Forschungen, sondern auch Adultismus-Beschwerdestellen und Adultismus-Beauftragte in Stadt, Land und Bund. Ebenso brauchen wir eine adultismussensible Aus- und Weiterbildung aller Fachkräfte in Kindergarten, Schule und Verwaltung, eingebettet in die Entwicklung von Diversitätskonzepten im Kommunikations- und Handlungsbereich von erwachsenen und jungen Menschen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben – oder nicht wahrhaben können: Adultistische Erfahrungen gehören für junge Menschen zum Alltag. Adultismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“

Adultismus ist ein strukturelles Problem, schon klar – aber auch etwas ganz Persönliches. 

Martínes Valdés: "Wir müssen bei uns selber anfangen! ... Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen: Wir selber sind wenn auch oft unbewusst ein Teil der Reproduktion von Rassismen und Diskriminierungen, beispielsweise durch Sprache." ***

Dazu kann jeder einmal in sich hineinhorchen. Und meinen letzten Post "Schoko und Vanille" lesen.


* Forum, Zeitschrift des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, Nr. 3/2020, Seite 4

** Carmen Martínez Valdés, Der Paritätische NRW, Fachgruppenleiterin Migration, Frauen, Psychosoziale Beratung und LSBT*, aaO 

*** ebd, Seite 5 



Montag, 28. September 2020

Schoko und Vanille

 


 

Alltag mit Kindern, Wohnzimmer. „Was machst Du denn da? Wie sieht's denn hier aus? Das glaub ich nicht!“ Kerstin sieht entgeistert zu ihrer Dreijährigen und ist sprachlos. Bis auf das, was gerade ausbrach.

Melanie, mit sich und ihrem Spiel in Harmonie, kniet auf dem Teppich, steht auf. Langsam, sie nimmt die Magie ihrer Königsaura mit nach oben, sie steht und sieht ihre Mutter voll an. Die rechte Hand erhoben, Handfläche nach vorn. Und sanft, klar, majestätisch: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton.“

Melanie spricht von innen. „Du könntest doch auch mal sehen, was ich hier geschafft habe.“ Hand und Arm machen einen Bogen. „Das ist der Teppich. Und das ist der Pudding. Und das ist die Autobahn. Zwei Spuren. Langsamspur, Überholspur, Ausfahrt, Einfahrt. Und da ist die Tankstelle.“ Melanie steht königlich da. Kerstin ist gebannt.

Melanie bleibt online: „Okay, ich seh ja, dass Dich das nervt. Schon gut. Ich helf auch, dass es wegkommt. Ich hol den Eimer und den Lappen.“ Melanie macht ein etwas besorgtes Gesicht, Kerstin rührt sich noch immer nicht. „Mama, ich mach's auch nicht nochmal.“ Kleines Nachdenken. „Jedenfalls nicht mit Schoko. Vanille muss ich noch mal sehen.“

*
 

Parallelwelt, zeitgleich: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton“. Melanie erklärt ruhig, freundlich und geduldig: „Ich weiß ja, dass Du nicht anders kannst. Und ich habe das drei Jahre mitgemacht. Aber jetzt ist es mal gut. Ja, wir leben in einer Schimpfkultur. In der Menschen herabgesetzt werden. Kinder sowieso.

Aber Du könntest ja auch mal sehen, was ich hier geschafft habe. Und was auf meinem Kopf ist: eine Krone. Meine Krone. Würde. Ich bin ein Mensch, mit Würde. Und ich möchte diese Töne nicht mehr. Kannst Du das lassen, einfach weglassen, hinter Dir lassen, ins Museum bringen? Du bist doch selbst mit diesem Tönen groß geworden. War doch auch für Dich nicht schön. Okay, Du lässt sie weg? Das kannst Du.“

Kerstin schießen Tränen in die Augen. Sie fühlt es wieder, diese Herabsetzungswucht ihrer eigenen Kinderzeit. Aus erstarrter Tiefe bricht es auf. „Auch ich wurde so angefaucht.“ Schmerz überwältigt sie. Sie weint heftig. Sie nimmt Melanie in den Arm, kurz.

Sie muss ihren Tsunami loswerden. Stürzt zum Handy, ruft Irene, ihre beste Freundin an. „Weiß Du, was mir gerade passiert ist?“ Sie erzählt. Und Irene versteht. Auch sie weint. Und telefoniert ins Land. Es gibt eine Telefonlawine. Rund um die Welt. Am nächsten Morgen gibt es keine Schimpfe mehr.









 

Montag, 21. September 2020

Charlottes Wege im Paradies




Spaziergang mit Freunden, mit Stephan und Friederike. Ich gehe mit ihrer Tochter Charlotte (2) voraus. Charlotte fällt hin und hat sich die Haut aufgeschürft. Sie blutet ein wenig und sie weint.

Was kann ich jemandem Gutes tun, der leidet? Soll ich Charlotte auf den Arm nehmen? Soll ich es wegreden? „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Zeig mal“ oder „Das hätte aber auch schlimmer ausgehen können“ oder „Tut es sehr weh?“ Begrüße ich den Schmerz des Kinds mit der gebotenen Höflichkeit? Lehne ich ihn ab? Sehe ich nur Komplikationen? Ist die Ruhe des Spaziergangs dahin? Wie geht es mir? Bin ich verärgert? Bin ich hilflos? „Auch das noch“ oder „Wieso denn?“ oder „Ausgerechnet jetzt“.

Reagiere ich gelassen? Sollte ich gelassen reagieren? Ist Gelassenheit nicht zu kalt und unpersönlich? Kann ich persönlich und gelassen sein? Wenn ich erschrecke, macht ihr das noch mehr Angst. Wenn ich Trostformeln sage wieHeile heile Gänschen“ – was tue ich damit? Ist so etwas ein guter Zauber für kleine Kinder? Was will ich erreichen? Soll Charlotte wieder lachen? Soll sie den Schmerz verlieren, vergessen? Was habe ich gegen Schmerz? Was ist eigentlich überhaupt gegen Schmerz zu sagen? Aber wie kann man nur so etwas fragen! Doch gehört Schmerz nicht zum Leben dazu?

Also: Charlotte fällt hin und es tut ihr weh. Ich bin dabei. Ich helfe ihr auf. Ich tupfe das Blut ab. Ich sehe sie an. Ich nehme sie auf den Arm. Worte? Wozu? Welche Worte?

Wie kann ich jemandem beistehen, der in Not ist? Andersherum: Wie will ich, dass mir beigestanden wird, wenn ich in Not bin? Ich falle hin, die Haut ist aufgeschürft, ich blute. Du bist dabei. Du hilfst mir auf und gibst mit ein Taschentuch, um das Blut abzutupfen. Was wünsche ich, dass Du sagst? Was solltest Du tun, damit es mich tröstet?

Was wollen wir für Hilfe, was wollen wir für Trost? Was will ich, was willst Du? Wer sind wir, wenn wir Trost brauchen? Sollte man das wissen? Will ich wissen, wer ich bin, wenn ich Trost und Hilfe brauche? Ich habe Not und Schmerz, und Du bist dabei. Und ich wünsche mir jetzt von Dir...  Es hängt davon ab, wer Du bist, wer Du in meinem Leben bist. Wie unsere Beziehung ist. Wem ich mich anvertrauen kann, zeigen kann, in mein Herz sehen lassen kann, in meine Not und in meinen Schmerz. Wen hätte ich gern dabei, wenn ich gleich hinfallen werde? Wen wünsche ich um mich herum? In guten wie in schlechten Zeiten?

Charlotte fällt hin, ich bin dabei. Hat sie mich ausgesucht? Man muss nehmen, was da ist, und jetzt bin ich da. Und es wird etwas geschehen, mit uns. Sie erlebt ihren Schmerz in meiner Gegenwart, ich erlebe ihren Schmerz in meiner Gegenwart. Meine Antwort kommt aus mir und meiner Beziehung zu ihr, aus unserer beider Realität.

Also: Charlotte fällt hin und ich bin dabei. Sie ist zwei Jahre alt, wir kennen uns ein wenig, ich habe mich über diesen jungen Menschen vor mir eine halbe Stunde lang gefreut, auf unserem Spaziergang. Ich habe ihre Souveränität und Lebendigkeit, ihre Selbstverständlichkeit und ihre Sanftheit wahrgenommen und aufgenommen. Ich habe ihr ohne Worte gesagt, dass mir ihre Gegenwart gut tut. Und ich habe von ihr ohne Worte gehört, dass es für sie okay ist, wenn ich auf dem Spaziergang mit dabei bin. Ich bin dabei, und ich bin einbezogen.

Und so antworte ich auf ihren Schmerz: „Willst du noch einen Keks?“ Und ich sage mit dem Herzen: „Das Leben geht weiter, auch mit blutender Haut. Wo waren wir eben? Wir haben Kekse auf dem Spaziergang gegessen. Ein Keks ist eine feine Sache. Er schmeckt. Schmerz schmeckt nicht. Aber kommt vor. Wenn man hinfällt. Es tut dann weh. Wer hat das gerne? Man kann ihm nicht ausweichen, aber natürlich geht er auch wieder.“ Und ich nehme sie auf den Arm, trage sie ein Stück, frage „Okay?“ Sie nickt. Ich setze sie ab und gebe sie dem bunten Leben zurück.

Und ich? Ich rede mit dem nächsten Stein, über den sie stolpern könnte und mit der nächsten Distel, die sie stechen könnte, um sie ein wenig abzulenken, diese Hindernisse auf Charlottes Wegen im Paradies.



Montag, 14. September 2020

Schauen - Geschenk des Lebens






Ich bin mit Yann (4) auf dem Spielplatz. Vor uns spielen vier Kinder (8-10) ein Ballspiel: Sie schlagen sich den Ball über eine fest installierte Tischtennisplatte zu und laufen dabei um die Platte herum. Viel Dynamik, viel Emotion, mit Gewinnen und Verlieren. Yann schaut und schaut. Eine halbe Stunde lang. Dann locke ich mit „Nach Hause?“ und unseren Spielplänen dort. Wir ziehen los.

Schauen und schauen und schauen... Wirklich, ein Geschenk des Lebens! Einfach nur schauen, vergessen der Rest. Klar, kenne ich. Aber es hat schon lang nicht mehr angeklopft. Es fliegt alles so dahin. Oder fließt, wenn es sich ruhiger anlässt. Aber Anhalten, Innehalten, Aus- und Abschalten und Schauen: das ist doch eher selten.

Ich habe es erst nicht wahrgenommen, dass Yann da so verlängerte und verlängerte. Ja klar, er sieht sich das mal an, was die großen Kinder da so machen. Aber es verwandelte sich und veränderte die Dimension. Aus dem Hinsehen wurde das Schauen.

So ein Schauen zieht mich aus der normalen Geschäftigkeit, aus der Normalität eben. Es ist eine Zauberei, eine Verzauberung des Alltäglichen. Ein Mitsein, Mitschwingen. Anhalten der Seele.

Ich habe gewartet, dass Yann das Signal zum Aufbruch gibt. Er saß ja schon im Buggy, startbereit wir beide. Aus meinem Warten wurde ein Hinsehen zum Spiel der Kinder. Erst sah ich sie nur um die Platte laufen und mit dem Ball hantieren, dann verstand ich die Spielregeln. Und verfolgte ihr Spiel und die Varianten, die ihnen einfielen. Ich bekam zu jedem der vier Kinder eine immer deutlichere Wahrnehmung, erlebte ihre Individualität, ihre Stimmen, ihr Aussehen, ihre Aktionen. Aus meinem Warten wurde ein Schauen: das Fenster öffnete sich, ich sah in das Leben.

Wir zottelten dann weiter. An der Straßenbaustelle arbeiteten und lärmten der große Bagger und der kleinen Kipper. Der Bagger rumorte, kratzte den Sand zusammen, packte ihn und übergab ihn dem Kipper. Der fuhr nach sechs Einladungen zum Sandhaufen einige Ellen weiter hinten und kippte ab. Rückwärts weg vom Bagger, umdrehen, vorwärts zum Sandhaufen und zurück. Wir haben zig mal dieses Ritual der beiden erlebt. Schauen eben.

Auf dem Weg nach Hause war ich im Schaumodus. Ich schaute in die Welt und sog alles rechts und links auf. Zum Schauen muss ich nicht stehen bleiben, Schauen geht auch dann, wenn ich mich bewege. Es ist die Bewusstheit, die große Aufmerksamkeit. Die Achtsamkeit.

Überall möglich. Das Schauen wartet. Einen Tag später setze ich mich auf eine Bank in den Feldern, die ich beim Joggen entdeckt habe. Ich sitze dort so für mich hin und schaue. In die Abendwolken. Geschenk des Lebens.

Montag, 7. September 2020

Dank und Willkommen






Im Rückblick auf zwei Monate Sommerzeit habe ich zig große und kleine Begebenheiten vor Augen. Es ist ein feines Gewebe voller Bilder. Dies alles fließt in der Rückschau dahin wie ein großer Strom. Ich kann überall anhalten und mich an dies und das ranzoomen, an alles, was da in meiner gelebten Zeit so kreuchte und fleuchte. Die Vergangenheit ist ein weites Land hinter einem großen Tor, dem Jetzt-Tor.

Gehört das alles mir? Gehört das alles zu mir? Macht mich meine Vergangenheit aus? In wie viel Resonanz bin ich mit meiner Vergangenheit? Wer bestimmt hier die Auswahl und das Maß der Erinnerung? Bin ich das selbst oder gibt es da etwas, das mir die Bilder und Szenen vorlegt? Wie viel Selbstbestimmung habe ich im Umgang mit der Vergangenheit?

Na ja, ich muss mir solche Fragen nicht stellen. Ich kann all das, was geschehen ist, auch einfach geschehen sein lassen, sich in mir ausbreiten oder wegbreiten lassen, mal hier etwas merken, mal dort etwas nicht merken. Einfach fließen lassen, so wie es kommt. "Passt schon" sagen zum Vergangenheitswirbel in mir.

Beim Schreiben eines Posts, also jetzt, suche ich mir aus der riesigen Vielfalt meiner Erlebnisse irgendetwas heraus, über das ich schreiben will. Ich konzentriere mich und habe dann dieses oder jenes im Blick, hole es heran, drehe und wende es, und lass meine Gedanken drumrumlaufen. Und das, was dann da so läuft, tippe ich in die Tastatur und es wird der neue Post.

Die Geschehnisse des heutigen Tages: viel, sehr viel. Wie immer, jeder Tag hat ja seine 24 Stunden, zwei Drittel davon bin ich wach und ströme wach so in der Zeit dahin. Wo will ich anhalten – was spricht mich in der Rückschau an? So an, dass ich es als Einstieg für meine Zeilen nehmen kann? So dass sich daraus ein Thema ergibt, irgendwie mit Amicationsgedanken verspinnbar?

Von den Tausend Heutebildern will ich aber keins für ein Nachsinnen nehmen. Ich sinne ja gern nach und ich sinne gut nach. Aber heute: da lasse ich die Zeitbilder nur kommen und bespinne sie nicht. Aber ich will bei einigen anhalten, sie zeigen, mitteilen, was mir meine Lebenszeit heute so geboten hat:

Die Zweijährige, die von ihrer Mutter an die Hand genommen wurde, als ich langsam mit dem Auto vorbeifuhr.
Der Waldboden voller Blaubeerbüsche, als ich nach Pilzen Ausschau hielt.
Der Briefkasten, zu dem ich mit dem Rad gefahren bin.
Das Knäckebrot, herrlich mit Käse bedeckt, zwischendurch verspeist.
Der kalte Wind am Badesee, der ein "lieber heute nicht" entschieden hat.
Die junge Reiterin im Wald und unser freundlicher kurzer Gruß und unser Lächeln.
Der Schwarzspecht, wie er vor mir herfliegt und am Kiefernstamm landet.
Das Kartoffelfeld, an dem ich auf meiner Radrunde vorbeifahre, erntefertig, Kraut und Blätter sind dahin, es geht um die goldenen Erdfrüchte.
Das neue Familien-Baugebiet in meinem Dorf, das auch an meiner Radrunde liegt: was macht das mit den Menschen, die bisher an dem freien Feld wohnen?
Der Tankdeckel von meinem Auto, als ich tanke: Kleines Teil, das ich immer wieder in der Hand habe.
Das Dynamo von meinem Fahrrad: ausprobiert, ob das Licht geht, ja es geht, vorn und hinten, und wieder abgeschaltet, weil es sich so schöner fährt.
Eine Mücke an der Wand, aber ich bin gut drauf und bringe sie mit Glas und Postkarte aus dem Fenster.

Endlos, diese Bilder des Tages. Sie lassen sich ja nicht vermeiden, wir leben in der Dimension der Zeit. Aber all diese Dinge da draußen vor mir sind ja auch in mir entstanden. Und in Resonanz zu all dem, was sich in mir im Laufe der vielen Jahre meines Lebens verdichtet hat. Dank und Willkommen Euch allen!



Montag, 29. Juni 2020

Sommerpause







Auch in diesem Sommer gibt es eine Pause in meinem Blog. Ich schreibe also keine neuen Posts, und Anfang September geht es weiter. Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sommer!




Montag, 22. Juni 2020

Raum geben







Ich bin mit dem Auto unterwegs. Vor mir, in der Tempo-30-Zone, fahren zwei Jungen (8) mit ihren Tretrollern auf der Fahrbahn: Sie gehören auf den Bürgersteig, schon klar. Tun sie aber nicht, auch klar. Ich kann sie von der Straße scheuchen, ein kurzes Antuten reicht, wieder klar. Tu ich aber nicht.

Ich lass sie in Ruhe vor mir herfahren, halte so viel Abstand, dass sie merken, dass ich sie lasse. Es dauert ja auch nicht lange, nach einer halben Minute sind sie in einer Einfahrt verschwunden.

Ich habe ihnen Raum gegeben. Muss ich nicht machen, kann ich machen. Großer Bogen: Merke ich, wenn mir das Leben Raum gibt? Muss es ja nicht machen, kann es aber machen. Die Jungen haben mein Raum-Geben gemerkt. Ich war schon ungewöhnlich, ein Autofahrer macht so etwas nicht, er bringt Rollerkinder auf Vordermann, auf den Bürgersteig. Merke ich, wann mir das Leben Raum gibt?

Aber was heißt schon das Leben! Es sind die Umstände, der Tag, das Wetter, die Leute rechts und links, die Nahen und die Fernen. Ich sehe auf meiner Radtour 15 Pferde auf einer Koppel. Sie haben Platz. Raum. Hat der Bauer ihnen Raum gegeben? Ich komme am Reiterhof vorbei, die Pferde dort stehen einzeln in ihre Boxen. Kleiner Raum. Auch Raum gegeben? Merken Pferde so etwas? Klar, eine große Koppel ist etwas anders als eine kleine Box.

Auf welcher Koppel bin ich unterwegs? In welcher Box stehe ich? Ein Pferd muss nehmen, was kommt. Ich aber kann dran drehen! Die Jungen müssen auch nehmen was kommt: Der übliche Autofahrer, was Bürgersteig heißt. Oder ein Alien-Autofahrer, was Straße heißt. Ist mein Leben ein üblicher Raumgeber oder ein Alien-Raumgeber? Na ja, das Leben findet statt, macht sein Ding, egal, wer ich bin und was ich davon halte. Ich bin aber derjenige, der die Raumgröße definiert. Wobei man sich alles superschönreden kann: Raum ist in der kleinsten Hütte... Ist die Kabine in der ISS groß oder klein? Die Weiten des Weltalls... Im Frühtau zu Berge: Wanderweite Wälder und Höhen... Gelassenheiten und Aufgeregtheiten ... Die Raumgeschichte ist ein weites Feld. Bei jedem neuen Geburtstag kann ich den Raum sehen, den ich hatte, ein Jahr lang. Und jeden Abend, Tag für Tag, kann ich sehen: wie viel Raum!

Wenn die Kinder beim Anziehen nicht in die Gänge kommen: Ich kann zuwarten - ich kann Tempo machen. Wie viel Raumgeben hat in mir Platz? Kommt drauf an - auf alles, den Tag, die Umstände, die Stimmung, die Pläne, was weiß ich. Eins aber ist klar: Raumgeben ist erhebend, ist eine freudvolle Angelegenheit. Wie ich die beiden Kinder vor mir auf ihren Rollern sehe: es tut einfach gut, sie nicht zu stören. Ich bin gern ein Raumgeber, wenn ich denn ein Raumgeber grad sein kann.





Montag, 15. Juni 2020

Pädagogisches Tabu







Ich will mal wieder etwas Grundsätzliches schreiben, etwas aus dem Großen Nachdenken. Aber eigentlich ist ja alles gesagt...hier kommt das Pädagogische Tabu.*

*

Wie kommt es, dass wir uns die Frage nach der Selbstverantwortung des Kindes nicht stellen? Die einfachste Antwort darauf ist, dass es eben eine völlig sinnlose Frage ist. Denn da Kinder nicht Verantwortung für sich übernehmen können, braucht man auch nicht danach zu fragen. Ja, eine Frage danach wäre ein unsinniger Gedanke, so, wie wenn man etwas sieht, das gar nicht existiert.

Diese Antwort wird uns von dem traditionellen Umgang mit Kindern gegeben und von der zugehörigen Wissenschaft, der Pädagogik. Es ist so, dass sich diese Lehre vom Umgang mit Kindern auf Sätzen wie diesen aufbaut: "Kinder können nicht wissen, was für sie gut ist." "Kinder können keine Verantwortung für sich übernehmen." "Erwachsene tragen für Kinder die Verantwortung." Man schiebt dann ein "noch" ein: Die Kinder können es noch nicht. Erst, wenn sie gelernt haben, selbstverantwortlich zu sein, erst wenn sie reif genug und erwachsen sind, werden sie selbstverantwortliche Menschen sein können.

Die traditionelle Haltung ist von einem Tabu geprägt: "Erkenne nicht die Fähigkeit des jungen Menschen, Verantwortung für sich übernehmen zu können." Es ist wie mit einem Bann belegt, dies zu bemerken und darüber nachzudenken. Wie entstand das pädagogische Tabu? Wie konnte es geschehen, dass den Erwachsenen die Selbstverantwortungsfähigkeit des jungen Menschen in Vergessenheit geriet?

Nun, der Umgang mit Kindern ist tief in einer Haltung verwurzelt, in der Menschen sich berechtigt fühlen, über andere Menschen Herrschaft auszuüben. Die Position, die Kindern die eigene Verantwortung abspricht und stattdessen Erwachsenen die Verantwortung zuspricht kommt aus dieser Herrschaftstradition, aus dem jahrtausendealten Patriarchat.

Wenn man andere unterwerfen will, dann ist es die sicherste Methode, wenn diese selbst daran glauben, dass es für sie richtig ist, beherrscht zu werden. Und genau so wird mit uns verfahren. Als Kinder bekommen wir unser ganzes Kinderleben lang gezeigt, dass es unumgänglich ist, wenn andere - Erwachsene - uns führen, über uns bestimmen, sich für uns verantwortlich fühlen, uns die Verantwortung abnehmen. "Zu unserem eigenen Besten."

Das pädagogische Tabu wird von den Erwachsenen nicht gespürt, die ein erzieherisches Selbstverständnis und einen pädagogischen Anspruch haben. Sie sind erfüllt von dem "Ich weiß, was für Kinder gut ist", sie fühlen sich für die Kinder verantwortlich und bestimmen über sie "zu ihrem Besten". Sie verstehen deswegen zunächst nicht, wovon die Rede ist, wenn man die Selbstverantwortung des Kindes ins Gespräch bringt.

Es gibt dann entrüstete Proteste. Wie stets, wenn man an ein Tabu rührt. "Sie wollen damit doch nur provozieren, auf Kosten der Kinder." Diese Erwachsenen haben ihr Zusammenleben mit Kindern an diesem Tabu ausgerichtet, und sie fühlen sich tatsächlich verantwortlich für Kinder. Lassen sie sich dennoch gewinnen? Gewinnen womit? Enttabuisierung ist ein schmerzlicher Prozess. Man muss ja etwas aufgeben, was bisher unverrückbar zum Selbstverständnis und Weltbild gehört. Es stürzt etwas ein - wie wird das Neue sein? Es muss eine sinnvolle und befriedigende Alternative geben.



* "Eigentlich ist ja alles gesagt": Der Text über das Pädagogische Tabu war am 29.11.16 im Blog. Geschrieben habe ich ihn für mein Buch "Kinder der Morgenröte", das 2004 erschien. (Seite 26 ff.)

Montag, 8. Juni 2020

Uhuoka







Ich habe Tagebücher aus der Zeit durchgeblättert, als unserer Kinder klein waren. Da steht einmal über unseren Dreijährigen: "Er spielt sehr fantasievoll - er stellt sich Dinge vor, mit denen er spielt, z.B. pflückt er eine imaginäre Möhre und füttert damit einen imaginären Hasen." Tja, fantasievoll, imaginär... Ich habe damals Fantasiegteschichten für die Kinder geschrieben. Hier ist eine, "Uhuoka":

*

Der rosa Wasserfall hielt die Luft an. Wieso kamen die grünen Steine erst jetzt? Es war verabredet, dass sie viertel nach Sonnenbeuge eintreffen sollten. Er wusste, dass es gleich schrecklichen Ärger geben würde. Die drei grünen Halme, die auf die grünen Steine warteten, stiegen steil hoch, legten sich über das Rollbund und sandten grelle Blitze aus. Der rosa Wasserfall merkte, dass er wärmer wurde, dass an einigen Stellen bereits sein Wasser verdampfte. Er sandte Hilferufe zum großen Rosasee, oberhalb der Baumgrume.

Der See nickte. Natürlich, die grünen Steine. Sie hatten sich wieder bei Uhuoka aufgehalten, dem Lehmmolch. Es war schon öfter vorgekommen, dass sie dort so lange gewürfelt hatten, bis das gesamte Wasser des Wasserfalls durch den Zorn der grünen Grashalme zu den Wolken verdampft war. Mit der Folge, dass die Erdfurche, für die sie alle gemeinsam sorgen mussten, abrutschte. Aber diesmal sollte es nicht soweit kommen, er würde schon dafür sorgen. Seufzend sandte der Rosasee seine Wasserkäfer los. Sie zogen riesige Wassermassen zum Wasserfall, und das Verdampfen wurde weniger und hörte ganz auf.

Die drei grünen Halme machten eine Pause, und sie riefen die grünen Steine. Endlich kamen sie, voller Lehm, mit dem nächsten großen Wasserstoß. Vierzehn Wasserkäfer schoben sie vor sich her. Der rosa Wasserfall entspannte sich. Es ging gerade noch. Die drei Halme saugten die Steine auf, das Grün der Ebene wurde greller und greller. Plötzlich - aber der Wasserfall war darauf vorbereitet, da er davon wusste - kippte die Farbe in dunkles Lila um, und mit gewaltigem Donnern begann sich die Ebene zu drehen.

Der Spalt, der durch die Drehung der Ebene frei wurde, quoll über von fettigen langen weißen Geschöpfen, die Lieder sangen. Lieder, die wunderschön klangen und die er, der rosa Wasserfall, nicht genug hören konnte. Wenn diese Líederwesen nur nicht so fettig gewesen wären. Die Ebene kam mit einem letzten Donnern zum Stillstand, und aus dem jetzt breiten Spalt glitt Uhuoka, der Lehmmolch. "Wer kennt mich nícht?" schrie er in die lila Ebene. Er rief es dreimal, und dann verschwand er wieder im Spalt. Die Liederwesen krochen hinter ihm her, die Ebene drehte sich zurück, der Himmel wurde lila, dann grün. Der Wasserfall berührte die grünen Steine, und sie ließen sich mit dem rosa Wasser fortspülen.

Aber heute hatte Uhuoka noch eine besondere Aufgabe zu erledigen. Er klopfte bei den drei grünen Halmen an. Sie ließen ihn eintreten, und Uhuoka übergab dem rosa Wasserfall eine silberne Muschel. Die Muschel schillerte. Sie öffnete sich und die drei grünen Halme legten sich in ihre Mitte. Uhuoka setzte sich auf die Muschel, und mit der rosa Gischt des Wasserfalls herumgewirbelt stürzten sie die wilde Schlucht hinab. Während sie stürzten, rief die Erdfurche ihre Namen. Ihr Flug wurde langsamer, und sie glitten über die Wellen des Rosasees. Uhuoka klatschte begeistert und die silberne Muschel nickte.