Montag, 30. November 2020

Sonntag Vormittag

 


 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. »Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. 

»Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?«

 »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. »Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. 

»Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.«

»Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« 

»Ich meine es nicht äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend, sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.«

 »Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grund­haltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.« 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. 






 

Montag, 23. November 2020

Lebenslupe



Er nahm den Zollstock und die Wasserwaage, kniete sich hin und maß nach. Maß nochmal nach, und nochmal. Stand auf und schaute zum Kollegen im Bagger, dem mit der großen Flachschaufel. Er machte ein Zeichen mit der Hand und trat zur Seite. Der Baggerfahrer verstand die Handbewegung und fuhr ein bisschen nach links, setze die große Schaufel vorsichtig auf und zog zentimetergenau die dunkle Straßenerde nach hinten, in die Schaufel hinein, hob dann die Schaufel, fuhr ein Stück zurück, dann zur Seite und kippte die aufgeschrabbte Erde ab. Er, der Bauarbeiter, trat wieder vor, hockte sich hin, nahm Zollstock und Wasserwaage und maß nach. Aufrichten, Blickkontakt, Daumen nach oben, jetzt stimmte es.

Ich habe Yann (4) und Johann (2) von der Kita abgeholt und wir sind mal wieder zur großen Straßenbaustelle gewandert. Hier gibt es immer was zu sehen. Heute wird der Straßenuntergrund geglättet, bevor in ein paar Tagen die Asphaltmaschine drankommt. Es ist mitten auf der Straße in Längsrichtung eine Schnur gespannt, vorn eine Stange im Boden, hinten eine Stange in den Boden. Die Schnur zeigt die Höhe der demnächst aufzutragenden Asphaltdecke an. Vom Straßenuntergrund bis zur Schnur (später: Asphaltdecke) müssen es exakt 15 Zentimeter sein, und zwar die ganze Straßenbreite über. Der Mann vor uns misst von der Schnur aus, hält die Wasserwaage von der Schnur zum Zollstock. Und er misst auch vom Bordstein aus. Er wirft uns einen Blick zu. Später kriegen wir mit, dass er Ivo heißt.

Ich bin fasziniert über diese exakte Handarbeit der beiden Männer. Der Baggerfahrer bewegt den Steuerknüppel in Millimeterbewegungen in alle Richtungen, und die große Schaufel und die Räder, das ganze Riesenfahrzeug antworten filigran. Große Sorgfalt und große Lässigkeit.

Da fahre ich auf einer Straße einfach so dahin, tagtäglich, und denke mir nichts dabei. Aber was für ein grandioser Hintergrund! Wie viele Gedanken, Überlegungen, Bemühen, Zufriedenheit, Einverständnis, Freude, große Pläne, kleine Pläne, Pläne bis ins Detail zu Schnur, Zollstock, Wasserwaage, Stangen, Steuerknüppel, kurzer Blick, zur Seite treten, wieder vorgehen, hinhocken, anfahren, zurückfahren. Dann kommt der Baggerführer runter und sie reden kurz und lachen, dann geht es weiter.

Mein Blick wandert, ich bin aufgeweckt worden, wach für das, was so eine Straße alles in sich birgt. 200 Meter weiter: Jeder der Bordsteine vor uns wird penibel ausgerichtet, Schnur dabei, besondere Bordsteinzange, gepolsterter Steinhammer zum Justieren, Steinsäge für den Passstein. Dann kommt auf der Schulter das Spezialbetonpulver heran, Papiersack abgelegt, Löcher mit dem Hammerstiel rein, Sack aufgerissen, Betonpulver mit der Hand und ohne Handschuh rasch und gekonnt an die Bordsteinwand gehäufelt, geglättet.

Muss da nicht Wasser drauf?“ Ich stelle Kontakt her. „Mache ich gleich“, und er holt hinter dem Stapel eine Gießkanne vor, grün, wie für den Garten. Wasser drauf, auch die Bordsteinkante wird schön sauer abgespült, mehrmals, wirklich sauber. Wasser nachholen vom Kran 200 m vorn. Wieso haben die keinen Schlauch gelegt? Meine stille Frage. Und meine stille Antwort: Haben sie eben nicht. Stör nicht ihre Kreise. Du siehst doch, in welcher Stimmigkeit, ja Harmonie sie unterwegs sind. Also nochmal Wasser drauf. „Gute Arbeit!“ „Ja immer!“ Es ist eine Zeremonie, ein heilig Tun.

Ivo: „Willst Du mitmachen?“ „Nein", sagt Yann, „das habe ich doch nicht gelernt.“ Sie quatschen ein bisschen. Und wir sind nicht allein. Neben uns ist ein Vater, der seine Tochter auch auf die Absperrung gesetzt hat: „Montag kommt die Asphaltmaschine, das wird interessant.“ „Interessant ist das alles, was hier täglich passiert“, sagt die Oma hinter mir, Enkel auf dem Arm, „der will gar nicht mehr weg.“ „Es gibt Montag diesen einmaligen Geruch“ sage ich, „den vergessen die Kinder ihr Leben nicht.“

So viele kleine Sequenzen, kleine Ereignisse, kleine Erlebnisse, heute, hier beim Straßenbau. Wann bin ich offen für diese unendliche Vielfalt um mich herum? Ich düse normalerweise so durch den Tag. Aber ab und zu komme ich in diesen besonderen Modus. Dann sehe ich alles mit der Lebenslupe. Wenn ich im Wald bei der Gymnastik das gelbe Herbstblatt neben meinem Fuß sehe und es nicht übersehe. Wenn ich die drei Schritte des Nachbarn zu seiner Garagentür sehe und sie nicht übersehe. Wenn ich die Quittung in der Hand der Kassiererin sehe – „Wollen Sie die Quittung?“ – und sie nicht übersehe, sondern die Zeit anhalte. „Wollen Sie die Quittung?“ Worte, einfach so gesprochen in den Strom der Zeit. Ich habe sie gespeichert für die Ewigkeit.



 

Montag, 16. November 2020

Meine Doktorarbeit - wie ging das ab?

 


Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie. 

*

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann sieben bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land. 

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.










 

Montag, 9. November 2020

Kunst im Wald

 


Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kultur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daherkommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hochkultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran lässt sich erkennen, ob es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunstauktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgendwelche Schriftgelehrten legten fest, was Kunst ist und was es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa: Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowieso.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder komponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorführen, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine gebastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erinnerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respektieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte, der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren? Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klatschen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener Chef und lass mich nicht ins Bockshorn jagen. Es ist in der Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstäben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist. Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu und seh ich gern zu. Ich mag klassische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben, die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen. "Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch und läuft erleichtert auf mich zu. "Du erstarrst nicht in Ehrfurcht vor mir?" "Nein", sage ich. "Endlich" antwortet sie. "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?"








 

Montag, 2. November 2020

heile heile gänschen

 


heile, heile gänschen
es ist bald wieder gut
das kätzchen hat ein schwänzchen
es ist bald wieder gut
heile, heile mausespeck
in hundert jahren ist alles weg

*

Neulich ging es um Trost und Trösten. Ein Freund konnte damit nichts anfangen, mit Trost und Trösten. Dieses Beistehen und Nahsein, wenn es anderen schlecht geht, war für ihn etwas Ungutes und Negatives? Kein Trost? Kein Trösten? Als ich ihn verständnislos anblickte, erklärte er es mir.

Als Kind wurde er oft getröstet. Aber so, dass ihm der Schmerz und das Ungemach weggetröstet wurde. „Ist doch nicht so schlimm“ und so. Er erlebte es so, dass ihm nicht beigestanden wurde. Sondern dass ihm eingeredet wurde, dass gar nichts Schlimmes passiert sei. Dass das, was ihm so viel Ungemach bereitet hatte, doch gar kein Ungemach wäre. Und dass es nicht richtig wäre, genauer: dass er nicht richtig wäre, wenn er Angst hatte, litt, weinte. Dass das alles gar kein Schmerz und Leid sei, sondern übertriebener Unsinn, Psycho Richtung Hysterie. Er erfuhr durch diese Trösterei, dass er nicht so ein Kind sein sollte, wie er sich aber grade erlebte.

Passen seine Kindheitserlebnisse in die Trostwelt? „Jetzt stell Dich nicht so an“ kenne ich natürlich auch, aber so etwas läuft bei mir nicht unter Trost. Eher als Ausschimpfen und Abkanzeln. Und einem Großen zur Last fallen mit meinem Schmerz. Aber für meinen Freund lief so etwas Herabsetzendes eben unter Trost. Ich versehe das mal mit einem Anführungszeichen: Für ihn war das „Trost“. Und deswegen will er nie in seinem Leben getröstet, „getröstet“ werden. 

Das, was Trost für mich ausmacht, das Nahsein und Beistehen, liebevoll in den Arm genommen werden, das will auch er nicht missen. Natürlich nicht, denke ich. Nur dass das alles für ihn nicht in der Trostwelt zu finden ist. Da gibt es für ihn Nichtgesehenwerden bis Herabsetzung.

Als ich das alles verstanden hatte, dachte ich noch etwas über den Trost und das Trösten nach. Trost ist etwas Großes, ja Großartiges. Ich kann Dir Dein ungutes Erlebnis nicht wegzaubern, ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber ich kann Dich in Deinem Schmerz nicht allein sein lassen. Nähe, Wärme, Mitfühlen. In den Arm nehmen. Schon grandios, wie wir Menschen da miteinander umgehen können.

Am faktischen Ungemach ändert sich ja nichts. Der geliebte Mensch ist gestorben, der Partner ist fort, das Bein ist gebrochen, die Grenzüberschreitung und Herabsetzung ist passiert, und so weiter und so fort. Aber ein anderer Mensch ist einfach da und lässt mich nicht allein in meinem Schmerz, Leid und Kummer. Es ist ein Helfen in unsichtbaren Gefilden, eine heilende Kraft.

Mir geht es schon mal so, dass mir zu einem Schmerz eines anderen nichts einfällt, was ich sagen könnte. Sprachlos. Ratlos. Ich will ja seinen Schmerz mit verkehrten Worten nicht noch vergrößern. In solchen Situationen bin ich dann einfach wortlos da, auch etwas angespannt wegen meiner Ratlosigkeit. Aber eben da. Meine Erfahrung ist, dass der andere dann von sich aus das Wort an mich richtet, zu erzählen beginnt. Und oft reicht es auch, wenn ich wortlos ein Taschentuch rüberreiche, für die Tränen und die Nase. Diese Geste hat dann soviel Liebeskraft, dass sie oft ein Lächeln hervorruft. Was heißt, dass der Seelenschmerzkrampf schon nicht mehr ganz so stark krampft.

Wie viel Trost habe ich als Kind erlebt? Woran erinner ich mich? Wie alle Kinder werde ich auch immer wieder den Neinschmerz, den Körperschmerz und den Seelenschmerz erlebt haben. Und ich habe Erinnerungsbilder von Trosterlebnissen (der guten Art). Das „Ich will nicht getröstet werden“, von dem mein Freund erzählt, kann ich mir nur vorstellen, wenn so eine Trösterei von demjenigen kommt, von dem ich das Ungemach grade erlebe. Dann soll er sein Verhalten ändern! Tun, was ich will! Nicht zu seiner Aktion, die Ungemach für mich ist, mich auch noch „tröstend“ anmachen. So ein Szenario kann ich mir ausmalen. Aber das ist verdreht. Gehört zum unguten Umgang mit Kindern. Mit so etwas habe ich nichts zu schaffen. Und mit dem, was ich unter Trost verstehe, hat das auch nichts zu schaffen.

Und dann: Ich kann mich ja auch selbst trösten. Was ich immer wieder einmal mache. „Ist doch nicht so schlimm" - die dunkle Variante dieses Satzes, von der mein Freund erzählt, ist dann hell und hilfreich. Ich kriege mich wieder ein, komm wieder runter, lasse es mal so sein, wie es ist. Lasse mein Betrübnis, Leid und Schmerz gelten, werd aber nicht zum Dramaking. Sondern schau schon wieder zu den hellen Wolken, die hoch am Himmel ziehen. Sehe unten die schönen Blumen auf der Wiese. Letzter Schluchzer, geht schon wieder. „heile heile Gänschen“ - ein guter Trost.