Montag, 28. Mai 2018

Quintessenz der erziehungsfreien Praxis























Ich werde auf den Vorträgen immer gefragt, wie das denn gehen
soll, wie die Praxis funktioniert, wenn man nicht mehr erzieht.
Dazu poste ich einen Text aus meiner Sammlung.

*


Bereits vor 40 Jahren wurden in einer wissenschaftlichen Studie
mit Kindern die Möglichkeiten erziehungsfreier Kommunikation
untersucht und bestätigt. Aus den Forschungsergebnissen entstand
»Amication«.

Nach amicativer Auffassung sind erziehungsfreie Beziehungen
uneingeschränkt praktikabel und sowohl für Erwachsene als auch
für Kinder sinnvoll und hilfreich. Inzwischen gibt es Kinder, die
erziehungsfrei groß geworden und heute erwachsen sind, und sie
haben selbst Kinder, die erziehungsfrei aufwachsen. Eine neue
Tradition hat begonnen. Die Theorie der amicativen Praxis ist
weit entwickelt, und es gibt auf die unzähligen Praxisfragen
heute sichere Antworten.

So wird zum Beispiel immer wieder erwartet, dass amicative Eltern
ihre Kinder tun lassen, was diese selbst entscheiden. Das sei doch
die Quintessenz aller amicativen Theorie! Doch es ist anders.

»Setz die Mütze auf!« – »Ich will nicht!«
Eine Mutter im Konflikt mit ihrer dreijährigen Tochter. Die Welt
wird interpretiert. Wer interpretiert richtig? Die amicative Antwort
ist: Jeder interpretiert auf seine Weise, der eine hat soviel recht wie
der andere.

Die Mutter sagt der Tochter ihre Sicht der Dinge, die Tochter sagt
der Mutter ihre Sicht der Dinge. Die Mutter sagt sie vielleicht mehr-
mals, das Kind antwortet mehrmals. Dann kann es sein, dass sie
übereinstimmen: »Ich setz die Mütze auf« oder »Na gut, dann gehe
ohne«. Oder sie bleiben bei ihren entgegengesetzten Beurteilungen
und einigen sich nicht. Dann wird sich oft der Erwachsene durchsetzen,
und das Kind muss das tun, was dieser will. Dies ist auch in amicativen
Familien nicht anders

Doch bei aller Gegensätzlichkeit im Handlungsbereich - auf der psy-
chischen Ebene findet kein Angriff auf die Innere Welt und Souveräni-
tät des Kindes statt.

Das »Nein« des Kindes wird als Ausdruck eines gleichwertigen Men-
schen mit Innerer Souveränität verstanden, der einen anderen Weg
gehen will – den der Erwachsene aus seinen Gründen heraus aber nicht
zulassen kann. Es geht dabei nur um das handlungsmäßige »Tu es« bzw.
»Tu es nicht«, nicht aber um das psychische »Sieh das ein – ich habe recht«.

Im amicativen Konflikt gibt es keinen Angriff des Erwachsenen auf die
Seele und die Identität des Kindes und deswegen auch keine entsprechend
vehemente Verteidigung dagegen. Ein amicativer Konflikt verläuft in
anderen Bahnen.

Auf der psychischen Ebene stehen sich die amicative Position und die
traditionelle pädagogische Position gegenüber: hier Anerkennen der
souveränen Inneren Welt des Kindes, Beziehung und Austausch mit
einem vollwertigen Menschen – dort Feststellen des Nichtvorhanden­-
seins einer souveränen Inneren Welt, also Erziehung und Unterweisung
eines heranreifenden Menschen.

Amicative Erwachsene werden durch die Anerkennung der Souveräni-
tät des Kindes nicht handlungsunfähig - ihre Handlungen sind jedoch
von anderer psychischer Qualität.

Frei von Bevormunden, Einsichtigmachen und Trotzbrechen wird für
den amicativen Erwachsenen anderes möglich: psychisches Hören –
Empathie. In gleicher Weise kann das Kind den Erwachsenen psychisch
wahrnehmen. Denn da es nicht angegriffen wird, muss es seine Energie
nicht in der Verteidigung gegen den Erwachsenen aufreiben. Beide können
deswegen die jeweilige Dringlichkeit des anderen mitbekommen. Beide
sind offen zu merken, wie wichtig dem anderen sein Interesse wirklich –
auf emotionaler und existentieller Ebene – ist. Sie nehmen einander wahr,
sie erfahren auch im Konflikt, im Obsiegen wie in der Niederlage, wer der
andere nach seinem Selbstverständnis ist.

Der Erwachsene und das Kind informieren sich also über ihre Interessen
und teilen sich zugleich auf der emotionalen Ebene ihre Dringlichkeiten
mit. Dies geht ein paar Mal hin und her, mal mit Worten und Erklärungen,
mal ohne. Dann kann es zwar vorkommen, dass sich einer durchsetzt –
mal der Erwachsene, mal das Kind –, aber die Regel ist, dass der eine
den anderen machen lässt. Denn die Dringlichkeiten zweier Menschen
sind selten von gleichem Gewicht. »Dann mach Du« – dies liegt näher.

Das geht aber nur, wenn nicht existentielle Wichtigkeiten im Zentrum
des Konflikts stehen, etwa Einsicht und Gehorsam, die der Erwachsene
vom Kind einfordert, Würde und Selbstachtung, die das Kind vom Er-
wachsenen respektiert wissen will.

In der erziehungsfreien Praxis werden Konflikte nicht mit Mühe gelöst,
sondern sie lösen sich wegen der Empathiestruktur amicativer Kommuni-
kation meistens von selbst auf. Das wird nicht irgendwie gemacht, vor-
bereitet, erarbeitet oder ähnlich angestrebt. Der amicative Alltag mit
Kindern lässt sich nicht inszenieren. Er ist ein authentisches Geben und
Nehmen gleichwertiger Partner. Der beiläufige tägliche Friede mit Kin-
dern wird als Geschenk erlebt, das sich aus der amicativen Haltung ergibt.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Ärger und schönes Wetter























Ich bin beim Babysitten. Ich hole Bilderbücher zum Anschauen.
Als ich ein Tierbuch aufblätter, schiebt es der Zweijährige weg.
Vorher hat er genickt, als ich Bücheransehen vorschlug. Er
schiebt das Buch zweimal weg, dreimal, viermal. Ärger, in mir?

Das Rad eines Neunjährigen ist platt und muss repariert werden.
"Ich will fahren" - klar. "Hilfst Du?" "Ja." Er hilft auch mit. Fünf
Minuten. Dann hat er keine Lust mehr. Ich soll allein weiter-
machen. Ärger, in mir?

Ich besuch einen Freund. Wir quatschen. Auf einmal nimmt er
sein Handy und tippt drauflos. Meine letzte Frage - hat er nicht
mitbekommen. Ärger, in mir?

Heute habe ich drei Situationen erlebt, bei denen auf einmal
Ärger in der Luft lag. Es ist etwas abgemacht (Buch anschauen,
Rad reparieren, Quatschen), aber das, worauf man sich einstellt,
sich einläßt, sich drauf freut, wird gekippt. Wie geht es mir mit
solchen Geschichten?

Klar gibt es Gründe, Zusagen nicht einzuhalten und Pläne zu
ändern. In diesen drei Geschichten hat das aber eine besondere
Qualität: Ich bin in die Änderung nicht eingebunden, sie wird
mir vorgesetzt. Ich komm mir als Spielfigur im Spiel des
anderen vor,  hin- und hergeschoben. Respektlos, würdelos.
Ärger steht vor der Tür. Klar kann ich das thematisieren, klar
kann ich mich wehren. Die Bücher wegräumen, das Rad Rad
sein lassen, nach Hause gehen. Mach ich auch, wenn ich mich
würdelos behandelt fühle.

Ich kann aber auch anders. Also: ohne Ärger, ohne Würde-
kratzer. Ich kann auch gelassen, so wie ich Ärger kann. Kommt
ganz drauf an, wie ich drauf bin. Gelassen: Ich weiß ja, dass
jeder in seiner Welt unterwegs ist. Die ich nicht verstehen
muss. Die ich aber gelten lassen kann/könnte/will. Kein
Buch lesen - ja mei. Keine Reparaturhilfe mehr  - ja mei.
Keine Antwort, das Handy wird mir bevorzugt - ja mei.

Ich bin eigentlich immer angefaßt, wenn ich hängen gelassen
werde. Wenig Prozent oder viel Prozent. Aber Null gibt es nicht.
Ich ziehe mich zurück und lass dem anderen seinen Kram. Ich
kanns auch thematisieren, muss aber nicht sein. Bei dieser
Handygeschichte bin ich längst im Humor: dieser Freund,
wie viele andere, können gar nicht mehr anders. Irgendwie
eine Zeitkrankheit. Ich hab mich schon beim Mittagessen mit
meiner Mutter beim SMS-Schreiben ertappt und das dann
schleunigst bleiben lassen. Geht ja gar nicht!

Wenn mir etwas widerfährt, was ja gar nicht geht, was der
andere aber so nicht mitkriegt: was soll ich davon halten?
Will ich mit solchen Menschen zu tun haben? Soll ich mich
äußern? Beschweren? Poltern oder den rechten Ton treffen?
Einen Kurs in "Wie äußere ich verständnisvoll und effektiv
mein Unbehagen" buchen?

Ich bin mir oft sicher, dass die anderen genau wissen, was
los ist. Vordrängeln an der Kasse, Vorfahrt nehmen, Weg-
gekicktwerden beim Gespräch. Sie wollen sich nicht - ja
was? Benehmen? Achtungsvoll sein? Mich ernst nehmen?
Ein weites Feld. Und ich habe keine Lust, da herumzu-
stochern und ein Fass aufzumachen, das mir dann um die
Ohren fliegt.

Ärger - in mir? Bei einem Zweijährigen? Bei einem Neun-
jährigen? Bei einem Vertrauten? Heute ging es für mich
ohne Ärger aus. Klar, bei dem schönen Wetter...
 




Dienstag, 15. Mai 2018

Worüber geht Ihr Vortrag, Herr von Schoenebeck?























Bevor es zu einem Vortragsabend mit mir kommt, werde ich
heute vom Veranstalter eingeladen. Man will mich erst einmal
kennenlernen. Ich kann kurz sagen, um was es mir geht. Also:

Wenn wir mit Kindern zu tun haben, sehen wir sie mit den Augen
unserer Welt. Was ist das für eine Welt? Tausend Facetten. Mir
geht es um eine spezifische Hintergrundmusik, ein Hintergrund-
rauschen, eine Grundmelodie. Um etwas, das in jedem Handeln
und Denken, Reden und Schweigen dabei ist, wenn wir mit den
Kindern zu tun haben.

Und da gibt es zwei unterschiedliche Szenarien. Die geläufige
Hintergrundsicht lässt sich mit dem Fachausdruck "Homo
educandus" beschreiben. Hier sind wir Erwachsene, die Kinder
erziehen und sie darin unterstützen, selbstverantwortliche Men-
schen zu werden. Wir helfen den Kindern, dass sie - ja, irgendwie
"richtige" Menschen werden, gelingen. Wir sind letztlich für ihre
Entwicklung verantwortlich. Und oft kommt von uns so etwas
wie "Sieh das ein - ich habe recht".

Die Hintergrundsicht, für die ich einstehe und die ich in dem
Vortrag vorstelle, ist eine andere. "Homo ichbinschoneinvoll-
wertigerMensch". Jeder junge Mensch hat seine eigene (und
alters/erfahrungs/wahrnehmungs) Welt. Natürlich unterscheidet
sie sich von meiner Erwachsenenwelt. Diese Welten begegnen
sich. Und ich sehe das so, dass meine Weltsicht nicht über der
Weltsicht/Weltwahrnehmung/Weltdeutung der Kinder steht.
Ich habe Respekt vor ihrer Sicht, ich bin nicht ihr Missionar,
ich bin nicht für ihre Menschwerdung verantwortlich. Ich sehe
die Würdekrone eines Souveräns auf dem Kopf jedes jungen
Menschen, so wie jeder Mensch (egal wir alt) diese Krone sein
Leben lang aufhat. Und sie nicht erst - wie in der pädagogischen
Welt - mit achtzehn Jahren bekommt.

Aus mir schwingt nicht heraus, dass ich mehr Recht habe, dass
ich der Bessere bin, dass die Kinder einsehen müssen, was ich
für richtig halte. Aus mir schwingen mein Wissen und meine
Werte ohne Drüberstellen/Besserwisserei/Formungsauftrag.
Mein Wissen und meine Werte zeige ich und für sie trete ich
ein. Ich bin klar erkennbar und Orientierung.

Es wird sich zeigen, ob ich Kinder tun (tun!) lasse, was sie
sich so vorstellen. Wenn ich nein sage und unterbinde, was
sie wollen (und das geschieht oft und da bin ich nicht zim-
perlich), dann ist das ein klares Oben (ich) und unten (Kind)
- auf der Handlungseben. Auf der psychologischen Ebene
fühle ich mich den Kindern nicht überlegen, ich bin da gleich-
wertig unterwegs.

Dies alles ist von anderer Qualität als wenn man Kinder erzieht.
Meine Kinder werden in einer anderen Welt groß als in einer
pädagogischen Welt, in der auch das psychologische Oben (Er-
wachsener) - Unten (Kind) gilt. Auf meinem Vortrag erzähle ich
von dieser Welt und ihrer besonderen Musik. Viele werden nach-
denklich, haben so etwas noch nie gehört und sind dankbar, dies
einmal gezeigt zu bekommen. Und nach meinem Vortrag kommen
wir darüber ins Gespräch. Oft wird gefragt, wie das denn alles
in der Praxis funktionieren soll. Das erklär ich dann. So wird
es ein Abend mit vielen neuen Impulsen. 

Freitag, 11. Mai 2018

Blog-Kommentare und Europäische Datenschutzgrundverordnung ...








Liebe Leser meines Blogs, die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) tritt am 25. Mai in Kraft. Für mich als Einrichter meines Blogs bedeutet das, dass ich für die Daten von allen, die meinen Blog kommentieren, rechtlich verantwortlich bin. Es überfordert mich völlig, den unübersichtlichen Anforderungen der DSGVO nachzukommen. Es gibt Geldbußen, wenn ich etwas übersehe und es gibt Anwaltskanzleien, die per Abmahnung erhebliche Summen von mir kassieren könnten. Also: Zu meiner Sicherheit nehme ich die Kommentarfunktion vom Blog. Das ist sehr schade, denn ich habe Eure Kommentare wirklich gern gelesen und war immer gespannt, was da so von Euch kommen würde, besonders von "christa", "HaJo51", "eckstein-photography" und natürlich von "Mama Mia". Ade ihr Lieben, schreibt mir eine E-Mail, wenn Ihr mir was zu meinen Posts sagen wollt. Und bleibt mir weiter als Leser meines Blogs treu!



Mittwoch, 9. Mai 2018

Schweine gibt's nicht im Schlafzimmer



















Ich bin im Wertepluralismus unterwegs. In der
großen Vielfalt, in der alles und jedes gleichen
Wert hat. Wo ein Mörder gleichen Würde-Rang
hat wie ein Arzt. Adolf Hitler ebenso ein Ebenbild
Gottes ist wie Mutter Teresa.

In der Postmoderne, dem philosophischen Groß-
raum der Amication, gilt als Grundlage die Gleich-
wertigkeit aller Phänomene. Wenn aber alles den
gleichen Rang hat - was ist dann richtig und was
ist falsch? Was ist die Orientierung? Nun, jeder
einzelne Mensch ist Orientierungspunkt. Was sind
meine eigenen, subjektiven und privaten Werte?
Ich entscheide mich in der großen Vielfalt der un-
endlichen Möglichkeiten. Ich bin der Mittelpunkt
der Welt und des Universums. Ich sehe ringsum und
beziehe meine Position. Ich wähle. Ich verantworte
vor mir.

Meine Wahl und meine Werte stehen dabei nicht
über der Wahl und den Werten anderer. Ich bin
jedoch meinen Werten verpflichtet und setze mich
für sie ein.

"Wenn alles gleichen Rang hat, dann kann doch
jeder tun was er will. Das gibt nur Mord und Tot-
schlag und ist gewaltiger Nonsens und rechtfertigt
allen Unsinn!" Kann tun was er will? Tun? Der,
den ein Kritiker da im Sinn hat (den durchgeknallten
Bösewicht nämlich), ist nicht allein auf diesem Pla-
neten. Milliarden andere Einzelne sind um ihn herum.
Mit ihren Werten. Und wenn der angeführte Böse-
wicht anfängt, sein Ding zu TUN, dann sind die
anderen drumherum und lassen es sich bieten -
oder eben nicht. Und wenn sie es sich nicht bieten
lassen, dann ist es aus mit dem "der kann tun, was
er will",

Ein jeder könnte tun was er will. Könnte! Wenn die
anderen ihn lassen. Mord und Totschlag? Ich bin
einer der Milliarden Einzelnen, und in meiner Gegen-
wart gibt es weder Mord noch Totschlag (sofern ich
die Gelegenheit und die Mittel habe, das zu verhin-
dern). Amication ist keine offenes Tor fürs Drauflos
des Einzelnen. Amication nimmt aus den Möglich-
keiten die Oben-Unten-Position heraus und legt die
Gleichwertigkeit zugrunde. Amication ist keine Be-
triebsanleitung für die Praxis ("Mach, was Du willst!").
Amication zeigt eine Verortungswelt auf, ist Hinter-
grundmusik für unser Handeln, Sinfonie der Gleich-
wertigkeit.

Ich bin nicht zimperlich. Wenn jemand in meiner
Gegenwart seine Vorstellungen (die meinen gleich-
wertig sind) realisieren will und mir nicht passt, was
er vorhat, dann unterbinde ich das. Mit den Mitteln,
die ich habe und in der Hoffnung, dass sie ausreichen.
Ich gewinne ja auch nicht immer, aber oft. In meiner
Gegenwart schlägt kein verzweifelter Vater sein Kind,
kein Dieb kommt mit der Handtasche einer alten Frau
davon, kein Terrorist erschießt die Leute, kein Diktator
zettelt einen Weltkrieg an.

Wenn ich interveniere, dann energisch, so dass das
passiert, was ich will. Wenn ich einen Kindsmörder
zur Strecke bringen kann, bevor er mein Kind ab-
schlachtet und ich ihm zum Schluss in die Augen
sehe, dann sage ich ohne Worte: "Du bist ein Eben-
bild Gottes wie ich, kein Schwein. Aber Du willst
einen Weg gehen, den ich nicht mitgehen kann." Ich
töte ihn, aber ich nehme ihm nicht die Würde. Ich
stehe nicht über ihm. Wie der Indianer den Büffel
tötet, ohne über ihm zu stehen.

Wenn jeder aus seiner Sicht das für ihn Sinnvolle
tut, tun will, dann folgt er einem universellem Sinn:
Der Konstruktivität, die ihn leitet. Diese Konstruk-
tivität gibt es im Universum seit dem Urknall, sie
existiert in jedem Atom, Galaxie, Stern, Planeten,
Stein, Pflanze, Tier, Mensch. Überall eben. Da be-
wegt sich nichts gegen sich. Und auch kein Mensch
handelt gegen sich, und falls es doch so aussieht
(sich jemand die Arme aufschlitzt, Heroin nimmt,
von der Brücke springt), so geschieht es immer noch
aus seinem Sinn, aus seiner Konstruktivität heraus.

Ein überhöhter Begriff für die universelle Konstruk-
tivität mit Verortungen in vielen religiösen, spirituellen,
philosophischen Bereichen ist Liebe. Alles geschieht
aus diesem Ur. Ur was? Urplasma? Urstoff? Urphäno-
men? Urprinzip? Aus diesem Ur eben. Jeder einzelne
ist in diesem Ur eingebettet, ist daraus gemacht und
bewegt sich darin. Wie jedes einzelne Wassermolekül
im Ozean, den Wolken, dem Regen. Es gibt kein Gegen-
Ur. Keinen Gegensatz. Weder gut noch böse, richtig noch
falsch. Einheitlich: Liebe.

Das aufs reale Leben runterzubrechen ist schwer. Der
Kindsmörder ist Liebe und handelt aus Liebe? Isis?
Adolf? Stalin? Mao? Tja. Aber so ist es.

Wenn man die Dinge so sieht, bekommt alles eine beson-
dere Bedeutung. Alles wird handfest leichter, kraftvoll
entspannter. Alles gibt, nichts nimmt. Die Würde bleibt.
Nichts davon macht meine Entschlossenheit kleiner, diese
Herrschaften zu stoppen in ihrem Tun. Meine Entschlossen-
heit ist ein scharfes Schwert. Und oft schaffe ich das ja auch.
Kein verzweifelter Vater schlägt in meiner Gegenwart sein
Kind ...

PS:
In unseren Zeiten von überbordender political correctness
reizt es mich schon, all dem anhysterisierten Aua-Aua mein
"alles geschieht aus Liebe" entgegenzuhalten. Ich bin da
schon ganz gern mal frech und rotzig. Ich übersehe nicht
die Wichtigkeit von MeToo und anderem, und Leid rührt
mich an, mein Mitgefühl gehört den Misshandelten, Unter-
drückten, Ohnmächtigen: begrapschte, missbrauchte, be-
schnittene Frauen, Negersklaven, normale Schulkinder,
Kindersoldaten, Folteropfer, Jesus am Kreuz. Aber! Aber
ich zeig den zu Recht Empörten gern mal den Teppich:
"Leute, kommt mal wieder runter!" Runter auf den Tep-
pich, auf den das ganze aus meiner Sicht bei allem Leid
eben doch gehört: den Teppich der Würde jedes Einzelnen.
Den Teppich, auf dem auch die bösesten Bösewichte der
kleinen Welt und der großen Welt stehen. "Schweine" gibt's
nicht, nicht in diesem Szenario. Schon: im Wald und auf
dem Bauernhof. Aber nicht in der Weltgeschichte und auch
nicht im Schlafzimmer.




Samstag, 5. Mai 2018

Autonomiephase statt Trotzphase























Eine Mutter erzählt, dass es im Kindergarten jetzt "Autonomie-
phase" heißt statt "Trotzphase". Was soll ich davon halten?

Einerseits ist das ja schon mal was. Der Rappel der Zweijährigen
wird nicht mehr ärgerlich abgetan, sondern achtsam begleitet.
Fortschritt. Wenn die Erzieherinnen die Kinder mit Autonomie-
augen sehen statt mit Trotzaugen, ist das eine gute Sache.

Andererseits kommt es ja darauf an, was dahintersteckt. Alter
Wein in neuen Schläuchen? Und da bin ich schon skeptisch. Es
gibt so eine subtile liebsäuselnde Art, die Zicken der Kinder zu
kontern, die eigentlich noch ekliger ist als ein klarer Ärger über
die Trotzbengel. Das geht ja bis ins hohe Alter: "Wir haben un-
sere Pillchen wieder nicht genommen?!"

Ich will da nicht meckern. Die zeitgemäße Pädagogik bemüht
sich um Achtsamkeit. Man kann jemandem das Zäpfchen mit
Schmackes oder sanft reintun, sanft ist allemal besser. Nur:
Wenn ich gar kein Zäpfchen will? Wem gehört mein Körper,
wem gehöre ich? Auf dieser Ebene wird das alles aber nicht
verhandelt. Kinder gehören sich nicht selbst, das ist der klare
Grundton aller Pädagogik und aller Kindergartenszenarien.

Die Autonomie des Menschen, auch des jungen und jüngsten
unter uns, also auch der Zweijährigen, wie sie die Amication
wahrnimmt, ist bei "Autonomiephase statt Trotzphase" nicht
im Spiel. Es sei denn, den Kindern im Kindergarten steht tat-
sächlich eine Erzieherin mit amicativem Selbstverständnis
gegenüber. Was vorkommt, aber selten ist. Und mir in dem
Gespräch mit der Mutter nicht vermittelt wurde.

Wenn die Kinder mit Innehalten und Nachdruck ihre Wege
gehen und ihre Dinge tun wollen, dann fällt das für mich
nicht aus dem Rahmen. Ihre Souveränität und Autonomie
ist von Anfang an da, sie nimmt nur eine neue Form an. Der
Säugling ist da anders als der Zweijährige, der wieder an-
ders als der Vieljährige, der wieder anders als der Hundert-
jährige.

Das Kontinuum der Autonomie- und Souveränitätswahrneh-
mung, das von ihren (amicativen) Eltern ausgeht und in dem
sie groß werden, gibt nichts her, was eine besonderen Beach-
tung und dann auch Bezeichnung erfordert. Es gibt keine
Trotzphase und es gibt auch keine Autonomiephase in einer
Familie, deren Eltern ein amicatives Selbstverständnis haben.
Ebenso wie es keine "Pubertätsprobleme" gibt.

Es gibt das alles nicht nur als Bezeichnung nicht, sondern diese
"Rappel", "Anfälle" und "Ausfälle" kommen einfach nicht vor.
Der ganze Umgang löst so etwas nicht aus. Autonomie ist ja
von Anfang an immer im Spiel und drückt sich ohne die Kom-
plikationen aus, die es in pädagogisch geprägten Beziehungen
gibt, geben muss.

Beziehungen und ihre konkreten Ausprägungen zu sehen, erken-
nen, einordnen, bewerten und dann auch entsprechend zu bezeich-
nen - dies geschieht vor dem Hintergrund des Menschenbildes,
das wir in uns tragen. Womit ich wieder beim Kontrast von päd-
agogischen Bild (homo educandus) und nicht pädagogischem
Bild (homo jedergehörtsichselbst) angekommen bin.

Ich achte ja ihr Bemühen, ihr Einfühlen, ihr Begleiten. Aber ich
übersehe nicht den scharfen Gegensatz. Und so antworte ich
freundlich, ohne mich zu verbiegen und ohne zynisch zu werden:
"Autonomiephase? Hört sich doch gut an."