Montag, 26. Juli 2021

Sommerferien




Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit!

Montag, 19. Juli 2021

Die Abschlussrede

 

 


Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schultagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin. Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kollegen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel "einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zurufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachsenen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder bemerken. Für die anderen ist eine solche Aussage nur "dummes Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Verletztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die anderen helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung. Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert. Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


            Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
         

Montag, 12. Juli 2021

Die Krocketkugel

 

 

Nach der Beeerdigung der Urgroßmutter sind wir zusammen im ihrem Haus mit großem Garten. Die Erwachsenen in Gesprächen und Erinnerungen bei Kaffee und Kuchen, die Kinder spielen Krocket auf der Wiese unter den Apfelbäumen. Das Krocketspiel ist uralt, schon wir Kinder haben damit gespielt.

Auf einmal kommt Miriam (8) zur Kaffeerunde. "Schaut mal, die Kugel ist kaputt gegangen, genau in der Mitte durch. Ich hab wohl zu fest draufgeschlagen". Fröhlich hält sie die beiden Hälften der gelben Krocketkugel hoch. Nach einer kurzen erstaunten Schweigesekunde gehen die Gespräche weiter. Aber ich höre doch noch den einen Satz aus dem Erwachsenenstrom, der an Miriam gerichtet ist:

"Da wollte die Urgroßmutter wohl nicht, dass Du mit ihrer gelben Lieblingskugel spielst."   

Miriam erstarrt, sagt nichts und läuft zurück zum Spiel auf der Wiese.

Echt jetzt, das geht doch wohl gar nicht! Auch ich bin erstarrt. Was soll denn so ein Satz mit dem Kind machen? Locker dahergesagt, scherzhaft gemeint, aber ohne Scherzton gesagt, ernsthaft, einfach absurd. Was gräbt sich da in die Seele und in das Gedächtnis ein? Ich bin angefasst, sage erst nichts und mache dann Miriams Mutter darauf aufmerksam, dass da etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen ist. Später sehe ich, dass sie mit Miriam darüber spricht.

Ich will aber sofort gegensteuern. Das Spiel ist bald zu Ende, ich hole Miriam: "Komm, wie reparieren die Kugel." Ich habe Holzleim geholt. Miriam streicht auf die eine Hälfte vorsichtig die weiße Heilsalbe, sie drückt die Hälften aufeinander, ich wickle Klebestreifen drumrum. "Morgen ist die Kugel wieder okay", sage ich. Miriam strahlt. "Das hab ich ja nicht extra gemacht", sagt sie. "Klar doch, natürlich nicht", sage ich. 

Und ich sage noch etwas: "Weiß Du, die Kugel ist uralt, das hätte mir genauso passieren können. Und der Satz vorhin, dass Urgroßmutter nicht will, dass Du damit spielst, war Banane. Sie freut sich bestimmt, dass Du ihre Kugel hattest und dass wir sie repariert haben." Miriam sieht mich von innen an, blickt erleichtert und trollt sich. Und ich wünsche, dass die weiße Salbe auch die Schramme in ihrer Seele heilt.


Montag, 5. Juli 2021

Das Wiederfinden der psychosozialen Macht

 

 

Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das, was sich psychisch in einem Menschen ereignet, bei diesem selbst liegt, bedeutet neben vielem anderen auch, dass niemandwirklich psychisch gezwungen werden kann, zu nichts. Wie man die Welt und ihre Erscheinungen deutet, bewertet und gewichtet, ist einzig die Sache des einzelnen. Ob ein Freiheitskämpfer dem Exekutionskommando entgegenruft "Es lebe die Revolution!" oder ob er apathisch und demoralisiert auf das Ende wartet - das ist seine Sache, seine Verantwortung für sich.

Eine Kultur, die Herrschaft zur Grundlage hat, muss den Menschen diese gesellschaftlich hochwirksame Potenz nehmen. Denn nur der ist beherrschbar, der dem Beherrschtwerden auch zustimmt, der sich auch unterwerfen will. Es gibt immer gute Gründe, lieber seinen Nacken zu beugen als sich den Kopf abschlagen zu lassen - aber ein jeder hat tatsächlich die Wahl zu leben oder zu sterben, jeden Augenblick. Es ist immer die Frage, wo man für sich den größeren Vorteil erkennt. Hierüber trifft man selbst die Entscheidung, niemand sonst.

Es ist leicht, Menschen zu beherrschen, die das Gefühl für ihre Selbstverantwortung verloren haben, die daran gewöhnt sind, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: die Eltern, die Gesellschaft, die Verhältnisse. Das Wiederfınden der Selbstverantwortung bedeutet im gesellschaftlichen Bereich das Wiederfinden der psychosozialen Macht des einzelnen. Es ist dies eine Macht, die durch nichts wirklich ausgehebelt werden kann und die jedem, der herrschen will, seine Grenze zeigt.


Montag, 28. Juni 2021

Umsiedeln in den Großraum Positiv

 


 

Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es lässt sich rasch überlegen, dass es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, dass es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluss zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Wir gehören uns selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Es gibt die Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es gibt die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, dass das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie lässt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es passt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Misstrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich lass mir das nicht schlechtreden - ich lass mich nicht mehr schlechtreden“. Man muss ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flussfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewissheit, dass alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Dass alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Grundidee: diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.


Montag, 21. Juni 2021

Entwicklungskonferenz

 



Was ist gut für die kindliche Entwicklung? Die Frage ist – mit Vorsicht zu genießen! 

Zunächst das Jahr 1900. Es gibt eine Konferenz zur weiblichen Entwicklung. Die (männlichen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Männer sind in ihrem Element. 

Plötzlich Unruhe, Lärm, Getöse. Die Frauen haben mitbekommen, was da passiert. Sie sind empört. „Ihr wisst, was für unsere Entwicklung gut ist?“ Die Anmaßung der Männer macht sie wütend. Sie treten die Türen ein, vertreiben die Männer. „Wir wissen selbst, was für uns und unsere Entwicklung gut ist.“ 

Hundert Jahre später gibt es eine Konferenz zur kindlichen Entwicklung. Die (erwachsenen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Erwachsenen sind in ihrem Element. 

Unruhe, Lärm und Getöse kommen diesmal von innen. Ich nehme an der Konferenz teil und bin an der Reihe, meine Sicht darzustellen. Ich sage zur Verblüffung der versammelten Fachleute: „Ich bin nicht befugt, mir über die Entwicklung junger Menschen derartige Gedanken zu machen, wie sie hier gepflegt werden und Standard sind.“ 

Gedanken, die Kinder zu Objekten unseres Nachdenkens machen und die uns über sie stellen. So etwas verletzt und depersonalisiert, auch wenn es in bester Absicht geschieht. Es ist unwürdig und herabsetzend. Es entkernt ihre Menschenwürde.“ 

Außerdem: Wenn wir objektiv expertenhaft und nicht subjektiv und persönlich über Kinder nachdenken, ist das unwissenschaftlich! Denn jede Wissenschaft muss dem entsprechen, was sie untersucht. Und unsere Gegenüber sind Personen, keine Gegenstände und rein physikalische Dinge. Also müssen unsere Maßstäbe und Parameter nicht sachlich und objektiv sein, sondern personal und subjektiv!“ 

Ich stelle die „objektiven“ Grundlagen von Pädagogik und Psychologie in Frage und werde deutlich: „Es ist unangemessen und unwissenschaftlich, die kindliche Entwicklung mit objektiver Perspektive zu betrachten. Kinder sind nun einmal keine Sachen. Genau so wie es unangemessen und unwissenschaftlich ist, die Gefühle des Autos beim Bremsen zu untersuchen: Denn Autos sind Sachen und keine Personen.“ 

Nach diesem Vergleich wird es laut im Auditorium. Ich lasse mich nicht beeindrucken. „Wären wir klassische Mediziner, wäre das anders. Dann ginge es um den Körper und seine physikalischen Vorgänge. Die wissenschaftlichen Maßstäbe sind dort sachlich und unpersönlich. Hier geht es aber um die Personalität und Würde junger Menschen.“ 

Und überhaupt ist diese Konferenz genauso chauvinistisch wie damals, als die Männer über die weibliche Entwicklung nachdachten: Oben-Unten-Struktur. So etwas ist adultistisch. Die Konferenz sollte aufgelöst werden!“ 

In dem folgenden Tumult verlasse ich die Konferenz und höre, wie die Kinder die Türen eintreten...



 

Montag, 14. Juni 2021

schule - 10:03 Uhr

 


 

deutscharbeit in der klasse 8c. es ist 10:03 uhr. angespannte ruhe liegt über den jungen leuten. ein stuhl wird gerückt. der lehrer blickt auf. ein schüler ist aufgestanden. "was ist los, kilian?"

alle sehen jetzt auf. der schüler sieht zufrieden aus. er schaut zur tafel, durch sie hindurch. "kilian, was ist?" leicht irritiert steht der lehrer auf. "ich schreibe nicht weiter. ich schreibe keine aufsätze mehr."

nach einer sekunde absoluter stille wird es sehr unruhig.

der lehrer wird energisch. "lass den quatsch und setz dich. schreib weiter." kilian richtet sich ganz auf. er sieht den lehrer an.

"sie haben kein recht dazu. meine gedanken gehören mir. niemand hat das recht, meine gedanken auf sein papier zu befehlen. ich werde keine aufsätze mehr schreiben. nie mehr."

seine entschlossenheit bewirkt noch einmal absolute stille im klassenraum.

dem lehrer gelingt keine antwort. zwei, drei andere junge leute stehen ebenfalls auf. sie sagen nichts, sie schließen ihre hefte.

der lehrer ist fassungslos, sprachlos. alle stehen jetzt, alle hefte sind geschlossen. "wollen sie einen kaffee?" fragt freya, "ich hole einen".

tagesschau:

"überall im land haben sich heute vormittag zahlreiche schüler geweigert, ihre klassenarbeiten zu schreiben. lehrer berichten, dass die schüler mitten im unterricht aufstanden und die fortsetzung ihrer arbeiten ablehnten. lehrer, pädagogen, psychologen und eltern können sich diesen vorgang nicht erklären, zumal es an sehr vielen orten gleichzeitig gegen 10:00 uhr vormittags geschah. die entschiedenheit der ablehnung, klassenarbeiten zu schreiben, kam umso unvermuteter, als es keine vorherigen anzeichen für ein solches phänomen gab."


 

Montag, 7. Juni 2021

"Fährst Du mich zum Arzt?"

 

 

Aus dem Forschungsprojekt für meine Dissertation: 

 

Es ist 23.00 Uhr. Ich bin mit drei Kindern und Brigitte (24) im Ferienhaus. Claudia (12) hat etwas vor die Nase bekommen, sie ist riesig dick. „Kriegst du Luft?“ Es sieht nach Bagatelle aus, morgen wird es weg sein, denke ich. Sie sagt, dass sie zum Arzt will. Wir fahren ins Krankenhaus, klingeln die Nachtbereitschaft raus, und die Nase wird untersucht. Es dauert insgesamt drei Stunden, bis wir zurück sind. „Morgen soll sie zum Nachsehen und Röntgen kommen“, sagt der Arzt. 

Am nächsten Morgen hat Claudia keine Lust dazu. Okay, ich akzeptiere. „Aber die Kinder können das doch gar nicht überblicken“, höre ich in mir. Wenn Claudia Brigitte wäre, würde ich ein „Ich hab keine Lust“ auch akzeptieren. „Du wusstest doch, dass es nicht so schlimm war, wieso fährst Du dann überhaupt los?“ höre ich in mir. Ich respektiere Claudias Wunsch, so wie ich Brigittes Wunsch respektiert hätte. „Und deswegen erst um zwei im Bett?“ 

Ich habe ganz andere Perspektiven. Ich habe mit Claudia erlebt, wie das von elf bis zwei war: Die Angst, ihr Vertrauen „Fährst Du mich zum Arzt?“, die Fahrt, die Ankunft vor dem Krankenhaus, im Fahrstuhl, die Untersuchung, die Rückfahrt und die Erleichterung. Wir waren unter uns, ich fühlte mit ihr und sie vertraute mir ihre Sorge an.



Montag, 31. Mai 2021

"Der spielt."



Ich bin zu Besuch bei meiner Tochter Xenia. Das Abendessen ist vorbei, Geschirr und Besteck sind in die Spüle geräumt. Mein Enkel Johann (2 ½ ) nimmt sein Kinderstühlchen und rückt es vor der Spüle zurecht. Er stellt sich darauf und kann jetzt dort oben wirtschaften. Sein Vater Ulf stellt ihm das Wasser an. Ich sitze am Küchentisch, vier Erwachsene und Johanns Bruder Yann (5). Wir unterhalten uns, nur nebenbei sehe ich Johann vor mir an der Spüle. 

Dann geht ein Wahrnehmungs-Fenster auf, und ich sehe das Kind intensiv, bin konzentriert und schwinge ein: Johann nimmt den Lappen, wäscht hier etwas ab, stellt dort etwas um, Johann singt vor sich hin. Mir geht das Herz auf: dieser junge Mensch ist so ganz bei sich, in seiner Welt. Souverän, ohne Wenn und Aber: Johann wäscht ab. 

Als ihm eine Tasse mit lautem Bums ins Becken fällt – da sehen alle kurz auf und sind dann wieder in ihrer Gersprächswelt – nicht in Johanns Welt. Da bin ich aber grade angekommen, und ich bin verblüfft, dass Xenia und Ulf ihn mit dem Wasser so rumhantieren lassen, die mögliche Überschwemmung lässt grüßen. Außerdem könnte die Tasse ja auch auf den Boden gefallen sein. Stress und Scherben am Abend. 

Ich komme in unsere Erwachsenen-Gesprächswelt zurück „Xenia, weiß Du eigentlich, was Johann grade macht?“ Ich will sie behutsam auf das zu erwartende Ärgernis vorbereiten. Xenia nur kurz und völlig selbstverständlich: „Der spielt." Da bin ich sprachlos und zum zweiten Mal heute Abend fasziniert: Ich dachte, die Mutter ist dankbar für meinen Hinweis, steht jetzt auf und kümmert sich um mögliche Scherben und Pfützen. Aber nein! 

Sie hat ihr Kind nicht ausgeblendet, während wir reden. Sie weiß genau, wo er ist, was er macht und wie er unterwegs ist: „Der spielt.“ Aha – der spielt! Ja, klar doch, irgendwie völlig klar doch. Wasserpfützen, Scherben? Ganz verkehrte Welt! „Der spielt."

 

Montag, 24. Mai 2021

Gleichwertigkeit - ein schwieriges Ding

 


Die Gleichwertigkeit ist ein schwieriges Ding. Arzt und Mörder sind gleichwertig. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur grundverschiedene Wege. Aber ihr Wert und ihre Würde sind von gleichem Rang. Das ist ein weit gefasstes Bild und schließt niemanden aus.

Auch nicht die, von denen wir gelernt haben, dass sie wenig wert sind, dass sie böse sind, wie man sagt. Die Würdekrone aber haben alle. Doch soll man dann alles durchgehen lassen?

Kain. Er erschlägt seinen Bruder Abel. Besuchen wir die beiden! Mit der Zeitreise. Wir landen mit unserer Rakete hinten auf dem Acker, Kain holt grade mit dem Stein aus. „Halt“, rufe ich, „warte mal!“ „Was willst Du? Wer seid Ihr denn?“

Ich rede auf ihn ein, ich sage ihm, dass es keine Bösewichte gibt und dass er es auch nicht ist, auch nicht, wenn er seinen Bruder erschlägt. Aber ob das denn unbedingt sein muss, und dass seine Opfergabe … und so weiter. Ich versuche ihn davon abzuhalten, seinen Bruder zu töten.

„Verschwinde jetzt,“ sagt er schließlich, „ich will meinen Bruder umbringen, so steht es in der Bibel.“ „Bei allem Respekt, Kain, Du weißt, dass ich Dich nicht für einen Bösewicht halte, aber das wirst Du nicht tun!“ Und auf mein Kommando stürzen wir uns auf ihn und entwinden ihm den Stein.

Ich will damit sagen, dass ich mir – bei allem Respekt auf der psychischen Ebene – sein Handeln nicht bieten lasse.

Was allen „Bösewichten“ gegenüber gilt. Und wenn ich eine Chance habe, kann da keiner von denen tun, was er will, sei es nun ein Bombenleger, Feuerteufel, Amokfahrer, Säurespritzer, Mädchenhändler, Kindesmissbraucher, Drogenboss, Tierquäler oder ein sonstiger Fürst der Finsternis. Das Durchsetzen in der äußeren Welt ist ein klares Oben-Unten.

Die Handlungsebene muss aber nicht von einer psychischen Oben-Unten-Position umgeben sein. Dort, in der inneren Welt, ist bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt Gleichwertigkeit. 

Uneingeschränkt gilt für jeden: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es besteht der Unterschied von „böser“ Tat, die es zu verhindern gilt, und Täter, der immer ein Ebenbild Gottes ist. 

Mein Handy klingelt. „Hallo?“ Ein berüchtigter Kindsmörder ist dran. „Sie behaupten doch, ein Mörder habe gleichen Wert wie ein Arzt?“ „Ja, hat er!“ „Das ist doch Unsinn, das glauben Sie doch selbst nicht. Ich bin ein Mörder und viel weniger wert als ein Arzt. Und um Ihnen Ihren Unsinn zu beweisen: schauen Sie mal aus dem Fenster, ich bin hier hinten im Gebüsch.“ 

Ich sehe ihn, er winkt. „Und ich habe Ihre Tochter, die bringe ich jetzt um. Da werden Sie schon merken, was für ein Bösewicht und Ekel ich bin. Nehmen Sie Ihr Fernglas, da können Sie zusehen.“ Solche Anrufe kenne ich. 

Ich habe aber kein Fernglas parat, sondern ein Gewehr mit Zielfernrohr. Blitzschnell nehme ich es hoch, ziele auf sein Messer und drücke ab. Da er sich beim Zustechen bewegt hat, treffe ich nicht das Messer sondern seine Brust, meine Tochter ist unversehrt. Ich stürze aus der Wohnung und renne die 100 Meter zu ihm hin. „Du elendes Schwein, Du stichst keine Kinder mehr ab!“ Ich trete ihn vor Wut. 

Nein, es ist ganz anders: Ich renne zu ihm hin, das Blut spritzt, er liegt auf dem Boden, ich nehme ihn in den Arm, er sieht mich mit brechenden Augen an: „Ich bin ein Schwein“, sagt er leise. „Nein“, sage ich und streichle ihm über den Kopf, „Du bist ein Ebenbild Gottes wie ich. Du gehst nur einen Weg, den ich nicht mitgehen kann.“







Montag, 17. Mai 2021

Selbstliebe und erziehen


 

Vor einiger Zeit gab ich der Böhme-Zeitung in Soltau ein Interview über "Selbstliebe und erziehen":

  

Die Annahme, dass Kinder erst zu „richtigen“ Menschen erzogen werden müssten, ist sicherlich falsch, wenn damit „vollwertig“ oder „gleichwertig“ gemeint ist. Dennoch bedürfen Kinder in unterschiedlichen Lebensphasen doch immer wieder elterliche Unterstützung und auch Anleitung. Was soll daran falsch sein?

Nichts. Besser: kommt drauf an. Auf den Ton nämlich, der beim Unterstützen und Anleiten dabei ist. Von oben herab? Weil ich recht habe? Weil Du noch ein Kind bist? Ja, wir stehen oben, haben recht und ein Kind ist ein Kind. Aber bei aller Offensichtlichkeit: da kann ein unguter Ton dabei sein, der von oben herab kommt, mit Rechthaberei und „Du bist nur ein Kind“. Das muss nicht sein. Und es sollte nicht sein. 

 

Die allermeisten Eltern handeln instinktiv so, wie es ihrer Überzeugung nach das Beste für das Kind ist. Wenn sie jetzt hören, dass das zu viel ist – erzeugt das nicht vor allem ein schlechtes Gewissen und verunsichert die Eltern nur noch mehr in einer Welt zwischen Perfektionismus und Überlastung? 

Menschen gibt es seit Millionen Jahren, und immer haben Eltern instinktiv so gehandelt, wie sie es als gut für ihre Kinder eingeschätzt haben. Das ist der richtige Weg und nicht „zu viel“. Ich bestärke Eltern darin, sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Das ganze heutzutage ausgetüftelte Erziehungsdenken stört: das ist zu viel, wird leicht zur Last und verunsichert. Ja, man kann auch mal einen Erziehungsratgeber lesen oder einen Vortrag zu Erziehungsfragen besuchen. Aber nötig ist das nicht. 

 

Sie schlagen vor, die Selbstliebe wieder zum Ausgangspunkt des Umgangs mit den Kindern zu machen. Ist das nicht leichter gesagt als getan? Setzt diese Selbstliebe ein radikales Umdenken voraus? Und wie müsste das aussehen? Ist Selbstliebe vor allem eine Frage der inneren Einstellung? 

Mein Vorschlag ist keine Hausaufgabe. Niemand muss die Selbstliebe zum Ausgangspunkt des Umgangs mit Kindern machen. So etwas hört sich doch nur anstrengend an. Ich bin da anders unterwegs, nämlich so: Jeder kann es sich gestatten, erlauben, sich hineinfallen lassen in ein freundliches Ich-mag-mich. So was braucht kein Umdenken und keine besondere Einstellung. Und um so besser, wenn einem das im Zusammensein mit den Kindern passiert.

 

Selbstliebe scheint heute vielen Menschen schwer zu fallen, sie ist alles andere als selbstverständlich. Selbstzweifel scheinen – gerade Eltern – zu dominieren. Wie kann man Selbstliebe lernen? 

Menschen tragen die Selbstliebe von Geburt an in sich. Wir haben nur in der Kindheit gelernt, uns nicht als liebenswerte Ebenbilder Gottes zu sehen sondern als fehlerhafte Wesen, die man erziehen muss. Weg damit! Es ist aber auch kein Drama, wenn man an sich zweifelt. Das gehört in der Erziehungskultur, in der wir groß geworden sind, eben dazu. Und: „Selbstliebe lernen“ - so geht das nicht. Sie ist ja da, und es kann einem irgendwie (?) widerfahren oder geschenkt werden, dass sie wieder aufblüht. Jeder ist da eingeladen, sich auf seine Sebstliebewiese plumpsen zu lassen, so wie wir das als Kinder konnten. Vielleicht gehört einfach ein bisschen Mut dazu, sich zu trauen. Sich zu vertrauen. Sich in Ruhe zu lassen. An sich zu glauben. 

 

Auch wenn es Eltern gelingt, sich selbst zu lieben, löst das noch nicht alle familiären Probleme. Auch selbstliebende Eltern werden weiter mit ihrem Kind und miteinander Konflikte austragen müssen, auch miteinander streiten. Wo ist da der entscheidende Unterschied? 

Noch einmal: Es muss Eltern nicht gelingen, sich selbst zu lieben. Das ist doch alles viel zu gewollt. Nichts muss. Nur: Wenn man sich mag, was ja vorkommen kann, dann lassen sich die Alltagsprobleme gelassener angehen. Konflikte wird es immer geben. Ich sag hü, das Kind sagt hott. Und dann gebe ich gelassen nach oder ich setze mich ohne Zimperlichkeit durch: „Es gibt nicht noch ein Eis!“ Das haben die Kinder natürlich nicht so gerne, es entstehen Ärger und Leid. So ist es, und das lässt sich auch nicht vermeiden. Und: Ich mag mich, wenn ich mich durchsetze! Weil mir das wichtig ist, weil es meinen Werten und meinen Vorstellungen vom Besten des Kindes entspricht. 

Zum Unterschied: Ich muss den Kindern dann ihren Unwillen, Ärger oder Leid nicht wegpusten und madig machen durch ein „Sieh das ein“ und „Es ist doch nur zu Deinem Besten“. Nach jedem Regen scheint die Sonne ganz von allein. Wir müssen es uns nicht übel nehmen, wenn wir Steine im Weg der Kinder sind. Das gehört einfach dazu. Die Quadratur des Kreises, sich durchzusetzen und dabei noch ein Lachen hervorzulocken, muss sich niemand antun. 

 

Bedeutet Selbstliebe, dass ich auf Erziehung verzichten kann? Wie soll ich mein Kind dann begleiten? 

Auf Erziehung verzichten? Man kann darauf verzichten, sich im Umgang mit Kindern missionarisch, besserwisserisch, mit ungutem Sieh-das-ein-Ton über die Kinder emporzuschwingen. Ich habe den Begriff „Erziehung“ nicht so gerne, weil er diese Oben-Unten-Position normalerweise als Grundrauschen enthält. Aber lassen wir das, erziehen wir die Kinder einfach ohne diese traditionelle und pädagogische Erwachsenen-Macke. Erziehen wir instinktiv oder belesen oder beides. Verunsichert oder gefestigt oder beides. Wie es kommt. Selbstliebe hin oder her. Wie gesagt, seit Millionen von Jahren... Das wird schon!



Montag, 10. Mai 2021

Was ist gut für die kindliche Entwicklung?

 



Eine Passage aus meinen Vorträgen:

Was ist gut für die kindliche Entwicklung? Das wissen die Experten. Das wissen die Experten? Vorsicht! 

Zunächst das Jahr 1900. Es gibt eine Konferenz zur weiblichen Entwicklung. Die (männlichen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Männer sind in ihrem Element. 

Plötzlich Unruhe, Lärm, Getöse. Die Frauen haben mitbekommen, was da passiert. Sie sind empört. „Ihr wisst, was für unsere Entwicklung gut ist?“ Die Anmaßung der Männer macht sie wütend. Sie treten die Türen ein, legen Feuer. „Wir wissen selbst, was für uns und unsere Entwicklung gut ist.“ 

Hundert Jahre später gibt eine Konferenz zur kindlichen Entwicklung. Die (erwachsenen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Erwachsenen sind in ihrem Element. 

Unruhe, Lärm und Getöse kommen diesmal von innen. Ich nehme an der Konferenz teil und bin an der Reihe, meine Sicht darzustellen. Ich sage zur Verblüffung und Verwirrung der versammelten Gelehrten: „Ich bin nicht befugt, mir über die Entwicklung anderer Menschen derartige Gedanken zu machen.“ 

„Gedanken, die Kinder zu Objekten meines Nachdenkens machen und mich über sie stellen. So etwas verletzt und depersonalisiert, auch wenn es in bester Absicht geschieht. Es ist unwürdig und herabsetzend. Es entkernt ihre Menschenwürde. Wenn wir expertenhaft über Kinder nachdenken, ist das genau so chauvinistisch wie damals, als die Männer über die weiblichen Entwicklung nachdachten. So etwas ist adultistisch. Ich verlasse diese Konferenz.“ Und die Kinder treten die Türen ein und legen Feuer... 

Ich fahre von der Konferenz nach Hause. Ich überlege, welch kleines Geschenk ich meiner Frau mitbringen könnte. Stopp an der Tankstelle. Mon Chérie oder Rose? Ich bin unschlüssig. „Was suchen Sie?“, fragt der Kassierer. „Ich weiß nicht, ob ich meiner Frau Mon Chérie oder eine Rose mitbringen soll.“ „Ja“, sagt er, „schwere Entscheidung.“ Ich nicke. „Bringen Sie ihr doch das mit, was gut für ihre Entwicklung ist.“ (Die Zuhörer lachen, es ist absurd.)

Aber keine Sorge, das Gespräch gibt es nicht. Ich schenke ihr das, von dem ich meine, dass es ihr die meiste Freude macht. 

Am nächsten Tag bin ich zum Einkaufen unterwegs. Mein Neffe hat Geburtstag. Ich stehe unschlüssig vor dem Schaufenster des Spielwarengeschäfts. „Worüber denkst Du nach?“ Mein Freund ist mitgekommen. „Teddy oder Lego“, sage ich. „Ich kann mich nicht entscheiden.“ „Wie alt wird er denn?“ „Drei“, sage ich. „Das kann doch nicht so schwer sein,“ sagt er. „Was ist denn gut für seine Entwicklung in dem Alter?“ Gute Frage! Was sagen Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Hirnforschung? 

Mein Neffe steht plötzlich neben uns. Er ist empört. „Wie denkt Ihr denn über mich? Ihr wisst, was gut für meine Entwicklung ist? So was steht in den Büchern? Darüber gibt es Konferenzen? Das läuft an den Universitäten? Habt Ihr sie noch alle? Ich bin doch kein Objekt Eurer geistigen Begierde! Ich bin ein Mensch mit Würde und habe eine Würdekrone! Lasst den Unsinn. Und schenkt mir das, von dem Ihr meint, dass es mir Freude macht.“ 

Ich mache mir schon Gedanken darüber, was für andere Menschen und für meine Kinder und ihre Entwicklung gut ist. Aber der ganze Blick ist dabei – anders. Ich nehme keine objektivierende und expertenhafte Haltung ein, sondern bin subjektiv unterwegs, von Person zu Person. Und ich möchte auch nicht, dass da – wann auch immer – „Experten“ mich beäugen und „objektiv“ über mich befinden. Niemand will das, auch kein Kind. 

Aber ist „Unterstützen statt erziehen“ denn nicht gut für Kinder? Wer kann das wirklich wissen! Es ist ein Weg zu den Kindern. Es ist mein Weg zu den Kindern.

 

Montag, 3. Mai 2021

Das klappt doch nie? Trau Dich!


 

  

„Das klappt doch nie!“ Das wurde mir neulich vorgesetzt. „Kann schon sein, dass es nicht klappt“, dachte ich, „kann aber auch nicht sein.“ Und dann fiel mir dieses fulminante „Klappt doch nie!“-Erlebnis vor langer Zeit ein:

*
Ich mache mit der Familie Ferien in England, meine Frau Brigitte, Felix (9), Xenia (7) und ich. Eines Tages fahren wir mit der Fähre weiter zu den Äußeren Hebriden. Wir besuchen den Leuchtturm Butt of Lewis und fahren einige Tage später mit der Fähre wieder zurück nach Schottland, Hafen Ullapool. 

Wir verlassen den Hafen, es soll nun zum Loch Ness gehen. Nach einer halben Stunde: „Mein Stickzeug ist nicht da.“ Xenia hat Stickgarn mit und knüpft damit auf der ganzen Reise bunte Freundschaftsbänder Aber jetzt ist es nicht wie gewohnt neben ihr im Auto.

Während wir weiterfahren, überlegen wir, wo es sein könnte. Schließlich halte ich an und suche die vollgepackte Rückbank ab, aber es ist kein Stickzeug da. „Jetzt überlege mal, wann hast Du es zuletzt gesehen?“ „Auf der Fähre.“ 

Stimmt, ich erinnere mich, Xenia hat es dort benutzt, vor ihr auf dem Tisch. Dann kam es wie immer in eine leere rote Chipsrolle. Ich sehe alles deutlich vor mir. Kurz vor dem Aussteigen stand die rote Rolle neben Xenia auf der Bank, auf der wir gesessen hatten. 

„Hast Du vergessen, sie von der Bank mitzunehmen?“ Es kommt keine Antwort, der Kummer ist zu groß. 

Na ja, weg ist weg. Aber ich kann das nicht! Da muss mehr gehen! Ich habe beim Aussteigen den Reinigungsdienst gesehen, die Frauen packten alles Liegengebliebene von Tischen und Bänken in große blaue Müllsäcke. Sie mussten die Chipsrolle für das gehalten haben, was offensichtlich war: Müll, auf der Bank zurückgelassen. Eingepackt und weg. 

Eine verwegene Idee meldet sich in mir: Wenn ich die Müllsäcke untersuche? Ja, im Film, aber nicht in der Realität. „Wir könnten zurückfahren und ich untersuche die Müllsäcke“ sage ich trotzdem. „In einem müsste Dein Strickzeug sein.“ Aber so eine Trostbemerkung ist doch unfair. Unfair? 

„So ein Quatsch.“ Die Stimmung im Auto ist entsprechend deutlich. „Außerdem sind wir schon viel zu weit weg.“ In mir nimmt es Schwung. „Ich könnte es doch versuchen.“ Aber „Das klappt doch nie“ breitet sich weiter aus. 

Ich will Xenia nicht hängen lassen. Wenigsten einen Versuch machen! Ich sehe mich irgendwo am Hafen die Säcke aufschlitzen. 

Brigitte kennt mich: Wenn ich mir so etwas Absurdes einmal in den Kopf setze, dann... Sie gibt mir freie Hand, Loch Ness würde uns nicht weglaufen. Nessie grunzt freundlich. Felix und Xenia sagen gar nichts mehr, es ist alles zu unwahr. 

Ich drehe das Auto mit Schwung um und fahre zurück. Die Atmosphäre ist erst angespannt, dann heiter. So viel Nonsens für ein Stickzeug. Soviel Liebe für ein Kind. 

Am Hafen traue ich mich nicht, über den Zaun zu den blauen Säcken zu klettern. Wen fragen, ob das geht? „Das klappt doch nie“ lauert. Am Ticketschalter: „Wir waren grade auf der Fähre. Meine Tochter hat ihr Stickzeug vergessen, es müsste in einem der Müllsäcke in einer roten Chipsrolle sein. Ob ich vielleicht...?“ Der Ticketman sagt nur: „Hafenmeister.“ 

Puh, hohe, sehr hohe Hürde. Den Hafenmeister für so eine Bagatelle angehen? Der hat weiß Gott anderes zu tun. Es ist aber keine Bagatelle! Es ist eine Herzenssache! Auch diesen Versuch will ich machen, auch wenn ich mich schwer blamieren sollte. „Wartet am Auto.“ 

Büro des Hafenmeisters, Anklopfen, reingehen. „Meine Tochter...“ Der Hafenmeister legt seine beiden Telefonhörer aus der Hand und hört zu, sehr konzentriert. „Ich habe auch eine Tochter in dem Alter.“ Gespräch von Vater zu Vater. „Wir haben die Müllsäcke aber gar nicht hier ausgeladen, sie werden diesmal auf der anderen Seite, in Lewis entsorgt. Die Fähre ist schon zurückgefahren.“ 

Aus der Traum! Aber: „Ich rufe den Kapitän an, die Crew kümmert sich darum. Wie sah die Rolle genau aus?“ Mir kommen fast die Tränen. „Warten Sie vor dem Büro, es kann dauern.“ 

Alle vier warten wir auf der Bank vor dem Büro. Gespannt, angespannt. Ob das was wird? Wie unrealistisch ist dass denn eigentlich alles? Das Fünkchen Hoffnung wird stärker – die Enttäuschung wird um so größer sein... Schließlich öffnet sich die Tür, der Hafenmeister steckt den Kopf raus, sieht uns: „We get it!“ 

Wir sind sprachlos. „Die Fähre kommt morgen um elf Uhr zurück, seines Sie dann am Kai, der Kapitän bringt Ihrer Tochter das Stickzeug mit.“ Wir sind immer noch sprachlos. 

Dann suchen wir uns einen Campingplatz, haben eine schönen Abend am Meer und kriechen voll Vorfreude ins Zelt. Am nächsten Vormittag sind wir um elf am Kai. Die Fähre läuft ein, die Passagiere verlassen das Schiff. 

Dann kommt die Crew. Zum Schluss auf der großen Außentreppe der Kapitän in seiner blauen Uniform. In seiner rechten Hand hält er – die Rolle! Rot und wunderschön. Es ist einfach nur ergreifend. Schon hat er uns entdeckt und gibt Xenia ihre Rolle, sie drückt sie an sich. So viel Kinderglück. Der Kapitän und ich, wir strahlen uns an. 

Ich sause zum Hafenmeister, Bürotür auf, großer Dank, Händeschütteln. Weiter geht’s fröhlich zum Loch Ness.







 

 


Montag, 26. April 2021

Zauberei unten am Fluss



Nach dem Joggen mache ich Gymnastik. Ich sitze auf dem Boden, auf dem kleinen Weg am Fluss. Ein Wanderer kommt auf mich zu. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er besorgt. „Ja“, sage ich, „ich mache nur Gymnastik. Danke.“ Wir sehen uns freundlich an, und er geht wieder seiner Wege. Er sah einen Menschen am Boden, war besorgt und hat sich gekümmert. Es tut mir gut. 

„Ist alles in Ordnung?“ Wir können immer wieder hinschauen. Vielleicht braucht jemand gerade Hilfe. Meine Hilfe. Doch da gibt es auch eine Hürde, die es zu nehmen gilt. Bin ich aufdringlich, übergriffig? Bringt meine Frage nur unangenehme Reaktionen?

Wie viel Einmischung darf sein? Wie immer kommt es letztlich auf mich an. Der andere wird dann schon reagieren. Ich sehe jemandem am Boden: kommt das gut, wenn ich da nachfrage? Ich überwinde die Hürde, betrete ungefragt sein Land und folge dem Impuls, mich einzumischen. Es drängt mich danach, und es beruhigt mich. Ich lasse ein mögliches Leid nicht am Wege liegen, übersehe dieses Signal nicht. Jeder gehört sich selbst, klar, aber diese Grenzüberschreitung gestatte ich mir.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich denke darüber nach. Wie oft reagiere ich, wenn etwas neben mir auftaucht, das Leid sein könnte? Wie viel sehe ich und wieviel übersehe ich? Wie oft kann ich den Blick lösen vom Eingefangensein des Alltags? Ich nehme mich jetzt nicht in die Pflicht, sorgsamer zu sein. Aber ich spüre dem nach und merke, dass es einfach auch gut tut, sich zu kümmern. Mir gut tut. Es ist auch ein Abenteuer der Freude, dem anderen beizustehen und ihm aufzuhelfen.

Wenn wir in einem Raum liebevoller Leichtigkeit unterwegs sind, schauen wir nach dem Leid des anderen. Wenn wir selbst beschwert sind, gelingt das selten. Das muss man sich ja nicht übelnehmen, wir sind stets unterschiedlich beladen unterwegs. Sein „Ist alles in Ordnung?“ kommt aus einem guten Land, überschreitet die Grenze und führt in ein gutes Land. Der Wanderer und ich sind uns in diesem Land begegnet, ein bisschen Zauberei unten am Fluss. Ein Geschenk, das mich begleitet.



 

Montag, 19. April 2021

Ole und der Fischknuddel


 

Ich bekomme mit: Grundschule, Nachmittagsbetreuung. Der Siebenjährige erzählt: „Miriam hatte genug gegessen. Aber der Teller war noch nicht leer. Ole, der Betreuer, hat sie angemault: 'Wenn Du nicht aufisst, bleibst Du bis heute Abend hier!'“ 

Echt jetzt? So was ist doch Lichtjahre zurück! Ich sehe mich bei meiner Großmutter sitzen vor dem Kochfisch, knalltrocken der Mund, ewiges Rumgekaue auf dem Fischknuddel. „Erst isst Du auf, dann kannst Du losziehen.“ Auch ich war sieben. 

Meinen Kindern habe ich gesagt, immer: „Iss nur so viel, wie Du kannst, gut kannst. Was Du nicht schaffst, schaffst Du nicht.“ Es kam selten vor, dass sie nicht aufgegessen haben. Jedenfalls hab ich den schaurigen Aufessedruck in meiner Familie gar nicht erst aufkommen lassen. Ist doch so selbstverständlich wie was. War damals schon ein bisschen Revolution. Aber: Wie kann man Kinder nur zum Aufessen drängen? Gar zwingen? Wer macht denn so was? 

Dahinter wuchtet natürlich die Menschenwürde, die unantastbare. Hier: die körperliche Unversehrtheit, das Recht auf den eigenen Körper. Was ich als Vater ja auch immer wieder nicht umsetzen konnte. Wenn es um das Waschen ging, Zähneputzen, Anschnallgurt im Auto, Festhalten beim Wickeln, ach, tausend Übergriffe. Die sein mussten, wie ich das so meinte. Aber dieses ungewünschtes Mittagessen? Ist das anders als Hustensaft? Bin ich zu unnachsichtig mit Ole und Co.? 

„Mein Bauch gehört mir!“ Stolzes Wort in Kindermund. „Schon mal gehört?“ Ja doch, aber: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. „Und deswegen kommt das Vollkornbrötchen in Deinen Bauch und nicht der 17. Schokohase von der Oma“. Immerhin, bei aller meiner Durchsetzungsmacht (Erwachsener oben, Kind unten): Ich setze mich „nur“ in der äußeren Welt durch (ich bin ja nicht antiautoritär). Aber die innere Welt des Kindes lasse ich in Ruhe. Ich habe nicht wirklich Recht, ich folge nur meiner subjektiven Wahrheit. Einsehen muss bei mir kein Kind was. Wiewohl es meinen Einsichten folgen kann, wenn es das will. Oder eben folgen muss, wenn es das nicht will.

Aber Ole? "...bis heute Abend!"? 

Klar, ich könnte diesen Ole darauf ansprechen. Was sollte mich wirklich hindern? Ich kann allemal in eine Nachmittags-Kinderbetreungs-Situation reinplatzen und den Mund aufmachen. Oder um ein Gespräch nachsuchen. Nur: Wer Kinder so anfaucht, der ist dermaßen in einer anderen Welt unterwegs als ich. Wenn das was werden sollte, müsste ... Zauberei ist immer möglich, aber da muss ich ein stimmiges Gefühl haben. Was bei der Ole-Geschichte aber nicht so ist. 

Ich lass ihn in Ruhe, ich glaube nicht, dass das was bringen würde. So jemand ändert sich nicht wirklich, jedenfalls nicht durch die Intervention von mir, einem Außenstehenden. Es müsste ja auch ein Gespräch werden, wo Ole sich nicht kritisiert fühlt, wo er sich nicht schlecht fühlt, wo er merken könnte, wie verletzend er ist. Merken! Mit dem Herzen. Das alles ist mir zu viel und da scheue ich den Einsatz. Bis Ole mich nicht als übergriffig, sondern als frendlich-einladend für einen anderen Weg erlebt...die Chance ist mir zu klein.

Lasse ich das Kind im Stich? Wer, wenn nicht ich, könnte intervenieren? Seine Mutter? Sein Vater? Andere Eltern der Betreuungskinder? Die Schulleitung? Die Bildzeitung? Welches Fass soll aufgemacht werden? Ich habe da nicht so den Schwung. Sollte ich aber! 

Sollte ich aber? Es rumort da schon in mir, aber meine Beruhigungspille „Bin doch nicht zuständig“ wirkt. Ich fühle dennoch so eine subversive Kraft, so ein „Mach doch!“ und „Kinder hängen lassen geht ja gar nicht!“ ... Ich lass es mal wirken.



Montag, 12. April 2021

Antworten bekomme ich geschenkt

 


Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben, mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen, in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich einzulassen. Vor jeder Antwort. Will ich diese Frage? Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt? Will ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden?

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewoben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen? Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese, jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht hindurchziehen zu lassen?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns, dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verweigert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte, wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn ich es will.

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist. Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stimmung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört. Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du nicht antworten!" "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angelegenheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antworten bekomme ich geschenkt.





 

Montag, 5. April 2021

Antwortwelt

 

 

Neulich kam mir jemand mit einer dummen Frage. Echt jetzt! Das nasweweise „Es gibt keine dummen Fragen“ lassen wir mal beiseite. Diese Frage neulich war dumm und ging ja gar nicht. Ich werde sie jetzt hier auch nicht wiederholen. Ich schreibe lieber etwas Hintergründliches dazu. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen... Und das gilt für alle Fragen, für die dummen und auch für die klugen.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich, wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert heftig durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt läuft: Man antwortet auf Fragen. Fragen habe uns im Antwortgriff. Fragen lösen den Antwort-Automatismus aus. Was nicht sein muss. Was ich in die Schranken weisen kann. Wovon ich mich emanzipieren kann. Antworten ist Lebenszeit, meine Antwort ist meine Lebenszeit. Die kann ich Dir schenken – wenn ich das denn so will. 

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft: Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten. Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind. 

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern, die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot. Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den Frager dabei nicht verlieren – aber es ist seine Sache, jetzt enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zugewandt – nur eben ohne mich auf die Fragerei und das dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine Frage nicht aufnehme. Auf mein „Ich möchte darauf nicht antworten“ käme sofort die nächste Frage: „Wieso, warum, ja aber“. Da sage ich noch nicht einmal diesen Satz, der in die Verstrickung führt.  

Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen, wenn ich eine Frage nicht aufnehme. Der Frager fühlt sich unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun? Deswegen doch in seine – seine – Fragewelt einsteigen, die Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus? Ist das mein Leben oder Deins? Ich kann Dir etwas von meiner Lebenszeit schenken. Wenn ich das denn so will, freudlich emanzipiert in der Antwortwelt.

Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal erlebt, dass eine Frage von mir in dieser Weise nicht beantwortet wurde. „Darauf will ich jetzt nicht antworten“ oder so ähnlich. Das war zwar sehr überraschend, aber auch so... souverän. Es war nicht unfreundlich, es war entschieden. Da habe ich mir gesagt, wenn es mal so kommen würde, mache ich es genau so. Und jetzt war es so gekommen.



 

Montag, 29. März 2021

Am Baggersee


 

Aus der Zeit meiner Feldstudie zur Erkundung amicativer Kommunikation mit Kindern. Es ist Anfang Mai ...

*

Wir sind am Baggersee. Britta, Elke, Holger, Oliver, Sandra - zwischen sieben und zehn Jahre alt - und ich. Wir haben ein Feuerchen gemacht und rösten Kartoffeln. Um das Feuer auszumachen, holen wir Wasser aus dem See.

Das Wasser interessiert sie. Erst geht Oliver mit seinen Gummistiefeln am Ufer lang. "Pass auf, dass Dir kein Wasser reinschwappt." Ich habe Angst, er könnte sich erkälten - meine Erwachsenenangst. Dann will auch Elke im Wasser laufen. "Kann ich Deine Gummistiefel haben?" Sie sind im Auto.

Ich habe Bedenken: sie lässt Wasser reinlaufen, sie bekommt nasse Füße, die anderen wollen auch. Aber o.k., ich gebe sie ihr. Was ist mir wichtiger: meine Gummistiefel, die ich ja zu Hause wieder trocknen kann, oder Elkes Wunsch?

Elke geht dorthin, wo es für meine Stiefel zu tief ist. Sie setzt sich über mein "Kein Wasser in die Stiefel" hinweg. Ich akzeptiere: Wenn es ihr Spaß macht, sie ist mir wichtiger. Das ist ein Signal. Auch Oliver lässt seine Stiefel volllaufen. Mein Ärger, dass dies nun doch passiert, hält sich die Waage mit meiner Freude über den Spaß, den sie dabei haben.

Jetzt hält es auch die anderen nicht mehr. Britta und Holger gehen zum Wasser. "Zieht doch Eure Schuhe aus" - nichts da. Patsch, sind sie mit ihren Schuhen drin. Ich höre in mir: "Kinder sollten sich nicht die Schuhe nass machen. Was werden ihre Eltern sagen? Sie bekommen garantiert eine Erkältung." Und: "Wie sie sich freuen!"

Sandra bleibt bei mir. Ich nehme dies auf: Wenn ich jetzt mit Sandra ein Stück in Richtung Auto gehe, kommen die anderen aus dem Wasser. Erwachsenenangst, nicht mehr Herr der Situation zu sein. Meine unwohlen Gefühle wachsen. "Wir müssen nach Hause." Vorgeschobener Grund. "Ich habe Angst, dass Ihr Euch erkältet." Schon ehrlicher.

Dass mir am meisten Sorgen macht, von ihren Eltern Ärger zu bekommen, sage ich nicht. "Wieso - wir erkälten uns nicht." Ich spüre ihre Gelassenheit und mein blödes, ach so erfahrenes Erwachsenengehabe.

Dann geht Elke einfach tiefer ins Wasser. Mit allen Sachen! Schon ist sie bis zum Bauch eingetaucht. Das darf doch nicht wahr sein! Und: Wie sie sich freut, das muss ja unheimlich Spaß machen. Oliver folgt, Holger schreit vor Vergnügen. Britta taucht plötzlich bis zum Hals ein. Jetzt geht auch Sandra zum See. Dann sind alle dabei, auf- und abzutauchen.

Es kommen andere Bedenken: Sie könnten sich verschlucken, sie könnten in zu tiefe Zonen kommen, ich verliere den Überblick, es wird gefährlich, ich sollte jetzt auch ins Wasser gehen, um sofort eingreifen zu können.

Und es kommen andere Gefühle: Sie sind so souverän, sie reizen die Situation aus, sie werfen diese behindernden Erwachsenenregeln über Bord: "Man geht nicht mit Anziehsachen ins Wasser." "Man geht überhaupt nicht in ein Baggerloch." "Man muss wenigstens ein Abtrockentuch dabei haben."

Sie leben jetzt – und wie! Elke schwimmt. "Ich kann nicht mehr stehen." Holger setzt sich, nur sein Kopf ist noch zu sehen, Britta schmeißt ihre Schuhe an Land, Sandra marschiert drauflos, Oliver taucht: „Hallo, ich ertrinke!“

Ich bin jetzt jenseits aller Erwachsenenregeln und Erwachsenenbedenken. Ich bin eingespannt in die Situation, wie sie von den Kindern gelebt wird. Ich bin fasziniert. Und hellwach und aufmerksam, um sofort helfen zu können, falls das nötig werden sollte.

Ich bin voll von ihrem Vergnügen und ihrer Sicherheit. Ich bin wieder im Vertrauen zu ihnen und zu mir, wie vor Beginn der Wasserszene. Ich sitze am Ufer und genieße - mich, sie und das Leben. Es ist fantastisch und befreiend. "Komm doch auch." "Nee, ich habe keine Lust." "Na gut, aber wir.“

Dann kommt Sandra ans Ufer. "Mir ist kalt." Dann Oliver. "Leute, ich habe jetzt Angst, dass es zu kalt wird. Kommt raus, ich hole etwas zum Abtrocknen aus dem Auto." Ich spiele mit, ich plane mit. Ich manage und weiß, wie man jetzt wieder warm wird. Ich stehe auf ihrer Seite, ich stehe ihnen zur Seite.

Sie kommen nach und nach. Die Abtrockensachen - Pullover, die im Auto sind - reichen gerade. "Wer trocken ist, rein ins Auto. Lasst die nassen Sachen liegen und wickelt Euch in die Autodecken." In mir ist Gewissheit, wir bekommen das hin. Wenn sie sich ausziehen und einwickeln, kann es keine Erkältung geben.

Das Abtrocknen ist ein Riesenspaß. Ich packe ihre Sachen zu "Familienhaufen" zusammen, damit es nachher beim Aussteigen schneller geht. Dann ist es soweit, wir fahren ab. Heizung volle Kraft, die Scheiben beschlagen, der Wagen voller Leben, Spaß, Vertrautheit, Abenteuer und Glück.

Als ich sie doch mit einem gewissen Herzklopfen bei ihren Eltern abliefere, sprudelt es nur so heraus aus ihnen: Freude, Abenteuer, leuchtende Augen. Die Eltern schwingen ein und bedanken sich bei mir. Es war schön am Baggersee.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 22. März 2021

Kleindankbar




Ich sitze an einem Buchprojekt und finde keine Zeit, einen neuen Post zu schreiben. Also krame ich in alten Texten und finde etwas, das mir gefällt. Es geht um Zeitloses: Dankbarkeit. Am Nikolaustag vor drei Jahren geschrieben, aber topaktuell. Und das Dankbarkeitsbuch ist in die Verlängerung gegangen, gibt’s bis heute...

*

In letzter Zeit geht mir immer wieder durch den Sinn: "Dankbar sein". Besser: "Dankbar Sein", mit großem S. Es ist keine Ermahnung oder Aufforderung, was ich da gefasst habe, es ist ein Zustand. Ich schwinge in Dankbar Sein.

Ich habe gemerkt, erst wenig, wie ein Flüstern, dann mehr und stärker, dass es so viel in meinem Leben gibt, für das ich dankbar bin. Im Schauen zurück, in die vielen Jahre. Da gibt es unendlich viele Klein-Dankbarkeitigkeiten. Und auch viele wuchtige Groß-Dankbarkeitigkeiten. Und da ich nun dabei bin, in diesem Dankbarkeitsmodus grad unterwegs bin, merke ich diese Dankigkeiten Tag für Tag. Verblüffend viele!

Heute: Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter. Wir fahren nachmittags los, um einen Adventskranz zu ergattern.Einen schlichten, so wie sie ihn mag. Es ist aber schon der 6. Dezember, und es ist fraglich, ob die Blumengeschäfte und Gärtnereien noch einen haben. Dreimal klappt es nicht, es gibt nur noch besonders Edle. Die will sie nicht. Hartnäckig wie ich bin, versuchen wir es wieder: und siehe da, eine große Gärtnerei außerhalb hat genau den, den sie sich wünscht. Tja, da bin ich einfach kleindankbar.

Auf dem Weihnachtsmarkt im Dorf ist es knallvoll. Ich breche ab und komme um neun, kurz vor Schluss wieder. Schon besser, aber die Stände haben nichts, was ich suche, Kleinigkeiten zum Verschenken zu Weihnachten. Na gut, dann eben nicht. Da bin ich auch nicht dankbar, liegt nicht an. Zum Schluss gibt es aber genau den Stand, der was für mich hat: Glasschmuck zum Aufhängen am Fenster. Ich komme mit dem Mann ins Gespräch, der die Glassterne gemacht hat. „Für einen Stern brauche ich eine knappe halbe Stunde.“ Er ist für mich ein Künstler, ich kann bewundern, was er gezaubert hat. Als ich gehe, bin ich wieder im Kleindankbarkeitsmodus. Doppelt: Ich habe doch noch ein schönes Geschenk gefunden. Und das Leben hat mir einen Künstler geschickt, wir waren einige Minuten gemeinsam unterwegs.

Ich zähl mal bis zehn, Dankbarkeiten heute: 1) Ich hatte ein gutes, das heißt: persönliches Gespräch mit dem Meister meiner Autowerkstatt. 2) Die Bremsklötze meines Autos, das ich verkaufen will, müssen nicht erneuert werden. 3) Die Dahlien haben sich butterweich im Garten rausmachen lassen: ruck-zuck fertig. 4) Meine Mutter wollte ihren täglichen Spaziergang doch noch machen, nach dem Einkaufen, im Dunkeln. 5) Sie hat über die Leuchthalsbänder der Hunde gestaunt, wie ein Kind halt. 6) Es gab hier im Haushalt tatsächlich eine funktionierende Luftpumpe für mein Radjoggen. 7) Die Zulassung meines neuen Autos beim Bürgeramt klappte wie am Schnürchen. 8) Felix hat mir doch noch die Adresse vom Theater gesimst, wo ich morgen für ihn besondere Lampen abholen soll. 9) Ich habe heute morgen meine Lieblingsschokolade im Nikolausschuh entdeckt.10) Das Toastbrot eben beim Abendessen war echt lecker!

Zum Geburtstag hatte mir eine Freundin ein besonderes Buch geschenkt: Ledereinband, leere Seiten. „Was immer Du damit anfangen willst.“ Ich habe sie eben angerufen: „Ich weiß jetzt, was ich mit dem Buch mache. Ich werde reinschreiben, worüber ich mich am Tag gefreut habe. Eine Dankbarkeit am Tag.“


Montag, 15. März 2021

Fragewelt Amication

 

An die Amication, die Philosophie hinter meinem Blog, lassen sich Fragen über Fragen stellen. Antworten? Die gibt es auf jede Frage, umfassend und fundiert. Hier soll es aber einmal um die grandiose Fragewelt gehen. 

 *

Was ist Amication? Wie wird man ein amicativer Mensch? Wie kommen amicativ aufwachsende Kinder mit der Welt zurecht? Was bedeutet Amication für die Partnerschaft? Wie sieht eine amicative Schule aus? Gibt es Vorläufer der Amication? Worin liegt der Gewinn der Amication? Wie steht Amication zur Gewalt? Ist Amication egoistisch? Woher nehmen amicative Menschen ihre Sicherheit? Ist Amication nur etwas für Privilegierte? Wem dient Amication? Welche Quellen hat Amication? Was ist für Amication Wahrheit? Wie sieht die amicative Gesellschaft aus? Können amicative Menschen Fehler machen? Wie lernt man Amication? Wer sagt, was Amication ist? Gibt es keinen Hass mehr in der Amication? Gibt es in der Amication Werte? Ist Amication autoritär? Wieso ist Amication keine Erziehung? Gibt es konkrete Auswirkungen amicativer Kommunikation? Wie merken die Kinder die amicative Einstellung? Was sind die Eckdaten amicativer Ethik? Hat es Korrekturen innerhalb der Amication gegeben? Gibt es Essentials für die Amication? Sind die Aussagen der Amication Ziele? Lassen sich die Aussagen der Amication hier und heute realisieren? Was muss man mitbringen, um amicativ leben zu können? Wie kann man Amication gut erklären? Wieso kommen nicht mehr Menschen auf amicative Gedanken? Welchen Einfluss hat Amication auf die Selbstliebe des Kindes? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die amicative Sicht? Gibt es neue Entwicklungen in der Amication? Gilt Amication schon bei Säuglingen? Wie würden amicative humanwissenschaftliche Institute der Universitäten aussehen? Welche gesellschaftliche Utopie entwirft Amication? Benötigt Amication Strafgesetze? Gibt es in anderen Kulturen amicatives Gedankengut? Gibt es im abendländischen Kulturkreis amicative Nischen? Was sagt Amication zu Krankheiten? Zu Krebs? Zu Aids? Welche Einstellung hat Amication zum Tod? Welchen Stellenwert hat für Amication der alte Mensch? Welche Bedeutung haben für amicative Menschen Verabredungen und Treue? Demut und Dienen? Warum engagieren sich Menschen für die Verbreitung der Amication? Wie lange wird es Amication noch geben? Ab welchem Alter kann man mit Kindern über die amicative Theorie reden? Worin sind die Widerstände gegen Amication begründet? Ruft Amication Ängste hervor? Mit welchen Argumenten kann Amication Andersdenkende überzeugen? Welche Argumente haben Andersdenkende gegen Amication? Muss sich der Erwachsene ändern, um amicativ leben zu können? Wem nutzt die Sicht der Amication, dass der Mensch konstruktiv ist? Wieso gibt es in der Amication keinen wirklichen Gegensatz von Gut und Böse? Haben Kinder ein amicatives Bewusstsein? Welche Fragen sind für amicative Menschen nicht mehr wert, dass über sie nachgedacht wird? Haben gesellschaftliche Faktoren Einfluss auf die amicative Position? Müssen erst gesellschaftliche Strukturen geändert werden, um amicativ leben zu können? Ist Amication ein gesellschaftlicher Faktor? Wird die amicative Erkenntnis bei ihrer Umsetzung in die Praxis verschlissen? Wieso ist Amication eine kulturelle Auswanderung? Welche Macht hat Amication? Kann Amication Ängste befrieden? Was ist amicativer Frieden?


Montag, 8. März 2021

Katzenleine



Neulich war eine Katze bei mir. Mein Besuch hatte sie mitgebracht, inclusive Katzenleine. Dann wollten wir mit den Kindern in den Wald. „Die Katze soll mit!“ Wie bitte? Eine Katze im Wald? Die Katze bekam ein Geschirr umgebunden, daran die Leine. Tja, es war dann einfach wunderschön! Unser Kätzchen war auf Du und Du mit der Natur, hüpfte hierhin und dorthin, spielte mit den Ästen und dem Sand, sauste den Baumstamm hoch, soweit es mit der Leine ging.

„Aber man kann doch eine Katze nicht an die Leine nehmen“, geisterte irgendwie bei mir rum. Doch, man kann. Die Katze im Wald frei laufen lassen - kann man auch machen. Wenn man sich traut. Mit dem Risiko, dass die Katze dann weg ist, zu ihrem und unserem Unglück. Das war die Grenze, mehr sollte es nicht sein.

Wie viel Grenze setzen wir den unseren? Wie viel Leine habe ich für die Kinder und den Partner parat? Bei wieviel Freiheit wird mir unwohl? Und wie geht es den Kindern und dem Partner mit meinen Grenzen und Leinen? Gibt es da einen Leinenunterschied zwischen meiner Leine für die Katze und meiner Leine für einen Menschen? Klar doch! Ich lege doch keinen Menschen an die Leine! Ach wirklich? Es gibt sie nicht zu sehen, wer erlebt schon, dass ein Mann seine Frau an einer Leine durch die Gegend führt. Oder eine Frau ihren Mann. Oder ein Vater sein Kind.

Aber es gibt sie eben, diese Leinen, nicht sichtbar, gewoben aus allem Möglichen: Angst, Vorsicht, Sorge, Macht, „Liebe“ und so weiter. Und wie viele Leinen sind an mich angelegt, lasse ich mir anlegen? Konventionsleinen, Beziehungsleinen, Angstleinen. Von keine Jeans im Theater bis ehelicher Treue. Also, diese Leinenthematik ist Alltag und wirkt im Hinter- und Untergrund. Bis es dann mal einen Aufstand gibt oder ein gutes Gespräch über die Einschränkungen in der Beziehung, und sich dann die eine oder andere Leine auflöst.

Die Katze nahm die Leine so selbstverständlich hin. Sie hätte ja auch einen Anfall bekommen können. Tat sie aber nicht. Brave Katze! Braves Kind! Braver Mann! Brave Frau! Der Umgang mit der Leine und der Freiheit des anderen ist ein sehr sehr weites Feld...


 

Montag, 1. März 2021

Ich muss - gar nichts!



 "Ich muss gar nichts!". Ich bin grad aufgestanden, berappel mich im Badezimmer, das Fenster ist offen. Mit halbem Ohr höre ich die Nachbarskinder draußen, drei sind's, 4 bis 6 Jahre. Dann bin ich auf einmal hellwach: "Ich muss gar nichts!" - laute, klare Botschaft der Fünfjährigen.

Ihre Stimme verlässt ihr Spiel und kommt zu mir. Ja glaub ich's? Wie sehr bei sich ist denn dieses Kind? Welch abenteuerliches Statement, welch bombastische Würde, welche überzeugte Gewichtigkeit. Ich bin fasziniert und angerührt. Ich wasche mein Gesicht mit Kaltwasser, bin erfrischt und staune über die Welt. Diese Kinderwelt. Diesen jungen Menschen.

Und lege etwas nach. Ich muss ja wirklich gar nichts. Wenn man den Sinn dieses Würdestatements nicht konterkariert. Gleich zum Extrem: Muss ich sterben? Das passt nicht. Dem Tod kann ich nicht ausweichen, er ist eine Selbstverständlichkeit, die ohne Müssen daherkommt. "Ich bin", sagt er, nicht "Du musst". "Ja", werde ich dann sagen und ihm folgen. Nicht weil ich müsste: Ich muss gar nichts.

Natürlich tue ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich nicht tun will. "Eigentlich". Ich tue sie aber, schon klar: nicht weil ich müsste, sondern weil ich will, letztlich. Nichts geht ohne mich.

Und wenn mich jemand zwingt? 1001 Beispiele sind sofort da. Trotzdem: Ich muss nichts, müssen passt hier nicht. Wenn es gegen meinen Willen geht, dann werde ich halt gezwungen. Aber ich muss das nicht tun, was da gefordert wird. Es ist beim Gezwungenwerden keine Ich-Aktion, sondern eine Du-Aktion, Zwing-Aktion. Wie auch immer.

Wenn ich also nicht sterben MUSS, nicht rechts ranfahren MUSS, nicht Ballwerfen MUSS. Dann fühlt sich das nach herrlichem Wintermorgen an, Kaltwasserlächeln, Würdekrone. Welch Geschenk heute morgen!