Montag, 12. April 2021

Antworten bekomme ich geschenkt

 


Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben, mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen, in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich einzulassen. Vor jeder Antwort. Will ich diese Frage? Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt? Will ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden?

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewoben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen? Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese, jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht hindurchziehen zu lassen?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns, dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verweigert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte, wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn ich es will.

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist. Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stimmung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört. Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du nicht antworten!" "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angelegenheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antworten bekomme ich geschenkt.





 

Montag, 5. April 2021

Antwortwelt

 

 

Neulich kam mir jemand mit einer dummen Frage. Echt jetzt! Das nasweweise „Es gibt keine dummen Fragen“ lassen wir mal beiseite. Diese Frage neulich war dumm und ging ja gar nicht. Ich werde sie jetzt hier auch nicht wiederholen. Ich schreibe lieber etwas Hintergründliches dazu. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen... Und das gilt für alle Fragen, für die dummen und auch für die klugen.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich, wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert heftig durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt läuft: Man antwortet auf Fragen. Fragen habe uns im Antwortgriff. Fragen lösen den Antwort-Automatismus aus. Was nicht sein muss. Was ich in die Schranken weisen kann. Wovon ich mich emanzipieren kann. Antworten ist Lebenszeit, meine Antwort ist meine Lebenszeit. Die kann ich Dir schenken – wenn ich das denn so will. 

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft: Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten. Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind. 

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern, die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot. Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den Frager dabei nicht verlieren – aber es ist seine Sache, jetzt enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zugewandt – nur eben ohne mich auf die Fragerei und das dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine Frage nicht aufnehme. Auf mein „Ich möchte darauf nicht antworten“ käme sofort die nächste Frage: „Wieso, warum, ja aber“. Da sage ich noch nicht einmal diesen Satz, der in die Verstrickung führt.  

Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen, wenn ich eine Frage nicht aufnehme. Der Frager fühlt sich unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun? Deswegen doch in seine – seine – Fragewelt einsteigen, die Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus? Ist das mein Leben oder Deins? Ich kann Dir etwas von meiner Lebenszeit schenken. Wenn ich das denn so will, freudlich emanzipiert in der Antwortwelt.

Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal erlebt, dass eine Frage von mir in dieser Weise nicht beantwortet wurde. „Darauf will ich jetzt nicht antworten“ oder so ähnlich. Das war zwar sehr überraschend, aber auch so... souverän. Es war nicht unfreundlich, es war entschieden. Da habe ich mir gesagt, wenn es mal so kommen würde, mache ich es genau so. Und jetzt war es so gekommen.



 

Montag, 29. März 2021

Am Baggersee


 

Aus der Zeit meiner Feldstudie zur Erkundung amicativer Kommunikation mit Kindern. Es ist Anfang Mai ...

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Wir sind am Baggersee. Britta, Elke, Holger, Oliver, Sandra - zwischen sieben und zehn Jahre alt - und ich. Wir haben ein Feuerchen gemacht und rösten Kartoffeln. Um das Feuer auszumachen, holen wir Wasser aus dem See.

Das Wasser interessiert sie. Erst geht Oliver mit seinen Gummistiefeln am Ufer lang. "Pass auf, dass Dir kein Wasser reinschwappt." Ich habe Angst, er könnte sich erkälten - meine Erwachsenenangst. Dann will auch Elke im Wasser laufen. "Kann ich Deine Gummistiefel haben?" Sie sind im Auto.

Ich habe Bedenken: sie lässt Wasser reinlaufen, sie bekommt nasse Füße, die anderen wollen auch. Aber o.k., ich gebe sie ihr. Was ist mir wichtiger: meine Gummistiefel, die ich ja zu Hause wieder trocknen kann, oder Elkes Wunsch?

Elke geht dorthin, wo es für meine Stiefel zu tief ist. Sie setzt sich über mein "Kein Wasser in die Stiefel" hinweg. Ich akzeptiere: Wenn es ihr Spaß macht, sie ist mir wichtiger. Das ist ein Signal. Auch Oliver lässt seine Stiefel volllaufen. Mein Ärger, dass dies nun doch passiert, hält sich die Waage mit meiner Freude über den Spaß, den sie dabei haben.

Jetzt hält es auch die anderen nicht mehr. Britta und Holger gehen zum Wasser. "Zieht doch Eure Schuhe aus" - nichts da. Patsch, sind sie mit ihren Schuhen drin. Ich höre in mir: "Kinder sollten sich nicht die Schuhe nass machen. Was werden ihre Eltern sagen? Sie bekommen garantiert eine Erkältung." Und: "Wie sie sich freuen!"

Sandra bleibt bei mir. Ich nehme dies auf: Wenn ich jetzt mit Sandra ein Stück in Richtung Auto gehe, kommen die anderen aus dem Wasser. Erwachsenenangst, nicht mehr Herr der Situation zu sein. Meine unwohlen Gefühle wachsen. "Wir müssen nach Hause." Vorgeschobener Grund. "Ich habe Angst, dass Ihr Euch erkältet." Schon ehrlicher.

Dass mir am meisten Sorgen macht, von ihren Eltern Ärger zu bekommen, sage ich nicht. "Wieso - wir erkälten uns nicht." Ich spüre ihre Gelassenheit und mein blödes, ach so erfahrenes Erwachsenengehabe.

Dann geht Elke einfach tiefer ins Wasser. Mit allen Sachen! Schon ist sie bis zum Bauch eingetaucht. Das darf doch nicht wahr sein! Und: Wie sie sich freut, das muss ja unheimlich Spaß machen. Oliver folgt, Holger schreit vor Vergnügen. Britta taucht plötzlich bis zum Hals ein. Jetzt geht auch Sandra zum See. Dann sind alle dabei, auf- und abzutauchen.

Es kommen andere Bedenken: Sie könnten sich verschlucken, sie könnten in zu tiefe Zonen kommen, ich verliere den Überblick, es wird gefährlich, ich sollte jetzt auch ins Wasser gehen, um sofort eingreifen zu können.

Und es kommen andere Gefühle: Sie sind so souverän, sie reizen die Situation aus, sie werfen diese behindernden Erwachsenenregeln über Bord: "Man geht nicht mit Anziehsachen ins Wasser." "Man geht überhaupt nicht in ein Baggerloch." "Man muss wenigstens ein Abtrockentuch dabei haben."

Sie leben jetzt – und wie! Elke schwimmt. "Ich kann nicht mehr stehen." Holger setzt sich, nur sein Kopf ist noch zu sehen, Britta schmeißt ihre Schuhe an Land, Sandra marschiert drauflos, Oliver taucht: „Hallo, ich ertrinke!“

Ich bin jetzt jenseits aller Erwachsenenregeln und Erwachsenenbedenken. Ich bin eingespannt in die Situation, wie sie von den Kindern gelebt wird. Ich bin fasziniert. Und hellwach und aufmerksam, um sofort helfen zu können, falls das nötig werden sollte.

Ich bin voll von ihrem Vergnügen und ihrer Sicherheit. Ich bin wieder im Vertrauen zu ihnen und zu mir, wie vor Beginn der Wasserszene. Ich sitze am Ufer und genieße - mich, sie und das Leben. Es ist fantastisch und befreiend. "Komm doch auch." "Nee, ich habe keine Lust." "Na gut, aber wir.“

Dann kommt Sandra ans Ufer. "Mir ist kalt." Dann Oliver. "Leute, ich habe jetzt Angst, dass es zu kalt wird. Kommt raus, ich hole etwas zum Abtrocknen aus dem Auto." Ich spiele mit, ich plane mit. Ich manage und weiß, wie man jetzt wieder warm wird. Ich stehe auf ihrer Seite, ich stehe ihnen zur Seite.

Sie kommen nach und nach. Die Abtrockensachen - Pullover, die im Auto sind - reichen gerade. "Wer trocken ist, rein ins Auto. Lasst die nassen Sachen liegen und wickelt Euch in die Autodecken." In mir ist Gewissheit, wir bekommen das hin. Wenn sie sich ausziehen und einwickeln, kann es keine Erkältung geben.

Das Abtrocknen ist ein Riesenspaß. Ich packe ihre Sachen zu "Familienhaufen" zusammen, damit es nachher beim Aussteigen schneller geht. Dann ist es soweit, wir fahren ab. Heizung volle Kraft, die Scheiben beschlagen, der Wagen voller Leben, Spaß, Vertrautheit, Abenteuer und Glück.

Als ich sie doch mit einem gewissen Herzklopfen bei ihren Eltern abliefere, sprudelt es nur so heraus aus ihnen: Freude, Abenteuer, leuchtende Augen. Die Eltern schwingen ein und bedanken sich bei mir. Es war schön am Baggersee.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 22. März 2021

Kleindankbar




Ich sitze an einem Buchprojekt und finde keine Zeit, einen neuen Post zu schreiben. Also krame ich in alten Texten und finde etwas, das mir gefällt. Es geht um Zeitloses: Dankbarkeit. Am Nikolaustag vor drei Jahren geschrieben, aber topaktuell. Und das Dankbarkeitsbuch ist in die Verlängerung gegangen, gibt’s bis heute...

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In letzter Zeit geht mir immer wieder durch den Sinn: "Dankbar sein". Besser: "Dankbar Sein", mit großem S. Es ist keine Ermahnung oder Aufforderung, was ich da gefasst habe, es ist ein Zustand. Ich schwinge in Dankbar Sein.

Ich habe gemerkt, erst wenig, wie ein Flüstern, dann mehr und stärker, dass es so viel in meinem Leben gibt, für das ich dankbar bin. Im Schauen zurück, in die vielen Jahre. Da gibt es unendlich viele Klein-Dankbarkeitigkeiten. Und auch viele wuchtige Groß-Dankbarkeitigkeiten. Und da ich nun dabei bin, in diesem Dankbarkeitsmodus grad unterwegs bin, merke ich diese Dankigkeiten Tag für Tag. Verblüffend viele!

Heute: Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter. Wir fahren nachmittags los, um einen Adventskranz zu ergattern.Einen schlichten, so wie sie ihn mag. Es ist aber schon der 6. Dezember, und es ist fraglich, ob die Blumengeschäfte und Gärtnereien noch einen haben. Dreimal klappt es nicht, es gibt nur noch besonders Edle. Die will sie nicht. Hartnäckig wie ich bin, versuchen wir es wieder: und siehe da, eine große Gärtnerei außerhalb hat genau den, den sie sich wünscht. Tja, da bin ich einfach kleindankbar.

Auf dem Weihnachtsmarkt im Dorf ist es knallvoll. Ich breche ab und komme um neun, kurz vor Schluss wieder. Schon besser, aber die Stände haben nichts, was ich suche, Kleinigkeiten zum Verschenken zu Weihnachten. Na gut, dann eben nicht. Da bin ich auch nicht dankbar, liegt nicht an. Zum Schluss gibt es aber genau den Stand, der was für mich hat: Glasschmuck zum Aufhängen am Fenster. Ich komme mit dem Mann ins Gespräch, der die Glassterne gemacht hat. „Für einen Stern brauche ich eine knappe halbe Stunde.“ Er ist für mich ein Künstler, ich kann bewundern, was er gezaubert hat. Als ich gehe, bin ich wieder im Kleindankbarkeitsmodus. Doppelt: Ich habe doch noch ein schönes Geschenk gefunden. Und das Leben hat mir einen Künstler geschickt, wir waren einige Minuten gemeinsam unterwegs.

Ich zähl mal bis zehn, Dankbarkeiten heute: 1) Ich hatte ein gutes, das heißt: persönliches Gespräch mit dem Meister meiner Autowerkstatt. 2) Die Bremsklötze meines Autos, das ich verkaufen will, müssen nicht erneuert werden. 3) Die Dahlien haben sich butterweich im Garten rausmachen lassen: ruck-zuck fertig. 4) Meine Mutter wollte ihren täglichen Spaziergang doch noch machen, nach dem Einkaufen, im Dunkeln. 5) Sie hat über die Leuchthalsbänder der Hunde gestaunt, wie ein Kind halt. 6) Es gab hier im Haushalt tatsächlich eine funktionierende Luftpumpe für mein Radjoggen. 7) Die Zulassung meines neuen Autos beim Bürgeramt klappte wie am Schnürchen. 8) Felix hat mir doch noch die Adresse vom Theater gesimst, wo ich morgen für ihn besondere Lampen abholen soll. 9) Ich habe heute morgen meine Lieblingsschokolade im Nikolausschuh entdeckt.10) Das Toastbrot eben beim Abendessen war echt lecker!

Zum Geburtstag hatte mir eine Freundin ein besonderes Buch geschenkt: Ledereinband, leere Seiten. „Was immer Du damit anfangen willst.“ Ich habe sie eben angerufen: „Ich weiß jetzt, was ich mit dem Buch mache. Ich werde reinschreiben, worüber ich mich am Tag gefreut habe. Eine Dankbarkeit am Tag.“


Montag, 15. März 2021

Fragewelt Amication

 

An die Amication, die Philosophie hinter meinem Blog, lassen sich Fragen über Fragen stellen. Antworten? Die gibt es auf jede Frage, umfassend und fundiert. Hier soll es aber einmal um die grandiose Fragewelt gehen. 

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Was ist Amication? Wie wird man ein amicativer Mensch? Wie kommen amicativ aufwachsende Kinder mit der Welt zurecht? Was bedeutet Amication für die Partnerschaft? Wie sieht eine amicative Schule aus? Gibt es Vorläufer der Amication? Worin liegt der Gewinn der Amication? Wie steht Amication zur Gewalt? Ist Amication egoistisch? Woher nehmen amicative Menschen ihre Sicherheit? Ist Amication nur etwas für Privilegierte? Wem dient Amication? Welche Quellen hat Amication? Was ist für Amication Wahrheit? Wie sieht die amicative Gesellschaft aus? Können amicative Menschen Fehler machen? Wie lernt man Amication? Wer sagt, was Amication ist? Gibt es keinen Hass mehr in der Amication? Gibt es in der Amication Werte? Ist Amication autoritär? Wieso ist Amication keine Erziehung? Gibt es konkrete Auswirkungen amicativer Kommunikation? Wie merken die Kinder die amicative Einstellung? Was sind die Eckdaten amicativer Ethik? Hat es Korrekturen innerhalb der Amication gegeben? Gibt es Essentials für die Amication? Sind die Aussagen der Amication Ziele? Lassen sich die Aussagen der Amication hier und heute realisieren? Was muss man mitbringen, um amicativ leben zu können? Wie kann man Amication gut erklären? Wieso kommen nicht mehr Menschen auf amicative Gedanken? Welchen Einfluss hat Amication auf die Selbstliebe des Kindes? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die amicative Sicht? Gibt es neue Entwicklungen in der Amication? Gilt Amication schon bei Säuglingen? Wie würden amicative humanwissenschaftliche Institute der Universitäten aussehen? Welche gesellschaftliche Utopie entwirft Amication? Benötigt Amication Strafgesetze? Gibt es in anderen Kulturen amicatives Gedankengut? Gibt es im abendländischen Kulturkreis amicative Nischen? Was sagt Amication zu Krankheiten? Zu Krebs? Zu Aids? Welche Einstellung hat Amication zum Tod? Welchen Stellenwert hat für Amication der alte Mensch? Welche Bedeutung haben für amicative Menschen Verabredungen und Treue? Demut und Dienen? Warum engagieren sich Menschen für die Verbreitung der Amication? Wie lange wird es Amication noch geben? Ab welchem Alter kann man mit Kindern über die amicative Theorie reden? Worin sind die Widerstände gegen Amication begründet? Ruft Amication Ängste hervor? Mit welchen Argumenten kann Amication Andersdenkende überzeugen? Welche Argumente haben Andersdenkende gegen Amication? Muss sich der Erwachsene ändern, um amicativ leben zu können? Wem nutzt die Sicht der Amication, dass der Mensch konstruktiv ist? Wieso gibt es in der Amication keinen wirklichen Gegensatz von Gut und Böse? Haben Kinder ein amicatives Bewusstsein? Welche Fragen sind für amicative Menschen nicht mehr wert, dass über sie nachgedacht wird? Haben gesellschaftliche Faktoren Einfluss auf die amicative Position? Müssen erst gesellschaftliche Strukturen geändert werden, um amicativ leben zu können? Ist Amication ein gesellschaftlicher Faktor? Wird die amicative Erkenntnis bei ihrer Umsetzung in die Praxis verschlissen? Wieso ist Amication eine kulturelle Auswanderung? Welche Macht hat Amication? Kann Amication Ängste befrieden? Was ist amicativer Frieden?


Montag, 8. März 2021

Katzenleine



Neulich war eine Katze bei mir. Mein Besuch hatte sie mitgebracht, inclusive Katzenleine. Dann wollten wir mit den Kindern in den Wald. „Die Katze soll mit!“ Wie bitte? Eine Katze im Wald? Die Katze bekam ein Geschirr umgebunden, daran die Leine. Tja, es war dann einfach wunderschön! Unser Kätzchen war auf Du und Du mit der Natur, hüpfte hierhin und dorthin, spielte mit den Ästen und dem Sand, sauste den Baumstamm hoch, soweit es mit der Leine ging.

„Aber man kann doch eine Katze nicht an die Leine nehmen“, geisterte irgendwie bei mir rum. Doch, man kann. Die Katze im Wald frei laufen lassen - kann man auch machen. Wenn man sich traut. Mit dem Risiko, dass die Katze dann weg ist, zu ihrem und unserem Unglück. Das war die Grenze, mehr sollte es nicht sein.

Wie viel Grenze setzen wir den unseren? Wie viel Leine habe ich für die Kinder und den Partner parat? Bei wieviel Freiheit wird mir unwohl? Und wie geht es den Kindern und dem Partner mit meinen Grenzen und Leinen? Gibt es da einen Leinenunterschied zwischen meiner Leine für die Katze und meiner Leine für einen Menschen? Klar doch! Ich lege doch keinen Menschen an die Leine! Ach wirklich? Es gibt sie nicht zu sehen, wer erlebt schon, dass ein Mann seine Frau an einer Leine durch die Gegend führt. Oder eine Frau ihren Mann. Oder ein Vater sein Kind.

Aber es gibt sie eben, diese Leinen, nicht sichtbar, gewoben aus allem Möglichen: Angst, Vorsicht, Sorge, Macht, „Liebe“ und so weiter. Und wie viele Leinen sind an mich angelegt, lasse ich mir anlegen? Konventionsleinen, Beziehungsleinen, Angstleinen. Von keine Jeans im Theater bis ehelicher Treue. Also, diese Leinenthematik ist Alltag und wirkt im Hinter- und Untergrund. Bis es dann mal einen Aufstand gibt oder ein gutes Gespräch über die Einschränkungen in der Beziehung, und sich dann die eine oder andere Leine auflöst.

Die Katze nahm die Leine so selbstverständlich hin. Sie hätte ja auch einen Anfall bekommen können. Tat sie aber nicht. Brave Katze! Braves Kind! Braver Mann! Brave Frau! Der Umgang mit der Leine und der Freiheit des anderen ist ein sehr sehr weites Feld...


 

Montag, 1. März 2021

Ich muss - gar nichts!



 "Ich muss gar nichts!". Ich bin grad aufgestanden, berappel mich im Badezimmer, das Fenster ist offen. Mit halbem Ohr höre ich die Nachbarskinder draußen, drei sind's, 4 bis 6 Jahre. Dann bin ich auf einmal hellwach: "Ich muss gar nichts!" - laute, klare Botschaft der Fünfjährigen.

Ihre Stimme verlässt ihr Spiel und kommt zu mir. Ja glaub ich's? Wie sehr bei sich ist denn dieses Kind? Welch abenteuerliches Statement, welch bombastische Würde, welche überzeugte Gewichtigkeit. Ich bin fasziniert und angerührt. Ich wasche mein Gesicht mit Kaltwasser, bin erfrischt und staune über die Welt. Diese Kinderwelt. Diesen jungen Menschen.

Und lege etwas nach. Ich muss ja wirklich gar nichts. Wenn man den Sinn dieses Würdestatements nicht konterkariert. Gleich zum Extrem: Muss ich sterben? Das passt nicht. Dem Tod kann ich nicht ausweichen, er ist eine Selbstverständlichkeit, die ohne Müssen daherkommt. "Ich bin", sagt er, nicht "Du musst". "Ja", werde ich dann sagen und ihm folgen. Nicht weil ich müsste: Ich muss gar nichts.

Natürlich tue ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich nicht tun will. "Eigentlich". Ich tue sie aber, schon klar: nicht weil ich müsste, sondern weil ich will, letztlich. Nichts geht ohne mich.

Und wenn mich jemand zwingt? 1001 Beispiele sind sofort da. Trotzdem: Ich muss nichts, müssen passt hier nicht. Wenn es gegen meinen Willen geht, dann werde ich halt gezwungen. Aber ich muss das nicht tun, was da gefordert wird. Es ist beim Gezwungenwerden keine Ich-Aktion, sondern eine Du-Aktion, Zwing-Aktion. Wie auch immer.

Wenn ich also nicht sterben MUSS, nicht rechts ranfahren MUSS, nicht Ballwerfen MUSS. Dann fühlt sich das nach herrlichem Wintermorgen an, Kaltwasserlächeln, Würdekrone. Welch Geschenk heute morgen!





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Montag, 22. Februar 2021

Naturdoping



Heute waren wir zum Geocachen unterwegs (Geocachen: Verstecke in der Natur nach Vorgaben aus dem Internet suchen.) Diese Mischung von virtueller und realer Welt hat was. Eigentlich bin ich ja nur in der Natur unterwegs, ohne Handy und Co. Immer schon, und das ist mein Elixier. Aber die Kinder leben eben auch sehr intensiv in der virtuellen Welt, und wieviel Stunden sie tatsächlich mit ihrem Handy/Smartfon/Tablet verbringen, will ich gar nicht so genau wissen.

Doch beim Geocachen entsteht eine gute Harmonie dieser beiden Welten. Die Aufgaben werden im Internet ausgesucht und dann mit den Möglichkeiten des Handys draußen gefunden. Draußen! Die Kinder werden also von ihrem virtuellen Spielzeug nach draußen gelockt und sind dann 1, 2 oder auch 3 Stunden mit mir in der Natur. Naturdoping pur.

"Na gut", sagt die Natur, "dann bringt Euer Handy halt mit". Da gibt es keine Eifersüchtelei und keinen Streit. Und die Sorge, dass sie nur mit dem Kopf über dem Apparat hängen, und nichts mehr vom Rausch der Sinne, der Sinfonie der Natur mitbekommen, ist unbegründet. Klar, sie sehen immer wieder auf dem Handy nach, ob der Kurs stimmt. Und lösen so auch immer wieder mal Aufgaben, um zum Ziel zu kommen. Aber die Dynamik des Draußen fängt sie machtvoll ein, und sie lassen sich einfangen und strecken und recken sich im Wind, der Sonne, den vielen Düften, Klängen, Farben.

Das alles geht aber nur gut, wenn man seinen Frieden mit diesem elektronischen Teufelszeug gemacht hat, dieser unheimlichen Faszination, die sich der Seele der Kinder bemächtigt. Oder sind die Kinder etwa diejenigen, die sich souverän der elektronischen Droge bedienen? Warum sollte es nicht so sein? Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sie mit diesem neumodischen Spielzeug klarkommen. Dann kann ich mich zurücklehnen und sie machen lassen. Und freu mich einfach, wenn sie mit mir draußen sind.
 




Montag, 15. Februar 2021

Ich glaube an Dich


 

Es ist nachts, ich sehe einen Film. „Ich glaube an Dich“, sagt sie zu ihm. Ich halte an. Meine Aufmerksamkeit verlässt den Film. Was ist mit den beiden?

Ich übersetze die Szene aus der Film- und Drehbuchwelt ins Leben, nehme es jetzt für bare Münze und höre in die Wahrheit eines solchen Satzes. Einer solchen Botschaft. Sie liebt ihn - und glaubt an ihn. Das hat nichts mit irgendwelchem Kirchenglauben zu tun. Das ist von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Das kommt von ganz innen. Vertrauen, Mich-Trauen. Der Rest der Welt wird unwichtig. Nur wir beide: Ich und Du, Du und Ich. 

Kann man an andere Menschen glauben? Ist das eine verrutschte Wahrnehmung? Gehört Glauben nicht zu Kirche und Religion? Kann Glauben ein Menschending sein, etwas, das unter Menschen richtig ist? Glaube ich an mein Kind? Wieso denn nicht? An mein Auto? Daneben? An den Lauf der Erde um die Sonne? An mich? An ein gutes Ende? An Konstruktivität und Liebe als Grund aller Dinge?

Mein Nachdenken ufert aus und läuft etwas aus dem Ruder. Es ist ja auch egal, an wen ich glaube. Wen geht das etwas an? Warum sollte ich nicht an die Menschen glauben, die ich liebe? „Glaube“ hat einen sehr eindeutigen Geschmack. Aber in ihrem „Ich glaube an Dich“ steckt viel: die Tiefe, die Wahrheit, das Öffnen, die Zuversicht, die Sicherheit, die Freude, das Glück. Ich habe ihren Satz gehört. Wem habe ich das jemals gesagt? Wenn mir jemand sagte „Ich glaube an Dich“ - das wäre ein fremdvertrauter Gruß, schnörkellose Urkraft,  endlose Verlässlichkeit, Einverständnis im Unendlichen. 

Natürlich doch - wir können uns einander hingeben und aneinander glauben. Das ist einfach beseelend und machtvoll. Mehr muss es nicht sein ... Ich wache aus meiner Nähe zu mir selbst auf und der Film kommt wieder bei mir an. „Ich glaube an Dich“ gehört zu den Edelsteinen aus der Liebesschatztruhe. Ich bin berührt von dieser Schlichtheit und Klarheit: In der Liebe glauben die Menschen aneinander.


 


Montag, 8. Februar 2021

Einmischen?

 


Eine Mutter erzählte mir: „Mein Sohn (8) war allein unterwegs und hatte Krach mit einem Erwachsenen, einem Freund der Familie. Hätte ich mich einmischen sollen?“

Die Kinder geraten immer wieder mal in unangenehme oder auch gefährliche Situationen. So etwas bricht über sie herein, oder sie haben ihren Anteil daran. In diesem Fall hatte der Sohn den Freund der Familie durch sein Verhalten verärgert, er wurde schließlich angefaucht. Und kam empört zu seiner Mutter.

Wenn die Kinder mit anderen unterwegs sind, ist das schön, aber auch voller Risiken. Das Balancieren über das Brückengeländer ist voll prickelndem Reiz, aber auch voll Risiko. Wenn der Junge dabei ins Wasser fällt, helfen Eltern ihm heraus, keine Frage. Aber hier? Soll sie zu dem Freund hingehen und die Wogen glätten? Oder kann das Kind allein herauskommen, wenn es in so ein Beziehungsgewässer gefallen ist?

Falsch machen geht nicht. Die Mutter kann intervenieren oder die Sache bei ihrem Sohn lassen. Es kommt wie immer darauf an, was man will. Sie erzählte, dass sie gespürt hat, das Ganze ihrem Kind zu überlassen. Ihr Sohn war angefasst und kam zu ihr. Beschwerde. Ein Eingreifen lag in der Luft. Aber sie hat es eben anders gemacht. Sie hat das Herauskommen aus dem Wasser ihm überlassen. War eigentlich seine Sache. Einmischen fühlte sich übergriffig an. „Es gehört ihm und er schafft das schon.“ Und so kam es auch. Ihr Sohn kam wieder runter, und nach einer Weile ging er zu dem Erwachsenen zurück „um das mit ihm zu besprechen“.

Fand ich beeindruckend. Von der Mutter: nicht hinstürzen, sondern erst mal schauen, was wirklich Sache ist. Was Sache ist bei ihr und ihren Mutterhelfegefühlen und bei ihm und seinem „Kann ich selbst hinkriegen“. Das feine Hinhören fand ich beeindruckend. Das Zuwarten. Das Offenhalten einer Tür. Es wäre nichts dabei gewesen, sofort zu intervenieren – wenn ihr Gefühl so ist. Aber sie hat eben den anderen Weg genommen.

Ich habe dann überlegt, dass wir Eltern oft, ganz oft, ich sage: viel zu oft anspringen, wenn die Kinder mit einem Beschwer daherkommen. Dann verpassen wir, dass die Beschwernisse der Kinder eben auch ihnen gehören. Ich bin dann schon in Hab-Acht-Position. Aber ich muss meinem Kind sein Beschwer nicht sofort, auf der Stelle aus der Hand nehmen (auf dass es ihm besser gehen möge).  

Ich kann in gewissen Respekt vor dem Beschwer sein – dem kaputten Knie, dem Wasserfall, dem Anfauchen. Ich meine, es sind Geschehnisse aus der Welt meines Kindes. Sie gehören ihm. Ich nehme sie nicht fort aus seiner Welt, ziehe sie nicht rüber in meinen Bereich, ich vereinnahme sie nicht. Weiter: Ich vereinnahme mein Kind nicht. Wiewohl die Gelegenheit günstig ist und der Reiz groß.

Wie viel achtungsvolle Distanz haben wir unseren Kindern und ihrer Welt gegenüber? Kann man da sensibel sein? Lässt sich erkennen, was mein und was dein ist? Wie viel Verstrickung ist gesponnen, wie viel lässt sich überhaupt bemerken? (Was ja auch unter Partnern und Freunden ein großes Thema ist.)

Ich habe das Gefühl, dass die Mutter eine gute Botschaft gesendet hat. „Okay, ich hör Dir zu und ich bin da.“ Sie hat noch nicht einmal mitgesendet „Brauchst Du mich?“ Sie hat einfach nur schwingen lassen, dass sie da ist, dass er nicht allein ist, dass er sich auf sie verlassen kann. Was ihm offensichtlich gereicht hat. Was ihn nicht weggekippt hat aus seiner Sphäre, verlockt hat, den schlappmachenden Süßeweg in ihre Arme zu nehmen. Den alle Kinder kennen, gut kennen. Der oftundoft nötig aber eben auch so süchtevoll ist.

Der Junge konnte bei sich und seiner Power bleiben. Er trug sich nach einer Verschnaufzeit zurück ins Getümmel. In die Welt der Beziehungen, ins wilde Leben.

 

Montag, 1. Februar 2021

Unterstützen statt erziehen - warum?

 

   

 Unterstützen statt erziehen - warum? Vier Fragen und meine Antworten. 

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Warum ist Ihrer Meinung nach „Unterstützen statt erziehen“ die richtige Methode im Umgang mit dem eigenen Kind?

Niemand, auch ein Kind nicht, hat es gern mit jemandem zu tun, der einem belehrend, missionarisch oder erzieherisch daherkommt. Und das ist auch gar nicht nötig. Man kann als Vater oder Mutter den Kindern ohne erzieherischen Anspruch sagen, was zu sagen ist. Kinder orientieren sich an solchen authentischen Botschaften, setzen sich damit auseinander und wachsen daran. Erziehung wirkt viel zu aufgesetzt und wird von den Kindern nicht wirklich ernst genommen. Man läuft dann gegen eine Wand stiller oder lauter Ablehnung. Mit dem Modell „Unterstützen statt erziehen“ vermeidet man dieses ungute Theater und bringt Leichtigkeit ins Spiel. Man kann hier eine neuartige Verantwortung den Kindern gegenüber übernehmen und einfach viel Erfolg haben.

Können Sie Beispiele für Situationen nennen, in denen Eltern ihren Kindern besser auf gleicher Augenhöhe begegnen?

Dass man sich bei aller Überlegenheit nicht über den anderen emporschwingt, ist immer möglich. Das gilt für den Arzt oder Werkstattmeister ebenso wie für Eltern. Patienten, Kunden oder Kinder reagieren auf diese Gleichwertigkeit trotz Überlegenheit positiv, sie fühlen sich geachtet und können dann auch Ratschlägen leicht folgen. Die Oben-Unten-Ausstrahlung, wie sie in der traditionellen Erziehung in bester Absicht gang und gäbe ist, kann man ablegen. Das ist kein Verlust an Autorität, sondern eine neuartige Autorität, die in der Würde aller Beteiligten gründet. Und gilt für alle Situationen des Alltags mit Kindern.

Wo liegen die Grenzen dieser Methode und besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder sie zu ihren Gunsten ausnutzen?

Es geht nicht um antiautoritäres Zurückweichen. Vater und Mutter stehen zu ihren Werten und Grenzen und setzen sie durch, ohne Zimperlichkeiten. Ein Nein ist ein Nein. Man muss den Kindern dabei aber nicht mit oder ohne Worten vermitteln, dass man dann der bessere Mensch ist. „Sieh ein, ich habe recht!“ bedeutet einen seelischen Übergriff auf das Kind. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ ist kraftvoll und ohne eine solche Verletzung. „Unterstützen statt erziehen“ geht in jeder Lebenslage, niemand lässt sich dabei ausnutzen.

Warum denken Sie, dass sich die Liebe zu seinem Kind nur wirklich entfalten kann, wenn man sich selbst so liebt, wie man ist?

Wir haben damals als Kinder gelernt, dass wir erst zu richtigen Menschen erzogen werden müssten. Davon, dass wir uns selbst akzeptieren und lieben dürften, war nicht die Rede. Das war schlimm genug. Muss aber nicht das letzte Wort sein. Jeder kann und darf sich lieben, wie immer er ist und was immer er tut oder denkt! Das ist eine Grundentscheidung für das eigene Leben, und ich persönlich bin davon überzeugt, Liebe und Ebenbild Gottes zu sein. Diesen Glauben an sich selbst und seine Konstruktivität kann sich jeder zurückholen. Und dann sieht man kraftvoll, erfüllt und dankbar auf die Kinder, die einem anvertraut sind. Sie sind Teil der unendlichen Liebe wie wir selbst.


 

 

 

Montag, 25. Januar 2021

Von Matterhörnern und Sonnenstrahlen - wie sich Amication umsetzen lässt




Eine Mutter schrieb mir in einem Brief, dass sie sich über meine Bücher gefreut habe und nun versuche, so mit ihren Kindern zu leben. Und dann fragte sie nach der Umsetzung, und wie lange es wohl dauert. Die Umsetzung sei eine große Herausforderung. Tja - wie lässt sich die amicative Gedankenwelt in die Praxis umsetzen? Ich habe ihr dann freundlich geantwortet, auch gesagt, sie solle sich da keinen Stress machen. Und mich an einen Text erinnert, den ich vor einiger Zeit dazu geschrieben habe. Hier ist er.

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»Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen? « Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!
 
Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt Ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude Ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche Ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen Ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität.

»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn Ihr das fühlt (wenn Ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.«

»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, Ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«.

»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat.


Montag, 18. Januar 2021

Mir zur Freude

 


Amication errichtet keine neue Norm, nach der man leben sollte. Es wird vielmehr eine Einladung ausgesprochen und eine Freude angeboten: Es gibt die Möglichkeit zur Selbstliebe. "Ich liebe mich so wie ich bin" ist eine Perspektive und enthält keinerlei Verpflichtung. Nichts spricht wirklich dagegen. Ein jeder kann sich lieben, so wie er ist. Man kann! Und Amication ist dann noch ein bisschen mehr, ohne jegliche Pflicht, ein "Mach doch - Komm mit - Du bist willkommen".

Selbstliebe wächst ohne Selbsterziehung, mit beiläufiger Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Und auch die pädagogischen Anteile des Ich müssen nicht verändert werden, sondern sind als Teil der eigenen Biografie geachtet. Alles hat seinen Platz in einem jedem Menschen - Vergangenes und Widersprüche ebenso wie Aufbruch und neuer Weg.

Selbstliebe ist ein buntes Mosaik mit vielen Elementen. Selbstliebe beginnt mit dem Vertrauen zu sich, flutet in alle Facetten des Selbst und endet im Unendlichen.

Ich traue mir.
Ich vertraue mir.
Ich lasse mich gewähren.
Ich stehe mir zur Seite.

Ich setze auf mich.
Ich bin mit mir im Einklang.
Ich trage Frieden in mir.
Ich bin wertvoll.

Ich gehöre mir selbst.
Ich bin mein eigener Souverän.
Ich gehe durch dieses mein Leben.
Ich lebe mir zur Freude.

Ich bin nur für mich verantwortlich.
Ich bin nicht für andere verantwortlich.
Ich halte nach anderen Ausschau.
Ich bin für andere da.

Ich mache alles und nichts.
Ich handle weder falsch noch richtig.
Ich bin Teil des unendlichen Sinns.
Ich bin und ich bin und ich bin.

Ich erfahre die Welt nur auf meine Weise.
Ich wache morgen früh wieder auf.
Ich vertraue mich meinem Tod an.
Ich bin der Mittelpunkt des Universums.

Ich liebe mich so wie ich bin.

Montag, 11. Januar 2021

Bist Du glücklich?

 


Glücklich sein? Mir geht durch den Kopf, dass es vielleicht etwas unverfroren ist, solche Gedanken heutzutage zu haben - angesichts des ganzen Chaos ringsum. Die Wichtigkeiten in meiner eigenen kleinen Welt wollen aber auch gesehen und gehegt und gepflegt werden, das übersehe ich nicht. Ich bin heute Nachmittag gejoggt, Wald, grauer Himmel, Nieselregen. War ich da glücklich? Bin ich es jetzt, hier beim Schreiben, mitten in der Nacht? Wenn ich so in die Tiefe gehe, kommt ein "schon, doch, klar". Kein Aber. Also: Frag ich mal nach.

"Bist Du glücklich?"

Einmal ganz abgesehen davon, was das denn sein soll: „glücklich sein“ – irgendetwas Sinnvolles wird da jeder parat haben. Aber die Frage! Sie trifft mich. Sie hält mich an. Sie geht in die Tiefe. Sie dringt vor zum anderen als Person. Wann fragen wir den anderen? Fragen wir unsere Kinder, ob sie glücklich sind? Kann man Kinder überhaupt so etwas fragen? Welche Antwort könnte es da schon geben? Es wird wahrscheinlich etwas seltsam werden, das Gespräch. Wichtiger ist, dass wir uns diese Frage an unsere Kinder selbst vorlegen, im Stillen fragen: Ist dieser Mensch da vor mir glücklich? Mit seinen 2, 4, 6, 8, 10 ... Jahren?

Mit einer solchen Bereitschaft zum anderen sehen, der stillen Frage nach seiner Zufriedenheit, seinem Wohlbefinden, seinem Glück. Die Verwobenheit mit dem Glück des anderen zerrinnt leicht, geht unter im Alltag. Man kann diese Frage aber immer mal wieder hervorzotteln, den Blick zum anderen auf einmal ganz konzentriert werden lassen, ihm nah sein und diese Frage an ihn in sich selbst spüren.

Bin ich glücklich? Die Frage nach dem Glücklichsein geht auch an mich. Selbstliebe läßt diese Frage zu und geht auf mich zu. „Bist Du glücklich?“ frage ich mich, und allein das Kümmern um mich selbst, das in dieser Frage lebt, ist Kraft und Wärme. Das Kümmern um mich selbst spüren und willkommen heißen. Und dabei wie durch Zauberei merken, dass diese Frage nach innen, an mich, auch nach außen geht, mich zu Dir hinsehen läßt und Dich fragen läßt: „Bist du glücklich?“








 

Montag, 4. Januar 2021

Meine Nähe zum Universum




Es ist Nacht. Ich bin draußen, in den Feldern. Ich liege auf meiner Isomatte und bin warm angezogen. Ich habe ein Kissen unter dem Kopf und sehe. Das Nachtdunkel, und darin die Sterne. Lichter, Punkte, größere, kleinere. Einige erkenne ich wieder, Orion, Plejaden, Wagen, Himmels-W. Jupiter ist nicht zu verfehlen. Halbmond. Von den Lichtpunkten über mir weiß ich, dass darunter unzählige Galaxien sind, die ich nur als Punkt wahrnehme. Milchstraßen, mit Übermillionen Sternen. Und dass es Übermillionen Milchstraßen gibt. Dann höre ich auf nachzudenken.

Ich lasse mich fallen in diese Dunkelheit mit den Lichtern. Wer bin ich – wer seid ihr? Was passiert in mir? Es ist eine grandiose Harmonie, die ich wahrnehme. Ich komme mehr und mehr zu mir. Meine Nähe zu mir ist meine Nähe zum Universum. Meine Nähe zu mir kommt als Selbstliebe daher, meine Nähe zum Universum als Vertrauen und Vertrautheit. Ich bin mit all diesem in Beziehung, Verbindung, Resonanz.

Es muß sich nichts ändern. Es kann sich alles ändern. Und es ändert sich ja auch immer wieder. Sterne vergehen und entstehen. Meine Wege lösen sich auf und beginnen neu. Meine Winzigkeit hier unten ist mein Universum, und ich nehme die Zuversicht der Sternenwelt gegen meine Verzagtheiten. Wo der Klang der Großen Liebe aus den unendlichen Tiefen des Kosmos meine Selbstliebe zum Schwingen bringt.