Montag, 6. Februar 2023

Sich gelten lassen




Auf meinen Vorträgen erzähle ich:

 

Unser Bild von uns selbst hat viele Facetten. Auch diese ist dabei: Bin ich okay? Kann ich an mich glauben? Kann ich mich lieben, so wie ich bin? Oder kann ich das alles nicht? Die Selbstliebe ist eine Lebenskraft wie der Lebenswille. Wie sind wir unterwegs?  

Nun, Sie wissen, dass Sie Fehler machen können. Dass Sie einsehen müssen, was falsch ist. Dass Sie sich verbessern müssen. Um weiterzukommen, muss man zunächst seine Fehler erkennen. Dann sie korrigieren.  

Man kommt nicht fertig auf die Welt, man muss besser werden, ein besserer Mensch werden. Wenn man das nicht schafft, gibt es Schuldgefühle. Und man holt sich Hilfe. Beratung, Seminare, Therapie, alles Mögliche. Aber das geht auch anders.  

»Fehler«: im Alltag schwingt bei diesem Wort etwas Herabsetzendes mit. Im Unterschied zur Mathematik, einer abstrakten Ideenwelt, da gehören richtig und falsch und Fehler zum Regelwerk. Oder bei eindeutigen Verabredungen wie bei einem Hausbau: senkrecht Stein auf Stein, nicht schräg.  

Aber im Alltagsleben ist das Wort »Fehler« ungut befrachtet. Wie »Unkraut«. »Fehler« setzt etwas herab. Nämlich das, was gerade eben noch richtig und gültig war. Die Vergangenheit steht schlecht da, und sie sagt: »Eben war ich gültig, wieso machst Du mich schlecht?«  

Das habe ich verstanden. Alles hat gleichen Wert, Vergangenes wie Gegenwärtiges wie Künftiges. Also schaue ich nicht herabsetzend auf meine Vergangenheit und sage nicht »Fehler« zu ihr, wenn etwas schiefläuft.

Ich erkenne sehr wohl, dass ich etwas jetzt, heute, im Nachhinein anders machen kann als eben. Ich kann mich verändern. Und ich ändere mich ja auch. Aber immer auf einem 100-Prozent-Niveau. Mal gehe ich links herum zum Bahnhof, mal rechts herum. Und wenn etwas daneben geht, mache ich es ja nicht noch mal.  

Aber ich schimpfe nicht mit dem Eben, ich schimpfe nicht mit mir. Ich habe eben aus meinen Gründen heraus so gehandelt – jetzt handle ich anders. Da ist nichts Marke »Fehler« dabei.  

Mit anderen Worten, konsequent und radikal: Ich und auch sonst niemand kann überhaupt einen Fehler machen – weil es so etwas wie einen »Fehler« in den alltäglichen Angelegenheiten nicht gibt. Außer in der Mathematik und Co. Ich kann somit keinen Fehler machen. Ich muss nicht einsehen, dass etwas falsch war.  

Ich muss nichts ändern, aber ich kann. Ich muss nicht »an mir arbeiten«, aber ich kann. Ich muss keine Beratungsstelle aufsuchen und keine Therapie machen, aber ich kann.  

Es ist die Frage, was Sie von sich halten. Armer Sünder oder Ebenbild Gottes? Sie haben die Wahl. Sie entscheiden über Ihr Bild von sich. Ich will Ihnen ja keinen Stress machen. Aber es liegt wirklich an Ihnen. Es ist nicht verboten, an sich zu glauben und sich zu lieben.

Sie können natürlich versuchen, all das Unangenehme und Widerspenstige an Ihnen zu verringern und abzuschleifen. An sich arbeiten, sich erziehen. Durchaus auch mit Hilfe, mit Seminaren, Büchern, Therapien. Damit Sie ein besserer Mensch werden.  

Sie können es aber auch gut sein lassen. Sich gelten lassen mit all den Widrigkeiten und dunklen Seiten, mit all den gruseligen Hörnern, die in Ihrer Seele wachsen und auf dem Kopf zu sehen sind. Wir alle haben so ein Hörnergestrüpp auf dem Kopf. Und gelegentlich kann man dann mal sehen, wie sich dieses Gestrüpp etwas zurechtstutzen lässt.  

Aber niemand muss sich das zum Desaster machen. Sie können sich auch lieben, so wie Sie sind, auch mit diesen ganzen Hörnern. Und wenn Sie dann mit hundert Jahren gestorben sind, dann brauchen Sie eben einen Sarg mit einer Kuppel für all die Hörner. So ist es, und davon geht die Welt nicht unter.





Montag, 30. Januar 2023

"Verantwortung ist Vorherrschaft"




Neulich hörte oder las ich eine interessante Kombination. Es ging um subtile Gewalt und verborgene Unterdrückung, um Macht und Herrschaft. Wie versteckt kommen diese Dinge daher, auch daher, neben offenkundigem Haudrauf? Welche Schleichwege können sie nehmen? Es ging da hin und her, und dann kam etwas, das mich die Ohren spitzen lies: "Verantwortung ist Vorherrschaft".

Ein Credo meiner Weltsicht ist das "Ich bin nicht für Dich verantwortlich." Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt, dass dies ein jeder selbst ist. Dass auch Neugeborene dies sind: für sich selbst verantwortlich. Menschen sind von Anfang bis zum Ende selbstverantwortlich.

Dieses Statement ist eine grandiose Einladung zu Missverständnissen aller Art. Obwohl es auch immer wieder ein klares "So ist es" hervorlocken kann. Die vielen Tore, die das Wort "Verantwortung" zeigt, die vielen bunten Assoziationsfelder und grünen Denkwiesen: da muss Klarheit sein, wo ich bin und wo der Gesprächspartner ist, sonst wird das kaum etwas, so ein Gespräch.

Ich bringe da viele Beispiele, um klarzumachen, was ich meine und wo ich unterwegs bin. Aber die ganzen Beispiele bringen nichts, wenn mein Gegenüber in einem anderen Gebiet unterwegs ist. Wenn er im Land des Sorgens unterwegs ist: "Ich wickle und fütter mein Kind aus Verantwortung". Oder im Land der Anteilnahme: "Es ist meine Verantwortung, meinem Partner in seinem Leid beizustehen." Oder im Land des großen Bogens: "Ich bin für die Umwelt verantwortlich." Oder im Land des Guten: "Ich bin für den Frieden verantwortlich." Zig Länder.

Das Wort "Verantwortung" passt mir da nicht. Es passt mir überhaupt nicht. Denn in meinen Ohren schwingt da etwas sehr Unangenehmes mit, etwas Ungutes, Unzulässiges, Übergriffiges, Anmaßendes, Entmündigendes: Herrschaft. Ich über Dir.

"Ich bin für Dich verantwortlich (Kind, Mensch, Umwelt, Frieden)" setzt mich über jemanden, der nicht aus sich selbst bestehen kann. Weil - weil er es eben nicht kann. Kein Kind kann ohne die Hilfe der Erwachsenen überleben. Kein Friede kann ohne das Engagement von Bürgern bestehen. Und deswegen sind wir alle hier oder dort verantwortlich, jeder an seinem Platz.

Da hau ich dann dazwischen: "Verantwortung ist Vorherrschaft!" Ist das so? Kommt auf den Atem an, auf den Hauch, der diese Einsätze umweht. Welche Umhüllung umgibt den, der sich da verantwortlich fühlt? Die Umhüllung/Botschaft des Missionars, Bevormunders, Herrschers? Wenn es das ist, was ihn trägt und ausmacht: Ist mit mir nicht zu machen. So jemand ist ein unguter Zauberer, der verhext, lähmt, krank macht. So jemand halte ich die magische Blume "Jeder ist für sich selbst verantwortlich" entgegen. Und wer dies versteht, da mitschwingt, die Ohren aufmacht, zu blinzeln beginnt, innehält - mit dem kann mein Gespräch fruchtbar werden.

Waren die Großen meiner Kindheit für mich verantwortlich? Ja, waren sie: In einer guten Art des Kümmerns, der Sorge und der Anteilnahme. Ja, waren sie: in einer unguten Art des Entmündigens, Nichtbemerkens meiner Harmonie/Kraft/Souveränität, in einer gruseligen Vorherrschaft. "Ich helfe Dir, dass Du gelingst und ein richtiger, vollwertiger, für sich selbst verantwortlicher Mensch wirst, der Du jetzt noch nicht bist." Der ich jetzt noch nicht bin? Wie bitte? Ja geht's noch!

Und dann noch alles gleichzeitig und durcheinander und subtil verknüpft. Was einen irre machte. Und was jetzt erst mühsam entdeckt und entwirrt sein will. Amication setzt hier an. Verwirrt die einen - entwirrt die anderen. Entwirrt? Ja, und das ist gut so!


Montag, 23. Januar 2023

Aufräum-Kind

 

 

»Räum Dein Zimmer auf.« Aber das Kind will nicht aufräumen. Ich könnte meinem Kind »seinen Willen lassen«, wie das so schön heißt. Gemeint ist damit die Handlungsebene: Ich könnte es in Ruhe lassen, und es räumt eben nicht auf. Könnte! Will ich? Nein, will ich nicht. Einsehen muss mein Kind ja nichts, klar. Aber tun muss es schon, was ich will. 

Tut es aber nicht. Gute Worte verpuffen, ich setze meine Mächte ein: Zwei Euro fürs Aufräumen – und ernte einen schrägen Blick. »Dann kein Zoo morgen«, der Blick wird schräger. Das wird nichts, merke ich. Gefühlsmacht subtil bis zum Anschreien lasse ich lieber. Körpermacht? Wie soll das denn gehen? Mit meiner Hand seine nehmen und per Doppelhand die Sachen ins Regal stellen? Da kann ich ja auch gleich selbst aufräumen. 

Ich merke, dass mein Kind heute kein Aufräum-Kind ist. In der inneren Welt. Und dass ich es heute auch in der äußeren Welt nicht zum Aufräumen bringe. Möglich und bekannt wäre jetzt noch: »Bevor Du nicht aufräumst, darfst Du nicht raus!« Das ist zwar fiese Erpressung, aber man weiß halt nichts anderes. Und dann? 

»Bin fertig!« Man schaut nach einer Viertelstunde ins Kinderzimmer. »Das nennst Du aufräumen? Ich komme gleich nochmal!« 10 Minuten später: »Bin fertig!« »Wie sieht es denn unterm Bett aus?!« 10 Minuten später: »Bin fertig!« »Wie sieht es denn im Schrank aus?!« 10 Minuten später – usw. 

Ich will, dass aufgeräumt wird. Zauberseifenblasen Marke »Aufräumen ist mein Schönstes« habe ich nicht. Ich kann Petrus anrufen und die Beschwerde loslassen: »Ich habe kein Kind bestellt, das nicht aufräumt!« Der knallt den Hörer auf: »Habe ich aber geliefert!«

Wie kriege ich jetzt die Sachen in Regal, Schrank und Schublade? Wer will denn eigentlich, dass aufgeräumt wird? Mein Kind nicht, aber ich. Also! Also: Wer räumt auf? Ich räume auf! »Du räumst für Dein Kind die Sachen weg, ja spinnst Du! Wo soll das hinführen! Die machen doch mit Dir, was sie wollen!« 

Ich habe da ganz andere Bezüge. Was will ich denn? Das Gezeter und Theater, 10 Minuten um 10 Minuten, bis die Kinder endlich fertig sind und rauskönnen? Nicht mein Ding. Das ist es mir nicht wert. »Räum Dein Zimmer auf.« »Nein. Will nicht.« Na gut – dann räume ich eben auf. Wo ist das Problem? 

Schon klar, das Nachgeben, Kind oben, Vater unten. Das stimmt zwar auf der Handlungsebene, aber nur dort und nicht auf der psychischen Ebene, jedenfalls nicht auf meiner. Ich habe beim Aufräumen kein Unterlegenheitsgefühl. Wenn ich aufräume und die Kinder in Ruhe lasse, gibt es keinen Krach. Sondern Frieden eben, und den zettele ich an. Ich erlebe mich als Friedensstifter im Kinderzimmer, und es geht mir gut dabei. Was habe ich mir für eine viertel oder halbe Stunde Selbstaufräumen nicht alles erspart! Das ganze Machttheater und 10-Minuten-Gruseldrama. 

Ich räume mit guter Stimmung auf, das Zimmer ist wirklich okay, und ich habe dabei mitbekommen, welche Spielsachen repariert werden müssen. Und sauber ist es auch. Die Kinder? Hören CD, spielen, helfen ein bisschen. Ich habe eine schöne Stunde, wir haben eine schöne Stunde. Ein guter Tausch: gute Stimmung gegen Ätze. Das mache ich nicht immer, aber durchaus. Ich bestimme über Krieg und Frieden im Kinderzimmer. 

Außerdem: Unterordnen ist ja nicht das Problem. Das können wir oft genug problemlos, beiläufig. »Geh tanken« zum Auto? Da muss ich schon selbst ran und ordne mich dem Auto und seinem Spritdurst unter. Nur fühlt sich diese Unterordnung nicht nach Herabsetzung an. Ein Auto tankt nicht selbst, es ist kein Tanke-Auto. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst tanke. Mein Kind räumt nicht auf. Es ist kein Aufräum-Kind. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst aufräume. Ist es so einfach? Für mich schon. 

 



Montag, 16. Januar 2023

Eine pädagogische Erzählung in die amicative Welt

 


Demnächst wird mein neues Buch fertig. Titel: "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", so wie meine Vorträge heißen. Im ersten Teil erzähle ich meinen Vortrag, mit vielen Sprachbildern und persönlichen Überlegungen. Dadurch ist es kein reines Sachbuch geworden, das mit einem Sachbuch-Leseblick gelesen werden will. Was ja eine gewisse Mühe bedeutet und, sachbuchgemäß, in rein intellektuellen Gefilden verortet wird. Will sagen: Die Leserin und der Leser eines Sachbuchs wissen, was sie von Anspruch und Leseerleben her erwartet. Was hier aber nicht passt.

Mein Buch ist etwas anderes als ein "reines" Sachbuch. Es hat viele fantasievolle, auch surreale Szenen, ich schreibe persönlich, es ist oft überraschend bis frappierend, und immer wieder anrührend. Also: Sachbuch? Passt nicht wirklich.

Wer das Buch nicht kennt und es zum ersten Mal in der Hand hat, beim Stöbern im Regal der Buchhandlung oder auf dem Wohnzimmertisch bei Freunden, der sieht natürlich zuallererst auf die Titelseite. Und da will ich gleich den richtigen Stups geben: Du hast kein reines Sachbuch in der Hand - viel mehr wird Dir hier geboten. Wie kann ich das rüberbringen? Wie das bewerkstelligen? Da habe ich mir überlegt: ich schreibe gleich vorn auf die Titelseite den richtigen Nachsinne-Öffner drauf. Ein Sachbuch ist es nicht, ein Roman auch nicht. Ein Märchen? Nein, es ist mehr als Fantasy. Aber eine Erzählung? Ja, das kommt hin. Also schreibe ich zu "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" dazu, darunter: "Eine Erzählung".

Das ist mit aber zu unspezifisch, zu mark- und farblos. Da muss mehr her. Also: "Eine pädagogische Erzählung". Das soll dem Titelbildleser den richtigen Impuls geben! Es geht nicht um irgendeine Erzählung, sondern um eine, die mit Eltern und Kindern zu tun hat. Und die das darüberstehende "Unterstützen statt erziehen" auffängt, irgendwie in geordnete Bahnen lenkt und nicht in unrealistisches erziehungsloses Chaos. "Pädagogische Erzählung" - klingt ordentlich, gewohnt. Trotzdem interessant: Was soll denn das "Unterstützen statt erziehen"? "Statt"?

Aber "pädagogisch"? In meiner amicativen Welt? Nur keine Berührungsängste! Ich will die Menschen ja dort abholen, wo sie unterwegs sind. Die allermeisten sind vor dem Bücherregal und dem Wohnzimmertisch pädagogisch unterwegs. Dass sie im Buch mitgenommen werden zu anderen Ufern - das werden sie dann schon merken ... Bei "pädagogisch" auf dem Titelbild vergebe ich mir nichts, sondern ich öffne ein Tor. In die amicative Welt.

 *

Aber wie das so ist. Den Text habe ich vor zwei Tagen geschrieben. Drüber nachgedacht. Alles ist gut überlegt, aber. Der Zusatz "Eine pädagogische Erzählung" nimmt die ganze Wucht und das Geheimnis von der Titelseite weg. Erklärt zuviel. Ich lass es also bei dem, wie es die ganze Schreibezeit um mich war, ohne den Zusatz, klar und prägnant:

Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen

Montag, 9. Januar 2023

Wie kommen unsere Kinder mit der pädagogischen Welt zurecht?

 


Wie kommen unsere Kinder mit der pädagogischen Welt zurecht? Nun, sie werden in unserem Haushalt groß. Hier, auf der Insel der Seligen, existiert die erziehungsfreie Welt von Mama und Papa. Aber kaum machen die Kinder die Wohnungstür auf, schon schallt es durch das Treppenhaus anders.

Die Mutter der Familie von nebenan ist erzieherisch unterwegs. Ihre Emotionen und Schwingungen sind gänzlich verschieden von dem, was unsere Kinder aus ihrem Nest kennen. So ist es! Drinnen ist es so, draußen ist es anders.

Die Kinder werden in zwei Welten groß. Und da sie das von Anfang an mitbekommen, verwirrt sie das nicht, sondern es ist ihre Realität. Zu Hause so, woanders anders. Sie können das handhaben. Eins aber ist klar: Von den Herabsetzungstönen, Schimpfkaskaden, Schuldzuweisungen der pädagogischen Welt draußen stecken sie sich nichts an.

Sie wissen, dass die anderen so drauf sind. Dass sie meinen, recht zu haben und Kinder belehren und herabsetzen zu können. Aber das ist deren Ding, unsere Kinder können ihnen das lassen. Es trifft sie nicht. Ihr Schutzmantel ist gewirkt aus dem verlässlichen Achtungskontinuum ihres Zuhauses.

»Wieso habt Ihr Euch die Hände noch nicht gewaschen?!« Tante Meier schimpft. Unsere Kinder sehen sich an. »Was hat sie denn nur? Wieder Rückenschmerzen?« Sie sind nicht gekränkt und fühlen sich nicht herabgesetzt. Sie sind offen für das, was bei Tante Meier dahintersteckt, wenn sie sich ärgert.

Sie sind voller Empathie. Empathie, die in ihnen lebt, weil sie von den wichtigen Personen ihres Lebens – ihren Eltern und deren Freunden – nicht in ihrem Wertgefühl, ihrer Selbstliebe und Selbstkraft gestört werden. »Ist schon gut, wir waschen uns die Hände«, eine leichte Antwort. Und Tante Meier ist zufrieden.

Unsere Kinder kommen in den beiden Welten gut zurecht. Und da sie einfühlsam und freundlich sind, werden sie auch von den erzieherischen Erwachsenen gemocht. Sie sind gerne gesehen in den Familien ihrer Freunde, im Kindergarten, der Schule, der Verwandtschaft.

Von ihren Alterskameraden ganz zu schweigen. Da ist es so, dass die anderen Kinder, denen der Erziehungsgewittersturm täglich um die Ohren braust, erstaunt und begeistert sind, dass sie auf Kinder treffen, die so ganz andere Eltern haben. Und sie kommen gerne zu uns zu Besuch.

»Keine Hausaufgaben gemacht? Wie wollt Ihr denn versetzt werden?!« Der Lehrer brüllt die Klasse an. Alle Kinder ducken sich. Sie kennen das, Alltag rauf und runter: Schimpfe, nichts Neues. Die Kinder sehen vor sich hin, sind gebannt. Sie warten, dass er mit seiner Strafpredigt aufhört.

Mein Sohn richtet sich auf, ist erstaunt, sieht nach vorn, auf den Lehrer. »Was hat er denn nur? Schlecht geschlafen? Krach mit seiner Frau?« Die Schimpfe des Lehrers prallt an seiner Selbstkraft ab, er ist nicht getroffen und gebannt. Seine Selbstachtung erreicht der Lehrer nicht mit der Schimpfe.

Mein Kind weiß, dass es jetzt nichts tun kann, der Lehrer ist viel zu sehr in Rage. Aber nach dem Unterricht, als die Pause beginnt und der Lehrer noch am Lehrertisch sitzt, geht mein Sohn nach vorn und legt ihm freundlich die Hand auf den Arm: »Herr Müller, das schaffen wir schon mit der Versetzung.«

Auf dem Elternabend erzählt mir Herr Müller davon. »Was haben Sie für ein nettes und gut erzogenes Kind.« Ich sage dann nichts dazu. Die Kinder sind ja gerade so, weil sie nicht erzogen werden, nicht durch Erziehung gestört werden und sich ihre Empathie ungehindert entfalten kann. Es bringt aber nichts, einem Menschen, diesem Lehrer, der erzieherisch unterwegs ist, davon etwas zu erzählen. Es sei denn, er ist offen für erziehungsfreie Ideen. Das muss man jeweils sehen.


Montag, 2. Januar 2023

Experten und Emanzipieren

 

 
 

Wer will denn überhaupt wissen, was richtig und falsch ist im Umgang mit Kindern? Die Experten? Die über uns thronen und sagen, wo es lang geht? In unseren Gedanken leben sie schon, diese Schriftgelehrten der Pädagogik und Psychologie. Und haben uns im Griff. Was nicht sein muss.

Ich nenne diesen gelehrten Herrschaften, die gerne so genau Bescheid wissen, freundlich beim Spitznamen. Und hole sie damit vom Sockel. Es kann ja ganz interessant sein, sich mit ihren Ansichten und Expertisen zu befassen. Wem das Spaß macht. Aber es ist nicht die Wahrheit, es ist die Sicht von diesen Menschen auf die Dinge. Und ich entscheide, was ich davon halten soll.

Da läuft mir vor hundert Jahren Sigi über den Weg. »Hubi«, sagt er zu mir, »ich habe da was entdeckt.« »Und was bitte?« »Das Ich, das Es und das Über-Ich. Strukturmodell«, sagt er stolz. »Was soll das«, sage ich, »das gibt es doch gar nicht. Wieder eine Deiner seltsamen Ideen.« »Doch doch«, sagt Sigmund Freud, und fängt an zu erklären.

»Lass den Stuss, Sigi«, sage ich. »Das ist doch Unsinn.« »Nein«, beharrt er, »die machen da eine Wissenschaft draus.« »Wie bitte?« »Ja, das packe ich alles zur Psychoanalyse.« »Jetzt bist Du völlig durchgeknallt, Sigi. Die Sache mit der Psychoanalyse ist doch schon seltsam genug.« Ich bin genervt. »Nein, lass mal«, sagt er überzeugt, »das wird eine große Sache in der Zukunft.« »Echt jetzt? Dann erklär doch noch mal.«

Mary ist am Telefon. »Du hast angerufen?« »Ja«, sage ich, »Mary, was soll das mit Deiner ›vorbereiteten Umgebung‹? Mach doch einfach mal spontan. Die Kinder finden schon ihren Weg.« »Nein«, sagt sie, »die vorbereitete Umgebung ist wichtig.« Und Maria Montessori fängt an zu erklären. »Außerdem«, sagt sie, »ist es wichtig, dem Leben zu helfen. Ein fundamentales Prinzip, verstehst Du?« »Seh ich andersrum, Mary«, antworte ich, »das Leben hilft uns.« Es gibt ein langes Gespräch.

In einer Kongresspause spreche ich Rudi an. »Rudi«, sage ich, »was hast Du denn bloß gegen Plastik? Das ist doch ganz nützlich. Holz geht nicht immer.« »Nein«, Rudolf Steiner besteht darauf, dass Plastik für die Kinder nicht gut sei. »Plastikfreie Zone.« Und Rudi erklärt mir auch seine Bewegungskunst. »Nenne ich Eurythmie.« Und er sagt, dass man damit seinen eigenen Namen tanzen kann. »Ja«, antworte ich, »interessante Idee, wenn man das denn mag.«

Die Menschheit gibt es seit sechs Millionen Jahren, sagt die Wissenschaft. Leute, die so beschaffen sind und die so aussehen wie wir, die »vernünftigen« Menschen – Homo sapiens – gibt es seit 300.000 Jahren. Bücher, die gelesen werden, nicht nur von Experten, sondern von vielen Eltern, und Kurse, die von vielen besucht werden: die gibt es noch keine hundert Jahre.

All die Eltern vorher, seit Millionen von Jahren, haben ihre Kinder großgezogen ohne Bücher und Seminare! Wozu ist denn so etwas wichtig? Wir alle können unsere Kinder großziehen, ohne diese ganzen – Lieblichkeiten. Sonst wäre die Menschheit längst zugrunde gegangen.

Es spricht aber auch nichts dagegen, mal ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Vortrag oder ein Seminar zu besuchen. Den Horizont erweitern. Theorien wälzen und sehen, wie andere das mit den Kindern so hinkriegen. Ich habe ja auch solche Bücher gelesen und welche geschrieben. Und wenn so etwas auch nicht wirklich nötig ist, so ist es doch schön, macht Spaß und kann hilfreich sein.



 

Montag, 26. Dezember 2022

Eltern müssen gar nichts!

 


 
»Aber ich muss mich doch um mein Kind kümmern!« Das höre ich immer wieder auf meinen Vorträgen, und dann klingt es mühselig und beladen. Neulich habe ich da mal nachgehakt und bin der Sache auf den Grund gegangen. 

*

Ich kümmere mich um mein Kind, weil ich das will, weil ich das wirklich will. Eltern stehen oft mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr – weil »ich muss doch«. Nein, Sie müssen nicht. Niemand steht über uns und hat das Recht, uns zu zwingen.

Niemand muss sich eines Kindes annehmen und es großziehen. Niemand muss sich um ein Kind kümmern. Das hört sich nicht gut an, ist aber letztlich die Realität. Ohne das »Ich will« geht nichts, und Eltern tragen dieses »Ich will« in sich.

Eins ist aber auch klar: Wenn das »Ich will« nicht geschieht, sterben die Kinder. Das Baby ist unerwünscht? Man wohnt im Obergeschoss, öffnet das Fenster, ein Stups und das Baby fällt in den Tod. Wird man erwischt? Bestraft? »War ein Unfall.«

Aber man kann heute eleganter seine Kinder loswerden, ohne dass sie sterben. Das Zweijährige kratzt und beißt und spuckt und tobt. Die Mutter schafft es nicht mehr, der Vater ist fort, und sie will das Kind loswerden. Ohne Fenstersturz.

Sie geht zum Jugendamt, setzt ihr Kind auf den Tisch und sagt: »Nehmen Sie mir das Kind ab, sonst gibt es eine Katastrophe. Ich kann nicht mehr.« Frau Jugendamt: »Gehen Sie zur Familienberatung.« Die Mutter zieht mit dem Kind ab.

Am nächsten Morgen ist sie wieder da, Kind auf den Tisch. »Sie waren doch gestern schon da, was wollen Sie denn noch?« Die Mutter sagt nichts, flitzt ohne das Kind zu ihrem Auto, Motor läuft noch, sie braust davon. Ab zu ihren Freunden in die Toskana.

Das Kind? Es kommt abends in ein Bettchen und wird dann von liebevollen Pflegeeltern großgezogen. Die Mutter kommt nach drei Monaten zurück, bekommt ein Verfahren, wird bestraft. Eins ist klar: das Kind ist sie los, ohne Mord und Totschlag. Sie muss kein Kind großziehen. Niemand muss das.

Ich will damit sagen: Sie stehen niemals mit dem Rücken zur Wand, Sie müssen wirklich kein Kind großziehen. Es kommt eine ganz andere Frage auf Sie zu, und zwar mit Wucht, sie trifft Ihren Kern, und das möchte ich Ihnen klar machen.

»Wer bin ich?« Und: »Was will ich?« Das heißt: »Will ich mit diesem Kind (diesem kratzenden, beißenden, spuckenden, tobenden Monster) durchs Leben gehen?« Und Sie hören tief in sich ein grandioses »JA – ICH WILL«. Überwältigend, kraftvoll und voll Glück.

Wir müssen also nichts – wir wollen! »Ich will mich um Dich kümmern« ist eine ganz andere Aussage und hat eine ganz andere Power als »Ich muss mich um Dich kümmern«. Wir entscheiden selbst, in eigener Regie und Verantwortung, wie unser Weg aussehen soll. Wir lieben unsere Kinder und wollen uns um sie kümmern. Jedes »Muss« ist hier unpassend.

Auch Eltern gehören sich selbst, nichts und niemand steht über uns. Als wir Kinder waren, haben wir etwas anderes zu hören bekommen: Dass dieser und jener und dieses und jenes über uns stehen. Unser Wissen, dass wir uns selbst gehören, wurde nicht weggewischt, sondern, heftiger noch, gar nicht erst in Betracht gezogen. »Kinder werden erst richtige Menschen.«

Und als Eltern folgen wir wieder dieser tief sitzenden Störung und glauben, den Regeln und den Experten folgen zu müssen. Aber Eltern, groß gewordene Kinder, können sich von dieser eingebrannten Abhängigkeit, Kränkung und Traumatisierung lösen und sich emanzipieren. Auch Eltern gehören sich selbst, nichts und niemand steht über uns! Wir müssen gar nichts!


Montag, 19. Dezember 2022

Durchsetzen: Leid und Trost


  

Wenn Eltern sich durchsetzen, gibt es oft Leid und Tränen. Ein immer wiederkehrendes Thema auf meinen Vorträgen. Aus meinem neuen Buch hierzu:

 *

Dieses Leidzufügen beim Durchsetzen ist für die Eltern schwer zu ertragen. Wo sie doch Freudebringer sein wollen. Aber wenn wir das Leid, das wir bei den Kindern verursachen, schon nicht vermeiden können, so gibt es doch wenigstens einen Trost für uns Eltern. Gefunden bei einem großen Vorbild. Die Vorgänge, die ich gleich erzähle, kennen Sie. Ich übertrage sie in eine ungewohnte Perspektive. 

»Hier nicht, macht das woanders.« Streit an einem Sabbat im Tempel in Jerusalem vor 2000 Jahren. Jesus ist nicht begeistert. Die Händler sollen woanders hingehen. »Lass den Unfug, Jesus«, sagen sie, »wir müssen hier verkaufen. Unsere Souvenirs, Ansichtskarten und Sticker. Wir verdienen damit unser Geld und ernähren so unsere Familien.«

»Die Leute kommen hierher, zum Tempel«, fahren die Händler fort, »da ist viel Publikum, und sie kommen nicht morgen, sondern heute am Sabbat.« »Das ist ein heiliger Ort und ein heiliger Tag«, sagt Jesus nachdrücklich. »Ja, für Dich, Jesus, aber wir müssen hier unsere Geschäfte machen, Geldwechseln und so weiter. Jetzt geh weg, Du machst die Kunden verrückt, Du nervst.«

Jesus wird ärgerlich. Er hat freundlich mit ihnen geredet, aber das bringt nichts, die Geldwechsler sehen es nicht ein. Die Geldwechsler könnten ja auch gut finden, was Jesus sagt. Könnten! Tun sie aber nicht. Die Kinder könnten ja auch gut finden, was die Eltern sagen. Könnten! Tun sie aber nicht.

Jesus’ Ärger macht ihn lauter, er schreit die Händler und Geldwechsler an. Die sind entsetzt. Alle Leute sind verschreckt und ziehen sich zurück. Nichts geht mehr, kein Anhänger wird mehr verkauft, kein Geld mehr gewechselt.

Aber die Händler geben nicht auf, sie drängen ihn zurück. Da wird Jesus wütend, er greift nach einer Peitsche, schmeißt ihre Verkaufstische um und drischt auf sie ein. Er verursacht ein riesiges Getümmel – durch ihn entsteht Leid.

Jesus ist für viele Trost und Erlösung. Wie jeder von uns hat er aber auch seine Werte und Grenzen. Zu denen er steht und die er so gut es geht auch durchsetzt. Dabei entsteht durchaus Leid – wie bei den Eltern, wenn sie sich den Kindern gegenüber durchsetzen.

Jesus hat wie alle Kinder auch seine Eltern aufgeregt. Als er zwölf war, haben ihn seine Eltern einmal lange gesucht, er war drei Tage weg. Schließlich fanden sie ihn, und seine Mutter stellte ihn zur Rede:

»Kind, wie konntest Du uns das antun? Dein Vater und ich haben Dich voll Angst gesucht!« (So steht es in der Bibel.) Jesus bekam nicht mit, welches Leid er verursacht hatte. Drei Tage lang hatte er die Eltern versetzt, so vertieft war er in die Diskussionen im Tempel.

Er fragte nur aus seinem Kinderkosmos heraus: »Warum habt Ihr mich gesucht? Wusstet Ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?« Aber »sie verstanden das Wort nicht, das er zu Ihnen sagte«. Kinderkosmos eben. Marias und Josephs Schmerz und ihr Leid der letzten drei Tage wird das nicht gemildert haben, auch wenn Maria »alle diese Wort in ihrem Herzen behielt«.

Und wenn Jesus das passiert ist, wenn auch von ihm Leid ausging, von diesem Garanten und Symbol der Liebe und des Friedens, »dann«, sage ich den Eltern, »seid nicht so besorgt, wenn auch von Euch Leid ausgeht.«




Montag, 12. Dezember 2022

Halt durch!

 


Das Baby ist geboren, liegt neben der Mama und ruht sich aus. Aber irgendetwas stimmt nicht. »Mama, Papa, irgendetwas stimmt nicht.« »Hast Du Hunger?«, fragt die Mama. »Nein, das ist es nicht.« »Ist Dir kalt? Ich hole noch etwas zum Zudecken«, sagt der Papa. »Nein, das ist es auch nicht. Es ist etwas Psychologisches.« Pause.

Dann ungläubig die Mama: »Etwas – Psychologisches?« »Ja.« »Um was geht es denn?«, fragt der Papa. Baby: »Ihr liebt mich doch.« »Ja, klar.« »Das merke ich, das tut gut. Aber da ist etwas dabei, was mich stört.«

»Sollen wir Dich nicht lieben?« »Nein, das meine ich nicht. Aber um Eure Liebe herum ist noch so etwas Merkwürdiges, so ein komisches Gefühl. Das nervt echt.« »Was meinst Du denn?«, fragt die Mama.

Baby: »Ja, also, irgendwie, es ist … fühlt Ihr Euch für mich etwa verantwortlich?« »Ja klar, selbstverständlich.« »Das meint Ihr doch nicht im Ernst!« »Oh doch. Schau mal, aus Verantwortung haben wir auch das Licht abgedunkelt.« »Genau«, sagt der Papa, »das ist gut für Deine Augen.«

»Ja«, sagt das Baby, »das ist ja auch okay. Aber es ist nicht okay, dass Ihr Euch für mich verantwortlich fühlt.« »Was soll denn daran nicht okay sein?« »Na alles. Weil ich das selbst bin. Ich bin ein Selbstverantworter, wie jeder Mensch.«

Die Mama erstaunt: »Was bist Du bitte? Ein Selbstverantworter? Was soll denn das sein?« Baby: »Mama und Papa, wieso wisst Ihr das nicht? Jeder ist ein Selbstverantworter. Von Anfang an. Ich bin das auch. Genauso wie Ihr.«

»Ach das meinst Du«, sagt der Papa. »Aber da verwechselst Du etwas. Du wirst ein Selbstverantworter, wenn Du groß bist. Aber keine Sorge, wir helfen Dir dabei.«

»Mama und Papa! Ich BIN ein Selbstverantworter, ich BIN es, und muss es nicht erst werden!« Das Baby wird laut. »Jetzt hör mal mit dem Unsinn auf«, sagt der Papa. »Lass das Baby«, sagt die Mama, »es ist doch von der Geburt noch ganz durcheinander. Das wird schon.«

»Nein!!!«, schreit das Baby, »das stört, dieses Verantwortungsgefühl, das da von Euch kommt. Es tut weh. Und ist so seltsam verwoben mit Eurer Liebe.« »Ja, Liebe und Verantwortung sind eine Einheit und gehören zusammen. Das wirst Du schon noch verstehen.«

»Außerdem«, sagt der Papa, »ich kenne überhaupt kein Baby, das solche Sachen am Geburtstag diskutiert. Ruhe jetzt. Und Augen zu.« Der Papa wird energisch. »Und jetzt schlaf, das ist besser für Dich.« Die Mama zieht die Decke hoch.

Baby: »Genau das meine ich.« »Na prima.« »Nein, ich meine, dass Ihr besser wisst als ich, was für mich gut ist. Dass ich schlafen soll, statt das mit Euch zu besprechen. Ich will das aber jetzt besprechen. Sonst kann ich überhaupt nicht schlafen. Mama und Papa: Ich! bin! ein! Selbstverantworter!« »Jetzt ist es aber gut!«, der Vater drückt das Baby aufs Kissen. »Schlaf jetzt!« Und der Geburtstag ist versaut.

Die Nacht war schrecklich. Aber das Baby ist optimistisch. »Morgen kommen Oma und Opa zu Besuch. Die wissen Bescheid! Die wissen, dass alle Menschen Selbstverantworter sind, von Geburt an. Die werden Mama und Papa schon Bescheid sagen! Die beiden sind ja völlig durch den Wind von der Geburt, total überanstrengt.«

Oma und Opa kommen am nächsten Tag zu Besuch. Sie bringen Geschenke mit. Einen Strampler, ein Sparbuch. Und Gefühlsgeschenke. Liebe – wie schön – und: »Oh nein, auch dieses verdammte Verantwortungsgefühl! Das glaub ich doch nicht! Wie verkehrt ist das denn?!«

Jeder, der in den nächsten Tagen zu Besuch kommt, bringt dieses Verantwortungsgefühl mit. »Nein: ICH BIN EIN SELBSTVERANTWORTER!«

Das Baby weint. Und dieses eklige Gefühl von innerer Einmischung, das von den Eltern und allen Großen ausgeht, hört nicht auf. »Sie wissen alle, wie es in mir auszusehen hat. Sie wollen mich zu einem richtigen Menschen machen.«

Es ist am ersten Tag so, am zweiten Tag, am dritten Tag. In der ersten Woche, der zweiten, der dritten. Im ersten Monat, im zweiten, im dritten. Im ersten Jahr, im zweiten Jahr, im dritten Jahr. Die ganze Kindheit über.

Dieses Verantwortungsgefühl legt sich betäubend, wie Mehltau, auf die Seele des Kindes und vergiftet seine Grundkraft: die Selbstliebe. Das Baby wächst wie alle anderen monströs heran: »Ich kann mich nicht lieben, so wie ich bin. Ich muss erst noch ein richtiger Mensch werden, ein vollwertiger. Jemand, der für sich selbst verantwortlich ist. Das bin ich jetzt noch nicht.«

Nachts, wenn alle schlafen, ruft das Baby wütend Petrus an. »Was soll das? Wo hast Du mich hingeschickt? Hast Du keine anderen Eltern für mich? Solche, die meine Selbstkraft und Selbstverantwortung erkennen?« »Tut mir leid«, sagt Petrus, »die Menschen erkennen heutzutage nicht, was für eine Kraft in Dir lebt.«

»Sie meinen, sie müssen erst einen richtigen Menschen aus Dir machen. Sie meinen, sie müssen Dich erziehen.« »Gibt es keine Hoffnung?« »Schon«, sagt Petrus, »es gibt einige Menschen, die das anders sehen. Du wirst sie treffen und sie werden Dich unterstützen. Halt durch!«

Montag, 5. Dezember 2022

Von der Pike auf

 

 

Ich wurde gefragt, wie das damals mit meiner Forschung war. Es war so:

Ich nahm mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land.

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, „sehr gut“. Ich war Doktor der Philosophie.