Freitag, 23. Juni 2017

Pädagogische Augen - pädagogischer Mensch



















Die amicative Analyse hat offen gelegt, dass alle pädagogischen
Theoretiker und Praktiker eine gemeinsame Basis haben – so
verschieden ihre Positionen auch sein mögen. Diese übergreifende
Basis ist das pädagogische Bild vom (jungen) Menschen, das sich
in den Büchern und Konzeptionen der pädagogischen Autoren,
Wissenschaftler und Theoretiker findet und in jeder Handlung
eines pädagogischen Menschen lebt.

Die pädagogische Welt hat eine einheitliche Basis. Über die Frage
aber, wie man den Umgang mit Kindern von dieser Grundlage aus
gestalten soll, wird gestritten. Da gibt es viele Richtungen: antiauto-
ritäre Erziehung, autoritäre Erziehung, demokratisch-partnerschaft-
liche Erziehung, sozialistische Erziehung, christliche Erziehung,
Montessoripädagogik, Waldorfpädagogik, permissive Erziehung,
emanzipatorische Erziehung, Laissez-faire-Erziehung, Situations-
pädagogik, usw.

Wie ist das pädagogische, das traditionelle Bild vom jungen
Menschen? Es geht um das Fühlen der Gleichwertigkeit, jedoch
nicht um ein allgemeines Gleichwertigkeitsgefühl. Dass Kinder
gleiche Würde wie Erwachsene haben – dies wird sicher von
pädagogischen Erwachsenen ebenso gefühlt wie von amicativen.
Es geht um etwas Spezielles im Bereich des Gleichwertigkeits-
gefühls.

Es geht um die folgende traditionelle, die pädagogische Grund-
position:

Menschen können nicht von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Diese Fähigkeit haben Menschen nicht. Sie können nicht von
Anfang an für sich selbst verantwortlich sein. Andere können
und müssen an ihrer Stelle entscheiden, was ihnen wirklich nutzt
und was ihnen wirklich schadet. Andere müssen für sie die Ver-
antwortung tragen. In Bezug auf die Selbstverantwortung besteht
keine Gleichwertigkeit von Erwachsenen und Kindern.

Die Mutter ist für ihr Kind verantwortlich, der Vater ist für sein
Kind verantwortlich, der Lehrer ist für seine Schüler verantwort-
lich. Allgemein ist die Erwachsenenwelt für die Kinder verant-
wortlich. Es gilt: »Ich, der Erwachsene, weiß besser als Du, das
Kind, was für Dich gut ist«. Dieser Unterschied wird nicht nur
theoretisch behauptet, er wird gefühlt und gelebt. Es ist eindeutig
und anders ist es nicht vorstellbar: Erwachsene sind für die Kinder
verantwortlich.

Wer diese Position teilt, wird aus amicativer Sicht ein »pädago-
gischer« Mensch genannt. Er stellt seine Beziehung zum Kind auf
die Grundlage, die auch für die Pädagogik maßgebend ist: dass
Erwachsene für Kinder die Verantwortung tragen, weil diese das
eigene Beste nicht selbst spüren können.

Und genau dies wird in der Amication gänzlich anders gesehen.


Donnerstag, 22. Juni 2017

Die pädagogische Verwirrnis



















Kinder sind auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen und öffnen sich vertrauensvoll für deren Werte und Normen. Diese lehren sie in pädagogischer Tradition, dass sie noch nicht vollwertige Menschen sind, dass sie besser werden müssen, dass sie erzogen werden müssen, und dass diese Sicht vom Menschen die richtige sei.

Da die Kinder aber tief in sich darum wissen, dass sie so, wie sie sind, ganz und gar o.k. sind, dass sie eben nicht besser gemacht und erzogen werden müssen, dass sie bereits jetzt schon vollwertige Menschen sind, und da diese innere Gewissheit in scharfem Gegensatz zur Überzeugung ihrer Eltern steht, verwirrt sie diese Widersprüchlichkeit. Und sie werden voll von innerer Abwehr gegen die Menschen, deren Liebe sie doch brauchen.

Die Kinder gehen hiervon nun nicht zugrunde: Ihre mitgebrachte Selbstverantwortung zeigt ihnen wie immer den Weg zum Überleben. Sie übernehmen nach und nach die Sicht ihrer Eltern vom Kind und lernen zu glauben, dass nicht sie selbst sondern andere für ihr Glück und Leid verantwortlich seien. Sie passen sich an die pädagogische Umgebung an und weisen es – aus Verantwortung für sich selbst – mehr und mehr zurück, für sich selbst verantwortlich zu sein, bis sie schließlich selbst glauben, dass sie nicht für sich selbst die Verantwortung tragen können.

In der Amication finden diese Verstrickungen nicht statt. Die Erwachsenen fühlen sich auf einer psychologisch gleichwertigen Basis wie die Kinder: Jeder ist von Anfang an zu 100 Prozent selbstverantwortlich.







Mittwoch, 21. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen III








                  

             









 Fortsetzung vom 20.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



»Hör mit dem Rauchen auf!«
»Hast Du das im Internet gelesen, Papa?«
 »Mach die verdammte Zigarette aus, diese 
und alle anderen!« 
»Hast Du nicht gelesen.« 
»Packung her!« 
»Die Rede! Vor der Uno!« 
»Vor der Uno?« 
»Ja, von dem Außerirdischen.« 
»Von wem?« 
»Er ist gestern Nacht gelandet und hat heute 
zu den Menschen gesprochen. Er kommt vom 
Sirius. Er hat über das Rauchen gesprochen.« 
»Sag mal, rastest Du jetzt völlig aus?« 
»Sie haben uns schon lange beobachtet, Papa. 
Und jetzt eine Delegation geschickt. Sie wollen 
uns den Weg zum Frieden zeigen. Sie sind 
geschockt, dass die Menschen so viele Kriege 
führen.« 
»Sirius? Frieden? Uno?« 
»Er hat uns an die Friedenspfeife der Indianer 
erinnert. Er hat gesagt, wir hätten längst alles, 
was wir zum Frieden brauchen.« 
»Ich versteh gar nichts mehr.« 
»Papa, Raucher sind doch gemütlich.« 
»Ja, und sie sterben eher.« 
»Eben.« 
»Was heißt hier ‚eben‘?« 
»Der Sirianer hat gesagt, dass wir die Wahl haben.« 
»Was für eine Wahl? Hör auf mit dem Quatsch, Du 
nervst, und mach endlich den Glimmstängel aus, 
zur Hölle!« 
»Wenn Du nicht rauchst, fährst Du zur Hölle, Papa. 
Dann bist Du ungemütlich und aggressiv und kriegs-
bereit, latent, und dann braucht es nur noch einen 
Anlass, und schon bringen die Menschen sich um. 
Wenn man raucht, ist das alles ganz anders. Der 
Qualm macht ein bisschen benommen, ein bisschen 
glücklich, friedlich eben. Klar, hat er gesagt, dann gibt 
es Lungenkrebs und die Leute sterben eher, um 20 
Jahre sinkt die Lebenserwartung. Aber dann hat er 
gefragt, was wir denn wollen? Eine friedliche und 
glückliche Welt ohne Kriege? Oder Mord und Tot-
schlag? Die Menschen leben dann nicht so lange, 
aber sie leben in Frieden. Und jeder weiß das, und 
jeder ist einverstanden. Und jeder raucht. Und schon 
im Kindergarten gehen die Kippen rum. Eine andere 
Kultur eben. Friedenspfeife, Friedenskultur. Hat er 
gesagt. Ich finde, dass er recht hat. Ich rauche gern. 
Howgh!«

Dienstag, 20. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen II







                  

             










 Fortsetzung vom 18.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



 »Putz die Zähne!«

 »Papa, weißt Du, wer 2020 den Nobelpreis für 
Medizin bekommt?« 
»Mach den Mund auf!« 
»Den Nobelpreis bekommt 2020 ein Zahnarzt.« 
»Was?« 
»Ja, ein Dr. Schäfer, er ist Zahnarzt.« 
»Was soll der Quatsch!« 
»Er bekommt ihn für sein Lebenswerk, 
er ist 85, und er hat 60 Jahre geforscht.« 
»Was hat er geforscht?« 
»Er hat in einer großen Langzeitstudie 
herausgefunden, dass beim Zähneputzen 
ein sehr seltenes Mineral vom Zahn abgerieben 
wird. Die Wissenschaft hat es nach ihm benannt:
Schaeferium. Es wird immer nur extrem wenig 
abgerieben, aber immerhin. Im Laufe der Jahre 
kommt da was zusammen.« 
»Was redest Du und redest Du, mach endlich 
den Mund auf!« 
»Es lagert sich ab, in den Körperzellen. Und es 
häuft sich, ganz verschieden bei den Menschen, 
mal mehr in der Leber, in der Lunge, in der Brust, 
im Hoden.« 
»Jetzt reichts!« 
»Papa, er hat den Nobelpreis gekriegt. Weil er 
den Zusammenhang gefunden hat.« 
»Was für einen Zusammenhang?« 
»Na den von Zähneputzen und Krebs.« 
»Von Zähneputzen und Krebs?« 
»Ja. Beides gibt es doch wirklich erst seit ungefähr 
100 Jahren. Er hat nachgewiesen, dass das beim 
Zähneputzen abgeriebene Mineral Schaeferium  
die wirkliche Ursache für Krebs ist. Zähneputzen 
ist saugefährlich! Kann ich jetzt ins Bett?«

Fortsetzung folgt.

Sonntag, 18. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen I


 




                  

             










»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen. 



»Wasch die Hände!«

»Papa, seit wann gibt es Menschen?« 
»Wir waschen erst die Hände, klar?« 
»Papa, bitte!« 
»Die Ursprünge seit 7 Millionen Jahren,
den Homo sapiens seit rund 200.000 
Jahren. Und jetzt nimm die Seife!«
 »Seit wann gibt es Seife?«
 »Schon im alten China vor dreitausend 
Jahren. Aber so richtig zum Einsatz erst 
seit etwa 100 Jahren.« 
»Seit wann gibt es so viele Erkältungen 
und schwache Immunsysteme?«
 »Seit etwa 100 Jahren.« 
»Und?« 
»Und was? Mach den Kran auf!«
 »Siehst Du da keinen Zusammenhang,
Papa?« 
»Wieso?« 
»Also: meinst Du, die Menschen hätten
 so lange überlebt und sich entwickelt, 
wenn Seife wichtig gewesen wäre?« 
»Was willst Du damit sagen?« 
»Da gibt es doch einen Zusammenhang
von Immunschwäche und Seife!« 
»Waas?«
»Schau mal Papa: die Menschen haben 
Hunderttausende und Millionen Jahre ihre 
Nahrung mit ungewaschenen Händen 
gegessen, mit Dreck unter den Finger-
nägeln. Sie haben damit auch die Krank-
heitskeime ihrer Umwelt aufgenommen. 
Und das war auch gut so. Denn das hat 
ihr Immunsystem gestärkt, und es gab 
keine Erkältungen. Sondern Überleben. 
Dreckige Hände sind wichtig fürs Gesund-
sein. Dreckige Hände sind ein Symbol für
 Vitalität und zielführende gesunderhal-
tende Hygiene. Willst Du wirklich, dass 
ich mir die Hände wasche? Willst Du mich 
krank machen? Willst Du nicht! Also, ich
geh jetzt spielen.«

Fortsetzung folgt.











Samstag, 17. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? II



















Fortsetzung vom 16.5.

*

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen
ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und
die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft:
Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten.
Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll
sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind.

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern,
die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot.
Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber
nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich
hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den
Frager dabei nicht verlieren - aber es ist seine Sache, jetzt
enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zuge-
wandt - nur eben ohne mich auf die Fragerei und das
dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller
Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine
Frage nicht aufnehme. Auf mein "Ich möchte darauf nicht
antworten" kommt sofort die nächste Frage: Wieso, warum,
ja aber. Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen,
wenn ich eine Frage nicht aufnehrne. Der Frager fühlt sich
unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun?
Deswegen doch in seine - seine - Fragewelt einsteigen, die
Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie
dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus?
Ist das mein Leben oder Deins?

Ausflüchte gibt es genug: "Ich finde es nicht sinnvoll, auf
Deine Frage jetzt einzugehen","Das erklär ich Dir nachher",
"Das weiß ich nicht so genau" usw. Klartext ist: "Nein" - Was
heißt das? - "Nein" - Ich habe Dich gefragt - "Nein". Wenn
ich dann noch freundlich bin (und warum sollte ich es nicht
sein), dann noch: "Ich will mich mit Deiner Frage nicht
beschäftigen". Und Punkt.

Und dann geht das Leben weiter - so, wie es mir gut tut. Und
von dieser Basis aus gelingt unsere Beziehung. Und lassen
sich alle Fragen beantworten.





















Freitag, 16. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? I



















Fragen und Antworten. Antworten auf Fragen. Da gibt es
eine Norm, eine Moral, ein Soll: Eine Frage (wenn sie nicht
unverschämt, unpassend, überflüssig, daneben, unsinnig, ver-
rückt ist) wird beantwortet, hat sozusagen das Recht auf eine
Antwort. Wir antworten auf Fragen. Eine Frage hat eine
große Macht: Sie nimmt uns in die Pflicht, wir bemühen uns.
Wir verlassen die Denkbahn, auf der wir gerade noch waren,
um der Frage gerecht zu werden.

 "Wie spät ist es?" Die Fragewörter, die einen Fragesatz
einleiten, machen uns wach: aufpassen, es gibt eine Frage,
es wird eine Antwort erwartet: Was ...? Wer ...? Wo ...?
Wie ...? Womit ...? Warum ...? Wohin ...? Wodurch ...?
Oder diese indirekten Fragen: Kannst Du ...? Würdest
Du ...? Hast Du ...? Bist Du ...? Machst Du ...? Kommst
Du ...? Sagst Du ...?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns,
dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat
uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu
beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verwei-
gert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine
Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle
Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des
anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört
mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte,
wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir
Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht
tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn
ich es will.

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die
Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewo-
ben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur
jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will
ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die
eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen?
Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese,
jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht
hindurchziehen zu lassen?

Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind
ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie
bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen
mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und
Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen
und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf
eine Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine
Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein
achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens
bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben,
mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen,
in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich
einzulassen. Vor jeder Antwort. "Will ich diese Frage?"

Diese Frage vor der (Deiner) Frage gehört mir, ist Teil von
mir, stört (noch) nicht meine gerade gezogen Kreise. Diese
Frage vor der Frage ist die Macht, die alle anderen Fragen
auf den Platz verweist, der ihnen zukommt: Den ich ihnen
zuteilen will. Deine Frage gehört zu Dir - nicht (schon) zu
mir. Deine Frage dort - mein Leben hier.

Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt?Will
ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden? Will
ich wirklich?

Amication ist gebaut auf die Identität, das Selbstbild, das So-
Sein des einzelnen, und auf das So-Will-Ich-Sein des einzel-
nen. Auf die Vielfalt bei aller Gleichwertigkeit - und auf die
Entscheidung: Der - der- will ich sein.

Wenn ich ein Frage-Annehmer sein will, bin ich ein Frage-
Annehmer.
Wenn ich ein Antworter sein will, bin ich ein Antworter.
Wenn ich kein Frage-Annehmer sein will, bin ich kein Frage-
Annehmer.
Wenn ich kein Antworter sein will, bin ich kein Antworter.
Ich entscheide. Niemand sonst.

Ich weiß, dass die Souveränität im Umgang mit der Frage
eines anderen Menschen mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.
Dass unser Leben uns auch in diesem Punkt gehört, ist so
gut wie nicht klar, präsent, verfügbar. Denn Fragen sollten
beantwortet werden

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist.
Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort
zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu
antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder
Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als
Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stim-
mung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört.
Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du
nicht antworten!"  "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angele-
genheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere
Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder
so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem
Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu
erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst
einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder
gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die
den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antwor-
ten bekomme ich geschenkt. Wie Liebe. Wie Leben.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Fortsetzung folgt.