Ich schreibe gern in Bildern und lade
in emotionale Welten ein. Luca und Paul sind noch kein Jahr alt, sie
sitzen auf der Krabbeldecke und unterhalten sich. Ich höre zu und
übersetze.
Luca: Deine Mutter hat Dich auch nicht
gelassen.
Paul: Nein. Das ärgert mich.
Luca: Mich auch
Paul: Sie lassen uns nicht tun, was wir wollen.
Luca: Stimmt.
Paul: Es ist unmöglich.
L Deine Mutter hat so
eine schaurige Ausstrahlung.
P Sie hat schöne Ausstrahlungen.
Sie liebt mich.
Aber sie hat auch dieses schreckliche Zeug.
L Was ist das? Meine Mutter hat das nicht.
P Sie fühlt sich für mich verantwortlich.
L Sie fühlt sich
für Dich verantwortlich?
P Sie weiß besser als ich, was für
mich gut ist.
L Das meint meine Mutter auch.
P Nein, da ist
ein Unterschied.
L Ein Unterschied?
P Meine Mutter meint
das nicht nur aus ihrem Wissen.
L Sondern?
P Sie
sagt, Erwachsene können wirklich alles besser beurteilen als
Kinder.
L Das meint sie doch nicht im Ernst.
P Doch.
Davon ist sie felsenfest überzeugt.
L Niemals kann ein Mensch
etwas besser beurteilen als ein anderer.
Jeder tut es auf
seine Weise, aus seiner eigenen Inneren Welt
heraus. Da sind
alle gleichwertig.
P Sie glaubt, das gilt nicht bei Erwachsenen
und Kindern.
L Da hält sie ja an völlig überholten Ansichten
fest.
P Leider. Aber es ist die Sicht ihrer Eltern und deren
Eltern.
Das hat lange Tradition.
L Weiß ich, aber
meine Mutter ist da anders. Die Postmoderne kann
an Deiner
Mutter doch nicht spurlos vorübergegangen sein.
P Schön wäre
es. Aber sie erkennt nicht, dass wir vollwertige Menschen
sind. Dass wir uns selbst gehören und selbstverantwortlich sind,
von
Anfang an. Sie setzt auf Erziehung.
L Hast Du
mit ihr noch nicht darüber gesprochen?
P Tausendmal. Aber sie
versteht es nicht.
L Meine Mutter sagt, dass sie ihre
Selbstverantwortung als Kind beinah
verloren hat. Weil die
Erwachsenen das damals nicht gelten lassen
wollten.
P Und?
L Sie hat sich nicht beirren lassen. Sie hat sich
versteckt, und keiner
hat gemerkt, dass sie immer noch an
sich glaubte.
P Wenn ich mit meiner Mutter über diese Dinge
rede, wird sie ärgerlich.
Sie sagt dann, dass ich trotzig
und ungezogen bin.
L Das muss ja alles sehr anstrengend für
Dich sein.
P Ist es auch.
P Meiner Mutter geht es auch
schlecht dabei.
L Weil Du Dir ihren Überfall auf Deine Innere
Welt nicht gefallen
lässt.
P Natürlich nicht.
Niemals!
L Und deswegen hast Du Dich losgerissen und bist noch
mal auf das
Ding da los.
P Klar. Auf die
Schweineschnauze.
L Sie sagte zu Dir „Steckdose“. Aber wir
haben es doch im Bilderbuch
gesehen, es sah aus wie die
Schnauze von einem Schwein.
P Also, ich muss meiner Mutter immer
klarmachen, dass sie in meiner
Inneren Welt nichts zu suchen
hat mit ihren Ansprüchen. Sie kann
mich besuchen, o.k. Aber
sie hat kein Recht, ihre Erkenntnisbäume
in mich zu
pflanzen.
L Stimmt.
P Wenn sie anderer Meinung ist als ich
und das Ding da unten an der
Wand für eine "Steckdose"
hält, dann ist das ihre Sicht.
L Die kann sie Dir sagen,
aber es muss klar sein, dass Du eine andere
haben kannst und
nichts einsehen musst.
P Genau das tut sie nicht.
L Wir
sollten einen Weltkongress einberufen. Alle Menschen in
unserem Alter würden das Ding da für eine Schweineschnauze
halten.
L Wenn sie vorher das Buch gelesen haben.
P Und
unser Kongressergebnis steht gleichrangig neben dem Ergebnis
des Erwachsenenkongresses. Jeder erkennt seins.
L Aber Du sollst
einsehen, dass es keine Schweineschnauze ist,
sondern eine
"Steckdose". Und dass sie recht hat.
P Das macht mich
kaputt.
L Und weil sie es nicht schafft, geht es ihr auch
schlecht.
P Deine Mutter hat doch auch "Steckdose"
gesagt.
L Ja. Aber es war ihre Sicht. Meine hat sie
gelten lassen.
P Sie lässt Deine Sicht gelten?
L Ja.
P Immer?
L Immer.
P Was hältst Du von ihrer Sicht?
L Eigentlich redet sie keinen Unsinn.
P Du glaubst ihr?
L Sie
ist vertrauenswürdig.
P Weil sie Deine Innere Welt achtet.
L Ja.
P Ich komme gar nicht mehr auf die Idee, meiner Mutter
noch irgendwo
zu vertrauen.
L Aber sie hat mich nicht
überzeugt. "Steckdose"? Es wird sich schon
noch
klären.
P Bist du denn freiwillig weggeblieben?
L Ich habe
gemerkt, wie wichtig ihr das war. Ich bekomme so etwas
immer
mit. Und sie merkt meine Dringlichkeit.
P Die kann sie auch
merken, weil sie in Dir nichts durchsetzen will. Da
ist sie
offen für das, was Dir wichtig ist.
L Genau. Und ich bekomme
ihre Dringlichkeit mit, weil ich mich nicht
verteidigen
muss.
P Ich kann so etwas nicht merken. Ich muss dauernd
aufpassen, dass
sie nicht schon wieder ihre Pflöcke in mein
Land rammt.
L Ich bekomme also mit, wie wichtig ihr das ist,
dass ich von der
Schweineschnauze wegbleibe. Ich habe mich
gefragt, ob mir meins
wichtiger ist.
P Und?
L Sie
hatte solche Not, dass ich ganz erstaunt war.
P Du hast
nachgegeben?
L Nein. Das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich
lass sie, wenn es ihr
dermaßen wichtig ist. Warum auch
nicht. Ich liebe sie doch.
P Wie Du das sagst... Aber ich
versteh Dich. Du fühlst Dich nicht
angegriffen. Du hörst
hin, wenn sie Probleme hat, und kannst
großzügig sein.
L Großzügig? Es ist doch selbstverständlich, dass ich jemandem
helfe,
wenn ich kann. Und wenn ich ihn liebe, um so
eher.
Paul: Und was machst Du, wenn Dir etwas genauso wichtig
ist?
*
Was Luca dann macht, kommt im
nächsten Post..









