Montag, 21. September 2026

Auf der langen Planwagenfahrt

 

  
Und die Kinder? Erziehungswesen? Oder von Geburt an vollwertige Menschen, die nicht erst dazu gemacht werden müssen? Die Erziehungssicht ist eine Sicht auf die Kinder. Sie hat eine lange Tradition, auch wir haben sie in unserer Kindheit erlebt. Und glauben, dass es so ist. Nur, dass es heute auch eine andere Sicht auf die Kinder gibt. Die Sicht ohne oder jenseits der Erziehung: Kinder sind keine Erziehungswesen. 

Für neue Sichtweisen braucht es Beweise. Oder neue Ideen, wenn sich da nichts beweisen lässt im handfesten naturwissenschaftlichen Sinn. Die Kinder sehe ich auf der psychologischen Ebene anders als die Tradition, erziehungsfrei, vollwertig, und sie müssen für mich nicht erst zu selbstverantwortlichen und vollwertigen Menschen gemacht werden. 

Henry wird vor 200 Jahren auf einer großen Baumwollplantage am Mississippi geboren. Er ist der Sohn der Plantagenbesitzer, es gibt dort viele Sklaven. Henry erlebt von klein auf, wie mit den Schwarzen umgegangen wird. Er erfährt es von Mama, Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, Freunden seiner Eltern, Besuchern. Welches Menschenbild entsteht in Henry? 

Nun, diese schwarzen Menschen sind minderwertige Menschen, Sklaven eben und haben keine Rechte. Es ist nichts dabei, ihnen rüde Befehle zu erteilen, sie zu erniedrigen oder auszupeitschen. Das Kind lernt: Nur Weiße sind vollwertige Menschen. Henrys Haltung und seine Einstellung und auch seine Sprache sind so: Weiße oben – Schwarze unten. 

Henry ist 20 Jahre alt geworden und verkauft für seine Eltern die Baumwolle in New Orleans. Der junge Mann kommt nach erfolgreichem Verkauf bei einem Umtrunk mit Bürgerrechtlern in Kontakt. Sie erzählen allen Ernstes, dass Schwarze vollwertige Menschen sind und dass die Sklaverei beendet werden muss. Unvorstellbare Gedanken! 

Aber auf der langen Planwagenfahrt zurück kommt er immer mehr ins Grübeln. Freundliche Bilder aus seinen Erlebnissen mit Schwarzen tauchen auf, er denkt an die Nanny und an die Köchin, ihren Sohn Tom, seinen Spielkameraden. Das Herz geht ihm auf. Als er zu Hause ankommt, sieht er alle Sklaven anders – gleichwertig, mit der Würdekrone auf dem Kopf. Er wird es anders machen als seine Eltern. 

Geänderte psychische Sichtweisen und Gefühlswelten sind nicht ungewöhnlich und kommen immer wieder vor. Im Kleinen: Aus Abneigung wird Zuneigung. Im Großen: Gleichwertigkeit von Frauen statt patriarchalischer Unterdrückung, Gleichwertigkeit von Schwarzen statt Sklaverei.  

Wir interpretieren, wie immer. Wir können die Dinge so oder so sehen. Und das gilt auch für die Sicht auf die Kinder. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 96ff.

 

 

Montag, 14. September 2026

Es gibt keine wirklichen Bösewichte

 

 

Die Gleichwertigkeit ist ein schwieriges Ding. Arzt und Mörder sind gleichwertig. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur grundverschiedene Wege. Aber ihr Wert und ihre Würde sind von gleichem Rang. Das ist ein weit gefasstes Bild und schließt niemanden aus. Auch nicht die, von denen wir gelernt haben, dass sie wenig wert sind, dass sie böse sind, wie man sagt. Die Würdekrone aber haben alle. Doch soll man dann alles durchgehen lassen?

Kain. Er erschlägt seinen Bruder Abel. Besuchen wir die beiden! Mit der Zeitreise. Wir landen mit unserer Rakete hinten auf dem Acker, Kain holt gerade mit dem Stein aus. »Halt«, rufe ich, »warte mal!« »Was willst Du? Wer seid Ihr denn?« Ich rede auf ihn ein, ich sage ihm, dass es keine wirklichen Bösewichte gibt und dass er es auch nicht ist, auch nicht, wenn er seinen Bruder erschlägt. Aber ob das denn unbedingt sein muss, und dass seine Opfergabe … und so weiter. Ich versuche ihn davon abzuhalten, seinen Bruder zu töten.

»Verschwinde jetzt,« sagt er schließlich, »ich will meinen Bruder umbringen, so steht es in der Bibel.« »Bei allem Respekt, Kain, aber das wirst Du nicht tun!« Und auf mein Kommando stürzen wir uns auf ihn und entwinden ihm den Stein. Ich will damit sagen, dass ich mir – bei allem Respekt auf der psychischen Ebene – sein Handeln nicht bieten lasse.

Was allen »Bösewichten« gegenüber gilt. Und wenn ich eine Chance habe, kann da keiner von denen tun, was er will, sei es nun ein Bombenleger, Feuerteufel, Amokfahrer, Säurespritzer, Mädchenhändler, Kindesmissbraucher, Drogenboss, Tierquäler oder ein sonstiger Fürst der Finsternis.

Das Durchsetzen in der äußeren Welt ist ein klares Oben-Unten. Die Handlungsebene muss aber nicht von einer psychischen Oben-Unten-Position umgeben sein. Dort, in der inneren Welt, ist – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – Gleichwertigkeit. Uneingeschränkt gilt für jeden: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Es besteht der Unterschied von »böser« Tat, die es zu verhindern gilt, und Täter, der immer ein Ebenbild Gottes ist.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 98f.

 





 

 

 

 

 


Montag, 7. September 2026

"Entschuldige Dich!"


 

 

Eine Erzieherin erzählt von einem Streit der Kindergartenkinder. Sie nahm die Kinder auseinander, aber der Übeltäter hatte sich nicht entschuldigt. Sie ist ratlos, wie sie es schaffen kann, dass der Dreijährige sich entschuldigt. Bemüht hatte sie sich, aber ohne Erfolg. »Das muss er doch.« Auf mein fragendes Gesicht hin sagt sie: »Das erwarten die Eltern.« Ja, da hat sie recht, so läuft es. Eltern erwarten ein solches Sozialverhalten, der Kindergarten soll das richten.

Mein Mitgefühl ist rasch bei dem Übeltäter. Der gehänselte Junge wird sicher Trost und Zuspruch bekommen haben, da muss ich nicht hinterherfühlen. Ich bin beim Täter. Seine Zicke, die er da gefahren hat (dem anderen etwas wegnehmen): es wird ihm schon klar sein, dass das nicht in Ordnung war. Das hat die Erzieherin rübergereicht. Wäre das nicht genug gewesen? Jetzt auch noch entschuldigen?

Ein »Sorry, tut mir leid« kommt mir gut über die Lippen. Nicht immer leicht, aber verlässlich. Wenn das, was gerade passierte, wirklich auf mein Konto ging. Es ist eine bizarre und absurde Vorstellung, dass sich da einer vor mir aufbaut und meine Entschuldigung einfordert. So etwas habe ich in meinem Erwachsenenleben auch noch nicht erlebt. Wiewohl ich weiß, dass das durchaus vorkommt.

»Entschuldige Dich!« – welche Übergriffigkeit. Wieso gibt es diese Wortkombination, »Entschuldige« plus »Dich«, überhaupt? »Entschuldige bitte!«: Klar, diese beiden Worte gehen und gehören dazu. Ich bin perplex über das, was die Erzieherin mir erzählt, aber ich weiß natürlich sofort, was da los ist. Nur dass mir diese Alltagsanmaßung, dieses 1001. Stückchen seelischer Kindermisshandlung gerade nicht geläufig war.

»Müssen Sie das wirklich?« Und unausgesprochen per Blick: »Dem Kind auferlegen, dass es sich entschuldigt?« Ich versuche, vorsichtig, meine Position ins Spiel zu bringen. Ich nehme Kontakt zu ihr auf: »Ich kann mir die Situation gut vorstellen, ich habe schon verstanden.«

Auf meinen Vorträgen will ich ja nicht lebensfremd und utopieverkündend erlebt werden, sondern als jemand, der realistische, handfeste Anderswege aufzeigt. Diese Erzieherin schwingt ein. Sie hat den Jungen ja auch nach dem Auseinander und kurzem Warten, dass er sich entschuldigt, nicht weiter bedrängt. Nur: Das sollte sie aber, das wird von ihr erwartet. Und da weiß sie nicht, wie sie das machen soll.

Sie sagt, sie will den Übeltäter mit so einer Entschuldigungsgeschichte nicht noch zusätzlich belasten. Er wird häufiger ausfallend und er tut ihr leid, ist ihr ans Herz gewachsen. »Sie schauen vor Ort, was geht und was Sie können, gut können. Und wenn Sie den Jungen nicht zum Entschuldigen anhalten wollen, dann lassen Sie es eben. Sie sind dann nicht übergriffig, das ist doch super.«

»Den Eltern können Sie ja sonst was erzählen, wenn die Sprache drauf kommen sollte. Wahrscheinlich werden Sie eh nicht gefragt, es sind ja nur die Erwartungen in uns, die so belastend sind. Und falls doch, sagen Sie halt kurz: ›Ja, er hat sich entschuldigt.‹ Kleine Lüge – großer Friede.«

»Danke«, sagt sie. Sie fühlt sich unterstützt. Ich denke, sie hat noch nie gehört, dass eine Erzieherin, eine pädagogische Fachkraft, so damit verfahren kann, darf, ja: sollte. »Sie folgen einfach Ihrem Herzen. Das ist nicht nur wohltuend und befriedend, sondern auch höchst professionell. ›Rehumanisierung des pädagogischen Alltags‹ nenne ich das.« 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 168ff..

 




Montag, 31. August 2026

Ich tu's aber nicht anders!

 

 

Fortsetzung des letzten Posts. 

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 Genau mein Problem! 

»Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Kinder sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die schmeißen Dir doch nur Spinat an die Wand und packen in jede Steckdose. Die können doch dann machen, was sie wollen. Das gibt Chaos und tote Kinder!«

Was soll ich sagen? Keiner rechts und links weiß das. Auch die Experten nicht, Montessori und Co. »Ich weiß nicht, wie das geht.« »Dann wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig wie der Freund 1900 sagte ich: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Zwanzig Jahre später treffen sich die Freunde wieder. Er wird gefragt: »Du hast doch Deine Freundin geheiratet. Wie geht das denn jetzt mit der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen? Musst Du High Heels anziehen? Entscheidest Du an geraden Tagen und sie an ungeraden?«

Die Freunde haben immer noch keine Ahnung, wie eine gleichwertige Beziehung von Männern und Frauen aussehen soll. Der Freund sagt: »Nicht so komisch, mit einer Strichliste, wer dran ist mit Abwaschen.« »Aber wie denn dann?« »Ich kann es erklären, wenn Ihr zuhören wollt.« Und dann erzählt er, wie das so geht, wenn Männer von der Gleichwertigkeit überzeugt sind.

Und das werde ich dann auch gefragt. Zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später. »Wie viel Spinat ist an Deiner Wand gelandet? Haben die sich jemals die Hände gewaschen? Das Wort Hausaufgaben ist doch für Deine Kinder ein Fremdwort.«

Die Leute können es sich nicht vorstellen, wie das gehen soll – und zwar gut gehen soll: gleichwertige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Ich sage dann wie der Freund zu seinen Freunden: »Ich kann erklären, wie es geht, wenn Ihr Zeit zum Zuhören habt.«

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 33.

 








 

Montag, 24. August 2026

Und rotzig-trotzig antwortet er

 

 

Das Jahr 1900. Junge Männer machen einen gemütlichen Weinabend und diskutieren über Gott und die Welt. Auf einmal sagt einer: »Ich glaube, meine Freundin ist ein richtiger Mensch.«

Stille. »Was willst Du damit sagen?« »Frauen sind Männern ebenbürtig, gleichwertig, eben vollwertige Menschen.« Noch mehrStille. »Sie wollen an die Uni und studieren. Sie wollen in die Politik. Sie wollen das Wahlrecht.«

Große Aufregung. »Du spinnst doch wohl, Frauen können nicht mal rechnen, und wenn sie in der Politik mitbestimmen, geht die Welt zugrunde.« »Lasst den Unsinn, ich finde, meine Freundin hat recht. Sie hat auf ihrem Kopf die Würdekrone der Gleichwertigkeit.« »Da kannst Du fühlen, da sind Haare, sonst nichts.« »Das mein ich doch nicht so! Ich seh das eben. Mit dem Herzen. Männer und Frauen sind gleichwertig.« Die Freunde streiten sich. Er soll beweisen, dass das stimmt.

Wie wollen Sie – die Frauen hier im Raum – denn beweisen, dass Sie gleichwertig sind wie Männer? Sie fahren mit dem Zug nach München. Unterwegs setzt sich ein braungebrannter Mann neben Sie. Langer Bart, sympathisch. Sie kommen ins Gespräch. »Im übrigen«, sagt er, »ich heiße Taliban. Sie haben noch zwei Stunden, um mich zu überzeugen, dass Sie mir gleichwertig sind.«

Wenn Sie das nicht als unverschämt zurückweisen, sondern eine Chance sehen, diesen Mann zu erreichen, und sich darauf einlassen: Was wollen Sie tun? Diskutieren? Grundgesetz zitieren? Gedicht vorlesen? Ein Lied singen? Sie erzählen von unserer Art zu leben und ziehen alle Register.

In München steigt er aus und sagt: »Ich habe das schon verstanden. Ich kenne die Position Ihrer Kultur. Es ist ja nicht so, dass ich meine Frau nicht liebe. Aber gleichwertig – ist sie mir nicht.« Sie haben sein Herz nicht erreicht. Er bleibt bei seinem Menschenbild: Männer oben – Frauen unten.

»Beweise, dass das stimmt«, sagen die Freunde. »Das kann ich nicht«, sagt er, »es ist ein Menschenbild. So etwas kann man nur mit dem Herzen sehen, nicht beweisen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Frauen sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die tanzt Dir doch nur auf der Nase rum. Oder Du musst Frauenkleider anziehen. Oder Dir die Lippen schminken. Wegen der Gleichwertigkeit.«

Was soll er sagen? Er weiß es nicht. Wen kann er fragen? Keiner weiß, wie das geht, gleichwertige Beziehungen mit Frauen. Der Bruder nicht, der Vater nicht, der Onkel nicht, und diese Freunde erst recht nicht. »Ich weiß nicht, wie das geht«, sagt er. »Klar, und da wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig antwortet er: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Genau mein Problem! »Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« 

 Fortsetzung im nächsten Post. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 31ff.

 

 



Montag, 17. August 2026

Fest eines fremden Volkes

 


Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend auf die Geheimniskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe andererseits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe. Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich weiß – dass er versetzt wird – und beende den Terror gegen ihn.

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In der 5c gibt es heute keine Schule in der Schule. Wir spielen, ohne jedwede pädagogische Absicht. Ich bin da, mit Aufmerksamkeit und Zuwendung, nicht verbunden mit irgendwelchen Bedingungen. Ich achte sie, und ich fühle mich von ihnen geachtet.

Sie wollen „Verheiraten“ spielen. Ich lasse es mir einmal vorführen, dann machen sie es bis zum Schluss der Stunde. Einer ist Pastor, zwei andere sind Trauzeugen. Die Pärchen melden sich und werden an die Tafel geschrieben. Und dann verheiratet. Es ist eine Zeremonie mit viel Lachen, Spaß und Beifall.

Ich bin eingeladen, ich bin ihr Gast, sie haben mich in ihren Kreis aufgenommen. Ich komme mir verzaubert vor, es ist, als ob ich am Fest eines fremden Volkes teilnehme. Ich spüre die Mischung von Spaß und Ernst,von Spiel und Leben – und ich merke, wie befreiend es ist, wenn man auf dieser Ebene miteinander umgeht. Es ist einfach phantastisch, dass sie mich eingeladen haben. Sie zeigen mir etwas von ihrer Welt und ihren Wichtigkeiten.


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Aus meinem Buch "Kinderkreis im Mai. Die Revolution der Schule", S. 216 u. 224f.


Montag, 10. August 2026

Unsere Kinder menschlicher zu machen

 


 

Liebe Lehrer, 

ich habe ein Konzentrationslager überlebt.

Meine Augen haben Dinge gesehen,

die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

Gaskammern, gebaut von gebildeten Ingenieuren,

Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten,

Säuglinge, getötet von erfahrenen Krankenschwestern,

Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt 

von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

Mein Anliegen ist:

Helfen Sie Ihren Schülern, menschlicher zu werden.

Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte 

keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen,

keine befähigten Psychopathen,

keine gebildeten Eichmanns.

Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig,

wenn sie dazu beitragen,

unsere Kinder

menschlicher

zu machen.


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Der israelisch-amerikanische Pädagoge Haim G. Ginott (1922-73) überliefert einen Brief, den ein Überlebener eines Konzentratioslagers geschrieben hat. Dieser Brief wurde mir in handschriftlcher Form vor Zeiten zugesandt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 3. August 2026

Da liegt er, der Baumstamm

 

 

 

Ich will mit den Kindern eine Radtour machen, mit Xenia (7), Felix (9) und Lisa (7). Xenia und Felix wollen mit, doch Lisa will lieber zu Hause bleiben. Aber nicht allein. "Was willst Du? Mitkommen oder dableiben?" Mir ist nicht wohl dabei. Wer ohne Lust eine Radtour macht, wird es nicht lange aushalten, und die anderen sind dann genervt. Das ist jedenfalls meine Befürchtung. 

Lisa kommt mit. Aber sie hängt nach und freut sich weder über die Kühe noch über die Fohlen. Sie zockelt hinterher. Die Fröhlichkeit von uns drei anderen nimmt nach und nach ab: Ihretwegen. Es ist nicht so, dass wir sie verurteilen. Nur: Wie sollen wir fröhlich sein, wenn einer betrübt ist? Beim nächsten Berg ist es dann soweit: Lisa kommt nicht. Wir halten an und warten. Dann kommt sie.

Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.

Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten? Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus. Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht. Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.

Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und deswegen schon etwas weniger ärgerlich.
 "Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck, doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts, dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut. 

In mir schwingt keine Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und Lisa.

Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne, Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um. Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt, der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen, wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben! Angenommen. O.k.

"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.  

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 228ff.

 

Montag, 27. Juli 2026

Da ist Haltung gefragt

 


Ich bekomme mit, wie zwei ältere Kinder (9) ein jüngeres Kind (6) ärgern. Lars und Moritz lassen Nils nicht mitspielen, obwohl sie zu dritt verabredet sind. Nils sitzt da und weint.

Das kann ich nicht so stehen lassen. "Ihr seid zu dritt unterwegs", sage ich zu den beiden. "Lasst Nils nicht hängen." Es kommt nichts Nettes. "Der heult doch nur." Was jetzt?

Soll ich mich kümmern, mehr als diesen Satz einwerfen? Wenn ich weiter interveniere, werde ich als jemand wahrgenommen, der die übliche Macht hat. Die Macht, anzuordnen, was Kinder zu tun und zu lassen haben. Das ist nichts, was ich will, und nichts, wie ich mich verstehe. Ich lasse die Kinder ihre Dinge tun, kommentiere das schon mal, misch mich auch schon mal ein, lass auch kein Kind an der Steckdose rumspielen. Aber eigentlich: lass ich sie ihre Dinge tun.

Eigentlich. Aber jetzt wegschauen? Ich will den weinenden Nils nicht im Stich lassen. Ich will aber den beiden Großen auch nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, also Nils mitspielen lassen. Dilemma, Zwickmühle. Da ist Haltung gefragt. Nicht Wegschauen. Hinschauen. Und aktiv werden.

Na ja, das ist ein generelles Problem/Thema. Kommt am Tag zig mal vor, mal kleiner, mal größer. Einmischen bei einem Streit im Supermarkt? Hab ich gemacht. Einmischen bei einem Parkplatzstreit? Hab ich nicht gemacht. Unterschrift für den Erhalt der Kita? Hab ich gemacht. Demonstration für den Hambacher Forst? Hab ich nicht gemacht. Mal schau ich hin und tu was, mal schau ich weg und tu nichts.

Wenn ich nichts tue, obwohl ich etwas tun könnte. Wenn ich das Ungemach/Leid/Übel stehen lasse, was mir über den Weg läuft und mich ruft - dann sag ich, dass ich mich nicht um alles kümmern kann. Was aber so ja nicht stimmt, denn um vieles von dem Alles könnte ich mich ja sehr wohl kümmern. Angefangen damit, vegetarisch zu essen, mit dem Rad zum Einkaufen zu fahren, bei Greenpeace Mitglied zu werden.

Es gibt da eine Bremse in mir. Ein Stoppschild. Ja, ich könnte dem Bettler einen Euro in seinen Becher tun, aber ich tu es nicht. Ziemlich gemein, mein Einkauf hat 25 Euro gekostet, und jetzt kein Euro für den Mann ohne Beine? Ich bin da nicht stolz drauf oder irgendwie so naseweisaufmichaufpasserisch. Ich finds blöd, aber ich lass es dann so sein. Nehme es mir nicht übel, aber find es eben auch nicht schön. So eine Mischung.

Nils' Tränen sind mir aber zu viel. Die fehlenden Beine des Bettlers waren es nicht. Wie soll ich da gut rauskommen? Mir ist klar, dass ich den Großen nicht Sympathie verordnen kann. So was funktioniert nicht. Aber ich kann mich unabhängig von einer Intervention bei Lars und Moritz um Nils und sein Leid kümmern.

"Die wollen nicht mit Dir Spielen." Feststellung, Kontaktaufnahme. Das ganze "Sollen sie aber doch" wisch ich weg. Ich nehme Nils auf den Arm. "Komm, wir holen Salat aus dem Garten fürs Abendessen." Nils sucht einen schönen Salatkopf aus.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 200f.

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Montag, 20. Juli 2026

Dass ich dem Süßkram abschwöre

 


Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Paul fragt Luca, woran er festhält.

Paul    Woran hältst Du zum Beispiel fest?
Luca   Am Süßkram. Das gebe ich nicht auf. Sie ist voll dagegen. Aber
           es schmeckt einfach! Und sie glaubt bestimmt ihr Leben lang, dass
           das ungesund ist.

P   Gibt es bei Euch deswegen dann nicht dauernd Streit?
L   Streit trifft es nicht. Hast Du beim Süßkram Streit?
P   Jedes Mal. Und immer diese Nörgelei, dass ich das einsehen soll und
     dass sie recht hat und nur mein Bestes will. Und neuerdings diese
     „Gespräche“.
L   Was für „Gespräche“?
P   Sie ist modern. Sie liest solche Bücher, geht in Kurse und Seminare
     und lernt, was die beste Methode für den Umgang mit Kindern ist.
     Da sind "demokratisch-partnerschaftliche" Gespräche angesagt,
     auf Augenhöhe, mit Ich-Botschaften. Mit allen psychologischen
     Tricks.
L   Von Erzieher zu Zögling, von oben nach unten. Die Methoden werden
     raffinierter, nichts ändert sich wirklich.
P   Nein. Es ist nicht wie bei Dir von Gleich zu Gleich.
L   Unser Konflikt ist offen und klar, ohne Tricks und Manöver. Ich sehe
     oft, dass ihre Sicht besser passt, und kann dann zustimmen. Aber bei
     anderen Sachen eben nicht, wie beim Süßkram.
P   Und?
L   Ich ändere mich nicht, sie ändert sich nicht. Das ist kein Drama. Es ist
     eher ein bisschen komisch.
P   Du siehst so etwas mit Humor?
L   Warum nicht?
P   Wenn sie Dir keinen Süßkram lässt?
L   Ich werd auch ohne sie schon noch drankommen.
P   Ach so.
L   Aber das ist nicht der Punkt.
P   Sondern?
L   Sie lässt mir keinen Süßkram, aber sie lässt mir meine Innere Welt,
     und zwar immer. Sie tastet meine Selbstachtung und meinen Wert
     nicht an.
P   Du kannst ihrer Meinung nach ein Süßkram-Fan sein?
L   Ja. Sie weiß, dass ich so jemand bin. Sie achtet das.
P   Und nimmt Dir trotzdem den Süßkram weg?
L   Ja. Das ist kein Widerspruch.
P   Sie sorgt für sich selbst und will Dich nicht ändern.
L   Wir tun beide im Grunde dasselbe. Jeder sorgt für sich und tastet
     dabei die Würde des anderen nicht an. Das ist ein sehr
     verbindendes und verlässliches Gefühl, gerade bei meinen Niederlagen.

P   Meine Mutter will, dass ich dem Süßkram abschwöre.
L   Sie will ihn Dir nicht nur konkret wegnehmen?
P   Ich soll auch einsehen, dass Süßkram schlecht ist. Und dass ich
     schlecht bin, wenn ich Süßkram will.
L   Sie will Dich erziehen.
P   Ja.
L   Kultureller Imperialismus.
P   Was macht Deine Mutter? Gibt sie ihren Wunsch auf, dass Du
     Süßkram ablehnst? Dass Du Dich änderst?
L   Nein, sie gibt ihre Wünsche nicht auf. Aber sie ist auch ganz
     realistisch. Sie kennt meine Einstellung. Die respektiert sie, wenn
     sie auch hofft, dass ich meine Meinung mal ändern könnte.
P   Könntest Du?
L   Bei Süßkram? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber möglich ist
     alles. Mich drängt ja keiner. Ich kann es mir jederzeit überlegen.
P   Bei Dir ist alles so unproblematisch.
L   Also, Probleme habe ich auch.
P   Aber sie sind leichter. Niemand geht Dir an die Seele.
L   Die Achtung vor unseren Inneren Welten ist immer präsent.
     Dieser Fluss wird nicht beeinträchtigt. Das ist schon sehr
     entspannend.
P   Es kommt mir wunderschön vor.
L   Ich wünsche Dir das auch.