Das pädagogische Denken tritt bei einem großen Pädagogen, Jean-Jaques Rousseau, einmal ungeschminkt, ja brutal zu Tage. Es ist dies die unthematisierte Untergrundströmung der Pädagogik:
„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen... Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“*
In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die „Notwendigkeiten“ – der Erwachsenenvorstellungen – zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“, „einfühlsam“ es dann mit „Achtsamkeit“ und „Ich-Botschaften“ auf „Augenhöhe“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag, um das Kind "mitzunehmen":
Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor – aus seinem Selbstverständnis heraus – die innere Führung beansprucht und dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste – aus seiner Weltdeutung heraus – selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur. Die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen werden so effektvoll der Thematisierung und Diskussion entzogen.
*Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.








