Samstag, 21. Oktober 2017

Vom Jaulen und der Harmonie, I





 


















Corbinian ist drei Jahre alt. Er jault ein bisschen, nicht viel, aber unan-
genehm, für meine Ohren. Irgend etwas passt ihm nicht. So verstehe
ich dieses Meckern, diese Töne, diese Psycho­frequenzen. Aber es liegt
nichts an. Jedenfalls nichts Aktuelles. Wir haben keinen Zoff. Ich bin
(gerade) zufrieden. Er ist es auch. Bis eben. Aber dann hat da diese
Jaulerei begonnen, nicht laut, leise, aber hörbar. »Mir passt was nicht.«
Soweit, so klar. Ich verstehe: Etwas stört ihn. Und da ich mein Kind
liebe (das ist die Basis des Geschäfts), will ich ihm helfen. Also: »Was
ist los, Corbinian?« Ich bin nicht angestrengt bei dieser Frage, auch nicht
betulich. Ich reagiere ziemlich beiläufig: »Was hast Du?«

Aber nichts kommt. Keine Antwort. Nur weiter diese kleine Jaulerei
(die große Jaulerei wäre eine Katastrophe, aber das ist es jetzt nicht).
 »Was hast Du denn?« Nichts kommt außer Jaultönchen. Natürlich ver-
steht er mich, er ist drei Jahre alt, und er ist klug. Er weiß, dass ich ihm
helfen will, aus seinem Ungemach heraus. Und ich denke, dass er auch
weiß, dass ich das kann. Er spricht mich ja an. Und ich bin guten Willens
und will ihm gern helfen. Aber: ich bekomme nicht die Information, die
ich brauche, um ihm zu helfen. »Soll ich dies oder das tun?« Ich mache
Vorschläge, ziele auf das, was ich als sein Ungemach vermute, aber das
trifft es nicht. Oder es trifft es zwar, aber er reagiert darauf nicht so, dass
ich damit weiterkomme. Mit seiner Ruhe, die gerade dahin geht.

Klar weiß ich, dass man solche unergründlichen Klein-Jaulereien den Kin-
dern auch lassen kann. Sie haben alles Recht auf diese Töne, ich muss
da nichts richten. Ich kann das als eine »Ausleitung« sehen, einen Psycho-
eiter,der raus will und eben so rauskommt. Das geht ja auch wieder vorbei.
(Wennes nicht zur Jaulorgie wird, aber das ist ein anderes Thema.) Es geht
ja auch wieder, und ich muss da jetzt keinen auf Verständnis, Therapie und
Co machen. Ich könnte es ihm auch lassen und meine Dinge tun. Er wird
schon klarer werden, wenn es ihm wichtig ist. Sonst bleibt er eben so un-
scharf, wie das gerade kommt. Und aus.

Aber ich bin doch anders drauf. Sein Ungemach kann ich jetzt, heute, gerade
nicht einfach stehen lassen. Ich will antworten, mich kümmern, helfen. Hel-
fersyndrom? Quatsch, zu hoch gegriffen. Es ist einfacher: Ich bin der Vater,
dort ist mein Kind. Und das hat ein Beschwer. Und da kümmer ich mich.
Also zum dritten Mal: »Was willst Du? Sag mir, was Du brauchst.« Doch
da kommt weiter nichts. 

Egal wie das konkret weitergeht (da gibt es so viele Wege wie es Väter und
Mütter gibt): Ich bekomme jetzt etwas anders in den Blick, etwas Grund-
sätzliches, das mir Corbinian wachruft. Es fällt mir nicht sofort auf, sondern
erst abends, wenn er im Bett ist, und ich über diese »belanglose« Alltags-
szene ins Nachsinnen komme.

»Ich will etwas nicht. Ich will das eigentlich nicht. Nein. Das passt mir nicht.
Das muss ich nicht haben. Es soll weggehen. Es stört mich. Es nervt. Geh,
geh weg.« Energie gerichtet an irgend etwas, an etwas, das stört. Eine klare
Botschaft: Geh jetzt, aus meinem Leben. Jedenfalls jetzt. Und das kann alles
und nichts sein. Bei Corbinian könnte das ein Hund sein, der ihn schnuppern
will (Hundenase und Kindergesicht sind auf gleicher Augenhöhe); der Bruder,
der ein Buch nicht hergibt; ein Schuh, der nicht zugeht. 

»Ich muss das nicht haben. Eigentlich brauche ich das nicht.« Unzählige
dieser Stördinge geschehen in meinem Leben. Sind geschehen. Unange-
nehmes, Millionen kleine Übel. Begleitet von Unbehagen. Begleitet nur
von Unbehagen. Dieses Unbehagen fand keinen Weg nach draußen, in
die kommunikative Welt, in Sprache, in das kleine oder große Nein. Das
Unbehagen war sprachlos, aber zweifellos da, gespürt, wuchernd. Es war
nicht berechtigt, mehr zu sein als ein Unbehagen.

Es wäre ungezogen, unpassend, überzogen, unanständig, blamierend,
beschämend, bloßstellend, peinlich gewesen, dieses Unbehagen zu be-
achten, geschweige denn mitzuteilen. Das Unbehagliche war hinzuneh-
men. Man kriegt nichts geschenkt. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Was meinst Du denn, wer Du bist? Wenn eine Selbstverständlichkeit
Unbehagen auslöst, ändert das nichts daran, dass das Unbehagliche
eben selbstverständlich ist, hinzunehmen ist. Dass ich damit klarzu-
kommen habe. Wie jeder, dem Unbehagliches passiert. Da macht man
kein Drama draus, keinen Aufriss. Etwas stört, und mehr ist es ja nicht.

Was sind diese unzähligen Ungemache, die gelebten, aber nicht beach-
teten und nicht mitgeteilten? Die nicht thematisierten. Die Selbstver-
ständlichkeiten. Über die so nachzudenken, wie ich es jetzt tue, nicht
am Horizont auftaucht. Die real existierenden Unbehaglichkeiten –
aber die kommunikativ tabuisierten. Von denen die Welt ringsum
nicht mitbekommen kann, wie unbehaglich mir das da gerade ist.
Oder von der die Welt ringsum schon merkt, dass mir da was nicht
passt, aber niemand einen Weg sieht, wie sich das verringern oder
vermeiden lässt. Ich bin mit meinem Unbehagen allein und die an-
deren lassen mich damit auch allein sein.

Retrospektive: Ich bin 6 Jahre, doppelt so alt wie Corbinian, ich er-
innere mich: Will ich eigentlich in die Schule? Morgens weg von zu
Hause? Aufstehen, wenn ich noch müde bin? Will ich mit den Nach-
barn in ihrem Auto zur Schule gefahren werden? Will ich ein Regen-
cape auf dem Fahrrad ummachen? Will ich zum Flötenunterricht?
Will ich diese Hausaufgaben machen? Will ich schon nach Hause?
Will ich in die Badewanne? Sagosuppe löffeln? Fisch essen? Leber-
tran nehmen? Zur Impfe gehen? Ach, es sind Millionen Dinge. Doch
da kommt von mir kein Jaulen, kein Signal: »Ich will das eigentlich
nicht«. Es kommt überhaupt kein Bewusstsein in mir darüber auf.
Keine Selbst-Bewusstsein. Kein »Das kann man mit mir doch nicht
machen«. Kein Protest von der Art, die voller Gerechtigkeit ist. Es
kommt nur das Hinnehmen des Selbstverständlichen, nichts sonst.
Der Macht des »Man muss« kann ich nichts mehr entgegensetzen,
jedes Aufbegehren wäre einfach nur ungehörig. 

Man geht zur Schule. Man macht Hausaufgaben. Man kommt pünkt-
lich nach Hause. Man isst Fisch. Man, man, man: es gehört sich eben
so. Und aus. Und aus. Und aus. 

Wenn ich da doch mal opponiert habe, mit schlechtem Gefühl, dann
war ich »ungezogen«. Ich ging auf verbotenen Wegen, und wieder
war es aus. 

»Ich will das eigentlich nicht in meinem Leben haben«. Heute: Diesen
Irakkrieg. Diese Atomkraftwerke. Diesen Dieselruß. Diesen Zucker in
den Lebensmitteln.Dieses Amts­schreiben. Diese Autoreparaturkosten.
Diesen Kostenvoranschlag Zahnarzt. Diese, diesen, dieses. Denken
kann ich das schon – nur es ist eben lebenslang ungehörig, kinder-
kramlich, nicht ernst zu nehmen. Was soll der Quatsch?

Wenn mir was nicht passt, kann ich es sagen, ordentlich. Aber nur so
ein Gefühl haben, dass da was nicht stimmt? Nicht in mein Leben passt?
Und so ein Gefühl dann auch noch als berechtigt, legitim ansehen und
es auch noch offensiv und stolz und selbstbewusst und avantgardistisch
und energisch aufsteigen lassen, zulassen und als vorbildlich und lebens-
dienlich und friedensstiftend begrüßen und dann auch noch mitteilen???
Das ist doch affig, Kleinkindverhalten, Jaulen.

Eben. Und genau das zeigt mir Corbinian. In seiner Größe. Und Schlicht-
heit: »Mir passt da was nicht«. Es sagt es mit seinen Tönen. Er sagt einfach,
was ich nie sagen konnte, mich nie zu sagen traute. Nie wäre ich auf den
Gedanken gekommen, dass ich alles Recht der Welt hätte, das so zu sehen:
»Ich will das eigentlich nicht«.

Fortsetzung folgt.




Dienstag, 17. Oktober 2017

Amicative Lebensphilosophie









Der Mensch ist ein zu erziehendes Wesen: Das ist eine Grundaussage
der traditionellen Kultur. Auf dieser anthropologischen Hypothese
baut sich die Sicht vom Kind, von den Beziehungen zu Kindern,
vom Erwachsenen, von Ethik, Moral, Religion, Recht, Politik –
auf dieser anthropologischen Hypothese baut sich das traditionelle
Weltbild auf.

In allen Lebensbereichen gelten die Folgerungen aus dieser Sicht.
Danach ist es selbstverständlich, dass der Mensch stets besser werden
kann und sollte, und dass es allgemein gültige Normen wie richtig und
falsch und gut und böse gibt. Insbesondere in der Religion ist das erzie-
herische Denken verfestigt, aber auch in den moralischen Forderungen
der Gegenwart, die objektive Wahrheit beanspruchen und genau wissen,
wer auf der Seite des Lebens steht und wer nicht. Das Oben-Unten ist
die Basis der traditionellen patriarchalischen Lebensphilosophie und hat
die heutzutage weltweit verbreitete abendländisch-europäische Kultur
geprägt.

Doch das patriarchalische Zeitalter geht seinem Ende entgegen – das
dokumentieren das millionenfache Leid der beiden Weltkriege und des
Holocausts, die atomare Bedrohung und die Umweltzerstörung. Die
neuen psychischen Muster, die der Menschheit den Weg in die Zukunft
weisen, sind die Achtung vor der Inneren Welt des Anderen, das existen-
tielle Wissen von der Einen Welt, die Leitidee der Gleichwertigkeit aller
Phänomene, die in all ihrer Vielfalt in einen achtungsvollen Diskurs treten.

Diese neuen Muster erstrecken sich auch auf die Beziehung zu den Kin-
dern, entdecken dort den patriarchalisch-imperialistischen Impetus und
überwinden ihn: Kinder sind keine Erziehungsmenschen mit der ent-
sprechend notwendigen Erziehungs-Beziehung, sondern Kinder sind
ganz normale Menschen, zu denen ganz normale Beziehungen zu unter-
halten sind. So, wie dies für die Beziehung von Europäern und Afrikanern
gilt, für Männer und Frauen, für die verschiedenen Religionen, Philoso-
phien, Kulturen dieser Erde. Es gilt nicht mehr »Macht euch die Erde
untertan«, sondern es gilt, mit dem Anderen (Steine, Pflanzen, Tiere,
Menschen – dem ganzen Universum und selbstverständlich auch Kin-
dern) in Beziehung zu treten und in Respekt vor seiner Würde die
eigenen Anliegen vorzutragen.

Amication ist ein neu entdecktes Land, das zugleich uralt ist und in
jedem Menschen lebt. Der Weg dorthin beginnt mit einer Einladung:
innezuhalten – und zwar dem Kind gegenüber, das ein jeder selbst ist.
Die Überwindung der pädagogisch-patriarchalischen Weltdeutung findet
für einen jeden selbst in seinem Herzen statt, wenn sie überhaupt statt-
findet. Denn dort – in der psychischen Konstitution – wurden Menschen
ausgerichtet und gebunden an die Leitpfosten der traditionellen Sicht,
wurden Kinder zu pädagogisch-patriarchalischen Menschen gemacht.
Die amicative Lebensphilosophie hebt diese Fixierung auf.




Sonntag, 15. Oktober 2017

Geburtstag






















Es ist ein wunderschöner sonniger Oktobertag. Als die Wehen
einsetzen, telefoniert  die Schwägerin meiner Muttter mit der
Klinik nach einem Krankenwagen. Aber es sind alle im Einsatz.
Wir wohnen im Gartenhaus der Firma, also Anruf vorn bei der
Pforte.

Ja, ein Mannschaftswagen der Werksfeuerwehr ist einsatz-
bereit. Er fährt vor, wir steigen ein, es kann losgehen. "Stopp",
ruft meine Mutter, "nicht anfahren. Das Baby kommt jetzt,
sofort!" Also kein Krankenhaus, keine Hebamme, kein Arzt?
"Nein, das kriege ich auch so hin."

Meine Mutter ist auf einem Gutshof großgeworden, sie hat
viele Tiergeburten miterlebt. Es geht jetzt um ihr zweites Kind,
sie vertraut der Natur und Gott, sie ist ganz unaufgeregt. "Das
wird schon." Ihre Schwägerin ist Bürokauffrau, Großstadtkind,
nicht vom Land, keine eigenen Kinder. Sie ist entgeistert. "Wie,
ohne Arzt? Ohne Hebamme?" "Klar doch", sagt meine Mutter.

Die Wehen werden heftiger. Meine Mutter legt sich kurz
entschlossen auf die Sitzbank. Ihre Schwägerin läuft ins
Haus, um etwas zum Einwickeln des Babys zu holen. Das
kommt ja schon! Der Fahrer des Wagens bleibt irritiert
von so viel Frauenkram vorn sitzen.

Es geht schnell, sehr schnell. Kaum ist die Schwägerin mit
einem Nachthemd, "meinem besten", da, setzt die Geburt
ein, ein paar Presswehen, der Kopf kommt, das Baby ist
da.

Meine Mutter zieht mich nach oben, auf ihre Brust. Da lieg
ich und es fühlt sich prima an. Wir waren ein gutes Team,
meine Mutter und ich. Harmonie, Leben, Liebe, Glück.
Unfassbar das alles, und doch so selbstverständlich. Eine
Geburt eben, Beginn eines neuen und ewiggleichen Kreis-
laufs. "Hallo Mutti", staune ich. "Hallo Hubertus", flüstert
sie.

"Da muss doch abgenabelt werden", davon hat meine Tante
gehört. "Es ist dringend, sonst kann er nicht atmen." Meine
Mutter hat all die kleinen Ferkel, Kälbchen und Lämmer vor
Augen. "Abnabeln? Das geht doch alles von allein. Das klappt
schon. Schau doch, er atmet schon! Kriegt er doch selbst hin.
Wie die Tierbabys. Da ist er nicht anders."

30 Jahre später entdeckt Frederick Leboyer das selbstbe-
stimmte Atmen der Babys wieder. Nabelschnur zudrücken,
abnabeln? Nein, nicht bevor das pulsierende Blut der Nabel-
schnur vom Körperdes Babys eingesaugt wird. Für den Lun-
genkreislauf, der jetzt erst in Gang kommt. Die Lunge war
nicht entfaltet, erst das Atmen des Babys bringt die Lunge in
ihre Funktion. Erst stellen sich die Babys in eigener Regie auf
die Luftatmung um, dann abnabeln. Nicht umgekehrt! Zu
frühes Abnabelnnimmt den Babys ihre Harmonie und ist ein
schwerer schädlicher Eingriff in die Lebensfunktion des Neu-
geborernen. Das damals selbstverständliche sofortige Abnabeln
zwingt die Babys zur Luftatmung. Weil durch das Zudrücken der
Nabelschnur der Sauerstoff, den das Nabelblut gratis liefert,
ausbleibt, atmen die Babys zu früh, nicht in Übereinstimmung
mit ihren Signalen. Das sofortige Zudrücken der Nabelschnur
mit anschließende Abnabeln ist ein störenden Eingriff in die
Selbstregulation des Babys.

Das alles weiß damals niemand, und "Abnabeln sofort" ist das
Gebot der Stunde. Sonst gäbe es schwere Hirnschäden. Man
muss die Babys durch das Zudrücken der Nabelschnur zur
Luftatmung bewegen. Sonst würden sie nicht atmen.

Meiner Tante ist äußerst unwohl. Es muss doch zugedrückt
und abgenabewlt werden!  Aber dann sieht sie, dass ich
von selbst zu atmen begonnen habe.. Und sie wickelt mich
erleichtert in ihr bestes Nachthemd. Sie sieht meine Mutter
an, meine Mutter sieht sie an. Und dann lachen sie. "Prima
hast Du das gemacht!" "Ja," sagt meine Mutter. "Jetzt können
wir zum Krankenhaus fahren." Das machen wir dann auch.

Der erste Atemzug gehörte mir, wie alle anderen noch. "Wir
Babys, Kinder, Menschen gehören uns selbst. Wir sind selbst-
verantwortlich. Und wir müssen nicht erst zu richtigen Menschen
gemacht werden. Wie kann man nur Kinder erziehen wollen? "

"Mach Dir nicht zuviele Gedanken. Du kannst dich später
dafür einsetzen. Jetzt trink erst mal." Meine Mutter sieht
mich liebevoll an.
 


Freitag, 13. Oktober 2017

Schuhe an!






















"Meine dreijährige Tochter zieht morgens ihre Schuhe nicht an.
Es gibt jedesmal Theater - ich muss zur Arbeit, und sie trödelt
rum." Nach dem Vortrag in der Fragerunde werde ich erwartungs-
voll angeblickt.

Tja, ein Alltagsproblem. Die Kinder tun nicht, was sie sollen.
"Würd ich mir nicht bieten lassen", sage ich. Klar, das weiß die
Mutter auch. Nur: Wie soll sie mit der Situation umgehen?

Ich habe keine konkrete Lösung parat. Nur eben, dass ich es
mir nicht bieten lasse. Aber ich weiß schon etwas zu antworten.
Etwas vor oder unter oder hinter der konkreten Lösung (die ich
nicht habe). "Ihre Tochter macht nichts verkehrt. Sie hat ihr
Interesse: keine Schuhe anziehen. Was auch immer dahinter
stecken mag. Sie müssen sie nicht ausschimpfen, belehren oder
als ungezogen hinstellen. Ihre Tochter will ihrem eigenen Weg
folgen, der ohne Morgenschuhe ist."

Ich werde grundsätzlich und wiederhole etwas, was ich im
Vortrag lange ausgeführt habe. Jeder hat seine Sicht der Dinge.
Sie haben Ihre Sicht: Ruckzuck Schuhe an. Ihre Tochter hat
ihre Sicht: keine Schuhe an. Die Sichtweisen der Menschen
sind bei aller Unterschiedlichkeit immer gleichwertig, niemals
steht hierbei einer über dem anderen, auch Eltern nicht über
Kindern. Jeder hat aus seiner Sicht recht. Ein "Sieh ein, ich habe
recht" muss man nicht machen.

Wenn Eltern und Kinder gleichwertig sind in der Sicht der
Dinge, dann setze ich mich für meine Sicht ein. Damit passiert,
was mir wichtig ist. Aber ohne Rechthaberei, ohne Schlecht-
machen. Ohne "Sieh das ein".

Einsetzen für die eigene Sicht, also "Schuhe an" beginnen Sie
sicher freundlich, dann energischer. Da ihre Tochter weiter
dagegenhält, müssen Sie sich durchsetzen, wenn Sie nicht
untergehen wollen. Was ja auch möglich ist: Sie gehen heute
nicht zur Arbeit sondern spielen mit Ihrer Tochter. Aber am
nächsten Tag geht das wahrscheinlich wieder los.

Also Durchsetzen. Klartext: Sie setzen die Machtmittel ein,
die Ihnen zum Erfolg verhelfen. Harte Worte, Psychomacht
eben. Es geht um ihren Weg, und Sie setzen Ihr Kind schach-
matt. Das muss ja nicht in Prügelei ausarten. Sie schaffen das
schon. Wir haben auch sehr wehrige Wickelkinder gewickelt,
sehr MundzuKindern Medizin gegeben, sehr heftige Tobekinder
auf den Armen weggetragen.

Das Machtmittel, um das es hier geht, ist Körpermacht. Sie
ist Ihnen gegeben, um sich und Ihre Werte zu schützen. Ohne
schlechtes Gewissen. Nehmen Sie es sich nicht übel, wenn
durch Sie Leid entsteht. Wir sind immer wieder Stein im Weg
der Kinder. Was ja auch in der Erwachsenenwelt gilt.
     
Eins aber ist anders als gewohnt: Sie setzen sich durch - aber
ohne Herabsetzung. Ihre Tochter ist nicht schlecht oder unartig.
Sie ist ein Mensch mit Würde, sie hat ihre Würdekrone auf.
Auch wenn Sie Ihre Tochter zwingen: Ihr Ton und Ihre ganze
Art verletzt nicht die Würde Ihres Kindes. Klar, sie kann nicht
tun was sie will. Aber auf der psychologischen Ebene bleibt
die Achtung.

Das können Sie auch sagen: "Du bist nicht böse - aber ich
ziehe Dir jetzt die Schuhe an". Und Punkt.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Schlechtreden und Zurechtrücken






















Ich  erfahre von einem Freund, dass neulich jemand schlecht von mir
geredet hat. Zu einer anderen Person, die das dann alles geglaubt hat
und nun mit einem Bild von mir rumläuft, das ungut ist. So ungut, dass
sie mit mir nichts mehr zu tun haben will.

Soll ich bei der betreffenden Person intervenieren, zurechtrücken?
Damit ich wieder gut dastehe? Und soll ich den Schlechtredner zur
Rede stellen? Soll ich mich überhaupt in sowas reinhängen? Was
soll dabei rumkommen?

Ich bin jemand, der sich da raushält. Mit Schmutz beschäftigen bringt
nur schmutzige Hände. Wenn der Schlechtredner nicht erst mal mit
mir redet über das, was er an mir schlecht findet, sondern ohne Rück-
koppelung mit mir zu anderen geht und seine Sicht über mich kundtut
- da komme ich doch gar nicht mehr an ihn ran. Klar, ich könnte auch
energisch, empört oder soft auf ihn einreden, dass ich doch gar nicht
so bin, wie er meint. Aber er hat mich ja schon hinter sich gelassen.
Hat seine Meinung über mich gebildet und geht damit nach außen.

Bin ich der Oberschiedsrichter, der anderen das richtige gute Bild
von mir klarmachen muss? "So siehst Du mich falsch" - was soll so
ein Statement bringen? Ich finde das überhaupt nicht effektiv. Klar,
ich kann mir meinen Ärger von der Seele reden und ihm zeigen, wie
falsch er liegt. Könnte ja sein, dass ihn mein Protest beeindruckt.
Aber da bin ich doch skeptisch. Er hat sein Bild von mir, leider ein
schlechtes. Steht ihm zu, stehe ich ihm zu.

Ich habe in meiner Öffentlichkeitsarbeit immer mal wieder so etwas
erlebt. Beleidigungen, Beschimpfungen, Schlechtreden. Auch presse-
mäßig. Einen Shitstorm noch nicht.

Was also tun? Na ja, ich bin mein eigener Chef, ich kann auf alle
mögliche Weise reagieren. Mein Motto ist: Null Reaktion, auslaufen
lassen. Den Schlechtredner nicht reizen, anheizen. Ich bin ihm dabei
nicht mal böse, es ist ja sein Ding mit mir, das muss er so haben. Nur
ich habe keine Lust, mich mit dieser seiner Schlechtsicht auf mich
zu befassen. Ich finde mich nämlich sehr in Ordnung. Muss er ja nicht
mitmachen.

Ich bin schon neugiering, wie so ein Schlechtredner dazu kommt,
mich so schlecht zu sehen. Was ist passiert? Woran nimmt er Anstoß?
Gibt es ein Missverständnis? Hat der Schlechredner seinerseits etwas
Schlechtes über mich gehört? So etwas kriege ich aber nur raus, wenn
ich mit dem Schlechtredner rede, ihn frage. Mach ich aber nicht, sein
"Was will der Blöde denn jetzt?" liegt für mich einfach in der Luft.
Tischtuch zerschnitten.

Wenn zu meinen Kindern schlecht über mich geredet würde - tja, ein
echtes Dilemma. Ich habe einmal erlebt, dass eine Mutter in so einem
Fall ihrem Kind dem Umgang mit diesem Sie-Schlechtredner unter-
sagt hat. Das fand ich gut. Wer hat das schon gerne, dass die Kinder
irgendeinen Mist über mich als Vater oder Mutter in sich reinlassen,
mich so mistig zu sehen anfangen? Ja, wenn sie es von sich weisen,
prima. Aber gehört haben sie es doch. Alles irgendwie ungut.

Wir haben damals mit ihrem Kind über diese behaupteten Schlechtig-
keiten der Mutter geredet. "Glaub ich ja auch alles nicht" - na ja,
was bleibt trotzdem hängen? Es gab Besuchsverbot. Oder sollen
sich die Kinder ihr eigenes Urteil bilden? Ja, wenn es denn eine ehr-
liche kritische Sicht auf die Mutter ist. War es aber nicht. Es war eine
ungute Sicht, voll Abwertung, eben Schlechtreden.

Die große Alternative ist: Offensiv reinhängen. "Was hab ich da
gehört? So redest Du über mich? Wie kommst Du denn darauf?"
Mal sehen, was kommt. Mit dem Schlechtredner reden, mit dem
Betroffenen reden. Große Konferenz. "Entschuldige, das habe ich
nicht gewußt, Ja, wenn das so ist." Na prima. Das Geschmäckle
bleibt, ich kann denen doch nicht die Seele richten.

"Tut mir echt leid, dass ich so von Dir gedacht habe." Ehrliches
Innehalten, die Basis wiederfinden, Vertrauen, "Ok, Schwamm
drüber!" Nanana, denk ich, das gibts doch nur im Märchen. Der
Schlechtredner hat mich aufgegeben, mich nicht erst mal gefragt,
sonder ist mit festem schlechten Bild von mir losgezogen. Kein
guter Zug. Lass ich die Finger von.

Ich bin not amused, wenn schlecht über mich geredet wird. Aber
was solls, kommt eben vor. Weiter zur Tagesordnung. Blöd sind
nur die Auswirkungen auf die anderen. Na ja, das warte ich dann
mal ab. Vielleicht geht es ja gut aus. In diesem Fall, den ich jetzt
erlebt habe, erstmal nicht. Die betroffene Person hat sich von mir
zurückgezogen. Aber demnächst mache ich bei ihr doch noch einen
Versuch, wieder gut gesehen zu werden. Weil mir diese Person
wichtig ist. Ich verliere nicht gerne Freunde. Mal sehen, wie es
ausgeht.   



Mittwoch, 11. Oktober 2017

Ich glaube an Dich










Kino. „Ich glaube an Dich“, sagt sie zu ihm. Ich halte an. Meine  Aufmerksamkeit verlässt den Film. Was ist mit den beiden?
Ich übersetze die Szene aus der Film- und Drehbuchwelt ins Leben, nehme es jetzt für bare Münze und höre in die Wahrheit eines solchen Satzes. Einer solchen Botschaft. Sie liebt ihn - und glaubt an ihn. Das hat nichts mit irgendwelchem Kirchenglauben zu tun. Das ist von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Das kommt von ganz innen. Vertrauen, Mich-Trauen. Der Rest der Welt wird unwichtig. Nur wir beide: Ich und Du, Du und Ich. 
Kann man an andere Menschen glauben? Ist das eine verrutschte Wahrnehmung? Gehört Glauben nicht zu Kirche und Religion? Kann Glauben ein Menschending sein, etwas, das unter Menschen richtig ist? Glaube ich an mein Kind? Wieso denn nicht? An mein Auto? Daneben? An den Lauf der Erde um die Sonne? An mich? An ein gutes Ende? An Konstruktivität und Liebe als Grund aller Dinge?
Mein Nachdenken ufert aus und läuft etwas aus dem Ruder. Es ist ja auch egal, an wen ich glaube. Wen geht das etwas an? Warum sollte ich nicht an die Menschen glauben, die ich liebe? „Glaube“ hat einen sehr eindeutigen Geschmack. Aber in ihrem „Ich glaube an Dich“ steckt viel: die Tiefe, die Wahrheit, das Öffnen, die Zuversicht, die Sicherheit, die Freude, das Glück. Ich habe ihren Satz gehört. Wem habe ich das jemals gesagt? Wenn mir jemand sagte „Ich glaube an Dich“ - das wäre ein fremdvertrauter Gruß, schnörkellose Urkraft,  endlose Verlässlichkeit, Einverständnis im Unendlichen. 
Natürlich doch - wir können uns einander hingeben und aneinander glauben. Das ist einfach beseelend und machtvoll. Mehr muss es nicht sein ... Ich wache aus meiner Nähe zu mir selbst auf und der Film kommt wieder bei mir an. „Ich glaube an Dich“ gehört zu den Edelsteinen aus der Liebesschatztruhe. Ich bin berührt von dieser Schlichtheit und Klarheit: In der Liebe glauben die Menschen aneinander.


Montag, 9. Oktober 2017

Tee im Zoo






















Ich bin zu Besuch. Charlotte, 4 Jahre alt, stürmt bei der Begrüßung 
auf mich zu. „Baust Du mit mir einen Zoo?“ Ich will erst mal an-
kommen, ein wenig mit ihrer Mutter plaudern, einen Tee trinken.
Das Kind ist für mich noch nicht dran, sie wird mir übergriffig, ich 
bin nicht ihr Spielroboter. Ich weise sie ab: „Nein, später. Erst trinke 
ich Tee.“

„Was soll ich machen, wenn ich merke, dass mein Sohn anderen 
Erwachsenen auf den Zeiger geht?“ Frage beim Vortrag neulich. 
Dieselbe Problematik, diesmal von der Elternseite her

„Nach Gefühl“, sage ich auf die Frage, „je nachdem, wie der Er-
wachsene reagiert. Wenn Sie merken, dass der andere sich unwohl 
fühlt, könnten Sie Ihr Kind zurückhlalten.Wenn er den Abstand, 
den er will, selbst herstellt, müssen sie nichts tun. Sie können ihn 
auch ganz sich selbst überlassen. Wenn sich dann in ihm etwas auf-
staut und er auf einmal heftig reagiert und Ihr Kind anharscht, sollten 
Sie ihm das nicht übel nehmen. Vielleicht wartet er auch auf Ihre Hilfe. 
Vielleicht hat er auch so einen unguten Anspruch, dass Sie als Mutter 
eingreifen sollen. Müssen Sie nicht machen, können Sie machen.“

Wie gelassen können wir sein, wenn unsere Kinder die Grenzen der 
anderen überschreiten? Wenn deutlich wird, dass sie anderen zur Last 
fallen? Ist es Sache der anderen, sich zu wehren? Wie viel Ärger 
kommt in mir hoch, wenn von den anderen der Anspruch kommt, 
ich hätte für das richtige (was immer das ist) Benehmen der Kinder 
zu sorgen? Ein „Ist doch nicht mein Problem“ ist zwar wahr aber 
unfreundlich. Nur, will ich mir das Problem eines anderen aufladen?

Charlottes Mutter fragt mich: „Wird es Dir zu viel?“ Sie will eingreifen. 
„Laß mal“, sage ich. „Das krieg ich schon hin.“ „Ok“, sagt sie. Wir 
plaudern und trinken Tee.

Ich weise Charlotte eine halbe Stunde ab, viermal kommt sie. Sie 
spielt allein, kommt immer wieder zu mir. Dann setz ich mich auf 
den Boden, und wir haben eine sehr schöne entspannte Stunde 
miteinander.