Montag, 6. Juli 2026

Sie hat auch dieses schreckliche Zeug

 


Ich schreibe gern in Bildern und lade in emotionale Welten ein. Luca und Paul sind noch kein Jahr alt, sie sitzen auf der Krabbeldecke und unterhalten sich. Ich höre zu und übersetze.

Luca:  Deine Mutter hat Dich auch nicht gelassen.
Paul:  Nein. Das ärgert mich.
Luca:  Mich auch
Paul:  Sie lassen uns nicht tun, was wir wollen.
Luca:  Stimmt.
Paul:  Es ist unmöglich. 

L  Deine Mutter hat so eine schaurige Ausstrahlung.
P  Sie hat schöne Ausstrahlungen. Sie liebt mich.

     Aber sie hat auch dieses schreckliche Zeug. 

L   Was ist das? Meine Mutter hat das nicht.
P   Sie fühlt sich für mich verantwortlich.
L   Sie fühlt sich für Dich verantwortlich?
P   
Sie weiß besser als ich, was für mich gut ist.
L   Das meint meine Mutter auch.
P   Nein, da ist ein Unterschied.
L   Ein Unterschied?
P   Meine Mutter meint das nicht nur aus ihrem Wissen.
L   Sondern?
P   Sie sagt, Erwachsene können wirklich alles besser beurteilen als
     Kinder.
L   Das meint sie doch nicht im Ernst.
P   Doch. Davon ist sie felsenfest überzeugt.
L   Niemals kann ein Mensch etwas besser beurteilen als ein anderer.
     Jeder tut es auf seine Weise, aus seiner eigenen Inneren Welt
     heraus. Da sind alle gleichwertig.
P   Sie glaubt, das gilt nicht bei Erwachsenen und Kindern.
L   Da hält sie ja an völlig überholten Ansichten fest.
P   Leider. Aber es ist die Sicht ihrer Eltern und deren Eltern.
     Das hat lange Tradition.
L  Weiß ich, aber meine Mutter ist da anders. Die Postmoderne kann
     an Deiner Mutter doch nicht spurlos vorübergegangen sein.
P   Schön wäre es. Aber sie erkennt nicht, dass wir vollwertige Menschen
     sind. Dass wir uns selbst gehören und selbstverantwortlich sind, von
     Anfang an. Sie setzt auf Erziehung.

L   Hast Du mit ihr noch nicht darüber gesprochen?
P   Tausendmal. Aber sie versteht es nicht.
L   Meine Mutter sagt, dass sie ihre Selbstverantwortung als Kind beinah
     verloren hat. Weil die Erwachsenen das damals nicht gelten lassen
     wollten.
P   Und?
L   Sie hat sich nicht beirren lassen. Sie hat sich versteckt, und keiner
     hat gemerkt, dass sie immer noch an sich glaubte.
P   Wenn ich mit meiner Mutter über diese Dinge rede, wird sie ärgerlich.
     Sie sagt dann, dass ich trotzig und ungezogen bin.
L   Das muss ja alles sehr anstrengend für Dich sein.
P   Ist es auch.

P   Meiner Mutter geht es auch schlecht dabei.
L   Weil Du Dir ihren Überfall auf Deine Innere Welt nicht gefallen
     lässt.
P   Natürlich nicht. Niemals!
L   Und deswegen hast Du Dich losgerissen und bist noch mal auf das            
     Ding da los.
P   Klar. Auf die Schweineschnauze.
L   Sie sagte zu Dir „Steckdose“. Aber wir haben es doch im Bilderbuch
     gesehen, es sah aus wie die Schnauze von einem Schwein.
P   Also, ich muss meiner Mutter immer klarmachen, dass sie in meiner
     Inneren Welt nichts zu suchen hat mit ihren Ansprüchen. Sie kann
     mich besuchen, o.k. Aber sie hat kein Recht, ihre Erkenntnisbäume
     in mich zu pflanzen.
L   Stimmt.
P   Wenn sie anderer Meinung ist als ich und das Ding da unten an der
     Wand für eine "Steckdose" hält, dann ist das ihre Sicht.
L   Die kann sie Dir sagen, aber es muss klar sein, dass Du eine andere
     haben kannst und nichts einsehen musst.
P   Genau das tut sie nicht.
L   Wir sollten einen Weltkongress einberufen. Alle Menschen in
     unserem Alter würden das Ding da für eine Schweineschnauze
     halten.
L   Wenn sie vorher das Buch gelesen haben.
P   Und unser Kongressergebnis steht gleichrangig neben dem Ergebnis
     des Erwachsenenkongresses. Jeder erkennt seins.
L   Aber Du sollst einsehen, dass es keine Schweineschnauze ist,
     sondern eine "Steckdose". Und dass sie recht hat.
P   Das macht mich kaputt.
L   Und weil sie es nicht schafft, geht es ihr auch schlecht.

P   Deine Mutter hat doch auch "Steckdose" gesagt.
L   Ja. Aber es war ihre Sicht. Meine hat sie gelten lassen.
P   Sie lässt Deine Sicht gelten?
L   Ja.
P   Immer?
L   Immer.
P   Was hältst Du von ihrer Sicht?
L   Eigentlich redet sie keinen Unsinn.
P   Du glaubst ihr?
L   Sie ist vertrauenswürdig.
P   Weil sie Deine Innere Welt achtet.
L   Ja.
P   Ich komme gar nicht mehr auf die Idee, meiner Mutter noch irgendwo
     zu vertrauen.
L   Aber sie hat mich nicht überzeugt. "Steckdose"? Es wird sich schon
     noch klären.
P   Bist du denn freiwillig weggeblieben?
L   Ich habe gemerkt, wie wichtig ihr das war. Ich bekomme so etwas
     immer  mit. Und sie merkt meine Dringlichkeit.
P   Die kann sie auch merken, weil sie in Dir nichts durchsetzen will. Da
     ist sie offen für das, was Dir wichtig ist.
L   Genau. Und ich bekomme ihre Dringlichkeit mit, weil ich mich nicht
     verteidigen muss.
P   Ich kann so etwas nicht merken. Ich muss dauernd aufpassen, dass
     sie nicht schon wieder ihre Pflöcke in mein Land rammt.
L   Ich bekomme also mit, wie wichtig ihr das ist, dass ich von der
     Schweineschnauze wegbleibe. Ich habe mich gefragt, ob mir meins
     wichtiger ist.
P   Und?
L   Sie hatte solche Not, dass ich ganz erstaunt war.
P   Du hast nachgegeben?
L   Nein. Das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich lass sie, wenn es ihr
     dermaßen wichtig ist. Warum auch nicht. Ich liebe sie doch.
P   Wie Du das sagst... Aber ich versteh Dich. Du fühlst Dich nicht
     angegriffen. Du hörst hin, wenn sie Probleme hat, und kannst
     großzügig sein.
L  Großzügig? Es ist doch selbstverständlich, dass ich jemandem helfe,
     wenn ich kann. Und wenn ich ihn liebe, um so eher.

Paul:  Und was machst Du, wenn Dir etwas genauso wichtig ist?

 

*

Was Luca dann macht, kommt im nächsten Post..



Montag, 29. Juni 2026

Zähneputzen ist saugefährlich!

 


 »Putz die Zähne!«

 »Papa, weißt Du, wer 2026 den Nobelpreis für 
Medizin bekommt?« 
»Mach den Mund auf!« 
»Den Nobelpreis bekommt 2026 ein Zahnarzt.« 
»Was?« 
»Ja, ein Dr. Schäfer, er ist Zahnarzt.« 
»Was soll der Quatsch!« 
»Er bekommt ihn für sein Lebenswerk, 
er ist 85, und er hat 60 Jahre geforscht.« 
»Was hat er geforscht?« 
»Er hat in einer großen Langzeitstudie 
herausgefunden, dass beim Zähneputzen 
ein sehr seltenes Mineral vom Zahn abgerieben 
wird. Die Wissenschaft hat es nach ihm benannt:
Schaeferidium. Es wird immer nur extrem wenig 
abgerieben, aber immerhin. Im Laufe der Jahre 
kommt da was zusammen.« 
»Was redest Du und redest Du, mach endlich 
den Mund auf!« 
»Es lagert sich ab, in den Körperzellen. Und es 
häuft sich, ganz verschieden bei den Menschen, 
mal mehr in der Leber, in der Lunge, in der Brust, 
im Hoden.« 
»Jetzt reichts!« 
»Papa, er hat den Nobelpreis gekriegt. Weil er 
den Zusammenhang gefunden hat.« 
»Was für einen Zusammenhang?« 
»Na den von Zähneputzen und Krebs.« 
»Von Zähneputzen und Krebs?« 
»Ja. Beides gibt es doch wirklich erst seit ungefähr 
100 Jahren. Er hat nachgewiesen, dass das beim 
Zähneputzen abgeriebene Mineral Schaeferidium  
die wirkliche Ursache für Krebs ist. Zähneputzen 
ist saugefährlich! Kann ich jetzt ins Bett?«
 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 143f.


 

Montag, 22. Juni 2026

Jetzt bist Du völlig durchgeknallt

 


Wer will denn überhaupt wissen, was richtig und falsch ist im Umgang mit Kindern? Die Experten? Die über uns thronen und sagen, wo es lang geht? In unseren Gedanken leben sie schon, diese Schriftgelehrten der Pädagogik und Psychologie. Und haben uns im Griff. Was nicht sein muss.

Ich nenne diesen gelehrten Herrschaften, die gerne so genau Bescheid wissen, freundlich beim Spitznamen. Und hole sie damit vom Sockel. Es kann ja ganz interessant sein, sich mit ihren Ansichten und Expertisen zu befassen. Wem das Spaß macht. Aber es ist nicht die Wahrheit, es ist die Sicht von diesen Menschen auf die Dinge. Und ich entscheide, was ich davon halten soll.

Da läuft mir vor hundert Jahren Sigi über den Weg. »Hubi«, sagt er zu mir, »ich habe da was entdeckt.« »Und was bitte?« »Das Ich, das Es und das Über-Ich. Strukturmodell«, sagt er stolz. »Was soll das«, sage ich, »das gibt es doch gar nicht. Wieder eine Deiner seltsamen Ideen.« »Doch doch«, sagt Sigmund Freud, und fängt an zu erklären.

»Lass den Stuss, Sigi«, sage ich. »Das ist doch Unsinn.« »Nein«, beharrt er, »die machen da eine Wissenschaft draus.« »Wie bitte?« »Ja, das packe ich alles zur Psychoanalyse.« »Jetzt bist Du völlig durchgeknallt, Sigi. Die Sache mit der Psychoanalyse ist doch schon seltsam genug.« Ich bin genervt. »Nein, lass mal«, sagt er überzeugt, »das wird eine große Sache in der Zukunft.« »Echt jetzt? Dann erklär doch noch mal.«

Mary ist am Telefon. »Du hast angerufen?« »Ja«, sage ich, »Mary, was soll das mit Deiner ›vorbereiteten Umgebung‹? Mach doch einfach mal spontan. Die Kinder finden schon ihren Weg.« »Nein«, sagt sie, »die vorbereitete Umgebung ist wichtig.« Und Maria Montessori fängt an zu erklären. »Außerdem«, sagt sie, »ist es wichtig, dem Leben zu helfen. Ein fundamentales Prinzip, verstehst Du?« »Seh ich andersrum, Mary«, antworte ich, »das Leben hilft uns.« Es gibt ein langes Gespräch.

In einer Kongresspause spreche ich Rudi an. »Rudi«, sage ich, »was hast Du denn bloß gegen Plastik? Das ist doch ganz nützlich. Holz geht nicht immer.« »Nein«, Rudolf Steiner besteht darauf, dass Plastik für die Kinder nicht gut sei. »Plastikfreie Zone.« Und Rudi erklärt mir auch seine Bewegungskunst. »Nenne ich Eurythmie.« Und er sagt, dass man damit seinen eigenen Namen tanzen kann. »Ja«, antworte ich, »interessante Idee, wenn man das denn mag.«

Es spricht aber auch nichts dagegen, mal ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Vortrag oder ein Seminar zu besuchen. Den Horizont erweitern. Theorien wälzen und sehen, wie andere das mit den Kindern so hinkriegen. Ich habe ja auch solche Bücher gelesen und welche geschrieben. Und wenn so etwas auch nicht wirklich nötig ist, so ist es doch schön, macht Spaß und kann hilfreich sein.

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 110ff.



 


Montag, 15. Juni 2026

Forschen Sie mal

  
 

 
Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie.

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land.

Ich nahm das alles in mich auf. Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 41ff.




 

Montag, 8. Juni 2026

Wenn das Auto anhält

 


Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk.

Was macht sich da in mir breit? Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten.

Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Subito! So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis.

Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. »Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.«

Das kenne ich schon, meins ist es nicht – eigentlich. Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur.

Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne. Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. 

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 209f.



 

Montag, 1. Juni 2026

Da rebellierte meine

 


Der postmoderne Impuls mit seiner grundlegenden Gleichwertigkeit ist ein Grundpfeiler meiner Identität. Im Lehrerstudium wurde ich damit konfrontiert, Kinder zu erziehen. Ich sollte sie als unfertige Menschen ansehen, die mit meiner Erwachsenenhilfe vollwertige Menschen würden. Da rebellierte meine Gleichwertigkeitsidentität, meine postmoderne Grundposition lief Sturm:  

Die Gleichwertigkeit gilt doch nicht nur bei Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, Katholiken und Protestanten, Mensch und Natur, sondern auch zwischen Erwachsenen und Kindern, im Kinderzimmer und im Klassenzimmer! Anders war das mit mir nicht zu machen. Ich war verblüfft und konsterniert. Und perplex, dass ich da so alleine stand.  

Aber ich habe mich nicht beirren lassen. Ich war, bin und bleibe ein Kind der Postmoderne, egal, wie alt ich bin – und alle Kinder sind aus postmoderner Sicht vollwertige Menschen. Nie im Leben müssen junge Menschen erst zu vollwertigen Menschen gemacht werden!

Der erzieherische missionarische Formungsauftrag wird vom Children’s Rights Movement, der Antipädagogik und der Amication als kultureller Imperialismus und Adultismus erkannt, abgelehnt und durch postpädagogische Beziehungen auf gleicher Augenhöhe ersetzt.









Montag, 25. Mai 2026

Schauen Sie mal aus dem Fenster

 


Mein Handy klingelt. »Hallo?« Ein berüchtigter Kindsmörder ist dran. »Sie behaupten doch, ein Mörder habe gleichen Wert wie ein Arzt?« »Ja, hat er!« »Das ist doch Unsinn, das glauben Sie doch selbst nicht. Ich bin ein Mörder und viel weniger wert als ein Arzt. Und um Ihnen Ihren Unsinn zu beweisen: Schauen Sie mal aus dem Fenster, ich bin hier hinten im Gebüsch.«

Ich sehe ihn, er winkt. »Und ich habe Ihre Tochter, die bringe ich jetzt um. Da werden Sie schon merken, was für ein Bösewicht und Ekel ich bin. Nehmen Sie Ihr Fernglas, da können Sie zusehen.« Ich habe aber kein Fernglas parat, sondern ein Gewehr mit Zielfernrohr.

Blitzschnell nehme ich es hoch, ziele auf sein Messer und drücke ab. Da er sich beim Zustechen bewegt hat, treffe ich nicht das Messer, sondern seine Brust, meine Tochter ist unversehrt. Ich stürze aus der Wohnung und renne die hundert Meter zu ihm hin. »Du elendes Schwein, Du stichst keine Kinder mehr ab!« Ich trete ihn vor Wut.

Nein, es ist ganz anders: Ich renne zu ihm hin, er liegt auf dem Boden, ich nehme ihn in den Arm, er sieht mich mit brechenden Augen an: »Ich bin ein Schwein«, sagt er leise. »Nein«, sage ich und streichle ihm über den Kopf, »Du bist ein Ebenbild Gottes wie ich. Du gehst nur einen Weg, den ich nicht mitgehen kann.«

 

Montag, 18. Mai 2026

Ist da nur am Rande wichtig


 

 

Erwachsene sehen Kinder vor allem als Wesen, die werden, weniger als Wesen, die sind. Kinder wachsen und entwickeln sich. Wer sie jetzt sind, ist da nur am Rande wichtig. Wie lassen sich Kinder als Menschen erkennen, die jetzt schon real existieren mit genau diesen jetzt real existierenden Eigenschaften? Wer ist dieses Kind vor mir jetzt?

Ein NochEinBrotKind
Ein BinNichtMüdeKind
Ein ErzählMirEineGeschichteKind
Ein SchonFertigKind
Ein HundeRausgehKind
Ein LassMichInRuheKind
Ein IchHelfDirKind
Ein SagIchNichtKind
Ein FaxenMachKind
Ein DreckigeHoseKind
Ein GeldKlauKind
Ein IchEssDasNichtKind
Ein HändeWaschKind
Ein ZigarettenKind
Ein KlavierÜbeKind
Ein WieSpätIstEsKind
Ein BlumenPflückKind
Ein MeinZahnIstWegKind
Ein NaseputzKind
Ein BücherLeseKind
Ein MirIstKaltKind
Ein HabIchAberWohlKind
Ein WennEsSeinMussKind
Ein WiderworteKind
Ein IchHabDichLiebKind
Ein LügenKind
Ein DaumenLutschKind
Ein VerbotenesExtraTuKind
Ein SplitterRausziehSchreiKind
Ein MachNochEinenVersuchKind
Ein KriegIchNochEinEisKind
Ein ZuDünnAnziehKind
Ein VerboteneSüssigkeitenKaufKind
Ein FingernägelKnabberKind
Ein EndlostTefonierKind
Ein AufessKind
Ein BeimZahnarztDenMundAufmachKind
Ein WeihnachtsGeschenkeBastelKind
Ein SchwesterÄrgerKind
Ein EmpfindlicherMagenKind
Ein FrecheAntwortenGebeKind
Ein InsBettMachKind
Ein ToterHaseAnfassKind
Ein SmartphonAusstellKind
Ein SchonWiederApfelImBettEssKind
Ein MorgensZeitigAufstehKind
Ein ZahnspangenBenutzeKind
Ein BierTrinkKind
Ein NasseBadehoseAusziehKind
Ein KokelKind
Ein IchMöchteDasNichtKind
Ein IstMirDochEgalKind
Ein MamaBleibHierKind
Ein SpielsachenZerstörKind
Ein SchonWiederAufstehKind
Ein BaumSehrHochKletterKind
Ein TreppengeländerRuscheKind
Ein DiscoBesucheKind
Ein MitTierenBehutsamUmgehKind
Ein AnDerHandGehKind
Ein JammerUndGeschreiKind
Ein FährtVernünftigMitDemRadKind
Ein IchHabSchlechtGeträumtKind
Ein BruderSchlageKind
Ein TaschengeldSparKind
Ein DauerndWarumFrageKind
Ein IchZiehMichAnKind
Ein DasHabIchVergessenKind
Ein SchrankAufräumKind
Ein WoGehenWirHinKind
Ein KarateTrainingKind
Ein IchDuschMichKind
Ein FrühstücksbrotAufessKind
Ein SpielstDuMitMirKind
Ein MädchenSindBlödKind
Ein IchGehJetztLosKind
Ein DasSagIchAberMamaKind
Ein MedizinEinnehmeKind
Ein MachIchSpäterKind
Ein DankeSagKind
Ein IchEntschuldigeMichKind
Ein TobeKind
Ein DenToasterDochBenutzeKind
Ein NachtsNichtNachHauseKommKind
Ein GemüseEssKind
Ein BüchereiBücherRückgabeKind
Ein TretenBeissenKratzenSpuckenKind
Ein GutInDerSchuleKind
Ein DerHatAberMehrKind
Ein IchFreuMichAufKind
Ein DaranHabIchNichtGedachtKind
Ein AutoAnschnallKind
Ein AmeisenTottretKind
Ein WoIstMeinTeddyKind
Ein SonnencremeEinreibKind
Ein JungenSindDoofKind
Ein KicherKind
Ein WiesoDennKind
Ein KatzenFütterKind
Ein BringMirWasMitKind


 

Montag, 11. Mai 2026

Albert Schweitzer kam in unsere Schule




Wie viel will ich durchhalten, nicht aufgeben, noch nicht aufgeben? Wie viel Stehvermögen habe ich? 

Ich kam drauf, weil ich über Albert Schweitzer nachgesonnen habe, ich las grade eine Biographie über ihn. Nun, ich habe von ihm eine wirklich starke Kraft zur Ausdauer gespürt, als er mir begegnete, als wir uns über den Weg liefen. Und das kam so:

Am meinem 12. Geburtstag wurden wir Quintaner wie alle anderen Schüler meines Gymnasiums in die Aula gerufen. Es war Oktober 1959, und Albert Schweitzer, 84, war auf Europareise. Er besuchte Freunde in Mülheim an der Ruhr, meiner Heimatstadt, und ein Kind seiner Freunde war auf unserem Gymnasium. Kurz und gut: unser Direktor schaffte es, dass Albert Schweitzer in unsere Schule kam, just an meinem Geburtstag, eine Rede hielt und die grade fertiggestellte neue Orgel einweihte.

Ich saß wenige Meter von ihm entfernt, und viel wußte ich damals nicht von ihm. Ja, es gab die Stichworte Lambarene und Urwalddoktor, und die ganze Lehrerschaft war seltsam und unübersehbar respektvoll diesem alten Herrn gegenüber. Der zur Begrüßung in der ersten Reihe saß, danach vom Stehpult aus zu uns sprach, dann an uns vorbeiging zur Orgeltreppe und seine Musik zu uns sandte.

Nur, und das war es: Er hatte diese klare, von Herzen kommende Ausstrahlung: zu etwas zu stehen, zu sich zu stehen, zu dem eigenen Weg, das tun, was einem wichtig ist, sich davon nicht abbringen zu lassen. Eine grandiose Wucht. Von seiner Rede weiß ich nichts mehr, aber eben von seiner Botschaft. Sie hat mich damals erreicht. Und verstärkt, was auch in mir war: Durchhaltekraft und Glauben an sich selbst.

Natürlich macht das jeder mit sich aus, wieviel man durchhalten will und wann es genug ist. Und wieviel man an sich glaubt. Amication macht da keine Vorgabe, jeder ist wie stets sein eigener Chef. Aber im Zuge der Lektüre über Albert Schweitzer tauchte das alles auf, meine Erinnerung an ihn, an seine Botschaft, an seine machtvolle Würde. Er war, er ist ein großer Unterstützer meiner Unbeirrbarkeit und Durchhaltekraft. Es ist schön, dass das so passiert ist, dass ein Großer einem Kind über den Weg lief, dass ein Kind einem Großen über den Weg lief. 


Montag, 4. Mai 2026

Wie Feuer fährt es in den kleinen Körper

 

 

Unmittelbar nach der Geburt muss sich das Neugeborene den lebensnotwendigen Sauerstoff aus der Luft besorgen – durch das Atmen. Die neun Monate vorher nehmen sich die Embryos den Sauerstoff aus dem Blut der Mutter, das durch die Nabelschnur zu ihnen gelangt.

Traditionellerweise fühlen sich Erwachsene für Kinder verantwortlich, und so sind auch Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Denn sie meinen, dass Babys dies nicht von sich aus können. Sie klemmen deswegen die Nabelschnur ab, machen einen Knoten und schneiden sie durch, kaum dass das Kind da ist. Und veranlassen es so zum ersten Atemzug, zur Luftatmung. 

Weil durch das Abklemmen der Sauerstoff ausbleibt, geraten die Babys in Lebensangst, reißen den Mund auf und stürzen mit dem ersten Atemzug eine Riesenmenge Luft in die noch zusammengefaltete Lunge, die sich plötzlich mit einem großen Ruck entfaltet - wie Feuer fährt es in den kleinen Körper, ein schrecklicher Schmerz! Er entlädt sich in wildem Schrei, dem ersten Schrei...

Doch keinem Baby muss aus Sorge und Verantwortungsgefühl Schmerz und Leid bei der Geburt zugefügt werden. Denn auch hier greift die Selbstverantwortung: Jeder neugeborene Mensch kann diese Umstellung selbst regeln, niemand muss dazu durch Abklemmen und Durchschneiden veranlasst, gar gezwungen werden. Es geht so:

Unmittelbar nach dem Geborensein wird das Baby auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt, nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird jetzt nicht abgeklemmt und durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung veranlasst, gezwungen. Denn auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt wie alle Monate vorher mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. 

Langsam, in eigener Regie, mit kleinen Atemzügen, kann sich das Neugeborene parallel zur Blut-Sauerstoffversorgung auf die Luft-Sauerstoffversorgung, die Atmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird dabei vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur behutsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt. Die Nabelschnur wird schließlich leer und milchglasig und wird erst dann verknotet und durchtrennt. 

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. 

Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jedes Ungeborene selbst, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist, und der Embyo gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen. 

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt, mit Selbstverantwortung ausgerüstet für ein gazes langes Leben. Sie rufen den Erwachsenen zu Beginn  zu: Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!“