Donnerstag, 17. Mai 2018

Ärger und schönes Wettter























Ich bin beim Babysitten. Ich hole Bilderbücher zum Anschauen.
Als ich ein Tierbuch aufblätter, schiebt es der Zweijährige weg.
Vorher hat er genickt, als ich Bücheransehen vorschlug. Er
schiebt das Buch zweimal weg, dreimal, viermal. Ärger, in mir?

Das Rad eines Neunjährigen ist platt und muss repariert werden.
"Ich will fahren" - klar. "Hilfst Du?" "Ja." Er hilft auch mit. Fünf
Minuten. Dann hat er keine Lust mehr. Ich soll allein weiter-
machen. Ärger, in mir?

Ich besuch einen Freund. Wir quatschen. Auf einmal nimmt er
sein Handy und tippt drauflos. Meine letzte Frage - hat er nicht
mitbekommen. Ärger, in mir?

Heute habe ich drei Situationen erlebt, bei denen auf einmal
Ärger in der Luft lag. Es ist etwas abgemacht (Buch anschauen,
Rad reparieren, Quatschen), aber das, worauf man sich einstellt,
sich einläßt, sich drauf freut, wird gekippt. Wie geht es mir mit
solchen Geschichten?

Klar gibt es Gründe, Zusagen nicht einzuhalten und Pläne zu
ändern. In diesen drei Geschichten hat das aber eine besondere
Qualität: Ich bin in die Änderung nicht eingebunden, sie wird
mir vorgesetzt. Ich komm mir als Spielfigur im Spiel des
anderen vor,  hin- und hergeschoben. Respektlos, würdelos.
Ärger steht vor der Tür. Klar kann ich das thematisieren, klar
kann ich mich wehren. Die Bücher wegräumen, das Rad Rad
sein lassen, nach Hause gehen. Mach ich auch, wenn ich mich
würdelos behandelt fühle.

Ich kann aber auch anders. Also: ohne Ärger, ohne Würde-
kratzer. Ich kann auch gelassen, so wie ich Ärger kann. Kommt
ganz drauf an, wie ich drauf bin. Gelassen: Ich weiß ja, dass
jeder in seiner Welt unterwegs ist. Die ich nicht verstehen
muss. Die ich aber gelten lassen kann/könnte/will. Kein
Buch lesen - ja mei. Keine Reparaturhilfe mehr  - ja mei.
Keine Antwort, das Handy wird mir bevorzugt - ja mei.

Ich bin eigentlich immer angefaßt, wenn ich hängen gelassen
werde. Wenig Prozent oder viel Prozent. Aber Null gibt es nicht.
Ich ziehe mich zurück und lass dem anderen seinen Kram. Ich
kanns auch thematisieren, muss aber nicht sein. Bei dieser
Handygeschichte bin ich längst im Humor: dieser Freund,
wie viele andere, können gar nicht mehr anders. Irgendwie
eine Zeitkrankheit. Ich hab mich schon beim Mittagessen mit
meiner Mutter beim SMS-Schreiben ertappt und das dann
schleunigst bleiben lassen. Geht ja gar nicht!

Wenn mir etwas widerfährt, was ja gar nicht geht, was der
andere aber so nicht mitkriegt: was soll ich davon halten?
Will ich mit solchen Menschen zu tun haben? Soll ich mich
äußern? Beschweren? Poltern oder den rechten Ton treffen?
Einen Kurs in "Wie äußere ich verständnisvoll und effektiv
mein Unbehagen" buchen?

Ich bin mir oft sicher, dass die anderen genau wissen, was
los ist. Vordrängeln an der Kasse, Vorfahrt nehmen, Weg-
gekicktwerden beim Gespräch. Sie wollen sich nicht - ja
was? Benehmen? Achtungsvoll sein? Mich ernst nehmen?
Ein weites Feld. Und ich habe keine Lust, da herumzu-
stochern und ein Fass aufzumachen, das mir dann um die
Ohren fliegt.

Ärger - in mir? Bei einem Zweijährigen? Bei einem Neun-
jährigen? Bei einem Vertrauten? Heute ging es für mich
ohne Ärger aus. Klar, bei dem schönen Wetter...
 




Dienstag, 15. Mai 2018

Worüber geht Ihr Vortrag, Herr von Schoenebeck?























Bevor es zu einem Vortragsabend mit mir kommt, werde ich
heute vom Veranstalter eingeladen. Man will mich erst einmal
kennenlernen. Ich kann kurz sagen, um was es mir geht. Also:

Wenn wir mit Kindern zu tun haben, sehen wir sie mit den Augen
unserer Welt. Was ist das für eine Welt? Tausend Facetten. Mir
geht es um eine spezifische Hintergrundmusik, ein Hintergrund-
rauschen, eine Grundmelodie. Um etwas, das in jedem Handeln
und Denken, Reden und Schweigen dabei ist, wenn wir mit den
Kindern zu tun haben.

Und da gibt es zwei unterschiedliche Szenarien. Die geläufige
Hintergrundsicht lässt sich mit dem Fachausdruck "Homo
educandus" beschreiben. Hier sind wir Erwachsene, die Kinder
erziehen und sie darin unterstützen, selbstverantwortliche Men-
schen zu werden. Wir helfen den Kindern, dass sie - ja, irgendwie
"richtige" Menschen werden, gelingen. Wir sind letztlich für ihre
Entwicklung verantwortlich. Und oft kommt von uns so etwas
wie "Sieh das ein - ich habe recht".

Die Hintergrundsicht, für die ich einstehe und die ich in dem
Vortrag vorstelle, ist eine andere. "Homo ichbinschoneinvoll-
wertigerMensch". Jeder junge Mensch hat seine eigene (und
alters/erfahrungs/wahrnehmungs) Welt. Natürlich unterscheidet
sie sich von meiner Erwachsenenwelt. Diese Welten begegnen
sich. Und ich sehe das so, dass meine Weltsicht nicht über der
Weltsicht/Weltwahrnehmung/Weltdeutung der Kinder steht.
Ich habe Respekt vor ihrer Sicht, ich bin nicht ihr Missionar,
ich bin nicht für ihre Menschwerdung verantwortlich. Ich sehe
die Würdekrone eines Souveräns auf dem Kopf jedes jungen
Menschen, so wie jeder Mensch (egal wir alt) diese Krone sein
Leben lang aufhat. Und sie nicht erst - wie in der pädagogischen
Welt - mit achtzehn Jahren bekommt.

Aus mir schwingt nicht heraus, dass ich mehr Recht habe, dass
ich der Bessere bin, dass die Kinder einsehen müssen, was ich
für richtig halte. Aus mir schwingen mein Wissen und meine
Werte ohne Drüberstellen/Besserwisserei/Formungsauftrag.
Mein Wissen und meine Werte zeige ich und für sie trete ich
ein. Ich bin klar erkennbar und Orientierung.

Es wird sich zeigen, ob ich Kinder tun (tun!) lasse, was sie
sich so vorstellen. Wenn ich nein sage und unterbinde, was
sie wollen (und das geschieht oft und da bin ich nicht zim-
perlich), dann ist das ein klares Oben (ich) und unten (Kind)
- auf der Handlungseben. Auf der psychologischen Ebene
fühle ich mich den Kindern nicht überlegen, ich bin da gleich-
wertig unterwegs.

Dies alles ist von anderer Qualität als wenn man Kinder erzieht.
Meine Kinder werden in einer anderen Welt groß als in einer
pädagogischen Welt, in der auch das psychologische Oben (Er-
wachsener) - Unten (Kind) gilt. Auf meinem Vortrag erzähle ich
von dieser Welt und ihrer besonderen Musik. Viele werden nach-
denklich, haben so etwas noch nie gehört und sind dankbar, dies
einmal gezeigt zu bekommen. Und nach meinem Vortrag kommen
wir darüber ins Gespräch. Oft wird gefragt, wie das denn alles
in der Praxis funktionieren soll. Das erklär ich dann. So wird
es ein Abend mit vielen neuen Impulsen. 

Freitag, 11. Mai 2018

Blog-Kommentare und Europäische Datenschutzgrundverordnung ...








Liebe Leser meines Blogs, die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) tritt am 25. Mai in Kraft. Für mich als Einrichter meines Blogs bedeutet das, dass ich für die Daten von allen, die meinen Blog kommentieren, rechtlich verantwortlich bin. Es überfordert mich völlig, den unübersichtlichen Anforderungen der DSGVO nachzukommen. Es gibt Geldbußen, wenn ich etwas übersehe und es gibt Anwaltskanzleien, die per Abmahnung erhebliche Summen von mir kassieren könnten. Also: Zu meiner Sicherheit nehme ich die Kommentarfunktion vom Blog. Das ist sehr schade, denn ich habe Eure Kommentare wirklich gern gelesen und war immer gespannt, was da so von Euch kommen würde, besonders von "christa", "HaJo51", "eckstein-photography" und natürlich von "Mama Mia". Ade ihr Lieben, schreibt mir eine E-Mail, wenn Ihr mir was zu meinen Posts sagen wollt. Und bleibt mir weiter als Leser meines Blogs treu!



Mittwoch, 9. Mai 2018

Schweine gibt's nicht im Schlafzimmer



















Ich bin im Wertepluralismus unterwegs. In der
großen Vielfalt, in der alles und jedes gleichen
Wert hat. Wo ein Mörder gleichen Würde-Rang
hat wie ein Arzt. Adolf Hitler ebenso ein Ebenbild
Gottes ist wie Mutter Teresa.

In der Postmoderne, dem philosophischen Groß-
raum der Amication, gilt als Grundlage die Gleich-
wertigkeit aller Phänomene. Wenn aber alles den
gleichen Rang hat - was ist dann richtig und was
ist falsch? Was ist die Orientierung? Nun, jeder
einzelne Mensch ist Orientierungspunkt. Was sind
meine eigenen, subjektiven und privaten Werte?
Ich entscheide mich in der großen Vielfalt der un-
endlichen Möglichkeiten. Ich bin der Mittelpunkt
der Welt und des Universums. Ich sehe ringsum und
beziehe meine Position. Ich wähle. Ich verantworte
vor mir.

Meine Wahl und meine Werte stehen dabei nicht
über der Wahl und den Werten anderer. Ich bin
jedoch meinen Werten verpflichtet und setze mich
für sie ein.

"Wenn alles gleichen Rang hat, dann kann doch
jeder tun was er will. Das gibt nur Mord und Tot-
schlag und ist gewaltiger Nonsens und rechtfertigt
allen Unsinn!" Kann tun was er will? Tun? Der,
den ein Kritiker da im Sinn hat (den durchgeknallten
Bösewicht nämlich), ist nicht allein auf diesem Pla-
neten. Milliarden andere Einzelne sind um ihn herum.
Mit ihren Werten. Und wenn der angeführte Böse-
wicht anfängt, sein Ding zu TUN, dann sind die
anderen drumherum und lassen es sich bieten -
oder eben nicht. Und wenn sie es sich nicht bieten
lassen, dann ist es aus mit dem "der kann tun, was
er will",

Ein jeder könnte tun was er will. Könnte! Wenn die
anderen ihn lassen. Mord und Totschlag? Ich bin
einer der Milliarden Einzelnen, und in meiner Gegen-
wart gibt es weder Mord noch Totschlag (sofern ich
die Gelegenheit und die Mittel habe, das zu verhin-
dern). Amication ist keine offenes Tor fürs Drauflos
des Einzelnen. Amication nimmt aus den Möglich-
keiten die Oben-Unten-Position heraus und legt die
Gleichwertigkeit zugrunde. Amication ist keine Be-
triebsanleitung für die Praxis ("Mach, was Du willst!").
Amication zeigt eine Verortungswelt auf, ist Hinter-
grundmusik für unser Handeln, Sinfonie der Gleich-
wertigkeit.

Ich bin nicht zimperlich. Wenn jemand in meiner
Gegenwart seine Vorstellungen (die meinen gleich-
wertig sind) realisieren will und mir nicht passt, was
er vorhat, dann unterbinde ich das. Mit den Mitteln,
die ich habe und in der Hoffnung, dass sie ausreichen.
Ich gewinne ja auch nicht immer, aber oft. In meiner
Gegenwart schlägt kein verzweifelter Vater sein Kind,
kein Dieb kommt mit der Handtasche einer alten Frau
davon, kein Terrorist erschießt die Leute, kein Diktator
zettelt einen Weltkrieg an.

Wenn ich interveniere, dann energisch, so dass das
passiert, was ich will. Wenn ich einen Kindsmörder
zur Strecke bringen kann, bevor er mein Kind ab-
schlachtet und ich ihm zum Schluss in die Augen
sehe, dann sage ich ohne Worte: "Du bist ein Eben-
bild Gottes wie ich, kein Schwein. Aber Du willst
einen Weg gehen, den ich nicht mitgehen kann." Ich
töte ihn, aber ich nehme ihm nicht die Würde. Ich
stehe nicht über ihm. Wie der Indianer den Büffel
tötet, ohne über ihm zu stehen.

Wenn jeder aus seiner Sicht das für ihn Sinnvolle
tut, tun will, dann folgt er einem universellem Sinn:
Der Konstruktivität, die ihn leitet. Diese Konstruk-
tivität gibt es im Universum seit dem Urknall, sie
existiert in jedem Atom, Galaxie, Stern, Planeten,
Stein, Pflanze, Tier, Mensch. Überall eben. Da be-
wegt sich nichts gegen sich. Und auch kein Mensch
handelt gegen sich, und falls es doch so aussieht
(sich jemand die Arme aufschlitzt, Heroin nimmt,
von der Brücke springt), so geschieht es immer noch
aus seinem Sinn, aus seiner Konstruktivität heraus.

Ein überhöhter Begriff für die universelle Konstruk-
tivität mit Verortungen in vielen religiösen, spirituellen,
philosophischen Bereichen ist Liebe. Alles geschieht
aus diesem Ur. Ur was? Urplasma? Urstoff? Urphäno-
men? Urprinzip? Aus diesem Ur eben. Jeder einzelne
ist in diesem Ur eingebettet, ist daraus gemacht und
bewegt sich darin. Wie jedes einzelne Wassermolekül
im Ozean, den Wolken, dem Regen. Es gibt kein Gegen-
Ur. Keinen Gegensatz. Weder gut noch böse, richtig noch
falsch. Einheitlich: Liebe.

Das aufs reale Leben runterzubrechen ist schwer. Der
Kindsmörder ist Liebe und handelt aus Liebe? Isis?
Adolf? Stalin? Mao? Tja. Aber so ist es.

Wenn man die Dinge so sieht, bekommt alles eine beson-
dere Bedeutung. Alles wird handfest leichter, kraftvoll
entspannter. Alles gibt, nichts nimmt. Die Würde bleibt.
Nichts davon macht meine Entschlossenheit kleiner, diese
Herrschaften zu stoppen in ihrem Tun. Meine Entschlossen-
heit ist ein scharfes Schwert. Und oft schaffe ich das ja auch.
Kein verzweifelter Vater schlägt in meiner Gegenwart sein
Kind ...

PS:
In unseren Zeiten von überbordender political correctness
reizt es mich schon, all dem anhysterisierten Aua-Aua mein
"alles geschieht aus Liebe" entgegenzuhalten. Ich bin da
schon ganz gern mal frech und rotzig. Ich übersehe nicht
die Wichtigkeit von MeToo und anderem, und Leid rührt
mich an, mein Mitgefühl gehört den Misshandelten, Unter-
drückten, Ohnmächtigen: begrapschte, missbrauchte, be-
schnittene Frauen, Negersklaven, normale Schulkinder,
Kindersoldaten, Folteropfer, Jesus am Kreuz. Aber! Aber
ich zeig den zu Recht Empörten gern mal den Teppich:
"Leute, kommt mal wieder runter!" Runter auf den Tep-
pich, auf den das ganze aus meiner Sicht bei allem Leid
eben doch gehört: den Teppich der Würde jedes Einzelnen.
Den Teppich, auf dem auch die bösesten Bösewichte der
kleinen Welt und der großen Welt stehen. "Schweine" gibt's
nicht, nicht in diesem Szenario. Schon: im Wald und auf
dem Bauernhof. Aber nicht in der Weltgeschichte und auch
nicht im Schlafzimmer.




Samstag, 5. Mai 2018

Autonomiephase statt Trotzphase























Eine Mutter erzählt, dass es im Kindergarten jetzt "Autonomie-
phase" heißt statt "Trotzphase". Was soll ich davon halten?

Einerseits ist das ja schon mal was. Der Rappel der Zweijährigen
wird nicht mehr ärgerlich abgetan, sondern achtsam begleitet.
Fortschritt. Wenn die Erzieherinnen die Kinder mit Autonomie-
augen sehen statt mit Trotzaugen, ist das eine gute Sache.

Andererseits kommt es ja darauf an, was dahintersteckt. Alter
Wein in neuen Schläuchen? Und da bin ich schon skeptisch. Es
gibt so eine subtile liebsäuselnde Art, die Zicken der Kinder zu
kontern, die eigentlich noch ekliger ist als ein klarer Ärger über
die Trotzbengel. Das geht ja bis ins hohe Alter: "Wir haben un-
sere Pillchen wieder nicht genommen?!"

Ich will da nicht meckern. Die zeitgemäße Pädagogik bemüht
sich um Achtsamkeit. Man kann jemandem das Zäpfchen mit
Schmackes oder sanft reintun, sanft ist allemal besser. Nur:
Wenn ich gar kein Zäpfchen will? Wem gehört mein Körper,
wem gehöre ich? Auf dieser Ebene wird das alles aber nicht
verhandelt. Kinder gehören sich nicht selbst, das ist der klare
Grundton aller Pädagogik und aller Kindergartenszenarien.

Die Autonomie des Menschen, auch des jungen und jüngsten
unter uns, also auch der Zweijährigen, wie sie die Amication
wahrnimmt, ist bei "Autonomiephase statt Trotzphase" nicht
im Spiel. Es sei denn, den Kindern im Kindergarten steht tat-
sächlich eine Erzieherin mit amicativem Selbstverständnis
gegenüber. Was vorkommt, aber selten ist. Und mir in dem
Gespräch mit der Mutter nicht vermittelt wurde.

Wenn die Kinder mit Innehalten und Nachdruck ihre Wege
gehen und ihre Dinge tun wollen, dann fällt das für mich
nicht aus dem Rahmen. Ihre Souveränität und Autonomie
ist von Anfang an da, sie nimmt nur eine neue Form an. Der
Säugling ist da anders als der Zweijährige, der wieder an-
ders als der Vieljährige, der wieder anders als der Hundert-
jährige.

Das Kontinuum der Autonomie- und Souveränitätswahrneh-
mung, das von ihren (amicativen) Eltern ausgeht und in dem
sie groß werden, gibt nichts her, was eine besonderen Beach-
tung und dann auch Bezeichnung erfordert. Es gibt keine
Trotzphase und es gibt auch keine Autonomiephase in einer
Familie, deren Eltern ein amicatives Selbstverständnis haben.
Ebenso wie es keine "Pubertätsprobleme" gibt.

Es gibt das alles nicht nur als Bezeichnung nicht, sondern diese
"Rappel", "Anfälle" und "Ausfälle" kommen einfach nicht vor.
Der ganze Umgang löst so etwas nicht aus. Autonomie ist ja
von Anfang an immer im Spiel und drückt sich ohne die Kom-
plikationen aus, die es in pädagogisch geprägten Beziehungen
gibt, geben muss.

Beziehungen und ihre konkreten Ausprägungen zu sehen, erken-
nen, einordnen, bewerten und dann auch entsprechend zu bezeich-
nen - dies geschieht vor dem Hintergrund des Menschenbildes,
das wir in uns tragen. Womit ich wieder beim Kontrast von päd-
agogischen Bild (homo educandus) und nicht pädagogischem
Bild (homo jedergehörtsichselbst) angekommen bin.

Ich achte ja ihr Bemühen, ihr Einfühlen, ihr Begleiten. Aber ich
übersehe nicht den scharfen Gegensatz. Und so antworte ich
freundlich, ohne mich zu verbiegen und ohne zynisch zu werden:
"Autonomiephase? Hört sich doch gut an."







Samstag, 28. April 2018

Kinderforschung: Bericht (3)










           
              In unregelmäßigen Abständen poste ich Texte aus 
      meiner Dissertation, meiner "Kinderforschung".

      Forschungsbericht: 
      Ich werde mich um meine Zuhörer kümmern müssen.


    Mir fallen Kinder ein, die etwas WISSEN, was sie aber nicht berichten können - nur ihre Augen, ihr Gesicht spricht davon -, und wer diese·Sprache versteht, dem teilt sich mit, was sie wissen. Wem aber teilt sich mit, was ICH weiß? Und dann frage ich mich: Wer hört mir zu? Wer schwingt auf mich ein und hat die Zeit und Ruhe und den Vorsatz und·das Interesse, mir zuzuhören? Stehe ich nicht Erwachsenen gegenüber, die darauf be­stehen, die es als selbstverständlich annehmen, dass ich mich IHNEN mitteilen kann - so klar und deutlich, dass es für sie lediglich die gewohnte intellektuelle Mühe ist, zu verstehen, was ich zu sa­gen habe? Wer von diesen Leuten wird mehr tun, zu mehr bereit sein, wer ist auf mehr vorbereitet? Ich merke schon: Ich werde sie vorbereiten müssen. Ich werde mich um meine Zuhörer kümmern müs­sen. Ich werde sie nicht allein lassen dürfen mit dem, was ich ih­nen vorhalten möchte, was ich vor ihnen aufbauen, wiedergeben möchte. Ich muss mich auf sie einschwingen - dann können sie zu­ rückschwingen, wenn sie wollen.


Fortsetzung folgt (unregelmäßig)


Donnerstag, 12. April 2018

Von KZ und der Schule









Es ist Holocaust-Gerdenktag, der "Marsch der Lebenden" beginnt in Auschwitz. Ich besuche die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme bei Hamburg. Es gibt auf dem riesigen Gelände einen großen, zig Meter aufragenden gemauerten Monolithen. Ich stehe davor und lasse all das Ungeheuerliche auf mich wirken. Eingemeißelt steht dort:

EUER LEIDEN, EUER KAMPF UND EUER TOD SOLLEN NICHT VERGEBENS SEIN!

Mir wird die Unausweichlichkeit bewußt, die diese gefangenen Menschen umgab. Kein Entkommen, kein Weg hinaus. Meine Gedanken wandern. Hin zu dem, was mich, einem Nachgeborenen dieser Ungeheuerlichkeit, bewegt, erfaßt hat, spürbar gemacht hat, hat aufstehen lassen und mich in ein brennendes Engagement geführt hat.

"Das ist doch absolut nicht zu vergleichen", "Du verhöhnst die Opfer", "Du bist total durchgeknallt". Das höre ich schon. Aber ich relativiere nicht das Leid der Menschen, die hier rings um mich gefangen waren, gelitten haben und ermordet wurden. Ich spüre einer Gemeinsamkeit nach, wenn ich an dem Monolithen nach oben schaue, die Wolken ziehen sehe und mich Leid anspringt, das unvor-stellbar monströs ist. Ja, dieses Leid mündet nicht in Elend und Mord. Aber es vernichtet. Und es ist voller Tränen. Und es ist unausweichlich. Es gibt kein Entkommen. Da sehe ich die Entsprechung. Und ich fühle mich stark, auf der richtigen Seite der Geschichte. Unrecht und Unterdrückung haben viele Gesichter. In meinem Leben gelten andere Gegebenheiten als diejenigen der Toten um mich herum. Mein Widerstand ist hier und jetzt.

Und so sende ich meine Botschaft den Monolithen hinauf in den Himmel über mir, hinein in alle Welt.


Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht mißachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmißhandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnng "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?

Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnngen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?

"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"

Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Mißhandlung?

Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?

Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?