Samstag, 20. Januar 2018

Amication leben, Ursula





















Es ist mir doch schwerer gefallen als ich dachte, das in Worte zu
fassen, was so schwer zu beschreiben ist. Ich weiß, dass durch die
Amication eine Entwicklung eingeleitet wurde, die noch lange nicht
beendet ist, und wo ich auch nicht weiß, wo sie hinführt. Ich habe
versucht, das Wichtigste davon aufzuschreiben.

Ich bin ein anderer Mensch geworden und sehe mich heute mit
anderen Augen. Mein Selbstbild hat sich verändert und damit auch
meine Umwelt.

Jeder Mensch, dem ich begegnete, hatte das Recht und die Macht,
mich zu beurteilen und zu bewerten. Mein Selbstwertgefühl wurde
von meiner Umwelt bestimmt. Ich hatte Angst, mich so zu zeigen,
wie ich bin. Ich versuchte, mich so zu verhalten, wie es der andere
von mir erwartete, um nicht abgelehnt zu werden. Ich übemahm die
Wertmaßstäbe meiner Umgebung und beurteilte meinerseits meine
Mitmenschen. Ich teilte sie in Gruppen ein und steckte sie in "Schub-
laden". Das ist So-Einer! Gleichzeitig hatte ich die größte Angst davor,
selbst in solche "Schubladen" gesteckt zu werden. Ich glaubte, meine
Mitmenschen würden mich vielleicht verurteilen ohne mich richtig zu
kennen. Aber ich kannte mich ja selbst nicht! Wie sollten andere mich
kennenlernen, wenn ich mich immer vor ihnen versteckte?

In den amicativen Selbsterfahrungsgruppen hatte ich nun Gelegen-
heit, mich zu zeigen und selbst kennenzulemen. Ich war neugierig
auf mich, hatte aber gleichzeitig große Angst. Was würde geschehen,
wenn sich bei mir Eigenschaften zeigten, die ich bei anderen stets
verurteilt hatte? Müßte ich mich nicht selbst verachten?

Erst ganz langsam begriff ich, dass jede Eigenschaft, jedes Gefühl
und jede Stimmung ein Teil von mir sind, dass das immer ich bin.
In einer Gruppensitzung hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, als
Person einen Wert zu haben, ohne etwas dafür leisten zu müssen.
Dieses neue Selbstwertgefühl veränderte mein Leben, weil niemand
es mir mehr nehmen konnte. Ich wusste, ich bin etwas wert, nicht
vom Kopf her, sondem von innen heraus. Ich habe wieder gelemt,
Gefühle wahrzunehmen und ihnen zu trauen.

Früher glaubte ich, nur dem Wort trauen zu können, und wie oft
kamen mir Zweifel, ob ich nicht belogen wurde. Heute kann ich
Gefühle zeigen, manchmal brechen sie auch aus mir heraus, ohne
dass ich sie aufhalten kann.

Früher war ich stolz darauf, dass keiner wusste, was mit mir los war,
heute will ich es nicht mehr. Ich versuche, mich immer mehr anzu-
nehmen, so wie ich bin. Alle Eigenschaften, die sichtbar werden,
gehören zu meiner Person.

Das hat auch Auswirkungen auf meine Umwelt. Ich kann die Ge-
fühle und Eigenschaften meiner Mitmenschen viel besser akzep-
tieren. Ich bin ehrlicher zu ihnen geworden. Ich kann ihnen ihre
Gefühle lassen. Ich weiß, dass sie nicht immer etwas mit mir zu
tun haben. Wenn mein Mann lieber ein Buch liest anstatt mit mir
etwas zu untemehmen, dann tut er etwas für sich und nicht etwas
gegen mich. Wenn mein Sohn sich über mein Verhalten ärgert und
wütend ist, dann lehnt er mich deshalb nicht ab. Das war am schwers-
ten für mich zu begreifen!

Donnerstag, 18. Januar 2018

Coolest Monkey in the Jungle





















"Coolest Monkey in the Jungle" - was soll ich von der Aufregung
über den Spruch auf dem Pulli halten?

Die ganze Hintergründlichkeit von Kolonialismus und Rassismus
ist mir klar. Und gleichzeitig: Leute, bleibt auf dem Teppich! Die
Kinder laufen mit den irrsten Sprüchen durch die Gegend und
knallen sich sonstwas an den Kopf. Was sie dann cool finden.
Ich hab das so gesehen, dass der Junge es einfach super findet,
mit so einem Spruch auf den Leinwänden der Welt zu erscheinen.
Was hat der mit dem Politkorrektwahn der Erwachsenen zu tun?
Rauscht an ihm vorbei, ist nicht seine Welt. Ich denk mal, für ihn
ist es einfach nur blöd, dass er nicht mehr im Weltspiel ist.

Jedenfalls geh ich davon aus, dass er den Spruch gelesen und
auch kapiert hat. Und wenn er ihm nicht recht war, hätts das Bild
nicht gegeben. Gegen seinen Willen gibts keine solche Werbung,
das kann sich auch H & M nicht leisten.

Wir (!) Erwachsene sind immer wieder in Regionen unterwegs,
die von der Welt der Kinder gänzlich abgehoben ist. Unsere
Standards in Sachen Ernährung, Sauberkeit, Schlaf, Handykons-
um, Freundeskreis, Krawallmachen, Regeln, Gesetze, Unsinn,
ach, was weiß ich. Dieser Unmut über den Monkey-Spruch ist
auch so ein Ding. Mit Furor geht es gegen einen Verstoß der
guten Sitten.

Wenn sich jemand missachtet fühlt - das gilt dann für mich schon.
Leid ist entstanden. Da hat jeder mein Mitgefühl. Die Leute waren
ja über den Spruch so verärgert, dass sie vor Wut und Empörung
in Südafrika die Geschäfte der Monkeymacher verwüstet haben.
Darüber steh ich nicht - nur: es ist halt deren Sache, sich so aufzu-
regen.

Wenn jemand auf etwas empfindlich reagiert, was ich gesagt oder
gemacht habe, dann - ja was? Also jetzt so, dass ich nicht extra
oder absichtlich ärgern wollte. Sondern ich mach was - und es ruft
Leid hervor. Dann kann ich gut sowas sagen wie "tut mir leid" und
"war nicht beabsichtigt". Und mein es auch so. Ich kann aber auch
nichts dergleichen rüberreichen, wenn mein Gefühl so ist.  Einfach
stehen lassen, was von mir kommt, unkommentiert. Vor allem rühr
ich mich nicht, wenn so ein Entschuldigungsstatement und "Einsicht"
oder sonstwas eingefordert wird. Ich setze niemanden absichtlich
herab oder tu ihm Ungutes. Wenn das jemand von mir glaubt, bin
ich aus dem Spiel.

Die Firmenleute haben natürlich mit Rückzug und Entschuldigung
reagiert, weil es um ihren Profit geht. Ich denke da aber tiefer
drüber nach. Und komm dazu, dass mir der Junge leid tut, der
aus seinem großen Weltspiel gekickt wird. Ich seh, wie er gern
mitmacht, den ganzen Fotokram und das Erlebnis, weltweit unter-
wegs zu sein. Das ist groß! Und cool! "Das MonkeyBild muss weg,
weil wir sonst Geld verlieren" ist für ihn doch bescheuert.

Klar werden die Kinder als Models instrumentalisiert pour le profit.
Aber sie machen da auch sicher gerne mit, denke ich mir halt so,
und freuen sich, wenn sie weltweit zu sehen sind. Ich find es schade,
blöd, eigentlich ungehörig, dass H & M den coolsten Affen des
Dschungels fallen gelassen hat. Kein Standing, diese Erwachsenen!

"Hört auf, die ganze Zeit zu zetern, das hier ist ein unnötiges Problem.
Kommt darüber hinweg."
Terry Mango, die Mutter des fünfjährigen Liam.
Hat mich überzeugt..

"Die Werbung bleibt. Unser Model findet sie gut und will nicht, dass
wir sie zurückziehen. Es beleidigt niemanden."
Geschäftsführung vom H & M.
Hätt mich überzeugt.

   




Freitag, 12. Januar 2018

Zuversicht eben






















Ich bin alltagsunterwegs, dies und das und jenes liegt an. Dabei
summt eine unmerkliche Gelassenheit. Das wird schon, alles und
sowieso. Wenn etwas aussichtslos oder ziemlich aussichtslos oder
eigentlich aussichtslos ist – dennoch treibt es mich nicht aus der
Bahn. Irgendwie trägt da etwas. Es ist nichts zum Drübernachden-
ken, aber eben da. Und wenn ich dann doch einmal darüber nach-
sinne, wie jetzt, lässt es sich auch bemerken. Ein Grundrauschen.

Es ist eine Sicherheit. Ein Grund, der trägt. Eine Selbstverständ-
lichkeit. Nichts Großartiges. Ein Eingebundensein. Wie das Darin-
sein in der Natur, wenn ich im Wald unterwegs bin. Wenn ich in der
Welt unterwegs bin: Eingebundensein in die unendlich vielen Mosaik-
steinchen der Gegenwart, in die Monumentalität des Geschehens.
Es steht nichts zwischen mir und der Welt. Ich bin zugehörig.

Oft lässt sich etwas nicht ändern. Was aber anders sein möge, sollte,
müsste. Das „geht nicht“ ist immer wieder eine Last. Die aber nicht
geht, sondern immer unangenehmer wird, je mehr sie gehen soll.
Eine verzwickte Kiste. Wäre ich gelassener, wäre es leichter. Bin
ich aber nicht! Also bleibt es blöd und unangenehm. Aber dennoch:
auch bei dieser Mühseligkeit gibt es Grund unter den Füßen, da
sackt nichts weg. Auch wenn meine Zaubereien, es möge sich doch
so ändern, wie ich es gern hätte, nicht klappen. Klappt zwar nicht
– aber der Grund bleibt.

Was für ein Grund? Das Vertrauen in das große Ganze. Das Will-
kommen-Gefühl. Das Ich-bin-Teil-davon-Gefühl. Das Wird-Schon.
Die Zuversicht eben. Schönreden, Milch-und-Honig-Hoffen, ein
eigentlich noch nicht dranseiender guter Zustand von Urglück und
Harmonie. Woher das Ganze? Keine Ahnung. Es ist einfach da,
summt als Grundmelodie in mir und um mich herum. Vielleicht lenkt
es mich auch. Und wenn ich gelöst genug bin, lasse ich mich da
hineintreiben. Es wird schon, sei nicht so verzagt. Und wenn es
nichts wird? Es wird schon! Sicher? Vielleicht ja anders als gedacht,
lass dich einfach mal los ...

Dann lasse ich mich einfach mal los, überlasse mich diesen Selt-
samkeiten, in ihrer ganzen Wucht. Selbstliebe. Liebe als kosmische
Kraft. Alles ein bisschen über Normal, ein bisschen high. Aber
auch nicht verboten, und eigentlich doch auch wunderbar. Warum
soll ich nicht zuversichtlich sein? Warum nicht einfach glauben, dass
es gut ausgeht? Und wenn sie dann tatsächlich gut ausgehen, diese
Kleinigkeiten des Alltags (Buch noch lieferbar, gerade pünktlich
zum Vortrag, Reparatur schon erledigt, Päckchen geht noch mit,
Weg doch gefunden), dann steht Dankbarkeit an, so ein kleines
Dankeschön an das alles, was mich umgibt.

Ich bin in großer Tiefe zuversichtlich unterwegs. An der Oberfläche,
in den Alltagsdingen wird es dünner, da ist es zweiflerischer. Macht
aber nichts, darunter ist fester Grund. Gut zu wissen und gut zu
spüren. Ein Tor, das da ist. Wenn man daran glaubt. Und durch
das man gehen kann. Wenn man sich denn lässt. Da ich mir ganz
und gar selbst gehöre, entlasse ich die gelernten Bedenklichkeiten
aus meinem Herzen und folge
diesem Frieden.


Dienstag, 9. Januar 2018

Normaltherapie





















"Es ist doch offensichtlich, dass er nicht normal ist. Kann er
nicht eine Therapie machen?"

Ein wirklich weites Feld! Erst mal die ganze große Fragerei,
was denn normal ist. Und dann die ausufernde Debatte, was
eine Therapie überhaupt sein soll und was so ein Psychoding
denn bringt.

Ich habe immer wieder mal mit Menschen zu tun gehabt, die
sich so außerhalb von dem benahmen, das ich als normal und
gerade noch normal eingestuft habe. Klar, so eine Einstufung
ist  mein subjektiver Maßstab. Aber den habe ich nun mal und
ich finde es auch abenteuerlich, wenn man jedes Psychoding,
was da so abgeht, als normal einstuft. Übergeordnet, in kos-
mischem Schwelgen, ist alles normal, klar doch. Aber in meiner
kleinen Alltagswelt unterscheide ich eben.

Wenn ich jemanden also für durchgeknallt, spinnert, abgedreht,
eben für nicht normal halte, dann ist da Respekt und Würde
dabei. Wertschätzung. Aber ich lasse mir auch kein X für ein U
vormachen.

Ich glaube nicht, dass diese Menschen, die ich für nicht normal
halte, sich auch so sehen. Aus ihrer Welt sind sie normal. Auf
einem Seminar war einmal eine Teilnehmerin, die duschte und
duschte und duschte. Es fiel auf. Sie war sicher fünf Stunden
am Tag unter der Dusche. "Findest Du, dass Du normal bist
mit Deiner Duscherei?" habe ich sie gefragt. Sie war erstaunt:
"Ja, natürlich".  Konnt ich stehen lassen. Aber nicht mitgehen.

Jüngst habe ich einen Menschen erlebt, der partout die Grenzen
anderer als Provokation erlebt, wenn sie ihm mitgeteilt werden.
"Kannst Du das lassen?" bewirkt bei ihm, dass er es grade nicht
lassen kann. Da muss er seine Souveränität verteidigen oder
feiert sonstwas ab, Kindheitstrauma und Co. Ich finde ihn nicht
normal, nach meinen Maßstäben.

Gespräch darüber? Haben viele versucht, geht gar nicht. Da
fragt er seltsam zurück: "Hast Du ein Problem?" und so. Tja.
Ich habe ihn aus meinem Leben verbannt, rausgetan, bis auf
Ausnahmen. Wer mein wirkliches wichtiges Nein nicht gelten
lassen kann, der ist nichts für mich.

Dann wurde - ohne ihn - diskutiert, ob er nicht eine Therapie
machen könnte/sollte/müsste. Klar, sein Verhalten ruft ja schon
danach. Nur: Wie soll denn so etwas an ihn rangetragen werden?
So, dass er es nicht als herabwürdigend erlebt? Liebevoll? Was
soll denn sowas werden! "Weil wir Dich gern haben, machst
Du mal eine Therapie. Ist gut für Dich." Klar, das kann man
auch softer formulieren, aber das Geschmäckle bleibt doch.

Wenn die Kinder krank sind und ich mit der Medizin komme,
bin ich da auch so unterwegs? So, dass ihre Würde auf der
Strecke bleibt? Mildred im Kuckucksnest? Klar schlucken
sie den Hustensaft, da gibt es kein Vertun, da setze ich mich
durch, wie das so schön heißt. Aber in diesem Fall?

Man kann im Unterschied zum Hustensaft ja auch niemanden
zu einer Therapie zwingen. Funktioniert dann nicht. Obwohl
er es ja gut gebrauchen könnte. Gut gebrauchen? Ja, um in
der Welt, seiner sozialen Welt, mit mehr Sonnenschein und
weniger Streit zurechtzukommen. Aber da fängt das Theater
der Subjektivität gleich schon wieder an: Vielleicht ist es ja
so, dass er mit seiner Souveränitäts-Verteidigungs-Reaktion
(die aus meiner normalen Sicht völlig überkandidelt ist)
ganz zufrieden ist. Dass es ihm halt gut geht damit. Hab ich
das zu kritisieren? Weiß ich da besser als er, was für ihn gut
ist? Hab ich nicht und weiß ich nicht!

Ein Freund sagt mir, er will den Kontakt zu ihm nicht so
einschränken wie ich. "Und was machst Du dann, wenn er
Deine Grenzen nicht respektiert?" "Kommt drauf an. Sagen
kann ich sie ihm nicht, ohne dass es ungutes Theater gibt.
Ich mogle mich irgendwie drumrum." Die Grenzüberschrei-
tungen der anderen kann ich auch bis zu einem gewissen
Grad hinnehmen. Normal ist es, wenn ich das sagen kann
und so etwas ausgetragen wird. Aber bei ihm geht das
nicht. Weil er (da) nicht normal tickt. Weil er dann erst
recht das tut, was mir zuviel ist. Und das auch noch so
psychoschräg begleitet.

Ich bin schon betrübt, dass ich da mit ihm nicht auf einen
grünen Zweig komme. Denn ich mag ihn und er ist in
vielen Dingen bereichernd. Ein wertvoller Mensch in
meinem Leben. Nur, dass er mir einfach zuviel geworden
ist. Und dass die Medizin, die es gibt, die Therapie, für
ihn außerhalb seiner Denk- und Reichweite ist. Und ich
sage mir, dass es eben auch immer wieder Dinge gibt,
die einfach nicht gehen, so gern ich sie auch hätte. Ich
bewahr ihn halt in meinem Herzen. So normal-unnormal
wie er ist.

Freitag, 5. Januar 2018

Hubertus' Schatzkisten





Ich krame in meinen Texten herum und finde
die "Schatzkisten". Geschrieben vor 35 Jahren.
Was ist davon heute noch wahr? Na ja, ich denke,
dass die Kinder heute vieles von ihren Schätzen
offen zeigen können - aber längst nicht alles.

Eine ungute Bemerkung der Großen reicht, und
ein grauer Schleier legt sich über so einen Schatz.
Die zweite ähnliche Bemerkung macht es dann
unmöglich, freude- und friedvoll das zu zeigen,
was einem Kind wichtig und heilig ist. Als Vater
frag ich mich da schon, welche Schätze meiner
Kinder ich nicht gesehen habe - und wo sie wohl
geblieben sind...




        Hubertus, vier Jahre alt.
        Was geht in mir vor? 
        Schatzkisten...

                                                                   ***


]eder von uns trägt viele Schätze in sich. Unsere Kreativität,
unsere Lernfähigkeit, unser soziales Engagement, unsere Fä-
higkeit, nah und hilfreich zu sein, unsere Gestaltungskraft
usw. Die bestehende Kultur lässt jedoch die Katastrophe über
uns hereinbrechen, dass wir unsere Schätze als junge Men-
schen nicht so leben dürfen, wie es uns zukommt. Eine
schier unendliche Angst der Erwachsenen dämmt uns ein,
deckt uns zu, verstümmelt uns und lässt uns schließlich selbst
annehmen, dass wir leer und dumm seien, dass in uns gefüllt
werden müsse, was die Großen dort sehen möchten.

Wenn wir uns im Laufe unseres Lebens als junge Menschen
auch mehr oder weniger damit abfinden, dass wir "in Wirk-
lichkeit" nicht unsere Schätze leben können, dass wir nicht
auf dem Marktplatz inmitten unserer Schatzkisten stehen
und den anderen davon zeigen und sie daran teilhaben
lassen dürfen. Wenn wir "in Wirklichkei" im Zusammen-
sein mit anderen grau und schatzlos, ordentlich und norm-
gerecht sein müssen, so gibt es dennoch ein tief in uns
glühendes Wissen darum, wie wir sein könnten.

Der Kontakt zu unseren Schätzen reißt nie ab, und in sel-
tenen Ausnahmesituationen fühlen wir uns uns selbst ganz
nah: Wenn wir in den Armen unseres Partners glücklich sind,
wenn wir die Ruhe unseres schlafenden Kindes aufnehmen,
wenn wir in der dichten und geheimnisvollen Sommernacht
mit der aufblitzenden Sternschnuppe in den Kosmos fliegen.
Selten, so selten geschieht dies, doch die Sehnsucht nach uns
selbst ist da und sie lebt in uns.

Wir wissen sehr wohl um unsere Schätze, und wir wissen
auch darum, dass wir unsere Schätze als Kinder verstecken,
tief vergraben oder weit hinter den sieben Bergen in dunkle
Urwälder bergen mussten. Wir taten dies, um einerseits in der
von den Großen propagierten und mit Unterdrückung durch-
gesetzten Welt weiter leben zu können, um nicht misshandelt,
für einen bunten Hund, für anormal gehalten zu werden -
um nicht die Liebe dieser Menschen zu verlieren. Und ande-
rerseits starteten wir dieses Bergemanöver, um dennoch uns
selbst nicht ganz preiszugeben, um dennoch der Wahrheit, mit
der wir geboren wurden - nämlich Abgesandte des Lebens
zu sein -, treu bleiben zu können.

Als Erwachsene können wir heute den Mut und die Kraft und
die Energie finden, unsere Schatzkisten zurückzubringen. Wir
müssen nichts mehr verbergen und wir entdecken die wiedergefun-
dene Realität, die wir sind, befreiende und friedenstiftende
Kraft für alle. Dies geht langsam, aber wir sind auf dem Weg
und werden uns nie mehr verstecken müssen.





Sonntag, 31. Dezember 2017

Sein und Werden








Alle unsere Wahrnehmungen von der Welt kommen aus uns selbst, und doch liegen vor und hinter ihnen unendlich viele Wahrnehmungen anderer. All derer, die uns wissen ließen, wie dieses und jenes wahrzunehmen sei, und das wir so oder anders von ihnen übernommen haben. Als Kinder haben wir von Anfang an unzählige Informationen zur Weltdeutung erhalten, von den Erwachsenen unserer Zeit. Ihr Wissen um die Welt wurde zur Grundlage unseres Weltverstehens. Und auch wenn wir später entgegen ihren Deutungen anderen und neuen Sichtweisen folgen, ist es doch so, dass die in der Kindheit erfahrende Weltdeutung niemals wirklich verlassen werden kann.

Wie nehmen wir uns selbst wahr? Wer bin ich? Neben vielen anderen Aspekten der Identitätsfrage gehe ich einem besonderen Gedanken nach: Wir lernten und erfuhren als Tatsache des Lebens, als Selbstverständlichkeit unserer Eltern und Großen, wenn sie über uns nachdachten und etwas über uns sagten und etwas zu uns sagten, wir erfuhren als eine selbstverständliche Basisinformation, dass Kinder anders waren als sie – und dass sie anders waren als wir. Wir und sie – sie und wir: das waren zwei verschiedene Welten. Und im Hintergrund war präsent, dass unsere (Kinder)Art zu sein nicht die eigentliche Art zu sein wäre, wie sie den wirklichen und wahren Menschen, den Großen, ihnen also, zukommt. Wie sie meinten.

Nun lag es damals aber nicht an, zu bemerken, dass wir eines Tages auch groß, so wie sie, sein würden. Merkwürdigerweise spielte das einfach keine Rolle. Merkwürdig deswegen, weil ich heute, selbst groß, denke, wir Kinder hätten es von ihren Gesichtern ablesen können: ihr werdet eines Tages auch Große. Das war so aber nicht der Fall. Nein, es war so: wir hier – sie dort.

Dieses Basiswissen vom eigenen Standort – wir hier, im Unterschied zu euch dort –, der zugleich der Standort vieler anderer auch war, aber nur der anderen, die in der gleichen Situation des Lebens waren, also: der anderen Kinder – dieses Basiswissen und vor allem das Gefühl von diesem Standort gingen nach und nach verloren, zu der Zeit, als man selbst erwachsen wurde. Dann galten andere Bezüge, der andere Standort. Und der Kontakt zum Wissen und Fühlen der damaligen Wahrheit riss ab. Und seitdem leben wir in unserer Welt, der Welt der Erwachsenen.

Doch zurück zu der Basis der Kindheit, zu dieser Basis, dem Wissen und dem Gefühl der eigenen Welt, der eigenen Sprache, der eigenen Interpretation – immer anders als die der Großen, immer gleich wie die der Gleichaltrigen. Und immer vorgegeben von den Großen: vorgegeben aber nur insofern, als es das Faktische betrifft, wie dann, wenn etwas vorgegeben ist, das der eigenen Vereinnahmung bedarf: »Das ist die Sonne« musste von uns Kindern zurechtgelegt werden, übersetzt werden in unsere real existierende Welt, transportiert werden in unser Weltbild. »Das ist ein Auto« ebenfalls. Mit allem ging das so. Und auch mit der Aussage: »Das bist Du«, was übersetzt hieß: »Das bin (also) ich«.

Wer aber waren wir? Was wurde uns gesagt? Neben vielem auch, ohne Worte – wir seien Kinder. Nicht Erwachsene. (Das waren ja sie.) Und Kinder, das weiß jeder Erwachsene, entwickeln sich, sie wachsen, sie werden. Sie werden. Was werden Kinder? Sie werden Erwachsene. Eines Tages. Wir erfuhren also: Ihr seid jetzt Kinder – und damit seid ihr Leute, die werden. Die Erwachsene werden. (Und dann sollten wir außerdem und vor allem gute Erwachsene werden, keine bösen, missratenen sondern vorzeigbare, wertvolle, tüchtige, solche, auf die Verlass ist und auf die man stolz sein kann.)
Der Sog zu werden war wie zuckersüßer Sand über uns gestreut, wir nahmen ihn auf und wir wurden.

Ich will damit sagen: Wenn wir Kinder um uns haben, sehen wir sie so, wie wir gesehen wurden: als Wesen, die werden. Und wir sehen sie weniger oder nicht oder ganz und gar nicht als Wesen die sind. Und dennoch: Als wir selbst Kinder waren, war uns präsent, selbstverständlich, Basis: dass wir sind. Jetzt. Und gleich. Und eben. Wir lebten uns und waren in der Zeit, mit der Zeit, nicht im Gegensatz zur Zeit, nicht im Streit mit der Zeit, nicht jenseits oder vor der Zeit, der eigentlichen Zeit. Wir waren nicht im Werden, sondern im Sein.

Wer ist dieses Kind vor mir? Wer ist dieses Jetztwesen? Das interessiert mich, das ist meine Frage, meine Aufmerksamkeit, meine Intuition, meine Art. Ich habe mich gelöst von der Werden-Perspektive. Ich habe diese Perspektive nicht gänzlich verlassen, aber sie kommt mir nicht zur Unzeit dazwischen, sie hat mich nicht im Griff. Ich habe sie bei Bedarf, ich wende sie an, nicht sie mich. Wer ist also dieses Kind vor mir jetzt?

Ein NochEinBrotKind. KeinHausaufgabenMacheKind. Ein BruderKämpfeKind. EinJammerUndGeschreiKind. Ein MitTierenBehutsamUmgeheKind. Ein MüdeKind. Ein JetztEinschlafeKind. Ein DuHastHierNichtsVerlorenKind. Ein IchBinSchonFertigKind. Ein DannSpielIchEbenGarNichtMehrKind. Ein LaßMichInRuheKind. Ein IchHelfeDirKind. Kein SchnallDichAnKind. Ein TreppengeländerRutscheKind. Ein HonigSchmierKind. Kein ZähnePutzKind. Kein MitDemHundRausgehKind. Ein MeinZahnIstWegKind. Ein IchHabeSchlechtGeträumtKind. Kein HändeWaschKind. Kein FährtVernünftigMitDemRadKind. Ein MirIstKaltKind. Ein WieSpätIstEsKind. Ein WannSindWirDaKind. Ein SagIchNichtKind. Ein HabIchAberWohlKind. Ein KlavierspielenÜbeKind. Ein KarateTrainingKind. Ein BlumenstraussPflückeKind. Ein DiskoBesucheKind. Ein NichtraucherKind. Ein IchGehZumReitenKind. Kein IchHabDenSchlüsselVergessenKind. Ein IchHabeMeinZimmerAufgeräumtKind. Ein DaranHabeIchNichtGedachtKind. Ein DasHabeIchDirMitgebrachtKind. Kein FrühstücksbrotAufesseKind. Ein DasWarIchNichtKind. Ein SpielstDuMitMirKind. Ein KicherKind. Ein IchFreuMichAufKind.

Die Kinder sind Sein-Wesen, nicht Werde-Wesen. Ich sehe sie so und ich begegne ihnen dort: Im Sein, schön oder schrecklich, entspannt oder anstrengend, plus oder minus, egal: im Sein, nicht im Werden. Sie sind im Sein, dort treffe ich sie, dort treffen wir uns. Und: nur dort. Und auch wenn es um Künftiges geht: von dort aus wird die Zukunft gesehen. Anmerkung: Das ist nicht die Hier-und-Jetzt-Position, Leben im Hier und Jetzt, Carpe Diem, Sorge Dich nicht – lebe. Das ist es alles nicht. So etwas ist die nostalgische und immer vergebliche Position von Erwachsenen, die ganz genau wissen, dass sie eben nicht nur in der Gegenwart leben können, sondern die um Entwicklung und Zukunft wissen, die sich wünschen, wünschen, das anders geschehen zu lassen. Hier-und-Jetzt ist eine blasse Fotokopie des bunten und lebendigen Originals, das die Kinder leben.

Wer hat damals erlebt, dass die Großen uns in unserem Sein besuchten, fanden, Kontakt aufnahmen, um mit uns ein Stück in unserem Sein zu wandern, mit uns in unserem Sein zu leben? Nicht ausnahmsweise, an Sonn- und Feiertagen, sondern montags, an Werktagen? Immer? Als Basis ihrer Wahrnehmung von uns? Und wie ist das heute mit den groß gewordenen Kindern, mit uns Kindern von damals? Wie sehen wir uns selbst? Leben wir heute mit uns im Sein oder im Werden? »Ja – ich bin so« oder: »Ich sollte eigentlich so sein, wie ich sein sollte«.

Mit anderen Worten: Sich selbst lieben hat Erinnerungen und Wurzeln. In der Erfahrung, dass wir Sein-Wesen waren, wenn auch alle Erwachsenenwelt uns für Werde-Wesen hielt. Wir waren der Mittelpunkt unserer Welt, tief verwurzelt im Sinn, der so oder anders war, aber er war, in dieser unserer Realität existierend, kein Später, kein Werden. (Bis auf die Ausnahmen, drei Tage vor Weihnachten.) Ich liebe mich so wie ich bin – nicht: so wie ich sein werde. »Lass Dich in Ruhe, lass Dich einfach in Ruhe, Du bist schon ein richtiger Mensch« antworte ich auf die Frage »Wie macht man es, sich zu lieben?«

Und das Werden wird ja nicht übersehen oder verbannt. Es hat nur keine Macht mehr über mich. Es hat seine Bedeutung, und ist Realität, auch, selbstverständlich (wir werden sterben), und es ist wichtig, aber es herrscht nicht mehr, es geschieht: zu seiner Zeit. Ich bin nicht ohne Perspektiven. Aber die Basis ist Innehalten und Merken: Ich bin. In der Beziehung zu mir selbst und zu den anderen. Auch und gerade und sowieso zu den Kindern.

PS:
Aber keine neue Forderung! Wer Kinder nur oder vor allem oder oft oder zu oft oder leider unter der Werden-Perspektive sieht: das ist dann so. Und Punkt. Nichts daran ist falsch oder irgendwie verkehrt. Nur dass es da auch diese andere Möglichkeit gibt, man kann sie hervorkramen, sich erinnern, es gibt eine Einladung. Eine Einladung zum Mitsein im Sosein.





Samstag, 30. Dezember 2017

Vom Nichteinmischen





















Eine Mutter erzählt mir: "Mein Sohn (8) war allein unterwegs und
hatte Krach mit einem Erwachsenen, einem Freund der Familie.
Was hätte ich tun sollen?"

Die Kinder geraten immer wieder mal in unangenehme oder auch
gefährliche Situationen. So etwas bricht über sie herein, oder sie
haben ihren Anteil daran. In diesem Fall hatte der Sohn den Freund
der Familie durch sein Verhalten verärgert, er wurde schließlich
angefaucht. Und kam empört zu seiner Mutter.

Wenn die Kinder mit anderen unterwegs sind, ist das schön, aber
auch voller Risiken. Das Balancieren über das Brückengeländer
ist voll prickelndem Reiz, aber auch voll Risiko. Wenn der Junge
dabei ins Wasser fällt, helfen Eltern ihm heraus, keine Frage.
Aber hier? Soll sie zu dem Freund hingehen und die Wogen
glätten? Oder kann das Kind allein herauskommen, wenn es
in so ein Beziehungsgewässer gefallen ist?

Falsch machen geht nicht. Die Mutter kann intervenieren oder
die Sache bei ihrem Sohn lassen. Es kommt wie immer darauf
an, was man will. Sie erzählte, dass sie gespürt hat, das Ganze
ihrem Kind zu überlassen. Er war angefasst und kam zu ihr.
Beschwerde. Ein Eingreifen lag in der Luft. Aber sie hat es eben
anders gemacht.

Sie hat das Herauskommen aus dem Wasser ihm überlassen. War
eigentlich seine Sache. Einmischen fühlte sich drängend, aber in
Untergrund übergriffig an. "Es gehört ihm und er schafft das schon."
Und so kam es auch. Ihr Sohn kam wieder runter, und nach einer
Weile ging er zu dem Erwachsenen zurück "um das mit ihm zu
besprechen".

Fand ich beeindruckend. Von der Mutter: nicht hinstürzen,
sondern erst mal schauen, was wirklich Sache ist. Bei ihr
und ihren Mutterhelfegefühlen und bei ihm und seinem "Kann
ich selbst hinkriegen". Das feine Hinhören fand ich beein-
druckend. Das Zuwarten. Das Offenhalten einer Tür. Es wäre
nichts dabei gewesen, sofort zu intervenieren - wenn ihr Ge-
fühl so ist. Aber sie hat eben den anderen Weg genommen.

Ich habe dann überlegt, dass wir Eltern oft, ganz oft, ich sage:
viel zu oft anspringen, wenn die Kinder mit einem Beschwer
daherkommen. Dann verpassen wir, dass die Beschwernisse
der Kinder eben auch ihnen gehören. Ich bin dann schon da-
bei und in Hab-Acht-Position. Aber ich muss meinem Kind
sein Beschwer nicht sofort, rasch, auf der Stelle aus der Hand
nehmen (auf dass es ihm besser gehen möge). Ich kann in ge-
wissen Respekt vor dem Beschwer sein - dem kaputten Knie,
dem Wasserfall, dem Anfauchen. Ich meine, es sind Gescheh-
nisse aus der Welt meines Kindes. Sie gehören ihm. Ich nehm
da nichts fort, ziehe sie nicht rüber in meinen Bereich, ich
vereinnahme sie nicht. Weiter: Ich vereinnahme mein Kind
nicht. Wiewohl die Gelegenheit günstig ist und der Reiz groß.

Wieviel achtungsvolle Distanz haben wir unseren Kindern
und ihrer Welt gegenüber? Kann man da sensibel sein? Lässt
sich erkennen, was mein und was dein ist? Wieviel Verstrik-
kung ist gesponnen, wieviel lässt sich überhaupt bemerken?
(Was ja auch unter Liebenden/Partnern/Freunden ein großes
Thema ist.)

Ich habe das Gefühl, dass die Mutter eine gute Botschaft
gesendet gat. "Ok, ich hör Dir zu und ich bin da." Sie hat
noch nicht einmal mitgesendet "Brauchst Du mich?" Sie hat
einfach nur schwingen lassen, dass sie da ist, dass er nicht
allein ist, dass er sich auf sie verlassen kann. Was ihm offen-
sichtlich gereicht hat. Was ihn nicht weggekippt hat aus seiner
Späre, verlockt hat, den schlappmachenden Süßeweg in ihre
Arme zu nehmen. Den alle Kinder kennen, gut kennen. Der
oftundoft nötig aber eben auch so süchtevoll ist.

Der Junge konnte bei sich und seiner Power bleiben. Er trug
sich nach einer Verschnaufzeit zurück ins Getümmel. In die
Welt der Beziehungen, ins wilde Leben.