Montag, 27. Januar 2020

Vom Glück







Im aktuellen SPIEGEL* gibt es einen Artikel über Glück. Das macht mich neugierig, und ich habe gelesen. Die Expertin** sagt, dass es drei Grundvoraussetzungen für das persönliche Glück gebe: Erstens ausreichende finanzielle Absicherung, "das Geld muss reichen". Zweitens gute soziale Kontakte, "auf Augenhöhe, mit Familie, mit Freunden". Drittens einen höheren Sinn im Leben sehen, das Gefühl haben, seine Zeit auf Erden nicht sinnlos zu verstolpern.

Da bin ich dabei. Wer weiß, was es sonst noch alles für Momente, Monumente und Momentchen braucht, um glücklich zu sein. Die Frage "Bin ich glücklich?" ist eigentlich eine gute Frage. Aber nur eigentlich - weil man sich so etwas nicht fragt. Man ist es, mehr oder weniger. Oder man ist unglücklich, mehr oder weniger.

Was hat Amication in Sachen Glück zu bieten? Hierzu habe ich am 4. März 2017 kurz etwas gepostet ("Glücksdonner und Glücksstaub"). Macht Amication glücklich? Würd ich nicht ausschließen. Amication hilft, Belastungen/Steine/Hindernisse auf dem Glücksweg zu entfernen. Es sind die Sichtweisen auf sich selbst und auf die Welt, die sich mit Amication leichter angehen lassen. "Ich gehöre mir selbst" ist glücksbringender als "Ich gehöre/bin ausgeliefert diesem und jenem, Anforderungen, Umständen, Personen". "Ich bin für mich selbst verantwortlich" hingegen will gut bedacht sein, schmeckt nicht jedem, ist aber sehr erleichternd. "Schuldgefühl und Schuldvorwurf sind im Museum" ist schon grandios. "Ich bin ein Ebenbild Gottes" - mehr geht nicht.

Im Spiegelartikel heißt es auch, dass man oft erst hinterher merkt, dass man glücklich war. Was heißt, dass sich Glück nicht festhalten lässt. Wenn das so ist - dann ist es eben so. Wie immer geht es um die Frage, wie man mit irgendetwas umgehen soll/will, wie man bewerten und einordnen soll/will. Wenn ich mein Glück nicht merke, ja, das gehört dann eben dazu. Ich ärgere mich nicht, nichts mitgekriegt zu haben. Ich bin eher erstaunt und schwelge im Nachglück. Kurz: Ich habe immer die Möglichkeit, positiv zu reagieren, generell, eine Perspektive, die Amication aufzeigt. Es ist nicht verboten, positiv zu reagieren, bissiglich: es sich schön zu reden. Gilt auch für das Glück, das zerronnen ist. Ich jedenfalls freu mich, dass es da war.

Irgendwie weiß ich für mich, was ich zum Glück brauche. Und da wird jeder seine Vorstellungen haben. Die Dinge vorantreiben, damit das Glück passiert: Ist nicht zielführend, steht im Artikel. Mach ich aber immer wieder, mal mehr, mal weniger. Alles dem Großen Sinn überlassen? Glück fällt vom Himmel, oder passiert gar nicht? Vertrauen darauf, dass das Glück mich nicht übersieht? Na ja. Ich kenn das und ich kann das, wenn es denn anliegt. Aber ich kenn das und ich kann das auch, mich um mein Glück zu kümmern und mich zu bemühen. Was aus dem Ruder laufen kann, was aber auch gelingen kann. Da gibt es nicht richtig und falsch, da entscheide ich so, wie es kommt. In eigener Regie.

Das mit dem Glück ist eh eine völlig relative Angelegenheit. Was dem einen sein Uhl. Nur, dass es da so viele Unglücksmonsterchen und Monster gibt. Die lauern am Lebensweg, und wenn man an sie glaubt, wird es anstrengend. Das Schönreden - die positive Sicht, bevorzugt, nicht sich dem Schönreden ausliefern und sich belügen - ist ein gutes Mittel gegen die Glücksvampiere. "Was für ein Unglück" lässt sich mit Innehalten begegnen, mit dem Wissen um die vielen, die hundert Jahre, die man lebt und die jeden Tag eine Einladung sind. Eine Einladung, dem Grund zu vertrauen, auf dem ich gehe und der den Glücksstaub enthält, der ich zu seiner Zeit aufwirbele.

Unglücklichsein gehört dazu. Wie all die anderen Negativlinge. Ist aber nicht das letzte Wort in diesem Lebensszenario. Dieses Wort habe ich, und ich berappele mich dann, lass es mal gut sein mit dem Grusel und strebe dem Glück entgegen. Meine Entscheidung, meine Verantwortung, meine Macht.

Glück? Geht doch!


*   Der Spiegel Nr. 5/25.1.2020, Seite 112 ff.
** H.Brockmann, a.a.O., S. 115

Montag, 20. Januar 2020

Kinderrechte ins Grundgesetz







Kinderrechte ins Grundgesetz?

Na ja, die Mühen der Ebene...Seit Jahren ist die kleine und große Politik dabei, Kinderrechte ins Grundgesetz zu bringen. Im November letzten Jahres kam aus dem Justizministerium dieser Gesetzentwurf heraus, einzufügen als Absatz 1a in den Grundgesetzartikel 6:

"Jedes Kind hat das Recht auf Achtung, Schutz und Förderung seiner Grundrechte einschließlich des Rechts auf Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit in der sozialen Gemeinschaft. Das Wohl des Kindes ist bei allem staatlichen Handeln, das es unmittelbar in seinen Rechten betrifft, angemessen zu berücksichtigen. Jedes Kind hat bei staatlichen Entscheidungen, die seine Rechte unmittelbar betreffen, einen Anspruch auf rechtliches Gehör.“

Dazu gibt es reichlich Befürworter und Kritiker, die den Entwurf unter die Lupe und auseinander nehmen. Sehr bemüht und doch Kleinklein. Mir fehlt der Donnerschlag!

"Mitten in unserer modernen 'Demokratie' leben die Kinder unter einer Tyrannenherrschaft - mit deren bekannten Abwandlungen: von übermäßiger Herrschsucht bis zum scheinbar einsichtigen und zurückhaltenden Despotentum, was untereinander keinen erheblichen Unterschied macht. Kinder haben keinerlei Rechte außer den von oben herab diktierten, die jederzeit widerrufen werden können."

 Und:

"Kinder werden in ihrer Eigenschaft als gesetzlich diskriminierte Gruppe in ihrer Gesamtheit körperlich und seelisch bearbeitet und geformt im Hinblick auf ihre spätere Ausbeutung. Die Kinder sind eine unterdrückte Klasse. Sie bilden innerhalb der niederen oder höheren Klasse (je nach Wirtschaftssystem, rassischen oder kulturellen Bedingungen), in die sie zufällig hineingeboren werden, immer die nächstniedrigere Klasse."

Soweit Christiane Rochefort, französische Kinderrechtlerin im Jahr 1976.* - Das ist doch schon mal eine Aussage.

Ich sehe mir die Bemühungen um mehr Rechte für Kinder seit Beginn meines Engagements für Kinder an, seit über 40 Jahren. Man muss sie nicht überfordern, denke ich, die anderen, die Erwachsenen, all die Menschen, die um mich herum sind. Ihr Blick auf die jungen Menschen ist der gewachsene traditionelle Blick, mit dem sie selbst als Kinder gesehen wurden. Den man aber verlassen kann, den man kritisieren kann, den man definieren kann: als "Adultismus". Ich bin da irgendwie geduldig. Man muss sie ihren Weg zu den Kindern gehen lassen. Und ab und zu etwas einbringen, einwerfen in diesen Prozess der Transformation und Diversifizierung.

Große Wirkung hat das nicht, schon klar. Aber ich habe mich bemüht, wie ich mir das so sage. Im Jahr 1980 habe ich die Rechte der Kinder aus der Sicht der emanzipatorischen Kinderechtsbewegung zusammengestellt und als Deutsches Kindermanifest proklamiert. In einer Präambel und 22 Artikeln. Die Präambel ist die Basis - und sie ist ganz woanders unterwegs als das, was da jetzt ins Grundgesetz aufgenommen werden soll.

Deutsches Kindermanifest, Präambel:
"Die Menschenrechte sind unteilbar. Kinder, Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Jeder Mensch verfügt von Geburt an über die Fähigkeit der Selbstbestimmung. Das Selbstbestimungsrecht des jungen Menschen anzuerkennen und junge Menschen in der Ausübung dieses Rechtes zu unterstützen ist historische Verantwortung und Verpflichtung erwachsener Menschen. Jeder junge  Mensch muss ungeachtet seines Alters die Möglichkeit erhalten, von den Rechten, Privilegien und Verantwortlichkeiten erwachsener Menschen uneingeschränkt Gebrauch machen zu können."**

Das wichtigste Recht, das die Stellung der Kinder in der Gesellschaft revolutionär verändert, ist das politische Mitwirkungsrecht. Im Artikel 7 des Deutschen Kindermanifests heißt es schnörkellos: "Kinder haben das aktive und passive Wahlrecht."

Dazu schrieb ich damals:
"Das Wahlrecht ist ein fundamentales Recht. Es ist nicht erforderlich, Kindern zunächst andere Rechte einzuräumen, bevor man ihnen das Wahrecht zubilligt. Das Wahlrecht für Kinder ist aus dem Stand heraus realisierbar. Wurde in einer Revolution je gefragt, welche Rechte man erst haben muss, bevor man den König stürzt?  Die umgekehrte Reihenfolge ist richtig: Wenn das Wahlrecht da ist, d.h. wenn die politische Macht gegeben ist, werden weitere Diskriminierungen fallen."

Der Grundgesetzartikel 38 Absatz 2 lautet: "Wahlberechtig ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt."

Dieser Artikel ist zu ändern. "Kinder ins Grundgesetz" heißt für mich Grundgesetz Artikel 38 Absatz 2 (neu): "Wahlberechtigt und wählbar sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene; eine Einschränkung des Wahlrechts und der Wählbarkeit aufgrund des Alters gibt es nicht".

Was bedeutet das? Aus meiner Schrift: "Das Wahlrecht steht als politisches Persönlichkeitsrecht, als Menschenrecht jedem zu. Wann dieses Recht zur Anwendung kommt, wann man zur Wahl geht - darüber entscheidet jeder selbst, zu seiner Zeit. Der eine will mit 8 Jahren zur Wahl gehen, der andere mit 30 oder mit 80 Jahren. Sicher gehen nicht alle Achtjährigen zur Wahl und auch nicht alle Dreißigjährigen und nicht alle Achtzigjährigen, aber sie haben das Recht hierzu und könnten, wenn sie wollten, und niemand darf sie daran hindern. Darum geht es. Nur darum."

Kinderrechte ins Grundgesetz. Ja - und zwar das Wahlrecht, kurz und bündig.



* Zitiert aus dem Buch: Christiane Rochefort, Kinder, München 1977 (Frankreich 1976), S. 49 f.

** Die zitierten Passagen sind aus meiner Schrift "Kinder in der Demokratie", Münster 2001, S. 9., 11, 25, 31, 38 f. Die Schrift enthält eine ausführliche Darstellung und Begründung der Forderung nach dem uneingeschränkten Wahlrecht für Kinder und ein geduldiges Eingehen auf alle Einwände. Zu beziehen über den Freundschaft mit Kindern - Förderkreis e.V., www.amication.de, Literatur




Montag, 13. Januar 2020

Frohgemut







Heute lief mir beim Micky-Maus-Lesen das Wort "frohgemut" über den Weg, Onkel Dagobert sagte zu sich selbst "Frohgemut ans Werk!". Fand ich eine gute Einstellung.

Was sagt der Duden im Internet zu frohgemut? Er sagt, Synonyme: "aufgeräumt, fidel, freudig, fröhlich, glücklich, gut gelaunt, heiter, lebenslustig, lustig, obenauf, selig, sonnig, stillvergnügt, strahlend, überglücklich, unbekümmert, unbeschwert, vergnügt." - Mächtig, mächtig!

Wir haben es ja in der Hand/Seele/Herzen, wie wir durch den Tag gehen. "Frohgemut" ist eine von vielen Möglichkeiten. Und wenn ich es mir recht überlege, gefällt mir das gut, sehr gut. Und ich bin eigentlich immer so unterwegs, mit den gelegentlichen unausweichlichen Wolken und Gewittern.

Kinder? Die sind so: frohgemut. Bis auf die Ausnahmen. Aber mal als Grundlage gesehen. Um die nichtfröhlichen, traurigen, verstörten, verletzten Kinder kümmere ich mich, wenn es anliegt. Aber im allgemeinen, in meiner realen Welt (nicht im Erdbebenland und Kriegsland und Guselland) erlebe ich die Kinder als unbekümmert und fröhlich.

Doch vor Ort: Es ist so viel Bekümmernis in der Erwachsenenwelt ringsum. Alle haben hier und da etwas und dies und das zu ertragen, sind belastet, überanstrengt, angefasst, irgendwie einfach nicht frohgemut. Das ist keine gute Stimmung! Und eigentlich nichts, wo ich gern unterwegs bin. Nur: es gibt ja keine anderen Erwachsenen als die, die ich wahrnehme. Und deren Grundstimmung.

In den einzelnen Begegnungen ist das dann gerne anderes. Da sind sie, wenn wir miteinandner reden, eigentlich gut drauf. Na ja, denke ich, ich rufe mit meinem Frohgemüt ja auch diese fröhliche Sonnenseite von ihnen ab. Da kommen sie mir nicht mit Belastung. Aber wirklich frohgemut? Sind sie nicht. Bis auf meine Lieblingsmenschen, und davon gibt es dann auch wieder einige. Also kein Grund zur Panik.

Sie tun mir schon leid, und so einen Zauberstaub Frohgemut würde ich doch ganz gern über sie alle ausschütten. "Das wird schon", "Das kriegen wir hin" - diese Sprüche sind edel. Warum so nieder, down, trübgemut? Na ja, darum eben. Was heißt: All der ganze Schlamassel - Klima, Kriege, Flüchtlinge, Neonazis, Mißbrauchsopfer, Insektensterben, Trump, Putin, Erdogan, Ebola, Nullzins, Kapitalismus sowieso, Tausend. Ist schon klar. Aber!

Aber das muss mich ja nicht im Griff haben! Ich lass mir doch von sowas nicht die Stimmung verderben! Ich jedenfalls nicht. Lass ich die ganzen vollgruseligen Ungeheuerlichkeiten in mein Lebensgefühl einbrechen? Ich hebe die flache Hand und halte sie diesem schwarzen Pestgerangel entgegen: "Schon gut, ich überseh euch ja nicht, aber jetzt und hier habt ihr nichts zu suchen. Abgang!" Lässig und entschlossern schiebe ich das alles weg und wende mich - frohgemut - dem Tag zu. Und der Nacht. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, sind das immerhin 365x100, also mehr als 36tausend Tage und Nächte. Da mische ich aber so was von den Grundton mit: Frohgemut eben. So soll es sein, such ich mir aus, halt ich mich dran, lieb ich und leb ich.

Amication sagt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Das beziehe ich auch auf das Handhaben der Grundstimmung, mit der ich unterweges bin. Wer will ich sein? Wie will ich sein! Wo will ich sein, unterwegs sein? In welchem Großraum? Ich denke schon, dass ich darauf Einfluss habe und Einfluß nehmen kann, dass ich nicht nur den Stimmen und Stimmungen ausgesetzt bin, sondern mich sehr wohl selbst stimmen kann. Und wenn es ein Geschenk ist, nehm ich es dankbar an.

Nicht immer klappt das. Da kann durchaus Dunkles über mich hereinbrechen, und das hat es ja auch immer wieder mal gegeben. Aber wenn ich mich dann berappelt habe, lass ich ihn eben einfach wieder zu, diesen Frohen Mut, lass ich mich wieder frohgemut sein. Hinfallen kommt vor - aufstehen und wieder frohgemut sein auch.

Es gibt ein Wanderlied, in dem finde ich mein Frohgemut wieder. "Es, es, es und es..." Die Zeile mit ihrer Melodie, die es mir angetan hat: "Und wende mich, Gott weiß wohin. Ich will mein Glück probieren...". Und dann marschier ich los.



Montag, 6. Januar 2020

Kinder - Wesen, die sind







In der Weihnachtszeit komme ich nicht dazu, einen neuen Post zu schreiben. Deswegen stelle ich diesen früheren Post vom 31.12.17 als aktuellen Beitrag ein.

*

Alle unsere Wahrnehmungen von der Welt kommen aus uns selbst, und doch liegen vor und hinter ihnen unendlich viele Wahrnehmungen anderer. All derer, die uns wissen ließen, wie dieses und jenes wahrzunehmen sei, und das wir so oder anders von ihnen übernommen haben. Als Kinder haben wir von Anfang an unzählige Informationen zur Weltdeutung erhalten, von den Erwachsenen unserer Zeit. Ihr Wissen um die Welt wurde zur Grundlage unseres Weltverstehens. Und auch wenn wir später entgegen ihren Deutungen anderen und neuen Sichtweisen folgen, ist es doch so, dass die in der Kindheit erfahrende Weltdeutung niemals wirklich verlassen werden kann.

Wie nehmen wir uns selbst wahr? Wer bin ich? Neben vielen anderen Aspekten der Identitätsfrage gehe ich einem besonderen Gedanken nach: Wir lernten und erfuhren als Tatsache des Lebens, als Selbstverständlichkeit unserer Eltern und Großen, wenn sie über uns nachdachten und etwas über uns sagten und etwas zu uns sagten, wir erfuhren als eine selbstverständliche Basisinformation, dass Kinder anders waren als sie – und dass sie anders waren als wir. Wir und sie – sie und wir: das waren zwei verschiedene Welten. Und im Hintergrund war präsent, dass unsere (Kinder)Art zu sein nicht die eigentliche Art zu sein wäre, wie sie den wirklichen und wahren Menschen, den Großen, ihnen also, zukommt. Wie sie meinten.

Nun lag es damals aber nicht an, zu bemerken, dass wir eines Tages auch groß, so wie sie, sein würden. Merkwürdigerweise spielte das einfach keine Rolle. Merkwürdig deswegen, weil ich heute, selbst groß, denke, wir Kinder hätten es von ihren Gesichtern ablesen können: ihr werdet eines Tages auch Große. Das war so aber nicht der Fall. Nein, es war so: wir hier – sie dort.

Dieses Basiswissen vom eigenen Standort – wir hier, im Unterschied zu euch dort –, der zugleich der Standort vieler anderer auch war, aber nur der anderen, die in der gleichen Situation des Lebens waren, also: der anderen Kinder – dieses Basiswissen und vor allem das Gefühl von diesem Standort gingen nach und nach verloren, zu der Zeit, als man selbst erwachsen wurde. Dann galten andere Bezüge, der andere Standort. Und der Kontakt zum Wissen und Fühlen der damaligen Wahrheit riss ab. Und seitdem leben wir in unserer Welt, der Welt der Erwachsenen.

Doch zurück zu der Basis der Kindheit, zu dieser Basis, dem Wissen und dem Gefühl der eigenen Welt, der eigenen Sprache, der eigenen Interpretation – immer anders als die der Großen, immer gleich wie die der Gleichaltrigen. Und immer vorgegeben von den Großen: vorgegeben aber nur insofern, als es das Faktische betrifft, wie dann, wenn etwas vorgegeben ist, das der eigenen Vereinnahmung bedarf: »Das ist die Sonne« musste von uns Kindern zurechtgelegt werden, übersetzt werden in unsere real existierende Welt, transportiert werden in unser Weltbild. »Das ist ein Auto« ebenfalls. Mit allem ging das so. Und auch mit der Aussage: »Das bist Du«, was übersetzt hieß: »Das bin (also) ich«.

Wer aber waren wir? Was wurde uns gesagt? Neben vielem auch, ohne Worte – wir seien Kinder. Nicht Erwachsene. (Das waren ja sie.) Und Kinder, das weiß jeder Erwachsene, entwickeln sich, sie wachsen, sie werden. Sie werden. Was werden Kinder? Sie werden Erwachsene. Eines Tages. Wir erfuhren also: Ihr seid jetzt Kinder – und damit seid ihr Leute, die werden. Die Erwachsene werden. (Und dann sollten wir außerdem und vor allem gute Erwachsene werden, keine bösen, missratenen sondern vorzeigbare, wertvolle, tüchtige, solche, auf die Verlass ist und auf die man stolz sein kann.)
Der Sog zu werden war wie zuckersüßer Sand über uns gestreut, wir nahmen ihn auf und wir wurden.

Ich will damit sagen: Wenn wir Kinder um uns haben, sehen wir sie so, wie wir gesehen wurden: als Wesen, die werden. Und wir sehen sie weniger oder nicht oder ganz und gar nicht als Wesen, die sind. Und dennoch: Als wir selbst Kinder waren, war uns präsent, selbstverständlich, Basis: dass wir sind. Jetzt. Und gleich. Und eben. Wir lebten uns und waren in der Zeit, mit der Zeit, nicht im Gegensatz zur Zeit, nicht im Streit mit der Zeit, nicht jenseits oder vor der Zeit, der eigentlichen Zeit. Wir waren nicht im Werden, sondern im Sein.

Wer ist dieses Kind vor mir? Wer ist dieses Jetztwesen? Das interessiert mich, das ist meine Frage, meine Aufmerksamkeit, meine Intuition, meine Art. Ich habe mich gelöst von der Werden-Perspektive. Ich habe diese Perspektive nicht gänzlich verlassen, aber sie kommt mir nicht zur Unzeit dazwischen, sie hat mich nicht im Griff. Ich habe sie bei Bedarf, ich wende sie an, nicht sie mich. Wer ist also dieses Kind vor mir jetzt?

Ein NochEinBrotKind. KeinHausaufgabenMacheKind. Ein BruderKämpfeKind. EinJammerUndGeschreiKind. Ein MitTierenBehutsamUmgeheKind. Ein MüdeKind. Ein JetztEinschlafeKind. Ein DuHastHierNichtsVerlorenKind. Ein IchBinSchonFertigKind. Ein DannSpielIchEbenGarNichtMehrKind. Ein LaßMichInRuheKind. Ein IchHelfeDirKind. Kein SchnallDichAnKind. Ein TreppengeländerRutscheKind. Ein HonigSchmierKind. Kein ZähnePutzKind. Kein MitDemHundRausgehKind. Ein MeinZahnIstWegKind. Ein IchHabeSchlechtGeträumtKind. Kein HändeWaschKind. Kein FährtVernünftigMitDemRadKind. Ein MirIstKaltKind. Ein WieSpätIstEsKind. Ein WannSindWirDaKind. Ein SagIchNichtKind. Ein HabIchAberWohlKind. Ein KlavierspielenÜbeKind. Ein KarateTrainingKind. Ein BlumenstraussPflückeKind. Ein DiskoBesucheKind. Ein NichtraucherKind. Ein IchGehZumReitenKind. Kein IchHabDenSchlüsselVergessenKind. Ein IchHabeMeinZimmerAufgeräumtKind. Ein DaranHabeIchNichtGedachtKind. Ein DasHabeIchDirMitgebrachtKind. Kein FrühstücksbrotAufesseKind. Ein DasWarIchNichtKind. Ein SpielstDuMitMirKind. Ein KicherKind. Ein IchFreuMichAufKind.

Die Kinder sind Sein-Wesen, nicht Werde-Wesen. Ich sehe sie so und ich begegne ihnen dort: Im Sein, schön oder schrecklich, entspannt oder anstrengend, plus oder minus, egal: im Sein, nicht im Werden. Sie sind im Sein, dort treffe ich sie, dort treffen wir uns. Und: nur dort. Und auch wenn es um Künftiges geht: von dort aus wird die Zukunft gesehen. Anmerkung: Das ist nicht die Hier-und-Jetzt-Position, Leben im Hier und Jetzt, Carpe Diem, Sorge Dich nicht – lebe. Das ist es alles nicht. So etwas ist die nostalgische und immer vergebliche Position von Erwachsenen, die ganz genau wissen, dass sie eben nicht nur in der Gegenwart leben können, sondern die um Entwicklung und Zukunft wissen, die sich wünschen, wünschen, das anders geschehen zu lassen. Hier-und-Jetzt ist eine blasse Fotokopie des bunten und lebendigen Originals, das die Kinder leben.

Wer hat damals erlebt, dass die Großen uns in unserem Sein besuchten, fanden, Kontakt aufnahmen, um mit uns ein Stück in unserem Sein zu wandern, mit uns in unserem Sein zu leben? Nicht ausnahmsweise, an Sonn- und Feiertagen, sondern montags, an Werktagen? Immer? Als Basis ihrer Wahrnehmung von uns? Und wie ist das heute mit den groß gewordenen Kindern, mit uns Kindern von damals? Wie sehen wir uns selbst? Leben wir heute mit uns im Sein oder im Werden? »Ja – ich bin so« oder: »Ich sollte eigentlich so sein, wie ich sein sollte«.

Mit anderen Worten: Sich selbst lieben hat Erinnerungen und Wurzeln. In der Erfahrung, dass wir Sein-Wesen waren, wenn auch alle Erwachsenenwelt uns für Werde-Wesen hielt. Wir waren der Mittelpunkt unserer Welt, tief verwurzelt im Sinn, der so oder anders war, aber er war, in dieser unserer Realität existierend, kein Später, kein Werden. (Bis auf die Ausnahmen, drei Tage vor Weihnachten.) Ich liebe mich so wie ich bin – nicht: so wie ich sein werde. »Lass Dich in Ruhe, lass Dich einfach in Ruhe, Du bist schon ein richtiger Mensch« antworte ich auf die Frage »Wie macht man es, sich zu lieben?«

Und das Werden wird ja nicht übersehen oder verbannt. Es hat nur keine Macht mehr über mich. Es hat seine Bedeutung, und ist Realität, auch, selbstverständlich (wir werden sterben), und es ist wichtig, aber es herrscht nicht mehr, es geschieht: zu seiner Zeit. Ich bin nicht ohne Perspektiven. Aber die Basis ist Innehalten und Merken: Ich bin. In der Beziehung zu mir selbst und zu den anderen. Auch und gerade und sowieso zu den Kindern.

PS:
Aber keine neue Forderung! Wer Kinder nur oder vor allem oder oft oder zu oft oder leider unter der Werden-Perspektive sieht: das ist dann so. Und Punkt. Nichts daran ist falsch oder irgendwie verkehrt. Nur dass es da auch diese andere Möglichkeit gibt, man kann sie hervorkramen, sich erinnern, es gibt eine Einladung. Eine Einladung zum Mitsein im Sosein.

















































Montag, 30. Dezember 2019

Im Tower, Mai 2215







In der Weihnachtszeit komme ich nicht dazu, einen neuen Post zu schreiben. Deswegen stelle ich diesen früheren Post vom 17.12.2016 als aktuellen Beitrag ein. - Als ich mit meinen Kindern einmal in England war, haben wir auch den Tower und die dort ausgestellten Kronjuwelen besichtigt. Das Erlebnis von damals hat mich inspiriert.

*

London, im Mai 2215. Sie sind in den Ferien in England und kommen nach einem erlebnisreichen Vormittag zum Tower. Seit langer Zeit ist in dieser ehemaligen Trutzburg ein Museum eingerichtet, unter anderem sind die Kronjuwelen des britischen Königshauses dort dauernd ausgestellt. Doch diesmal gastiert eine Sonderausstellung, die für viel Aufsehen sorgt und die Sie sich nicht entgehenlassen wollen. Dort lassen sich "Werkzeuge der Schule des 20. Jahrhunderts (1900-2000)" besichtigen.

Wie immer sind die Räume abgedunkelt, und die Besucher können im Kreis um die Exponate herumgehen. Das Besondere dieses Museums ist, dass man nicht stehen bleiben darf, wegen des großen Andrangs. Wer länger schauen möchte, muss dazu auf den rückwärts gelegenen Balkon gehen, der ebenfalls kreisförmig die Exponate umgibt. Nun, Sie sind im inneren Kreis und sehen, was es zu sehen gibt, und gehen langsam vorwärts. Flüstern ist im Raum, gespannte Aufmerksamkeit.

Sie sehen hinter dem Panzerglas einen länglichen Gegenstand, etwa zwei Hände lang, mit vielen Symbolen versehen und anscheinend beweglich, ausziehbar. Sie haben keine Vorstellung davon, was das sein könnte. Sie lesen die kurze Beschreibung: "Mathematikunterricht - Rechenschieber". Raunen umgibt Sie. Eine Frau liest aus dem Katalog: "Damit wurden die Kinder damals angehalten, ihre Gedanken in Zahlen zu zwingen und ihre Harmonie mit der Welt zu zerteilen. In Ad-die-ren und Sub-stra-hie-ren und Mul-ti-pli-zie-ren und Di-vi-die-ren." Und sie sagt, und damit spricht sie Ihnen aus dem Herzen: "Schrecklich!"

Sie wenden sich dem nächsten Exponat zu. Eine Stange. Sie ragt neben der Vitrine nach oben und ist fünf Meter lang. Was um alles in der Welt wurde denn damit gemacht? "Sportunterricht - Kletterstange" steht auf dem Etikett. Was ist eine Kletterstange? Ihr Nachbar erklärt: "Damit wurden die Kinder gezwungen, ihre Arme und Beine so zu bewegen, wie der Lehrer es wollte. Die Kinder mussten da hinaufklettern."  Sie sind entrüstet: "Die haben sie gezwungen, ihre Arme und Beine? Die Kinder konnten über ihren Körper nicht selbst bestimmen? "Schule", sagt Ihr Nachbar, "Schule!"

Weiter geht es im Kreis. Nun sehen Sie ein Blatt Papier. Es enthält Sätze, aber diese Sätze sind voller Lücken. Was soll das? Sie lesen die Beschreibung für die Museumsbesucher: "Deutschunterricht - Arbeitsblatt zum Ausfüllen". Wieder verstehen Sie nichts. Sie hören, wie zwei andere Besucher kommentieren: "Mit diesen Papieren wurden die Kinder in die vorgezeichneten Bahnen der Sprache gezerrt. Es gab besondere Regeln, wie die Sprache benutzt werden musste. Nichts erfolgte authentisch, so wie wir heute sprechen. Die Kinder mussten das, was sie sagten, analysieren und diesem System unterwerfen. Man nannte das 'Grammatik' und es gab so seltsame Teile wie 'Subjekt, Prädikat, Objekt'. Die Kinder mussten die gesamten Regeln kennen und durften ihre Sprache nicht einfach benutzen und lieben. Sie entwickelten Abscheu zu ihrer Sprache und zu ihren Gedanken, wegen all dieser Unterdrückung. Unvorstellbar!" Ihnen schaudert, als Sie sich vorstellen, dass Kinder in das Korsett von Sprachregeln gezwungen wurden. "Und darin soll ein Gewinn gelegen haben?" Ihr Nachbar stellt sich als Historiker vor und sagt: "Ja, es gab einen großen Vorteil - für die, die andere beherrschen wollten, die sie sich gefügig machen wollten. Ihr Mittel war, durch die Schule ihre Gedanken und ihre Sprache unter Kontrolle zu bekommen.«

Eigentlich reicht es Ihnen jetzt und Sie haben genug von der "Schule des 20. Jahrhunderts". Aber noch müssen Sie im Kreis weiter. Nun sehen Sie einen hölzernen Gegenstand. Es ist ein Kasten, mit runden Kanten, und mit einer Stange am oberen Ende, versehen mit Drähten. Das Ganze etwa armlang. Was ist denn das und was wurde damit gemacht? "Musikunterricht - Geige" lesen Sie. Sie schauen in Ihren Katalog:

"Die Geige war kein reguläres Werkzeug der Schule, sondern sie war der Disziplinierung von Kindern mit besonderer musischer und spiritueller Begabung vorbehalten und diente der 'Strategie der Demoralisierung'. Diese Kinder waren am Anfang ihres Geigentrainings stets vollauf begeistert und sie öffneten ihre Herzen. Doch diese Offenheit verflog rasch - aber sie hatten einmal eingewilligt und durften sich dann nicht mehr vom Geigespielen lösen. Denn mit diesem Gerät sollte die besondere Sensibilität dieser Kinder in die gewünschten Bahnen gelenkt werden. Man bediente sich akustischer Impulse (Töne), die von den Kindern selbst hergestellt werden mussten. Sie hatten die Finger ihrer linken Hand und den rechten Arm mit einem 'Bogen' in ganz bestimmter Weise zu bewegen, um die gewünschten Frequenzen zu erzeugen. Fixiert wurde mit sogenannten 'Noten'. Und da die Experten auf diesem Gebiet derart schwierige Übungen vorschrieben, die von den allermeisten Kindern niemals korrekt ausgeführt werden konnten, war der Effekt die gewünschte Demoralisierung und das benötigte Minderwertigkeitsgefühl. Von der steten Unlusterfahrung, in einem hochsensiblen emotionalen Bereich etwas tun zu müssen, was man nicht will, ganz zu schweigen. Und die wenigen Begabten, die das wirklich konnten und gern machten, wurden all den anderen als Norm vorgehalten, und die Unerreichbarkeit dieser Vorbilder steigerte das Gefühl des Versagens."

Nun graust es Ihnen endgültig: Strategie der Demoralisierung? Herzen und Finger der Kinder zwingen? Der Katalog weist über 200 Exponate aus - erst vier haben Sie gesehen. Aber Sie brauchen Licht und Luft und sind froh, als Sie das Schild "Ausgang" sehen: Nichts wie raus hier! Draußen setzen Sie sich auf eine Bank und blättern im Katalog. Sie halten inne - und mit einem entschlossenen "Nein" werfen Sie den Katalog in den Papierkorb. "Banause" hören Sie jemanden rufen. Sie lächeln zurück.


*Der Text ist aus meinem Buch "Schule mit menschlichem Antlitz", Münster 2001, S. 75ff

Montag, 23. Dezember 2019

Vom Ur, der Liebe nämlich







In der Weihnachtszeit komme ich nicht dazu, einen neuen Post zu schreiben. Deswegen stelle ich diesen früheren Post vom 9.5.2018 als aktuellen Beitrag ein.

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In der Postmoderne, dem philosophischen Großraum der Amication, gilt als Grundlage die Gleichwertigkeit aller Phänomene. Wenn aber alles den gleichen Rang hat - was ist dann richtig und was ist falsch? Was ist die Orientierung? Nun, jeder einzelne Mensch ist Orientierungspunkt. Was sind meine eigenen, subjektiven und privaten Werte? Ich entscheide mich in der großen Vielfalt der unendlichen Möglichkeiten. Ich bin der Mittelpunkt der Welt und des Universums. Ich sehe ringsum und beziehe meine Position. Ich wähle. Ich verantworte vor mir.

Meine Wahl und meine Werte stehen dabei nicht über der Wahl und den Werten anderer. Ich bin jedoch meinen Werten verpflichtet und setze mich für sie ein.

"Wenn alles gleichen Rang hat, dann kann doch jeder tun, was er will. Das gibt nur Mord und Totschlag und ist gewaltiger Nonsens und rechtfertigt allen Unsinn!" Kann tun, was er will? Tun? Der, den ein Kritiker da im Sinn hat (den durchgeknallten Bösewicht nämlich), ist nicht allein auf diesem Planeten. Milliarden andere Einzelne sind um ihn herum. Mit ihren Werten. Und wenn der angeführte Bösewicht anfängt, sein Ding zu TUN, dann sind die anderen drumherum und lassen es sich bieten - oder eben nicht. Und wenn sie es sich nicht bieten lassen, dann ist es aus mit dem "Der kann tun, was er will",

Ein jeder könnte tun, was er will. Könnte! Wenn die anderen ihn lassen. Mord und Totschlag? Ich bin einer der Milliarden Einzelnen, und in meiner Gegenwart gibt es weder Mord noch Totschlag (sofern ich die Gelegenheit und die Mittel habe, das zu verhindern). Amication ist keine offenes Tor fürs Drauflos des Einzelnen. Amication nimmt aus den Möglichkeiten die Oben-Unten-Position heraus und legt die Gleichwertigkeit zugrunde. Amication ist keine Betriebsanleitung für die Praxis ("Mach, was Du willst!"). Amication zeigt eine Verortungswelt auf, ist Hintergrundmusik für unser Handeln, Sinfonie der Gleichwertigkeit.

Ich bin nicht zimperlich. Wenn jemand in meiner Gegenwart seine Vorstellungen (die meinen gleichwertig sind) realisieren will und mir nicht passt, was er vorhat, dann unterbinde ich das. Mit den Mitteln, die ich habe und in der Hoffnung, dass sie ausreichen. Ich gewinne ja auch nicht immer, aber oft. In meiner Gegenwart schlägt kein verzweifelter Vater sein Kind, kein Dieb kommt mit der Handtasche einer alten Frau davon, kein Terrorist erschießt die Leute, kein Diktator zettelt einen Weltkrieg an.

Wenn ich interveniere, dann energisch, so dass das passiert, was ich will. Wenn ich einen Kindsmörder zur Strecke bringen kann, bevor er mein Kind abschlachtet und ich ihm zum Schluss in die Augen sehe, dann sage ich ohne Worte: "Du bist ein Ebenbild Gottes wie ich, kein Schwein. Aber Du willst einen Weg gehen, den ich nicht mitgehen kann." Ich töte ihn, aber ich nehme ihm nicht die Würde. Ich stehe nicht über ihm. Wie der Indianer den Büffel tötet, ohne über ihm zu stehen.

Wenn jeder aus seiner Sicht das für ihn Sinnvolle tut, tun will, dann folgt er einem universellen Sinn: Der Konstruktivität, die ihn leitet. Diese Konstruktivität gibt es im Universum seit dem Urknall, sie existiert in jedem Atom, Galaxie, Stern, Planeten, Stein, Pflanze, Tier, Mensch. Überall eben. Da bewegt sich nichts gegen sich. Und auch kein Mensch handelt gegen sich, und falls es doch so aussieht (sich jemand die Arme aufschlitzt, Heroin nimmt, von der Brücke springt), so geschieht es immer noch aus seinem Sinn, aus seiner Konstruktivität heraus.

Ein überhöhter Begriff für die universelle Konstruktivität mit Verortungen in vielen religiösen, spirituellen, philosophischen Bereichen ist Liebe. Alles geschieht aus diesem Ur. Ur was? Urplasma? Urstoff? Urphänomen? Urprinzip? Aus diesem Ur eben. Jeder einzelne ist in diesem Ur eingebettet, ist daraus gemacht und bewegt sich darin. Wie jedes einzelne Wassermolekül im Ozean, den Wolken, dem Regen. Es gibt kein Gegen-Ur. Keinen Gegensatz. Weder gut noch böse, richtig noch falsch. Einheitlich: Liebe.

Das aufs reale Leben runterzubrechen ist schwer. Der Kindsmörder ist Liebe und handelt aus Liebe? Isis? Adolf? Stalin? Mao? Tja. Aber so ist es.

Wenn man die Dinge so sieht, bekommt alles eine besondere Bedeutung. Alles wird handfest leichter, kraftvoll entspannter. Alles gibt, nichts nimmt. Die Würde bleibt. Nichts davon macht meine Entschlossenheit kleiner, diese Herrschaften zu stoppen in ihrem Tun. Meine Entschlossenheit ist ein scharfes Schwert. Und oft schaffe ich das ja auch. Kein verzweifelter Vater schlägt in meiner Gegenwart sein Kind ...

PS:
In unseren Zeiten von überbordender political correctness reizt es mich schon, all dem anhysterisierten Aua-Aua mein "Alles geschieht aus Liebe" entgegenzuhalten. Ich bin da schon ganz gern mal frech und rotzig. Ich übersehe nicht die Wichtigkeit von MeToo und anderem, und Leid rührt mich an, mein Mitgefühl gehört den Misshandelten, Unterdrückten, Ohnmächtigen: begrapschte, missbrauchte, beschnittene Frauen, Negersklaven, normale Schulkinder, Kindersoldaten, Folteropfer, Jesus am Kreuz. Aber! Aber ich zeig den zu Recht Empörten gern mal den Teppich: "Leute, kommt mal wieder runter!" Runter auf den Teppich, auf den das ganze aus meiner Sicht bei allem Leid eben doch gehört: den Teppich der Würde jedes Einzelnen. Den Teppich, auf dem auch die bösesten Bösewichte der kleinen Welt und der großen Welt stehen. Und in der es zwar Wild- und Hausschweine, aber keine "Schweine" gibt.





Montag, 16. Dezember 2019

Kartoffeln und Nudeln







Vorweg: Ich mag Hunde. Auch Dackel. Wir hatten einen Dackel, als ich Kind war, er hieß Joker. Wir alle haben ihn sehr geliebt. Das Dackelbild, das ich gleich hervorhole, ist von anderer Art.

*

Es gibt Kartoffeln zum Abendessen. "Nudeln" sagt der Vierjährige. Ich bin zu Besuch, hör es und überhör es nicht. Klar, denke ich, es wird Kartoffeln geben, das "Nudeln" lässt sich ausreden, austreiben. Werden die Eltern so machen. Doch das "Nudeln" bleibt, nimmt zu, steht machtvoll in der Küche, mit Würde. Was ist zu tun? Was ist zu denken?

Nachgeben und Abendfrieden wahren contra den Dackel vertreiben. Den Dackel nämlich, der man ist, wenn man sich den Wünschen, diesen Wünschen der Kinder unterordnet. Dieser Gegensatz von Einlenken und Hartbleiben ist von grundsätzlicher Art. Dieses Paar ist ein Phänomen des Lebens und kommt überall vor, vom Appeasement in der großen Politik über das Berufsleben und die Partnerschaft bis ins Kinderzimmer und die Küche. Also nichts Ungewöhnliches, nichts, was aus dem Ruder läuft, sondern etwas, das dazugehört. Fragt sich, wie man damit umgeht.

Wobei, wie immer, ich mich da verorte. Wenn es eine Wahl gibt: Ich entscheide, Chefgefühl, Souveränität. Kartoffeln oder Nudeln? Meine Eintscheidung. Beim Abendessen mit einem Vierjährigen ist die Machtfrage klar: Die Mutter und der Vater sagen, wo es lang geht. Und das Kind? Der Andere? Der einen anderen Weg gehen will?

Wie soll ich mit einem Andersweg umgehen? Herr/Frau/Kind Andersweg sind in meinem Leben und halten mich an. Ist schon klar, was gewünscht wird. Ich kann einschwenken, meinem Jetztweg einen Korb geben und dem Andersweg folgen. Wie bekomme ich da Ruhe rein, wie zu einer guten Lösung, wie zu meinem Frieden? Wie wichtig ist mir mein Jetztweg? Was bekomme ich von Deiner Wichtigkeit mit? Wie wichtig bin ich mir? Wie wichtig bist Du mir?

Die beiden Eltern sind unterschiedlich unterwegs. Der Vater will sich die Nudeln nicht bieten lassen, die Mutter ist unentschlossen. Ich halte mich zurück, wiewohl ich ja auch etwas sagen könnte. Die Sache beginnt zu eskalieren, der Kleine fängt an zu weinen. Nudeln mit Tränen. Gar nicht gut, geht mir durch den Sinn, so was können Eltern schlecht haben. Dem Kind folgen, wenn es per Tränen unterwegs ist? "Einlenken" wie das so schön heißt. Ich merke, dass ich für die Nudeln bin, genauer: für den Abendfrieden. Aber ich werde ja auch nicht als Dackel angezählt.

Zu mir: Ich kann gut nachgeben. Ein Geschenk des Lebens. Ich kenne genug Menschen, die das nicht können. Ich gebe ja nicht immer nach und nicht bei allem und jedem, aber das "Dann mach Du" gelingt mir leicht. Ohne Dackelblick. Und habe mir oft Kommentare der unguten Art anhören müssen: "Du lässt aber auch alles mit Dir machen". Nein, lasse ich nicht. Das Gewebe "Alles mit sich machen lassen" passt auch überhaupt nicht. Ich lasse gar nichts mit mir machen. Ich mache, heißt hier: Dir folgen. Meine Entscheidung, nicht mein Überdentischgezogensein. Ich gebe dem anderen - nicht "nach", falsch gewoben - ich gebe also dem anderen nicht nach, sondern gebe ihm das, was er braucht.

Ich habe genau solche Szenarien mit meinen Kindern oft erlebt. Auch diese Kartoffeln-Nudel-Geschichte hat es gegeben. Und locker und freundlich habe ich den Herd nochmal angemacht und Nudeln gekocht. Kerze auf den Tisch, Abendessen in Harmonie. Die Kartoffeln? Waren nicht so begeistert, aber war schon ok.

Es ist ja nicht immer so. Ich lasse beim Autofahren den Drängler vorbei, ich lasse sie hinter mir im Kino reden, ich zahle den überhöhten Preis. Oder ich lasse das alles eben nicht zu: den Drängler nicht vorbei, hole die Kinoaufsicht, bestehe auf dem korrekten Preis. What ever - ich entscheide, was ich mitmache und was ich nicht mitmache.

Ich gehöre auch nicht meinem Eben, meiner Erkenntnis, meinem Plänen. Das ist ja alles schön und gut, aber zum Schluss entscheide ich, was sein soll. Vergangenheit, Erkenntnisse, Pläne haben mich nicht im Griff. Getrimmt werden wir auf anderes, auf Konsequenz, auf was sich gehört, wie es sein sollte, wie es geschrieben steht, was angesagt ist. Als Kinder haben wir diese Erzählung zu hören bekommen und in uns aufgenommen. Und wenn es heute Abend Kartoffeln gibt, die ja gewaschen, geschält, gekocht wurden, alles Mühe und Lebenszeit, dann gibt es Kartoffeln. Klar doch. Klar doch? Bin ich der Dackel meiner Kartoffeln?

Was lebt da bei mir im Untergrund? Kraft und unverbrüchliche Gewißheit (ich bin, ich gehöre mir, ich bin Teil des Unendlichen) - oder braust da so eine süßlähmende Ohnmacht, immer bereit, sich in mir auszubreiten und mir den Weg zu weisen? Ich bin mit mir klar und ein Sternenkind. Und von daher wünsche ich mir, dass die Eltern von dieser großen Beiläufigkeit berührt werden und die Kartoffeln Kartoffeln sein lassen.

"Ich glaub, ich mach ihm Nudeln." Die Welt der Mutter lugt in die Küche, breitet sich in der Küche aus. Erreicht den Vater. "Ok" sagt er. So ganz selbstverständlich. Ich bin fasziniert - sie können das! Tränen wegaubern und die Kerze anzünden. Der Dackel schmiegt sich an meine Füße.

Montag, 9. Dezember 2019

Die Burg







Sie ist weitergewandert: Vorige Woche habe ich DIE BURG von einem inzwischen größer gewordenem Kind zu zwei meiner kleineren Enkelkindern gebracht. Die Burg:

Vor dreißig Jahren hatte ich mir ein großes Projekt vorgenommen. Ich wollte für meine Kinder eine Burg aus Holz bauen, für die damals im Schwange befindlichen He-Man Figuren. Sie sollte entsprechend groß sein und mit vielen Finessen ausgestattet werden. Mit Geheimtüren, Geheimgängen, Verließen mit Ketten, Treppen, Aufzug zum Kurbeln, Falltür, Kellergewölben, Grotten, Königsbalkon, Leitern, Aufstiegsfalltreppe, Burgschließwänden zum Herablassen, Aussichtsturm, Wehrgängen, Schleichausgang, Maueraufstieg, Lastenlift, verschließbaren Spielfenstern: kurzum, mit allem, was das Herz begehrt. 

Das war ja erst mal nur eine Idee. Dann die erste Skizze. Grundmaße: 60 x 65 cm, Höhe bis 140. Dann die ersten Baupläne. Dann die ausgearbeiteten exakten Pläne mit den exakten Abmessungen, auf den Millimeter genau. Die ersten Schnitte beim Holzschnitt im Baumarkt. Die ersten Aufklebungen. Nachmessen, Pläne ändern. Die nächsten Schnitte, die nächsten Klebungen. Plankorrekturen... die Burg wuchs und wuchs. Und ich durfte keinen Planungsfehler machen, alles musste ja auf den Millimeter genau stimmen, sonst passte es nicht. Konzentration, Überblick, Ausdauer.

Das Ganze sollte ein Weihnachtsgeschenk werden, also Geheimsache, Bauen ging nur, wenn die Kinder nicht an Bord waren. Nachts ging gut. Zu Weihnachten war die Burg erst bis zur Burghofplattform fertig, der ganze Oberbau, Türme, Balkongang und Wehrgänge fehlten. Aber als Geschenk gab es schon was her, die Kinder waren begeistert. Ende Januar war sie dann fertig, die Burg.

Wieviel Energie stecke ich in einen Plan? In das Ausdenken? Ist so was realistisch? Will ich das überhaupt? Ist ja alles schön und gut, aber soll es was werden? Jenseits der Ideenwelt, in der realen Welt? Und wenn ja: wird das was? Kann das klappen? Ich habe immer wieder solche Pläne geschmiedet - und immer wieder auch welche verwirklicht. Erst ist so etwas nur ein Hauch, dann lichtet sich der Nebel, dann merke ich, dass ich über die Ideeschwelle gegangen bin und mich zur Realisierung aufgemacht habe. Und dann beginne ich. Erste Versuche. Und dann bin ich im Entschluss, im Sog, im "Das wird" und im "Das schaffst Du". Und dann bin ich im Machen, Improvisieren, Tüfteln, Ressourcen auftun, Rat holen, Helfen lassen - und im Tun, einfach im Tun. Verbesseren, umjustieren, weiterkommen. Die Zielform wird erkennbar. Und dann ist es geschafft! Noch hier und da verschönern, glätten, schmirgeln. Und: fertig!

Wieviel Zeit gebe ich meinen Projekten? Den großen und den kleinen? Wieviel Sorgfalt? Wieviel Unbedarftheit? Entschlossenheit? Zuversicht? Freude? Zufriedenheit? In Sachen Burg und in zig anderen Prokjekten, meinen großen und kleinen Lebensdingen?

In mein Leben überhaupt? Nein, da ist es anders: das Leben läuft einfach. Da plane ich nichts so Entschlossenens. Da gibt es Rahmen: dieses Fach will ich studieren, diese Wohnung will ich mieten, mit dieser Frau will ich leben. Aber es gibt keine Details. Doch die Energie und die Ausdauer und die Freude sind gleich. Wir entscheiden das ja - wo wir uns engagieren, was wir vorhaben. Es ist ja unsere Zeit und unser Leben. Die Burg war mein Ding - mein Leben ist es auch. 

Und gelegentlich oder immer wieder läuft es auch anders als gedacht. Studienwechsel, Umziehen, Partnerin geht oder ich gehe. Die Planerei wird blass und weicht dem Gang der Ereignisse. Bin ich dann noch der Chef? Meiner Zeit? Meiner Pfade? Meiner Vorhaben? Meines Lebens? Es wird mir auch aus der Hand genommen, dieses und jenes. Ich kann es dann nicht mehr steuern, und mein Chefgefühl zieht sich auf den Grund zurück: Ich bin. Ich bin, auch wenn es nicht so läuft wie gedacht und wie gewünscht. Dennoch bleibe ich der Grund, und gehe nicht im Sturm unter. Und wenn der sich gelegt hat, traue ich mich wieder hervor und komme auf neue Burgideen. Und wenn so eine Idee dann Wirklichkeit wird: dann ist es einfach schön und erfüllend. Es kommt aus der Liebe zu mir selbst. Will sagen: Die Burg bin ich - ich bin die Burg.



Montag, 2. Dezember 2019

Großeltern sind wunderbar







"Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" heißen meine Vorträge. Ab und zu habe ich aber Lust, die Eltern der Eltern anzusprechen, die ganz groß gewordenen Kinder: die Großeltern. So ein Abend heißt dann "Enkel sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen". Neulich war es mal wieder so weit, acht Großväter und Großmütter kamen. Frischgebackene Großeltern, und sie wollten wissen, was es Neues im Erziehungsgeschehen gibt. Dieser Enkel-Programmtext hatte sie angesprochen, angelockt:

Enkel sind wunderbar!
Unterstützen statt erziehen
Vortrag mit Gespräch
Großeltern werden immer mal wieder zum Enkelbetreuen eingespannt.
Aber wie sollen wir heutzutage mit den Enkelkindern umgehen?
Kinder sind Personen mit einer eigenen Sicht der Dinge – darauf kann man
sich einlassen. Wir bewundern ihre Vitalität, ziehen deutlich unsere
Grenzen, bedrängen sie nicht mit dem ewigen „Sieh ein, ich habe recht“.
Wir kümmern uns um die Würde auf beiden Seiten. Und so gibt es trotz
der vielen Jahre zwischen uns ein gutes Miteinander auf gleicher
Augenhöhe.
Ebenso können Großeltern auch die eigenen Kinder in ihrer Elternrolle
unterstützen: einmischen ja, aber nicht von oben herab. Das ist oft
schwierig, aber voller Chancen für den Zusammenhalt der Generationen.
Der Abend lädt Sie ein, einmal mit der neuartigen Perspektive
„unterstützen statt erziehen“ ins Kinderzimmer zu blicken. Die Zauberei
beginnt mit der festen Überzeugung, dass sich die Liebe zu den Kindern
nur wirklich entfalten kann, wenn wir uns gestatten, uns selbst zu lieben,
so wie wir sind.

Ich habe Ihnen dann das erzählt, was ich auch den Eltern erzähle. Und sie sind mitgewandert in amicative Gefilde. "Das alles sollten Sie den Eltern erzählen", kam dann. Es schwang ein "auch" mit, ich sollte es auch den Eltern erzählen, den Eltern ihrer Enkel. Dieser Großvater war schon zufrieden mit dem, was er gehört hatte, es war ihm nur klar, dass dieses "unterstützen statt erziehen" eben auch die Eltern seiner Enkel  - seine großgewordenen Kinder - angeht.

Wenn ich den Großeltern von unserer amicativen Welt berichte, frage ich mich schon, wie relevant das eigentlich für sie ist. Es ist relevant. Sie haben ja auch ihren Blick auf Kinder, und dieser Blick ist der pädagogische Blick. Sie wünschen sich natürlich konkrete Tipps für Großeltern bei einem solchen Abend, aber ich komme eben grundsätzlich daher. So wie das bei den Eltern auch ist. Und auch sie, die Älteren, werden nachdenklich, und es öffnet sich auch für sie ein neuer Blick ins Kinderzimmer.

Ich habe bei Großeltern immer das Bedenken, über einen so großen Jahresbogen zu springen. Vom Lebensjahr 70 zum Lebensjahr 1. Ich spreche meine Teilnehmer ja auch als die Kinder an, die sie selbst waren. So ein Abend dreht sich nicht nur um die heutigen Kinder und heutigen Enkel, sondern auch um sie selbst, um ihre eigene Kindheit. Sie denken, angestoßen durch mich, darüber nach, wie sie selbst damals gesehen wurden. Dass die Sicht ihrer Eltern eben die Erziehungssicht war - und dass es auch anders hätte sein können. Für Eltern ist dieser Sprung noch "warm", aber für die Großeltern? Einen 70jährigen, eine 70jährige als Baby, Kleinkind, Kind zu assoziieren, anzusprechen? Ist das nicht übertrieben? Bringt das was? Über die eigene Babyzeit und Kinderzeit nachzudenken, wenn sich der Lebenspfad auf die Schlußgrade zubewegt?

Ich frage mich das schon, mache es aber eben. Wieso nicht? Meine Erfahrung ist ja, dass auf den Abenden viel Friede gelingt. Friede mit sich selbst, mit der eigenen Kindheit, mit den Ohnmachtserfahrungen von damals. Eine neue versöhnte Kindheitsidentität schimmert auf. Das ist bei den Eltern immer offensichtlich, viele sind angerührt und bedanken sich herzlich bei mir. Und die Großeltern? Mein Risiko hat sich heute wieder gelohnt, auch diese meine Altersgefährten tauchen hin zu den  pädagogisch-chauvinistischen Verletzungen durch ihre eigenen (gutmeindenden) Eltern, und sie bergen aus den unschönen "Du bist ein Kind"-Abgründen ihrer Seele Gold und Diamenten, Edelsteine ihres Ichs, Selbstliebeschätze.

Und mein Schlußbild ist für sie, die Großeltern, natürlich von viel prägnanterer Wirkung als für die Eltern. Ich spreche sie direkt an:

Sie sind hundert Jahre alt geworden, und es ist Zeit zu gehen. Sie liegen auf dem Sterbebett, die Kerzen sind angezündet und die Räucherstäbchen. Es ist eine andächtige Atmosphäre, alle sind gerührt, Tränen fließen. Zum Schluß kommt ein kleines Kind zu ihnen und sagt: "Ich möchte mich auch von Dir verabschieden, Uroma, Uropa." Offensichtlich ein Urenkel.

"Wer bist Du dennn?"
 "Du kennst mich, Du weißt doch, wer ich bin, schau mal genau hin."
"Ich kann nicht mehr gut sehen, außerdem habe ich Tränen in den Augen."
"Aber Du weißt es doch."
"Ja, Du kommst mir sehr vertraut vor, aber ich komme nicht drauf."
"Denk doch mal nach, spür doch mal hin zu mir."
"Tu ich ja, aber ich schaffs nicht. Sag, wer Du bist."
"Ist gut. Ich bin Du. Und ich möchte Dir gern etwas sagen für das nächste Mal. Es ist kein Vorwurf, nur eine Bitte. Schau, Du hast Dich um alle in Deinem Leben gut gekümmert, aber nicht genug um mich...".

Dann schließe ich mit dem Satz: "Und das muss Ihnen nicht erst mit 100 Jahren passieren. Sie können sich sofort um das Kind kümmern, das Ihnen anvertraut ist, um sich selbst."











Montag, 25. November 2019

Was halte ich von mir?







Was halte ich von mir? Wie denke ich von mir? Mehr positiv oder eher negativ? Ich meine einmal grundsätzlich gesehen. Armer Sünder oder Ebenbild Gottes? Ich sehe mich ja nun ganz und gar und durch und durch positiv. Und habe keine Ahnung, was sich da alles so an Negativem in mir finden könnte - falls sich da etwas findet! Auf den Vorträgen erzähle ich ja auch davon, dass jeder sich positiv sehen kann, lieben kann, so wie er ist. Nicht muss oder müsste, sondern kann. Es ist eine Einladung. Eine Einladung, sich zu mögen und zu lieben.

Als handfeste kleine Maßnahme sage ich den Teilnehmern gern, dass man sich aus dem Schneewittchenmärchen einen Spruch zurechtlegen kann. "Sie können diesen Satz auf einen kleinen Zettel schreiben und nachher zu Hause mit Tesa auf den Badezimmerspiegel kleben. Und wenn Sie morgen früh müde ins Bad kommen und lesen, was da steht... dann ist das frisch gelogen und trotzdem wahr!" Die Leute schmunzeln und sie verstehen. Jeder weiß um diesen Satz, der so geht: "Ich bin die/der Schönste im ganzen Land". So stehts auf dem Zettel geschrieben, frisch gelogen, trotzdem wahr!

In Sachen Selbstliebe begleiten mich schon lange zwei Passagen eines einschlägigen Buches*. Ich lese sie mir immer mal wieder durch, und "es macht etwas mit mir". Wie immer sind wir ja Herr unserer Belange, die Amication ist da mutig und forsch. Also: Was will ich wirklich? Wer will ich sein? Was will ich von mir denken? Was halte ich von mir?

Hier nun meine beiden Textstellen, für mich zum Nachsinnen, Innehalten, Bestätigen: Ja, so ist es. Der Autor spricht mich, den Leser, direkt an:

   "Liebe, egal was geschieht! In wirklich allem, was sich im Alltag ereignet. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob du emotional gerade oben bist oder unten. Ob dir eine Situation passt oder nicht. Ob du glücklich oder unglücklich bist...Egal, was passiert - deine Priorität in jeder Situation ist es, objektlos zu lieben. Du liebst sogar dann, wenn du dich manchmal nicht lieben kannst, nicht (mehr) lieben willst...Manchmal werden Glücksgefühle entstehen, ein anderes Mal wieder bleibst du relativ übelgelaunt, wütend oder frustriert. Dann liebst du dich eben dafür, dass du übelgelaunt, wütend oder frustriert bist."

   Zu etwas, das einem nicht gefällt, sagt er: "Bitte schau (es) dir genau an und liebe (es) so, wie (es) im Augenblick ist. Und wenn dir das schwerfällt, dann liebe dich dafür, dass es dir schwerfällt." (Ich habe das auch auf meine Partnerin übertragen: "Bitte schau sie dir genau an und liebe sie so, wie sie im Augenblick ist. Und wenn dir das schwerfällt, dann liebe dich dafür, dass es dir schwerfällt.")

Ich übersetze die beiden Passagen für mich so: Wenn ich mich liebe - na prima! Alles gut! Und wenn ich mich nicht leiden kann und die Selbstliebe sonst wo ist: Dann liebe ich mich eben dafür, dass ich mich nicht leiden kann. Es ist stets fester Grund.




* Werner Ablass, Gar nichts tun und alles erreichen, Aachen 2008, S. 29 f. und 223