Montag, 21. September 2020

Charlottes Wege im Paradies




Spaziergang mit Freunden, mit Stephan und Friederike. Ich gehe mit ihrer Tochter Charlotte (2) voraus. Charlotte fällt hin und hat sich die Haut aufgeschürft. Sie blutet ein wenig und sie weint.

Was kann ich jemandem Gutes tun, der leidet? Soll ich Charlotte auf den Arm nehmen? Soll ich es wegreden? „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Zeig mal“ oder „Das hätte aber auch schlimmer ausgehen können“ oder „Tut es sehr weh?“ Begrüße ich den Schmerz des Kinds mit der gebotenen Höflichkeit? Lehne ich ihn ab? Sehe ich nur Komplikationen? Ist die Ruhe des Spaziergangs dahin? Wie geht es mir? Bin ich verärgert? Bin ich hilflos? „Auch das noch“ oder „Wieso denn?“ oder „Ausgerechnet jetzt“.

Reagiere ich gelassen? Sollte ich gelassen reagieren? Ist Gelassenheit nicht zu kalt und unpersönlich? Kann ich persönlich und gelassen sein? Wenn ich erschrecke, macht ihr das noch mehr Angst. Wenn ich Trostformeln sage wieHeile heile Gänschen“ – was tue ich damit? Ist so etwas ein guter Zauber für kleine Kinder? Was will ich erreichen? Soll Charlotte wieder lachen? Soll sie den Schmerz verlieren, vergessen? Was habe ich gegen Schmerz? Was ist eigentlich überhaupt gegen Schmerz zu sagen? Aber wie kann man nur so etwas fragen! Doch gehört Schmerz nicht zum Leben dazu?

Also: Charlotte fällt hin und es tut ihr weh. Ich bin dabei. Ich helfe ihr auf. Ich tupfe das Blut ab. Ich sehe sie an. Ich nehme sie auf den Arm. Worte? Wozu? Welche Worte?

Wie kann ich jemandem beistehen, der in Not ist? Andersherum: Wie will ich, dass mir beigestanden wird, wenn ich in Not bin? Ich falle hin, die Haut ist aufgeschürft, ich blute. Du bist dabei. Du hilfst mir auf und gibst mit ein Taschentuch, um das Blut abzutupfen. Was wünsche ich, dass Du sagst? Was solltest Du tun, damit es mich tröstet?

Was wollen wir für Hilfe, was wollen wir für Trost? Was will ich, was willst Du? Wer sind wir, wenn wir Trost brauchen? Sollte man das wissen? Will ich wissen, wer ich bin, wenn ich Trost und Hilfe brauche? Ich habe Not und Schmerz, und Du bist dabei. Und ich wünsche mir jetzt von Dir...  Es hängt davon ab, wer Du bist, wer Du in meinem Leben bist. Wie unsere Beziehung ist. Wem ich mich anvertrauen kann, zeigen kann, in mein Herz sehen lassen kann, in meine Not und in meinen Schmerz. Wen hätte ich gern dabei, wenn ich gleich hinfallen werde? Wen wünsche ich um mich herum? In guten wie in schlechten Zeiten?

Charlotte fällt hin, ich bin dabei. Hat sie mich ausgesucht? Man muss nehmen, was da ist, und jetzt bin ich da. Und es wird etwas geschehen, mit uns. Sie erlebt ihren Schmerz in meiner Gegenwart, ich erlebe ihren Schmerz in meiner Gegenwart. Meine Antwort kommt aus mir und meiner Beziehung zu ihr, aus unserer beider Realität.

Also: Charlotte fällt hin und ich bin dabei. Sie ist zwei Jahre alt, wir kennen uns ein wenig, ich habe mich über diesen jungen Menschen vor mir eine halbe Stunde lang gefreut, auf unserem Spaziergang. Ich habe ihre Souveränität und Lebendigkeit, ihre Selbstverständlichkeit und ihre Sanftheit wahrgenommen und aufgenommen. Ich habe ihr ohne Worte gesagt, dass mir ihre Gegenwart gut tut. Und ich habe von ihr ohne Worte gehört, dass es für sie okay ist, wenn ich auf dem Spaziergang mit dabei bin. Ich bin dabei, und ich bin einbezogen.

Und so antworte ich auf ihren Schmerz: „Willst du noch einen Keks?“ Und ich sage mit dem Herzen: „Das Leben geht weiter, auch mit blutender Haut. Wo waren wir eben? Wir haben Kekse auf dem Spaziergang gegessen. Ein Keks ist eine feine Sache. Er schmeckt. Schmerz schmeckt nicht. Aber kommt vor. Wenn man hinfällt. Es tut dann weh. Wer hat das gerne? Man kann ihm nicht ausweichen, aber natürlich geht er auch wieder.“ Und ich nehme sie auf den Arm, trage sie ein Stück, frage „Okay?“ Sie nickt. Ich setze sie ab und gebe sie dem bunten Leben zurück.

Und ich? Ich rede mit dem nächsten Stein, über den sie stolpern könnte und mit der nächsten Distel, die sie stechen könnte, um sie ein wenig abzulenken, diese Hindernisse auf Charlottes Wegen im Paradies.



Montag, 14. September 2020

Schauen - Geschenk des Lebens






Ich bin mit Yann (4) auf dem Spielplatz. Vor uns spielen vier Kinder (8-10) ein Ballspiel: Sie schlagen sich den Ball über eine fest installierte Tischtennisplatte zu und laufen dabei um die Platte herum. Viel Dynamik, viel Emotion, mit Gewinnen und Verlieren. Yann schaut und schaut. Eine halbe Stunde lang. Dann locke ich mit „Nach Hause?“ und unseren Spielplänen dort. Wir ziehen los.

Schauen und schauen und schauen... Wirklich, ein Geschenk des Lebens! Einfach nur schauen, vergessen der Rest. Klar, kenne ich. Aber es hat schon lang nicht mehr angeklopft. Es fliegt alles so dahin. Oder fließt, wenn es sich ruhiger anlässt. Aber Anhalten, Innehalten, Aus- und Abschalten und Schauen: das ist doch eher selten.

Ich habe es erst nicht wahrgenommen, dass Yann da so verlängerte und verlängerte. Ja klar, er sieht sich das mal an, was die großen Kinder da so machen. Aber es verwandelte sich und veränderte die Dimension. Aus dem Hinsehen wurde das Schauen.

So ein Schauen zieht mich aus der normalen Geschäftigkeit, aus der Normalität eben. Es ist eine Zauberei, eine Verzauberung des Alltäglichen. Ein Mitsein, Mitschwingen. Anhalten der Seele.

Ich habe gewartet, dass Yann das Signal zum Aufbruch gibt. Er saß ja schon im Buggy, startbereit wir beide. Aus meinem Warten wurde ein Hinsehen zum Spiel der Kinder. Erst sah ich sie nur um die Platte laufen und mit dem Ball hantieren, dann verstand ich die Spielregeln. Und verfolgte ihr Spiel und die Varianten, die ihnen einfielen. Ich bekam zu jedem der vier Kinder eine immer deutlichere Wahrnehmung, erlebte ihre Individualität, ihre Stimmen, ihr Aussehen, ihre Aktionen. Aus meinem Warten wurde ein Schauen: das Fenster öffnete sich, ich sah in das Leben.

Wir zottelten dann weiter. An der Straßenbaustelle arbeiteten und lärmten der große Bagger und der kleinen Kipper. Der Bagger rumorte, kratzte den Sand zusammen, packte ihn und übergab ihn dem Kipper. Der fuhr nach sechs Einladungen zum Sandhaufen einige Ellen weiter hinten und kippte ab. Rückwärts weg vom Bagger, umdrehen, vorwärts zum Sandhaufen und zurück. Wir haben zig mal dieses Ritual der beiden erlebt. Schauen eben.

Auf dem Weg nach Hause war ich im Schaumodus. Ich schaute in die Welt und sog alles rechts und links auf. Zum Schauen muss ich nicht stehen bleiben, Schauen geht auch dann, wenn ich mich bewege. Es ist die Bewusstheit, die große Aufmerksamkeit. Die Achtsamkeit.

Überall möglich. Das Schauen wartet. Einen Tag später setze ich mich auf eine Bank in den Feldern, die ich beim Joggen entdeckt habe. Ich sitze dort so für mich hin und schaue. In die Abendwolken. Geschenk des Lebens.

Montag, 7. September 2020

Dank und Willkommen






Im Rückblick auf zwei Monate Sommerzeit habe ich zig große und kleine Begebenheiten vor Augen. Es ist ein feines Gewebe voller Bilder. Dies alles fließt in der Rückschau dahin wie ein großer Strom. Ich kann überall anhalten und mich an dies und das ranzoomen, an alles, was da in meiner gelebten Zeit so kreuchte und fleuchte. Die Vergangenheit ist ein weites Land hinter einem großen Tor, dem Jetzt-Tor.

Gehört das alles mir? Gehört das alles zu mir? Macht mich meine Vergangenheit aus? In wie viel Resonanz bin ich mit meiner Vergangenheit? Wer bestimmt hier die Auswahl und das Maß der Erinnerung? Bin ich das selbst oder gibt es da etwas, das mir die Bilder und Szenen vorlegt? Wie viel Selbstbestimmung habe ich im Umgang mit der Vergangenheit?

Na ja, ich muss mir solche Fragen nicht stellen. Ich kann all das, was geschehen ist, auch einfach geschehen sein lassen, sich in mir ausbreiten oder wegbreiten lassen, mal hier etwas merken, mal dort etwas nicht merken. Einfach fließen lassen, so wie es kommt. "Passt schon" sagen zum Vergangenheitswirbel in mir.

Beim Schreiben eines Posts, also jetzt, suche ich mir aus der riesigen Vielfalt meiner Erlebnisse irgendetwas heraus, über das ich schreiben will. Ich konzentriere mich und habe dann dieses oder jenes im Blick, hole es heran, drehe und wende es, und lass meine Gedanken drumrumlaufen. Und das, was dann da so läuft, tippe ich in die Tastatur und es wird der neue Post.

Die Geschehnisse des heutigen Tages: viel, sehr viel. Wie immer, jeder Tag hat ja seine 24 Stunden, zwei Drittel davon bin ich wach und ströme wach so in der Zeit dahin. Wo will ich anhalten – was spricht mich in der Rückschau an? So an, dass ich es als Einstieg für meine Zeilen nehmen kann? So dass sich daraus ein Thema ergibt, irgendwie mit Amicationsgedanken verspinnbar?

Von den Tausend Heutebildern will ich aber keins für ein Nachsinnen nehmen. Ich sinne ja gern nach und ich sinne gut nach. Aber heute: da lasse ich die Zeitbilder nur kommen und bespinne sie nicht. Aber ich will bei einigen anhalten, sie zeigen, mitteilen, was mir meine Lebenszeit heute so geboten hat:

Die Zweijährige, die von ihrer Mutter an die Hand genommen wurde, als ich langsam mit dem Auto vorbeifuhr.
Der Waldboden voller Blaubeerbüsche, als ich nach Pilzen Ausschau hielt.
Der Briefkasten, zu dem ich mit dem Rad gefahren bin.
Das Knäckebrot, herrlich mit Käse bedeckt, zwischendurch verspeist.
Der kalte Wind am Badesee, der ein "lieber heute nicht" entschieden hat.
Die junge Reiterin im Wald und unser freundlicher kurzer Gruß und unser Lächeln.
Der Schwarzspecht, wie er vor mir herfliegt und am Kiefernstamm landet.
Das Kartoffelfeld, an dem ich auf meiner Radrunde vorbeifahre, erntefertig, Kraut und Blätter sind dahin, es geht um die goldenen Erdfrüchte.
Das neue Familien-Baugebiet in meinem Dorf, das auch an meiner Radrunde liegt: was macht das mit den Menschen, die bisher an dem freien Feld wohnen?
Der Tankdeckel von meinem Auto, als ich tanke: Kleines Teil, das ich immer wieder in der Hand habe.
Das Dynamo von meinem Fahrrad: ausprobiert, ob das Licht geht, ja es geht, vorn und hinten, und wieder abgeschaltet, weil es sich so schöner fährt.
Eine Mücke an der Wand, aber ich bin gut drauf und bringe sie mit Glas und Postkarte aus dem Fenster.

Endlos, diese Bilder des Tages. Sie lassen sich ja nicht vermeiden, wir leben in der Dimension der Zeit. Aber all diese Dinge da draußen vor mir sind ja auch in mir entstanden. Und in Resonanz zu all dem, was sich in mir im Laufe der vielen Jahre meines Lebens verdichtet hat. Dank und Willkommen Euch allen!



Montag, 29. Juni 2020

Sommerpause







Auch in diesem Sommer gibt es eine Pause in meinem Blog. Ich schreibe also keine neuen Posts, und Anfang September geht es weiter. Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sommer!




Montag, 22. Juni 2020

Raum geben







Ich bin mit dem Auto unterwegs. Vor mir, in der Tempo-30-Zone, fahren zwei Jungen (8) mit ihren Tretrollern auf der Fahrbahn: Sie gehören auf den Bürgersteig, schon klar. Tun sie aber nicht, auch klar. Ich kann sie von der Straße scheuchen, ein kurzes Antuten reicht, wieder klar. Tu ich aber nicht.

Ich lass sie in Ruhe vor mir herfahren, halte so viel Abstand, dass sie merken, dass ich sie lasse. Es dauert ja auch nicht lange, nach einer halben Minute sind sie in einer Einfahrt verschwunden.

Ich habe ihnen Raum gegeben. Muss ich nicht machen, kann ich machen. Großer Bogen: Merke ich, wenn mir das Leben Raum gibt? Muss es ja nicht machen, kann es aber machen. Die Jungen haben mein Raum-Geben gemerkt. Ich war schon ungewöhnlich, ein Autofahrer macht so etwas nicht, er bringt Rollerkinder auf Vordermann, auf den Bürgersteig. Merke ich, wann mir das Leben Raum gibt?

Aber was heißt schon das Leben! Es sind die Umstände, der Tag, das Wetter, die Leute rechts und links, die Nahen und die Fernen. Ich sehe auf meiner Radtour 15 Pferde auf einer Koppel. Sie haben Platz. Raum. Hat der Bauer ihnen Raum gegeben? Ich komme am Reiterhof vorbei, die Pferde dort stehen einzeln in ihre Boxen. Kleiner Raum. Auch Raum gegeben? Merken Pferde so etwas? Klar, eine große Koppel ist etwas anders als eine kleine Box.

Auf welcher Koppel bin ich unterwegs? In welcher Box stehe ich? Ein Pferd muss nehmen, was kommt. Ich aber kann dran drehen! Die Jungen müssen auch nehmen was kommt: Der übliche Autofahrer, was Bürgersteig heißt. Oder ein Alien-Autofahrer, was Straße heißt. Ist mein Leben ein üblicher Raumgeber oder ein Alien-Raumgeber? Na ja, das Leben findet statt, macht sein Ding, egal, wer ich bin und was ich davon halte. Ich bin aber derjenige, der die Raumgröße definiert. Wobei man sich alles superschönreden kann: Raum ist in der kleinsten Hütte... Ist die Kabine in der ISS groß oder klein? Die Weiten des Weltalls... Im Frühtau zu Berge: Wanderweite Wälder und Höhen... Gelassenheiten und Aufgeregtheiten ... Die Raumgeschichte ist ein weites Feld. Bei jedem neuen Geburtstag kann ich den Raum sehen, den ich hatte, ein Jahr lang. Und jeden Abend, Tag für Tag, kann ich sehen: wie viel Raum!

Wenn die Kinder beim Anziehen nicht in die Gänge kommen: Ich kann zuwarten - ich kann Tempo machen. Wie viel Raumgeben hat in mir Platz? Kommt drauf an - auf alles, den Tag, die Umstände, die Stimmung, die Pläne, was weiß ich. Eins aber ist klar: Raumgeben ist erhebend, ist eine freudvolle Angelegenheit. Wie ich die beiden Kinder vor mir auf ihren Rollern sehe: es tut einfach gut, sie nicht zu stören. Ich bin gern ein Raumgeber, wenn ich denn ein Raumgeber grad sein kann.





Montag, 15. Juni 2020

Pädagogisches Tabu







Ich will mal wieder etwas Grundsätzliches schreiben, etwas aus dem Großen Nachdenken. Aber eigentlich ist ja alles gesagt...hier kommt das Pädagogische Tabu.*

*

Wie kommt es, dass wir uns die Frage nach der Selbstverantwortung des Kindes nicht stellen? Die einfachste Antwort darauf ist, dass es eben eine völlig sinnlose Frage ist. Denn da Kinder nicht Verantwortung für sich übernehmen können, braucht man auch nicht danach zu fragen. Ja, eine Frage danach wäre ein unsinniger Gedanke, so, wie wenn man etwas sieht, das gar nicht existiert.

Diese Antwort wird uns von dem traditionellen Umgang mit Kindern gegeben und von der zugehörigen Wissenschaft, der Pädagogik. Es ist so, dass sich diese Lehre vom Umgang mit Kindern auf Sätzen wie diesen aufbaut: "Kinder können nicht wissen, was für sie gut ist." "Kinder können keine Verantwortung für sich übernehmen." "Erwachsene tragen für Kinder die Verantwortung." Man schiebt dann ein "noch" ein: Die Kinder können es noch nicht. Erst, wenn sie gelernt haben, selbstverantwortlich zu sein, erst wenn sie reif genug und erwachsen sind, werden sie selbstverantwortliche Menschen sein können.

Die traditionelle Haltung ist von einem Tabu geprägt: "Erkenne nicht die Fähigkeit des jungen Menschen, Verantwortung für sich übernehmen zu können." Es ist wie mit einem Bann belegt, dies zu bemerken und darüber nachzudenken. Wie entstand das pädagogische Tabu? Wie konnte es geschehen, dass den Erwachsenen die Selbstverantwortungsfähigkeit des jungen Menschen in Vergessenheit geriet?

Nun, der Umgang mit Kindern ist tief in einer Haltung verwurzelt, in der Menschen sich berechtigt fühlen, über andere Menschen Herrschaft auszuüben. Die Position, die Kindern die eigene Verantwortung abspricht und stattdessen Erwachsenen die Verantwortung zuspricht kommt aus dieser Herrschaftstradition, aus dem jahrtausendealten Patriarchat.

Wenn man andere unterwerfen will, dann ist es die sicherste Methode, wenn diese selbst daran glauben, dass es für sie richtig ist, beherrscht zu werden. Und genau so wird mit uns verfahren. Als Kinder bekommen wir unser ganzes Kinderleben lang gezeigt, dass es unumgänglich ist, wenn andere - Erwachsene - uns führen, über uns bestimmen, sich für uns verantwortlich fühlen, uns die Verantwortung abnehmen. "Zu unserem eigenen Besten."

Das pädagogische Tabu wird von den Erwachsenen nicht gespürt, die ein erzieherisches Selbstverständnis und einen pädagogischen Anspruch haben. Sie sind erfüllt von dem "Ich weiß, was für Kinder gut ist", sie fühlen sich für die Kinder verantwortlich und bestimmen über sie "zu ihrem Besten". Sie verstehen deswegen zunächst nicht, wovon die Rede ist, wenn man die Selbstverantwortung des Kindes ins Gespräch bringt.

Es gibt dann entrüstete Proteste. Wie stets, wenn man an ein Tabu rührt. "Sie wollen damit doch nur provozieren, auf Kosten der Kinder." Diese Erwachsenen haben ihr Zusammenleben mit Kindern an diesem Tabu ausgerichtet, und sie fühlen sich tatsächlich verantwortlich für Kinder. Lassen sie sich dennoch gewinnen? Gewinnen womit? Enttabuisierung ist ein schmerzlicher Prozess. Man muss ja etwas aufgeben, was bisher unverrückbar zum Selbstverständnis und Weltbild gehört. Es stürzt etwas ein - wie wird das Neue sein? Es muss eine sinnvolle und befriedigende Alternative geben.



* "Eigentlich ist ja alles gesagt": Der Text über das Pädagogische Tabu war am 29.11.16 im Blog. Geschrieben habe ich ihn für mein Buch "Kinder der Morgenröte", das 2004 erschien. (Seite 26 ff.)

Montag, 8. Juni 2020

Uhuoka







Ich habe Tagebücher aus der Zeit durchgeblättert, als unserer Kinder klein waren. Da steht einmal über unseren Dreijährigen: "Er spielt sehr fantasievoll - er stellt sich Dinge vor, mit denen er spielt, z.B. pflückt er eine imaginäre Möhre und füttert damit einen imaginären Hasen." Tja, fantasievoll, imaginär... Ich habe damals Fantasiegteschichten für die Kinder geschrieben. Hier ist eine, "Uhuoka":

*

Der rosa Wasserfall hielt die Luft an. Wieso kamen die grünen Steine erst jetzt? Es war verabredet, dass sie viertel nach Sonnenbeuge eintreffen sollten. Er wusste, dass es gleich schrecklichen Ärger geben würde. Die drei grünen Halme, die auf die grünen Steine warteten, stiegen steil hoch, legten sich über das Rollbund und sandten grelle Blitze aus. Der rosa Wasserfall merkte, dass er wärmer wurde, dass an einigen Stellen bereits sein Wasser verdampfte. Er sandte Hilferufe zum großen Rosasee, oberhalb der Baumgrume.

Der See nickte. Natürlich, die grünen Steine. Sie hatten sich wieder bei Uhuoka aufgehalten, dem Lehmmolch. Es war schon öfter vorgekommen, dass sie dort so lange gewürfelt hatten, bis das gesamte Wasser des Wasserfalls durch den Zorn der grünen Grashalme zu den Wolken verdampft war. Mit der Folge, dass die Erdfurche, für die sie alle gemeinsam sorgen mussten, abrutschte. Aber diesmal sollte es nicht soweit kommen, er würde schon dafür sorgen. Seufzend sandte der Rosasee seine Wasserkäfer los. Sie zogen riesige Wassermassen zum Wasserfall, und das Verdampfen wurde weniger und hörte ganz auf.

Die drei grünen Halme machten eine Pause, und sie riefen die grünen Steine. Endlich kamen sie, voller Lehm, mit dem nächsten großen Wasserstoß. Vierzehn Wasserkäfer schoben sie vor sich her. Der rosa Wasserfall entspannte sich. Es ging gerade noch. Die drei Halme saugten die Steine auf, das Grün der Ebene wurde greller und greller. Plötzlich - aber der Wasserfall war darauf vorbereitet, da er davon wusste - kippte die Farbe in dunkles Lila um, und mit gewaltigem Donnern begann sich die Ebene zu drehen.

Der Spalt, der durch die Drehung der Ebene frei wurde, quoll über von fettigen langen weißen Geschöpfen, die Lieder sangen. Lieder, die wunderschön klangen und die er, der rosa Wasserfall, nicht genug hören konnte. Wenn diese Líederwesen nur nicht so fettig gewesen wären. Die Ebene kam mit einem letzten Donnern zum Stillstand, und aus dem jetzt breiten Spalt glitt Uhuoka, der Lehmmolch. "Wer kennt mich nícht?" schrie er in die lila Ebene. Er rief es dreimal, und dann verschwand er wieder im Spalt. Die Liederwesen krochen hinter ihm her, die Ebene drehte sich zurück, der Himmel wurde lila, dann grün. Der Wasserfall berührte die grünen Steine, und sie ließen sich mit dem rosa Wasser fortspülen.

Aber heute hatte Uhuoka noch eine besondere Aufgabe zu erledigen. Er klopfte bei den drei grünen Halmen an. Sie ließen ihn eintreten, und Uhuoka übergab dem rosa Wasserfall eine silberne Muschel. Die Muschel schillerte. Sie öffnete sich und die drei grünen Halme legten sich in ihre Mitte. Uhuoka setzte sich auf die Muschel, und mit der rosa Gischt des Wasserfalls herumgewirbelt stürzten sie die wilde Schlucht hinab. Während sie stürzten, rief die Erdfurche ihre Namen. Ihr Flug wurde langsamer, und sie glitten über die Wellen des Rosasees. Uhuoka klatschte begeistert und die silberne Muschel nickte.




Montag, 1. Juni 2020

Vom Umsiedeln in den Großraum Positiv







Zu Pfingsten will ich etwas Besonderes in den Blog stellen, habe aber keine Zeit zum Schreiben. Also suche ich einem schönen früheren Text, pfingstgerecht soll er sein. Ich finde diesen hier*:

Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es lässt sich rasch überlegen, dass es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, dass es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluss zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Wir gehören uns selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Es gibt die Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es gibt die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, dass das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie lässt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es passt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Misstrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich lass mir das nicht schlechtreden - ich lass mich nicht mehr schlechtreden“. Man muss ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flussfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewissheit, dass alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Dass alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Grundidee: diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.


*  Post vom 25.2.17





Montag, 25. Mai 2020

Unbesorgt

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Bin ich besorgt? Bin ich unbesorgt? Corona lässt diese Frage an mich ranschwappen. Man kann mit dem Virus besorgt oder unbesorgt umgehen. Besorgt ist klar, das war die ganze Zeit so. Unbesorgt ist neu, jedenfalls dass so viele neuerdings Corona abtun und runterspielen. Bergamo gabs nicht? New York auch nicht? Brasilien? Wenn ich beim Einkaufen bin, sehe ich die Leute schon besorgt. Sie sind nicht ängstlich, sie sind umsichtig.

Aber zu "Unbesorgt": Ich habe mir den Zuruf "Sei unbesorgt!" mal vorgenommen und spüre ihm nach. Ein schöner Spruch! Ich denke ihn groß: "Sei unbesorgt!", sagt das Leben zu mir. Ein richtiger Wohlfühlspruch. Schönreden wird alltagstauglich. Es ist so ein Glanz dabei, eine Freude.

Wo das "Sei unbesorgt!" aber auch alles passt! Wenn ich mit dem Rad losfahre: es wird keine Panne geben. Ich lass das dann mal, dieses "Es könnte aber doch passieren". Ja, könnte. Ja, passieren. Ich habe Flickzeug dabei, es beruhigt. Ich bin unbesorgt unterwegs und habe auch mein Flickzeug dabei. Beides geht. Unbesorgt mit Mundschutz.

Passieren kann jede Menge. Großkrank, Unfall, Garnichtgut, Schlamassel bei den Lieben, was weiß ich. Das lässt sich ja nicht ausblenden. Ich habe mal wieder, wie immer, die Wahl, durch welche Lebenstür ich gehen will: durch die Besorgt-Tür oder durch die Unbesorgt-Tür. Wer sagt, was ich tun soll, wer drängelt? Ich bin mein eigener Chef, und ich gehe zum "Sei unbesorgt!" Das mache ich nicht so, dass ich realitätsfremd werde, das mache ich mit Augenzwinkern. Ich weiß schon, was da alles lauert, aber das darf es auch. "Ist schon gut."

Ich hätte gern dieses und jenes. Was nicht passiert. Lottogewinn... Ja, da könnte ich drüber grummeln und betrübt sein. Aber so ein fröhliches "Sei unbesorgt!" ist doch einfach besser.

Corona: Ich bin da unbesorgt. Aber ich bin handfest unbesorgt, mit Mundschutz und Abstand und Händewaschen. Die Unbesorgtheit von so einigen der Coronaszene finde ich einfach nur leichtsinnig. Unbesorgt ist etwas Achtsames und Mächtiges. Kann aber umkippen in "Mir doch egal", Leichtsinn eben, oder Borniertheit. Nicht mein Ding. Ich passe schon auf, wo ich mir "Sei unbesorgt!" zurufe. "Sei unbesorgt", sage ich zum Unbesorgt, "ich mache das schon richtig." "Wirst Du", sagt Unbesorgt zu mir.














Montag, 18. Mai 2020

Die Leiter im Kirschbaum






Mitten aus meinem Vortrag:


Ich zeige Ihnen einen kleinen Film. So, Licht aus, Film ab. Sie sehen eine Leiter im Kirschbaum, 20 Sprossen. 10 Dreijährige kommen zur Leiter, mit ihren Müttern. Die Kinder fangen an, die Leiter hochzuklettern. Die Mütter reagieren unterschiedlich. Die eine holt ihr Kind bei Sprosse 3 von der Leiter, die andere bei Sprosse 5, die dritte lässt es bis nach oben klettern und die vierte nimmt die Leiter weg. Also unterschiedliche Reaktionen.

Nächste Szene: Derselbe Kirschbaum, dieselbe Leiter. Aber 10 andere Dreijährige, andere Mütter. Aber dieselben Reaktionen wie vorhin: die Mütter holen ihre Kinder von der Leiter bei Sprosse 3 oder 5, oder nicht, eine schleppt die Leiter weg.

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Die Müttergruppen sind unterschiedlich: die einen fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich, haben also ein Verantwortungsgefühl – die andern nicht. Frage an Sie: Welche Müttergruppe hat ein Verantwortungsgefühl, die erste oder die zweite? Das können Sie nicht erkennen, denn die Handlungen sind dieselben. Sie können es erst erkennen, wenn Sie diese besondere Brille aufsetzen, die ich Ihnen jetzt gebe. Und ich Ihnen die beiden Filme noch einmal zeige.

Brille auf, Film ab. Sehen Sie jetzt bei der ersten Müttergruppe einmal zu den Herzen der Mütter. Sie erkennen mit Hilfe der Brille, dass Strahlen aus den Herzen herauskommen. Viele. Rote, blaue, grüne, gelbe, alle möglichen. Das sind Gefühle, die mit Hilfe Ihrer psychologischen Erkenntnisbrille sichtbar werden. Um besser sehen zu können, halten wir den Film jetzt an und machen ein Standbild. Schauen Sie zu den roten Strahlen. Rote Strahlen sind Ausdruck der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Vergleichen sie die Mütter. Die Mütter lieben ihre Kinder unterschiedlich stark. Wir können nachmessen. Die eine Mutter liebt ihr Kind 45 Zentimeter, die andere 3 Meter achtzig, die dritte 15 Meter und so weiter.

Jetzt schauen sie nach den grüngelben Strahlen. Im Handbuch für Gefühle können Sie nachlesen: Grüngelb seht für das Verantwortungsgefühl. Sie erkennen, dass die Mütter sich unterschiedlich stark für ihre Kinder verantwortlich fühlen. Die eine Mutter 1 Meter zwanzig, die andere 6 Meter siebzehn, die dritte 18 Meter und so weiter. Sie haben aber alle bei aller Unterschiedlichkeit grüngelbe Strahlen, sie fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich. Wir wissen also: Die erste Müttergruppe ist die Gruppe mit dem Verantwortungsgefühl für Kinder. „Ich fühle mich für Dich verantwortlich.“

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Film weiter, zweite Müttergruppe. Anhalten, wieder ein Standbild. Schauen Sie sich bitte die zweite Müttergruppe an. Sie sehen wie bei der ersten Gruppe viele bunte Gefühlsstrahlen aus den Herzen kommen. Alle Mütter haben wie eben rote Strahlen, sie lieben ihre Kinder, unterschiedlich intensiv wie eben. Halten Sie nun nach den grüngelben Strahlen Ausschau. Sie finden nichts? Nehmen sie die Lupe! Wir vergrößern. Wieder nichts? Ja, sie können auch nichts finden, denn diese Mütter haben ein anders gebautes Herz als die Mütter eben. Sie haben kein Grüngelb! Alle Mütter der zweiten Gruppe tragen kein! Verantwortungsgefühl in sich. Sie fühlen sich nicht für ihre Kinder verantwortlich. Die Mütter unterscheiden sich nicht im Handeln – aber in der Gefühlswelt. „Ich fühle mich nicht für Dich verantwortlich“.Warum? Weil diese Mütter wissen: Ein jeder Mensch, und sei er noch so klein, ist für sich selbst verantwortlich, und ein "Ich bin für Dich verantwortlich" ist für sie eine Anmaßung, die sie nicht in sich tragen.

Bei der zweiten Müttergruppe können Sie aber Gefühlsstrahlen erkennen, die bei der ersten Müttergruppe nicht zu finden sind. Sehen Sie das Orangeviolett? Alle Mütter haben diesen orangevioletten Gefühlsstrahl. Unterschiedlich intensiv, die eine 2 Meter zehn, die zweite 5 Meter dreißig, die dritte 19 Meter achtzig und so weiter. Was ist das für ein Gefühl? Im Handbuch für Gefühle finden Sie die Antwort: „Würdekronen-Achtungsgefühl“. Darunter steht eine längere Erklärung, es wird auf meinen Vortrag verwiesen, auf die Gleichwertigkeit und die Selbstverantwortung der Kinder. Und auf den Indianer und den Büffel. Da steht: „Orangeviolett ist ein spezielles Gleichwertigkeitsgefühl, das an die Stelle des Verantwortungsgefühls tritt“.

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Die Gleichwertigkeit, von der ich spreche, ist also ein psychologisch Ding. Als Erwachsener fühle ich die Gleichwertigkeit zu Kindern. Menschen können dieses Gefühl in sich haben oder nicht. Ich habe es in mir. Mit Ihrer Brille können Sie erkennen, wie es orangeviolett aus meinem Herzen kommt. Aber Sie werden grüngelb, das Verantwortungsgefühl, nicht finden.

Gibt es so etwas, dass Menschen unterschiedliche Gefühle haben? Das ist banal. Der eine hasst, der andere liebt. Und Gefühle können sich ändern, aus Hass kann Liebe werden. Das Verantwortungsgefühl kann weniger werden und gänzlich gehen, und gleichzeitig kann das Gleichwertigkeitsgefühl wachsen und wachsen und das Verantwortungsgefühl ablösen. Oder das Gleichwertigkeitsgefühl ist da und war verdeckt und kommt nun heraus. Oder hat heimlich gestrahlt. Wie auch immer.

Das Gleichwertigkeitsgefühl macht mich nicht hilflos und handlungsunfähig. Das Kind kann nicht in die Steckdose fassen, die Kuh ist tot und der Büffel auch. Aber bei meinem Handeln schwingt nicht ein Oben-Unten mit. Sondern? Das jedenfalls nicht! Es schwingt ein anderes Gefühl mit, das gleichwertig daherkommt. Ich nenne es das Gleichwertigkeitsgefühl oder das Würdekronen-Achtungsgefühl. Es kommt aus einem Gefühlsland, das jenseits jeglicher Erziehung, Mission, Vormundschaftlichkeit und so weiter existiert.