Montag, 11. Juli 2022

Sommerferien



 Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit! 

Montag, 4. Juli 2022

Wenn Du lügst...

 

                        
"Wie oft lügst Du am Tag?" Mich hat die Frage überrascht. Nicht wegen des Fragers, sondern wegen der Frage. Man lügt doch überhaupt nicht oft. Und schon gar nicht mehrmals am Tag - was so eine Frage ja impliziert. Jedenfalls dachte ich das. Dass nur selten gelogen wird. Aber der Frager hat ja wohl was anderes vor Augen.

"Überhaupt nicht", sage ich. "Vielleicht einmal in 10 Jahren". Oder auch öfter? Ich denke nach, finde aber nichts. Na ja, vielleicht blende ich da ja auch was aus. Egal. Aber ich nehme die Frage auf und sinn drüber nach. Wie ist das mit der Lügerei?

Wer das tut, tun will, tun muss - sein Ding. Sogar sein gutes Recht. Gehört jemand die Wahrheit? Wir gehören uns selbst, und damit ist es auch unser Ding, wie wir mit der Wahrheit umgehen wollen. Und da gibt es eben Kleinlüger, Großlüger, Seltenlüger, Viellüger, Lügenbolde. Da ist nichts zu verurteilen. Sowas findet statt. Es will natürlich damit umgegangen sein.

Wie geht der Lügende damit um? Schlechtes Gewissen? Gutes Gewissen? Aus der Not heraus. Aus der Bestimmerei heraus. Wegen des Vorteils. Wegen der Beschämung. Wegen der Angst. Wegen der Verachtung. Wegen des Schmerzes. Wegen der Sehnsucht. Wegen der Liebe. Wegen viel. Die Wegens können edel, weniger edel oder gar nicht edel sein.

Ich mag hier im Nachdenken das Wort Lügner nicht, es ist so ungut besetzt, und ich bin nicht im Unguten, wenn ich über jemanden nachdenke, der lügt. Deswegen sage ich "Lügender". Ich schwinge nicht ins Verurteilen, ich schwinge ins Verständnishaben. Nicht, weil ich viel lüge, tu ich nicht. Sondern weil ich das für angemessen halte. Wer lügt, zettelt etwas Gutes an - klar, für sich. Die Lüge ist ein Geschöpf des Guten, der Liebe. Die man sich selbst gibt. Die einem zusteht.

Dass dies Leid und Ungutes bewirken kann, eher: wird, bleibt mir ja dabei nicht verborgen. Ich vergesse aber nicht die Quelle der Lüge. So wie mir auch das Leid der Kuh nicht verborgen bleibt, die ich töte, um zu essen. Ich töte wegen meines Vorteils, ich lüge wegen meines Vorteils. Durchs Leben gehen und meine Vorteile realisieren, finde ich richtig, und anders geht es nicht. Geht es doch? Ohne Töten kein Leben. Ohne Lügen kein - ja was? Ohne Lügen kein Leben. Lässt sich das vergleichen, übertragen?

Mit Lügen kein Leid - auf meiner Seite. Wohl Leid auf Deiner Seite. Ist das einfach nur dem Egoismus das Wort geredet? Egoismus passt beim Töten der Kuh nicht, da gilt so etwas wie unabdingbar, nötig, wenn ich nicht esse, sterbe ich. Beim Lügen gilt anderes? Seh ich nicht so. Wenn die Lüge nicht unabdingbar, nötig wäre, würde sie ja nicht kommen. Dann wird die Wahrheit gesagt. So einfach ist das!

Und wie geht es mir, wenn ich herausfinde, dass ich angelogen wurde? Ganz klar: Ich gehe nicht durch das Verurteilungs-Tor und tummele mich nicht auf dem dunklen Feld dahinter mit all den zugehörigen Seltsamkeiten: Schuldzuweisung, Empörung, Beleidigtsein, Runterputzen, Enttäuschung, Ärger, Groll, Wut, Hass, ach was weiß ich. Tore, die ins Dunkle führen, mag ich sowieso nicht, und sie liegen mir nicht.

Also: was ist, wenn ich angelogen wurde? Da bleib ich cool. Erst mal "nehm ich zur Kenntnis" (wie das so schön neutral heißt), dass es anders ist als bis grad noch gedacht. Ich korrigiere meine Wirklichkeit, sortier das um. Mir ist sofort klar, dass die Lügerei nicht grundlos stattgefunden hat, dazu fließt ein Nachsehen (seh Dir das nach). Und eine Freundlichkeit, weil ich denke, dass es dem Lügenden nicht gut geht. Wenn es ihm bei seiner Lügerei gut geht: auch gut. Mich regt das alles jedenfalls nicht auf. Ich frag mich zügig, wie es weitergeht. Mit der neuen Information, die jetzt als neue Wahrheit neben die alte Wahrheit tritt, die ja eine Nicht-Wahrheit sein soll, Lüge eben.

Will ich weiter mit dem Menschen zu tun haben, der mich angelogen hat? Das will gut bedacht sein. Ich mache ja keinen Vorwurf, nur die Verlässlichkeit ist angekratzt oder weg. Mein Vertrauen, von Dir die Wahrheit zu bekommen, ist beschädigt. Es kommt ganz drauf an, wie meine Beziehung zu Dir überhaupt ist. Wie viel mich Deine Unwahrheit nervt, Du mich nervst. Vielleicht instrumentalisiere ich Deine Lüge (nicht bewusst, aber passiert): sie kommt mir recht, weil ich meine Beziehung zu Dir eh runterfahren will. Da ist dann kein Ärger, sondern Abwendung, keine Lust auf sowas, keine Lust auf Lügenmärchen.

Ja, oder es macht mir eben nichts aus, ich seh Deine Not oder Unverfrohrenheit, Deine Sorge, dass ich Dirs übelnehme und weggehe. Wenn ich Dich genug mag, lass ich mich von Deinen Lügenmärchen nicht wegspülen. So bist Du halt. Jetzt grad mal. Oder auch öfter. Es ist schon mein Job, auf Deine Lüge zu reagieren, den mach ich dann auch. Ich freu mich über Dich, auch über Deine Lügenmärchen: so kanns schon kommen. Wenn es nicht überhand nimmt und die Frage hervorbringt: "Wie oft am Tag...

Montag, 27. Juni 2022

Amication leben, Rita


 

Ich lebe bewusster als je zuvor im Jetzt und Heute und der Umgang mit anderen Menschen fällt mir leichter. Ich kann klarer „meine Sachen“ sehen und sagen. Ich weiß, was ich möchte und kann es sagen ohne schlechtes Gefühl (Gewissen). Wenn andere dann Schwierigkeiten mit mir haben, kann ich es schon ertragen und sie trotzdem akzeptieren. 

Ich sehe jetzt deutlicher als früher, dass ein „Misserfolg“ ganz alleine von mir beurteilt werden kann und es alleine an mir liegt, alles zu revidieren. Dies nimmt mir die Angst vor neuen Situationen, vor dem Umgang mit neuen, fremden Menschen (hoffentlich sage ich nichts falsch). Es nimmt mir auch die Angst vor meiner eigenen Spontaneität. Ich mag es, wenn sich jemand mit meinen Problemen anzufreunden versucht, auseinandersetzt und eventuell eine Idee hat, die mir eine Entscheidung erleichtern könnte. Entscheidend bin jedoch immer ich selbst. Das ist mir im Laufe der letzten Zeit bewusst geworden.

Miriam, meine älteste Tochter, ist 4 Jahre alt. Miriam ist der Meinung, dass ich ihren Vorstellungen entsprechend ihre Sachen regeln kann. Früher war ich oft sauer und gekränkt, wenn ich alles tat, was ich konnte, und sie schimpfte und tobte. Heute versuche ich ihr zu helfen, solange ich mag und kann. Ich rede nicht mehr auf sie ein und versuche nicht mehr, ihr die Unmöglichkeit der Durchführung ihrer Vorhaben zu erläutern. Miriam ist, wie sie ist, und ich will sie nicht mehr ändern.

Denke ich an den täglichen Umgang mit meinen beiden Kindern, ist mir klar, meine pädagogischen Vorkenntnisse (Erzieherin und Lehrerin) waren eher hinderlich als förderlich im aktiven, spontanen Zusammensein. Da kamen Vergleiche wie „Mutter = Autorität", „Mutter = Vorbild“, „Mutter = immer für die Kinder da“, und ich verschwendete noch viel Zeit mit dem „Was wird wenn?“ Heute kommen mir nur in extremen Situationen solche Gedanken; ich kann meist über sie lächeln und sie vergessen.

 

Montag, 20. Juni 2022

Amication leben, Jutta

 

 

Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputt zu gehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüngster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.

Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.

Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entscheiden kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden.

So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine „noch bessere, liebevollere Erziehung“, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durchsetze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...

Ich begriff, dass es auch mit mir als „erzogenes Kind“ zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.

Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe.

Ich kann „Ja“ sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



 

Montag, 13. Juni 2022

Jenseits der Erziehung

 


 Fortsetzung vom vorigen Post


Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?

Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht (psychisch) gelten. Vorsicht: Wenn ich die Sicht des anderen gelten lasse – und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht (psychisch) gelten – so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig nebeneinander bestehen. 

Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im (psychischen) Nachdenken und im (handlungsmäßigen) Tun. Aber ich stelle mich dabei (psychisch) nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" (psychisch) verbindlich zu machen. Ich fasse das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht." 

Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, auf der psychischen Ebene des Erkennens und Bewertens, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. 

Achtung aber: auf der Handlungsebene des konkreten Tuns lasse ich oft nicht gelten, dass geschieht, was der andere will. Kein Kind fasst mir in die Steckdose. Nur – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – mache ich dem anderen nicht noch obendrein seine für ihn gültige Sicht schlecht, Motto „Sieh das ein, ich habe recht“. Auf der psychischen Ebene lasse ich hingegen uneingeschränkt die Sicht das anderen gelten. 

Ich wiederhole: Wer aber daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen (psychisch) verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.  

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame amicative Dorf...

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch einsehen .. insbesondere, wenn es ein Kind ist.

Montag, 6. Juni 2022

"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?"

 


"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?" Eine einfache und klare Frage. Wie ist es mit einer einfachen und klaren Antwort? Bei einer solchen Frage sehe ich mich sofort gefordert, die ganze erziehungsfreie Philosophie in einen Satz zu packen. Und weiß zugleich, dass ich das nicht kann. Das Verlassen, Überwinden der Erziehungssicht ist halt eine komplizierte Angelegenheit, und so ein Unternehmen in einem Satz zu fassen - geht eben nicht.

Also sage ich etwas, das sofort die nächste Frage zur Folge hat. Und dann beginnt ein Gespräch, das länger oder kürzer dauert und das die amicative Weltsicht vor Augen führt. Zum Beispiel sage ich: "Mich stört das Missionarische". Kurz und knapp. Aber klar? "Was meinen Sie damit?" Und schon geht es los. Vielleicht geht es nach Afrika zu Albert Schweitzer. Oder zum Klassenzimmer um die Ecke. Oder zum Selbstverständlichen "Sieh das ein", "Weil ich recht habe". Oder zum Fundamentalen "Weil ich Deine Mutter bin. Weil ich Dein Vater bin".

Ich mache schnell klar, was ich alles nicht meine, wenn ich gegen die Erziehung bin. Sonst wird das nichts, so ein Gespräch. "Ich kümmere mich um mein Kind. Ich bin da. Ich helfe, tröste, erkläre, spiele. Ich bin Orientierung. Überlasse mein Kind nicht sich selbst. Ich bin nicht antiautoritär." Ich mache deutlich, dass ich alles das mache, was ein normaler Vater auch macht, dass ich den Alltag mit den Kindern realistisch sehe und nicht irgendwie ideologisch verbräme. "Aber dann erziehen Sie doch." Schon wieder so eine klare Ansage.

"Es sieht so aus – aber es ist ganz anders." Mehr Verwirrung geht nicht. Was soll das heißen? Erziehen - und doch nicht erziehen, oder was? Jetzt wird es mühsam. Jetzt kommt die Sache mit den zwei Dimensionen. Dass wir – erstens – in der physikalischen Welt, der Welt des Anfassens und Handelns, der Welt der Dinge unterwegs sind. Und dass wir – zweitens – in der psychologischen Welt, der Welt des Unsichtbaren, des Bewertens und der Gefühle unterwegs sind, auch unterwegs sind. In beiden Welten gleichzeitig. Dass wir bei allem, was wir tun, immer auch etwas fühlen. 

Die Welt der Gefühle, Interpretationen, Einstellungen lebt in uns. Und dort, im Unsichtbaren, aber sehr wohl Vorhandenem, im real existierenden Unsichtbaren, da sind die Menschen entweder per Erziehung unterwegs oder eben nicht. Das unsichtbare Element der Erziehung muss man nicht in sich tragen. Ich jedenfalls habe es nicht in mir. Und ich rede davon, dass niemand das in sich haben muss. Und dass ich es für ungut und gefährlich halte. 

Und dass ich mich aufgerufen fühle, dieses erzieherische Element, dieses psychische gefährliche Elementarteilchen, in der Welt zu verringern. So wie Ärzte die Pockenviren bekämpfen, auf dass sie in keinem Menschen mehr leben und ihre destruktive Wirkung entfalten. Pocken ausrotten: ein großes Ziel, Mission accomplished (1980). Erziehung ausrotten: ein großes Ziel, Mission impossible (2022 ...). Aber: Ich arbeite dran.

Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?


Fortsetzung im nächsten Post!




Montag, 30. Mai 2022

Die Antwort der Kinder



Auf dem internationalen Kongress "Montessori Werkstatt 2023" im April 23 in Emmersdorf in Österreich werde ich ein ganztägiges Seminar durchführen, eins von 50 Seminaren. 1000 TeilnehmerInnen werden erwartet. Das Motto der Werksatt im nächsten Jahr ist "VerANTWORTung Miteinander". Entsprechend habe ich einen Titel überlegt ("Die Antwort der Kinder") und dazu den Text für das Programmheft - in vorgegebener Länge - fertig gemacht. Ich hoffe auf viele Anmeldungen! 

 

Die Antwort der Kinder

Unterstützen statt erziehen

Verantwortung wird übergriffig, wenn das Gegenüber – in bester Absicht – gouvernantenhaft behandelt und seiner Eigenständigkeit beraubt wird. „Ich bin für Dich verantwortlich – weil Du es noch nicht selbst bist.“ Das Statement der Kinder kommt prompt: „Du hast sie wohl nicht alle! Ich bin ein Mensch mit Würdekrone! Liebe mich und kümmer Dich um mich, aber sprich mir nie meine Souveränität und Selbstverantwortung ab!“

Ich zeige Ihnen, wie sich das Missionarische in der Erziehung erkennen und überwinden lässt. Statt „Erwachsene oben – Kinder unten“ finden wir den Weg, der auf Gleichwertigkeit bei aller Unterschiedlichkeit gründet. Mithin Authentizität statt pädagogisch-ambitionierter Attitüde.„Sieh das ein, ich habe recht“ ist vorbei. Dennoch bleibt ein Nein eine Nein. Es kommt zu einem Miteinander, das niemanden herabsetzt – was auch sich selbst gegenüber gilt: Selbstakzeptanz, ja Selbstliebe ist der erste Baustein!







 

Montag, 23. Mai 2022

Große Pädagogen

 

 

Ein Pädagogikprofessor sagte zu mir: „Aus meiner Kenntnis der Werke großer Pädagogen möchte ich sagen, dass sie manchmal unbewusst amicativ dachten. Und vielleicht war die Praxis von Janusz Korczak und Alexander Neill sogar amicativer als die von Ihnen!“

Meine Antwort ließ an Deutlichkeit nichs zu wünschen übrig. Ich holte weit aus und wurde grundsätzlich: 

Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Amicatives Denken setzt den radikalen Bruch mit dem pädagogischen Denken voraus. Für das amicative Denken gibt es eine andere anthropologische Basishypothese als für das pädagogische Denken. 

Im amicativen Denken gilt: Das Kind ist ein zu 100 Prozent selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, das Kind ist ein zu 100 Prozent vollwertiger Mensch von Anfang an. Beides wird im pädagogischen Denken anders gesehen. Im pädagogischen Denken gilt: Das Kind ist noch kein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, sondern wird dies erst im Laufe der Kindheit durch Erziehung. Dieser radikale Gegensatz ist nicht vermischbar, es gibt keine Grauzone. 

Es ist also zu überlegen, welche Basispositionen haben Korczak, Neill und andere große Pädagogen. Da sowohl Korczak als auch Neill als auch alle anderen großen Pädagogen an der Menschwerdung des Kindes – ein jeder auf seine spezielle Art – arbeiten, erkenne ich nicht irgendein amicatives Element in ihrem Denken. 

Es muss darauf geachtet werden, dass freundliches, achtungsvolles, respektvolles, liebevolles, usw. usw. Verhalten nicht ausreicht, um schon von amicativer Substanz zu sein. Selbstverständlich sind alle berühmten Pädagogen liebevoll, freundlich usw.. Amicativ wird es aber erst dann, wenn sie ihr Homo-educandus-Menschenbild nicht mehr in sich tragen. 

Anders ausgedrückt: Solange sich Korczak, Neill und andere noch verantwortlich für Kinder und ihre Entwicklung fühlen, sind sie auf sicherem pädagogischen Boden. Erst wenn sie sich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühlen – weil sie erkennen, dass die Kinder dies ja selbst sind –, betreten sie amicatives Land. Und erst dann, wenn sie so verantwortungs-los auf die Kinder zugehen, wird ihre konkrete Beziehung, ihre Praxis, amicativ genannt werden können. 

Ich sehe nicht, dass irgendein großer Pädagoge dies realisiert hat. Nicht Rousseau, Comenius, Kant, Pestalozzi, Fröbel, Petersen, Montessori, Korczak, Neill, Freinet, Makarenko noch sonst wer. Ich finde in ihren Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich von ihrer Verantwortung für Kinder losgesagt hätten. Ganz im Gegenteil. Gerade die großem Pädagogen sind ganz besonders voll von Verantwortung für Kinder, mehr als andere. 

Dieses pädagogische Denken tritt bei einem großen Pädagogen, Jean-Jaques Rousseau, einmal ungeschminkt, ja brutal zu Tage. Es ist dies die unthematisierte Untergrundströmung der großen Pädagogen: 

„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen...Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“* 

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die „Notwendigkeiten“ - das heißt allemal Erwachsenenvorstellungen - zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“, einfühlsam es dann mit Achtsamkeit und „Ich-Botschaften“ auf „Augenhöhe“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag: 

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor - aus seinem Selbstverständnis heraus - die innere Führung beansprucht und dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen und entziehen sie effektvoll der Thematisierung und Diskussion.

Was nicht sein muss! Auf zur Rehumanisierung der Pädagogik!




*Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.


 

Montag, 16. Mai 2022

Maria Montessori

 


Vor einiger Zeit wurde ich einem Interview gefragt, wie ich zu Maria Montessori stehe.


Frage

»Hilf mir, es selbst zu tun« - Herr Dr. von Schoenebeck, Sie haben als Lehrer in der Schule gearbeitet. War dieses Grundprinzip der Montessori-Pädagogik für Sie wichtig?

Antwort

Nur dann, wenn die Kinder mich so etwas konkret gefragt haben. Die Montessori-Pädagogik ist eine Pädagogik, und von daher für mich Fremdland. Denn die Grundposition jeglicher Erziehung und Pädagogik - die Homo-educandus-Hypothese und die daraus resultierende Verantwortung des Erwachsenen für das Kind - teile ich nicht. Für mich sind Kinder vollwertige Menschen von Anfang an, sie werden nicht erst vollwertige Menschen im Laufe der Kindheit. Sie sind von Geburt an für sich selbst verantwortlich, dies erkenne und achte ich, und deswegen bin ich auch nicht für sie verantwortlich. Wiewohl Maria Montessori als pädagogischer Mensch sich sehr wohl für Kinder verantwortlich fühlt.

Ich kann mir aus meiner amicativen Position alle Erkenntnisse, Konzepte und Vorschläge der pädagogischen Welt ansehen und entscheide dann, was ich davon in meine Kommunikation mit den Kindern übernehmen oder abgewandelt übernehmen will. »Hilf mir, es selbst zu tun« finde ich viel zu theatralisch, so etwas ist doch selbstverständlich. Warum macht Maria Montessori so eine Banalität zum Prinzip? Das ist mir unklar. Wenn die Kinder meine Hilfe zur Selbsthilfe wollen, dann bin ich für sie da.


Frage

Maria Montessori sagt, dass die Schule eine Lebensstätte ist und dass der Lehrer eine Mission, ein schweres Amt hat, der Diener des Kindes zu werden. Haben Sie Ihre Lehrerrolle auch so verstanden?

Antwort

Die Schule ist für die Kinder keine freiwillige Sache. Die Kinder werden nicht gefragt, ob sie überhaupt dorthin wollen; es besteht gesetzlicher Schulzwang. Wie kann etwas, das einem oktroyiert wird, eine »Lebensstätte« sein? Die Schule ist für die Kinder ein Teilzeitgefängnis, in dem die Erwachsenen sich herausnehmen, sie zum wahren Menschen zu formen. Eine Stätte, in der man sich wohlfühlt und gern aufhält, ist so etwas nicht. Pädagogische Menschen wie Maria Montessori thematisieren diesen Zusammenhang nicht, da sie von der Notwendigkeit der Erziehung für die Menschwerdung des Kindes überzeugt sind. Und von diesem Denken her kann man es den Kindern dann schön einrichten, eben eine »Lebensstätte« schaffen wollen. Die grundsätzliche Inhumanität und die kulturimperialistische Position, die hierin verborgen sind, lassen sich erst mit amicativem Denken erkennen.

Ich bin niemandes Diener, ich gehöre mir selbst. Von dieser meiner souveränen Position aus gehe ich zu anderen Menschen, auch zu Kindern. Dann werden wir sehen, was wir miteinander tun können. Wir begegnen uns authentisch: Hubertus als Person mit seinen Facetten, die Kinder als jeweilige Person mit ihren Facetten. »Dienen« ist da unpassend. Wenn ich Kindern helfe, sie anleite, etwas erkläre, dann tue ich das ohne die Attitüde des Dienens.

Außerdem: Ein Erwachsener ist niemals wirklich der Diener eines Kindes (es sei denn bei Königs). So etwas ist doch letztlich nur methodisch, ein Trick oder eine List, um die Kinder dahin zu bekommen, wohin man sie haben will. Und um es sich schönzureden, dass man doch so großherzig ist, ihnen zu dienen. Dieses »Diener des Kindes« ist ein Teil des Montessori-Konzepts, mit dem verschleiert wird, was in der Schule tatsächlich geschieht: die kulturelle Unterwerfung der nachwachsenden Generation unter die Standards der herrschenden Erwachsenen.


Frage  

Maria Montessori sagt: »Dem Leben helfen ist das erste fundamentale Prinzip.« Wie verstehen Sie als ehemaliger Lehrer diese Aussage?

Antwort

Jede Beziehung kann etwas mit Helfen zu tun haben, muss es aber nicht. Wenn ich mit Kindern zusammen bin - auch als Lehrer -, findet Kommunikation statt. Ob unsere Beziehung dann hilfreich sein wird für die Kinder und/oder für mich, wird sich zeigen. Ich setze mich in meiner Beziehung mit Kindern nicht unter den Druck, hilfreich sein zu sollen. Wenn Hilfreiches geschieht, ist dies ein Geschenk des Lebens, das sich zwischen uns ereignet, und darüber freue ich mich und bin dankbar. Aber ich instrumentalisiere diese Großartigkeit »Helfen« nicht zu einem Prinzip. 

Es hört sich gut an, Helfen zu einem Prinzip zu machen, aber ich sehe darin eine subtile Destruktivität. Denn Helfen als Prinzip missachtet das Prinzip der Realität, das Prinzip des »Es soll« wird an die Stelle des Prinzips des »Es ist« gesetzt. Ich bin real-existentiell präsent, Maria Montessori ist moralisch-missionarisch präsent. Was angemessener ist, lässt sich nicht objektiv entscheiden, ich sehe das so, Maria Montessori anders. Im übrigen, es tut mir leid, ist diese Aussage schon wieder für meine Ohren nicht akzeptabel. Ich würde mir nie einfallen lassen, einer solchen Wirkmacht wie dem Leben helfen zu wollen - ganz andersherum wird ein Schuh draus: ich freue mich, wenn das Leben mir hilft!


Frage

Herr Dr. von Schoenebeck, sie haben sich bisher kritisch zu Maria Montessori und ihrer Pädagogik geäußert. Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass es für Montessori-Pädagogen gewinnbringend sein könnte, sich mit der amicativen Theorie und Praxis zu beschäftigen?

Antwort

Es gibt seit über 40 Jahren eine amicative Praxis. Ich will sagen: die amicative Theorie hat längst die dazugehörige und auch real funktionierende Praxis. Jeder, auch ein Montessori-Pädagoge, kann diese Theorie und Praxis kennenlernen und ist eingeladen.

Amication ist ein Angebot, keine Besserwisserei. Amication ist in der Postmoderne verwurzelt, mithin nicht wertvoller als Pädagogik. Meine kritischen Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, aber mein Tenor ist nicht der einer Brüskierung. Auch wenn ich oft so empfunden werde. 

Wenn die amicative Position vorgetragen wird, kann man sie selbstverständlich abtun. Aber man kann Amication auch als einen Impuls nutzen, um die eigene Position zu überdenken und zu begründen. In Gesprächen mit pädagogisch eingestellten Menschen sehe ich mich immer wieder auch in harten aber achtungsvollen Auseinandersetzungen, und ich wüsste eigentlich nicht, warum auf meine Ausführungen nicht ebenso geantwortet werden könnte. Und Antworten ist der Beginn einer fruchtbaren Begegnung.

Von dem Gewinn, der in einer achtungsvollen Auseinandersetzung liegt, einmal abgesehen, enthält der amicative Ansatz aus meiner Sicht für jemanden, der nach den Prinzipien von Maria Montessori arbeitet, ein befreiendes Element: Er kann Maria Montessori und all denen, die in der Montessori-Pädagogik Autorität haben, fragend entgegentreten. Er kann hinterfragen und alles an der eigenen subjektiv wahren Ethik messen. Amication sagt jedem Montessori-Pädagogen, dass er selbst es ist, der darüber entscheidet, wie viel Montessori er in sein Denken und Handeln einfließen lassen will.

Ein Beispiel. Meiner Meinung nach wird jemand, der in einem Montessori-Kindergarten oder einer Montessori-Schule arbeitet, ein Authentizitätsproblem bekommen, wenn er diese Forderungen Maria Montessoris ernst nimmt: »Wir bestehen mit Nachdruck darauf, dass der Lehrer sich innerlich vorbereiten muss: er muss mit Beharrlichkeit und Methode sich selber studieren, damit es ihm gelingt, seine hartnäckigsten Mängel zu beseitigen, eben die, die seiner Beziehung zum Kinde hinderlich sind.« (Kinder sind anders, dtv 2001, S.153).

Das amicative »Ich liebe mich so wie ich bin« ist da von anderer Qualität, und mit den »Mängeln« des Charakters wird anders verfahren. Das pädagogische »Mängel beseitigen« wird als nicht weiterführend erkannt; denn »Mängel« sind Teile des Selbst, denen Achtung zukommt und mit denen konstruktiv umzugehen man lernen kann.

Wie auch immer: Amication bietet jedem, der erzieherisch tätig ist, auch Montessori-Pädagogen, einen unkomplizierten Weg zu sich selbst an. Im Mittelpunkt steht der Einzelne, der Handelnde, der Pädagoge - Sie -, nicht das Kind, nicht die Sache oder sonst was. Von dieser Ich-Position aus wird dann Ausschau gehalten nach der Welt und den Kindern, auch nach Maria Montessori und der aktuellen Montessori-Pädagogik. Und dann habe ich gelegentlich Lust, Maria zu fragen, was sie für Einfälle und Vorschläge für das Zusammensein mit Kindern hat.











 

 

 

Montag, 9. Mai 2022

Frédérick Leboyer


 

Vor vier Wochen schrieb ich über die Selbstverantwortung von Anfang an. Es ging um den ersten Atemzug: Jedes Baby kann dies in eigener Regie tun. Und muss nicht von uns dazu veranlasst werden. Das Wissen, dass die Babys das selbst können, hat vor 50 Jahren Frédérick Leboyer wieder in die Welt gebracht. Ich habe mir sein Buch von damals noch einmal vorgeholt und stelle die entsprechende Passage vor. Das Original ist einfach überzeugend...


Frédérick Leboyer, Geburt ohne Gewalt, 1974: 

Die Hauptgefahr für das Kind während der Geburt besteht in der Anoxie, das kann nicht genug betont werden. Anoxie bedeutet Mangel an Sauerstoff, und besonders das Nervengewebe reagiert darauf äußerst empfindlich. Wenn ein Kind vorübergehend zu wenig Sauerstoff erhält, so führt das zu irreparablen Schäden im Gehirn, die es möglicherweise sein Leben lang zum Krüppel machen. Mit anderen Worten: das Kind darf unter keinen Umständen, zu keinem Zeitpunkt der Geburt in einen Sauerstoffmangel geraten. Nicht einmal für kurze Zeit. So sagen die Experten, und sie haben recht. 

So sagt es auch die Natur.

Darum hat sie es so eingerichtet, daß das Kind in der gefährlichsten Phase unmittelbar nach der Geburt aus zwei Quellen Sauerstoff erhält: aus seinen Lungen und aus der Nabelschnur. Beide Systeme arbeiten gleichzeitig, allmählich löst eins das andere ab: das alte, die Nabelschnur, versorgt das Kind noch so lange ausreichend mit Sauerstoff, bis das neue, die Lungen, diese Funktion in ausreichendem Maße übemehmen können.

So bleibt das Kind, das eben erst den Mutterleib verlassen hat, noch einige Minuten lang durch die kräftig pulsierende Nabelschnur mit ihr verbunden. Vier, fünf Minuten, manchmal noch länger.

Der Sauerstoff, den es weiterhin über die Nabelschnur erhält, schützt es vor Anoxie, so dass es gefahrlos und ohne Schaden zu nehmen in aller Ruhe mit dem Atmen beginnen kann, langsam und ohne etwas zu überstürzen. Das Blut hat Zeit, nach und nach die alte Bahn zu verlassen (die zur Placenta führte) und zunehmend die Lungenstrombahn zu entfalten.

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Wie kommt es zu dem ersten Schrei? 

Wenn das Kind herauskommt, wird der Brustkorb, der bis dahin aufs Äußerste zusammengepreßt war, plötzlich durch nichts mehr eingeengt und öffnet sich. Es entsteht eine Leere, in die die Luft sogleich mit Wucht eindringt. Es ist ein passiver Vorgang. Das ist der erste Atemzug.
Das ist die Verbrennung.
Das Kind beantwortet diese Verletzung, indem es ausatmet.
Zornig jagt es die Luft wieder hinaus.
Das ist der Schrei.

Danach ist es oftmals eine Weile still. Erstarrt vor Schmerz macht das Kind eine Pause. Manchmal wiederholt sich der Schrei auch zwei, drei Mal, bevor die Pause eintritt.

Wenn wir ihm Zeit zu einer Pause lassen.

Meistens verlieren wir hier die Nerven, und dann gibt es gewöhnlich Ohrfeigen, Poklatschen und kaltes Wasser.

Doch inzwischen haben wir dazugelernt und können unsere Impulse beherrschen. Wenn wir der Natur und den kräftigen Pulsationen der Nabelschnur vertrauen, brauchen wir uns nicht einzumischen. Wir werden sehen, dass die Atmung von allein wieder einsetzt. Zunächst zögernd, vorsichtig, immer noch mit kleinen Pausen.

Das Kind, das von der Nabelschnur noch Sauerstoff erhält, nimmt sich Zeit und nur so viel von der feurigen Luft, wie es ertragen kann. Es hält ein, beginnt von Neuem. Es gewöhnt sich langsam und atmet tiefer. Bald findet es Gefallen an dem, was eben noch grausam und verletzend war.

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Wenn die Nabelschnur aufhört zu pulsieren, schneiden wir sie durch. Kein Schrei, keine Bewegung, nicht einmal ein Zittern kommt von dem Kind. In Wirklichkeit haben wir nichts durchtrennt. Ein totes Band ist abgefallen. Das Kind wurde nicht von seiner Mutter fortgerissen. Sie haben sich voneinander gelöst.

Wie wohltuend, wie einleuchtend ist eine solche Geburt. Die Mutter hat ihr Kind noch ein Stück begleitet. Indem sie ihm über die Nabelschnur noch weiterhin Sauerstoff zukommen ließ, hat sie ihm geholfen, seine ersten Schritte in dieser furchterregenden Welt zu machen.

Ähnlich wird es später sein, wenn das Kind laufen lernt und die Mutter ihm eine Hand anbietet, an der es sich festhalten kann. Eine geöffnete Hand, die das Kind ergreifen und wieder loslassen kann, in dem Maße wie es seiner eigenen Kraft vertraut.