Montag, 18. Februar 2019

Und plötzlich bin ich weg






Eine gute Freundin von mir verschwand von jetzt auf gleich im Krankenhaus. Nach schneller Diagnose wurde sie sofort operiert, es war knapp. Also: Sie ist noch da, aber beinah wäre sie weg gewesen, fort aus ihrem und aus meinem Leben. "Und plötzlich bin ich weg" sagt sie humorvoll zu ihrem Beinahe-Weg. Soweit kam es nicht. Aber sie hat doch irgendwie recht, so kanns ja kommen, und so wird es ja auch kommen. Wann weiß keiner so genau. Aber es ist schon ein Thema.

Was bleibt eigentlich, wenn unsereins plötzlich weg ist? Ich versuch das mal aus dem Futurum 3 anzusehen. Wie es denn sein gewesen hat sollen passiert sein. Aus der Überposition (ich bin weg und sehe zurück) auf das schauen, was dazu jetzt zu sagen ist. Erst mal stellt sich da bei mir der Humor ein. Grad noch da - dann plötzlich weg. Ist schon irgendwie komisch. Es macht einem dann ja gar nichts mehr irgendwas aus: man ist ja weg.

Irgendwie ein beruhigender Gedanke. Für nichts mehr zuständig, kein Knöllchen mehr, kein Ärger mit diesem und jenem. Klar, auch die schönen Dinge des Lebens sind dann weg, so eine rote Rose wie die oben gibts dann nicht mehr. Aber was soll der Trübsinn. Weg ist weg.

Den Dableibenden, den "Hinterbliebenen" wie es so schön heißt, kann ich da nur zuzwinkern: freut Euch über die Rose, solange Ihr sie seht. Ja, seht all das Schöne um Euch herum, es ist da, der Sonnenaufgang, der Sonnenuntergang, all das Unendliche dazwischen, und der Sternennachthimmel. Ach tausenderlei. Das schelmische "Plötzlich bin ich weg" meiner Freundin birgt ja eine tiefe Wahrheit und wichtige Botschaft: Sieh Dich um, sieh, wo Du bist: Blauer Planet Erde, ein wunderschöner Edelstein im Universum, und Du bist darauf unterwegs. Einfach grandios vor dieser monumentalen Kulisse des Kosmos, ein aus vollem Herzen kommendes "Ja" ist hier angesagt.

Ich habe viel Bekümmerliches über den Tod gespeichert in mir, aufgenommen an Wispern und Waspern in meinem Leben, von klein auf bis heute. Da stirbt dieser und jener, meine Großeltern, mein Vater, ein Kind auf dem Camp, etliche Freunde, sie gehen für immer. Und das alles ist mit Trauer und Betrübnis und wehe, wenn es Dir passiert, verwoben. Tja. Das will ich nicht schlechtreden oder zerdeppern, diese Todesgruseligkeiten in mir. Nur: ich rück das mal zurecht, nehm ihnen diese Wucht und Deutungshoheit. "Plötzlich bin ich weg" hat  Glückskraft. Und ist dann auch eine spannende Sache, wer weiß, wo es hingeht. Vielleicht nirgend wo hin, aus die Maus, vielleicht in so einen ewigen Glückseligkeitsmodus. Ist auch egal. Weg ist weg: da ist Heiterkeit angesagt.

Die Erinnerungen bleiben doch. All die schönen Erlebnisse mit denen, die plötzlich weg sind. Die plötzlich weg waren, weg gingen aus ihrem und aus meinem Leben. Und auch all der große und kleine Ärger mit ihnen ist weg. Das Leben: Ja, es kommt, es ist da und es geht wieder. Am anderen Ende des Bogens sind all meine Enkelkinder, inzwischen acht. Sie ragen ins nächste Jahrhundert hinein, sie werden 2100 plus erleben. Wenn ich plötzlich weg bin, sind sie da, und sie stieben davon in ihr Leben, zu ihren roten Rosen. Es ist einfach schön, das aus dem Fiturum 3 anzuschauen. Mein Herz ist voll davon.

Und dann gibt es noch die Sehnsucht und die Tränen. Ja wirklich. Und es tut weh. Aber die Sehnsucht und die Tränen werden auch wieder gehen, ohne die Vermissten zu verraten. Und die, die da so plötzlich weg sein werden, drehen uns hin zu den roten Rosen. Und sie haben ja so recht, und die Fröhlichkeit kehrt zurück.

Montag, 11. Februar 2019

Wissenschaftliche Befangenheit







In meiner Dissertation schrieb ich davon, dass ich mich von der "wissenschaftlichen Befangenheit" lösen konnte, wenn ich mit Kindern zusammen war. Mir war wichtig, die "jungen Menschen", wie ich die Kinder nannte, nicht irgendwie "objektiv" zu beobachten/erforschen. Mir ging es um anderes: um Wahrheiten, und zwar um subjektive Wahrheiten. Hierzu die Passagen der Seiten 112-115 der Diss.

*

Bis zum Encounteseminar in Berlin im März 1977 war meine Wahrnehmung in der Kommunikation mit jungen Menschen spezifisch verstellt. Der Ablösungsprozess von der herkömmlichen wissenschaftlichen Denkweise hinsichtlich kommunikativen Geschehens im Umgang mit jungen Menschen war noch nicht "über den gewissen Punkt hinaus" vollzogen. In den vielen vorausgegangenen Kommunikationssituationen - vor allem in den Encountergruppen in La Jolla - konnte ich meine Fähigkeit zur Wahrnehmung kommunikativer Prozesse vertiefen und weiterkommen im Mich-Wahrnehmen, Mich-Ausdrücken, Dich-Wahrnehmen, Uns-Wahrnehmen. Doch erst in Berlin gelang mir die entscheidende Ablösung von der "wissenschaftlichen Befangenheit", gerade rechtzeitig vor der Erweiterung der Gruppenarbeit mit den jungen Menschen.

Es kostete mich seitdem keine Anstrengung mehr, in der Kommunikation mit jungen Menschen "einfach ich zu sein" - ich fühlte mich nicht länger einem "Forschen-Müssen" verpflichtet. Das Risiko, durch das personale Hineingehen in die Kommunikation (mit dem Verzicht auf Metareflexion während der Kommunikation und der Aufgabe von "expertenhafter Distanz") eventuell nichts zu finden und dann mit leeren Händer dazustehen, war keine Barriere mehr. Dies wäre dann eben das Ergebnis (vielleicht auch: ein Ergebnis) der Arbeit gewesen. Ich war frei und stark genug, mich darauf einzulassen

Ich konnte nun das Projekt so durchführen, wie ich es wollte, befreit und angstfrei traditionellen wissenschaftlichen Normen gegenüber. Ich fand wieder Zugang zum "Einsatz des personalen Risikos" und brachte MICH ungestört von traditionellen Wissenschafts- und Forschungsüberlegungen in die Kommunikation mit jungen Menschen ein. Und ich fand dieses Element (Einsatz des personalen Risikos) auch bei den jungen Menschen wieder und begann mit Erfahrungen neuer Art

Um nicht in objektivierendes Beobachten abzugleiten, brachte ich mich in bestimmte Orientierungsmuster ein. Drei Orientierungsmuster stelle ich beispielhaft vor:

Einbringen
Einbringen bedeutet, dass ich mich nicht teilweise oder "nur zum Zweck des Herausfindes" in die Kommunikation begab, sondern dass ich "mich insgesamt" der Kommunikation und ihren Orientierungen "überschrieb": Ich entschloss mich, SO (kommunikativ mit jungen Menschen) zu SEIN - existentiell so zu sein. Es sollte in meinem Zusammensein mit jungen Menschen nichts sein, das sich von meinem sonstigen Verhalten unterschied. Ich war nicht "Fachmann", sondern der, der ich bin, ohne spezielle Rollenzuteilung. Ich verließ den Boden des "Objektiven" und öffnete mich für das Abenteuer des Subjektiven mit dem deutlichen Gefühl relevanten Forschens.

Geschehen-Lassen
Ich ging davon aus, dass ich mir keinen Zwang antun dürfe, wenn ich Relevantes herausfinden wollte. Dies bedeutete eine gewisse Paradoxie: Einerseits wollte ich etwas herausfinden - andererseits wollte ich "da nicht hinterher sein". Ich wollte mir durch ein intensives Hinsehen nicht meine Sensibilität für rezeptorisches Erkennen zerstören. Ich war offen und ließ das, was mit mir und den jungen Menschen geschah (was auch durchaus aktiv von mir gestaltet wurde), auf mich wirken. Ich ließ die Kommunikation geschehen, ich ließ meine Erfahrungen in mir sich entwickeln. Ich nahm die Phänomene an, wie sie sich mir darstellten, anteilnehmend und beteiligt. Ich vermied es jedoch, das Erfahrene loszulösen vom kommunikativen Geschehen, um mittels Reflexion oder gezielten Beobachtens Entdeckungen weiter zu verfolgen oder "ihnen auf den Grund zu gehen". Ich vertraute mich der Kommunikation an, und wenn es einen Grund geben würde, dann würde er sich mir mitteilen. Ich konnte dies sich entwickeln lassen, geschehen lassen. Ich setzte darauf, dass sich mir durch diese Haltung mitteilen würde, was sich zwischen mir und den jungen Menschen vollzog, sofern es überhaupt erfahrbar wäre.

Verzicht auf Metareflexion
Ich verzichtete konsequenterweise auf Metareflexion während kommunikativer Prozesse. Ich war "in" einer Situation, ich "ging in ihr auf" - aber ich stand nicht "über" einer Situation. Ich hielt mein Denken nicht während der Kommunikation "in Reserve". Die Unmittelbarkeit unserer Beziehung durchdrang mich und prägte sich mir ein. Ich wollte mich dieser Unmittelbarkeit aussetzen und musste in sie auch mein Reflexions-Potential einbringen (und mich nicht von ihm aus der Unmittelbarkeit hinaustragen lassen). Direkt im Anschluss an Kommunikationssituationen konnte ich Aussagen über die gerade erlebte Situation machen, solange die Erfahrung noch gegenwärtig war. Eine Metareflexion während der Kommunikation hätte meine Erfahrung (dieser Kommunikation) zertört, erfahren hätte ich dann die Metakommunikation, nicht mehr die Kommunikation. Gelegentlich gelang es mir, auch während der Kommunikation unmittelbar von ihr zu berichten - als Erfahrungsbericht, nicht als Metareflexion.





Montag, 4. Februar 2019

Niemand ist böse








"Sie sagen, ein Böser ist ebensoviel wert wie ein Guter. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur unterschiedliche Wege. Heißt das, jeder kann Böses tun, so wie er will? Also Kinder verprügeln oder jemanden umbringen? Und steht dann genauso gut da wie ein Arzt oder ein Feuerwehrmann?"

Ich werde mit seltsamen und skurilen Fragen auf meinen Vorträgen konfrontiert. Die Gleichwertigkeit ist nicht immer leicht zu verstehen, insbesondere, wenn es um Fragen der Moral, also um gut und böse geht. Es geht um das Durcheinander, dass gut und böse von gleichem Wert seien.

Ich unterscheide das, was jemand tut von dem, was jemand ist. Also die Tat vom Täter.

Was jemand ist: Alle handelnden Personen haben gleichen Wert. Alle sind, um im bekannten Bild zu bleiben, Ebenbilder Gottes. Es ist klar und liegt auf der Hand, dass es Personen gibt, die gleiche Wege gehen, und dass es Personen gibt, die unterschiedliche Wege gehen. Etwa: Zwei Ärzte gehen den gleichen Ärzte-Weg. Zwei Mörder gehen den gleichen Mörder-Weg. Die Wege der Ärzte (heilen) und der Mörder (schaden) sind dabei unterschiedlich. Aber es gilt, dass alle vier Personen, die zwei Ärzte und die zwei Mörder, gleichen Wert haben, weil sie alle Ebenbilder Gottes sind.

Was jemand tut: Dies zu bewerten kann sehr unterschiedlich ausfallen und "liegt im Auge des Betrachters", wie es so schön heißt. Ärzte finden ihr Tun gut. Auch Mörder finden ihr Tun gut. Selbstverständlich (!) finde ich das Morden (Tun des Mörders) völlig unakzeptabel. Ich vermeide, wenn ich über diese Thematik rede, dabei das Etikett/Wort/Urteil "böse". Weil "böse" einen unguten Mitklang hat..Weil "böse" in meinen Ohren nach einer Herabsetzung der Person klingt, weil "böse" die Ebenbildlichkeit Gottes eines jeden Menschen desavouiert. So wie "Unkraut" die Distel herabsetzt, die eine wertvolle Pflanze ist wie andere Pflanzn (nur nicht für Menschen). Es gibt viele solcher herabsetzender Begriffe. Einige werden in ihrer Herabsetzung bemerkt und vermieden, z.B. "Neger". Das Etikett "böse" wird aber ganz allgemein verwendet und in seiner Herabsetzungswucht nicht bemerkt.

Was also sagen, ohne missverstanden zu werden? Ein "Der findet es ok, wenn Kinder geschlagen werden, der findet es  sogar in Ordnung, wenn einer jemanden umbringt" will ich mir nicht an Land ziehen oder gar als Kommentar über meinen Vortrag im Internet finden. Andererseits will ich schon klarmachen, wie ich das sehe. Dass ich unterscheide: Tat von Person. Es ist nicht immer einfach und braucht oft mehrere Anläufe, bis ich gut und nachvollziehbar erklärt habe, was ich meine.

Neulich gelang das nicht bei allen. Die Teilnehmerin, die die Frage (oben) stellte, verließ zum Schluss den Vortrag und sagte, meine Position, einen Kinderprügler und Mörder gut zu finden, gehe ja überhaupt nicht. Hatte ich zwar nicht gesagt, hatte sie aber so verstanden. Die anderen Teilnehmer hatten mich aber verstanden. Wir unterhielten uns nach dem Vortrag noch im Stehen eine Weile darüber. Es war nicht so schön, jemanden mit einer solchen Einschätzung von meinem Vortrag und von mir ziehen zu lassen. Aber es tat gut, dass meine Überlegungen den anderen geholfen hatten, sich zurechtzufinden in ihrem Alltag: Dass sie nicht die Bösen sind, wenn sie ihren Kindern Leid zufügen (z.B. etwas wegnehmen), Weil niemand ein Böser ist, auch sie nicht.

Hinzu kommt, dass mich die Innenwelt eines "Bösen" interessiert. Wenn ich seine Motive einschätzen kann, hilft es mir, ihn nicht zu verurteilen, den anderen nicht mit einer Mörderfratze zu sehen, sondern eben als Ebenbild Gottes. Durch ein solchen Verstehen lasse ich mich nicht auf seine Seite ziehen. Was ich als eine böse Tat einstufe, kann niemand in meiner Gegenwart realisieren. Aber wenn ich interveniere, dann ohne Herabsetzung. Verständlich? Ich töte den Büffel wie der Indianer, mit Achtung.

Montag, 28. Januar 2019

Gut fürs Kind und schlecht für mich




 



"Mein Sohn ist 18 Monate alt. Neulich kletterte er auf gestapelte Kisten. Als er auf der dritten stand und zu hüpfen anfing...  Als ich ihn runterholte, was verbaue ich ihm da? Aber wenn er fällt ... Ich bin in einem Dilemma. Was ist richtig? Was soll ich tun? Wann soll ich eingreifen?"

Was ist richtig, was ist falsch? Man hört sich dies und das an. Hat da einer wirklich recht? Letzlich entscheiden wir selbst, verantworten das Eingreifen vor uns, folgen unserer Erkenntnis oder der anderer. Und folgen unserem Gefühl.

Parallel zum Eingreifen rumort aber das Nachsinnen darüber, was denn nun das Beste für das Kind sei. Hätte die Mutter ihren Sohn nicht doch noch klettern lassen sollen? Wie war das mit dem Raum geben im  letzten Post vom 21.1.? Die Welterkundung des Kindes der eigenen Sorge unterordnen? Schlechtes Gefühl zum Kind, gutes Gefühl zu sich. Oder andersrum: Die eigene Sorge dem Welterkunden des Kindes unterordnen? Schlechtes Gefühl zu sich, gutes Gefühl zum Kind.

Wir wollen den Kindern helfen und sie fördern. Und wenn wir uns ihnen in den Weg stellen, dann kommt das nicht so gut. Nicht fürs Kind, nicht für uns - weil wir dann Wegversteller sind. Wir verursachen Leid. Das Kind vom Stapel runterholen ist leidbehaftet.

Geht das anders? "Nein", sage ich, "Wir fügen anderen immer wieder Leid zu. Den Kindern, dem Partner, Fremden. Aus zig Gründen und in zig Situationen. Das lässt sich immer wieder mal nicht vermeiden. Dass wir Leidverursacher sind, gehört zu uns." Wir töten, um zu essen. Wir bekommen den Job, den ein anderer gern hätte. Wir haben beim Abbiegen Vorfahrt. Wir holen das Kind vom Stapel. Ich ja - Du nein. So einfach ist das. Tatsache des Lebens.

Fragt sich nur, wie man damit umgeht. Ich sage der Mutter so etwas Grundsätzliches. Und dann will ich ihr das Herz leichter machen: "Wir sind ja auch immer wieder Freudebringer, nicht vergessen." Und ich erzähle von Jesus, DEM Liebesboten schlechthin, dass auch er Leid verursacht hat. Als er die Geldwechsler aus dem Tempel warf und sie auspeitschte. Sie wollten Geld für ihre Familien verdienen, und er wütete sie an. Leid. Er holte sie vom Stapel. "Und wenn Jesus das passiert, dann kann Ihnen das auch passieren. Entspannen Sie sich, Sie können runterkommen, das schlechte Gewissen ihrem Kind gegenüber ins Museum bringen."

"Machen Sie einfach das, was Sie grad angemessen/richtig/gut finden. Und schieben Sie dabei die Frage, was das Beste für Ihr Kind sei, freundlich zur Seite. Ihr Kind ist jetzt grade nicht dran. Jetzt sind Sie dran, jetzt haben Sie Vorfahrt. Der Kleine kommt dann schon wieder an die Reihe. Aber jetzt nicht. Also seien Sie nicht zimperlich: Runter vom Stapel!"

Das hat die Mutter vor mir erleichtert. Sie hat aufgeatmet. Eigentlich bin ich nicht so direktiv oder anleiterisch. Aber ich hab es weggeschoben, freundlich, dieses wohlüberlegte Nachsinnen "Was ist das Beste für die Mutter?". Ich hab sie einfach vom Stapel geholt. Fröhlich hatte sie da nämlich nicht gehüpft, eher dilemmasiert. Bin ich übergriffig mit meiner Aktion? Ja mei, ab ins Museum mit solchem Denkkram. Ich bin nicht die Marionette des Beste-Finde-Fadens. Und die Mutter ist das auch nicht. Was ich ihr gezeigt habe. Und was sie gut fand.

Montag, 21. Januar 2019

Raum-Geben







Vortrag. In der Aussprache erzählt eine Mutter: "Ich habe eines Tages meinen Vierjährigen etwas tun  lassen, was ich bislang nicht mitmachen konnte. Irgendwie ging da bei mir eine Tür auf, und seitdem kann ich ihm Raum geben. Und bin immer wieder überrascht von mir, dass ich da so großzügig bin. Und es geht auch immer gut aus. Außerdem kann ich ja jederzeit eingereifen. Damals ging es um Möbel, die er zum Spielen brauchte. Heute, mit sechs, geht es um alles Mögliche."

Raum geben. Was ist da möglich? Und was stellt den Raum zu? Ich weiß immer, was geht und was nicht geht. Nicht geht heißt: Wo es keine Tür und keinen Raum dahinter gibt. Als die Mutter vom Raum-Geben erzählt, merke ich, dass ich das doch auch viel mehr tun könnte. Dass ich es mir mal vornehmen könnte, auf den Schirm laden könnte. So als Vorsatz für das neue Jahr.

Es ist ein etwas ungenaues Gefühl. Ich finde es einfach gut, wenn man, wenn ich Raum geben kann. Andere, mit denen ich zu tun habe, einfach mal machen lassen kann, was sie aber "eigentlich" nicht machen sollten. Wenn Besuch anfängt, bei mir aufzuräumen. Wenn mehr Soja in den Salat kommen soll, als ich das so mache. Wenn mein Auto angefragt wird für eine Fahrt, die offensichtlich unnötig ist. Wenn diese Chips auch noch in den Einkaufswagen sollen. Wenn dieser Saurier im Museum schon wieder besucht werden soll. Wenn ich die kleine lustige Geschichte nochnochnocheinmal erzählen soll. "Kann ich nicht mal...?" "Kannst Du nicht mal ...?"

Den Kindern Raum geben, dem Partner Raum geben. Raum, über den ich bestimme. Raum, den ich öffnen und abgeben kann. Wenn ich mich dem Raum-Geben so im Nachdenken annähere: wieso hab ich das nicht öfter gemacht? Ich gebe ja Raum, aber es könnte mehr sein. Und auch: ich will mich damit nicht unter Zugzwang setzen, überfordern, so dass das alles wieder kippt. Nein, es wird ein gelassenes, verspieltes Raum-Geben sein, mal sehen, was so geht.

Einen Schritt weiter: Ich will mir selbst mehr Raum geben. Mehr "Ja ja, wird schon". Mehr einfach machen, was aufscheint. Nicht so strikt alles bis zu Ende denken. Es nicht übertreiben, aber mehr einfach laufen lassen. Es gibt etliches in meinem Alltagskram, das da lockerer daherkommen könnte. Muss ich immer das Auto vorm Haus zuschließen? Muss ich nicht. Und wenns geklaut wird? Wird es nicht. Und wenn doch? Ja mei, da geht die Welt auch nicht von unter. Wirklich wahr! So ein gewisses "Ist schon gut". Und zwar mit dem guten Gefühl, zu mir zu halten, mich laufen zu lassen. Und wie immer dahinter: Ich bin doch mein eigener Chef, auch in der Raum-Geben-Frage.

Und da gibt es ja auch so eine kleine Neugierde: Was kommt da eigentlich, wenn ich Raum gebe? So eine kleine Vorfreude. Was wartet da auf mich?

Vor Zeiten las ich etwas von nordamerikanischen Indianern dazu. Ein Bild hat mich seitdem begleitet, hier ist es. Doch zunächst die Einleitung von Uwe Stiller, der die indianischen Texte gesammelt hat*: "Die weiße Gesellschaft geht davon aus, dass der Erwachsene grundsätzlich ALLES, das Kind NICHTS weiß. Das Resultat ist eine Statik oder Verkümmerung der Sinnesorgane und der Phantasie, denn für eigene Erfahrungen und Beziehungen zu den Dingen wird dem Kind kein Raum gelassen."

Und jetzt das Bild**: "So wollte ich einmal zum Beispiel zum Jagen gehen. Die Älteren wussten, dass ich nicht über den Fluss kommen konnte, weil er über die Ufer getreten war. Aber sie sagten nichts. Sie ließen mich gehen und ich sagte ihnen noch, dass ich sie später wieder treffen würde, und sie sagten o.k. Und wussten doch die ganze Zeit, dass ich nicht an das andere Ufer gelangen konnte. Aber sie sagten es mir nicht, sie ließen es mich erfahren. Außerdem hätte es natürlich sein können, dass ich doch noch über den Fluss gekommen wäre, wo sie es nicht konnten, dass ich vielleicht eine andere, neue Methode entdeckt hätte."

Und dann spannt Uwe Stiller den großen Bogen: "Die Möglichkeit des vielleicht eine neue Methode Entdeckens - das ist ein Charakteristikum einer offenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die offen für jede neue Erfahrung ist. In der westlichen Gesellschaft hat der Künstler die Möglichkeit von neuen Erfahrungen, von der Um- und Neudefinierung von Begriffen. Zum Teil steht diese Möglichkeit auch Wissenschaftlern offen. Egal, die europäische Gesellschaft hält sich professionelle Erfahrungssammler, während diese Möglichkeit indianischen Kindern als eine Selbstverständlichkeit gegeben war. Und sie wurden dabei von den Erwachsenen durchaus ernst genommen."

Tja..."Außerdem hätte es natürlich sein können ..."


* Uwe Stiller, Das Recht anders zu sein. Traditionelle Alternativen des indianischen Amerika. Verlag Jakobsohn, Berlin 1977, S.41
 ** Pelletier.W. /  Poole.T., No Foreign Land. The Biography of the North American Indian, Panteon Books, New York 1973. In: Uwe Stiller, s.o.






Montag, 14. Januar 2019

Halt mal eben








Kleiner Alltag. Zu Besuch bei Freunden. Ich bin in der Küche beschäftigt und wasche ab. Beim Abtrocknen ist aller Abstellplatz belegt, ich muss eine neue Abstellfläche schaffen und dafür erst mal bereits abgetrocknetes Geschirr wegräumen. Einen Teller habe ich aber noch in der Hand. Wohin damit? Zurück ins Spülbecken? Und nochmal abtrocknen? Neben mir steht mein Freund, auch küchenmäßig unterwegs, räumt auf. Könnte er nicht mal eben ... Ich denke gar nicht so weit, ob er mal eben den Teller halten könnte, bis ich schnell Platz geschaffen habe. Ich sage automatisch, ohne nachzudenken und halte ihm bereits den Teller hin: "Halt mal eben."

Halt mal eben: Unendlich viele kleine Alltagssituationen, in denen wir den anderen einspannen. Ohne nachzudenken, automatisch. Der steht doch neben mir. Es ist unvorstellbar, dass er das nicht machen würde. Es ist noch unvorstellbarer, dass er nein sagen kömnte. Oder "Halt selber." Sowas Unhöfliches kommt nicht vor.

Tja ... und das geht mir doch sehr durch den Kopf. Weil ich mich neulich als Dackel gefühlt habe. Als Nigger, der mal eben. War echt komisch und kam bei mir nicht gut an. Ein "Eh, wer bin ich denn?" schoss mir durchs Gemüt." Gesagt hab ich nichts, war verdattert, fand es eine Zumutung, und hab gemacht, was ich machen sollte. Diesmal gings um eine Kerze, die ich anzünden sollte. Klar, das war ja nicht so gemeint (Fragezeichen), aber es kam so bei mir an. Ich fühlte mich zum Kerzendackel degradiert.

Wie subtil schleicht sich solche Dackel/Nigger/Handlangergeschichte in vertraute Beziehungen ein? Wenn man auswärts zu Besuch ist, macht man das nicht, dieses "Halt mal eben". Aber in der Familie schon. Mit dem Partner, den Kindern, den Geschwistern, den guten Freunden. Was soll das?

Wenn es alles liebevoll daherkommt, ist es ja gut. Da halt ich auch, ohne drüber nachzudenken. Ich erlebe mich und den anderen dann als Einheit, als Team. Wo einer dem anderen aushilft. Aber da muss der Ton stimmen. Und neulich stimmte er eben nicht, der Ton. Da kam das unwürdig daher. So unwürdig, dass ich hinhörte und ins Nachdenken kam.

Wie selbstverständlich wir unsere Vertrauten in Anspruch nehmen! Und dabei leicht die Sensibilität verlieren, unachtsam werden ihnen, ihrer Würde gegenüber. Etwas selbstverständlich einfordern, was eben nicht selbstverständlich ist. Mit offenen Augen durch die Welt gehen ist sowieso ein gutes Motto. Ich merke, dass ich es auch in meinen nahen Beziehungen beherzigen könntesolltewill. Muss ich nicht, will ich aber. Die Hilfsbereitschaft, das Zur-Seite-Stehen, die Verläßlichkeit der anderen ist keine Selbstverständlichkeit. Wiewohl ich damit rechne und per "Halt mal eben" auch einfordere. Aber da ist der Unachtsamkeits-Einschleiche-Wurm drin. Und den habe ich am Wickel und schick ihn fort.

Ich will das ja auch nicht übertreiben und partnerschaftlich-hyperkorrekt sein. Aber so ein bisschen Staunen vor der Wertschätzung, die die anderen mir gegenüber haben, ist angesagt. Und die ich den anderen gegenüber habe. Nichts ist selbstverständlich. "Klar halt ich" ist ein Geschenk - von Dir und von mir - das nicht vom Himmel fällt, sondern aus unserer Liebe kommt. So einfach ist das.







Montag, 7. Januar 2019

Fürchtet euch nicht!







Weihnachten. Wie immer ist viel los. Diese Jahr begleite ich meine Mutter in den Weihnachtsgottesdienst. "Kommet ihr Hirten" wird zu Beginn gesungen. Am Schluß der Strophe: "Fürchtet euch nicht!" Es ist Kindergottesdienst, kurze Predigt. Über genau dies Nicht-Fürchten. Was die Pastorin da sagt, ist mein Ding, und ich lass den Satz in mir schwingen.

Bei all den unangenehmen Dingen in der Welt, Schreckliches bis Gruseliges, was Angst, Depri, Lähmung auslöst: Klimawandel, Dieselgate, Syrien, Atomkram, Krebs, Politdesaster und und und.Bei tausenderlei Alltagssteinen: Geldsorgen, Partner geht, Job weg, Kind krank, Ämterärger, Katze überfahren, Auto kaputt und und und. Bei all diesen ekligen und runterziehenden und fertigmachenden Sachen. Kein Licht am Ende des Horrortunnels, kein beherzter Schlag durch den Gordischen Weltknoten, keine Zaubermedizin, die wirklich hilft. Bei all dem Dunklen um uns rum - da kommt ein verblüffendes Dennoch, kommt als Frage daher: "Warum so furchtsam?"

Ja, in der Tat, das ist ja alles auch zum Fürchten. Aber. Großes Aber. Kommt aus dem Mikrokosmos, aus nur einem Menschen, nicht aus der großen Weltrettung. Aus mir: "Liebe Fürchtedämonen, ich lass mir von Euch die Laune nicht verderben. Macht Ihr Euren Grusel. Ich erfreue mich des Lebens. Es ist schön hier, und ich fühle mich wohl. Mir schwindet wegen Euch nicht die Lebenskraft dahin. Ich bin ein Kind dieses Planeten, stark, schön und mutig. Das will gefeiert sein, und ich feiere mein Leben. Und aus meiner Kraft heraus schau ich mich auch nach Euch Dämonen um."

Also: Ich fürchte mich nicht. Ich sehe die erschrockenen Hirten vor mir, sie fahren zurück und haben ein ganz ungutes Gefühl. Doch diese Wesen vor ihnen, dieses Aliens, beruhigen sie, sind freundlich, kümmern sich. "Schon gut", sagen sie. "Fürchtet Euch nicht."

So ein Sprech kann auch anmaßend und großspurig daherkommen und die Sorge und Unruhe nicht ernst nehmen. So sehe ich das hier aber nicht. Ich finde es großartig, dass bei all dem Schrecken jemand kommt und liebevoll tröstet und Kraft gibt. "Kein Grund zur Panik."

Dahinter steckt natürlich, dass ich wie immer mein eigener Herr bin. Ich gehöre mir, niemandem sonst. Und ich kann mich lieben, so wie ich bin. Ich entscheide letztendes, was ich von dem ganzen großen Welttheater und dem ganzen kleinen Welttheater halten soll. Will ich mich herabziehen lassen? Von wem? Vom Klimawandel, Dieselgate und Co? Von Geldsorgen, Partner geht und Co? Nein, will ich nicht. Die kurzen 100 Jahre, die ich hier lebe, lass ich mir nicht vermiesen. Ich habe Lust, zu leben, Lebenslust halt. Und ich habe gelegentlich oder öfter oder immer auch Lust, den Gruseldingen Enhalt zu gebieten. Da, wo ich es gut kann und wo es mir liegt und wo ich mich nicht überfordere und wo ich gut drin bin und wo es mich erfüllt. Jeder auf seine Weise, klar. Was tu ich? Ich setze meine Lebenszeit im Kampf gegen die erzieherische Aggression, die Erziehungstraumatisierung ein.

Anfrage neulich: Ob ich Silvester mit zur Lichterkette im Hambacher Forst fahre. Ich habe abgesagt. Hatte anderes vor, ich kann nicht alles schaffen. Ich tu schon was, aber nur da, wo ich es will, liebe Dämonenbekämpfer. Auch ihr Guten habt keinen Griff auf mich, Auch vor Euch und Eurem Naserümpfen fürchte ich mich nicht. Nicht vor Bösegeistern und nicht vor Gutmenschen .

Wobei es ja auch ok ist, wenn man sich fürchtet. Es besteht ja keine Pflicht zum Nicht-Fürchten. Wer sich fürchtet, der fürchtet sich. Gründe gibt es genug. Da steh ich nicht drüber. Da nehm ich in der Arm, wenn es gut kommt und ich das grad kann. Und da kann es schon mal passieren, dass ich dann ein "Fürchte Dich nicht" rüberreiche. Sanft, freundlich, liebevoll. Wie die Engel.

Montag, 31. Dezember 2018

Erziehungsvirus








"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?" Eine einfache und klare Frage. Wie ist es mit einer einfachen und klaren Antwort? Bei einer solchen Frage sehe ich mich sofort gefordert, die ganze erziehungsfreie Philosophie in einen Satz zu packen. Und weiß zugleich, dass ich das nicht kann. Das Verlassen, Überwinden der erziehungsfreien Sicht ist halt eine komplizierte Angelegenheit, und so ein Unternehmen in einem Satz zu fassen - geht eben nicht.

Also sage ich etwas, das sofort die nächste Frage zur Folge hat. Und dann beginnt ein Gespräch, das länger oder kürzer dauert und das die amicative Weltsicht vor Augen führt. Zum Beispiel sage ich: "Das Missionarische". Kurz und knapp. Aber klar? "Was meinen Sie damit?" Und schon gehts los. Vielleicht gehts nach Afrika zu Albert Schweitzer. Oder zum Klassenzimmer um die Ecke. Oder zum Selbstverständlichen "Sieh das ein", "Weil ich recht habe". Oder zum Fundamentalen "Weil ich Deine Mutter bin. Weil ich Dein Vater bin".

Ich mache schnell kar, was ich alles nicht meine, wenn ich gegen die Erziehung bin. Sonst wird das nichts, so ein Gespräch. "Ich kümmere mich um mein Kind. Ich bin da. Ich helfe, tröste, erkläre, spiele. Ich bin Orientierung. Überlasse mein Kind nicht sich selbst. Ich bin nicht antiautoritär." Ich mache deutlich, dass ich alles das mache, was ein normaler Vater auch macht, dass ich den Alltag mit den Kindern realistisch sehe und nicht irgendwie ideologisch verbräme. "Aber dann erziehen Sie doch." Schon wieder so eine klare Ansage.

"Es sieht so aus - aber es ist ganz anders." Mehr Verwirrung geht nicht. Was soll das heißen? Erziehen - und doch nicht erziehen, oder was? Jetzt wird es mühsam. Jetzt kommt die Sache mit den zwei Dimensionen. Dass wir - erstens - in der physikalischen Welt, der Welt des Anfassens, der Welt der Dinge unterwegs sind. Und dass wir - zweitens - in der psychologischen Welt, der Welt des Unsichtbaren, der Gefühle unterwegs sind, auch unterwegs sind. In beiden Welten gleichzeitig. Dass wir bei allem, was wir tun, immer auch etwas fühlen.

Die Welt der Gefühle, Interpretationen, Einstellungen lebt in uns. Und dort, im Unsichtbaren, aber sehr wohl Vorhandenem, im real existierenden Unsichtbaren, da sind die Menschen entweder per Erziehung unterwegs oder eben nicht. Das unsichtbare Element der Erziehung muss man nicht in sich tragen. Ich jedenfalls habe es nicht in mir. Und ich rede davon, dass niemand das in sich haben muss. Und dass ich es für ungut und gefährlich halte.

Und dass ich mich aufgerufen fühle, dieses erzieherische Element, dieses psychische gefährliche Elementarteilchen, in der Welt zu verringern. So wie Ärzte die Pockenviren bekämpfen, auf dass sie in keinem Menschen mehr leben und ihre destruktive Wirkung entfalten. Pocken ausrotten: ein großes Ziel, mission accomplished (1980). Erziehung ausrotten: ein großes Ziel, mission impossible (2018 ...). Aber: Ich arbeite dran.

Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen? Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht gelten. Vorsicht: Wenn ich jedoch die Sicht des anderen gelten lasse (und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht gelten), so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig gelten. Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im Nachdenken und im Tun. Aber ich stelle mich dabei nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" verbindlich zu machen. Ich fass das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht."
 
Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. Und wenn man dann daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner  Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. (Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame Dorf...)

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch .. insbesondere, wenn es ein Kind ist. 

Montag, 24. Dezember 2018

Lügenmärchen








                         
"Wie oft lügst Du am Tag?" Mich hat die Frage überrascht. Nicht wegen des Fragers, sondern wegen der Frage. Man lügt doch überhaupt nicht oft. Und schon gar nicht mehrmals am Tag - was so eine Frage ja impliziert. Jedenfalls dachte ich das. Dass nur selten gelogen wird. Aber der Frager hat ja wohl was anderes vor Augen.

"Überhaupt nicht", sage ich. "Vielleicht einmal in 10 Jahren". Oder auch öfter? Ich denke nach, finde aber nichts. Na ja, vielleicht blende ich da ja auch was aus. Egal. Aber ich nehme die Frage auf und sinn drüber nach. Wie ist das mit der Lügerei?

Wer das tut, tun will, tun muss - sein Ding. Sogar sein gutes Recht. Gehört jemand die Wahrheit? Wir gehören uns selbst, und damit ist es auch unser Ding, wie wir mit der Wahrheit umgehen wollen. Und da gibt es eben Kleinlüger, Großlüger, Seltenlüger, Viellüger, Lügenbolde. Da ist nichts zu verurteilen. Sowas findet statt. Es will natürlich damit umgegangen sein.

Wie geht der Lügende damit um? Schlechtes Gewissen? Gutes Gewissen? Aus der Not heraus. Aus der Bestimmerei heraus. Wegen des Vorteils. Wegen der Beschämung. Wegen der Angst. Wegen der Verachtung. Wegen des Schmerzes. Wegen der Sehnsucht. Wegen der Liebe. Wegen viel. Die Wegens können edel, weniger edel oder gar nicht edel sein.

Ich mag hier im Nachdenken das Wort Lügner nicht, es ist so ungut besetzt, und ich bin nicht im Unguten, wenn ich über jemanden nachdenke, der lügt. Deswegen sage ich "Lügender". Ich schwinge nicht ins Verurteilen, ich schwinge ins Verständnishaben. Nicht, weil ich viel lüge, tu ich nicht. Sondern weil ich das für angemessen halte. Wer lügt, zettelt etwas Gutes an - klar, für sich. Die Lüge ist ein Geschöpf des Guten, der Liebe. Die man sich selbst gibt. Die einem zusteht.

Dass dies Leid und Ungutes bewirken kann, eher: wird, bleibt mir ja dabei nicht verborgen. Ich vergesse aber nicht die Quelle der Lüge. So wie mir auch das Leid der Kuh nicht verborgen bleibt, die ich töte, um zu essen. Ich töte wegen meines Vorteils, ich lüge wegen meines Vorteils. Durchs Leben gehen und meine Vorteile realisieren, finde ich richtig, und anders geht es nicht. Geht es doch? Ohne Töten kein Leben. Ohne Lügen kein - ja was? Ohne Lügen kein Leben. Lässt sich das vergleichen, übertragen?

Mit Lügen kein Leid - auf meiner Seite. Wohl Leid auf Deiner Seite. Ist das einfach nur dem Egoismus das Wort geredet? Egoismus passt beim Töten der Kuh nicht, da gilt so etwas wie unabdingbar, nötig, wenn ich nicht esse, sterbe ich. Beim Lügen gilt anderes? Seh ich nicht so. Wenn die Lüge nicht unabdingbar, nötig wäre, würde sie ja nicht kommen. Dann wird die Wahrheit gesagt. So einfach ist das!

Und wie geht es mir, wenn ich herausfinde, dass ich angelogen wurde? Ganz klar: Ich gehe nicht durch das Verurteilungs-Tor und tummele mich nicht auf dem dunklen Feld dahinter mit all den zugehörigen Seltsamkeiten: Schuldzuweisung, Empörung, Beleidigtsein, Runterputzen, Enttäuschung, Ärger, Groll, Wut, Hass, ach was weiß ich. Tore, die ins Dunkle führen, mag ich sowieso nicht, und sie liegen mir nicht.

Also: was ist, wenn ich angelogen wurde? Da bleib ich cool. Erst mal "nehm ich zur Kenntnis" (wie das so schön neutral heißt), dass es anders ist als bis grad noch gedacht. Ich korrigiere meine Wirklichkeit, sortier das um. Mir ist sofort klar, dass die Lügerei nicht grundlos stattgefunden hat, dazu fließt ein Nachsehen (seh Dir das nach). Und eine Freundlichkeit, weil ich denke, dass es dem Lügenden nicht gut geht. Wenn es ihm bei seiner Lügerei gut geht: auch gut. Mich regt das alles jedenfalls nicht auf. Ich frag mich zügig, wie es weitergeht. Mit der neuen Information, die jetzt als neue Wahrheit neben die alte Wahrheit tritt, die ja eine Nicht-Wahrheit sein soll, Lüge eben.

Will ich weiter mit dem Menschen zu tun haben, der mich angelogen hat? Das will gut bedacht sein. Ich mache ja keinen Vorwurf, nur die Verlässlichkeit ist angekratzt oder weg. Mein Vertrauen, von Dir die Wahrheit zu bekommen, ist beschädigt. Es kommt ganz drauf an, wie meine Beziehung zu Dir überhaupt ist. Wie viel mich Deine Unwahrheit nervt, Du mich nervst. Vielleicht instrumentalisiere ich Deine Lüge (nicht bewusst, aber passiert): sie kommt mir recht, weil ich meine Beziehung zu Dir eh runterfahren will. Da ist dann kein Ärger, sondern Abwendung, keine Lust auf sowas, keine Lust auf Lügenmärchen.

Ja, oder es macht mir eben nichts aus, ich seh Deine Not oder Unverfrohrenheit, Deine Sorge, dass ich Dirs übelnehme und weggehe. Wenn ich Dich genug mag, lass ich mich von Deinen Lügenmärchen nicht wegspülen. So bist Du halt. Jetzt grad mal. Oder auch öfter. Es ist schon mein Job, auf Deine Lüge zu reagieren, den mach ich dann auch. Ich freu mich über Dich, auch über Deine Lügenmärchen: so kanns schon kommen. Wenn es nicht überhand nimmt und die Frage hervorbringt: "Wie oft am Tag...

Montag, 17. Dezember 2018

Anderskuhtiger







                                    
Zwei Nachrichten fügen sich zu einem Bild. Ich sehe ein Tor, das den Weg zu einem Anders zeigt.   1: Ein Bauer will nicht, dass seine Kälbchen per Viehtransport zum Schlachthaus gefahren werden. Er will sie schon zum Schlachten verkaufen. Aber er mag sie (wie seltsam das für Vegetarier auch sein mag) und will nicht, dass sie dem Transport- und Schlachthofstress ausgesetzt sind. Also findet
er einen Jäger, der berechtigt ist, die Tiere auf seinem Hof zu erschießen. Schwierige Verhandlungen mit den Ämtern, aber er bekommt schließlich das Ok. Die Kälbchen sterben also von jetzt auf gleich.
Ohne Leid.

2: Auch vom Bauernhof. Diesmal will ein Bauer, dass die Kälbchen nicht sofort von der Mutter getrennt werden. "Geht ja gar nicht." Er ist kein Biobauer, sondern ein Tradi. Aber: "So wie es Elternzeit für meine Kinder gibt, will ich eine Mutterzeit für meine Kühe." Und er macht es: Er lässt die Kälbchen ein Jahr bei ihrer Mutter.

Da sehen zwei Menschen ein Tor, das in eine Anderswelt zeigt. Und sie gehen durch. Es liegt in ihrer Macht, sie können entscheiden. Und ich merke auf: Es liegt in meiner Macht, ich kann entscheiden, sehr Vieles. Anderes sehr Vieles nicht. Aber mich umgibt eine große Tor Vielfalt zu Anderswelten. Was will ich? Was will ich wirklich? Ich nehme mich sanft beiseite und merke, dass ich so viel Anderes in meinem Leben gelten lassen kann, einrichten kann. Das ist erst mal eine abstrakte Aha-Überlegung. Danke, ihr beiden Bauern.

Also: was könnt ich andersigen? Was hat sich eingeschliffen, was ist einfach so, was aber nicht so sein muss? 1: "Ja, ist ja gut" zu den Zicken der Kinder, zu den Zicken der Partnerin, zu den Zicken der Nachbarn. Ich kann kommentieren, zurechtrücken, klarstellen - muss ich aber nicht. 2: Ich bekomme eine SMS. "Antworte!", geht sie mich an, "der Absender wartet drauf!". Tja- muss ich nicht. Wenn ich nicht gleich antworte, ist das unhöflich. Na ja. Wem gehöre ich? Da gibt es dieses Anderstor, und da lasse ich die Sofortantwort. Wird schon werden. Ich geh erst mal spielen. 3: Nach dem Essen wasch ich sofort ab. Sonst pappen die Reste an und es wird hinterher länger dauern. Ich will keine Spülmaschine und mach das per Hand. Das Anderstor hier im Winzalltag: Ich seh die Teller an und schick ihnen einen liebevollen Andersblick: "Später." "Ok, sagen die Teller". Sie gehen spielen.

4: Jedesmal stört mich beim Joggen ein alter Stacheldraht, der halb in den Waldweg ragt. Nach drei Jahren geh ich durchs Tor: Ich habe die Zange dabei, bearbeite das Ding und bring die Stachelei zum Recyclinghof. 5: Da hängt übrigens das Einfahrtsschild an der verkehrten Stelle. Ich denke an auswärtige Anlieferer, die finden die richtige Einfahrt erst nach einer Irrfahrt. Dann der Ruck, Tor auf: Ich geh zur Geschäftsstelle und mach den Mund auf. Das hat noch nicht geholfen, ich werds wie derholen, bis es klappt.

6-1001: Das will entdeckt sein. Das kann entdeckt sein. Und es entspannt so herrlich. "Ich muss das ja nicht tun..." Das, was ich aber zu tun gewohnt bin. Was mich hat. Das alles ist ja auch kein großes
Drama, ich kommentier schon, antworte schon, spül schon, auch sofort. Nur, dass es da diese Anderstore gibt. Bei den Kühen. In meinem Alltag.

Und oben der Tiger im Bild? "Kannst Du mich hier rausholen?" Ich hab ihn schon verstanden. "Du siehst mich als Zaunwesen. Bin ich aber nicht. Ich seh Dich Mensch auch als Zaunwesen. Bist Du aber auch nicht." Was macht dieser Zaun mit mir, in mir, mit ihm, in ihm? Ich sehe kein Anderstor hier im Zoo. Wiewohl es schön wäre. Aber man muss das alles ja nicht übertreiben. Muss man nicht? "Ja, wenn Du dann friedlich bei mir wohnst..." Na ja, gaga eben. Aber trotzdem.

Weil ich nicht die Macht dazu habe. Winfried Kretschmann hat Macht. Er holte 1000 JesidInnen nach Baden-Württemberg. Zaun weg. Hat 100 Millionen gekostet, das ganze Andertor. Geld anderer Leute, hätt er ohne Steuermittel nicht geschafft. Hats halt getan: Wie viele Geht-nicht-Winfried hat er hinter sich gelassen? Das werden schon viele Geht-Nichts gewesen ein. Aber er sah das Anderstor und ging durch.

Ich bin 71. Und wenn es nochmal ein Baby gibt, dann gibts eins. Und Punkt. Und wenn der Alzi um die Ecke kommt, dann kommt er eben. Und wenn der Führerschein weg ist: "Sie sind dafür jetzt zu alt", dann seis drum. Ich war noch nie bei einem Fussball-Bundesligaspiel. Mach ich aber noch. Ich mach demnächst auch einen Erste-Hilfe-Kurs, nach 50 Jahren nochmal ran! Tetanus-Auffrischung? Ne, keine Lust. Auf den Paulusweg? Ist angesagt, ich aber nicht. Eine Kreuzfahrt? Auch nicht
mein Ding. Ich könnt so viel - aber ich bin auch den Anderstoren nicht im Wort. Bin ich jemandem überhaupt im Wort? Schon. Aber nur, weil ich das so will.

Die beiden Bauern wollten das so. Hat mir was gesagt, mich angerührt. Mich zu meinen Anderstoren geführt. Danke, ihr beiden. Und: Tut mir leid, Tiger. Ich kann nicht alles. Aber einiges schon