Montag, 5. Dezember 2022

Von der Pike auf

 

 

Ich wurde gefragt, wie das damals mit meiner Forschung war. Es war so:

Ich nahm mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land.

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, „sehr gut“. Ich war Doktor der Philosophie.


 

Montag, 28. November 2022

Vom Wickeln und Kindermachen

 

 


Aus meinen Vorträgen.

*

»Papa, warum wickelst Du mich?«, fragt mich mein Baby. »Was willst Du denn da hören?«, antworte ich. »Na, die Mama von meinem Freund hat gesagt, dass sie wegen der Verantwortung wickelt, die sie für ihn hat.« »Du weißt, dass ich nicht für Dich verantwortlich bin und dass ich Dich nicht aus Verantwortung wickle. Du bist selbstverantwortlich.«

Warum wickle ich? Ich weiß, was passiert, wenn ich nicht wickle. Dann tut der Po weh, nach drei Tagen kommen die Würmer und nach einer Woche ist mein Kind tot. Will ich das? Nein, das will ich nicht. Ich will ein gesundes und fröhliches Kind.

Ich wickle, weil ich mein Kind liebe und weil ich das will. Ich trenne die Verantwortung von der Liebe: »Ich wickle Dich, weil ich Dich liebe, nicht weil ich für Dich verantwortlich bin – das bist Du selbst.«

»Du musst mich also gar nicht wickeln?« »Nein, das muss ich nicht. Niemand kann mir zu Recht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe.« »Wenn Du das nicht musst und es nicht tust, dann geht es mir schlecht.« »Das stimmt, und genau das will ich nicht. Ich bin nicht so jemand, der ein Baby leiden oder gar sterben lässt.«

»Habe ich da Glück gehabt?« »Na ja, alle Eltern lieben ihre Kinder und alle wollen sie froh und munter sehen. So sind die Menschen nun mal. Dass es Ausnahmen gibt, ist leider so. Aber mit einem ›Muss‹ kriegt man die auch nicht zum Wickeln.«

Ich kümmere mich um mein Kind, weil ich das will, weil ich das wirklich will. Eltern stehen oft mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr – weil »ich muss doch«. Nein, Sie müssen nicht. Niemand steht über uns und hat das Recht, uns zu zwingen.

Auch Gesetze sind keine Götter, sondern sie wollen von uns akzeptiert und dann befolgt sein. Ich entscheide, ob ich bei Rot an der Ampel stehen bleibe und ob ich Steuern zahle. Was passiert, wenn ich die Regeln nicht einhalte, ist klar. Bußgeld, und ohne Wickeln gibt es kranke Kinder.

Aber sind wir nicht dafür verantwortlich, dass die Kinder da sind? Wir haben sie schließlich gezeugt, »gemacht«. Das sehe ich anders. Können Menschen Leben machen? Nein. Andersrum ist es richtig: das Leben macht uns! Das Leben komponiert und dirigiert! Wir sind Teil des Lebenskreislaufs. Das Leben packt uns und gibt sich durch uns weiter.

Klar, da machen wir schon mit. Wir sind Mitspieler und können immer wieder ja oder nein sagen, aber wir sind nicht der Spielleiter, das Leben wurde vor uns und ohne uns erfunden.

Kein Papa und keine Mama haben ein Baby gemacht, sie sind nicht dafür verantwortlich, dass das Baby da ist. Ist das Baby dann selbst dafür verantwortlich? So kann man das sehen. Oder lässt diese Verantwortung bei Gott, Natur, Universum.




Montag, 21. November 2022

Frisch gelogen - trotzdem wahr!

 


Etwas vom Schluss meines Vortrag "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen":

*

Ich habe Sie auf eine Wanderung in ein ungewohntes und für viele auch ganz neues Land mitgenommen. Diese Wanderung hat viel berührt, im Nachdenken, in Ihrem Gefühl und Ihren Kindheitserinnerungen. 

Vergleichbar mit einer Waldwanderung, bei der ich Ihnen nicht nur Bäume, Sträucher, Blumen und Tiere gezeigt habe. Sondern auch etwas von der Seele und dem Geheimnis des Waldes. Gehen Sie behutsam damit um, es ist ein Schatz. Krone, Matschstiefel, Schweineschnauze, Büffel... das Wissen aus unserer Kindheit. 

Ich schenke Ihnen gleich ein kleines Fläschchen mit einem besonderen Elixier. Wenn Sie einen Schluck nehmen – es wird nicht weniger. Es ist ein Zaubertrank wie bei Asterix und Obelix. Aus der Quelle „Ich liebe mich so wie ich bin“. Wird nie alle, gibt es gratis und hilft immer! 

Als handfeste kleine Maßnahme habe ich aber auch etwas. Sie können sich aus dem Schneewittchen-Märchen einen wohlbekannten Spruch nehmen und für sich umdeuten. Sie schreiben diesen goldenen Satz auf einen kleinen Zettel und kleben ihn nachher zu Hause mit Klebefilm auf den Badezimmer-Spiegel. 

Und wenn Sie morgen früh müde ins Bad kommen und lesen, dass da steht „Ich bin die/der Schönste im ganzen Land“ – dann ist das zwar frisch gelogen, aber trotzdem wahr!

Montag, 14. November 2022

Hintergrundmusik



Die Hintergrundmusik der Gleichwertigkeit, mit der ich in der Kindheit mit den anderen Kindern unterwegs war, ist nie verschwunden. Ich spüre sie auch heute in mir. Sie hat mich nie verlassen. So gesehen bin ich Kind unter Kindern, wobei die anderen Kinder zig Jahre jünger oder gleich alt oder älter als ich sind.

Die Rufe der Kinder

Wir wohnten im Wald, und 100 Meter neben unserem Haus, auf der anderen Seite der kleinen Straße, lag eine große Villa. Sie war von den Briten beschlagnahmt und wurde als Schule für die Grundschulkinder der englischen Soldaten genutzt. Mehrmals am Tag gab es einen Riesenlärm: Die Kinder hatten Pause und sausten und tobten draußen vor der Schule. Es schallte und hallte zu uns und umtoste zwanzig, dreißig Minutenlang meine Welt. Eine grandiose Botschaft, unvergessene Musik, nachhallender Ruf: „Das sind wir.“

Und ich war dabei, schwang mit, eine tiefe Resonanz. Rufe aus einer demokratischen Welt, in der Gleichwertigkeit Basiswert ist. Ich wurde gefüttert und geimpft mit dieser Nahrung: Wir sind von gleicher Art! Ich war dabei, ich fühlte mich wohl, wenn sie so lauf riefen. Es war ein Heimatgefühl. Und wenn ich gelegentlich hinüberlief und unter ihnen war, war ich willkommen.

Der Wald

Wir wohnten im Wald. Ich war mit meinen Geschwistern und Freunden jeden Tag draußen, nach der Schule bis zum Abendessen. Unterwegs in der grandiosen Kulisse der Natur, Teil und Akteur. Ich war täglich für viele Stunden umgeben von Wesen, die sind, die nicht über und nicht unter mir stehen. Die einfach existieren, stattfinden, ohne Belehrung, Besserwisserei, pädagogischen Impuls. Mit denen ich mich auseinandersetzte und im Austausch war, von Gleich zu Gleich:

Bäume, Sträucher, Blumen, Erde, Wasser, Steine, Sand, Vögel, Hasen, Rehe, Wolken, Regen, Sonne, Nachtdunkel, Dämmerung, Schnee, Eis, Hagel, Hitze, Tannennadeln, Himbeeren, Brombeerstacheln, Farnkraut, Brennnesseln, Borke, Käfer, Wespen, Ameisen, Zapfen, Wurzeln, Äste. - Äste: Als ich einmal einen Baum raufkletterte und der Ast brach, sagte er nicht: „Siehst Du, pass besser auf!“ Ein Baum macht so etwas nicht. Er schwang sich nicht über mich empor. Er brach einfach und fertig. Ich atmete und bewegte mich in einer Welt ohne Vorwurf, in einer Welt der Gleichwertigkeit. Jeden Nachmittag.

Die Gleichen

Beim Spielen mit den Gleichaltrigen war nichts außer Gleichwertigkeit. Wenn wir in der Scheune balancierten: jeder auf seine Weise, mit mehr oder weniger Mut, aufrecht, robbend, sitzend, unter uns der gefährliche Bulle. Wir waren verschworen, solidarisch, von gleicher Art. Was immer wir anstellten. Und wir wussten um uns, wenn ein Erwachsener in unsere Welt einbrach, freundlich oder feindlich: er war anders, oben, maß uns das Unten zu. Aber er erreichte uns nicht wirklich, denn in unserem Land gab es kein Oben und kein Unten.



 

Montag, 7. November 2022

Der Schwarze Fleck

 

  

Das Baby ist geboren, Mama und Papa stehen an der Wiege. »Du weißt, dass er da ist«, sagt er. »Ich weiß«, sagt sie, »der Schwarze Fleck.« »Ja«, sagt er, »der Schwarze Fleck.« 

Alle Kinder werden mit einem dunklen Fleck geboren. Er sitzt in der Achsel unter dem linken Arm in der Nähe des Herzens. Er ist drei Tage zu sehen, dann wandert das Dunkle nach innen. Das ist das Böse, das in jedem Menschen wohnt. 

Als ich vor meinem Kind stand, sollte ich das mit dem Bösen – entsprechend unserer Kultur und Tradition – glauben. Das Böse war geerbt aus uralten Zeiten. Doch was für ein grandiose Zumutung! Ich sehe keinen dunklen Fleck! 

Nicht bei meinem Baby und nicht bei anderen Babys. Ich sehe ihn bei niemandem auf der Welt. Menschen werden nicht mit dem Schwarzen Fleck geboren. Das Böse ist eine Sicht auf Menschen, die ich nicht habe. 

In meinem Kinderzimmer habe ich die Macht. Ich sehe keinen Schwarzen Fleck, es gibt das Böse nicht. Das Böse ist eine destruktive Fantasie. Und sie macht Menschen schwach, bricht ihren Glauben an sich und an ihre Konstruktivität. 

Ich sage meinen Kindern, dass sie Liebe sind und dass sie an sich glauben können.


Montag, 31. Oktober 2022

Einen Türspalt öffnen

 

 

 „Was würden Sie tun, wenn der Unterricht langweilig ist, keiner mehr mitmacht und der Lehrer fragt, ob er zu theoretisch erklärt oder was sonst los ist?“ Frage eines Schülers nach einem Vortrag in der Aula seiner Schule, jetzt sind wir im Klassenzimmer, 25 Kinder, 11. Klasse.

Kommt drauf an, wie die Beziehung zwischen den Schülern und dem Lehrer ist. Wenn es Vertrauen gibt, dann sagen die Schüler, was Sache ist. Dass der Stoff langweilig ist. Dass gestern eine Fete war, die sie grade untereinander besprechen. Dass sie sowieso jetzt keine Lust auf Unterricht haben und lieber sofort Pause machen wollen. Dass: Sonstwas. Sie sagen ihm, was wirklich anliegt, und dann wird man ja sehen.

Wenn so ein Klartext nicht geht, sagt sehr wahrscheinlich erst mal keiner was. Dann wird der Lehrer jemanden ansprechen: „Julian, was ist los?“ Julian wird dann verlegen vor sich hinsehen und nichts sagen. Oder „Ich weiß auch nicht.“ Im zweiten Fall kommt es leicht zu einer Beschämung. Die Schüler sollen sich offenlegen. Was sie aber nicht tun. Eine ungute Situation.

Was würde ich also tun? Ich werde ja um Rat gefragt. Was soll ich den Kindern vor mir sagen? Solche Peinlichkeiten kommen in der Schule vor. Jede Menge Peinlichkeiten, Konsequenz aus der Zwangssituation, die jede Schule als Basis nun einmal hat. Die Kinder sind nicht freiwillig dort, Teilzeitgefängnis. Wobei, auch das noch, man ins Gefängnis ja nur kommt, wenn man etwas ausgefressen hat und bestraft wird. Die Kinder haben noch nicht einmal etwas ausgefressen und werden trotzdem eingesperrt, jeden Schultag, zu ihrem Besten.

Na ja, die ganze Schulthematik kommt da in mir hoch. Aber die Kinder wollen – ja, was wollen sie von mir? Ich habe im Vortrag in der Aula auch vom Unrecht der Schule gesprochen, meine Position haben sie gehört. Rufen sie die gehörte Solidarität ab? Wollen sie einen revolutionären Rat? Wollen sie einfach nur noch einmal hören, dass ein Erwachsener (ich) tatsächlich dort unterwegs ist, wo sie sich selbst verorten, als Ausgelieferte und Rechtlose? Ich bin für sie ja ein Alien, ein Erwachsener, den es eigentlich nicht gibt. Welchen Erwachsenen kennen sie denn, der die Schule für eine Menschenrechtsverletzung hält, ihre Unterdrückung sieht und ihr Leid?

„Na ja, kommt drauf an“, sage ich. „Wenn der Lehrer nett ist, würde ich wohl sagen, was anliegt. Wenn ich mich denn grade traue. Wenn er nicht nett ist, würde ich nichts machen und abwarten, was er dann macht. Irgendwie diese ganze Unannehmlichkeit durchhalten.“ Ihre Klassenlehrerin sitzt dabei. Ist sie gemeint? Die Kinder sehen zu ihr hin.

Das Aussprechen des Unrechts, das einem widerfahren ist, vor einer moralischen und gesellschaftlichen Autorität hat eine heilende Wirkung. In der Wahrheitskommision in Südafrika waren die Täter anwesend, wenn Desmond Tutu oder eine andere anerkannte Persönlichkeit das Unrecht aussprach, das die Täter den Opfern zufügten. Dieses Aussprechen der Wahrheit hatte immer wieder auch anrührende und grandiose Auswirkungen. Einmal konnte eine Mutter dem Mörder ihres Sohnes verzeihen und ihn in den Arm nehmen.

Unrecht der Schule. An den Kindern begangen von den Lehrern. Die Wahrheit ist in der Aula von mir ausgesprochen, vor Lehrern und Schülern. Autorität, Täter, Opfer. Die Lehrerin ist jetzt dabei, die Kinder sehen sie an. Kann ich die Tür zur Versöhnung durch das Aussprechen der Wahrheit öffnen? Einen Spalt schon, denke ich. 

 

 

Montag, 24. Oktober 2022

Wem gehört ihr Denken?

 

 

Auf dem Vortrag neulich kamen wir auf die Schule zu sprechen. Ich wurde deutlich und demonstrierte den ganz normalen Alltag der Schulkinder. Und den des Lehrers: 

Schlag Dein Buch auf und lerne, was da steht!“

* 

Ja – geht's noch? Was soll ich tun?

* 

Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken?

* 

Unsere Zivilisation beruht auf bestimmten geistigen Leistungen, etwa dem technischen Wissen, um Brücken, Kühlschränke, Fernseher bauen zu können. Doch dieses Wissen kommt letztlich aus dem Zwang, den die Erwachsenen mit der Schulpflicht der nachwachsenden Generation auferlegt. Unsere Zivilisation beruht streng genommen auf der geistigen Versklavung unserer eigenen Kinder – nichts, worauf wir stolz sein können, und nichts, das sich nicht ändern ließe. 

Lernen Kinder denn ohne Schulpflicht das, was wichtig ist? 

Wichtig für wen? Für die Erwachsenen? Die Kinder werden das lernen, was aus ihrer eigenen Sicht wichtig zu lernen ist. 

Die Verhältnisse werden sicher anders sein, wenn Menschen, auch junge und jüngste, über ihr Denken selbst bestimmen können, und das ist nur für die zum Nachteil, die die Macht nicht teilen wollen. Das selbstbestimmte, von innen kommende Lernen ist ein wertvoller Schatz der Menschheit, der gehoben werden muss, wenn die anstehenden Probleme sinnvoll gelöst werden sollen.

Vielleicht wird die Post dann nicht mehr in einem Tag von Hamburg nach München befördert werden können – die Menschen werden selbst entscheiden, was ihre Lebensqualität ausmachen soll und was nicht. 

*

Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken?


 

 

Montag, 17. Oktober 2022

Blick in den pädagogischen Abgrund

 

      

Amication ist ein Sonnenland. Von dort erkenne ich das strukturelle Leid im Erziehungsland, das durch liebende und gutmeinende oder widerwärtige und böswillige Menschen für die Kinder konkret wird. Ich sehe in den pädagogischen Abgrund... 

Ich möchte niemanden verschrecken, der sich für die amicative Welt interessiert. Es geht um mein Erkennen, meine Botschaft, meine Einladung. Vielleicht braucht es ja eine gewisse seelische Stärke, Sensibilität, Erinnerung, um die pädagogischen Seiten unserer Kultur als dunkel und desaströs zu erkennen. Ich zeige das auf, es muss ja niemand laut Beifall klatschen – man kann auch angerührt schweigen. Jeder kann sich mitnehmen lassen zu der amicativen Tür, die ich zeige: und sie in eigener Verantwortung schließen oder hindurchgehen.

Wenn wir jemanden etwas absprechen, wovon er aber überzeugt ist und von dem er meint, dass es ihm zukommt, erlebt er diese Position als Angriff. Wenn wir Kindern aufgrund der pädagogischen Position absprechen, dass sie Selbstverantworter sind – sie sich jedoch so fühlen – , dann erleben sie dies als psychische Aggression, als Angriff auf ihr Selbstverständnis. Sie erleben die pädagogische Nicht-Anerkennungs-Haltung als ein psychisches Gift, dem sie sich ausgeliefert fühlen.

Dieses Gift wirkt langsam, aber unaufhaltsam. Es zersetzt das mitgebrachte Selbstverantwortungsgefühl und damit das grundlegende Selbstvertrauen. Das Vertrauen darin, dass ich Grund aller Dinge bin und mich getragen weiß vom Sinn des Ganzen. Und es zersetzt auch das Vertrauen in die anderen, in die Erwachsenen, in die Sozialität und Gemeinschaft: Denn von diesen großbeinigen stimmgewaltigen Riesen kommt ja diese eklige Psycho-Ätze. Und ihre loyale Unterstützung in die selbstverantwortlich erspürten und mitgeteilten Wichtigkeiten bleibt ja immer wieder aus, „weil wir besser wissen als Du, was für Dich gut ist“. 

Misstrauen zu sich selbst und zur Gemeinschaft baut sich auf, verborgener oder offener Selbsthass und sozialer Hass bis hin zur Bereitschaft, sich und andere zu töten (Kriegsbereitschaft), sind die Langzeitfolgen der pädagogischen Mentalität. 

Aus Kindern sind nach einer langen Reihe von Jahren der pädagogischen Verhexung dann Erwachsene geworden, die so sind, wie wir wurden: voll von großen und kleinen, offenen und verdeckten Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen, abhängig vom Urteil anderer, mutlos, den eigenen Weg zu gehen, vorbeigeschleust am eigentlichen Leben.

Das alles lässt sich ändern. Amication ist ein Sonnenland.

 

 

 

Montag, 10. Oktober 2022

Paten

 

 

Meine Vorträge halte ich vor Eltern, aber es gibt Ausnahmen. Jetzt wurde ich von Menschen eingeladen, die als Pate einmal in der Woche für einige Stunden mit einem Grundschulkind Zeit verbringen. Über Monate und Jahre, Beziehungen bauen sich auf, ein großes Engagement. Ich bin gerne zu ihnen gefahren und hielt meinen Vortrag. Aber ich merkte im Lauf des Abends, dass es diesmal irgendwie anders war als sonst.

Zunächst einmal erinnerte mich die Patenschaft an meine Forschung, als ich herausfinden wollte, ob „unterstützen statt erziehen“ funktioniert (was es tat). Dabei traf ich mich wie die Paten auch einmal in der Woche mit Kindern einen Nachmittag lang, und wir unternahmen das, was sich so ergab. Ich war damals also wie die Paten nicht als Eltern/Vater unterwegs und erlebte die Kinder als „Gast im Kinderland“.

Nach dem Abend ging mir durch den Kopf, dass die Paten ja genau so wie ich damals nicht in die Eltern-Kind-Beziehungen verstrickt sind und viel mehr Spielraum für die Kommunikation haben. Unbeschwerter, offener, verletzungsfreier. Mit großer Chance auf ein Vertrauen, das die Kinder nicht unbedingt ihren Eltern entgegenbringen. Aber Paten.

Die Thematik „Würde“ und „Achtsamkeit“ ist für die Paten kein großes Thema. Sie engagieren sich ja gerade deswegen, um die Würde der Kinder zu stützen und um ihnen bedingungslose Achtsamkeit zu schenken. Mit „Würde“ und „Achtsamkeit“ sind sie vertraut, das können sie. Ich zeige an den Abenden einen bestimmten Weg dorthin. Den Weg, den ich herausgefunden habe und den ich „unterstützen statt erziehen“ nenne.

Ich denke, dass ich an einem Punkt nicht aufgepasst habe. Die Paten hörten mich dauernd von etwas sprechen, was ihnen ein selbstverständliches Anliegen ist: Würde und Achtsamkeit. „Was will er denn eigentlich? Das machen wir doch längst!“ war die Stimmung. Die ich zwar mitbekam, aber nicht merkte, wieso da so ein Unverständnis war.

Ich sprach sie eben als Eltern an. Die sie heute Abend aber nicht waren: Als Eltern, die mit Würde und Achtsamkeit ein großes Problem haben und die mir da sehr genau zuhören. Sie aber waren Erwachsene, die die Würde- und Achtsamkeitsproblematik nicht haben – sie realisieren Würde und Achtsamkeit an den Nachmittagen mit den Kindern. Was bei den Eltern in ihrer Alltagsverstrickung und ihrem Alltagsstress mit den immer eben auch anstrengenden bis sehr anstrengenden Kindern schon ein großes Thema ist.

Da habe ich die Paten verfehlt. Ich hätte ihnen verdeutlichen können, dass es bei aller gelebter Würdesicht und Achtsamkeit noch etwas zu entdecken gibt. Dass bei aller Würde und Achtsamkeit die Gleichwertigkeit entweder fehlen oder dabei sein kann: Die Begegnung von Souverän zu Souverän. Man kann ja auch gutmeinend und liebevoll, würdewahrend und achtsam sein und dennoch gleichzeitig von oben nach unten mit den Kindern umgehen. Motto “Bei aller Würde und Achtsamkeit – Du bist ein Kind, wirst erst ein vollwertiger Mensch, und ich bin (auch in diesen wenigen Stunden) für Dich verantwortlich. Das kannst Du noch nicht selbst sein. Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist.“

Oder man ist als Pate eben nicht von oben nach unten mit den Kindern unterwegs, sondern amicativ, postpädagogisch, jenseits der Erziehung. Liebe, Würde, Achtsamkeit ohne subtile pädagogische Herabsetzung mit all den destruktiven Folgen.  „Was soll denn das sein?“ – diese Frage und Fragehaltung und Neugier waren nicht im Raum. Und ich war nicht sensibel genug, das unausgesprochene Unverständnis gut zu handhaben. So habe ich mich zwar mit Nachdruck bemüht, den Paten klarzumachen, was ich eigentlich im Sinn habe – aber meine Bemühungen rauschten an ihnen vorbei. Weil ich den Anknüpfungspunkt verpasste.

Die Liebe, Würde, Achtsamkeit ist in meinen Vorträgen nicht das wirkliche Thema. Sondern die Gleichwertigkeit und Souveränität. Auch Herr Taliban liebt seine Frau, sieht ihre Würde und ist achtsam – aber gleichwertig und souverän? „Das ist sie nicht.“ Sehen die Paten die Kinder gleichwertig und souverän?

Na ja, hätte hätte Fahrradkettte... Es gab am Schluss jedenfalls Beifall – aber ich hatte diesmal nicht so ein gutes Gefühl wie sonst und kam auf der Rückfahrt ins Grübeln. Außerdem: man weiß ja nie, was letztlich passiert. Im Leben und bei so einem Vortrag. Eine Patin freut sich doch auf mein neues Buch*, das ich ihr schenken will – um alles noch einmal nachlesen zu können...




* Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“. Ab November 2022

Montag, 3. Oktober 2022

Petra, zehn, selbstbewusst - vor 80 Jahren


 

Neulich fand ich im Regal ein altes Kinderbuch von der norwegischen Schriftstellerin Barbara Ring (1870-1955): "Petras Reise"*. Es geht um zwei Mädchen, Petra und Ulla, zehn und neun, die mit Petras Großvater von Norwegen nach Kopenhagen fahren. Eines Tages fährt Petra mit ihrer Cousine Ullla allein zum Theater, sie wollen einen Schauspieler besuchen, den sie am Abend vorher im "Sommernachtstraum" bewundert haben.

Als sie endlich zurückkommen, kriegen sie was zu hören. Der Großvater ist echt sauer. Genau so wie der Vater von Ulla, bei dem sie in Kopenhagen wohnen. Ullas Mutter ist dort gerade im Krankenhaus.

Ich hatte mir das Buch vorgeholt und war wirklich erstaunt, wie Barbara Ring vor 80 Jahren das Mädchen in der Szene darstellt. Ich bin beeindruckt, und will das Gespräch vom erzürnten Großvater und dem nicht minder angefassten Vater von Ulla mit Petra gern wiedergeben.

*

Da rief Großvater plötzlich glückstrahlend: „Sie kommen! Da, seht, da!“

Da kamen sie im Eilmarsch über den Platz. Petra voran, und Ulla, sich krampfhaft an ihrem Kleide festhaltend, hinterher.

Wie der Sturmwind ging's – an Straßenbahnwagen vorbei, zwischen Autos, Wagenrädern und Pferdehufen hindurch, so dass Großvater vor Angst beinahe das Herz stillstand.

Ullas Vater kam ihnen entgegen und nahm eine an jede Hand.

Wie konntet ihr nur so etwas tun und uns so furchtbar erschrecken?“ zankte er. „Nun ist es zu einem Besuch bei Mama fast zu spät.“

Ulla begann sofort laut zu heulen.

Natürlich bist einzig und allein du auf diesen unmöglichen Gedanken gekommen“, sagte er böse, zu Petra gewandt.

Jawoll“, erwiderte Petra seelenruhig.

Du bist ein schreckliches Kind!“ fuhr Ullas Papa streng fort. „Schäme dich, den alten, guten Großvater so in Angst zu versetzen!“

Bist du wirklich bange gewesen, Großvater? Du wusstest ja, dass ich mit war und auf sie aufpasste“, sagte Petra.

Und sie blicke mit großen, zuversichtlichen Augen zu Großvater empor. Es fiel ihr keinen Augenblick ein, dass man sich auch um eine andere als um Ulla geängstigt haben könnte.

Es war aber nicht Pe- Petras Schuld, sie sagte, ich sollte zu Hause bleiben“, schluchzte Ulla.

Doch, ich hatte Schuld“, sagte Petra. „Aber das ist ja nun ganz einerlei, wir sind ja nun glücklich wieder hier.“

Nein, das ist nicht einerlei, meine liebe Petra“, erklärte Großvater. „Ich verbiete euch auf das Strengste, je wieder allein einen Fuß auf die Straße zu setzen.“

Du hattest es aber nicht verboten“, sagte Petra.

Nein, denn ich glaubte, ihr wäret groß und vernünftig genug, um das selbst einzusehen.“

Ja, du weißt ja, dass ich zu Haue immer so allein losgehe“, sagte Petra mit unverwüstlicher Ruhe.

Mag sein. Hier ist dir das aber nicht erlaubt, hast du verstanden? Wo seid ihr übrigens gewesen?“

Wir waren bei Puck. Es war aber nur Beschummelei, denn er war eine Dame. Und seine Haut hing in einem Schrank. Deshalb gingen wir gleich wieder weg; aber wir kriegen sein Bild, und sie soll unseres haben, und sie sagte, das machte nichts, wenn du da mit drauf wärst, Großvater."

Ihr seid im Theater gewesen? Und habt einer fremden Schauspielerin mein Bild versprochen?“ fragte Großvater entsetzt.

Nee, nicht deines, unseres! Aber es mache nichts, dass du da mit drauf wärst, verstehst du wohl?“ sagte Petra, ohne sich anfechten zu lassen.

Großvater aber schüttelte den Kopf und fasste in seinem Innerem den Beschluss, dass aus dem Fotografieren „mit ihm da drauf“ nichts werden sollte...



* Barbara Ring, "Petras Reise. Stuttgart 1939. S. 58ff.