Montag, 6. Dezember 2021

Schein der Freiheit



Es ist alles nicht so einfach … das trügerische Eis der zeitgemäßen achtsamen Pädagogik in all seiner Brüchigkeit und verletzenden Wucht zu erkennen. Auf dem letzten Vortrag wurde ich wieder einmal damit konfrontiert. Hier Grundsätzliches dazu, angereichert mit einem Zitat von Rousseau.

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die "Notwendigkeiten“ – das heißt allemal Erwachsenenvorstellungen – zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“ es dann in „Augenhöhe“ mit „Ich-Botschaften“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ und in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag: 

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor – aus seinem Selbstverständnis heraus – die innere Führung beansprucht. Und dabei dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ und „Achtsamkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen. Und entziehen sie effektvoll der Thematisierung und Diskussion.

Diese „sanfte“ Pädagogik hat lange Tradition. Schon der französische Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau forderte 1760 in seinem Buch „Emile oder Über die Erziehung“ *:

„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen … Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“



* Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.



 


Montag, 29. November 2021

PferdeKinder


  

Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Weg für den Umgang mit Pferden. Dabei will man in die Welt eines Pferdes eintauchen, ein Pferd von innen heraus verstehen, mit ihm sein statt es beherrschen. Einem Jährling wird nicht mehr der Willen gegen seine Natur gebrochen, indem er mit Gewalt eingeritten wird. Es wird eine Kommunikation auf gleicher Augenhöhe hergestellt von Geschöpf Mensch zu Geschöpf Pferd. Und siehe da, ein Pferd, das einen Menschen so gleichwertig erlebt, lässt ihn nach einer Zeit des Vertrauens bereitwillig auf seinen Rücken steigen. Immer mehr Menschen gelingt dieser neue Weg, und etwas ungläubig nennen wir solche Menschen Pferdeflüsterer.

Die Kinder von innen heraus verstehen, ihre innere Souveränität überhaupt erst einmal erkennen, sie nicht mit erzieherischer Missionierung brechen – und ein Kind lässt uns teilhaben an seiner Welt, von Geschöpf zu Geschöpf. Doch wie viele können so etwas denken? Wer erkennt diesen Weg und kann ihn gehen? Wir sind im Umgang mit Pferden weiter als in unseren Beziehungen zu Kindern.

"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Pust nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Red lauter! Red leiser!" 

Schon klar. Nur dass die Kinder das anders sehen. Ganz anders. 












Montag, 22. November 2021

Medizin


 

Ich bin in einer großen Buchhandlung und sehe mir an, was es grade so gibt an pädagogischen Fachbüchern und Erziehungsratgebern. Ich bin auf der Suche nach Verlagen solcher Bücher, um ihnen das Manuskript meines neuen Buches vorzustellen. Die ungewohnte Konfrontation mit all den Experten erinnert mich an eine spezielle Kritik an meinen Vorträgen.

„Du übersiehst das Bemühen von Eltern und Fachleuten, neue kinderfreundliche Wege zu erkunden, erste Schritte zu tun weg vom Oben-Unten hin zur Beziehung auf gleicher Augenhöhe. Du bist so pauschal und so schwarz-weiß: Nur Amication ist richtig. Irgendwie arrogant und kontraproduktiv, denn Du willst doch Menschen für die Amication gewinnen.“

Also: Da übersehe ich nichts. Auf meinen Veranstaltungen erlebe ich immer wieder Eltern und Fachleute, die sich zu lösen beginnen vom traditionellen Erziehungs-Oben-Unten. Intuitiv, ohne Theorie, mit dem Herzen fühlend, absprungbereit, erste Schritte wagend, oder schon voll im (nicht)pädagogischen Neuland unterwegs. Dies ist für mich anrührend zu sehen, und ich wünsche mir viele viele solcher Erwachsener.

Meine Texte und meine Vorträge und Seminare sind voll Klarheit und Wahrheit: Erziehung hier - Nicht-Erziehung/Amication/Postpädagogik dort. Mit intellektueller Kraft sehe ich den Unterschied, und ich trage diesen Erkenntnisimpuls gern und beschwingt weiter und male freudig meine Wortbilder. Ohne Intuitives herabzusetzen, ohne das Suchen, Fragen, Beginnen, Zweifeln abzutun!

Und bei all meiner intellektuellen Klarheit nehmen meine Zuhörerinnen und Zuhörer auch meine Herzenswärme wahr, aus der heraus ich all dies überhaupt erst hervorhole. Ich bin als Botschafter unterwegs, als Kind im Erwachsenenland. Meine intellektuelle Trennschärfe wird von den meisten Menschen, die mir zuhören, gern angenommen, durchaus auch staunend, dass das, was sie spüren, bereits einen solchen fulminanten Überbau hat.

Das hätten sie nicht gedacht! Und sie sagen, dass ihnen das hilft, weiter auf ihrem Weg zu den Kindern zu gehen, dem Weg, den sie als für sich richtig erfühlt haben. Und sie bedanken sich für diese Hilfe beim Emanzipieren von all den Normen eines „richtigen“ Umgangs mit Kindern, die in ihnen rumspuken und die so viel Macht über sie haben. Und die von so vielen einflussreichen und renommierten Persönlichkeiten zustimmungsfordernd daherkommen, von

Aebli, Böhm, Bosco, Brezinka, Brunner, Cohn, Comenius, Dewey, Diesterweg, Dilthey, Flitner, Freinet, Fröbel, Ftenakis, Gagné, Gordon, Herbart, Humboldt, Jegge, Juul, Kant, Kerschensteiner, Klafki, Korczak, Hentig, Litt, Makarenko, Meves, Mollenhauer, Montessori, Neill, Nohl, Pestalozzi, Piaget, Pikler, Pawlow, Petersen, Platon, Prekop, Reich, Rousseau, Roth, Schleiermacher, Skinner, Sokrates, Spranger, Steiner, Uschinski, Wild, Wyneken, Ziller, Zulliger, Hinzius und Kunzius.

Forderungen, die in all den Fachbüchern und Erziehungsratgebern stecken, dass den Müttern und Vätern ganz schwindelig wird. Ganz abgesehen davon, was sich in ihnen angebraut hat, wie sie sein sollten, als ihr erstes Kind kam. Sie wollen sich davon lösen, weil sie das alles ungut finden. Und da komm ich ins Spiel und biete ihnen halt etwas Medizin an, damit sie ihr Gleichgewicht besser halten können. Eine spezielle Mixtur aus Intellekt und Emotion, Emanzipation und Gelassenheit, Selbstliebe und Empathie, Zweifellosigkeit und Überzeugtheit.

Diese amicative Medizin ist dem einen süß, dem anderen bitter. Ich aber freue mich, wenn sie hilft.


 

Montag, 15. November 2021

Mika und David

 

 

Ich bin zum Arbeitsbesuch in meiner alten Wohnung. Ich räume die beiden Kammern auf dem Dachboden aus, es sind unzählige aussortierte Bücher, Teppiche, Matratzen und viel Haushaltskram von früher durchzusehen. Morgen soll endlich das zur Müllstation, was nicht mehr zu gebrauchen ist. Aber wie schaffe ich es, die vielen schweren Kartons und Co aus dem dritten Stock nach unten zu bringen? Alles soll dort im Parterreflur parat stehen, morgen habe ich einen Transporter, mit dem ich die Sachen wegbringen kann.

Ich mache eine Pause und fahre ein bisschen durch die Felder. Zwei Jungen, so um die 16, 17 fahren vor mir auf ihren Rädern, ich überhole sie. Tja, wenn die mir die Kartons tragen würden... Da halte ich auch schon an. „Hallo Ihr zwei, ich habe mal eine Frage...Kartons...3. Etage…halbe Stunde Arbeit...50 Euro...“ Sie verstehen mein Problem, sehen sich kurz an, dann sagen sie spontan ja. Ich bin begeistert! Und erkläre ihnen den Weg, sie kennen sich aus, sind aus dem Dorf.

Gehört sich das? Fremde Kinder ansprechen? 50 Euro anbieten? Tja, eigentlich nicht. Aber ich habe meinem Gefühl vertraut, wie immer, wenn ich etwas Außernormiges vorhabe. Es dennoch probiert. Ich brauchte Hilfe – ich habe mich an jemanden gewandt. Nicht leicht, aber ich habe mich getraut und die Etikette beiseite geschoben. „Könnt Ihr mir helfen?“

Nicht nur die Jungen anhalten und anquatschen, auch die 50 Euro waren eigentlich zu viel. Man kann Kinder doch nicht mit Geld anlocken... Auch da habe ich die Etikette beiseite geschoben. Die 50 Euro waren stimmig. Und ich will ihnen auch eine Freude machen. Unverhoffte 50 Euro sind für junge Burschen schon eine kleine Ansage, für eine halbe Stunde Arbeit am Sonntag Nachmittag.

Es hat alles gepasst. Sie waren achtsam mit meinem Kram, alles war dann gut unten verstaut.

Zu Beginn der Aktion, als sie mit ihren Rädern am Haus ankommen, habe ich mich vorgestellt. „Ich heiße Hubertus, wie heißt Ihr?“ Mika und David waren erst befangen, dann unkompliziert. „Wir duzen uns, ok?“ Auch das ging. Und die 100 Jahre Altersunterschied? Welcher Unterschied?

Zufrieden fuhren sie nach getanem Werk und dem 50er von dannen. Und zufrieden ging ich wieder auf den Speicher, es gab noch viel zu kramen.

 

 

Montag, 8. November 2021

Blumen für den Klassenlehrer

 

 

Zu meinem diesjährigen Klassentreffen kam auch unser damaliger Klassenlehrer der Abschlussjahre. Beim letzten Treffen hatte ich ihm kurz etwas von Amication erzählt und dann ein Buch (Amication – Themensammlung) geschickt. Er hatte es gelesen und war überhaupt nicht einverstanden! Bevor das Essen in unserem Stammlokal kam, hatte ich 15 Minuten – ich wollte ihm den Kern der Sache, das, was Amication ausmacht, gern vermitteln. Es hat nicht geklappt!

Ich habe darüber nachgedacht, als ich nach Hause fuhr. Warum konnte ich ihn nicht erreichen? Ich bin doch erfolgreich auf den Elternabenden. Ja, da habe auch auch zwei Stunden Zeit, davon hören die Eltern eine Stunde lang erst einmal konzentriert zu (was bei der schwierigen Thematik erstaunlich genug ist). Und ich merke an den Fragen und Reaktionen, dass viele Eltern eine Ahnung davon bekommen, was mit Amication gemeint ist. Sie sind zum Schluss angerührt und bedanken sich.

Die Eltern kommen mit dem Fragehaltung: Was ist eigentlich mit „Unterstützen statt erziehen“ gemeint? „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“ - so (und etwas mehr an Inhaltlichem) steht es in den Flyern, die sie im Kindergarten oder im Volkshochschulprogramm lesen. Sie wollen es verstehen. Mein Klassenlehrer dagegen war auf einem anderen Trip: Dem Ablehnungskurs. Er wollte mir klar machen, dass das so nicht geht, was ich da geschrieben hatte. Er wollte nicht verstehen, er wollte korrigieren. Sein Impuls war gänzlich anders.

Er hatte die üblichen Einwände: man muss doch Grenzen setzen (als täte ich das nicht), man weiß es besser als die unwissenden Kinder. Tja, das weiß ich auch, natürlich ist es unten an der Wand eine Steckdose und keine Schweineschnauze. Aber mein Wissen – nach dem ich auch handle – stellt mich auf der psychologischen Ebene jedoch nicht über das Wissen eines anderen, und sei er noch so anders/jung.

Der Unterschied von Handlungsebene und psychologischer Ebene war meinem Klassenlehrer nicht präsent als goldener Weg zum Verstehen von Amication. Mein Erklären der verschiedenen Ebenen brachte nichts. Da warf ich eine Gabel auf einen Teller, dass es nur so schepperte! Alle sahen auf, die Bedienung erstarrte. „Werner, das Werfen und das Geräusch ist die Handlungsebene. Dein Erschrecken und peinliches Berührtsein ist die psychologische Ebene. Und ich bin nur in der psychologischen Ebene anders als erzieherische Eltern“. Half nichts, kam nicht an. Meine Gabelwerferei im vornehmen Restaurant war einfach nur daneben. Vermitteln konnte ich nichts.

Auch das Beispiele vom achtungsvollen Töten des Büffels zog nicht: auf der Handlungsebene klares Oben (erfolgreicher Jäger) und Unten (getöteter Büffel), auf der gleichzeitigen psychologischen Ebene klare Gleichwertigkeit (Jäger „Ich danke Dir für dein Fleisch“, Büffel „Du setzt mich nicht herab, auch wenn Du mich tötest“). Und meine Vergleiche vom früheren chauvinistischem Oben-Unten der Männer zum heutigen gleichwertigen Zusammensein mit Frauen auch nicht. „Lass das mal, den Vergleich mit den Frauen“.

Es fehlte einfach der Funke, das Aufblitzen einer Erkenntnis. Es kamen ganz andere Statements von ihm als ich sie auf den Elternabenden zu hören bekomme. Er: „Wie lange warst Du eigentlich Lehrer?“ „Wie hast Du Deine eigenen Kinder großgezogen?“ Immerhin vermied er „erziehen“, es war ihm klar, dass ich da etwas dagegen hatte. Was ich dagegen hatte, war aber eben nicht klar. Jedenfalls wollte er mich einem Praxistest unterziehen, die Legitimation einsehen, ob ich überhaupt in pädagogischen Belangen mitreden könne. Dass es um ein strukturelles Problem ging, um eine postpädagogische Haltung im Gegensatz zu einer pädagogischen Haltung, dass es um Erwachsenen-Chauvinimus ging, Adultismus genannt – das verfing nicht.

Er konterte meinen 5-Minuten-Theorie-Redeschwall („Hör mir erst mal 5 Minuten einfach zu“) mit „Das geht nicht“ auf der praktischen Ebene. Ich konnte ihm nicht klar machen, dass es um Existentielles, Menschenbild und Co ging. Obwohl ich das ja sagte – es verfing eben nicht.

Ich habe mir dann auf der Rückfahrt gesagt, dass er eben wie alle, die ich im Laufe der vielen Jahre Öffentlichkeitsarbeit mit Amication nicht erreicht habe, in einer anderen Welt, einem anderen Narrativ oder Erzählung unterwegs ist. In der pädagogischen Welt eben. Wenn ich da nicht irgendwie dazwischenkomme, mit viel ruhiger Erzählzeit, ohne Opposition und mit offenen Ohren und Resonanz mit eigenen Kindheitserfahrungen, dann geht da nichts.

Und außerdem wollte ich etwas erklären – Erklären hatte er aber nicht bestellt. Er wollte selbst etwas erklären, mir nämlich: dass es mit der Amication nicht geht. Er hat mich nicht gefragt: „Wie meinst Du das alles eigentlich mit der Amication?“ Da bin ich halt übers Ziel hinausgeschossen. Es hat mich mitgerissen, ich wollte meinem Lehrer etwas zeigen. Ein Schüler, der etwas entdeckt hat. Ich wollte ihm meine wunderschönen neuen Blumen zeigen und habe nicht gemerkt, dass er meinen Blumenstrauß für eine Ansammlung von Unkraut hielt.

Wir sind friedlich auseinandergegangen. Das Essen kam, und die anderen hatte auch genug von meiner Beschlagnahme unseres Klassenlehrers. Schick ich ihm noch ein Buch hinterher? Vielleicht mein „Schule mit menschlichem Antlitz“ oder mein Schultagebuch? Immerhin war er doch lange Zeit Lehrer... Ich werde es lassen. Er hat nicht danach gefragt. Ich will ihn doch nicht missionieren.

Und: Ich mag ihn sehr.


(Über mein erstes Wiedersehen mit meinem Klassenlehrer habe ich im Post vom 25.2.2018 etwas geschrieben.)


Montag, 1. November 2021

Warten am Zwischentor


 

Ich warte.“ Die Kinder sollen bitte sehr aus dem Auto steigen, es geht zum Einkaufen. Aber sie spielen weiter mit einem alten Handy rum. Ich bin ausgestiegen und warte. Ungern. Ungerner. Noch ungerner. Ich öffne unsanft ihre Aussteigetür. Dann kommt endlich Bewegung ins Feld. Einer steigt aus. Der andere noch nicht. Mein Warten wird schwer, explosiv. Dann kommt auch der zweite. Der Weg zum Geschäft ist lastig, wartelastig. Jedenfalls nicht unbeschwert und heiter. Die Sonne scheint zwar, aber nur am Himmel.

Wieso kann ich nicht warten? Einfach da sein und warten? Was bremst mich aus? Ich bin heute Vormittag gern mit den Kindern in der Stadt. Wir haben etwas vor, Einkaufen und mal sehen. Doch ihr Nichtaussteigen vertreibt die Leichtigkeit des Seins.

Warten - welch grandioses Thema. Eine Lebensthema. Auf alles und jedes und jede und jeden wird gewartet. Dass er/sie/es kommen möge. Nicht kommen möge. Dass es vorbei ist. Dass es nicht vorbei ist. Endlos, uferlos. Und immer wieder mit diesem unangenehmen Ton dabei.

Wenn ich gut bei mir bin, mit den Wolken fliege oder die Sonne genieße, dann gelingt das Warten. Dann könnte ich die Kinder in ihrem Spiel sehen, auch jetzt, wo sie nicht aussteigen. Sie sind doch in der Freude, in ihrem Spiel eben. Was muss ich das stören, zerstören durch meine Pläne, meine Eile, meine Ungeduld? Warum muss es jetzt nach mir gehen („raus jetzt, sofort“) und nicht nach ihnen („gleich, wir sind noch nicht fertig“)?

Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk. Was macht sich da in mir breit?

Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten. Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Sofort.

So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis. Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.

Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv und so. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur. Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne.

Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. Und dann kann ich stehen bleiben, als sie sich einem Bettler zuwenden, der am Boden sitzt. Ich warte. Er spricht sie an, sie sehen zu mir, und ich gebe ihnen etwas für ihn. Sie freuen sich über sein „Danke“ und seinen freundlichen Blick.

Habe ich es nicht eilig? Das hat sich erledigt. Ich warte. Und genieße die drei Menschen vor mir, wie sie miteinander zu tun haben, die Kinder und der Bettler. Ich werde beschenkt. Das Warten öffnet Zwischentore für Orte, die nicht vorgesehen aber dennoch da sind, voller Wunder und Geschenke.




Montag, 25. Oktober 2021

Ich bin nicht für Kinder verantwortlich...

 


...weil die Kinder das selbst sind.

Auf dem Vortrag neulich ging es mal wieder um die Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder haben. Mein „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ kam nicht so gut. Ich stand als jemand da, der sich nicht um Kinder kümmert. Lieblosigkeit und unrealistisches Hängenlassen standen im Raum. Da habe ich dann klar gemacht, wie ich das meine und was es mit der Verantwortung und der Selbstverantwortung so auf sich hat. 

Ich unterscheide in „Verantwortlich für“ und „Verantwortlich für“. Das sind zwar dieselben Worte, aber sie haben je nach dem, was mitschwingt und was ausgesagt werden soll, unterschiedliche Bedeutungen. Dieselben Worte – doch verschiedene Bedeutungen: das ist das Problem. Die Zuhörer – und nicht nur die auf den Vorträgen – sind bei der Verantwortungsthematik in einem anderen Nachdenken unterwegs als ich, wenn ich vom „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ spreche.

Zwei Räume also. Das kann ich thematisieren, aussprechen, klarmachen, und das sollte ich auch, damit das Gespräch überhaupt richtig funktioniert. Was ich oft aber nicht tue. Wieso? Weil mir mein eigener Raum so präsent ist, dass ich den anderen Raum – den üblichen, in dem die Zuhörer unterwegs sind – ausblende. Und weil ich diesen anderen, diesen üblichen Raum, in dem fast alle unterwegs sind, unwürdig finde. Und weil ich mich bei meinem Vortrag „Unterstützen statt erziehen“, also bei einem Gespräch über meine Welt, damit nicht beschäftigen will. Was aber ziemlich uneffektiv ist, denn die Gesprächspartner bekommen dann meistens nicht mehr mit, was ich vermitteln will. Aber keine Sorge, ich schaffe das im Laufe eines Vortragabends schon.

„Ich erziehe Kinder nicht“ – auch so ein Satz, der in die Irre führt, wenn ich seinen konstruktiven Hintergrund nicht gleich mit vermittele.“Unrealistisch, antiautoritär, der spinnt doch“ ist dann ein schnelles Urteil. Dabei ist es weder unrealistisch noch antiautoritär noch gesponnen, sondern etwas sehr Sinnvolles. Bei der Verantwortungsproblematik ist es genau so.

Also Klarstellung:

„Verantwortlich für“ Nummer 1, die Kümmer-Verantwortung. Die ich selbstverständlich praktiziere.

Die Kümmer-Verantwortung: Ich kümmere mich um alles möglich: die Kinder, das Fahrrad, den Arzttermin, die Katze, endlos. Da passt das "Ich bin verantwortlich für" gut: Ich bin für die Kinder verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie sich wohl fühlen. Ich bin für das Fahrrad verantwortlich (kümmere mich um es), damit es sicher fährt. Ich bin für den Arzttermin verantwortlich (kümmere mich um ihn), damit ich ihn nicht verpasse. Ich bin für die Katze verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie was zu futtern hat. Ich bin für Endlos verantwortlich (kümmere mich darum), damit es gut endet. – Hier gehen alle mit.

„Verantwortlich für“ Nummer 2, die Anmaß-Verantwortung. Die ich selbstverständlich ablehne.

Sie ist nicht leicht zu verstehen und zu erfühlen. Sie taucht nicht auf am Horizont der Wahrnehmung, wenn es um die Kinder (und auch andere) geht. Wegen eines hintergründlichen Machtwillens und eines gouvernantenmäßigen Herrschaftsanspruchs, der so ganz selbstverständlich ist. Vor lauter Unterwegssein in der Kümmer-Verantwortung wird die Anmaß-Verantwortung nicht bemerkt. Es gibt keine Sensibilität dafür, dass im „Ich bin für Kinder verantwortlich“ etwas Übergriffiges, Verletzendes, Herabsetzendes stecken kann. Diese Anmaß-Verantwortung gehört in unserer Kultur ganz automatisch zu uns, wird aber nicht als Anmaßung erlebt – sondern als sinn- und liebevolle Fürsorge – und ist in langer Tradition verwurzelt. Die sich überwinden lässt.

Beispiel für eine solche Anmaßung und ihre Überwindung: „Männer sind für Frauen verantwortlich, weil die Frauen das nicht selbst sind. Männer sind in bester Absicht und voll Fürsorge für die Frauen unterwegs. Männer wissen, was für Frauen gut ist.“ Diese patriarchalische Position ist heute von den Männer überwunden. Nicht bei allen, aber immerhin. Männer haben verstanden: Frauen sind selbstverantwortlich.

Wenn das „Ich weiß, was für Dich gut ist“ mit einem Macht- und Herrschaftsimpuls daherkommt, wie richtig ein solches Wissen auch sein mag, dann ist so ein Gutwissen vergiftet. „Ich weiß, was für Dich gut ist, denn ich bin für Dich verantwortlich und kümmere mich um Dich“ – wenn diese Denkwelt mit einem Drüberstehen über dem anderen daherkommt – dann kann man sagen: das geht ja auch nicht anders. Oder man kann sagen, und das sage ich: das geht sehr wohl anders. Und dann beginnt meine Argumentationswelt:

Jedes Lebewesen trägt für sich selbst Verantwortung, von Anfang bis Ende. Wer das nicht so sieht, wird von dem Lebewesen, von dem er das nicht sieht, als Übergriffiger, Herabsetzer und Unterdrücker erlebt. Wenn jedes Lebewesen eine solche Selbstverantwortung denn hat – was aber meine Position ist. Ich sage: Jedes Lebewesen hat diese Selbstverantwortung – mithin auch menschliche Lebewesen, von Beginn (Zeugung) bis Ende (Tod). Mithin auch Embryos, Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, Erwachsene, Senioren, Pflegebedürftige, Sterbende. Und von daher ist ein „Ich bin für Dich verantwortlich“, bei dem das „Du bist es nicht (noch nicht, nicht mehr)“ mitschwingt, ungut und destruktiv. Was ich nicht mitmache. Von daher kommen Respekt vor und Achtung für die Selbstverantwortung des Kindes. Ich bringe das mit dem Statement „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ zum Ausdruck. „Weil die Kinder das selbst sind.“

Dabei nicht übersehen: ich kümmere mich um Kinder, bei allem und jedem, was gekümmert sein will. Von der Windel bis zur Hustenmedizin. „Ich bin für Dich verantwortlich - Deine Windelhygiene, Deine Hustengesundheit.“ Klar. „Ich bin nicht für Dich verantwortlich - Deine Windelhygiene, Deine Hustengesundheit“. Auch klar. Passt das zusammen? Solche widersprüchlichen Sätze? Es passt, es kommt auf das an, was im Hintergrund mitgedacht wird.

Somit: „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich, weil die Kinder das selbst sind.“ Menschenkinder sind selbstverantwortliche Wesen wie alle lebenden Organismen, von Anfang an.

Wie sie das dann alles so hinbekommen, diese Selbstverantwortlichen? Sie nutzen – in ihrer Verantwortung – ihre Ressourcen: Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft. Und Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft geraten in Resonanz und geben den Kindern, was diese brauchen und einfordern.

Eigentlich doch ganz einfach!



Montag, 26. Juli 2021

Sommerferien




Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit!

Montag, 19. Juli 2021

Die Abschlussrede

 

 


Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schultagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin. Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kollegen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel "einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zurufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachsenen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder bemerken. Für die anderen ist eine solche Aussage nur "dummes Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Verletztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die anderen helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung. Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert. Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


            Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
         

Montag, 12. Juli 2021

Die Krocketkugel

 

 

Nach der Beeerdigung der Urgroßmutter sind wir zusammen im ihrem Haus mit großem Garten. Die Erwachsenen in Gesprächen und Erinnerungen bei Kaffee und Kuchen, die Kinder spielen Krocket auf der Wiese unter den Apfelbäumen. Das Krocketspiel ist uralt, schon wir Kinder haben damit gespielt.

Auf einmal kommt Miriam (8) zur Kaffeerunde. "Schaut mal, die Kugel ist kaputt gegangen, genau in der Mitte durch. Ich hab wohl zu fest draufgeschlagen". Fröhlich hält sie die beiden Hälften der gelben Krocketkugel hoch. Nach einer kurzen erstaunten Schweigesekunde gehen die Gespräche weiter. Aber ich höre doch noch den einen Satz aus dem Erwachsenenstrom, der an Miriam gerichtet ist:

"Da wollte die Urgroßmutter wohl nicht, dass Du mit ihrer gelben Lieblingskugel spielst."   

Miriam erstarrt, sagt nichts und läuft zurück zum Spiel auf der Wiese.

Echt jetzt, das geht doch wohl gar nicht! Auch ich bin erstarrt. Was soll denn so ein Satz mit dem Kind machen? Locker dahergesagt, scherzhaft gemeint, aber ohne Scherzton gesagt, ernsthaft, einfach absurd. Was gräbt sich da in die Seele und in das Gedächtnis ein? Ich bin angefasst, sage erst nichts und mache dann Miriams Mutter darauf aufmerksam, dass da etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen ist. Später sehe ich, dass sie mit Miriam darüber spricht.

Ich will aber sofort gegensteuern. Das Spiel ist bald zu Ende, ich hole Miriam: "Komm, wie reparieren die Kugel." Ich habe Holzleim geholt. Miriam streicht auf die eine Hälfte vorsichtig die weiße Heilsalbe, sie drückt die Hälften aufeinander, ich wickle Klebestreifen drumrum. "Morgen ist die Kugel wieder okay", sage ich. Miriam strahlt. "Das hab ich ja nicht extra gemacht", sagt sie. "Klar doch, natürlich nicht", sage ich. 

Und ich sage noch etwas: "Weiß Du, die Kugel ist uralt, das hätte mir genauso passieren können. Und der Satz vorhin, dass Urgroßmutter nicht will, dass Du damit spielst, war Banane. Sie freut sich bestimmt, dass Du ihre Kugel hattest und dass wir sie repariert haben." Miriam sieht mich von innen an, blickt erleichtert und trollt sich. Und ich wünsche, dass die weiße Salbe auch die Schramme in ihrer Seele heilt.