Montag, 11. Januar 2021

Bist Du glücklich?

 


Glücklich sein? Mir geht durch den Kopf, dass es vielleicht etwas unverfroren ist, solche Gedanken heutzutage zu haben - angesichts des ganzen Chaos ringsum. Die Wichtigkeiten in meiner eigenen kleinen Welt wollen aber auch gesehen und gehegt und gepflegt werden, das übersehe ich nicht. Ich bin heute Nachmittag gejoggt, Wald, grauer Himmel, Nieselregen. War ich da glücklich? Bin ich es jetzt, hier beim Schreiben, mitten in der Nacht? Wenn ich so in die Tiefe gehe, kommt ein "schon, doch, klar". Kein Aber. Also: Frag ich mal nach.

"Bist Du glücklich?"

Einmal ganz abgesehen davon, was das denn sein soll: „glücklich sein“ – irgendetwas Sinnvolles wird da jeder parat haben. Aber die Frage! Sie trifft mich. Sie hält mich an. Sie geht in die Tiefe. Sie dringt vor zum anderen als Person. Wann fragen wir den anderen? Fragen wir unsere Kinder, ob sie glücklich sind? Kann man Kinder überhaupt so etwas fragen? Welche Antwort könnte es da schon geben? Es wird wahrscheinlich etwas seltsam werden, das Gespräch. Wichtiger ist, dass wir uns diese Frage an unsere Kinder selbst vorlegen, im Stillen fragen: Ist dieser Mensch da vor mir glücklich? Mit seinen 2, 4, 6, 8, 10 ... Jahren?

Mit einer solchen Bereitschaft zum anderen sehen, der stillen Frage nach seiner Zufriedenheit, seinem Wohlbefinden, seinem Glück. Die Verwobenheit mit dem Glück des anderen zerrinnt leicht, geht unter im Alltag. Man kann diese Frage aber immer mal wieder hervorzotteln, den Blick zum anderen auf einmal ganz konzentriert werden lassen, ihm nah sein und diese Frage an ihn in sich selbst spüren.

Bin ich glücklich? Die Frage nach dem Glücklichsein geht auch an mich. Selbstliebe läßt diese Frage zu und geht auf mich zu. „Bist Du glücklich?“ frage ich mich, und allein das Kümmern um mich selbst, das in dieser Frage lebt, ist Kraft und Wärme. Das Kümmern um mich selbst spüren und willkommen heißen. Und dabei wie durch Zauberei merken, dass diese Frage nach innen, an mich, auch nach außen geht, mich zu Dir hinsehen läßt und Dich fragen läßt: „Bist du glücklich?“








 

Montag, 4. Januar 2021

Meine Nähe zum Universum




Es ist Nacht. Ich bin draußen, in den Feldern. Ich liege auf meiner Isomatte und bin warm angezogen. Ich habe ein Kissen unter dem Kopf und sehe. Das Nachtdunkel, und darin die Sterne. Lichter, Punkte, größere, kleinere. Einige erkenne ich wieder, Orion, Plejaden, Wagen, Himmels-W. Jupiter ist nicht zu verfehlen. Halbmond. Von den Lichtpunkten über mir weiß ich, dass darunter unzählige Galaxien sind, die ich nur als Punkt wahrnehme. Milchstraßen, mit Übermillionen Sternen. Und dass es Übermillionen Milchstraßen gibt. Dann höre ich auf nachzudenken.

Ich lasse mich fallen in diese Dunkelheit mit den Lichtern. Wer bin ich – wer seid ihr? Was passiert in mir? Es ist eine grandiose Harmonie, die ich wahrnehme. Ich komme mehr und mehr zu mir. Meine Nähe zu mir ist meine Nähe zum Universum. Meine Nähe zu mir kommt als Selbstliebe daher, meine Nähe zum Universum als Vertrauen und Vertrautheit. Ich bin mit all diesem in Beziehung, Verbindung, Resonanz.

Es muß sich nichts ändern. Es kann sich alles ändern. Und es ändert sich ja auch immer wieder. Sterne vergehen und entstehen. Meine Wege lösen sich auf und beginnen neu. Meine Winzigkeit hier unten ist mein Universum, und ich nehme die Zuversicht der Sternenwelt gegen meine Verzagtheiten. Wo der Klang der Großen Liebe aus den unendlichen Tiefen des Kosmos meine Selbstliebe zum Schwingen bringt.

 

Montag, 28. Dezember 2020

Corona und der Mai 1945

 


 

In alten Unterlagen fand ich Aufzeichnungen meiner Großmutter aus der Zeit des Kriegsendes 1945. Ihr Haus in Berlin war von Bomben getroffen und in Flammen aufgegangen. Sie hatte neun damals shon erwachsene Kinder und mit einer ihrer Töchter und der zweijährigen Enkelin war sie bei Verwandten in der Nähe von Magdeburg untergekommen. Kurz vor dem 8. Mai, dem Kriegsende, hat sie ihre Aufzeichnungen fortgesetzt. Ich stelle davon etwas in den Blog.

Wir werden 75 Jahre später grade von Corona geplagt – aber wenn ich diese Briefe lese, ordne ich das mal anders ein. Coroa ist ja nicht harmlos, wirbelt alles durcheinander und tötet auch. Aber ich frage mich doch, ob wir nicht jammern auf hohem Nivau. Und die Aufzeichnungen meiner Großmutter sind ja nur ein kleines Fenster zum Blick auf das riesige, wirkliche und wahrhaftige Grauen damals. "Frau Baronin, Sie werden morgen verhaftet." Meine Urgroßmutter nahm sich vor Vertreibung und Enteignung das Leben... 60 Millionen Kriegstote. Corona? Ich bleib mal auf dem Boden.

 

*

Brief vom 6. Mai 1945

Liebe Kinder!

Der erste Sonntag nach all den Schrecken, all der Angst, den Sorgen. Wo mögt Ihr alle sein? Wie mag es Euch gehen? Wie mögt Ihr den Sonntag zubringen? Es gibt so viele Fragen so voll Angst, die ich an Euch stellen möchte, deren Beantwortung ich voll Angst erwarte! Ihr armen drei Berliner. Was mögt Ihr ausgestanden haben! Wie oft habe ich an Euch gedacht! Es ist schrecklich, so hier zu sitzen, zu warten, zu denken! Und wann werden wir endlich Botschaften von Euch Dreien und von Euch allen erhalten?! Und wie mag es Euch gehen? Von keinem weiß ich, wo er ist.

Nun will ich Euch so der Reihe nach erzählen. Von C.-J. kam das letzte: eine Karte, er kam von Meiningen mit dem letzten Zug. So hörten wir zuerst von dem Vordringen der Amerikaner – wir haben weder Radio noch Zeitung gehabt – waren ganz erschüttert. Und dann bangten wir um die Meininger: M. und die drei kleinen Kinder und Tante M. Wie haben wir uns den Kanonendonner entsetzlich, schrecklich vorgestellt, die armen verschüchterten Kleinen und die arme Mutter, immer dachten wir an sie, und dann wurde Mühlhausen genannt und die Amerikaner kamen näher nach Weimar! Unser Schrecken, unsere Angst nahm kein Ende! Die Russen näherten sich Meißen, die Amerikaner Leipzig! Ob E. dort blieb? Wir haben es uns so oft gefragt.

Und dann kamen die schrecklichen Tage, als der Kampf um Berlin losging! Wir hörten an unserem geflickten kleinen Radio Brandenburg, Potsdam nennen, Marienfelde, unser liebes Lichterfelde, Lankwitz, Friedenau, den Norden, wo F., auch R. stehen. Immer, immer waren wir in größter Sorge. So ging's weiter bis endlich zur – Kapitulation von Berlin! Ihr könnt Euch vorstellen, wie verzweifelt wir hier sitzen, wie wir Eure Ängste teilen, immer wieder das schreckliche Empfinden, nicht bei Euch zu sein, Euch nicht helfen zu können.

So waren wir voll Besorgnis. Nachts die Flieger machten uns zu schaffen, sie brummten so entsetzlich und waren nahe, die Fenster klapperten und die Türen rüttelten im Schloß. So nun nähert sich der Sonntag dem Ende, wie mag er gewesen sein?



 

Montag, 21. Dezember 2020

Im Dannenröder Forst - Du bist nicht allein!

 


 „Du bist nicht allein! Du bist nicht allein! Du bist nicht allein!“ Als die jungen Leute rechts und links zu skandieren anfingen, wurde es doch noch einmal anders, erreichte einen anderen Level. Ich hatte in der Nähe zu tun und wollte einen Abstecher zum Ort des Geschehens machen. Dem Ort, der in den Nachrichten war und mit dem ich mich verbunden fühlte. Dem Dannenröder Forst. Bäume fällen für die nächste Autorase? Find ich heutzutage unpassend. „Muss ja nicht durch den Wald gehen, wenn es denn sein muss – wenn es denn sein muss“, so war ich unterwegs. Jedenfalls wollte ich mal ein bisschen Solidarität zeigen, mich wenigstens mal blicken lassen. Samstag Spätnachmittag vor dem großen Aktionstag morgen, am Sonntag, dem 29. November, an der geplanten A 49 bei Gießen.

Dann waren da drei große Zeltlager auf den Weiden, sicher 1000 Personen. Fand ich viel. Alle liefen mit Maske rum. Fand ich überraschend und überzeugend. Friedensvoll das Ganze. Auf dem Weg durch den Wald nach vorn war dann Sägegrusel zu hören. Gar nicht schön. Der Zaun mit Natodraht oben drauf: Noch weniger schön. Das sicherte die Maschinen, die Logistik, Polizeifahrzeuge und den Wasserwerfer ab. Wie will man da noch was verhindern? Ich schnappte mir einen grünen großen Nadelzweig – jetzt hängt er im Ekeldraht. Mein kleines Zeichen.

Links gings zur Aktion. Es war schon ziemlich dunkel, ungefähr 50 Leute waren unterwegs. Wollten wie ich einfach mal schauen, bevor es morgen zur Sache geht. Nach 3 Minuten an Zaun lang kam – nur ein rotweißes Absperrband, das übliche, von Baum zu Baum gezogen. Vor mir, das heißt auf der anderen Seite des Bands: große freie Fläche, genug Platz für die Autobahn, vollendete Tatsache. Doch weiter linkslinks, da war Aktion: in 200 Meter Entfernung Maschinen, Säge, Rufe, Fallgeräusch der grünen  Nadelriesen. Gar nicht schön. Gruselig. Ging ans Herz.

Auf der anderen Seite des Bands, 10 Meter vor mir, stand eine Handvoll Polizisten, in Kampfmontur. Lässig. Unsereins war ja auch brav, irgendwie touristisch unterwegs. Jedenfalls heute. Musterung, Auge in Auge. Schweigen. Aber dann: einer, ein Mach-Ich-Nicht-Mit, brach durch, rannte zu den Waldriesen. Die Polizisten vor mir hinterher. Er wurde auf den Boden geworfen, Handschellen, abgeführt. Wir, diesseits, im Herzen jenseits, überrascht, reglos, überwältigt. Wie der Mensch, der jetzt von anderen Menschen abgeführt wurde. Dann kam es das erste Mal: „Du bis nicht allein“, leise, dann mehr und dann richtig laut. Die drei verblieben Polizisten vor uns strafften sich, einer hielt den Schlagstock in der Hand.

Und schon wieder gab es Alarm, vorn bei den Maschinen sprintete der Nächste Mach-Ich-Nicht-Mit zu den Bäumen hin, auch er wurde gefasst und abgeführt. „Du bis nicht allein, Du bis nicht allein, Du bist nicht allein.“ Robust und laut.

Was ist schon ein Band aus Plastik? Das ist nichts. Aber es war alles. Es sagte klar und deutlich, nicht misszuverstehen: bis hier hin und nicht weiter! Und wenn ich da einfach...Ja, was dann? Hinrennen? Mir nicht gefallen lassen, was mir nicht gefällt? Den ganzen Kladderadatsch, der dann unweigerlich kommen würde, über mich ergehen lassen? Tja, ich hab drüber nachgedacht, in Erwägung gezogen, es bleiben lassen. Aber zwiespältig. Wer will ich sein? Wer bin ich? Die Bäume, jeder einzelne schöne Riese, sollen stehen bleiben, wachsen und leben! Die Autos können auch woanders lang fahren, durch Wiesen und Felder...auch nicht schön, aber besser, als Baum tot und Wald weg! Der bin ich. Der will ich sein.

Das "Da kannst Du nichts machen“ war nicht da. Klar kann ich was machen. Wie die beiden eben. Nur: das bringt nicht die Baumrettung. Es bringt für mich aber was: das gute und tiefe Gefühl, mir nicht alles bieten zu lassen. Schon klar, aber der Preis war mir dann zu hoch. Gebrochene Knochen, Verfahren am Hals. Feige? Einsicht? Abwägen? Ich hab es halt gelassen. Und die anderen rechts und links neben mir auch. Aber ich versteh sie, die oben auf den Bäumen trotzen und für den Wald und ihr Selbst einstehen: Du bist nicht allein.

Hat mich aufgewühlt, das „Du bis nicht allein“. Wenigstens das wurde den beiden Aktivisten mitgegeben. Wenig. Aber mehr als Null. Wie mein Besuch vor Ort: wenig, aber mehr als Null. Und ich habe wieder einmal gemerkt: Mit mir ist zu rechnen. Alles geht mir nicht durch... Es kommt drauf an, um was es geht, aber ich steh parat. Und werde dann nicht allein sein.

 

Montag, 14. Dezember 2020

Der Tiger

 


Heute kommt eine Geschichte, die ich für meine Kinder geschrieben habe. 

 *

Der Tiger 

Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch. Für die vier Krabben war es das Zeichen. Sie kamen unter dem großen Rhabarberblatt hervor und liefen blitzschnell den Stamm der Kokospalme hoch. Der Tiger fauchte. Mit einem Satz sprang er über die Sandbank. Er streckte sich in den heißen Sand und schloss die Augen. Die vier Krabben lockerten vorsichtig eine große Kokosnuss. Sie fiel haargenau kurz vor die Nase des Tigers. Der Tiger schob die Kokosnuss mit der Tatze beiseite, schlug sein Notizbuch auf und schrieb.

Waren wir gut?“ fragten die Krabben. „Ihr habt es prima hinbekommen, so, wie wir es geübt haben“, antwortete der Tiger. Der Delphin überbrachte die Nachricht dem Wassertropfen, und der Wassertropfen flog zu den vier Krabbenmädchen. Sie freuten sich sehr, dass es mit der Kokosnuss so gut geklappt hatte.

Der Tiger sah auf. Vor ihm stand ein rosa Pelikan. „Du sollst schnell zum Wind hinter dem Farn kommen, er bittet Dich“, sagte der Pelikan. Der Tiger sah zu den Krabben, die jetzt die Kokosnuss aßen. Sie nickten ihm zu. Er stand auf und hängte sich an die Federn des Pelikans. Sie flogen eine Weile, bis sie in den Farnwald kamen. Der Tiger lief nun sehr schnell, und der Pelikan blieb zurück.

Tiger“, rief der Wind hinter dem Farn, „Du musst mir diesen Stein wegrollen, ich schaffe das nicht.“ Der Wind kam dem Tiger entgegen. Der Tiger fauchte den Stein an, und der Stein rollte beiseite. Mit einem lauten Knall kam der kleine Sohn des Windes hinter dem Farn aus dem Erdloch, das der Stein verdeckt hatte.

Ich habe beinah keine Luft mehr gekriegt“, weinte er. Der Stein war erschrocken. „Wieso, Du bist doch Wind, wieso brauchst Du noch Luft?“, fragte er. „Das kannst Du nicht wissen“, sagte der Tiger, „kleine Winde brauchen immer mehr Luft als sie selbst sind.“ Er rollte den Stein wieder vor das Erdloch.

Mir gefällt es besser, wenn der Stein da weg ist“, sagte der blaue Leguan. Der Tiger sah den Stein an, und der Stein sah den Tiger an. Der Stein zuckte mit der Achsel, und der Tiger zuckte mit der Achsel. Der Biber konnte den Stein wegrollen, und der blaue Leguan kuschelte sich in das Erdloch.

Als es dunkel wurde, sprang der Tiger wieder über die Sandbank. Er streckte sich in den noch warmen Sand und schloss die Augen. Er hörte fern die riesigen Dampfer tuten, und er hörte das Wispern der Strandmäuse. „Krabben“, flüsterte der Tiger, „seid Ihr schon zu Hause?“ Ein Krabbenmädchen brachte ihm Melonensaft. „Sie sind schon lange zu Hause, Du warst fort und hast es nicht bemerkt“, sagte sie. Der Tiger nickte. Das Krabbenmädchen nahm den Krug und ließ sich ins Wasser gleiten. Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch, und diesmal war es das Zeichen für die vier kleinen Eulen, die erlöst aufatmeten, dass der Tiger endlich das Zeichen gab.
















***


 

Montag, 7. Dezember 2020

Kauf es einfach!



Ich besuche meine Mutter. Zum Mittagessen nimmt sie einen Schuss Maggi, und zwar immer. Heute Mittag: "Wo ist das Maggi?" Das Maggi ist weg. Nicht auf dem Fensterbrett, nicht im Küchenschrank rechts, nicht im Küchenschrank links. Zauberei. "Ich kauf Dir nachher eine neue Flasche." Das will sie aber nicht. "Das Maggi taucht schon wieder auf." Ich kauf es trotzdem.


Und denke an der Kasse nach: Gehe ich zu weit? Bin ich übergriffig? Sie will doch kein neues. Ich finde aber, dass es da sein soll. Weil sie es jeden Tag hat. Ich mache mir also ihre Gedanken. Was ich oft tue: Mir Gedanken darüber machen, was für andere gut ist. Na ja, es sind meine Gedanken, diese Deine-Gedanken. Ich bin doch nicht altländisch-oben-unten unterwegs, rede ich mich raus. Außerdem und trotzdem und sowieso: habe ich nicht recht? Tja, da bin ich doch mal wieder im Alten Land unterwegs. Oder ist es nur meins, nicht Deins, was hier abgeht? Ich krieg das alles mit, an der Kasse, und nehm es mir nicht übel. Schmunzel über meine Besserwisserei. Wenn sie denn eine ist!

Wenn ich den anderen nicht in Ruhe lassen kann, wenn ich es für ihn so einrichten kann, wie es gut für ihn ist - besser als er das selbst weiß. Was spielt sich da ab? Warum lasse ich die Kinder nicht so hoch klettern, wie sie wollen? Warum nehme ich für Dich einen Schal zum Spaziergang mit? Warum bringe ich Mon Chéri und keine Rose mit, wenn ich nach Hause komme? Oder doch lieber die Rose? Ich bin verstrickt in dieses feine oder grobe Netz, das mich zu Dir sehen läßt in dieser Kümmerei. Nehm ich Dir dann etwas von Deiner Würde? Ist das ein Oben-Unten? Oder bin ich nur achtsam, so wie es gut ist zwischen uns? Wie bin ich denn unterwegs?

Wenn wir das immer wüßten! Weshalb also kauf ich das Maggi? "Mach Dir keine Gedanken, kauf es einfach." Na gut. Ich stelle das Maggi beim Abendessen auf den Tisch. "Danke, aber wär doch nicht nötig gewesen." "Na ja", sag ich.

 

Montag, 30. November 2020

Sonntag Vormittag

 

 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. »Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. 

»Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?«

 »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. »Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. 

»Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.«

»Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« 

»Ich meine es nicht äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend, sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.«

 »Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grund­haltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.« 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. 






 

Montag, 23. November 2020

Lebenslupe



Er nahm den Zollstock und die Wasserwaage, kniete sich hin und maß nach. Maß nochmal nach, und nochmal. Stand auf und schaute zum Kollegen im Bagger, dem mit der großen Flachschaufel. Er machte ein Zeichen mit der Hand und trat zur Seite. Der Baggerfahrer verstand die Handbewegung und fuhr ein bisschen nach links, setze die große Schaufel vorsichtig auf und zog zentimetergenau die dunkle Straßenerde nach hinten, in die Schaufel hinein, hob dann die Schaufel, fuhr ein Stück zurück, dann zur Seite und kippte die aufgeschrabbte Erde ab. Er, der Bauarbeiter, trat wieder vor, hockte sich hin, nahm Zollstock und Wasserwaage und maß nach. Aufrichten, Blickkontakt, Daumen nach oben, jetzt stimmte es.

Ich habe Yann (4) und Johann (2) von der Kita abgeholt und wir sind mal wieder zur großen Straßenbaustelle gewandert. Hier gibt es immer was zu sehen. Heute wird der Straßenuntergrund geglättet, bevor in ein paar Tagen die Asphaltmaschine drankommt. Es ist mitten auf der Straße in Längsrichtung eine Schnur gespannt, vorn eine Stange im Boden, hinten eine Stange in den Boden. Die Schnur zeigt die Höhe der demnächst aufzutragenden Asphaltdecke an. Vom Straßenuntergrund bis zur Schnur (später: Asphaltdecke) müssen es exakt 15 Zentimeter sein, und zwar die ganze Straßenbreite über. Der Mann vor uns misst von der Schnur aus, hält die Wasserwaage von der Schnur zum Zollstock. Und er misst auch vom Bordstein aus. Er wirft uns einen Blick zu. Später kriegen wir mit, dass er Ivo heißt.

Ich bin fasziniert über diese exakte Handarbeit der beiden Männer. Der Baggerfahrer bewegt den Steuerknüppel in Millimeterbewegungen in alle Richtungen, und die große Schaufel und die Räder, das ganze Riesenfahrzeug antworten filigran. Große Sorgfalt und große Lässigkeit.

Da fahre ich auf einer Straße einfach so dahin, tagtäglich, und denke mir nichts dabei. Aber was für ein grandioser Hintergrund! Wie viele Gedanken, Überlegungen, Bemühen, Zufriedenheit, Einverständnis, Freude, große Pläne, kleine Pläne, Pläne bis ins Detail zu Schnur, Zollstock, Wasserwaage, Stangen, Steuerknüppel, kurzer Blick, zur Seite treten, wieder vorgehen, hinhocken, anfahren, zurückfahren. Dann kommt der Baggerführer runter und sie reden kurz und lachen, dann geht es weiter.

Mein Blick wandert, ich bin aufgeweckt worden, wach für das, was so eine Straße alles in sich birgt. 200 Meter weiter: Jeder der Bordsteine vor uns wird penibel ausgerichtet, Schnur dabei, besondere Bordsteinzange, gepolsterter Steinhammer zum Justieren, Steinsäge für den Passstein. Dann kommt auf der Schulter das Spezialbetonpulver heran, Papiersack abgelegt, Löcher mit dem Hammerstiel rein, Sack aufgerissen, Betonpulver mit der Hand und ohne Handschuh rasch und gekonnt an die Bordsteinwand gehäufelt, geglättet.

Muss da nicht Wasser drauf?“ Ich stelle Kontakt her. „Mache ich gleich“, und er holt hinter dem Stapel eine Gießkanne vor, grün, wie für den Garten. Wasser drauf, auch die Bordsteinkante wird schön sauer abgespült, mehrmals, wirklich sauber. Wasser nachholen vom Kran 200 m vorn. Wieso haben die keinen Schlauch gelegt? Meine stille Frage. Und meine stille Antwort: Haben sie eben nicht. Stör nicht ihre Kreise. Du siehst doch, in welcher Stimmigkeit, ja Harmonie sie unterwegs sind. Also nochmal Wasser drauf. „Gute Arbeit!“ „Ja immer!“ Es ist eine Zeremonie, ein heilig Tun.

Ivo: „Willst Du mitmachen?“ „Nein", sagt Yann, „das habe ich doch nicht gelernt.“ Sie quatschen ein bisschen. Und wir sind nicht allein. Neben uns ist ein Vater, der seine Tochter auch auf die Absperrung gesetzt hat: „Montag kommt die Asphaltmaschine, das wird interessant.“ „Interessant ist das alles, was hier täglich passiert“, sagt die Oma hinter mir, Enkel auf dem Arm, „der will gar nicht mehr weg.“ „Es gibt Montag diesen einmaligen Geruch“ sage ich, „den vergessen die Kinder ihr Leben nicht.“

So viele kleine Sequenzen, kleine Ereignisse, kleine Erlebnisse, heute, hier beim Straßenbau. Wann bin ich offen für diese unendliche Vielfalt um mich herum? Ich düse normalerweise so durch den Tag. Aber ab und zu komme ich in diesen besonderen Modus. Dann sehe ich alles mit der Lebenslupe. Wenn ich im Wald bei der Gymnastik das gelbe Herbstblatt neben meinem Fuß sehe und es nicht übersehe. Wenn ich die drei Schritte des Nachbarn zu seiner Garagentür sehe und sie nicht übersehe. Wenn ich die Quittung in der Hand der Kassiererin sehe – „Wollen Sie die Quittung?“ – und sie nicht übersehe, sondern die Zeit anhalte. „Wollen Sie die Quittung?“ Worte, einfach so gesprochen in den Strom der Zeit. Ich habe sie gespeichert für die Ewigkeit.



 

Montag, 16. November 2020

Meine Doktorarbeit - wie ging das ab?

 


Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie. 

*

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land. 

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.










 

Montag, 9. November 2020

Kunst im Wald

 


Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kultur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daherkommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hochkultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran lässt sich erkennen, ob es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunstauktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgendwelche Schriftgelehrten legten fest, was Kunst ist und was es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa: Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowieso.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder komponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorführen, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine gebastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erinnerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respektieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte, der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren? Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klatschen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener Chef und lass mich nicht ins Bockshorn jagen. Es ist in der Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstäben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist. Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu und seh ich gern zu. Ich mag klassische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben, die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen. "Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch und läuft erleichtert auf mich zu. "Du erstarrst nicht in Ehrfurcht vor mir?" "Nein", sage ich. "Endlich" antwortet sie. "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?"