Eine
Erzieherin erzählt von einem Streit der Kindergartenkinder. Sie nahm
die Kinder auseinander, aber der Übeltäter hatte sich nicht
entschuldigt. Sie ist ratlos, wie sie es schaffen kann, dass der
Dreijährige sich entschuldigt. Bemüht hatte sie sich, aber ohne
Erfolg. »Das
muss er doch.« Auf mein fragendes Gesicht hin sagt sie: »Das
erwarten die Eltern.« Ja, da hat sie recht, so läuft es. Eltern
erwarten ein solches Sozialverhalten, der Kindergarten soll das
richten.
Mein
Mitgefühl ist rasch bei dem Übeltäter. Der gehänselte Junge wird
sicher Trost und Zuspruch bekommen haben, da muss ich nicht
hinterherfühlen. Ich bin beim Täter. Seine Zicke, die er da
gefahren hat (dem anderen etwas wegnehmen): es wird ihm schon klar
sein, dass das nicht in Ordnung war. Das hat die Erzieherin
rübergereicht. Wäre das nicht genug gewesen? Jetzt auch noch
entschuldigen?
Ein
»Sorry, tut mir leid« kommt mir gut über die Lippen. Nicht immer
leicht, aber verlässlich. Wenn das, was gerade passierte, wirklich
auf mein Konto ging. Es ist eine bizarre und absurde Vorstellung,
dass sich da einer vor mir aufbaut und meine Entschuldigung
einfordert. So etwas habe ich in meinem Erwachsenenleben auch noch
nicht erlebt. Wiewohl ich weiß, dass das durchaus vorkommt.
»Entschuldige
Dich!« – welche Übergriffigkeit. Wieso gibt es diese
Wortkombination, »Entschuldige« plus »Dich«, überhaupt?
»Entschuldige bitte!«: Klar, diese beiden Worte gehen und gehören
dazu. Ich
bin perplex über das, was die Erzieherin mir erzählt, aber ich weiß
natürlich sofort, was da los ist. Nur dass mir diese
Alltagsanmaßung, dieses 1001. Stückchen seelischer
Kindermisshandlung gerade nicht geläufig war.
»Müssen
Sie das wirklich?« Und unausgesprochen per Blick: »Dem Kind
auferlegen, dass es sich entschuldigt?« Ich versuche, vorsichtig,
meine Position ins Spiel zu bringen. Ich nehme Kontakt zu ihr auf:
»Ich kann mir die Situation gut vorstellen, ich habe
schon verstanden.«
Auf
meinen Vorträgen will ich ja nicht lebensfremd und utopieverkündend
erlebt werden, sondern als jemand, der realistische, handfeste
Anderswege aufzeigt. Diese Erzieherin schwingt ein. Sie hat den
Jungen ja auch nach dem Auseinander und kurzem Warten, dass er sich
entschuldigt, nicht weiter bedrängt. Nur: Das sollte sie aber, das
wird von ihr erwartet. Und da weiß sie nicht, wie sie das machen
soll.
Sie
sagt, sie will den Übeltäter mit so einer Entschuldigungsgeschichte
nicht noch zusätzlich belasten. Er wird häufiger ausfallend und er
tut ihr leid, ist ihr ans Herz gewachsen. »Sie
schauen vor Ort, was geht und was Sie können, gut können. Und wenn
Sie den Jungen nicht zum Entschuldigen anhalten wollen, dann lassen
Sie es eben. Sie sind dann nicht übergriffig, das ist doch super.«
»Den
Eltern können Sie ja sonst was erzählen, wenn die Sprache drauf
kommen sollte. Wahrscheinlich werden Sie eh nicht gefragt, es sind ja
nur die Erwartungen in uns, die so belastend sind. Und falls doch,
sagen Sie halt kurz: ›Ja, er hat sich entschuldigt.‹ Kleine Lüge
– großer Friede.«
»Danke«,
sagt sie. Sie fühlt sich unterstützt. Ich denke, sie hat noch nie
gehört, dass eine Erzieherin, eine pädagogische Fachkraft, so damit
verfahren kann, darf, ja: sollte. »Sie folgen einfach Ihrem Herzen.
Das ist nicht nur wohltuend und befriedend, sondern
auch höchst professionell. ›Rehumanisierung des pädagogischen
Alltags‹ nenne ich das.«
*
Aus meinem Buch „Kinder
sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 168ff..