Montag, 23. Mai 2022

Große Pädagogen

 

 

Ein Pädagogikprofessor sagte zu mir: „Aus meiner Kenntnis der Werke großer Pädagogen möchte ich sagen, dass sie manchmal unbewusst amicativ dachten. Und vielleicht war die Praxis von Janusz Korczak und Alexander Neill sogar amicativer als die von Ihnen!“

Meine Antwort ließ an Deutlichkeit nichs zu wünschen übrig. Ich holte weit aus und wurde grundsätzlich: 

Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Amicatives Denken setzt den radikalen Bruch mit dem pädagogischen Denken voraus. Für das amicative Denken gibt es eine andere anthropologische Basishypothese als für das pädagogische Denken. 

Im amicativen Denken gilt: Das Kind ist ein zu 100 Prozent selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, das Kind ist ein zu 100 Prozent vollwertiger Mensch von Anfang an. Beides wird im pädagogischen Denken anders gesehen. Im pädagogischen Denken gilt: Das Kind ist noch kein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, sondern wird dies erst im Laufe der Kindheit durch Erziehung. Dieser radikale Gegensatz ist nicht vermischbar, es gibt keine Grauzone. 

Es ist also zu überlegen, welche Basispositionen haben Korczak, Neill und andere große Pädagogen. Da sowohl Korczak als auch Neill als auch alle anderen großen Pädagogen an der Menschwerdung des Kindes – ein jeder auf seine spezielle Art – arbeiten, erkenne ich nicht irgendein amicatives Element in ihrem Denken. 

Es muss darauf geachtet werden, dass freundliches, achtungsvolles, respektvolles, liebevolles, usw. usw. Verhalten nicht ausreicht, um schon von amicativer Substanz zu sein. Selbstverständlich sind alle berühmten Pädagogen liebevoll, freundlich usw.. Amicativ wird es aber erst dann, wenn sie ihr Homo-educandus-Menschenbild nicht mehr in sich tragen. 

Anders ausgedrückt: Solange sich Korczak, Neill und andere noch verantwortlich für Kinder und ihre Entwicklung fühlen, sind sie auf sicherem pädagogischen Boden. Erst wenn sie sich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühlen – weil sie erkennen, dass die Kinder dies ja selbst sind –, betreten sie amicatives Land. Und erst dann, wenn sie so verantwortungs-los auf die Kinder zugehen, wird ihre konkrete Beziehung, ihre Praxis, amicativ genannt werden können. 

Ich sehe nicht, dass irgendein großer Pädagoge dies realisiert hat. Nicht Rousseau, Comenius, Kant, Pestalozzi, Fröbel, Petersen, Montessori, Korczak, Neill, Freinet, Makarenko noch sonst wer. Ich finde in ihren Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich von ihrer Verantwortung für Kinder losgesagt hätten. Ganz im Gegenteil. Gerade die großem Pädagogen sind ganz besonders voll von Verantwortung für Kinder, mehr als andere. 

Dieses pädagogische Denken tritt bei einem großen Pädagogen, Jean-Jaques Rousseau, einmal ungeschminkt, ja brutal zu Tage. Es ist dies die unthematisierte Untergrundströmung der großen Pädagogen: 

„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen...Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“* 

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die „Notwendigkeiten“ - das heißt allemal Erwachsenenvorstellungen - zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“, einfühlsam es dann mit Achtsamkeit und „Ich-Botschaften“ auf „Augenhöhe“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag: 

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor - aus seinem Selbstverständnis heraus - die innere Führung beansprucht und dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen und entziehen sie effektvoll der Thematisierung und Diskussion.

Was nicht sein muss! Auf zur Rehumanisierung der Pädagogik!




*Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.


 

Montag, 16. Mai 2022

Maria Montessori

 


Vor einiger Zeit wurde ich einem Interview gefragt, wie ich zu Maria Montessori stehe.


Frage

»Hilf mir, es selbst zu tun« - Herr Dr. von Schoenebeck, Sie haben als Lehrer in der Schule gearbeitet. War dieses Grundprinzip der Montessori-Pädagogik für Sie wichtig?

Antwort

Nur dann, wenn die Kinder mich so etwas konkret gefragt haben. Die Montessori-Pädagogik ist eine Pädagogik, und von daher für mich Fremdland. Denn die Grundposition jeglicher Erziehung und Pädagogik - die Homo-educandus-Hypothese und die daraus resultierende Verantwortung des Erwachsenen für das Kind - teile ich nicht. Für mich sind Kinder vollwertige Menschen von Anfang an, sie werden nicht erst vollwertige Menschen im Laufe der Kindheit. Sie sind von Geburt an für sich selbst verantwortlich, dies erkenne und achte ich, und deswegen bin ich auch nicht für sie verantwortlich. Wiewohl Maria Montessori als pädagogischer Mensch sich sehr wohl für Kinder verantwortlich fühlt.

Ich kann mir aus meiner amicativen Position alle Erkenntnisse, Konzepte und Vorschläge der pädagogischen Welt ansehen und entscheide dann, was ich davon in meine Kommunikation mit den Kindern übernehmen oder abgewandelt übernehmen will. »Hilf mir, es selbst zu tun« finde ich viel zu theatralisch, so etwas ist doch selbstverständlich. Warum macht Maria Montessori so eine Banalität zum Prinzip? Das ist mir unklar. Wenn die Kinder meine Hilfe zur Selbsthilfe wollen, dann bin ich für sie da.


Frage

Maria Montessori sagt, dass die Schule eine Lebensstätte ist und dass der Lehrer eine Mission, ein schweres Amt hat, der Diener des Kindes zu werden. Haben Sie Ihre Lehrerrolle auch so verstanden?

Antwort

Die Schule ist für die Kinder keine freiwillige Sache. Die Kinder werden nicht gefragt, ob sie überhaupt dorthin wollen; es besteht gesetzlicher Schulzwang. Wie kann etwas, das einem oktroyiert wird, eine »Lebensstätte« sein? Die Schule ist für die Kinder ein Teilzeitgefängnis, in dem die Erwachsenen sich herausnehmen, sie zum wahren Menschen zu formen. Eine Stätte, in der man sich wohlfühlt und gern aufhält, ist so etwas nicht. Pädagogische Menschen wie Maria Montessori thematisieren diesen Zusammenhang nicht, da sie von der Notwendigkeit der Erziehung für die Menschwerdung des Kindes überzeugt sind. Und von diesem Denken her kann man es den Kindern dann schön einrichten, eben eine »Lebensstätte« schaffen wollen. Die grundsätzliche Inhumanität und die kulturimperialistische Position, die hierin verborgen sind, lassen sich erst mit amicativem Denken erkennen.

Ich bin niemandes Diener, ich gehöre mir selbst. Von dieser meiner souveränen Position aus gehe ich zu anderen Menschen, auch zu Kindern. Dann werden wir sehen, was wir miteinander tun können. Wir begegnen uns authentisch: Hubertus als Person mit seinen Facetten, die Kinder als jeweilige Person mit ihren Facetten. »Dienen« ist da unpassend. Wenn ich Kindern helfe, sie anleite, etwas erkläre, dann tue ich das ohne die Attitüde des Dienens.

Außerdem: Ein Erwachsener ist niemals wirklich der Diener eines Kindes (es sei denn bei Königs). So etwas ist doch letztlich nur methodisch, ein Trick oder eine List, um die Kinder dahin zu bekommen, wohin man sie haben will. Und um es sich schönzureden, dass man doch so großherzig ist, ihnen zu dienen. Dieses »Diener des Kindes« ist ein Teil des Montessori-Konzepts, mit dem verschleiert wird, was in der Schule tatsächlich geschieht: die kulturelle Unterwerfung der nachwachsenden Generation unter die Standards der herrschenden Erwachsenen.


Frage  

Maria Montessori sagt: »Dem Leben helfen ist das erste fundamentale Prinzip.« Wie verstehen Sie als ehemaliger Lehrer diese Aussage?

Antwort

Jede Beziehung kann etwas mit Helfen zu tun haben, muss es aber nicht. Wenn ich mit Kindern zusammen bin - auch als Lehrer -, findet Kommunikation statt. Ob unsere Beziehung dann hilfreich sein wird für die Kinder und/oder für mich, wird sich zeigen. Ich setze mich in meiner Beziehung mit Kindern nicht unter den Druck, hilfreich sein zu sollen. Wenn Hilfreiches geschieht, ist dies ein Geschenk des Lebens, das sich zwischen uns ereignet, und darüber freue ich mich und bin dankbar. Aber ich instrumentalisiere diese Großartigkeit »Helfen« nicht zu einem Prinzip. 

Es hört sich gut an, Helfen zu einem Prinzip zu machen, aber ich sehe darin eine subtile Destruktivität. Denn Helfen als Prinzip missachtet das Prinzip der Realität, das Prinzip des »Es soll« wird an die Stelle des Prinzips des »Es ist« gesetzt. Ich bin real-existentiell präsent, Maria Montessori ist moralisch-missionarisch präsent. Was angemessener ist, lässt sich nicht objektiv entscheiden, ich sehe das so, Maria Montessori anders. Im übrigen, es tut mir leid, ist diese Aussage schon wieder für meine Ohren nicht akzeptabel. Ich würde mir nie einfallen lassen, einer solchen Wirkmacht wie dem Leben helfen zu wollen - ganz andersherum wird ein Schuh draus: ich freue mich, wenn das Leben mir hilft!


Frage

Herr Dr. von Schoenebeck, sie haben sich bisher kritisch zu Maria Montessori und ihrer Pädagogik geäußert. Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass es für Montessori-Pädagogen gewinnbringend sein könnte, sich mit der amicativen Theorie und Praxis zu beschäftigen?

Antwort

Es gibt seit über 40 Jahren eine amicative Praxis. Ich will sagen: die amicative Theorie hat längst die dazugehörige und auch real funktionierende Praxis. Jeder, auch ein Montessori-Pädagoge, kann diese Theorie und Praxis kennenlernen und ist eingeladen.

Amication ist ein Angebot, keine Besserwisserei. Amication ist in der Postmoderne verwurzelt, mithin nicht wertvoller als Pädagogik. Meine kritischen Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, aber mein Tenor ist nicht der einer Brüskierung. Auch wenn ich oft so empfunden werde. 

Wenn die amicative Position vorgetragen wird, kann man sie selbstverständlich abtun. Aber man kann Amication auch als einen Impuls nutzen, um die eigene Position zu überdenken und zu begründen. In Gesprächen mit pädagogisch eingestellten Menschen sehe ich mich immer wieder auch in harten aber achtungsvollen Auseinandersetzungen, und ich wüsste eigentlich nicht, warum auf meine Ausführungen nicht ebenso geantwortet werden könnte. Und Antworten ist der Beginn einer fruchtbaren Begegnung.

Von dem Gewinn, der in einer achtungsvollen Auseinandersetzung liegt, einmal abgesehen, enthält der amicative Ansatz aus meiner Sicht für jemanden, der nach den Prinzipien von Maria Montessori arbeitet, ein befreiendes Element: Er kann Maria Montessori und all denen, die in der Montessori-Pädagogik Autorität haben, fragend entgegentreten. Er kann hinterfragen und alles an der eigenen subjektiv wahren Ethik messen. Amication sagt jedem Montessori-Pädagogen, dass er selbst es ist, der darüber entscheidet, wie viel Montessori er in sein Denken und Handeln einfließen lassen will.

Ein Beispiel. Meiner Meinung nach wird jemand, der in einem Montessori-Kindergarten oder einer Montessori-Schule arbeitet, ein Authentizitätsproblem bekommen, wenn er diese Forderungen Maria Montessoris ernst nimmt: »Wir bestehen mit Nachdruck darauf, dass der Lehrer sich innerlich vorbereiten muss: er muss mit Beharrlichkeit und Methode sich selber studieren, damit es ihm gelingt, seine hartnäckigsten Mängel zu beseitigen, eben die, die seiner Beziehung zum Kinde hinderlich sind.« (Kinder sind anders, dtv 2001, S.153).

Das amicative »Ich liebe mich so wie ich bin« ist da von anderer Qualität, und mit den »Mängeln« des Charakters wird anders verfahren. Das pädagogische »Mängel beseitigen« wird als nicht weiterführend erkannt; denn »Mängel« sind Teile des Selbst, denen Achtung zukommt und mit denen konstruktiv umzugehen man lernen kann.

Wie auch immer: Amication bietet jedem, der erzieherisch tätig ist, auch Montessori-Pädagogen, einen unkomplizierten Weg zu sich selbst an. Im Mittelpunkt steht der Einzelne, der Handelnde, der Pädagoge - Sie -, nicht das Kind, nicht die Sache oder sonst was. Von dieser Ich-Position aus wird dann Ausschau gehalten nach der Welt und den Kindern, auch nach Maria Montessori und der aktuellen Montessori-Pädagogik. Und dann habe ich gelegentlich Lust, Maria zu fragen, was sie für Einfälle und Vorschläge für das Zusammensein mit Kindern hat.











 

 

 

Montag, 9. Mai 2022

Frédérick Leboyer


 

Vor vier Wochen schrieb ich über die Selbstverantwortung von Anfang an. Es ging um den ersten Atemzug: Jedes Baby kann dies in eigener Regie tun. Und muss nicht von uns dazu veranlasst werden. Das Wissen, dass die Babys das selbst können, hat vor 50 Jahren Frédérick Leboyer wieder in die Welt gebracht. Ich habe mir sein Buch von damals noch einmal vorgeholt und stelle die entsprechende Passage vor. Das Original ist einfach überzeugend...


Frédérick Leboyer, Geburt ohne Gewalt, 1974: 

Die Hauptgefahr für das Kind während der Geburt besteht in der Anoxie, das kann nicht genug betont werden. Anoxie bedeutet Mangel an Sauerstoff, und besonders das Nervengewebe reagiert darauf äußerst empfindlich. Wenn ein Kind vorübergehend zu wenig Sauerstoff erhält, so führt das zu irreparablen Schäden im Gehirn, die es möglicherweise sein Leben lang zum Krüppel machen. Mit anderen Worten: das Kind darf unter keinen Umständen, zu keinem Zeitpunkt der Geburt in einen Sauerstoffmangel geraten. Nicht einmal für kurze Zeit. So sagen die Experten, und sie haben recht. 

So sagt es auch die Natur.

Darum hat sie es so eingerichtet, daß das Kind in der gefährlichsten Phase unmittelbar nach der Geburt aus zwei Quellen Sauerstoff erhält: aus seinen Lungen und aus der Nabelschnur. Beide Systeme arbeiten gleichzeitig, allmählich löst eins das andere ab: das alte, die Nabelschnur, versorgt das Kind noch so lange ausreichend mit Sauerstoff, bis das neue, die Lungen, diese Funktion in ausreichendem Maße übemehmen können.

So bleibt das Kind, das eben erst den Mutterleib verlassen hat, noch einige Minuten lang durch die kräftig pulsierende Nabelschnur mit ihr verbunden. Vier, fünf Minuten, manchmal noch länger.

Der Sauerstoff, den es weiterhin über die Nabelschnur erhält, schützt es vor Anoxie, so dass es gefahrlos und ohne Schaden zu nehmen in aller Ruhe mit dem Atmen beginnen kann, langsam und ohne etwas zu überstürzen. Das Blut hat Zeit, nach und nach die alte Bahn zu verlassen (die zur Placenta führte) und zunehmend die Lungenstrombahn zu entfalten.

* 

Wie kommt es zu dem ersten Schrei? 

Wenn das Kind herauskommt, wird der Brustkorb, der bis dahin aufs Äußerste zusammengepreßt war, plötzlich durch nichts mehr eingeengt und öffnet sich. Es entsteht eine Leere, in die die Luft sogleich mit Wucht eindringt. Es ist ein passiver Vorgang. Das ist der erste Atemzug.
Das ist die Verbrennung.
Das Kind beantwortet diese Verletzung, indem es ausatmet.
Zornig jagt es die Luft wieder hinaus.
Das ist der Schrei.

Danach ist es oftmals eine Weile still. Erstarrt vor Schmerz macht das Kind eine Pause. Manchmal wiederholt sich der Schrei auch zwei, drei Mal, bevor die Pause eintritt.

Wenn wir ihm Zeit zu einer Pause lassen.

Meistens verlieren wir hier die Nerven, und dann gibt es gewöhnlich Ohrfeigen, Poklatschen und kaltes Wasser.

Doch inzwischen haben wir dazugelernt und können unsere Impulse beherrschen. Wenn wir der Natur und den kräftigen Pulsationen der Nabelschnur vertrauen, brauchen wir uns nicht einzumischen. Wir werden sehen, dass die Atmung von allein wieder einsetzt. Zunächst zögernd, vorsichtig, immer noch mit kleinen Pausen.

Das Kind, das von der Nabelschnur noch Sauerstoff erhält, nimmt sich Zeit und nur so viel von der feurigen Luft, wie es ertragen kann. Es hält ein, beginnt von Neuem. Es gewöhnt sich langsam und atmet tiefer. Bald findet es Gefallen an dem, was eben noch grausam und verletzend war.

*

Wenn die Nabelschnur aufhört zu pulsieren, schneiden wir sie durch. Kein Schrei, keine Bewegung, nicht einmal ein Zittern kommt von dem Kind. In Wirklichkeit haben wir nichts durchtrennt. Ein totes Band ist abgefallen. Das Kind wurde nicht von seiner Mutter fortgerissen. Sie haben sich voneinander gelöst.

Wie wohltuend, wie einleuchtend ist eine solche Geburt. Die Mutter hat ihr Kind noch ein Stück begleitet. Indem sie ihm über die Nabelschnur noch weiterhin Sauerstoff zukommen ließ, hat sie ihm geholfen, seine ersten Schritte in dieser furchterregenden Welt zu machen.

Ähnlich wird es später sein, wenn das Kind laufen lernt und die Mutter ihm eine Hand anbietet, an der es sich festhalten kann. Eine geöffnete Hand, die das Kind ergreifen und wieder loslassen kann, in dem Maße wie es seiner eigenen Kraft vertraut.


Montag, 2. Mai 2022

Schultraumatisierung

 

 

Ich wurde wieder einmal gefragt, was ich an der Schule eigentlich auszusetzen habe. Das ist ein sehr weites Feld! Ich stelle dazu etwas in den Blog, das ich vor einiger Zeit geschrieben habe.

*

Vorspann

Aber es gibt doch so viel Hilfreiches durch die Schule! Das übersehe ich ja nicht. Ich spiele nur in einer ganz anderen Liga. Beispiel zum Verdeutlichen: Dass die (viele) Frauen im Patriarchat von den (vielen) Männern geliebt wurden/werden, ändert ja nichts an dem ganzen Unterdrückungsmechanismus, der im Patriarchat enthalten ist. Und der den Frauen nicht gut tut. Das ist mit dem Erwachsene-oben-Kinder-unten-Mechanismus, dem Adultismus, nicht anders. 

Natürlich lieben die (allermeisten) Erwachsenen ihre Kinder. Und schicken sie aus Liebe und Fürsorge in die Schule. Und dennoch, parallel zu ihrer Liebe und ihre Liebe konterkarierend, passiert dabei Ungeheuerliches. Was ich hier beschreibe. "Da haust Du nur auf die Lehrer, die sich bemühen".Auf sie hauen? Das rauscht an mir vorbei. Ja, ich stelle mich gegen "die" Schule und "die" Lehrer. Genau so wie ich mich gegen "die" Männer stelle, die Frauen unterdrücken. Aber: Ich setze die Schule und die Lehrer nicht herab, wenn ich mich gegen sie stelle.

Es geht in meinem Erkennen um Grundsätzliches. Kinder haben das Recht auf ihre Gedanken (Gedankenfreiheit), das Recht, ihre Gedanken mitzuteilen (wann, wo, wie sie wollen, Meinungsfreiheit), das Recht auf Gefängnisfreiheit (Freizügigkeit), das Recht auf ihren Körper (körperliche Unversehrtheit). Was passiert in der Schule mit diesen Rechten? "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - auch für Schulkinder? Und was ist mit dem ganzen Klein-Klein eines jeden Schultags, diese großen Rechtsdinge mal runtergebrochen ins Alltägliche? 

Die persönlichen Herabsetzungen 

Dass Kinder durch die Schule in ihrem Herzen tief gekränkt werden und dass sie die Schule nach 10 langen finsteren Jahren traumatisiert verlassen, wird selten wirklich thematisiert. Die großen und kleinen Katastrophen, die alle Schulkinder erleiden, werden rückblickend immer humorvoll oder sarkastisch oder resignativ erzählt, und es heißt dann "Schule ist eben so." Ich sehe aber das Leid der Kinder, das die Schule ihnen zufügt, als das, was es ist, wenn es geschieht: als konkret erlebtes Leid. Und ich erkenne es in seiner Brisanz und Tragweite für die einzelne Person und die Gesellschaft.

Wie schlimm sind persönliche Herabsetzungen, die ein Kind im Laufe seiner zehn- bis dreizehnjährigen Schulzeit in und durch die Schule erlebt? Was verheilt und was bleibt? Warum gibt es keine Studien darüber, welche seelischen Verletzungen Kinder in der Schule erleiden und wie es sich mit den Langzeitfolgen dieser Verletzungen verhält? Warum gibt es keine Leiddiskussion, weder in Ansätzen noch in der ganzen Vielfalt der Dinge, die für Kinder in der Schule Leid bedeuten?

Nun, in einer Welt, die den Erwachsenen über das Kind stellt und die dem Erwachsenen die pädagogische Aufgabe zuweist, aus Kindern vollwertige Menschen zu machen, ist die Herabsetzung des Kindes das Alltagsklima. Herabsetzung: der Erwachsene oben, das Kind unten – der Erwachsene ist der „richtige“ Mensch, das Kind ist ein unfertiger, „noch nicht richtiger“ Mensch. Das Alltagsklima der Herabsetzung ist strukturell verankert durch die pädagogisch-anthropologische Sichtweise vom Kind. Diese Herabsetzung wirkt aber nicht nur als psychologische Untergrundströmung, sondern wird im Alltag eines jeden Kindes immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich.

In der Schule gilt dieselbe Oben-Unten-Struktur wie in der Gesellschaft, alle Lehrer arbeiten in pädagogisch-anthropologischer Sichtweise an der Menschwerdung des Kindes. Und genauso wird im Alltag eines jeden Schulkindes die Herabsetzung immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich. Als Aktion eines konkreten Erwachsenen, des Lehrers Meier, der Lehrerin Müller: 

   Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Pust nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Red lauter! Red leiser!"

   Anschreien, beschimpfen, auslachen, bloßstellen, vorführen, bestrafen, beleidigen, zwingen, nötigen, übergehen, wegsehen, schlecht machen, ungerecht behandeln, austricksen, in die Enge treiben, mit Häme überziehen, Schuldgefühl machen, Geständnis erpressen, diskreditieren, diskriminieren, anschwärzen, verpetzen, belügen, das Wort im Munde rumdrehen, die intellektuelle Überlegenheit ausspielen, auflaufen lassen, links liegen lassen, vom Spiel ausschließen, bewusst überfordern, erpressen, eine Leistung nicht anerkennen, Strafarbeiten aufgeben, nachsitzen lassen und so weiter und so fort. 

Und: ohne Unterlass wird in die körperliche Unversehrtheit eingegriffen. Man lässt einen anderen Menschen spüren, wer die wirkliche Macht über seine körperliche Integrität hat, wem man ausgeliefert ist, wie man sich zu bewegen, zu drehen und zu wenden hat. Der Körper wird dirigiert und funktionalisiert, Finger, Hände, Arme, Beine, Augen, Ohren, Nase, Mund, Magen. Immer wieder rollen die Angriffe auf die körperliche Souveränität heran, immer wieder erlebt sich das Schulkind nicht als Herr im eigenen Haus, sondern als vertrieben von sich selbst.

Nachspann 

Das Wissen von der Welt lässt sich selbstverständlich anders vermitteln, ohne Herabsetzungen, ohne Verletzungen, ohne Demütigungen, ohne Leid. Wie? Das ist auch ein sehr weites Feld – und braucht Raum in einem neuen Post.



 

Montag, 25. April 2022

Andi weint



Ich räume meine Bilderkiste auf, finde ein Foto von einer Siebenjährigen, aus der Zeit meiner Kinderforschung. Ich lese meine Aufzeichnungen (von vor fast 50 Jahren) durch und erinnere mich genau:

Andi (7) weint. Wir sind in einem Zeltlager, ich bin zu Besuch. Ich kenne sie erst ein paar Stunden. Die anderen sind gerade nicht da. Ich knie mich vor sie hin, sie steht drei Schritte weg. Sie hält die Arme vors Gesicht, sieht ab und zu her und weint. Ich bin ganz konzentriert und mache mich auf. Ich höre ihr zu und ich habe Raum in mir für ihre Tränen.

Ich sage mit meinen Augen: „Hallo Andi, ich höre Dir zu und habe Platz für Deine Tränen. Du kannst mir Dein Leid erzählen.“ Sie kommt langsam auf mich zu, bleibt stehen, sieht her und weint weiter. „Du kannst kommen und Dich in den Arm nehmen lassen. Du kannst aber auch dort bleiben und mich zuhören lassen“, sage ich ihr mit meinen Augen und mit meinen Gefühlen aus dem Bauch.

Ich beginne, mich weiter zu ihr fallen zu lassen, sie beginnt, weiter auf mich zuzugehen. Plötzlich kommt ihre Gruppenleiterin – Glas zerbricht, eine Kreissäge kreischt, Singvögel fallen zu Boden. „Wer wird denn weinen“, sie nimmt Andis Hand und zieht sie ins Zelt. Ich bleibe voll Schmerz zurück, bin ohne Vorwurf. Voll Schmerz über diesen Erwachsenen.


*

Wir sind es gewohnt, große emotionale Geschehnisse bei den anderen nicht mit Ruhe ansehen zu können. Wenn der andere sehr heftig reagiert, eilen wir herbei, um ihn zu beruhigen, etwa wenn er weint. Oder wir beginnen ihn zu trösten oder von den Dingen zu reden, die Tränen eigentlich nicht nötig sein lassen.

In Wirklichkeit geschieht dann, dass wir uns selbst beschwichtigen und trösten. Dieses Beschwichtigungs- und Trostverhalten haben wir der Erwachsenenwelt abgesehen, als wir Kinder waren. Wenn wir als junge Menschen weinten, stürzten die anderen herbei und nahmen sich unseres Schmerzes an. Was aber bedeutet: Sie nahmen uns die Oberhoheit über unseren Schmerz. Anscheinend konnten sie nicht ertragen, dass unsere Tränen flossen, und sie mussten etwas dagegen unternehmen.

Unsere Tränen gehörten nicht uns. Sie waren etwas Beängstigendes für die anderen. Und wenn wir verzweifelt waren, wurde alles mögliche in Szene gesetzt, damit wir wieder froh wurden. Unsere Verzweiflung wurde nicht als Realität akzeptiert, sondern sie wurde wie ein Schmutzfleck weggeputzt.

Wir wussten um den Wert der Tränen und Verzweiflung von damals. Sie waren offene Tore zu uns, Rufe, uns selbst, so wie wir wirklich waren, zu erkennen. Sie waren keine Aufforderung, herbeizustürzen und von unserer Wirklichkeit, die sich energievoll Bahn brach, abzulenken. Doch im Ablenken waren unsere Erwachsenen geübt, denn sie kannten dies ja aus ihrer eigenen Kindheit: dass ihre Erwachsenen lamentierten, aggressiv reagierten, daherkamen mit gutgemeintem „armes Kind“, listigen Beruhigungsmanövern, „ist doch nicht so schlimm“.

Es ging darum, ihre Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Unsere Tränen waren letzte Versuche, in das Chaos der Erwachsenenwelt die Wahrheit und Weisheit unserer Ordnung zu tragen, die von der Einmaligkeit und Würde der Person kündet.


*

Wenn jemand – sei es ein junger oder erwachsener Mensch – in meiner Gegenwart weint, bin ich nicht aufgeschreckt in hilfloser Dramatik. Ich kann mit Ruhe, Konzentration, Wärme, ohne Worte, still und energievoll einfach da sein. „Ich bin da. Ich stehe auf Deiner Seite. Ich mag mich – selbst. Ich mag auch Dich. Ich habe Kraft, Dir zuzuhören. Deine Tränen verletzen und beunruhigen mich nicht. Ich kann sie Dir lassen. Nichts muss zerstört werden. Ich höre Dich aus der Tiefe in mir. Ich bin Dir nah.“

Meine Reaktion auf die großen Emotionen der anderen sind geöffnete Tore auch bei mir, ich kann mir selbst begegnen. Die Nähe des Weinenden zu sich und die Nähe des Zuhörenden zu sich sind für uns beide hilfreich: Wir spüren, dass wir jetzt einander sehr nah sind, dass unser jeweiliges Selbst viel intensiver in Erscheinung tritt als sonst. Und von dieser intensiven Basis aus sehen wir in unsere Herzen.




 

Montag, 18. April 2022

Amication: Veras Weg

 


Vor etwa zwei Jahren hörte ich von der Amication. Hier traf ich auf Menschen, von denen ich mich angenommen und verstanden fühlte, die mich nicht beredeten mit Aussagen wie: »Du hast doch alles, gesunde Kinder und materielle Absicherung, was willst Du denn?« Ich musste nichts erklären und bekam auch nichts erklärt. Mit der Zeit traute ich mich immer mehr an mich selbst heran, an meine Gedanken und meine Gefühle. Oft zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich etwas ganz anderes sagte oder tat, als ich wirklich meinte. So nach und nach merkte ich, wie ich mich vor mir und den anderen versteckt habe. Vieles habe ich so getan, wie es meiner Meinung nach von mir erwartet wurde. 

Wenn ich so zurückdenke, habe ich mir nie richtig Ruhe gegönnt. Mich einfach hinsetzen, abschalten. Die Zeit verstreichen lassen, ohne etwas vorzuweisen, das gab es nicht. Da kamen so Sprüche in mir hoch wie »Müßiggang ist aller Laster Anfang« und »Lass Dich nicht hängen«. Es zählt nur, wer arbeitet, wer etwas für andere sichtbar leistet. 

Viele Jahre habe ich gemacht, geschafft über meine Kräfte hinaus und habe nicht gemerkt, wie ich gegen mich selbst gearbeitet habe. Alle äußeren Gelegenheiten habe ich dafür verantwortlich gemacht, dass ich mich selbst jage. Mein Körper hat mit Krankheit reagiert, aber dafür gab es ja Medizin. So langsam spüre ich meinen Körper wieder, merke, was in mir vorgeht, und reagiere darauf. Mit der Zeit kann ich mich immer besser einschätzen, ich lerne mich kennen. Heute muß ich nicht mehr weiterlaufen, um zu gewinnen, wenn ich nicht mehr laufen kann. Ich bleibe stehen, und es ist gut so. Stückchen für Stückchen kann ich mich so nehmen, wie ich bin. 

So wie ich mich auf mich selbst einlassen kann, so kann ich mich auch inzwischen auf meine beiden Kinder einlassen. Immer wieder habe ich ihnen meine Maßstäbe und Erwartungen aufgedrückt und habe Wege gesucht, das einzelne Kind dahin zu bringen, wohin ich es haben wollte. Es ist nicht bewusst geschehen - ich habe es nur gut gemeint. 

Ein Beispiel zeigt, wie sehr ich mich dann an dem, was die Kinder taten, orientierte. Meine damals fast fünfjährige Tochter fing an, irgendwelche kleinen Gegenstände wegzunehmen. Zunächst versuchte ich sie mit Zureden, dann mit Strafen, ja sogar mit Erpressung davon abzubringen. Erst viel später, als alle meine Überredungskünste fehlschlugen, fing ich an, die Sache zu hinterfragen. Warum hatte es meine Tochter nötig, kleine Dinge zu entwenden?

Der Gedanke »Ich muss das verhindern, was soll sonst daraus werden?«, also meine eigene Angst, verschwand ganz. Bald war mir klar, dass das ein Kampfmittel war. Hier konnte sie mich treffen. Aber warum musste sie mich bekämpfen? Selbst Druck und Strafe konnten sie nicht daran hindern, überall etwas mitzunehmen. Es geschah nur immer heimlicher, und sie fing an, zusätzlich noch zu leugnen. Nun war ich genau da hineingerutscht, wo ich nicht hinein wollte. 

Verbote, Strafe, Druck, alles das wollte ich nicht. Bei mir spürte ich Hilflosigkeit und Traurigkeit. Davon konnte ich meiner Tochter erzählen. Immer stärker spürte ich, was das, was sie tat, bei mir auslöste. Nun war ich unfähig, sie dafür zu bestrafen oder auch nur Strafe anzudrohen. Ich habe von mir erzählt und geweint, ohne sie dafür verantwortlich zu machen. Es waren meine Gefühle. Bei mir verlor die Sache dann mehr und mehr an Bedeutung, irgendwann fiel mir auf, dass meine Tochter nichts mehr mitnahm. Es hat sich alles wie von selbst erledigt.


 

Montag, 11. April 2022

Der erste Atemzug

 


Selbstverantwortlich – ab wann? Von Anfang an! Auf dem Vortrag neulich kamen wir auf die Selbstverantwortung der Babys, ja der Neugeborenen zu sprechen. Es ging konkret um den ersten Atemzug. Wer ist dafür verantwortlich, dass er gelingt?

Unmittelbar nach der Geburt muss sich das Neugeborene den lebensnotwendigen Sauerstoff aus der Luft besorgen – durch das Atmen. Die neun Monate vorher nehmen sich die Embryos den Sauerstoff aus dem Blut der Mutter, das durch die Nabelschnur zu ihnen gelangt. 

Traditionellerweise fühlen sich Erwachsene für Kinder verantwortlich, und so sind auch Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Denn sie meinen, dass Babys dies nicht von sich aus können. Sie klemmen deswegen die Nabelschnur ab, machen einen Knoten und schneiden sie durch, kaum dass das Kind da ist. Und veranlassen es so zum ersten Atemzug, zur Luftatmung. 

Weil durch das Abklemmen der Sauerstoff ausbleibt, geraten die Babys in Lebensangst, reißen den Mund auf und stürzen mit dem ersten Atemzug eine Riesenmenge Luft in die noch zusammengefaltete Lunge, die sich plötzlich mit einem großen Ruck entfaltet - wie Feuer fährt es in den kleinen Körper, ein schrecklicher Schmerz! Er entlädt sich in wildem Schrei, dem ersten Schrei...

Doch keinem Baby muss aus Sorge und Verantwortungsgefühl Schmerz und Leid bei der Geburt zugefügt werden. Denn auch hier greift die Selbstverantwortung: Jeder neugeborene Mensch kann diese Umstellung selbst regeln, niemand muss dazu durch Abklemmen und Durchschneiden veranlasst, gar gezwungen werden. Es geht so:

Unmittelbar nach dem Geborensein wird das Baby auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt, nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird jetzt nicht abgeklemmt und durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung veranlasst, gezwungen. Denn auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt wie alle Monate vorher mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. 

Langsam, in eigener Regie, mit kleinen Atemzügen, kann sich das Neugeborene parallel zur Blut-Sauerstoffversorgung auf die Luft-Sauerstoffversorgung, die Atmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird dabei vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur behutsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt. Die Nabelschnur wird schließlich leer und milchglasig und wird erst dann verknotet und durchtrennt. 

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. 

Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jedes Ungeborene selbst, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist, und der Embyo gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen. 

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt, mit Selbstverantwortung ausgerüstet für ein gazes langes Leben. Sie rufen den Erwachsenen zu Beginn  zu: „Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!“



Montag, 4. April 2022

Nicht bemühen ...



Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir etwas dafür tun. So etwas will im rechten Verhältnis sein: Geben und Nehmen, Bemühen und Erhalten. Das ist eins von vielen Grundmustern des Lebens. Wie soll auch geschehen, was ich will, wenn ich mich nicht dafür einsetze und etwas dafür tue? 

Heute will ich nachts in den Wald zum Meditieren. Was ich dafür tun muss: nun, ich mache mich auf den Weg, schaffe den Weg, komme an. Den Weg zurücklegen ist der Einsatz, um in den Wald zu kommen. Hab ich ja auch gut erledigt. Ich bin angekommen und beginne mit dem Nachsinnen.

„Du musst Dich nicht bemühen.“ Sanft und langsam, ein Hauch. Wortlos noch, kein Satz. Aber es formt sich. Ich erkenne dann mit Worten, was sich mir mitteilt. Es ist der Wald, die Nacht, der Zauber der Stille, das Wesen der Ruhe. Was auch immer es ist: es ist nicht zu überhören. Und es spricht mich an. Und ich lasse mich ansprechen und höre zu.

Es ist eine sehr gewisse, machtvolle und ruhige Botschaft. Sie will nicht gehört werden: sie ist da und kann gehört werden. Sie ist fest verankert in der Energie der Konstruktivität. Sie ist Vertrauen. Alles steht mir zu, alles wird mir zufließen, alles wird mich tragen. Es ist etwas Freundlich-Schelmisches dabei, etwas Verschmitztes. Weil es so selbstverständlich ist und weil es so schwer zu merken ist. 

Wenn ich mich bemühe, entferne ich mich. Ich bin dann nicht dort, wo ich sein will, sondern ich bin im Dorthin-Eilen. In der Mühe eben. Es ist so ungewohnt: Alles fließt mir zu? Das stimmt doch gar nicht. Ich will so vieles erreichen und bemühe mich unentwegt. „Musst Du nicht tun. Lass Dich in Ruhe. Du liebst Dich doch. Dann tu es einfach. In allem und jedem. Vertrau dieser Kraft. Mehr ist nicht zu tun.“ 

Es ist eine seltsame Botschaft heute Nacht. Gegen alle Logik und Lebenserfahrung. Erkennbar paradox. Wirklich? Ich habe auf einmal Zugang zu dieser Widersprüchlichkeit, sehe ihre Harmonie und fühle mich wohl und willkommen in dieser Zauberei. In dieser Realität der Liebe. Ja, ich habe vom WU WEI von Lao Tse gehört. Ist es das? Ist im Bemühen zu viel Misstrauen, ganz grundsätzlicher Art? 

„Du musst Dich nicht bemühen“ kommt aus tiefer Liebe zu mir selbst, aus dem Vertrauen in das Leben und den Sinn. Dem ich nachgeben kann, hier im Dunkel der Nacht, in der Konzentration der Stille und dem Atem des Waldes. Es ist ein Raum, der ja auch da ist, und in den ich gehen kann, wenn ich das will. Ich entscheide, wie immer, welchen Weg. 

„Es erfüllt sich. Es wird schon. Es kommt so, wie es richtig ist. Es geht gar nicht anders. Dein Bemühen hält das Fließen nur auf. Lass es geschehen.“ Alles sehr fremd. Alles sehr vertraut. Eine Gewissheit jenseits der Erklärung. Alltagstauglich? Auf dem Rückweg lasse ich dieses Befragen. Ich lasse es einfach gelten und zu mir gehören. Ich habe verstanden: Ich muss mich auch nicht bemühen, das alles zu verstehen. Wahrheit kommt auf vielen Pfaden.


 

Montag, 28. März 2022

Feuerwerk und Wassereimer


 

 

Wissen Kinder, was für sie gut ist? Sie wissen es entsprechend ihrem Erfahrungs- und Bewertungshorizont, wie das bei jedem Menschen der Fall ist. Beispiel Kind: Es will einen Weihnachtsbaum anzünden, um sich an der erhofften Wirkung (Feuerwerk) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Wassereimer).

Beispiel Erwachsener: Er will ein Atomkraftwerk bauen, um sich an der erhofften Wirkung (Energiegewinn) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Katastrophenplan).

Aus ihrer Sicht wissen sie, was für sie gut ist. Ich bin da oft ganz anderer Meinung, aus meiner Erfahrung und Bewertung heraus. Ihr subjektives Wissen ist meinem subjektiven Wissen jedoch stets gleichrangig – denn objektives Wissen existiert überhaupt nicht.

Dem zuzustimmen – dass es keine Objektivität der Erkenntnis gibt – ist natürlich nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch meine Überzeugung, sie gründet in dem postmodernen Paradigma der Gleichwertigkeit. Und wenn ich auch allemal meinem Wissen verpflichtet bin und dies notfalls durchsetze – so steht es mithin nicht über dem Wissen eines Kindes und verdrängt nicht meinen Respekt davor, dass jedes Kind wie jeder Mensch sehr wohl weiß, was für es gut ist.

Im übrigen ist das Wissen der Kinder ist nicht von der Art, wie wir Erwachsene etwas wissen. Es ist ein Gespür für das Angemessene, eine emotionale Sicherheit, die auf Selbstvertrauen und Ich-Sicherheit beruht. Dieses Wissen der Kinder ist ein Wissen, wie es ursprünglich aus uns kommt, es ist ein Wissen von innen.


 


Montag, 21. März 2022

Pause

 

 

In dieser Woche komme ich nicht dazu, einen Post zu schreiben. Nächste Woche geht es weiter!