Montag, 26. Oktober 2020

Geschenke




Finn wird zwei, ich will ihm etwas zum Geburtstag schenken. Nach einigem Überlegen zwischen Stofftier, Auto und Holztier vom Bauernhof bleibe ich beim Bilderbuch hängen. Neulich habe ich mit dem zweijährigen Johann ein Bilderbuch angesehen, das war prima. Also: ein Bilderbuch für Finn.
 

Schenken – ein weites Feld. Was passiert mir beim Schenken? Ich will eine Freude machen. Aus gegebenem Anlass oder einfach so. Ich habe etwas gefunden, ich habe etwas gesucht, etwas hat mich gefunden, und das will ich Dir geben, Dir schenken. Damit es Dich freut, erfreut. Und mir dann ein schönes Gefühl macht. Weil Du dich freust. 

Es gibt Bereiche, wo ich mich gut auskenne und wohlfühle, wenn es ums Schenken geht. Natur zum Beispiel, Blumen und Co. Aber die richtigen, die zu Dir passen, wie ich meine. Sonnenblume, Lilie, Gänseblümchensträußchen, Kornblumen, Wildblumenstrauß. 

Zu Weihnachten suche ich kleine Besonderheiten auf dem Weihnachtsmarkt und in den Weihnachtsregalen der Baumärkte. Dabei gibt es ein „das passt zu dem“, ist stimmig. 

Bei der Anlass-Schenkerei (Geburtstag, Weihnachten, sonst) ist eine gewisse Mühe dabei, es soll ja auch gut kommen, so ein Geschenk. Da bin ich froh, wenn ich mit der Sucherei fertig bin und was Passendes gefunden habe. Und dann wird es schön verpackt und geht auf die Reise. Heute: zu Finn. 

So ein spontanes Geschenk ist von leichterer, von leichter Art. Es stellt sich ein, aus heiterem Himmel, und will getan sein. Und wird getan: „(Das ist) Für Dich“. Schön und leicht. Und es könnte mir gern mal öfter über den Weg laufen. 

Dann gibt es noch Zweckgeschenke. Die sollen etwas bewirken. Gute Laune, offenes Ohr, Bitte erhören, listig, hinterlistig, aus Not, verzweifelt. Damit passiert, was passieren soll. Von vergifteten Geschenken ganz zu schweigen. Aber diese zwielichtige und dunkle Schenkewelt ist nicht meine Art. Meine Schenkerei kommt aus dem Sonnenland. Habe ich ein gutes Herz beim Schenken? Habe ich. 

Ich bin der Chef dieser Lebenswelt Schenken. Ich kann es tun oder es lassen. Ich gehöre nicht dem Schenken, ich gehöre mir. Die Weihnachts-Schenkerei hat schon Lust, mir zu zeigen, wo es langgeht. Da wehre ich mich dann und behalte die Oberhand. Aber ich mach den ganzen Schenkezirkus doch mit. Mach ich das? Ich sag dem Schenkezirkus, dasss er gar kein Zirkus ist, jedenfalls nicht für mich. Wenn ich Weihnachten etwas schenke, dann weil ich das will, ohne Zirkus. Ich muss nichts schenken, ich kann. Und ich werde. Und schmeiß mich frohen Mutes ins weihnachtliche Schenkegetümmel. 

Klar, Geschenke werden von mir auch erwartet. Kinder, die in meinem Leben sind, bekommen Geschenke. Erwarten sie das von mir? Schon, irgendwie. Sie wären enttäuscht, wenn zum Geburtstag nichts kommt. Konvention, die mich im Griff hat? Bin ich der Schenkedackel? Na ja, so hoch hänge ich das nicht. Es ist eine schöne Konvention, die ich mitmache. Betonung liegt auf ich: ich mache mit, weil ich das will. Und weil ich Enttäuschungsleid nicht will.  

Bin ich ein Geschenk? Tja – jeder ist ein Geschenk des Lebens. So kann man das sehen. Schenkt mir das Leben etwas, einiges, vieles, immer mal wieder was, selten, nie? Fühle ich mich vom Leben/Schicksal/Gott/Universum beschenkt? Nun, ich habe durchaus ein Beschenktseingefühl. Ganz allgemein, fühlt sich gut an. Aus dieser allgemeinen Beschenktseinwohlfühlwelt kommt immer wieder mal Konkretes. 

Tausenderlei. Aber solche Geschenke wollen auch erkannt, bemerkt sein. Dann stiften sie Freude in mir. Kleine Geschenke: Abendrot, Nachtigall, Pilzmesser wiedergefunden, Geschäft grad noch offen, gute Grußkarte gefunden. Große Geschenke: Meine Begabungen. Mein Frohsinn. Diese Kinder. Diese Frau. Diese Freunde. Diese Gesundheit. Dieses lange Leben. 

Bin ich ein Geschenk? Für andere Menschen? Für Dich? Zur Freude? Zur Unterstützung? Ja,das kommt eben auch vor, da kann ich nichts für. Macht ja nix, ich bin auch gerne ein Geschenk.





 

Montag, 19. Oktober 2020

Honig, pures Glück II

 


(Fortsetzung des Posts vom 12.10.)
 
Wenn wir unsre Geheimnisse, unsere Heiligkeiten, unseren Honig und unsere Rosenwelten leben – wie wird das Echo sein, das da kommt, kommen kann, kommen könnte? Gibt es dunklen Donner oder lichtes Mitsein?

Was gebe ich von mir preis, was vertraue ich an: den Menschen um mich herum? Erzähle ich von meiner Liebe? Von meinen geheimen Entschlüssen? Von meinen erkundenden Gedanken? Von meinen aufsteigenden Melodien? Von meinem Naschen am Lebensglück?

Teil mit mir meinen Frieden.“ So voll ist mein Herz. So viel Freude und Glück ist in mir. „Willst du auch“ - teilhaben an dem, was mir geschenkt wird? In Deinen Augen sehe ich den Glanz meiner Augen. Und Du spürst, wie süß der Honig ist.

Wir haben früh gelernt, wie das mit dem Anvertrauen der Honigwelten ist. Wir gehen vorsichtig durch die Welt und durchs Leben. Wir wissen, wen wir mitnehmen können. Und vor wem wir auf der Hut sein sollten. Und oft folgen wir lieber dem Misstrauenspfad, als dass wir uns den Honig verbittern und die Rosenwelt verwüsten lassen. Und verstecken die süßen Gläser unseres Herzens. Doch ab und zu geschieht auch das Wunder, dass der andere nicht dunkel ist, sondern hell und liebevoll, und ich kann davon erzählen, wie viel Glück und Licht in mir ist.

Ein jeder kennt da sein eigenes Maß, und wo der eine ganz vorsichtig ist, ist der andere robust. Was erzählen Kinder noch ihren Eltern, was erzählen sich noch die Partner? Wie gefährlich ist das Mich-Zeigen ? Für meinen Frieden? Wo der eine ganz ins Versteck geflohen ist, hat der andere ein überströmendes Herz und gerät immer wieder in Gefahr.

Vielleicht können wir ab und zu innehalten, wenn wir die Kinder beim Honigschlecken überraschen, und uns zurückziehen, die Küchentür leise schließen, überwältigt von ihrem Glück in Resonanz geraten.

Vielleicht können wir Rosen schenken, wenn wir ein süßes Seelengeheimnis aus der Erwachsenenwelt mitbekommen. Zeuge werden ohne Dunkelwolken zu verbreiten, so angebracht sie auch sein mögen. Die Dunkeltür leise schließen, überwältigt vom Glück des anderen in Resonanz geraten

Die Achtsamkeit im Zusammensein mit den anderen und ihren Heiligkeiten, mit den Kindern oder mit dem Partner, will immer wieder neu bedacht werden. Es ist ein so weites Feld.



Montag, 12. Oktober 2020

Honig, pures Glück

 


„Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Ich seh doch, dass Du genascht hast!“ Ich will all das schützen, bewahren, bergen. All das, was gut, heilig, schön, prächtig, liebevoll ist. Den Honig im Glas, die zigtausend Bienen, die mir ihr Geschenk gemacht haben, die Freude, die vom Mund aus in mich hineinzieht, der erfüllte Wunsch, die Verheißung: Du kannst glücklich sein. Honig, pures Glück.

„Nein.“ Ich will mir das nicht entreißen lassen, wegstehlen lassen, schlechtreden lassen. Ich bin im Rosenland unterwegs, im Honigland, im Lichtland. Diese verhexende Dunkelheit in meinem Rücken, ich spür ja, wie sie stärker wird, der Schicksalstornado rast heran. Ich kenne das ja, ich werde mitgerissen werden, zerschellt irgendwo stranden, zerschlagen, gedemütigt, herabgesetzt, vertrieben.

„Zeig her!“ Die Finger der Bergehand werden aufgestemmt, der Honigfinger triumphierend hochgerissen, Beweis meiner Unartigkeit, Türöffner für die folgende Seelenfingerei. Grenzüberschreitung, Willkür, Gehirnwäsche. Ich bin chancenlos, ich bin ausgeliefert, mein Herz, meine Seele, meine Liebe: beiseite gestoßen, Pech und Schwefel über mich. 

 

***

 

 „Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Hast Du genascht?“ Ich bin erschrocken, fahre hoch... und weiß mich doch geborgen. Klar habe ich genascht, wie die Großen das nennen. Ich bin dem Honig gefolgt, der Einladung der Bienen, des Lichts und des Lebens, des Sommers und der Blumen. Er steht uns Kindern zu, dieser Honig, ein Finger voll, viele Finger, das ganze Glas. Die Wucht der Richtigkeit meines Seins und die Wahrheit des Honigs tragen mich. Die Stimme hinter mir schwingt ein, sie ist so süß wie der Honig im Glas.

„Willst Du auch?“ Schnelle Schritte, Einverständnis der Herzen, leuchtende Augen, wir lachen, und es tut gut. So viel Friede, so viel Freude. So viel Vertrauen, so viel In-die-Seele-Sehen. Ja, wir sind auch verschmitzt. Wir wissen schon, was die Großen davon halten. Aber sie sind fern, wir sind geschützt durch die Macht des Honigs und durch unseren Glauben an uns selbst. Wir schließen das Glas, klettern durchs Fenster und laufen in unser Glück.





Montag, 5. Oktober 2020

Schoko und Vanille II

 


In einer Zeitschrift * las ich zum Thema Antidiskriminierungsarbeit die Überschrift eines Interviews: „Wir wurden alle rassistisch sozialisiert“, und die Unterzeile endete mit „ – und was ist mit uns ganz persönlich?“ Mir fielen sofort die Zehn kleinen Negerlein, Negerküsse und der Mohrenkopf ein. Aber das kam hier doch wuchtig gesellschaftlich daher:

Diskriminierung gibt es bei Polizei, Justiz und Standesämtern, im Bildungs- oder Freizeitbereich oder auf dem Wohnungsmarkt: Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist auch Alltag hier bei uns in NRW, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur unabhängige Beschwerde-stellen, sondern etwa auch eine rassismussensible Aus- und Weiterbildung von Landesbediensteten oder die Entwicklung von Diversitätskonzepten in der Verwaltung, auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungsbereich oder bei Gewerbetreibenden wie Clubs oder Fitnessstudios. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Rassistische Erfahrungen gehören für viele Menschen zum Alltag. Rassismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“ **

Beim Stichwort „Bildungsbereich“ hat es bei mir Klick gemacht und ich habe das ganze Szenario übertragen auf „Wir wurden alle adultistisch sozialisiert.“ Ich habe das Wort und den Inhalt „Neger“ auf das Wort und den Inhalt „Kinder“ übertragen. Es sind Menschen – keine Neger. Es sind Menschen – keine Kinder. Es sind People of Color, es sind junge Menschen. Die ganze Diversitätsdebatte zeigt die verschiedensten Ecken und Winkel, Blickwinkel, in denen Menschen auf gleichwertige Beachtung und Behandlung warten. Junge Menschen sind da eine Gruppe von vielen, die nicht aus ihrer eigenen Welt heraus wahrgenommen werden. Sondern aus der Welt und der Sicht und dem Handlungsgeschehen der Anderen, aus den Fremdzuschreibungen der Erwachsenen-Dominanzgesellschaft. Was Adultismus genannt wird und was ich seit 1980 in meinen Publikationen so benannt habe.

Im Forschungsprojekt meiner Doktorarbeit hatte ich mich zu den Jungen Menschen aufgemacht, jenseits adultistischer Positionen und Befindlichkeiten. Ich bin diesen Menschen in ihrer eigenen Weltsicht und ihrer eigenen Identität begegnet und habe mit ihnen so gelebt. Wie ein Weißer das heute mit einem Schwarzen hinbekommen kann, wenn und soweit er sich vom eingeimpften, sozialisierten Rassismus löst, zu lösen beginnt. Wenn er darum weiß und sich auf neue Begegnungspfade begibt.

Ich nehme das Statement von Frau Valdés mal als Vorlage. Mein Interwiew-Statement geht dann so:

Adultistische Diskriminierung gibt es überall, im familiären Bereich, im Bildungs- und Freizeitbereich, bei Polizei, Justiz und Standesämtern oder auf dem Wohnungsmarkt. Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist Alltag, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur adultismusfreie Fakultäten und Lehrstühle an den Hochschulen und entsprechende Forschungen, sondern auch Adultismus-Beschwerdestellen und Adultismus-Beauftragte in Stadt, Land und Bund. Ebenso brauchen wir eine adultismussensible Aus- und Weiterbildung aller Fachkräfte in Kindergarten, Schule und Verwaltung, eingebettet in die Entwicklung von Diversitätskonzepten im Kommunikations- und Handlungsbereich von erwachsenen und jungen Menschen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben – oder nicht wahrhaben können: Adultistische Erfahrungen gehören für junge Menschen zum Alltag. Adultismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“

Adultismus ist ein strukturelles Problem, schon klar – aber auch etwas ganz Persönliches. 

Martínes Valdés: "Wir müssen bei uns selber anfangen! ... Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen: Wir selber sind wenn auch oft unbewusst ein Teil der Reproduktion von Rassismen und Diskriminierungen, beispielsweise durch Sprache." ***

Dazu kann jeder einmal in sich hineinhorchen. Und meinen letzten Post "Schoko und Vanille" lesen.


* Forum, Zeitschrift des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, Nr. 3/2020, Seite 4

** Carmen Martínez Valdés, Der Paritätische NRW, Fachgruppenleiterin Migration, Frauen, Psychosoziale Beratung und LSBT*, aaO 

*** ebd, Seite 5 



Montag, 28. September 2020

Schoko und Vanille

 


 

Alltag mit Kindern, Wohnzimmer. „Was machst Du denn da? Wie sieht's denn hier aus? Das glaub ich nicht!“ Kerstin sieht entgeistert zu ihrer Dreijährigen und ist sprachlos. Bis auf das, was gerade ausbrach.

Melanie, mit sich und ihrem Spiel in Harmonie, kniet auf dem Teppich, steht auf. Langsam, sie nimmt die Magie ihrer Königsaura mit nach oben, sie steht und sieht ihre Mutter voll an. Die rechte Hand erhoben, Handfläche nach vorn. Und sanft, klar, majestätisch: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton.“

Melanie spricht von innen. „Du könntest doch auch mal sehen, was ich hier geschafft habe.“ Hand und Arm machen einen Bogen. „Das ist der Teppich. Und das ist der Pudding. Und das ist die Autobahn. Zwei Spuren. Langsamspur, Überholspur, Ausfahrt, Einfahrt. Und da ist die Tankstelle.“ Melanie steht königlich da. Kerstin ist gebannt.

Melanie bleibt online: „Okay, ich seh ja, dass Dich das nervt. Schon gut. Ich helf auch, dass es wegkommt. Ich hol den Eimer und den Lappen.“ Melanie macht ein etwas besorgtes Gesicht, Kerstin rührt sich noch immer nicht. „Mama, ich mach's auch nicht nochmal.“ Kleines Nachdenken. „Jedenfalls nicht mit Schoko. Vanille muss ich noch mal sehen.“

*
 

Parallelwelt, zeitgleich: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton“. Melanie erklärt ruhig, freundlich und geduldig: „Ich weiß ja, dass Du nicht anders kannst. Und ich habe das drei Jahre mitgemacht. Aber jetzt ist es mal gut. Ja, wir leben in einer Schimpfkultur. In der Menschen herabgesetzt werden. Kinder sowieso.

Aber Du könntest ja auch mal sehen, was ich hier geschafft habe. Und was auf meinem Kopf ist: eine Krone. Meine Krone. Würde. Ich bin ein Mensch, mit Würde. Und ich möchte diese Töne nicht mehr. Kannst Du das lassen, einfach weglassen, hinter Dir lassen, ins Museum bringen? Du bist doch selbst mit diesem Tönen groß geworden. War doch auch für Dich nicht schön. Okay, Du lässt sie weg? Das kannst Du.“

Kerstin schießen Tränen in die Augen. Sie fühlt es wieder, diese Herabsetzungswucht ihrer eigenen Kinderzeit. Aus erstarrter Tiefe bricht es auf. „Auch ich wurde so angefaucht.“ Schmerz überwältigt sie. Sie weint heftig. Sie nimmt Melanie in den Arm, kurz.

Sie muss ihren Tsunami loswerden. Stürzt zum Handy, ruft Irene, ihre beste Freundin an. „Weiß Du, was mir gerade passiert ist?“ Sie erzählt. Und Irene versteht. Auch sie weint. Und telefoniert ins Land. Es gibt eine Telefonlawine. Rund um die Welt. Am nächsten Morgen gibt es keine Schimpfe mehr.









 

Montag, 21. September 2020

Charlottes Wege im Paradies




Spaziergang mit Freunden, mit Stephan und Friederike. Ich gehe mit ihrer Tochter Charlotte (2) voraus. Charlotte fällt hin und hat sich die Haut aufgeschürft. Sie blutet ein wenig und sie weint.

Was kann ich jemandem Gutes tun, der leidet? Soll ich Charlotte auf den Arm nehmen? Soll ich es wegreden? „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Zeig mal“ oder „Das hätte aber auch schlimmer ausgehen können“ oder „Tut es sehr weh?“ Begrüße ich den Schmerz des Kinds mit der gebotenen Höflichkeit? Lehne ich ihn ab? Sehe ich nur Komplikationen? Ist die Ruhe des Spaziergangs dahin? Wie geht es mir? Bin ich verärgert? Bin ich hilflos? „Auch das noch“ oder „Wieso denn?“ oder „Ausgerechnet jetzt“.

Reagiere ich gelassen? Sollte ich gelassen reagieren? Ist Gelassenheit nicht zu kalt und unpersönlich? Kann ich persönlich und gelassen sein? Wenn ich erschrecke, macht ihr das noch mehr Angst. Wenn ich Trostformeln sage wieHeile heile Gänschen“ – was tue ich damit? Ist so etwas ein guter Zauber für kleine Kinder? Was will ich erreichen? Soll Charlotte wieder lachen? Soll sie den Schmerz verlieren, vergessen? Was habe ich gegen Schmerz? Was ist eigentlich überhaupt gegen Schmerz zu sagen? Aber wie kann man nur so etwas fragen! Doch gehört Schmerz nicht zum Leben dazu?

Also: Charlotte fällt hin und es tut ihr weh. Ich bin dabei. Ich helfe ihr auf. Ich tupfe das Blut ab. Ich sehe sie an. Ich nehme sie auf den Arm. Worte? Wozu? Welche Worte?

Wie kann ich jemandem beistehen, der in Not ist? Andersherum: Wie will ich, dass mir beigestanden wird, wenn ich in Not bin? Ich falle hin, die Haut ist aufgeschürft, ich blute. Du bist dabei. Du hilfst mir auf und gibst mit ein Taschentuch, um das Blut abzutupfen. Was wünsche ich, dass Du sagst? Was solltest Du tun, damit es mich tröstet?

Was wollen wir für Hilfe, was wollen wir für Trost? Was will ich, was willst Du? Wer sind wir, wenn wir Trost brauchen? Sollte man das wissen? Will ich wissen, wer ich bin, wenn ich Trost und Hilfe brauche? Ich habe Not und Schmerz, und Du bist dabei. Und ich wünsche mir jetzt von Dir...  Es hängt davon ab, wer Du bist, wer Du in meinem Leben bist. Wie unsere Beziehung ist. Wem ich mich anvertrauen kann, zeigen kann, in mein Herz sehen lassen kann, in meine Not und in meinen Schmerz. Wen hätte ich gern dabei, wenn ich gleich hinfallen werde? Wen wünsche ich um mich herum? In guten wie in schlechten Zeiten?

Charlotte fällt hin, ich bin dabei. Hat sie mich ausgesucht? Man muss nehmen, was da ist, und jetzt bin ich da. Und es wird etwas geschehen, mit uns. Sie erlebt ihren Schmerz in meiner Gegenwart, ich erlebe ihren Schmerz in meiner Gegenwart. Meine Antwort kommt aus mir und meiner Beziehung zu ihr, aus unserer beider Realität.

Also: Charlotte fällt hin und ich bin dabei. Sie ist zwei Jahre alt, wir kennen uns ein wenig, ich habe mich über diesen jungen Menschen vor mir eine halbe Stunde lang gefreut, auf unserem Spaziergang. Ich habe ihre Souveränität und Lebendigkeit, ihre Selbstverständlichkeit und ihre Sanftheit wahrgenommen und aufgenommen. Ich habe ihr ohne Worte gesagt, dass mir ihre Gegenwart gut tut. Und ich habe von ihr ohne Worte gehört, dass es für sie okay ist, wenn ich auf dem Spaziergang mit dabei bin. Ich bin dabei, und ich bin einbezogen.

Und so antworte ich auf ihren Schmerz: „Willst du noch einen Keks?“ Und ich sage mit dem Herzen: „Das Leben geht weiter, auch mit blutender Haut. Wo waren wir eben? Wir haben Kekse auf dem Spaziergang gegessen. Ein Keks ist eine feine Sache. Er schmeckt. Schmerz schmeckt nicht. Aber kommt vor. Wenn man hinfällt. Es tut dann weh. Wer hat das gerne? Man kann ihm nicht ausweichen, aber natürlich geht er auch wieder.“ Und ich nehme sie auf den Arm, trage sie ein Stück, frage „Okay?“ Sie nickt. Ich setze sie ab und gebe sie dem bunten Leben zurück.

Und ich? Ich rede mit dem nächsten Stein, über den sie stolpern könnte und mit der nächsten Distel, die sie stechen könnte, um sie ein wenig abzulenken, diese Hindernisse auf Charlottes Wegen im Paradies.



Montag, 14. September 2020

Schauen - Geschenk des Lebens






Ich bin mit Yann (4) auf dem Spielplatz. Vor uns spielen vier Kinder (8-10) ein Ballspiel: Sie schlagen sich den Ball über eine fest installierte Tischtennisplatte zu und laufen dabei um die Platte herum. Viel Dynamik, viel Emotion, mit Gewinnen und Verlieren. Yann schaut und schaut. Eine halbe Stunde lang. Dann locke ich mit „Nach Hause?“ und unseren Spielplänen dort. Wir ziehen los.

Schauen und schauen und schauen... Wirklich, ein Geschenk des Lebens! Einfach nur schauen, vergessen der Rest. Klar, kenne ich. Aber es hat schon lang nicht mehr angeklopft. Es fliegt alles so dahin. Oder fließt, wenn es sich ruhiger anlässt. Aber Anhalten, Innehalten, Aus- und Abschalten und Schauen: das ist doch eher selten.

Ich habe es erst nicht wahrgenommen, dass Yann da so verlängerte und verlängerte. Ja klar, er sieht sich das mal an, was die großen Kinder da so machen. Aber es verwandelte sich und veränderte die Dimension. Aus dem Hinsehen wurde das Schauen.

So ein Schauen zieht mich aus der normalen Geschäftigkeit, aus der Normalität eben. Es ist eine Zauberei, eine Verzauberung des Alltäglichen. Ein Mitsein, Mitschwingen. Anhalten der Seele.

Ich habe gewartet, dass Yann das Signal zum Aufbruch gibt. Er saß ja schon im Buggy, startbereit wir beide. Aus meinem Warten wurde ein Hinsehen zum Spiel der Kinder. Erst sah ich sie nur um die Platte laufen und mit dem Ball hantieren, dann verstand ich die Spielregeln. Und verfolgte ihr Spiel und die Varianten, die ihnen einfielen. Ich bekam zu jedem der vier Kinder eine immer deutlichere Wahrnehmung, erlebte ihre Individualität, ihre Stimmen, ihr Aussehen, ihre Aktionen. Aus meinem Warten wurde ein Schauen: das Fenster öffnete sich, ich sah in das Leben.

Wir zottelten dann weiter. An der Straßenbaustelle arbeiteten und lärmten der große Bagger und der kleinen Kipper. Der Bagger rumorte, kratzte den Sand zusammen, packte ihn und übergab ihn dem Kipper. Der fuhr nach sechs Einladungen zum Sandhaufen einige Ellen weiter hinten und kippte ab. Rückwärts weg vom Bagger, umdrehen, vorwärts zum Sandhaufen und zurück. Wir haben zig mal dieses Ritual der beiden erlebt. Schauen eben.

Auf dem Weg nach Hause war ich im Schaumodus. Ich schaute in die Welt und sog alles rechts und links auf. Zum Schauen muss ich nicht stehen bleiben, Schauen geht auch dann, wenn ich mich bewege. Es ist die Bewusstheit, die große Aufmerksamkeit. Die Achtsamkeit.

Überall möglich. Das Schauen wartet. Einen Tag später setze ich mich auf eine Bank in den Feldern, die ich beim Joggen entdeckt habe. Ich sitze dort so für mich hin und schaue. In die Abendwolken. Geschenk des Lebens.

Montag, 7. September 2020

Dank und Willkommen






Im Rückblick auf zwei Monate Sommerzeit habe ich zig große und kleine Begebenheiten vor Augen. Es ist ein feines Gewebe voller Bilder. Dies alles fließt in der Rückschau dahin wie ein großer Strom. Ich kann überall anhalten und mich an dies und das ranzoomen, an alles, was da in meiner gelebten Zeit so kreuchte und fleuchte. Die Vergangenheit ist ein weites Land hinter einem großen Tor, dem Jetzt-Tor.

Gehört das alles mir? Gehört das alles zu mir? Macht mich meine Vergangenheit aus? In wie viel Resonanz bin ich mit meiner Vergangenheit? Wer bestimmt hier die Auswahl und das Maß der Erinnerung? Bin ich das selbst oder gibt es da etwas, das mir die Bilder und Szenen vorlegt? Wie viel Selbstbestimmung habe ich im Umgang mit der Vergangenheit?

Na ja, ich muss mir solche Fragen nicht stellen. Ich kann all das, was geschehen ist, auch einfach geschehen sein lassen, sich in mir ausbreiten oder wegbreiten lassen, mal hier etwas merken, mal dort etwas nicht merken. Einfach fließen lassen, so wie es kommt. "Passt schon" sagen zum Vergangenheitswirbel in mir.

Beim Schreiben eines Posts, also jetzt, suche ich mir aus der riesigen Vielfalt meiner Erlebnisse irgendetwas heraus, über das ich schreiben will. Ich konzentriere mich und habe dann dieses oder jenes im Blick, hole es heran, drehe und wende es, und lass meine Gedanken drumrumlaufen. Und das, was dann da so läuft, tippe ich in die Tastatur und es wird der neue Post.

Die Geschehnisse des heutigen Tages: viel, sehr viel. Wie immer, jeder Tag hat ja seine 24 Stunden, zwei Drittel davon bin ich wach und ströme wach so in der Zeit dahin. Wo will ich anhalten – was spricht mich in der Rückschau an? So an, dass ich es als Einstieg für meine Zeilen nehmen kann? So dass sich daraus ein Thema ergibt, irgendwie mit Amicationsgedanken verspinnbar?

Von den Tausend Heutebildern will ich aber keins für ein Nachsinnen nehmen. Ich sinne ja gern nach und ich sinne gut nach. Aber heute: da lasse ich die Zeitbilder nur kommen und bespinne sie nicht. Aber ich will bei einigen anhalten, sie zeigen, mitteilen, was mir meine Lebenszeit heute so geboten hat:

Die Zweijährige, die von ihrer Mutter an die Hand genommen wurde, als ich langsam mit dem Auto vorbeifuhr.
Der Waldboden voller Blaubeerbüsche, als ich nach Pilzen Ausschau hielt.
Der Briefkasten, zu dem ich mit dem Rad gefahren bin.
Das Knäckebrot, herrlich mit Käse bedeckt, zwischendurch verspeist.
Der kalte Wind am Badesee, der ein "lieber heute nicht" entschieden hat.
Die junge Reiterin im Wald und unser freundlicher kurzer Gruß und unser Lächeln.
Der Schwarzspecht, wie er vor mir herfliegt und am Kiefernstamm landet.
Das Kartoffelfeld, an dem ich auf meiner Radrunde vorbeifahre, erntefertig, Kraut und Blätter sind dahin, es geht um die goldenen Erdfrüchte.
Das neue Familien-Baugebiet in meinem Dorf, das auch an meiner Radrunde liegt: was macht das mit den Menschen, die bisher an dem freien Feld wohnen?
Der Tankdeckel von meinem Auto, als ich tanke: Kleines Teil, das ich immer wieder in der Hand habe.
Das Dynamo von meinem Fahrrad: ausprobiert, ob das Licht geht, ja es geht, vorn und hinten, und wieder abgeschaltet, weil es sich so schöner fährt.
Eine Mücke an der Wand, aber ich bin gut drauf und bringe sie mit Glas und Postkarte aus dem Fenster.

Endlos, diese Bilder des Tages. Sie lassen sich ja nicht vermeiden, wir leben in der Dimension der Zeit. Aber all diese Dinge da draußen vor mir sind ja auch in mir entstanden. Und in Resonanz zu all dem, was sich in mir im Laufe der vielen Jahre meines Lebens verdichtet hat. Dank und Willkommen Euch allen!



Montag, 29. Juni 2020

Sommerpause







Auch in diesem Sommer gibt es eine Pause in meinem Blog. Ich schreibe also keine neuen Posts, und Anfang September geht es weiter. Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Sommer!




Montag, 22. Juni 2020

Raum geben







Ich bin mit dem Auto unterwegs. Vor mir, in der Tempo-30-Zone, fahren zwei Jungen (8) mit ihren Tretrollern auf der Fahrbahn: Sie gehören auf den Bürgersteig, schon klar. Tun sie aber nicht, auch klar. Ich kann sie von der Straße scheuchen, ein kurzes Antuten reicht, wieder klar. Tu ich aber nicht.

Ich lass sie in Ruhe vor mir herfahren, halte so viel Abstand, dass sie merken, dass ich sie lasse. Es dauert ja auch nicht lange, nach einer halben Minute sind sie in einer Einfahrt verschwunden.

Ich habe ihnen Raum gegeben. Muss ich nicht machen, kann ich machen. Großer Bogen: Merke ich, wenn mir das Leben Raum gibt? Muss es ja nicht machen, kann es aber machen. Die Jungen haben mein Raum-Geben gemerkt. Ich war schon ungewöhnlich, ein Autofahrer macht so etwas nicht, er bringt Rollerkinder auf Vordermann, auf den Bürgersteig. Merke ich, wann mir das Leben Raum gibt?

Aber was heißt schon das Leben! Es sind die Umstände, der Tag, das Wetter, die Leute rechts und links, die Nahen und die Fernen. Ich sehe auf meiner Radtour 15 Pferde auf einer Koppel. Sie haben Platz. Raum. Hat der Bauer ihnen Raum gegeben? Ich komme am Reiterhof vorbei, die Pferde dort stehen einzeln in ihre Boxen. Kleiner Raum. Auch Raum gegeben? Merken Pferde so etwas? Klar, eine große Koppel ist etwas anders als eine kleine Box.

Auf welcher Koppel bin ich unterwegs? In welcher Box stehe ich? Ein Pferd muss nehmen, was kommt. Ich aber kann dran drehen! Die Jungen müssen auch nehmen was kommt: Der übliche Autofahrer, was Bürgersteig heißt. Oder ein Alien-Autofahrer, was Straße heißt. Ist mein Leben ein üblicher Raumgeber oder ein Alien-Raumgeber? Na ja, das Leben findet statt, macht sein Ding, egal, wer ich bin und was ich davon halte. Ich bin aber derjenige, der die Raumgröße definiert. Wobei man sich alles superschönreden kann: Raum ist in der kleinsten Hütte... Ist die Kabine in der ISS groß oder klein? Die Weiten des Weltalls... Im Frühtau zu Berge: Wanderweite Wälder und Höhen... Gelassenheiten und Aufgeregtheiten ... Die Raumgeschichte ist ein weites Feld. Bei jedem neuen Geburtstag kann ich den Raum sehen, den ich hatte, ein Jahr lang. Und jeden Abend, Tag für Tag, kann ich sehen: wie viel Raum!

Wenn die Kinder beim Anziehen nicht in die Gänge kommen: Ich kann zuwarten - ich kann Tempo machen. Wie viel Raumgeben hat in mir Platz? Kommt drauf an - auf alles, den Tag, die Umstände, die Stimmung, die Pläne, was weiß ich. Eins aber ist klar: Raumgeben ist erhebend, ist eine freudvolle Angelegenheit. Wie ich die beiden Kinder vor mir auf ihren Rollern sehe: es tut einfach gut, sie nicht zu stören. Ich bin gern ein Raumgeber, wenn ich denn ein Raumgeber grad sein kann.