Montag, 22. Juli 2019

Sommerpause und Blog-Archiv







In den Sommerferien komme ich nicht dazu, einen neuen Post zu schreiben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ja in den alten Posts (unten rechts ist das Blog-Archiv) ein wenig herumstöbern und mir hier Eure Kommentare schreiben: "Mein Kommentar zum Post xy vom ..." Ich lese alle und beantworte alle! Im September geht es dann wieder los mit einem neuen Post.

Habt eine schöne Sommerzeit! Euer Hubertus


Montag, 15. Juli 2019

Spielst Du mit mir?







Ich bin mit meiner Tochter und ihren Kindern im Wildgehege unterwegs. Nach einer Weile: "Spielst Du mit mir?" Mein dreijähriger Enkel will nicht die Tiere, nicht sein Laufrad, er will mich. Ich aber will mich grade ausruhen, ein bisschen herumgehen, ein bisschen Quatschen, ein bisschen Tiere, ein bisschen Family. Aber Spielen? Das braucht Konzentration, Aktion, Fantasie und Geduld. Was will ich?

Ich höre meinen Wunsch nach ruhiger Kugel, ich höre seinen Wunsch nach mir. Was Ende der Kugel heißt, was Kinderwelt heißt, irgendwie anstrengend. Ok, sage ich mir, na gut, und ich lass mich breitschlagen, fühl mich auch vom Kinderwunsch geehrt und vom Kind gemocht. Ich schließe meine Ruhetür und öffne die Spieltür.

Erst gibts ein Versteckspiel. Hinter den Bäumen und Büschen. Das ist lustig. Dann sind wir oben auf der Aussichtplattform für die Wildschweine. Da liegt ein Stock rum, schon gibts Angelspiel. Fische werden an Land gezogen. Im Herd gebraten, mit Öl. Und gegessen, mit Zitrone und Petersilie. Mindestens 20 Fische werden geangelt. Dann nochmal Verstecken. Das Ganze dauert eine halbe Stunde, danach wandern wir alle zurück zum Parkplatz.

"Spielst Du mit mir?" Das ist eine der schönen Fragen des Lebens. Wenn ich diesem Anruf folge, löst er mich aus meiner Ichwelt und bringt mich in die Wirwelt. Das ist zur richtigen Zeit, das ist zur falschen Zeit, das ist beglückend, das ist anstrengend - so, wie es gerade kommt.

Es ist so was wie Zeitverschwendung dabei. Überflüssiges. Kinderkram eben. Und es ist Erhabenes dabei, Wahrheit, Sinn. Ist Spielen nicht wichtiger als meine ganzen Alltagsaktivitäten und Geschäftigkeiten? Es ist wichtiger, aber das Spielen hat nicht oft die Chance. Heute aber war sie da, diese Lebenschance, ergriffen, erlebt, erfüllt.

"Spielst Du mit mir?" Wenn das Leben das an mich heranträgt und wenn ich das merke: dann ist es grandios. Dann beschwingt es mich, macht alles leicht, freundlich, unkompliziert. Ich lasse mich fallen in den Augenblick.

Wie immer geht es um die Frage, wer ich sein will. Ich entscheide das. Aber ich will auch gefragt und gelockt sein. Wenn ich ernsthaft und denkgelähmt unterwegs bin, hat das Spielen es schwer. Doch die Leichtigkeit des Seins gibt nicht auf, sie ist ja da, und umgarnt mich, hält zu mir, fängt mich ein - und ihr nachzugeben ist himmlich. Ich muss nur den Schritt durch die Spieltür hinbekommen. Bei den Kindern. Bei den Freunden. In der Partnerschaft (!).

Und das alles ist ja nicht "nur ein Spiel". Es ist Herz, Vertrauen und Liebe. Es sind die Momente, die in meinem Lebenstagebuch mit einem Stern versehen werden. Mein Enkel hat mich heute in diese Sternenwelt hineingezaubert.

Montag, 8. Juli 2019

"Damit niemand ihn leugnen kann" - Von Himmler zu Gauland







Ich lese in der Zeitung, dass wieder eine Zeitzeugin gestorben ist, die 101jährige Holocaust-Überlebende Henriette Cohen aus Frankreich. Der Tagesspiegel (27.6.): "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'"

Gaulands "Vogelschiss in der Geschichte" und der ganze braune AfD-Sumpf rumoren in mir. Mit den Kindern habe ich das Holocaust-Mahnmal in Berlin besucht. Auf einer Vortragsfahrt in Polen kam ich vor Jahren am Vernichtungslager Treblinka vorbei. Schindlers Liste. Klassenfahrt meines Sohns nach Auschwitz. Mein Großvater versteckte unter Lebensgefahr einen Juden in der Scheune, bekam für die Verweigerung des Hitlergrußes Gefängnis.

Will sagen: das alles ist ein Teil von mir, der durch Henriette Cohens Tod präsenter ist als sonst. Ich nehm mir Zeit, geh zum Bücherregal. "Der SS-Staat - Das System der Deutschen Konzentrationslager" von Eugen Kogon von 1946, ich schlage zufällig die Seite 159 auf:

   "Zum Abschluß dieses grauenvollen Kapitels sei noch das Bunker-Martyrium des Bekenntnispfarrers Schneider wiedergegeben, weil es die Zusammenarbeit Sommers (SS-Hauptscharführer) mit SS-Ärzten und die abgründige Heuchelei aufzeigt, die das System mit seiner Barbarei verband."

   "Im September 1937 wurde Pfarrer Schneider nach Buchenwald gebracht. Als er bei der damals eine Zeitlang üblichen Flaggenparade, das heißt dem täglichen Hissen der Nazifahne, nicht die Mütze abnahm, erhielt er sofort 25 Stockhiebe und wurde in den Bunker geworfen. Dort blieb er mehr als 18 Monate, bis er nach qualvollem Leiden endlich ermordet wurde... Bei jedem Öffnen von Sommer mit dem Ochsenziemer (Schlagwaffe, bis 100 cm lang und schwer) geschlagen wurde... Später war die Zelle ständig verdunkelt ... Am Boden stand das Wasser 5 cm hoch, die Wände waren völlig naß... Am ganzen Körper hatte er bis zu faustgroße Löcher von Schlägen. Die Wunden eiterten ständig, da er selbstverständlich kein Verbandszeug oder Ähnliches zum Behandeln erhielt. Es ist beinahe unfaßbar, daß ein Mensch ein derartiges Martyrium so lange aushalten konnte. Gerade das scheint Sommer  besonders gereizt zu haben. Er wollte ihn absolut nicht einfach töten, sondern einfach zu Tode quälen... Als es Sommer schließlich doch zu lange dauerte, gab er ihm eines Tages ein Herzlähmungsmittel in das Essen... wirke das Mittel nicht... Herzstärkungsmittel... gleichzeitig eiskalte Wickel, die so lange erneuert wurden, bis er einen Herzkollaps bekam und starb. Noch am Tage vor seinem Tod wurde er von Sommer mit dem Ochsenziemer geprügelt."

   "Pfarrer Schneiders Frau und Kinder baten die Kommandantur, ihren toten Mann und Vater noch einmal sehen zu dürfen, was von Koch (Lagerkommandant) aus Propagandagründen genehmigt wurde! Um die entsetzliche Entstellung der Leiche zu verdecken, wurde der tote Kamerad von einem SS-Friseur geschminkt und bekam eine Perücke aufgesetzt! Dann wurde er unter Blumenschmuck feierlich in der Truppengarage aufgebahrt. Nachderm die Familie unter Tränen von ihrem Vater Abschied genommen hatte, wurden die Angehörigen von Koch hinausgeleitet. Bei der Verabschiedung sagte er zu Frau Schneider: 'Ihr Mann war mein bester Häftling. Gerade, als ich ihm seine Entlassung mitteilen wollte, starb er an Herzschlag!'"

Das war konkret. Auf der Ideologieebene geht das so: Heinrich Himmler, Reichsführer der SS,  am 4. Oktober 1943 vor SS-Führern:

   "Es ist grundfalsch, wenn wir unsere ganze harmlose Seele mit Gemüt, wenn wir unsere Gutmütigkeit, unseren Idealismus, in fremde Völker hineintragen... Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Bluts zu sein und zu sonst niemandem. Wie es dem Russen geht, wie es dem Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder sie verrecken in Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh oder herzlos sein, wo es nicht sein muß; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen."

    "Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden... Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. "Das jüdische Volk wird ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, "ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir." Und dann kommen sie alle an, die braven achtzig Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

*

 ... "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'" ...










Montag, 1. Juli 2019

Saint-Exupéry: Fuchs, Rose und Verantwortung





    "Du bist für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast." Es geht im Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry um die Rose, und der Fuchs sagt dem Kleinen Prinzen diesen Satz. Den er sich merken will.

    Wenn ich mit etwas oder mit jemandem zu tun habe - entsteht daraus eine Verantwortung? Der Satz aus dem Buch von Saint-Exupéry ist mir neulich wieder begegnet. Ich kenne ihn, und ich erlebe dabei ein süßes Gift. "Ja, stimmt" ist eine wohlige und süße Reaktion. Verantwortlich für jemanden sein fühlt sich gut an - für den Verantwortlichen, den Prinzen. Er kann ein guter Kümmerer sein. Und auch für die verantwortungsbedachte Rose fühlt es sich gut an, sie kann sich geborgen fühlen. Beide sind ein gutes Paar, sie passen zueinander: Er sorgt sich, sie fühlt sich bedacht.

    Aber. Für mich hat das ganze Szenario keinen guten Grund. Da schwingt etwas mit, das für mich einfach nicht geht. Es ist verdeckt, tritt nicht deutlich hervor, dieses Ungute. Die Süßigkeit dieses Statements und die Welt, in die dieser Satz einführt, sind ungut. Wohlig, aber ungut, süßes Gift eben.

    Der Satz hat Lähmendes. Er macht unfrei, enthält Fesseln. Die zu merken schwer fällt, die abzulegen erst recht schwer fällt. Der Satz kommt mit einer riesigen selbstgewissen Macht des Richtigen daher, mit einer Großmoral. Es fallen mir sofort Babys ein - da geht mir bei diesem Satz das Herz auf: Ja, ich habe es mir vertraut gemacht und bin für das Baby verantwortlich. Das stimmt doch - wo ist das Aber?

    Die ganze geistige Welt unserer Kultur und Tradition stehen hinter diesem Satz. Ja - und genau das ist das Problem. Die Kultur, die diesen Satz hervorbringt und auf die dieser Satz gebaut ist, ist von einem Klang der Macht erfüllt. Von jemandem, der bestimmt, wo es lang geht. Der das nicht nur für sich bestimmt, sondern der das auch für andere bestimmt. Wie gehabt: Mensch über Natur, Mann über Frau, Weiß über Schwarz, Erwachsener über Kind. Hier dann: Prinz über Rose,

    "Ich bin für Dich verantwortlich" (weil ich Dich mir vertraut gemacht habe) setzt mich über Dich. Es ist das Stückchen mehr als das "Ich kümmere mich um Dich, ich sorge für Dich" und noch viel mehr als das "Ich liebe Dich". Verantwortlichsein gibt mir Legitimation. Neben dem ganzen Pflichtszenario (Baby füttern, Rose gießen) auch die Bestimmerei: Dies und das ist gut für Dich, ich entscheide das. Ich folge nicht nur dem Offensichtlichen (wickeln - sonst Entzündung, gießen - sonst vertrocknen). Ich bin legitimiert und in der Pflicht des Guten, durchzuführen, was der Verantwortung entspricht. Der Verantwortung, die ich erkenne und die mich zu Dies und Das führt.

    Aber. Ich - Hubertus - erkenne ja auch zig Dinge, die ich tun will mit Dir und die ich richtig finde. Nur greifen sie nicht über das hinaus, was "angemessen" ist. Will sagen: Ich nehme nicht für mich in Anspruch, die Verantwortung für Dich zu übernehmen. Verantwortung für Dich übernehmen: Das hat in meinen Ohren einen entmündigenden Klang. Überhebliches. Macht eben. Aus der patriarchalischen Tradition.

    "Du kannst Dich um das kümmern, was sich Dir anvertraut hat" - Wie wäre es denn damit, Herr Fuchs? Wenn sich unsere Herzen zuneigen: klar tue ich etwas dafür, dass Du Dich wohl fühlst und bleibst. Aber ob Du Dich wohlfühlst und bleibst, ist nicht meine Verantwortung, sondern Deine. Würde ich mich verantwortlich fühlen, nähme ich Dir die Verantwortung weg. Es wäre ein Verantwortungsdiebstahl.

    Der Fuchs stiftet zu Unterdrückung und Verantwortungsdiebstahl an. Er torpediert die Souveränitaät der Rose und die Freiheit des Prinzen. Gleiche Augenhöhe von Prinz und Rose sind nicht angesagt. Kümmerer oben, Gekümmerte unten. Das stört mich. Ich weiß, dass das die Tradition unserer Kultur ist. Aber diese Tradition passt mir nicht.

    Ich will mich kümmern und da sein, sorgen und hegen, wickeln und gießen. Weil ich das will, weil es meinen Werten entspricht, weil ich so Leid vermindern und Freude bereiten kann. Immer gemessen an dem, wie ich es einschätze. Da erhebt sich nichts über den andern. Das ist dabei auch nicht kraftlos oder unsicher, das kommt durchaus auch resolut und ungefragt daher. Aber der ganze Sound ist der von Gleich zu Gleich. Bei Saint-Exupéry klingt das für mich gänzlich anders.

    Die ganze Verantwortungsthematik wird auf meinen Veranstaltungen immer wieder zum Problem. Wer verankert (sprich: gefangen) ist im (durchaus auch gutgemeinten) Oben-Unten hat keinen leichten Zugang zu meinem GleichzuGleich, in dem ich verankert bin und das genauso gut gemeint ist. Das einem Oben-Unten-Menschen nahezubringen, klar zu machen - immer wieder schwer bis unmöglich. Aber wer die befreiende Freude des GleichzuGleich einmal schmeckt oder wieder schmeckt, dem kann ich dabei helfen, sich diese Welt der Gleichwertigkeit zu erschließen.

    "Du bist für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast" - der Satz stimmt für mich nicht, weil der zweite Teil für mich nicht funktioniert: weil niemand sich etwas vertraut machen kann, wenn er im Land des GleichzuGleich lebt. Da macht man sich nichts vertraut, was heißt: macht niemandem von sich abhängig und untertan (um ihn dann als Guter zu bedienen, als Böser auszubeuten). Ich mache mir nichts vertraut. Wiewohl Du mir vertraut bist und ich Dir vertraut bin, und wir im Vertrauen miteinander unterwegs sind.

    Ich verlasse nicht Vertrauen, Öffnen, Sichhingeben. Es geht für mich eben nur so: Du vertraust Dich mir an, ich vertrau mich Dir an. Klare und andere Zuständigkeiten als beim Fuchs. Der Fuchs legt dem Kleinen Prinzen eine Pflicht nahe, welche die Rose entmündigt. So spricht ein Herrscher, kein Gleichwertiger. Ich hingegen schwinge mit Dir im GleichzuGleich.

    "Du kannst Dich um Deine Rose kümmern, wenn Du sie liebst und wenn sie sich Dir anvertraut. Du bist nicht für sie verantwortlich - das ist sie selbst. Du bist für Dich verantwortlich."

    Willst Du sie gießen? Dann tu es. Wenn Du sie nicht gießt, stirbt sie. Willst du das? Wer bist Du? Wer bin ich - wer will ich sein? Was sind meine Werte? Dem folge ich auch im Zusammensein mit Dir. Nicht aus Verantwortung, sondern aus Liebe.

    Montag, 24. Juni 2019

    Was erwarte ich denn?








    "Was hattest Du denn erwartet??" Klares Statement. "Weiß ich nicht so genau." Klare Antwort. Und dann noch: "So was jedenfalls nicht." Was ist passiert?

    Wieder einmal ist es nicht so gelaufen, wie gedacht, wie ich es erwartet hatte. Es ging um irgendwelche Alltagsdinge, und es war auch alles nicht so wichtig. Aber der Kommentar meines Freundes schwingt in mir nach. Jetzt, nachts, lass ich das mal laufen und sehe hin: Was erwarte ich? Eigentlich? Grundsätzlich? Was ist mit mir, wenn ich etwas erwarte? Was für eine Überhaupt-Erwartungshaltung habe ich, was für ein Erwarter bin ich?

    Nicht in Bezug auf die kleinen Dinge des Alltags, sondern als Hintergrundrauschen. Warte ich auf etwas? Warten Menschen auf etwas? Gehört das Wartenauf zum Menschen wie das Atmen? Ich leg mal los mit einer klaren Sache:

    Es ist angesagt, dass mein Leben irgendwann zu Ende ist. Das habe ich als Information von sehr klein auf gespeichert. Und sehe ja auch rechts und links, dass es stimmt: Menschenleben enden. Das wird denn wohl auch mir passieren. Erwarte ich. Warte ich drauf? Eher nicht, das kann warten, diese Lebensenderei. Aber es gehört dazu, so wie der Sonnenaufgang morgen früh. Den erwarte ich, da habe ich eine klare Position. Kein Sonnenaufgang? Unvorstellbar. Warte ich auf ihn? Nein, wieso sollte ich.

    Ich habe zig Erwartungen. Ich gehe davon aus, dass. Ich denke nicht darüber nach - ist doch selbstverständlich. Dass. Endlose Dasse. Dass das Auto anspringt, die Vögel singen, das Wasser läuft, das Messer schneidet, das Radio spricht, der Apfel nach Apfel schmeckt, der Vollmond abnimmt, die Kinokarte da ist. Aber Achtung: Dass Du da bist, da bleibst...Tja, da wird es schwierig. Da kommt die Sorge dazu, dass es doch nicht so ausgehen könnte. Wer bist Du? Klar erwarte ich da etwas, dass Du so bist, wie Du bist  - in meiner gewachsenen Wahrnehmung von Dir.

    In meiner Beziehung erwarte ich, Du mich liebst. Vom Gestern zum Jetzt und Gleich und Hintergleich. ? Gehört sich das? Muss ich da nicht dankbar sein, dass/wenn Du mir Deine Liebe schenkst? Liebe erwarten? Gar noch Anspruch drauf haben? Erwarten, dass Deine Liebe bleibt... Ja, warum nicht, ist doch Hintergrundmusik, reines Herz.

    "Das habe ich von Dir nicht erwartet!" Auch so ein Statement. Was soll ich auf so eine Vorhaltung antworten? So ein Statement ist schon übergriffig. Gehört nicht in eine Beziehung, wie ich sie leben will. Erwarte ich. Dass so ein Satz nicht fällt.

    Ich mach mir mit meinen Erwartungen auch keinen Stress. Ich erwarte. Nicht sie mich. Ich bin nicht die Marionette meiner Erwartungen. Fragt sich. Nach amicativer Auffassung  gehöre ich mir, niemandem sonst. Auch nicht Erwartungen. Die Erwartungen sehen das etwas spöttisch. Na ja.

    Ok, sage ich mir. Erwartungen wuseln um mich herum. Seis drum. Ich kann das schon beeinflussen. Oder sie einfach geschehen lassen. "Ja, das habe ich erwartet." "Nein, erwarte ich nicht." Erwartungen sind ein weites und mächtiges Feld.

    Montag, 17. Juni 2019

    Zumutungen, meine







    Was mute ich mir zu? Was will ich mir zumuten? Was muss ich mir zumuten? Mir geht diese Zumuterei durch den Kopf. Banaler Anlass: beim Joggen vorhin gings ziemlich bergauf, ich war in fremdem Gelände unterwegs. Will ich da rauf? Echt jetzt? Was mute ich mir da zu...

    Jedenfalls bin ich rauf und habe dabei über die Zumutungen nachgedacht. Und was mir da alles einfiel! Ist das Leben nicht eine reine Zumutung? Wie dieser Berg? Der ganze Klimakram? Mein aktueller Partnerschafts-KO? Dies und das und noch viel mehr.

    Leichte Entrüstung machte sich breit. Wer bin ich eigentlich? Was soll das? Muss ich das haben? Irgendwie war ich in Kontakt mit zig Anforderungen, kleinen und großen, die so am Tag an mich ranschwappen. Die ich annehme, nicht als Zumutung erlebe, die ich abarbeite, erledige, vergesse. Aber! Jetzt beim Bergauf hab ich das mal gemerkt. Was tu ich mir da an?

    Ich halte mich eigentlich für einen offenen und großzügigen Menschen. Ja – anderen gegenüber! Mit mir bin ich da nicht zimperlich, stelle mich hinten an und finde das richtig. Nein, kam da am Berg, übertreibs nicht, lass das mal, stell Dich mehr nach vorn, die anderen in die zweite Reihe. Wem gehöre ich? Richtig: mir. Und von da lässt sich gut erkennen, wenn ich denn hinschaue, was als Zumutung an mich, als Zumutung, meine daherkommt. Und das ist viel.

    Was soll so ein Berg? So ein Klimakram? So eine Partnerschaftsrempelei? Muss ich doch alles nicht mitmachen. Mach ich aber: jogge brav weiter, zerbrech mir den Kopf übers Klima, sinne permanent über mein Partnerschafts-KO nach. Das (unreale) Gefühl, Chef im eigenen Haus zu sein, ist dann auch noch dabei! Wie blöd bin ich eigentlich? Als Chef meines Lebens, meiner Lebenszeit, meiner Lebensminuten, -stunden, -tage kann ich das in Wirklichkeit auch alles ganz anders handhaben.

    Nix Berg rauf, lasst mich mit dem Klima in Ruhe, weg mit dem Partnerschaftskram. Den Zumutungen die Tür weisen, rauswerfen aus meiner Lebenszeit. Schwelgen im realen Chefgefühl: Ich muss da ja nichts wirklich. Ich kann, aber ich muss nicht. Und so nehme ich Witterung auf zu meinen Zumutungen und zu meiner Zumutungswehr.

    Da atme ich durch, krieg mich wieder ein. Bin oben angekommen, bisschen keuchen, tieeeef durchatmen. Die Kühe nebenan auf der Weide: die sind echt Zumutungen ausgesetzt. Ich fühl mich ihnen verbunden. Ich kann (genauer: will) ihren Zaun nicht aufmachen. Aber meine Zäune sind ein ander Ding. Es ist natürlich auch immer eine Frage der Konsequenzen, die eine Zaunöffnen, also das Zurückweisen von Zumutungen, mit sich bringt. Wo sollen die Kühe denn hin? Was wird aus mir, wenn ich diese oder jene oder überjene Zumutung beende?

    Das wird sich ja zeigen. Ich verfall mit meinen Überlegungen ja auch nicht dem Zumutungen-Zurückweisewahn. Ich merke ja nur mal was. Etwas von der Wahrheit, die mich umgibt. Sehen die Kühe den Zaun? In seiner Bedeutung? Sehe ich meine Zäune? In ihrer Bedeutung? Ich habe grad einen offenen Blick dafür. Fühl mich gut dabei und stark. Ich kann meine Zumutungen in die Schranken weisen, in meine Schranken. 

    Nachmitags dann die Aufmutungen. Ich fahre im Sessellift hoch auf die Alm. Dort blühen alle Frühlingsblumen durcheinander. Welche schöne Zumutung! Voll Freude schicke ich ein paar dieser fröhlichen Lebenszeitdinge per Whatsup an einen lieben Menschen. Auch so eine Zumutung: Will sie sowas jetzt haben? Schon, denke ich, ich bin eben auch eine Zumutung. Aber eine schöne!   

    Montag, 10. Juni 2019

    Selbstliebe - du mieser Verräter







    Seminar "Ich liebe mich so wie ich bin". Eine Teilnehmerin : "Ihre Botschaft ist also, sich in Ruhe zu lassen, nach dem Motto, dass man sich ja auch nicht lieben muss. Weitere, besonders konkrete Hilfen bieten Sie nicht an. Richtig verstanden?"

    "Mach, dass es aufhört. Dass der Selbstzweifel, der Mangel an Selbstliebe geht." Mit diesem Wunsch kommen die Teilnehmer in meine Seminare. Großer Wunsch, große Erwartung. Ich merke das und sehe ihr Leid. Und ich weiß, dass ich ihnen etwas anbiete, mit dem sie nicht gerechnet haben. Und das für die einen viel zu wenig, für die anderen genau das Richtige ist.

    Ich nehme sie nicht mit in das Land des Handauflegens, der Pülverchen, der Kopf- und Handstände, Atem-, Feuer-, Wasser-, Licht- und aller sonstigen stofflichen und nichtstofflichen Übungen. Da habe ich nichts zu bieten. Da bin ich nicht kundig. Wär ichs, würde ich ihnen genau so helfen: mit Handauflegen, Pülverchen und Co. Nur kann ich das eben nicht.

    Da sind dann schon einige enttäuscht und drehen ab. Andere sind eher erstaunt, dass ich eine lange Geschichte über Kindheit und Co erzähle. Aber sie hören zu, geraten in Resonanz und sie sehen die Tür, die ich ihnen zeigen will.

    Die Tür: Wie denke ich über mich in diesem Selbstliebe-bitte-wachse-Szenario? Wie bin ich da unterwegs? Was treibt mich an? Warum macht mir die mangelnde Selbstliebe zu schaffen? Hänge ich an einer Ich-muss-besser-werden-Strippe? Marionette des seelischen Gesundheitszeitgeists? Oder tut es einfach nur weh und ich will, dass es aufhört? Auf dass ich strahle jeden Tag?

    So ein ungutes Unterwegsgefühl kommt dann zum Selbstliebe-Mangelgefühl noch oben drauf. Erstens mag ich mich zu wenig. Und zweitens strengt mich das Abschaffen des Zuwenigs an. Und drittens nervt es obendrein, dass ich nicht vorankomme. Und viertens nagt da was: Ob ich zur Selbstliebe überhaupt geschaffen bin, egal, wie ich mich strecke. Und fünftens und schlussendlich: Ich bin eben nicht fürs Licht gemacht.

    Tja. Diesen Gang in die Unterwelt wie bei Dante Richtung Hölle seh ich mir vom Kraterrand an und strecke die Hand aus: Schau mal, sage ich, Du kannst Dich in Ruhe lassen. Du hast die Selbstliebemasern. Mach Dich nicht verrückt. Du bist nur krank. Schlimm genug. Aber mehr ist es nicht. Ich habe keine Selbstliebemasern-Medizin zu bieten. Aber ich kann Dir ein Gelassenheitskraut zu kauen geben. Komm mal wieder rauf, niemand zwingt Dich, die Selbstliebe finden zu müssen. Ist nicht schön, wenn man an sich zweifelt, schon klar. Aber hau Dich deswegen nicht in die Pfanne, auch nicht, wenn es da nicht vorangeht.

    Ungefähr so.

    Ich zeige den Teilnehmern etwas anderes als Heilung von ihrem Selbstliebemangel. Ich zeige ihnen, dass sie überhaupt damit umgehen und wie sie konkret damit umgehen (ich muss eine Verbesserrung erreichen). Und welchen Vorschlag ich hier habe, beim Damit-Ungehen. Nämlich: Sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sondern sich vom Besserwerden-Müssen zu emanzipieren, sich vom Selbstliebe-Erziehen zu lösen. Chef im eigenen Haus zu sein: Selbstliebe, Du mieser Verräter, wenn Du nicht in meine Seele kommen willst - dann eben nicht. Ich freu mich, wenn Du angezottelt kommst. Aber ich leg Dich jetzt mal zur Seite und kümmer mich um den Tag.

    Also entdramatisieren. Kein Streß, selbstliebfündig weden zu müssen. Ja, zu wenig Selbstliebe tut weh. Und dieser Mangelschmerz kann auch der ständige Begleiter für die nächsten 100 Jahre sein. Aber: das muss mir nicht den Tag versauen. Ein erfülltes Leben mit/bei/trotz Schmerz lässt sich anpeilen.

    "Weitere Hilfen bieten Sie nicht an?" "Biete ich nicht an." "Danke", sagt sie, "aber darüber so zu denken ist mir eine große Hilfe." 



    Montag, 3. Juni 2019

    Ich glaube an Leben und Tod







    "Ich glaube weder an Gut noch Böse, ich glaube an Leben und Tod". In einem Brief schrieb mir neulich eine Freundin diesen Satz. Er hat mich beschäftigt.

    Ich glaube an das, was ich für wahr halte. Was real ist, für mich, was wirklich existiert in meiner Welt. Liebe zum Beispiel. Oder die Sonne, mein Auto, die Tastatur, mit der ich schreibe. Tausend Sachen, dingliche und nichtdingliche, sind von meinem Glauben an sie umgeben und getragen. Sie sind mir so nah und verbindlich wie was. So wie das, dass ich eben an sie glaube.

    Klar, diese Glaubensgeschichte hat viele Ebenen. "Ich glaube an Dich" ist anders gestrickt als mein Glauben an die Tastatur vor mir. Whatever. Der Gedanke meiner Freundin ist aber von besonderer Qualität.

    Gut und Böse sind mir ja bekannt. Die beiden soll es geben, steht in zig Büchern und begegnet mir als Fixpunkt bei zig Menschen. Ich kenn dieses Paar. Nur: es hat für mich keine wirkliche Substanz. Kann ich in meiner Welt nichts mit anfangen, wohnt dort nicht. Klar kann ich mitreden, wenn es um Gut und Böse geht, ich bin ja nicht aus der Zeit gefallen und schließlich katholisch groß geworden. Nur. bei mir wohnen sie nicht, Gut und Böse. Sind einfach nicht zu finden in meinem Kosmos, wenn ich mich mir zuwende. Ich glaub nämlich auch nicht, dass es sie wirklich gibt.

    Sie sind Fantasie, Interpretation von irgendwas, Hirngespinste. Spinnertes kann man sich alles Mögliche ausdenken, wie immer ist da jeder sein eigener Chef. Und in der Kreation seiner eigenen Welt allemal. Wo dem einen Gut und Böse dazugehört - gehörts bei anderen, wie bei mir und dieser Freundin, eben nicht dazu.

    Aus gutem Grund. Ich finde es unangemessen, achtungslos, überheblich, unterdrückerisch, wenn man irgendwohin das Etikett Gut oder das Etikett Böse klebt. Das hat so einen Absolutheitsanspruch, der mir echt unangenehm ist. "Find ich gut" oder "find ich blöd (böse)" als subjektives Freude- oder Ärgerstatement, das kann ich gelten lassen und praktizier es. Aber Gut und Böse als Tatsachen des Lebens? Überkandidelt, fehl am Platz. Jedenfalls kann ich an das Pärchen nicht glauben. Wiewohl, um es noch einmal zu sagen, ich sehe, dass andere dies Pärchen als real existierende Geschichte erleben. Ich nicht. Gut und Böse gibts nicht, nicht für mich. Da steckt das ganze schaurige 10.000 Jahre alte patriarchalische Herschaftsdenken drin. Weg damit! Postmodern und amicativ durchgeatmet.

    Leben und Tod? Das ist eine andere Nummer. Der Falter, der hier nachts um mich rumflattert: Pralles Leben. Die mausetote Maus, die ich heute nachmittag bei der Radrunde gesehen habe: voll die Wahrheit. Da kann ich dran glauben, und da glaube ich dran. Leben und Tod gehören zu meiner Welt. Im Leben bewege ich mich, schwimme drin wie im See heute Nachmittag, kenn ich, kann ich. Tod? Ist mir fremd, aber habe ich auch erlebt, vorhin bei der Maus, oder bei den verschiedensten Beerdigungen, oder vor Jahren bei dem überfahrenen Kind. Schön wars nicht, aber real existierend. Was zum dran glauben eben.

    Diese Gut-und Böse-Geschichte ist ein Grusel. Als Kind wurde ich, wurden alle wir Kinder, damit in Acht und Bann geschlagen, unseres eigenen Pfads beraubt, beherrscht. Ich war niemals böse, ich war niemals gut, ich war, fand statt, und aus. Was sollte das? Diese Einstufung meines Tuns, meines Ichs, als "gut", als "böse"? Die spinnen doch, die Großen. Und sie spinnten ja auch. Laberten mich voll mit ihrem in ihrer Kindheit aufgesaugten Quark, überliefert seit Urzeiten hinein in die Kinder in die Kinder in die Kinder. Schaurige Tradition. Schauriger Zeitstrang. Echt, und was es da alles für Schreckliches gibt. Nur ein Beispiel: Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius, besonders "gelungen" in der Version von Joos van Craesbeeck. Leute, gehts noch?

    Ich kann nichtüberheblich und liebevoll mit diesen Fantastereien der anderen umgehen. Nach dem Motto: Wenn sie es denn brauchen - dann sollen sie doch an ihr Gut und Böse glauben. Bittesehr. Bescheidene Frage: Macht das glücklich? Ist das Frieden? Ist das Liebe? Glaub ich eher nicht. Und dann spür ich all das Leid, das durch dieses Unglückspaar über die Leute kommt, in die Herzen der Kinder, auch in die Herzen der kleinen Kinder.

    Ich habe neulich einen Dreijährigen verstrickt in die Gut-und-Böse-Wucht erlebt. Das hat so eine Macht. Wenn ich da die Macht hätte, wie würde ich dazwischen gehen! Ich bin ja dabei gewesen, und mit mir mein unausgesprochenes "Das gibt es nicht, gut und böse, und Du bist ein Ebenbild Gottes, ich glaube an Dich, nimm meine Kraft". Mehr kann ich nicht machen, aber das schon. Er sah zu mir hin - und ich sah zu ihm hin. Ich hielt dieses Kind im Paradies.


    Montag, 27. Mai 2019

    Vertraust Du mir?







    Ich war mal wieder in einem Hollywood-Liebesfilm, "After Passion" heißt er. Es kam, wie es kommen musste: "Vertrau mir!" Aber es gelingt nicht. Sie wird vom Sog des Misstrauens eingefangen, er kommt nicht dagegen an. Ich, Zuschauer, weiß, dass sie daneben liegt und dass er nichts angestellt hat - aber sie folgt dem Pfad des Misstrauens. Die Liebe flieht aus ihrem Gesicht, Großaufnahme, Unglauben, Schreck und Flucht prägen jetzt ihr schönes Antlitz. So ist das Drehbuch des Films - und so ist das Drehbuch des Lebens, oft genug, leider.

    Wie viel Vertrauen habe ich parat, in Dich, und generell? Wie viel Vertrauen habe ich in das Leben? In das Vertrauen? Glaube ich an Dich? Glaubst Du an mich? Vertrauen - ein gefährlich Ding. Denn es lauert der Abgrund der Enttäuschung. Will ich mich auf so eine wackelige Geschichte einlassen? Ich leide im Film mit: Sie vertraut ihm zu Beginn ein wenig, dann immer mehr, dann Hingabe pur - und dann der Absturz. Geht ja gar nicht. Also lass ich das mal mit dem Vertrauen. Absturz ist schaurig. Ich halte mir lieber ein Hintertürchen offen. Vertrauen? Lieber nicht, nicht wirklich. Bin gewappnet gegen den Absturz.

    So weit so gut. Ich bin aber nicht so jemand. Ich fahre den Vertrauenskurs, weil ich da so viel von in mir habe. Und wenn es gelingt, dann falle ich auch in die Hingabe. Und Vertrauen mit reinem Herzen ist einfach schön.

    "Vertraust Du mir?" ist eine schwierige Angelegenheit. Die Frage bedeutet ja, dass etwas Ungewöhnliches im Busch ist. Was aber das Band der Liebenden nicht zerreißen soll. Wiewohl offenkundig Unmögliches passiert. Mit dem "Vertraust Du mir?" wird eine Magie wachgerufen, zwischen zwei Menschen. Auf dass das Unmögliche (Schlimme) nicht passiert oder das Unmögliche (Schöne) erst recht passiert. Und wenn ich dann antworte "Ja, ich vertrau Dir" - das ist echte Zauberei.

    Ich kann mein Vertrauen auch zurücknehmen, dem anderen das Vertrauen entziehen. Klar, das geht. Aber dann muss schon Gruseliges passiert sein. Ich bin nicht der Angestellte oder gar Sklave des Vertrauens. Ich behalte das in der Hand, gehöre wie immer mir selbst. Wenn es nicht mehr stimmig ist, dann wird das Vertrauen dünner und kann ganz gehen. Es liegt an mir. Wie immer.

    Im Film geht es der Frau so. Sie vertraut nicht mehr. Sie hört ihren Partner nicht mehr, fühlt sein Herz nicht mehr. Sie folgt Bildern und Botschaften, die aus dem Misstrauensland kommen. Und sie leidet schrecklich: weil er sie verraten hat, wie sie meint (und was nicht stimmt, wie ich Zuschauer weiß). Wenn das Vertrauen sich aufzulösen beginnt - da kann man ja doch noch einmal einen Versuch machen! Aber wie lässt sich der Misstrauensgeist wieder in die Flache stopfen, wenn er in uns herumgeistert? Das haben wir nicht mehr in der Hand, das Ding hat uns in der Hand. Da sind Mächte am Werk, denen auch sie nicht gewachsen ist. Die über sie herfallen und sie bestimmen. Drehbuch, klar, aber im Leben geht es auch so. Liegt doch alles an/bei mir? Schnickschnack!

    Diese Mächte der Finsternis, die mein Vertrauen in Dich stören und zerstören: Was soll das? Wer denkt sich so was aus? Keine Ahnung. Was machen? Auch keine Ahnung. Wie geht es weiter? Schon klar: ohne Dich eben, ohne uns eben. Was bedeutet? Nichts Gutes, Leid und Schmerz. Aussichten? "Die Zeit heilt alle Wunden". So soll es sein und so ist es ja auch.

    Aber es kommt auch vor, dass die dunklen Kein-Vertrauen-Wolken unversehens von einem Lichtstrahl der Erinnerung durchbrochen werden. Wie war das noch mit dem Vertrauen, damals? Mit uns beiden? "Bis ans Ende aller Zeiten..." Liebe ist eine so starke Macht. Und zum Schluss des Films geraten die beiden wieder in ihre Magie, er geht auf sie zu und sie lässt ihn das tun. Ihr Vertrauen kommt zurück. Ihr Antlitz wird wieder so schön. Aufgewühlt und glücksberührt fahre ich nach Hause.



























    Montag, 20. Mai 2019

    Groll







    Seit drei Wochen bin ich im Groll. Keinem großen, aber schon. Not amused, fühl mich ungerecht und unfair behandelt, muss mir sowas nicht antun. Und will mit dieser Person nichts mehr zu tun haben, die mich da angemacht hat. Bis auf Weiteres, wenn Weiteres denn kommen sollte. Aber so was Danebiges - danke!

    Groll wird jeder kennen. Jeder? Ich kannte das bislang eigentlich nicht, mein Lebtag lang nicht. Ich bin auf nichts und niemanden grollig gewesen, cum grano salis. Klar, bescheuertes Verhalten von anderen und den Umständen gabs immer mal wieder. Aber das hat bei mir keinen Groll ausgelöst, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Vor drei Wochen wars dann aber anders, bei diesem einen Menschen. Ich fühlte mich herabgesetzt, aber erst mal gab es dabei keine unruhige Grollresonanz. Eher was anderes, das Übliche: Verständsnisflimmern: "Ja klar, wenn die mich so sieht, dann muss die mich so anmachen. Regt mich nicht weiter auf. Versteh ich schon."

    Jetzt kam es aber anders daher: entschieden, Ende der Beziehung. Ich muss mit so jemandem ja nichts weiter zu tun haben. Ich spürte Groll auf diesen Menschen. "Hab ich nicht (den Groll)" habe ich mir erst gesagt. Aber dann nochmal hingehört, in mich: "Hab ich doch". Und, auch wieder interessant, als ich das entdeckt habe, hab ich es mir nicht übel genommen. Hab ihn sich in mir ausbreiten lassen, den Groll, musste ihn nicht verscheuchen. Mal sehen, was draus wird. Es war ja auch nichts Überwältigendes, es war eben nur da. Und ich konnte ihn, den Groll, da sein lassen.

    Ich bin nun absolut kein Vertreter des "Ärger/Wut/Hass ist schön"-Gebräus, des "Jeder darf das, das gehört zum Leben dazu, sonst ist man kein richtiger Mensch" und so. Ich muss das alles nicht haben. Ich finds von der dunklen Seite. Liebe ist das nicht, Weltfriede auch nicht. Da bin ich anders unterwegs, im hellen Land des Schönredens. Mein ich ehrlich, seh und fühl ich so, leb so, und es geht mir gut dabei. Klar, da muss jeder sehn, wo er sich verortet. Und wer sagt, sein Ärger/Wut/Hass gehört zu ihm wie seine Liebe/Freude/Glück: bitte sehr. Aber ich muss das Dunkle nicht haben und habe das auch nicht.

    Bis auf das Ding, das sich da vor drei Wochen gemeldet hat. Ich hatte ein freundliches, fast schönes Gefühl zu diesem Groll: Dass ich dermaßen runtergeputzt wurde, und auch noch von diesem Menschen - das war ein Tacken zu viel für meine Harmoniewelt. "Die spinnt wohl" - der Groll hat sich gemeldet. Erst wollte ich ihn nicht wahrhaben, dann wegwischen: Denn dieser Mensch hat natürlich seine guten Gründe, fühlt sich von mir ungut behandelt, was weiß ich, und ist ja eigentlich liebenswert. Nein, es war zu viel, der Groll kam, und da habe ich zum Groll gesagt, und war erstaunt über mich: "Ok, Du kannst bleiben". Ich hab ihm nicht das Bett gemacht, ich hab ihn nur nicht rausgeworfen. Und ein bisschen gelünst, was wohl draus wird. Kurzum: er tat mir gut. Ausgleich zu dem Menschen, der mir eins verpasst hat und mir nicht gut tat.

    Groll ist etwas aus der dunklen Welt, und ich heiße so etwas nicht willkommen. Ich finds besser, wenn ich so eine Anmache gelassen wegstecken kann, wie sonst. Aber wenn das eben nicht geht - und seit drei Wochen geht es nicht - , dann gehts eben nicht.

    Ich habe einen freundlichen und unbeschwerten, nicht selbstzweiflerischen, nicht schuldgefühligen Zugang zum Groll gefunden. Oder: er hat mich gefunden. Ich fühl mich durch meinen Groll unterstützt (wobei auch immer), find ihn kraftspendend, lächelnd, freudig. Ich fühl mich vom Groll gemocht (vom Leben sowieso) und kann diese blöde Herabsetzung dann mal so stehen lassen. Die Herabsetzung macht mich ja auch nicht klein oder so. Hat mich nur verärgert.

    Und ich kenn mich ja auch: Lange wird der Groll nicht bei mir wohnen. Er wird schon wieder gehen. Vorgestern habe ich mich schon wieder zu einer Freundlichkeit hinreißen lassen, hab eine freundliche Whatsup hingeschickt. Tat mir auch gut und war kein Grollverrat. Der Groll hat mich beobachtet und sich sein Teil gedacht: "Alter Schönredner". Aber so bin ich halt. Und im Frieden mit den anderen zu sein ist ja einfach auch schön.

    Aber dieser Groll hatte auch was.