Montag, 25. Mai 2020

Unbesorgt

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Bin ich besorgt? Bin ich unbesorgt? Corona lässt diese Frage an mich ranschwappen. Man kann mit dem Virus besorgt oder unbesorgt umgehen. Besorgt ist klar, das war die ganze Zeit so. Unbesorgt ist neu, jedenfalls dass so viele neuerdings Corona abtun und runterspielen. Bergamo gabs nicht? New York auch nicht? Brasilien? Wenn ich beim Einkaufen bin, sehe ich die Leute schon besorgt. Sie sind nicht ängstlich, sie sind umsichtig.

Aber zu "Unbesorgt": Ich habe mir den Zuruf "Sei unbesorgt!" mal vorgenommen und spüre ihm nach. Ein schöner Spruch! Ich denke ihn groß: "Sei unbesorgt!", sagt das Leben zu mir. Ein richtiger Wohlfühlspruch. Schönreden wird alltagstauglich. Es ist so ein Glanz dabei, eine Freude.

Wo das "Sei unbesorgt!" aber auch alles passt! Wenn ich mit dem Rad losfahre: es wird keine Panne geben. Ich lass das dann mal, dieses "Es könnte aber doch passieren". Ja, könnte. Ja, passieren. Ich habe Flickzeug dabei, es beruhigt. Ich bin unbesorgt unterwegs und habe auch mein Flickzeug dabei. Beides geht. Unbesorgt mit Mundschutz.

Passieren kann jede Menge. Großkrank, Unfall, Garnichtgut, Schlamassel bei den Lieben, was weiß ich. Das lässt sich ja nicht ausblenden. Ich habe mal wieder, wie immer, die Wahl, durch welche Lebenstür ich gehen will: durch die Besorgt-Tür oder durch die Unbesorgt-Tür. Wer sagt, was ich tun soll, wer drängelt? Ich bin mein eigener Chef, und ich gehe zum "Sei unbesorgt!" Das mache ich nicht so, dass ich realitätsfremd werde, das mache ich mit Augenzwinkern. Ich weiß schon, was da alles lauert, aber das darf es auch. "Ist schon gut."

Ich hätte gern dieses und jenes. Was nicht passiert. Lottogewinn... Ja, da könnte ich drüber grummeln und betrübt sein. Aber so ein fröhliches "Sei unbesorgt!" ist doch einfach besser.

Corona: Ich bin da unbesorgt. Aber ich bin handfest unbesorgt, mit Mundschutz und Abstand und Händewaschen. Die Unbesorgtheit von so einigen der Coronaszene finde ich einfach nur leichtsinnig. Unbesorgt ist etwas Achtsames und Mächtiges. Kann aber umkippen in "Mir doch egal", Leichtsinn eben, oder Borniertheit. Nicht mein Ding. Ich passe schon auf, wo ich mir "Sei unbesorgt!" zurufe. "Sei unbesorgt", sage ich zum Unbesorgt, "ich mache das schon richtig." "Wirst Du", sagt Unbesorgt zu mir.














Montag, 18. Mai 2020

Die Leiter im Kirschbaum






Mitten aus meinem Vortrag:


Ich zeige Ihnen einen kleinen Film. So, Licht aus, Film ab. Sie sehen eine Leiter im Kirschbaum, 20 Sprossen. 10 Dreijährige kommen zur Leiter, mit ihren Müttern. Die Kinder fangen an, die Leiter hochzuklettern. Die Mütter reagieren unterschiedlich. Die eine holt ihr Kind bei Sprosse 3 von der Leiter, die andere bei Sprosse 5, die dritte lässt es bis nach oben klettern und die vierte nimmt die Leiter weg. Also unterschiedliche Reaktionen.

Nächste Szene: Derselbe Kirschbaum, dieselbe Leiter. Aber 10 andere Dreijährige, andere Mütter. Aber dieselben Reaktionen wie vorhin: die Mütter holen ihre Kinder von der Leiter bei Sprosse 3 oder 5, oder nicht, eine schleppt die Leiter weg.

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Die Müttergruppen sind unterschiedlich: die einen fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich, haben also ein Verantwortungsgefühl – die andern nicht. Frage an Sie: Welche Müttergruppe hat ein Verantwortungsgefühl, die erste oder die zweite? Das können Sie nicht erkennen, denn die Handlungen sind dieselben. Sie können es erst erkennen, wenn Sie diese besondere Brille aufsetzen, die ich Ihnen jetzt gebe. Und ich Ihnen die beiden Filme noch einmal zeige.

Brille auf, Film ab. Sehen Sie jetzt bei der ersten Müttergruppe einmal zu den Herzen der Mütter. Sie erkennen mit Hilfe der Brille, dass Strahlen aus den Herzen herauskommen. Viele. Rote, blaue, grüne, gelbe, alle möglichen. Das sind Gefühle, die mit Hilfe Ihrer psychologischen Erkenntnisbrille sichtbar werden. Um besser sehen zu können, halten wir den Film jetzt an und machen ein Standbild. Schauen Sie zu den roten Strahlen. Rote Strahlen sind Ausdruck der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Vergleichen sie die Mütter. Die Mütter lieben ihre Kinder unterschiedlich stark. Wir können nachmessen. Die eine Mutter liebt ihr Kind 45 Zentimeter, die andere 3 Meter achtzig, die dritte 15 Meter und so weiter.

Jetzt schauen sie nach den grüngelben Strahlen. Im Handbuch für Gefühle können Sie nachlesen: Grüngelb seht für das Verantwortungsgefühl. Sie erkennen, dass die Mütter sich unterschiedlich stark für ihre Kinder verantwortlich fühlen. Die eine Mutter 1 Meter zwanzig, die andere 6 Meter siebzehn, die dritte 18 Meter und so weiter. Sie haben aber alle bei aller Unterschiedlichkeit grüngelbe Strahlen, sie fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich. Wir wissen also: Die erste Müttergruppe ist die Gruppe mit dem Verantwortungsgefühl für Kinder. „Ich fühle mich für Dich verantwortlich.“

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Film weiter, zweite Müttergruppe. Anhalten, wieder ein Standbild. Schauen Sie sich bitte die zweite Müttergruppe an. Sie sehen wie bei der ersten Gruppe viele bunte Gefühlsstrahlen aus den Herzen kommen. Alle Mütter haben wie eben rote Strahlen, sie lieben ihre Kinder, unterschiedlich intensiv wie eben. Halten Sie nun nach den grüngelben Strahlen Ausschau. Sie finden nichts? Nehmen sie die Lupe! Wir vergrößern. Wieder nichts? Ja, sie können auch nichts finden, denn diese Mütter haben ein anders gebautes Herz als die Mütter eben. Sie haben kein Grüngelb! Alle Mütter der zweiten Gruppe tragen kein! Verantwortungsgefühl in sich. Sie fühlen sich nicht für ihre Kinder verantwortlich. Die Mütter unterscheiden sich nicht im Handeln – aber in der Gefühlswelt. „Ich fühle mich nicht für Dich verantwortlich“.Warum? Weil diese Mütter wissen: Ein jeder Mensch, und sei er noch so klein, ist für sich selbst verantwortlich, und ein "Ich bin für Dich verantwortlich" ist für sie eine Anmaßung, die sie nicht in sich tragen.

Bei der zweiten Müttergruppe können Sie aber Gefühlsstrahlen erkennen, die bei der ersten Müttergruppe nicht zu finden sind. Sehen Sie das Orangeviolett? Alle Mütter haben diesen orangevioletten Gefühlsstrahl. Unterschiedlich intensiv, die eine 2 Meter zehn, die zweite 5 Meter dreißig, die dritte 19 Meter achtzig und so weiter. Was ist das für ein Gefühl? Im Handbuch für Gefühle finden Sie die Antwort: „Würdekronen-Achtungsgefühl“. Darunter steht eine längere Erklärung, es wird auf meinen Vortrag verwiesen, auf die Gleichwertigkeit und die Selbstverantwortung der Kinder. Und auf den Indianer und den Büffel. Da steht: „Orangeviolett ist ein spezielles Gleichwertigkeitsgefühl, das an die Stelle des Verantwortungsgefühls tritt“.

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Die Gleichwertigkeit, von der ich spreche, ist also ein psychologisch Ding. Als Erwachsener fühle ich die Gleichwertigkeit zu Kindern. Menschen können dieses Gefühl in sich haben oder nicht. Ich habe es in mir. Mit Ihrer Brille können Sie erkennen, wie es orangeviolett aus meinem Herzen kommt. Aber Sie werden grüngelb, das Verantwortungsgefühl, nicht finden.

Gibt es so etwas, dass Menschen unterschiedliche Gefühle haben? Das ist banal. Der eine hasst, der andere liebt. Und Gefühle können sich ändern, aus Hass kann Liebe werden. Das Verantwortungsgefühl kann weniger werden und gänzlich gehen, und gleichzeitig kann das Gleichwertigkeitsgefühl wachsen und wachsen und das Verantwortungsgefühl ablösen. Oder das Gleichwertigkeitsgefühl ist da und war verdeckt und kommt nun heraus. Oder hat heimlich gestrahlt. Wie auch immer.

Das Gleichwertigkeitsgefühl macht mich nicht hilflos und handlungsunfähig. Das Kind kann nicht in die Steckdose fassen, die Kuh ist tot und der Büffel auch. Aber bei meinem Handeln schwingt nicht ein Oben-Unten mit. Sondern? Das jedenfalls nicht! Es schwingt ein anderes Gefühl mit, das gleichwertig daherkommt. Ich nenne es das Gleichwertigkeitsgefühl oder das Würdekronen-Achtungsgefühl. Es kommt aus einem Gefühlsland, das jenseits jeglicher Erziehung, Mission, Vormundschaftlichkeit und so weiter existiert.



































Montag, 11. Mai 2020

Gehtnicht und Gehtdoch







Wenn man mit Kindern unterwegs ist, gibt es viele Dinge, die nicht gehen, die einfach nicht gehen. Wobei schon klar ist, was die Kinder gern hätten und was sie wollen, wo es aber offensichtlich nicht geht. Wo noch nicht einmal drüber nachgedacht wird, ob es nicht doch gehen könnte. Also Alltäglichkeiten wie: noch ein Eis, noch mal zurück, hier abbiegen, Überraschungsei, jetzt zum Zoo, im Heizkeller spielen, den Hamster draußen laufen lassen. Was weiß ich. Wo das Gehtnicht über dem Gehtdoch thront.

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Gestern hatte ich mich mit meinem Sohn Felix zu einem Waldgang mit seinen beiden Kindern Klara (8) und Kolja (6), meinen Enkelkindern, verabredet. Da standen aber zwei "Das geht nicht" davor: Zweieinhalb Stunden mit dem Auto hinfahren, zweieinhalb Stunden zurückfahren: für einen Spaziergang? Völlig unverhältnismäßig plus Ökosau! Außerdem Corona: Lässt sich das einhalten mit den Kindern, die anderthalb Meter Abstand, wenn man draußen unterwegs ist? Felix und ich befanden: Das geht! Wir hatten uns coronamäßig acht Wochen nicht gesehen, das wog die Fahrerei auf. Und das mit dem Abstand würden wir schon hinkriegen.

Jedenfalls trafen wir uns. Superwetter. Bevor es losging: "Ich kann nicht auftreten " Klara humpelte barfuß aus Felix Auto und konnte mit rechts nicht mehr richtig auftreten. Aber kein Druckschmerz, also Splitter? Oder vielleicht mit Schuhen? Gehtnicht nahm Witterung auf. "Das wird nichts", dachte ich, "kein Gang in die schöne Mailandschaft. Dann eben Picknick." Gehtnicht feixte. "Einen Versuch könnten wir machen", sagte Felix, "wenns nicht geht, dann gehts nicht." "Genau mein Reden", Gehtnicht war zufrieden. Den Versuch machten wir. Der Versuch wurde länger und länger, barfuß ging es weiter. Gehtdoch war an der Reihe.

Ich hatte Tierli-Kekse mitgebracht. "Die gibts, wenn wir ans Wasser kommen." Gemeint war die Ems, unser Ziel nach einer halben Stunde durch Wald und Feld. Nach drei Minuten: "Hier ist Wasser", Kolja hatte einen Tümpel entdeckt. Kolja sagte nicht Keks, er sagte Wasser, aber war schon klar. Gehtnicht: "Das ist nicht die Ems, jetzt gibts keinen Keks." Aber Gehtdoch rückte den ersten Keks aus Felix Rucksack raus. Mein Sohn war auch klar: Wasser ist Wasser. Und: es gab mehrere Wässerchen bis zum Fluss... Gehtnicht war not amused, Gehtdoch schon.

Ein großer Baum lag über dem Weg. Man konnte sehen, dass es einige Krabbler unten durch geschafft hatten. Gehtnicht wurde nicht gefragt, Kolja war durch. Klara: "Das geht nicht, ich bin größer." Gehtnicht war zufrieden. Felix: "Das schaffst Du." Und Klara schaffte es. Gehtdoch war zufrieden. Felix ließ es sich nicht nehmen, auch drunter durch zu rutschen. Rucksack zuerst. Gehtdoch strahlte.

Noch ein umgefallener Baum, schräg nach oben. Da rauf klettern? Jetzt war Gehtnicht klar: "Das geht nicht, zu gefährlich." Aber rittlings vorschieben und vorschieben: das ging doch! Bis oben hin, ziemlich wackelige Geschichte. Gehtdoch passte auf.

"Wirf uns einen Keks zu", kam es von oben. Ja, dahinten war wieder ein Tümpel zu sehen. "Das klappt nicht", dachte ich. Felix versuchte es. Drei Kekse landeten im Gestrüpp. Gehtnicht war zufrieden. Schöner Mist. "Wart mal", sagte ich. Ich hatte als einziger Schuhe und lange Hose an. "Ich hol sie." "Dorn und Brennnessel", griente Gehtnicht mich an, "das lässt Du schön bleiben!" Wo Gehtnicht recht hat, hat Gehtnicht recht. Egal. Ich da durch. "Seht Ihr einen?" Sahen sie nicht. Aber ich. Alle drei. Geht doch!

Wir wollten zum alten Feuerplatz. Der Sandweg dahin war ein echter Sandweg, sehr sehr staubig. Kolja wollte Schwarzstaubschlange spielen. War dabei, sich in den Sand zu knallen. Gehtnicht blies ins Horn: "Sofort aufstehen!" Kurzer Blick von Felix: "So eine schöne Schlange." Es stiebte und staubte, Kolja war kaum mehr zu sehen, kroch meilenweit im schwarzen Element. Zwei Spaziergänger kamen entgegen, wichen auf den Grasrand aus. "Das wird ja eine schöne Badewanne heute Abend!" Gehtnicht nickte gequält. Gehtdoch las im Schlangenbuch nach: "Schwarzstaubschlange, aha."

Die geplante Spaziergehzeit war lange vorbei. Das Abendessen war verabredet. Zu Hause, ohne mich, wegen Corona. "Wir müssen umdrehen." Aber wir wollten doch zur Ems. Gehtnicht triumphierte: "Keine Ems!" Felix telefonierte per Handy: "Wir kommen später, geht das?" "Nein, bitte lass Katharina nein sagen", hörte ich Gehtnicht. Aber:"Klar, das geht." Ja glaub ichs!

Dahinten war wunderschöner gelber Ginster. "Da will ich hin", sagte Klara. Und der Fluss? "Ha", sagte Gehtnicht, "nix Ginster." Aber eigentlich...Gehtdoch kam so gelbgold daher. Es war wirklich sehr schöner Ginster. Ich machte ein Foto: Ginsterkinder.

"Können wir barfuß durch die Wiese rennen?" "Das Gras ist hoch, die Bienen freuen sich", sagte Gehtnicht, "und die Disteln. Außerdem schmeißen die Leute auch Flaschen in die Wiese, da ist doch alles voller Scherben." Gehtnicht hatte gute Argumente. "Klar könnt Ihr", Felix war klar. Gehtdoch passte auf: kein Bienenstachel im Fuß, keine Scherbe im Fuß.

Matschböschung an der Bevermündung in die Ems. Wir standen auf der Mündungsbrücke und hielten nach Fischen Ausschau. Der Matsch zog Kolja an. Schon war er unten. "Er sollte da nicht rummachen", dachte ich, "wenn er abrutscht, gibt eine Riesenrettungsaktion. Muss ja nicht sein. Obwohl?" "Kein Obwohl!", Gehtnicht redete auf mich ein, "wenn der abrutscht!" Felix hatte die Ruhe weg. Gehtdoch grinste. Kolja, barfuß, kurze Hose: sein rechtes Bein war bis zum Knie wunderschön schlammschwarz. Gehtdoch lachte. Felix: "Da solltest Du Dir das andere Bein auch schwarz machen." Ja gehts noch? Nochmal in die abrutschige Matschböschung? Gehtnicht schrie Alarm. Aber Felix hatte Freude an dem Matschvergnügen von Kolja. Beim Einsauen des zweiten Beins rutschte er tiefer und tiefer. Gehtdoch hielt die Luft an, "Siehst Du", rülpste Gehtnicht. Kolja kam raus und war stolz auf seine schwarzen Beine. "Geht doch!" rief er.

Ratsch – die Kekspackung riss kaputt, die Kekse sausten in den Sand. "Die könnt Ihr vergessen", Gehtnicht war endlich mal dran. "Die sammeln wir ein", sagte Felix. "Die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen", kommentierte ich. Auf dem Sandweg blieb ein bisschen übrig. "Für die Vögel". Gehtdoch schmeckte es.

Die Verlängerungsstunde war rum. Jetzt zügig zu den Autos. Da kamen wir an eine Stelle der Bever, wo ich mit Felix und seinen Freunden früher oft war. Er war so alt wir Klara heute, und es waren immer herrliche Wasserabenteuer. Jedenfalls gingen wir erinnerungsmäßig zum Sandufer von damals, ein Ehrenbesuch. "Kann ich da mal rüber?" Klara peilte das andere Ufer an. 15 Meter weg. "Eh Leute, das Abendessen", Gehtnicht baute sich auf, "außerdem: ist es nicht Sommer, viel zu kalt, außerdem: keine Badesachen dabei, außerdem: keine Handtücher dabei, außerdem." "Eigentlich haben wir doch Zeit". Felix und ich sahen uns an und dachten an früher. Kurz mal ans Handy: "Geht, kein Problem." Gehtnicht fiel in Ohnmacht.

Es war wunderwunderschön. Beide schafften die andere Seite, das Wasser ging bis zum Bauch. Richtiges Wasservergnügen. Zum Abtrocknen gabs T-Shirts. Mehr geht nicht!



Montag, 4. Mai 2020

Zwei Planeten







Auf meinen Vorträgen habe ich viele Sprachbilder, hier kommt das von den zwei Planeten. Ich erzähle:


Sie sitzen auf der Wolke und erfreuen sich Ihrer Entwicklung, plaudern mit dem Klapperstorch. Nach neun Monaten kommt Petrus und sagt: „Es ist so weit. Morgen ist Eure Geburt.“ „Oh prima!“ Alle Babys freuen sich. „Ich muss noch etwas mit Euch besprechen“, sagt Petrus. „Ich habe zwei verschiedene Planeten zur Auswahl. Ihr könnt Euch aussuchen, wo Ihr hinwollt.“ „Erzähl mal“, sagen die Babys. „Also", sagt Petrus, „auf dem einen Planeten gehen die Menschen davon aus, dass Ihr Euch erst in achtzehn Jahren zu vollwertigen Menschen entwickeln werdet. Und damit das auch klappt, erziehen sie Euch. Sie fühlen sich für Euch verantwortlich, für Eure Entwicklung und Menschwerdung. Sie glauben nicht, dass Ihr schon vollwertige Menschen und selbstverantwortlich seid.“

Die Babys sind perplex. „Die meinen im Ernst, dass wir nicht selbst für uns die Verantwortung tragen können? Dass wir keine selbstverantworlichen Wesen sind? Was haben wir denn die neun Monate hier gemacht? Ist das ein – Erziehungsplanet?"

„Auf dem anderen Planeten“, erzählt Petrus weiter, „gehen die Menschen davon aus, dass Ihr selbstverantwortliche Wesen seid. Dass Ihr Souveränsein in den neun Monaten Eurer Entwicklung gelernt habt und als voll ausgebildete Selbstverantworter auf die Welt kommt. Sie wissen natürlich, dass Ihr immer nur von Eurem jeweiligen Wissen ausgehen könnt. Dass ihr Erwachsenenwissen und Euer Babywissen verschieden sind, dürfte wohl klar sein. Und deswegen wird es vieles geben, wo sie und Ihr zu unterschiedlichen Einschätzungen und Entscheidungen kommt. Sie werden bei vielem, was Euch wichtig ist, nicht mitmachen und Euch daran hindern, es zu tun. Aber sie stellen dabei niemals in Frage, dass Ihr diese Fähigkeit zur Selbstverantwortung habt, von Anfang an. Es ist ein Souveränitätsplanet. Ihr könnt entscheiden, auf welchen Planeten Ihr kommen wollt.“

Ich sitze mit meinen Freunden im Kreis und wir haben Petrus zugehört. „Also, ich will zu dem zweiten Planeten“, sage ich. Alle anderen Babys wollen das auch, niemand will zum Erziehungsplaneten. Wir sind uns einig, dass es voll daneben ist, in einer Erziehungswelt aufzuwachsen. Wir wollen zum Souveränitätsplaneten.

Petrus druckst herum. „Tja, ich habe erwartet, dass Ihr so reagiert. Nur leider gibt es den zweiten Planeten nicht in erreichbarer Nähe. Ihr versteht schon: kulturelle Zeitverschiebung. Den gibt es erst in 100 Jahren wieder. Aber ich habe ein paar Eltern, die das jetzt schon so sehen wie in 100 Jahren. Ich schau mal, wie viele freie Plätze ich habe...“




Montag, 27. April 2020

Wieder Schule







Coronamäßig sollen die Kinder demnächst ja wieder in die Schule gehen. Ob das eine gute Idee ist, wird sich zeigen. Ob Kinder überhaupt in der Schule gut aufgehoben sind, wenn Erwachsene sie dort bilden, formen und erziehen wollen? Dazu habe ich ja nun seit Jahr und Tag meine eigene Meinung. Hier ein Text darüber aus meiner Schatzkiste. Es geht um meine ersten Begegnungen mit der fremden Art "Schulkinder".

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Kann ich die Verantwortung für die Kinder übernehmen? Eltern sind für alles und jedes verantwortlich, richtige Ernährung, richtige Kleidung, alles. Als Lehrer bin ich nicht für alles verantwortlich, sondern nur für das Oberstübchen der Kinder, für ihre geistige Entwicklung. Und per Sport auch ein bisschen für ihren Körper. Ich werde also für die Kinder in Bezug auf ihre geistige Entwicklung verantwortlich sein.

Den Haken hier zu setzen war eigentlich ganz einfach. „Kann ich Verantwortung?“, habe ich mich gefragt. Wofür wird man denn Lehrer? Damit in den Kopf der Kinder das reinkommt, was rein gehört. Aber es war nicht ganz einfach. Es war überhaupt nicht einfach. Es gab einen Widerstand. In mir. Bin ich wirklich für die Kinder verantwortlich? Habe ich zu entscheiden, was in ihrem Kopf sein soll? Haben Erwachsene das überhaupt zu entscheiden? Eltern für ihre Kinder? Lehrer für die Kinder? Ja doch, Eltern und Lehrer lieben Kinder und sind für sie verantwortlich. Aber so ging das nicht. Es gab einen unerklärlichen Widerstand in mir.

Da habe ich die Kinder gefragt, beim nächsten Unterrichtsbesuch, in der Pause. „Soll ich für Euch die Verantwortung übernehmen? Für eure geistige Entwicklung? Und ein bisschen auch für eure körperliche und allgemeine Entwicklung, sozial und so?“ Die Kinder sind solche Fragen von Erwachsenen nicht gewohnt. Sie sahen mich seltsam an und rannten weg. Ich habe sie mir dann gepackt, und sie mussten antworten.

„Willst Du eine ehrliche Antwort?“ „Na klar.“ „Wirklich?“ „Ja.“ Und dann kam es: „Okay, wenn Du es wissen willst: Du hast sie wohl nicht alle! Du bist doch nicht für uns verantwortlich. Sowieso nicht und auch nicht für unseren geistige Entwicklung. Wir gehören uns selbst, nicht den Erwachsenen, nicht den Eltern, nicht der Schule, nicht den Lehrern, nicht der Gesellschaft noch sonst wem. Wir gehören uns! Lass den Unsinn, Dich für uns verantwortlich zu fühlen. Wir gehören uns selbst und sind selbst für uns verantwortlich! Du bist nicht für uns verantwortlich!“.

Peng! Da stand ich da. Klare Antwort: Ich bin nicht für Kinder verantwortlich. Also kein Haken an die Verantwortung. Nun ja, man redet nicht so mit Kindern, ich habe sie ja nicht wirklich gefragt. Ich habe mir die Kinder angesehen bei den Unterrichtsbesuchen und mir selbst diese Frage vorgelegt, diese Frage nach der Verantwortung für Kinder. Und in mir selbst die Antwort gehört. Diese Antwort: „Du bist nicht für jemanden verantwortlich, der das selbst ist. So etwas ist herabsetzend, entmündigend und demütigend.“ Ich war in Resonanz geraten mit einem Wissen, das in mir aufstieg, einem Wissen aus meiner eigenen Kindheit.







Montag, 20. April 2020

Am Mississippi







Bei der Durchsicht meiner CD "Amication live"* bleibe ich bei einer Passage hängen. Ich hielt damals einen Vortrag vor angehenden Erzieherinnen und wollte ihnen klar machen, dass es verschiedene Menschenbilder gibt. Es sollte später um das pädagogische und das nichtpädagogische Bild vom Kind gehen. Um ihnen die Sache mit den Menschenbildern nahe zu bringen, sprach ich erst einmal über zwei Bilder, die sie kannten: Über das Bild vom Afrikaner als einem den Weißen gleichwertigen Menschen. Und über das Bild vom Afrikaner als einem den  Weißen nicht gleichwertigen Menschen. Sie wußten natürlich, dass Schwarze früher als Sklaven gehalten wurden und dass da keine Gleichwertigkeit im Spiel war. An diese überholte Sichweise von damals konnte ich anknüpfen. Hier die Passage:

   "Welche Bilder hat man denn vom Nächsten, vom anderen? Wo kommen diese Bilder her? Sie sind in der eigenen Biographie entstanden, in der eigenen Kindheit. Zum Beispiel: ob schwarze Leute richtige Menschen sind oder ob die nicht besser Sklaven sind und Nigger. Nun stellt Euch vor, Ihr wärt am Mississippi groß geworden vor 200 Jahren. Da würden Euch Eure Eltern erzählt haben, Eure Verwandten und Bekannten und Freunde, dass die Schwarzen gar keine richtigen Menschen sind. Und das glaubt man dann ja auch, weil alle das erzählen. Und wenn man so mit den Schwarzen zu tun hat, den Sklaven auf der Farm, dann weiß man als kleines Kind, als mittleres Kind, als großes Kind, als Erwachsener, dass man es mit fast richtigen Menschen zu tun hat. Aber die ganz richtigen Menschen, die zum Beispiel auch politische Rechte haben, die spricht man anders an und die sind weiß. Und keiner der Famersleute da unten am Mississippi kommt auf die Idee, dass man Unrecht tut, wenn man sie mit der Peitsche schlägt oder wenn man sie verkauft. Denn Schwarze sind keine richtigen Menschen. Das ist das Bild, das sie dort am Mississippi im Herzen tragen."

   "Dann kann es passieren, dass Ihr mit zwanzig Jahren nach New York müsst um die Baumwolle zu verkaufen. Für Eure Eltern, die gerade nicht reisen können. Und Ihr kommt mit Bürgerrechtlern ins Gespräch. Große Diskussion, und die Bürgerrechtler in New York erzählen, dass die Schwarzen doch richtige Menschen sind. Dann seid Ihr verwirrt und fangt zum ersten Mal an, richtig darüber nachzudenken. Und fahrt nach Hause und seht die Schwarzen auf Eurer Farm mit anderen Augen, mit anderem Herzen. Ein anderes Bild. Und vielleicht ändert sich dann ganz viel."

Im weiteren Verlauf des Vormittags an der Fachschule erzähle ich dann von den zwei Bildern, die es von Kindern gibt. Dem erzieherischen, mit dem sie groß geworden sind und das sie in sich tragen. Und von dem anderen Bild, dem Bild von Kindern als Wesen, die schon richtige Menschen sind und die nicht erst per Erziehung dazu gemacht werden müssen. Zwei Bilder wie in New York. Und die Studentinnen fahren nach Hause und sehen die Kinder mit anderen Augen, mit anderem Herzen. Ein anderes Bild. Und vielleicht ändert sich dann ganz viel...




* Die CD "Amication live" ist auf meiner Website www.amication.de/audio.html zu finden und kann dort gehört werden. Ich kann sie auch kostenfrei zuschicken, zum Hören zu Hause oder im Auto und zum Kopieren und Verschenken.

Montag, 13. April 2020

Welch ein Singen, Musiziern







"Draußen spielt sich gerade ein Wunder ab, für das man nicht einmal das Haus verlassen muss. Es genügt, das Ohr zu öffnen - und das Herz." Les ich in der ZEIT*. Stimmt, denke ich, würd das aber nicht so hoch hängen. Es geht um den Gesang der Vögel, die jetzt zu Frühlingsanfang wieder zu singen beginnen. Einige sind hiergeblieben, andere kommen nach und nach aus dem Süden zurück.

Seit meiner Studentenzeit habe ich Verbindung zu ihnen, den Vögeln. Ich machte Exkursionen mit, hörte Schallplatten und hatte dann alle auf Tonband. Es war wirklich nicht leicht, die Stimmen den richtigen Vögeln zuzuordnen. Aber nach und nach kannte ich immer mehr. Ich war frühmorgens raus, hörte und staunte, erwischte mit dem Fernglas auch mal Seltenheiten wie Birkhuhn und Goldregenpfeiffer. Die Große Rohrdommel am Dümmer zu hören - das war schon was! Und ich stiefelte auch mal mit Freunden der Ornithologengesellschaft durch die Rieselfelder, um nachts Vögel aus den aufgespannten Netzen zu nehmen, im Bauwagen zu vermessen und zu beringen. Meine Lehrer-Examensarbeit für die 1. Staatsprüfung schrieb ich über Hilfen für das Erlernen von Vogelstimmen.

Eines Morgens um fünf auf Beobachtungsstation im Moor. Der Große Brachvogel bewachte Revier und Frau. Als ein schöner fremder Mann auftauchte, gabs großes Theater und eine wilde Verfolgungsjagd, die beiden waren weg. Da kam der Dritte fröhlich trillernd eingeschwebt und nutzte seine Chance. Ja mei!

Die Vögel begleiten mich durchs Leben. Und jetzt im Frühling nehm ich mein Fernglas, geh raus und schaue ihnen zu. Und trainiere weiter neue Arten, die ich noch nicht im Ohr habe. Den Schilfrohrsänger vom Sumpfrohrsänger zu unterscheiden... Drosselrohrsänger und Teichrohrsänger krieg ich schon hin. Aber Blaukehlchen und Braunkehlchen - abwarten.

Ich sinne darüber nach, wie man hobbymäßig seine Zeit verbringen will. Tausend Varianten! Mir ist das mit den Vögeln zugefallen. Und wie jeder sein Hobby schön findet, fühle ich mich auch rundum wohl, wenn ich draußen bin, auf Vogelstimmenexkursion. Ich mache das, weil - ja, da hab ich keine wirkliche Antwort. Oder zig Antworten. Es ist eben stimmig für mich. Weil halt!

Im Zeitartikel lese ich etwas Hintergründliches: "Das Spektakel des Vogelgesangs erzeugt ein hochkomplexer, filigraner Stimmapparat, die Syrinx. Sie ist nicht größer als eine Linse und zusammengesetzt aus einem Dutzend Knochenringen sowie zwei Dutzend Muskeln. Die Stimmlippen können sich bis zu 200-mal pro Sekunde zusammenziehen. Der Gesang ist stimmliche Präzisionsarbeit im Millisekundenbereich." Tja, echt jetzt! Das ist schon interessant, und es macht Staunen. Meine Freude an dem ganzen Szenario gründet aber woanders, nicht im Wissen um diese fantastischen Zusammenhänge, um diese Wunder der Natur. Meine Freude kommt aus einem Mitgenommenwerden und Mitgenommensein. Ich gerate in Resonanz mit all dem, was den Gesangskosmos um mich herum ausmacht. Die Musik, die Farben, die Lebenskraft, das Naturambiente drumrum, die große Harmonie. Und sie gehen ja auch miteinander, gründen eine Familie und ziehen die Kinder groß. Und dann auf große Fahrt übers Meer nach Afrika...

Vielleicht bin ich da auch zu pathetisch. Egal. "Der Luft wird Gesang verliehen"**, ja so ist es gut gesagt. "Ich liebe mich so wie ich bin", eins meiner Mottos und eins meiner Bücher: genau das höre ich von jedem Vogel, wenn er singt. Es ist einfach nur schön.

 


*   Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern. Fritz Habekuss, DIE ZEIT Nr. 14 vom 26.3.20, S. 37
** a.a.O., Fritz Habekuss zitiert den Schriftsteller David Haskell

Montag, 6. April 2020

Was sollte ich mich grämen?







Bei dem schönen Wetter bin ich draußen. Ich sitze auf einer Bank am Waldrand, esse meinen Apfel und sehe den Vögeln zu. Blaumeise, Kohlmeise, Sumpfmeise, Buchfink, Zilpzalp und Co. Es ist idyllisch. Aber es gibt ja Corona. Seit Tagen und Tagen das Hintergrundgeräusch. Und das Zukunftsgeräusch. Oder eher Hintergrundmusik und Zukunftsmusik? Egal, das Welttheaterstück Corona belgeitet mich.

Ich gehe irgendwie gelassen damit um. Obwohl es ja viel von meiner Konzentration einfordert. Und meiner Zeit. Ich bin auch anteilnehmend und interessiert. Aber, und das habe ich neulich schon geschrieben, ich kann das alles ja auch ausblenden. Wie die 3 Millionen Kinder unter 5 Jahren, die jedes Jahr an Hunger sterben. Angerührt ja, ausblenden ja. Wie so viel anderes Leid auf der Welt, wohin man auch schaut.

Ob ich Corona, das alles nicht ganz schlimm finde, katastrophal? Ein Freund fragte mich. Na ja, was heißt  hier katastrophal? Jedes individuelle und persönliche Leid und Elend ist eine Katastrophe. Aber ich habe das dann doch mal an anderen Groß-Schrecknissen gemessen, die hier passieren könnten. Die Coronakrise ist ja kein Atomunfall, mit Blitz und Donner und zigtausend Toten auf einmal und zigtausend Toten in den Jahren danach. Könnte ja auch passieren, es gibt noch sechs laufende Atomkraftwerke in Deutschland. Es ist ja auch kein gewaltiges Erdbeben mit zigtausend Toten, könnte ja auch passieren, meine nächste Erdbebenzone ist in der Eifel. Es ist ja auch kein Vulkanausbruch mit zigtausend Toten. Könnte ja auch passieren, in der Vulkaneifel oder sonstwo in Deutschland, es gibt 9 Vulkanzonen hierzulande. Es ist ja auch kein Militärüberfall mit zigtausend Toten, könnte ja auch passieren, die Weltpolitik ist grad mal nicht so berechenbar.

Es ist ja auch nicht die Pest ausgebrochen. Es ist ein Virus. Sagen wir mal: nur ein Virus. Irgendwie überschaubar. Klar, wenn wir nichts unternehmen, gibt es auch zigtausend Tote, es könnten Millionen werden. Aber wir, alle, tun ja etwas, damit das nicht passiert, damit es keine wirkliche Katastrophe wird. Also: die Coronakrise ist keine Katastrophe, sie ist harmlos im Vergleich zu den grade aufgezählten Szenarien, die wirkliche Katastrophen wären. Und die Wirtschaft? Das wird schon wieder.

So weit, so klar. Was ja noch kommen kann. Wer weiß das schon. 100 Millionen Corona-Infizierte auf der Welt mit 10 Millionen Corona-Toten? Marke Spanische Grippe wie vor 100 Jahren, da gab es 500 Millionen Infizierte mit 50 Millionen Toten. Nur, aber, also: Ich warte das mal ab. Gemach. Ich habe da so eine gewisse Gelassenheit den Unbilden, Umglücken, Katastrophen gegenüber, in die ich geraten könnte, die über mich herfallen könnten. Katastrophal für mich wäre ein Autounfall, Vergiftung, Geiselnahme und so etwas. Zum Leben gehört das Lebensrisiko. Man kann auch die Treppe runterfallen und aus ists.

Soviel zum Gruseligen. Ich will mir da nichts schönreden, ich mache mir nur einen angemessenen Rahmen. Und bleib mal auf dem Boden.

Es gibt ja auch Schönes in der ganzen Coronakrise: Die vielen Mitmenschlichkeiten, Einfühlungskeiten, Humorigkeiten, Fröhlichkeiten. Die Leute sind doch so positiv! Sie singen von den Balkonen, sie applaudieren von den Balkonen, sie nähen selbst Masken, sie halten beim Spazierengehen Abstand. Die Leute sind irgendwie auch beschwingt und erfülllt in ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und Fürsorglichkeit. Ich werde von Fremden angelächelt. Manchmal kommt ein fürsorglicher Blick, ich gehöre ja zur Risikogruppe...

Wir immer ist jeder sein eigener Chef, auch darin, wie er mit Corona umgehen will. Ich nehm Corona nicht auf die leichte Schulter, halte den Anstand ein und wasche mir sorgfältig die Hände. Aber ich mach mich nicht verrückt. Ich habe - natürlich - eine Hollywoodszene vor Augen, die mich erst irritiert hat, dann aber schlüssig wurde und die ich immer dabei habe. Im Erdbeben-Katastrophenfilm "2012" gab es auch einen Vulkanausbruch. Der Protagonist berichtet davon aus der Nähe per Funk. Und er hat keine Chance. Das weiß er, doch er ist einfach nur begeistert, das miterleben zu können. Die Welt würde untergehen, klar, gleich würde es aus mit ihm sein, und so kam es dann auch (andere überlebten, der Film sollte ja weitergehen). Aber er berichtet - grade auch angesichts seines bevorstehenden Endes - unverdrossen, fröhlich und begeistert davon, was er sieht: wie sich die Erde wölbt und dann der grandiose Ausbruch. Das lässt er sich nicht nehmen - was sollte er sich grämen?

Was sollte ich mich grämen?

Montag, 30. März 2020

Tonis Brief an ihre Katze








Im Post vom 9. März habe ich den Bericht von Antonett aufgenommen: Amication leben. Sie hatte mir nicht nur ihren Bericht geschickt, sondern auch einen Brief an ihre Katze. Hier ist er:



Tonis Brief an ihre Katze

Ich möchte nicht mehr analysieren und erklären, sondern einfach da-sein: wie Du, die Du Dich in der Sonne wärmst, ohne etwas über das Zustandekommen des Wetters wissen zu wollen.

Ich möchte mir mit sicherem Gefühl Menschen suchen und von ihnen weggehen können, wenn sie nicht gut für mich sind: wie Du, die Du ohne Zögern meidest, bevorzugst, liebst, verlässt.

Ich möchte mir Zärtlichkeit und Liebe holen können, wenn ich sie brauche: wie Du, die Du dann sanft auf meinen Schoß springst.

Ich möchte unaufdringlich und ohne Ratschläge trösten können: wie Du, die Du einfach zu mir kommst und mir zuhörst, wenn Du merkst, dass ich traurig bin.

Ich möchte mich zuviel ›Liebe‹ und zuviel Anspruch anderer gelassen entziehen können: wie Du, die Du ruhig aufstehst und fortgehst, wenn mein Streichelbedürfnis größer ist als Deins.

Ich möchte mich wehren können: wie Du, die Du die Krallen zeigst, wenn ich Deine sanfteren Zeichen nicht verstehe.

Ich möchte ohne Schuldgefühle bevorzugen und ungerecht verteilen können: wie Du, die Du nachts, wenn B. nach Hause kommt, von meinem Bett aufstehst und in ihr Zimmer gehst - ohne zu überlegen, ›was das mit mir macht‹.

Ich möchte allezeit erst mal für mich sorgen können und mich wichtig nehmen: wie Du, die Du stets nur etwas für Dich tust - und es ist schön, wenn unserer beider Wünsche übereinstimmen.

Ich möchte meiner Kraft und meinem Können sicher vertrauen: wie Du, die Du Deine Sprünge immer richtig abschätzt und genau weißt, was zu gefährlich für Dich ist, was Du nicht schaffst.

Ich möchte achtsam und vorsichtig sein können, meinen Weg zu gehen, ohne zu zerstören: wie Du, wenn Du auf meiner vollen Fensterbank spazierst, ohne etwas umzuwerfen.

Ich möchte anmutig, kraftvoll, harmonisch und schön sein: wie Du, die Du nicht überlegst, ob Du wohl anmutiger, schöner ... bist; wie Du, die Du keine verspannten Muskeln hast, weil Du nichts unterdrückst.

Ich möchte mich trauen, mit weniger Worten auszukommen: wie Du, die Du darauf vertraust, dass ich Dich lieb genug habe, Dich auch wortlos zu verstehen; wie Du, die Du Deine Sachen machst, ohne um Erlaubnis zu fragen und Dich zu rechtfertigen.

Ich möchte laut fordern können, was ich für mein Recht halte: wie Du, wenn Du morgens Dein Frühstück verlangst.

Ich möchte mich laut beschweren können, statt seufzend hinzuneh­men: wie Du, wenn Dir Dein Katzenklo zu dreckig ist.

Ich möchte mich einfach in anderer Leute Betten legen und nicht an meinem Wert zweifeln, wenn sie mich dort nicht haben wollen: wie Du.

Ich möchte neugierig sein und mich in alle Höhlen trauen: wie Du, der kein Karton zu dunkel und kein Schrankfach zu unheimlich ist.

Ich möchte in meiner Umgebung immer wieder neue Dinge, Menschen, Freude-Möglichkeiten, Streichel-Partner, spannende Sachen zum Untersuchen und Spielen finden: wie Du, die Du Dich nie langweilst.

Ich möchte mich total dem Genuss hingeben können, wenn mir Liebe gegeben wird: wie Du, die Du nie berechnest, wie viel Gegenstreicheleinheiten Du mir nun schuldest und nie überlegst, ob ich Dich morgen auch noch streichele, wie Du Dir eine Garantie dafür verschaffen kannst, was Du dafür tun musst und wen ich sonst noch streichele ...

Ich möchte mich trauen, eitel zu sein und mich stundenlang mit mir zu beschäftigen: wie Du, die Du Dich so ausgiebig und genussvoll putzt, für Dich.

Ich möchte alle meine Eigenschaften besitzen und keine davon verleugnen: wie Du, die Du Dich nie fragst, ob Mäusefangen moralisch ist; die Du Dich nicht der Schizophrenie verdächtigst, weil Du zärtlich und grausam bist.

Ich möchte mich aus Angelegenheiten anderer raushalten und nicht deren Bestes wissen: wie Du, die Du mir nicht das Rauchen oder das Colatrinken verbietest.

Ich möchte sicher, unmanipulierbar und unerziehbar sein: wie Du, die Du nur Deiner Wege gehst, nur Dir gehorchst, nur Dir gehörst.

Ich möchte nicht andere fragen müssen, wie ich am besten Toni bin: wie Du, die Du nicht auf die Idee kämest, eine andere Katze zu fragen, wie man am besten eine Katze ist.

Ich möchte keine Theorien mehr lesen, sondern einfach leben: wie Du, die Du Dich frech auf mein Buch legst und die Schrift verdeckst, in der ich wieder nach dem Zauberwort gesucht habe, und mir zeigst: Hier ist das Lebendige, jetzt!









Montag, 23. März 2020

Corona am 22. März 2020







"Die Seuche zeigt jedem ein anderes Gesicht, sie kommt als Bedrohung, als Schock, als Störung, als Chance." Spiegel-Schlagzeile.* So ist es. Jeder geht mit dieser Virusgeschichte so um, wie es ihm zukommt. Ich überlege, ob es eine angemessene Linie gibt. Schwierig. Mir fällt eher ein, was ich unangmessen finde. Wenn man das Ganze als Schwindel abtut, auf die leichte Schulter nimmt, wenn einem 800 Virustote am Tag in Italien egal sind. Und die ganzen Verschwörungstheorien. Und die ganzen Lobhudeleien, was Corona alles Positives bewirken wird. Unangemessen.

Klar, jeder ist sein eigener Chef und kann mit dem Virus machen, was er will. Da gibt es keine wirklichen Vorschriften. Regeln, die eingehalten werden sollen, sind Regeln, die von Menschen für Menschen festgesetzt werden. Über ihre Einhaltung aber entscheidet dann ein jeder selbst. Was Folgen hat, wie alles, was wir tun oder lassen. Inklusive der Sanktionen, wenn wir uns nicht an die Regeln halten.

Die Kontaktverbotsregeln, die heute erlassen wurden, werde ich einhalten. Die finde ich angemessen. Wie ich sowieso ein guter Regeleinhalter bin, aber mit Ausnahmen. Ein Durchfahrtsverbotenschild will von mir beurteilt sein. Das Kontakte-Verboten nehme ich ernst. Und halte den Abstand ein.

Die Coronageschichte ist in meinem Nachdenken und meiner Tageswahrnehmung sehr präsent. Ich merke, wie es meine Aufmerksamkeit anzieht. Als ich heute Nachmittag zum Spazierengehen rausgefahren bin, habe ich bewusst Musik gehört. Ich wollte mit dem ganzen Kram nichts mehr zu tun haben. Schönes Wetter, Sonn pur, Corona - nein danke. Später habe ich dann wieder die Nachrichten gehört. Interessiert. Es hat ja auch seinen Reiz. Was gibt es Neues?

Ich gehöre mir selbst. Gehöre ich Corona? Wenn es mich erwischt, gehöre ich immer noch mir selbst. Ich reagiere auf eine Ansteckung so, wie mir das zukommt und wie ich das will. Ich bin nicht der Sklave eines Virus. Mein Ichgefühl, meine Würde gehen nicht dahin, wer auch immer die äußere Oberhoheit hat. Na ja, es sind schon grundsätzliche Fragen, die das ganze Theater aufwirft.

Noch etwas aus dem Spiegel: "Ich hoffe, dass die Gesellschaft durch diese Erfahrung solidarischer wird. Dass die Menschen künftig stärker füreinander da sein wollen".** Tja, das ist die Chancenreaktion, der optimistische Blick. Ich glaube, dass die, die eh gut miteinander umgehen, sich durch Corona bestärkt fühlen in ihrem empathischen und solidarischen Verhalten. Andere - die Egoistischen - wird das nicht beeindrucken. Eher ihren Egoismus verstärken.

Wie gehe ich nun mit Corona um? Die "Seuche", wie das so schön heißt, ist präsent. Es bleibt spannend. Angerührt bin ich - von all dem Leid und all dem Mitgefühl, das anlandet an meiner Weltwahrnehmung. Da sind das Mitleid und die Trauer. Das Mitfühlen ist ein schönes Gefühl, es nimmt mich mit. Ich wähle den Weg, der mich stärkt und der mir gut tut.




*   Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 32
** Zitiert als Aussage von Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender, in: Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 17