Ich höre weiter den
beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer
Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Luca
hat im letzten Post erzählt, dass er tut, was seine Mutter will – wenn er merkt,
dass ihr Anliegen mehr Gewicht hat als seins. Aber was ist, wenn ihre
Wünsche gleich dringlich sind?
Paul: Und was machst du, wenn Dir etwas genauso
wichtig ist?
Luca: Dann sehe ich zu, dass passiert, was ich will.
P Auch wenn Du
merkst, dass es Deiner Mutter wichtiger ist?
L Wenn meine
Dringlichkeit zu 100 Prozent gegen ihre Dringlichkeit
steht,
sorge ich für mich.
P Da hast Du keine Chance. Erwachsene sind
immer überlegen.
L Nein. Sie können nur die Hälfte aller
Konflikte gewinnen.
P Aber sie haben Macht.
L Nicht nur
sie. Sie haben Muskelkraft, Geld und intellektuelle
Überlegenheit. Aber wir sind oft stärker: durch unsere
psychologischen und psychosomatischen Machtmittel.
P Du meinst
unsere Emotionen und Töne?
L Ja. Wenn Du die richtigen Gefühle
ansprichst und genau die
Frequenzen raus hast, die zu Deiner
Mutter passen, lässt sie Dich
machen.
P Meine Mutter
nennt das Quengeln, Nörgeln, Jaulen, Heulen...
L Hör auf, das
ist die diskriminierende Sprache der alten Zeiten.
Meine
Mutter würde nie so von mir reden.
P Weil sie merkt, dass Du
nicht gegen sie, sondern für Dich bist.
L Ja, das
ist sehr entscheidend. Meine Machtmittel setze ich nie
gegen
sie ein, sondern nur für mich. Da muss sie sich nicht mit
Diskriminierungen verteidigen.
P Ihr habt einen ehrlichen Kampf.
Von König zu König.
L Mir kommt Autorität zu, ebenso wie ihr.
Das kommt aus der
Liebe zu uns selbst und ist nie gegen
andere gerichtet.
P Du hast eine Königsbeziehung.
L Ja.
P Ich habe eine Erziehungsbeziehung. Erzieher oben, Zögling unten.
Verschleiert als demokratisch-partnerschaftliches Verhältnis.
L Es gibt auch eine Partnerschaft zwischen Herrscher und Sklave.
P Es ist nicht wirklich von Gleich zu Gleich.
L Weil sie
meint, dass Du noch kein richtiger Mensch bist.
Sondern erst
einer werden musst. Durch Erziehung.
P Geh mal in eine
Universität und hör Dir an, was da über Kinder
gelehrt
wird.
L Ich weiß, Pädagogik.
L Ich kann mich aber oft
genug auch nicht durchsetzen.
P Und was machst Du dann?
L Na, nicht das, was ich wollte.
P Ich meine es nicht auf der
Handlungsebene. Wie fühlst Du Dich
dabei?
L Also...
P Wenn meine Mutter sich durchsetzt, geht es mir ganz schlecht.
Erstens kann ich nicht tun, was ich will. Handlungsebene. Das
ist schlimm genug. Aber dann kommt noch ihr "Sieh das ein"
und „Ich habe recht“ und „Es ist für Dich besser so“.
Diese
Selbstverständlichkeit, diese Arroganz, diese Finger
in meiner
Seele!
L He, beruhige Dich. Sie ist nicht da.
Ich versteh Dich. Es ist
schrecklich, wenn Erwachsene so
drauf sind.
P Am schlimmsten ist, dass sie nichts, absolut
nichts davon merkt,
was bei mir abläuft. An
Selbstwertzweifeln. Und Schuldgefühlen.
Weil ich wieder
etwas verkehrt gemacht haben soll.
L Das kann sie nicht merken,
weil sie voll bester Absicht ist. Sie
liebt Dich. Sie meint,
dass sie Dir etwas Gutes tut, wenn sie sich
so um Deine
Einsicht bemüht. Ihr fehlt das Bewusstsein, etwas
Unrechtes
zu tun.
P Wie geht es Dir, wenn Deine Mutter sich durchsetzt?
L Ich ärgere mich. Oder ich bin wütend. Das ist aber ziemlich
schnell vorbei. Aus meiner Wut wird kein Hass.
P Weil sie es
für sich und nicht gegen Dich tut
L Ja, irgendwie merke ich das
immer. Und was soll ich mich lange
über etwas aufregen, das
doch nicht zu ändern ist?
P Du gibst Deine Ziele auf?
L Nein. Ich bin nur realistisch. Ich kann Niederlagen akzeptieren.
P Du fühlst Dich nicht schlecht dabei?
L Es sind Niederlagen
meines Tuns, nicht meines Werts, vergiss das
nicht. Mein Wert
wird von meiner Mutter nie angegriffen.
P Ich fühle
immer, dass auch mein Wert herabgesetzt wird. Ich muss
immer
besser werden.
L Trotzdem will ich meine Ziele erreichen.
Was jetzt nicht geht, geht
vielleicht später.
Paul: Woran hältst Du zum Beispiel fest?
*
Woran Luca festhält, erzählt er im nächsten Post.









