Montag, 30. November 2020

Sonntag Vormittag

 


 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. »Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. 

»Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?«

 »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. »Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. 

»Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.«

»Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« 

»Ich meine es nicht äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend, sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.«

 »Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grund­haltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.« 

Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. 






 

Montag, 23. November 2020

Lebenslupe



Er nahm den Zollstock und die Wasserwaage, kniete sich hin und maß nach. Maß nochmal nach, und nochmal. Stand auf und schaute zum Kollegen im Bagger, dem mit der großen Flachschaufel. Er machte ein Zeichen mit der Hand und trat zur Seite. Der Baggerfahrer verstand die Handbewegung und fuhr ein bisschen nach links, setze die große Schaufel vorsichtig auf und zog zentimetergenau die dunkle Straßenerde nach hinten, in die Schaufel hinein, hob dann die Schaufel, fuhr ein Stück zurück, dann zur Seite und kippte die aufgeschrabbte Erde ab. Er, der Bauarbeiter, trat wieder vor, hockte sich hin, nahm Zollstock und Wasserwaage und maß nach. Aufrichten, Blickkontakt, Daumen nach oben, jetzt stimmte es.

Ich habe Yann (4) und Johann (2) von der Kita abgeholt und wir sind mal wieder zur großen Straßenbaustelle gewandert. Hier gibt es immer was zu sehen. Heute wird der Straßenuntergrund geglättet, bevor in ein paar Tagen die Asphaltmaschine drankommt. Es ist mitten auf der Straße in Längsrichtung eine Schnur gespannt, vorn eine Stange im Boden, hinten eine Stange in den Boden. Die Schnur zeigt die Höhe der demnächst aufzutragenden Asphaltdecke an. Vom Straßenuntergrund bis zur Schnur (später: Asphaltdecke) müssen es exakt 15 Zentimeter sein, und zwar die ganze Straßenbreite über. Der Mann vor uns misst von der Schnur aus, hält die Wasserwaage von der Schnur zum Zollstock. Und er misst auch vom Bordstein aus. Er wirft uns einen Blick zu. Später kriegen wir mit, dass er Ivo heißt.

Ich bin fasziniert über diese exakte Handarbeit der beiden Männer. Der Baggerfahrer bewegt den Steuerknüppel in Millimeterbewegungen in alle Richtungen, und die große Schaufel und die Räder, das ganze Riesenfahrzeug antworten filigran. Große Sorgfalt und große Lässigkeit.

Da fahre ich auf einer Straße einfach so dahin, tagtäglich, und denke mir nichts dabei. Aber was für ein grandioser Hintergrund! Wie viele Gedanken, Überlegungen, Bemühen, Zufriedenheit, Einverständnis, Freude, große Pläne, kleine Pläne, Pläne bis ins Detail zu Schnur, Zollstock, Wasserwaage, Stangen, Steuerknüppel, kurzer Blick, zur Seite treten, wieder vorgehen, hinhocken, anfahren, zurückfahren. Dann kommt der Baggerführer runter und sie reden kurz und lachen, dann geht es weiter.

Mein Blick wandert, ich bin aufgeweckt worden, wach für das, was so eine Straße alles in sich birgt. 200 Meter weiter: Jeder der Bordsteine vor uns wird penibel ausgerichtet, Schnur dabei, besondere Bordsteinzange, gepolsterter Steinhammer zum Justieren, Steinsäge für den Passstein. Dann kommt auf der Schulter das Spezialbetonpulver heran, Papiersack abgelegt, Löcher mit dem Hammerstiel rein, Sack aufgerissen, Betonpulver mit der Hand und ohne Handschuh rasch und gekonnt an die Bordsteinwand gehäufelt, geglättet.

Muss da nicht Wasser drauf?“ Ich stelle Kontakt her. „Mache ich gleich“, und er holt hinter dem Stapel eine Gießkanne vor, grün, wie für den Garten. Wasser drauf, auch die Bordsteinkante wird schön sauer abgespült, mehrmals, wirklich sauber. Wasser nachholen vom Kran 200 m vorn. Wieso haben die keinen Schlauch gelegt? Meine stille Frage. Und meine stille Antwort: Haben sie eben nicht. Stör nicht ihre Kreise. Du siehst doch, in welcher Stimmigkeit, ja Harmonie sie unterwegs sind. Also nochmal Wasser drauf. „Gute Arbeit!“ „Ja immer!“ Es ist eine Zeremonie, ein heilig Tun.

Ivo: „Willst Du mitmachen?“ „Nein", sagt Yann, „das habe ich doch nicht gelernt.“ Sie quatschen ein bisschen. Und wir sind nicht allein. Neben uns ist ein Vater, der seine Tochter auch auf die Absperrung gesetzt hat: „Montag kommt die Asphaltmaschine, das wird interessant.“ „Interessant ist das alles, was hier täglich passiert“, sagt die Oma hinter mir, Enkel auf dem Arm, „der will gar nicht mehr weg.“ „Es gibt Montag diesen einmaligen Geruch“ sage ich, „den vergessen die Kinder ihr Leben nicht.“

So viele kleine Sequenzen, kleine Ereignisse, kleine Erlebnisse, heute, hier beim Straßenbau. Wann bin ich offen für diese unendliche Vielfalt um mich herum? Ich düse normalerweise so durch den Tag. Aber ab und zu komme ich in diesen besonderen Modus. Dann sehe ich alles mit der Lebenslupe. Wenn ich im Wald bei der Gymnastik das gelbe Herbstblatt neben meinem Fuß sehe und es nicht übersehe. Wenn ich die drei Schritte des Nachbarn zu seiner Garagentür sehe und sie nicht übersehe. Wenn ich die Quittung in der Hand der Kassiererin sehe – „Wollen Sie die Quittung?“ – und sie nicht übersehe, sondern die Zeit anhalte. „Wollen Sie die Quittung?“ Worte, einfach so gesprochen in den Strom der Zeit. Ich habe sie gespeichert für die Ewigkeit.



 

Montag, 16. November 2020

Meine Doktorarbeit - wie ging das ab?

 


Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie. 

*

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann sieben bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land. 

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.










 

Montag, 9. November 2020

Kunst im Wald

 


Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kultur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daherkommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hochkultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran lässt sich erkennen, ob es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunstauktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgendwelche Schriftgelehrten legten fest, was Kunst ist und was es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa: Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowieso.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder komponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorführen, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine gebastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erinnerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respektieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte, der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren? Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klatschen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener Chef und lass mich nicht ins Bockshorn jagen. Es ist in der Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstäben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist. Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu und seh ich gern zu. Ich mag klassische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben, die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen. "Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch und läuft erleichtert auf mich zu. "Du erstarrst nicht in Ehrfurcht vor mir?" "Nein", sage ich. "Endlich" antwortet sie. "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?"








 

Montag, 2. November 2020

heile heile gänschen

 


heile, heile gänschen
es ist bald wieder gut
das kätzchen hat ein schwänzchen
es ist bald wieder gut
heile, heile mausespeck
in hundert jahren ist alles weg

*

Neulich ging es um Trost und Trösten. Ein Freund konnte damit nichts anfangen, mit Trost und Trösten. Dieses Beistehen und Nahsein, wenn es anderen schlecht geht, war für ihn etwas Ungutes und Negatives? Kein Trost? Kein Trösten? Als ich ihn verständnislos anblickte, erklärte er es mir.

Als Kind wurde er oft getröstet. Aber so, dass ihm der Schmerz und das Ungemach weggetröstet wurde. „Ist doch nicht so schlimm“ und so. Er erlebte es so, dass ihm nicht beigestanden wurde. Sondern dass ihm eingeredet wurde, dass gar nichts Schlimmes passiert sei. Dass das, was ihm so viel Ungemach bereitet hatte, doch gar kein Ungemach wäre. Und dass es nicht richtig wäre, genauer: dass er nicht richtig wäre, wenn er Angst hatte, litt, weinte. Dass das alles gar kein Schmerz und Leid sei, sondern übertriebener Unsinn, Psycho Richtung Hysterie. Er erfuhr durch diese Trösterei, dass er nicht so ein Kind sein sollte, wie er sich aber grade erlebte.

Passen seine Kindheitserlebnisse in die Trostwelt? „Jetzt stell Dich nicht so an“ kenne ich natürlich auch, aber so etwas läuft bei mir nicht unter Trost. Eher als Ausschimpfen und Abkanzeln. Und einem Großen zur Last fallen mit meinem Schmerz. Aber für meinen Freund lief so etwas Herabsetzendes eben unter Trost. Ich versehe das mal mit einem Anführungszeichen: Für ihn war das „Trost“. Und deswegen will er nie in seinem Leben getröstet, „getröstet“ werden. 

Das, was Trost für mich ausmacht, das Nahsein und Beistehen, liebevoll in den Arm genommen werden, das will auch er nicht missen. Natürlich nicht, denke ich. Nur dass das alles für ihn nicht in der Trostwelt zu finden ist. Da gibt es für ihn Nichtgesehenwerden bis Herabsetzung.

Als ich das alles verstanden hatte, dachte ich noch etwas über den Trost und das Trösten nach. Trost ist etwas Großes, ja Großartiges. Ich kann Dir Dein ungutes Erlebnis nicht wegzaubern, ich kann es nicht ungeschehen machen. Aber ich kann Dich in Deinem Schmerz nicht allein sein lassen. Nähe, Wärme, Mitfühlen. In den Arm nehmen. Schon grandios, wie wir Menschen da miteinander umgehen können.

Am faktischen Ungemach ändert sich ja nichts. Der geliebte Mensch ist gestorben, der Partner ist fort, das Bein ist gebrochen, die Grenzüberschreitung und Herabsetzung ist passiert, und so weiter und so fort. Aber ein anderer Mensch ist einfach da und lässt mich nicht allein in meinem Schmerz, Leid und Kummer. Es ist ein Helfen in unsichtbaren Gefilden, eine heilende Kraft.

Mir geht es schon mal so, dass mir zu einem Schmerz eines anderen nichts einfällt, was ich sagen könnte. Sprachlos. Ratlos. Ich will ja seinen Schmerz mit verkehrten Worten nicht noch vergrößern. In solchen Situationen bin ich dann einfach wortlos da, auch etwas angespannt wegen meiner Ratlosigkeit. Aber eben da. Meine Erfahrung ist, dass der andere dann von sich aus das Wort an mich richtet, zu erzählen beginnt. Und oft reicht es auch, wenn ich wortlos ein Taschentuch rüberreiche, für die Tränen und die Nase. Diese Geste hat dann soviel Liebeskraft, dass sie oft ein Lächeln hervorruft. Was heißt, dass der Seelenschmerzkrampf schon nicht mehr ganz so stark krampft.

Wie viel Trost habe ich als Kind erlebt? Woran erinner ich mich? Wie alle Kinder werde ich auch immer wieder den Neinschmerz, den Körperschmerz und den Seelenschmerz erlebt haben. Und ich habe Erinnerungsbilder von Trosterlebnissen (der guten Art). Das „Ich will nicht getröstet werden“, von dem mein Freund erzählt, kann ich mir nur vorstellen, wenn so eine Trösterei von demjenigen kommt, von dem ich das Ungemach grade erlebe. Dann soll er sein Verhalten ändern! Tun, was ich will! Nicht zu seiner Aktion, die Ungemach für mich ist, mich auch noch „tröstend“ anmachen. So ein Szenario kann ich mir ausmalen. Aber das ist verdreht. Gehört zum unguten Umgang mit Kindern. Mit so etwas habe ich nichts zu schaffen. Und mit dem, was ich unter Trost verstehe, hat das auch nichts zu schaffen.

Und dann: Ich kann mich ja auch selbst trösten. Was ich immer wieder einmal mache. „Ist doch nicht so schlimm" - die dunkle Variante dieses Satzes, von der mein Freund erzählt, ist dann hell und hilfreich. Ich kriege mich wieder ein, komm wieder runter, lasse es mal so sein, wie es ist. Lasse mein Betrübnis, Leid und Schmerz gelten, werd aber nicht zum Dramaking. Sondern schau schon wieder zu den hellen Wolken, die hoch am Himmel ziehen. Sehe unten die schönen Blumen auf der Wiese. Letzter Schluchzer, geht schon wieder. „heile heile Gänschen“ - ein guter Trost.


 

Montag, 26. Oktober 2020

Geschenke




Finn wird zwei, ich will ihm etwas zum Geburtstag schenken. Nach einigem Überlegen zwischen Stofftier, Auto und Holztier vom Bauernhof bleibe ich beim Bilderbuch hängen. Neulich habe ich mit dem zweijährigen Johann ein Bilderbuch angesehen, das war prima. Also: ein Bilderbuch für Finn.
 

Schenken – ein weites Feld. Was passiert mir beim Schenken? Ich will eine Freude machen. Aus gegebenem Anlass oder einfach so. Ich habe etwas gefunden, ich habe etwas gesucht, etwas hat mich gefunden, und das will ich Dir geben, Dir schenken. Damit es Dich freut, erfreut. Und mir dann ein schönes Gefühl macht. Weil Du dich freust. 

Es gibt Bereiche, wo ich mich gut auskenne und wohlfühle, wenn es ums Schenken geht. Natur zum Beispiel, Blumen und Co. Aber die richtigen, die zu Dir passen, wie ich meine. Sonnenblume, Lilie, Gänseblümchensträußchen, Kornblumen, Wildblumenstrauß. 

Zu Weihnachten suche ich kleine Besonderheiten auf dem Weihnachtsmarkt und in den Weihnachtsregalen der Baumärkte. Dabei gibt es ein „das passt zu dem“, ist stimmig. 

Bei der Anlass-Schenkerei (Geburtstag, Weihnachten, sonst) ist eine gewisse Mühe dabei, es soll ja auch gut kommen, so ein Geschenk. Da bin ich froh, wenn ich mit der Sucherei fertig bin und was Passendes gefunden habe. Und dann wird es schön verpackt und geht auf die Reise. Heute: zu Finn. 

So ein spontanes Geschenk ist von leichterer, von leichter Art. Es stellt sich ein, aus heiterem Himmel, und will getan sein. Und wird getan: „(Das ist) Für Dich“. Schön und leicht. Und es könnte mir gern mal öfter über den Weg laufen. 

Dann gibt es noch Zweckgeschenke. Die sollen etwas bewirken. Gute Laune, offenes Ohr, Bitte erhören, listig, hinterlistig, aus Not, verzweifelt. Damit passiert, was passieren soll. Von vergifteten Geschenken ganz zu schweigen. Aber diese zwielichtige und dunkle Schenkewelt ist nicht meine Art. Meine Schenkerei kommt aus dem Sonnenland. Habe ich ein gutes Herz beim Schenken? Habe ich. 

Ich bin der Chef dieser Lebenswelt Schenken. Ich kann es tun oder es lassen. Ich gehöre nicht dem Schenken, ich gehöre mir. Die Weihnachts-Schenkerei hat schon Lust, mir zu zeigen, wo es langgeht. Da wehre ich mich dann und behalte die Oberhand. Aber ich mach den ganzen Schenkezirkus doch mit. Mach ich das? Ich sag dem Schenkezirkus, dasss er gar kein Zirkus ist, jedenfalls nicht für mich. Wenn ich Weihnachten etwas schenke, dann weil ich das will, ohne Zirkus. Ich muss nichts schenken, ich kann. Und ich werde. Und schmeiß mich frohen Mutes ins weihnachtliche Schenkegetümmel. 

Klar, Geschenke werden von mir auch erwartet. Kinder, die in meinem Leben sind, bekommen Geschenke. Erwarten sie das von mir? Schon, irgendwie. Sie wären enttäuscht, wenn zum Geburtstag nichts kommt. Konvention, die mich im Griff hat? Bin ich der Schenkedackel? Na ja, so hoch hänge ich das nicht. Es ist eine schöne Konvention, die ich mitmache. Betonung liegt auf ich: ich mache mit, weil ich das will. Und weil ich Enttäuschungsleid nicht will.  

Bin ich ein Geschenk? Tja – jeder ist ein Geschenk des Lebens. So kann man das sehen. Schenkt mir das Leben etwas, einiges, vieles, immer mal wieder was, selten, nie? Fühle ich mich vom Leben/Schicksal/Gott/Universum beschenkt? Nun, ich habe durchaus ein Beschenktseingefühl. Ganz allgemein, fühlt sich gut an. Aus dieser allgemeinen Beschenktseinwohlfühlwelt kommt immer wieder mal Konkretes. 

Tausenderlei. Aber solche Geschenke wollen auch erkannt, bemerkt sein. Dann stiften sie Freude in mir. Kleine Geschenke: Abendrot, Nachtigall, Pilzmesser wiedergefunden, Geschäft grad noch offen, gute Grußkarte gefunden. Große Geschenke: Meine Begabungen. Mein Frohsinn. Diese Kinder. Diese Frau. Diese Freunde. Diese Gesundheit. Dieses lange Leben. 

Bin ich ein Geschenk? Für andere Menschen? Für Dich? Zur Freude? Zur Unterstützung? Ja,das kommt eben auch vor, da kann ich nichts für. Macht ja nix, ich bin auch gerne ein Geschenk.





 

Montag, 19. Oktober 2020

Honig, pures Glück II

 


(Fortsetzung des Posts vom 12.10.)
 
Wenn wir unsre Geheimnisse, unsere Heiligkeiten, unseren Honig und unsere Rosenwelten leben – wie wird das Echo sein, das da kommt, kommen kann, kommen könnte? Gibt es dunklen Donner oder lichtes Mitsein?

Was gebe ich von mir preis, was vertraue ich an: den Menschen um mich herum? Erzähle ich von meiner Liebe? Von meinen geheimen Entschlüssen? Von meinen erkundenden Gedanken? Von meinen aufsteigenden Melodien? Von meinem Naschen am Lebensglück?

Teil mit mir meinen Frieden.“ So voll ist mein Herz. So viel Freude und Glück ist in mir. „Willst du auch“ - teilhaben an dem, was mir geschenkt wird? In Deinen Augen sehe ich den Glanz meiner Augen. Und Du spürst, wie süß der Honig ist.

Wir haben früh gelernt, wie das mit dem Anvertrauen der Honigwelten ist. Wir gehen vorsichtig durch die Welt und durchs Leben. Wir wissen, wen wir mitnehmen können. Und vor wem wir auf der Hut sein sollten. Und oft folgen wir lieber dem Misstrauenspfad, als dass wir uns den Honig verbittern und die Rosenwelt verwüsten lassen. Und verstecken die süßen Gläser unseres Herzens. Doch ab und zu geschieht auch das Wunder, dass der andere nicht dunkel ist, sondern hell und liebevoll, und ich kann davon erzählen, wie viel Glück und Licht in mir ist.

Ein jeder kennt da sein eigenes Maß, und wo der eine ganz vorsichtig ist, ist der andere robust. Was erzählen Kinder noch ihren Eltern, was erzählen sich noch die Partner? Wie gefährlich ist das Mich-Zeigen ? Für meinen Frieden? Wo der eine ganz ins Versteck geflohen ist, hat der andere ein überströmendes Herz und gerät immer wieder in Gefahr.

Vielleicht können wir ab und zu innehalten, wenn wir die Kinder beim Honigschlecken überraschen, und uns zurückziehen, die Küchentür leise schließen, überwältigt von ihrem Glück in Resonanz geraten.

Vielleicht können wir Rosen schenken, wenn wir ein süßes Seelengeheimnis aus der Erwachsenenwelt mitbekommen. Zeuge werden ohne Dunkelwolken zu verbreiten, so angebracht sie auch sein mögen. Die Dunkeltür leise schließen, überwältigt vom Glück des anderen in Resonanz geraten

Die Achtsamkeit im Zusammensein mit den anderen und ihren Heiligkeiten, mit den Kindern oder mit dem Partner, will immer wieder neu bedacht werden. Es ist ein so weites Feld.



Montag, 12. Oktober 2020

Honig, pures Glück

 


„Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Ich seh doch, dass Du genascht hast!“ Ich will all das schützen, bewahren, bergen. All das, was gut, heilig, schön, prächtig, liebevoll ist. Den Honig im Glas, die zigtausend Bienen, die mir ihr Geschenk gemacht haben, die Freude, die vom Mund aus in mich hineinzieht, der erfüllte Wunsch, die Verheißung: Du kannst glücklich sein. Honig, pures Glück.

„Nein.“ Ich will mir das nicht entreißen lassen, wegstehlen lassen, schlechtreden lassen. Ich bin im Rosenland unterwegs, im Honigland, im Lichtland. Diese verhexende Dunkelheit in meinem Rücken, ich spür ja, wie sie stärker wird, der Schicksalstornado rast heran. Ich kenne das ja, ich werde mitgerissen werden, zerschellt irgendwo stranden, zerschlagen, gedemütigt, herabgesetzt, vertrieben.

„Zeig her!“ Die Finger der Bergehand werden aufgestemmt, der Honigfinger triumphierend hochgerissen, Beweis meiner Unartigkeit, Türöffner für die folgende Seelenfingerei. Grenzüberschreitung, Willkür, Gehirnwäsche. Ich bin chancenlos, ich bin ausgeliefert, mein Herz, meine Seele, meine Liebe: beiseite gestoßen, Pech und Schwefel über mich. 

 

***

 

 „Hast Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir in die Küche.

„Hast Du genascht?“ Ich bin erschrocken, fahre hoch... und weiß mich doch geborgen. Klar habe ich genascht, wie die Großen das nennen. Ich bin dem Honig gefolgt, der Einladung der Bienen, des Lichts und des Lebens, des Sommers und der Blumen. Er steht uns Kindern zu, dieser Honig, ein Finger voll, viele Finger, das ganze Glas. Die Wucht der Richtigkeit meines Seins und die Wahrheit des Honigs tragen mich. Die Stimme hinter mir schwingt ein, sie ist so süß wie der Honig im Glas.

„Willst Du auch?“ Schnelle Schritte, Einverständnis der Herzen, leuchtende Augen, wir lachen, und es tut gut. So viel Friede, so viel Freude. So viel Vertrauen, so viel In-die-Seele-Sehen. Ja, wir sind auch verschmitzt. Wir wissen schon, was die Großen davon halten. Aber sie sind fern, wir sind geschützt durch die Macht des Honigs und durch unseren Glauben an uns selbst. Wir schließen das Glas, klettern durchs Fenster und laufen in unser Glück.





Montag, 5. Oktober 2020

Schoko und Vanille II

 


In einer Zeitschrift * las ich zum Thema Antidiskriminierungsarbeit die Überschrift eines Interviews: „Wir wurden alle rassistisch sozialisiert“, und die Unterzeile endete mit „ – und was ist mit uns ganz persönlich?“ Mir fielen sofort die Zehn kleinen Negerlein, Negerküsse und der Mohrenkopf ein. Aber das kam hier doch wuchtig gesellschaftlich daher:

Diskriminierung gibt es bei Polizei, Justiz und Standesämtern, im Bildungs- oder Freizeitbereich oder auf dem Wohnungsmarkt: Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist auch Alltag hier bei uns in NRW, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur unabhängige Beschwerde-stellen, sondern etwa auch eine rassismussensible Aus- und Weiterbildung von Landesbediensteten oder die Entwicklung von Diversitätskonzepten in der Verwaltung, auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungsbereich oder bei Gewerbetreibenden wie Clubs oder Fitnessstudios. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Rassistische Erfahrungen gehören für viele Menschen zum Alltag. Rassismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“ **

Beim Stichwort „Bildungsbereich“ hat es bei mir Klick gemacht und ich habe das ganze Szenario übertragen auf „Wir wurden alle adultistisch sozialisiert.“ Ich habe das Wort und den Inhalt „Neger“ auf das Wort und den Inhalt „Kinder“ übertragen. Es sind Menschen – keine Neger. Es sind Menschen – keine Kinder. Es sind People of Color, es sind junge Menschen. Die ganze Diversitätsdebatte zeigt die verschiedensten Ecken und Winkel, Blickwinkel, in denen Menschen auf gleichwertige Beachtung und Behandlung warten. Junge Menschen sind da eine Gruppe von vielen, die nicht aus ihrer eigenen Welt heraus wahrgenommen werden. Sondern aus der Welt und der Sicht und dem Handlungsgeschehen der Anderen, aus den Fremdzuschreibungen der Erwachsenen-Dominanzgesellschaft. Was Adultismus genannt wird und was ich seit 1980 in meinen Publikationen so benannt habe.

Im Forschungsprojekt meiner Doktorarbeit hatte ich mich zu den Jungen Menschen aufgemacht, jenseits adultistischer Positionen und Befindlichkeiten. Ich bin diesen Menschen in ihrer eigenen Weltsicht und ihrer eigenen Identität begegnet und habe mit ihnen so gelebt. Wie ein Weißer das heute mit einem Schwarzen hinbekommen kann, wenn und soweit er sich vom eingeimpften, sozialisierten Rassismus löst, zu lösen beginnt. Wenn er darum weiß und sich auf neue Begegnungspfade begibt.

Ich nehme das Statement von Frau Valdés mal als Vorlage. Mein Interwiew-Statement geht dann so:

Adultistische Diskriminierung gibt es überall, im familiären Bereich, im Bildungs- und Freizeitbereich, bei Polizei, Justiz und Standesämtern oder auf dem Wohnungsmarkt. Hier brauchen wir uns nichts vorzumachen – das ist Alltag, da muss dringend etwas passieren. Wichtig sind hier nicht nur adultismusfreie Fakultäten und Lehrstühle an den Hochschulen und entsprechende Forschungen, sondern auch Adultismus-Beschwerdestellen und Adultismus-Beauftragte in Stadt, Land und Bund. Ebenso brauchen wir eine adultismussensible Aus- und Weiterbildung aller Fachkräfte in Kindergarten, Schule und Verwaltung, eingebettet in die Entwicklung von Diversitätskonzepten im Kommunikations- und Handlungsbereich von erwachsenen und jungen Menschen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben – oder nicht wahrhaben können: Adultistische Erfahrungen gehören für junge Menschen zum Alltag. Adultismus ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert.“

Adultismus ist ein strukturelles Problem, schon klar – aber auch etwas ganz Persönliches. 

Martínes Valdés: "Wir müssen bei uns selber anfangen! ... Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen: Wir selber sind wenn auch oft unbewusst ein Teil der Reproduktion von Rassismen und Diskriminierungen, beispielsweise durch Sprache." ***

Dazu kann jeder einmal in sich hineinhorchen. Und meinen letzten Post "Schoko und Vanille" lesen.


* Forum, Zeitschrift des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, Nr. 3/2020, Seite 4

** Carmen Martínez Valdés, Der Paritätische NRW, Fachgruppenleiterin Migration, Frauen, Psychosoziale Beratung und LSBT*, aaO 

*** ebd, Seite 5 



Montag, 28. September 2020

Schoko und Vanille

 


 

Alltag mit Kindern, Wohnzimmer. „Was machst Du denn da? Wie sieht's denn hier aus? Das glaub ich nicht!“ Kerstin sieht entgeistert zu ihrer Dreijährigen und ist sprachlos. Bis auf das, was gerade ausbrach.

Melanie, mit sich und ihrem Spiel in Harmonie, kniet auf dem Teppich, steht auf. Langsam, sie nimmt die Magie ihrer Königsaura mit nach oben, sie steht und sieht ihre Mutter voll an. Die rechte Hand erhoben, Handfläche nach vorn. Und sanft, klar, majestätisch: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton.“

Melanie spricht von innen. „Du könntest doch auch mal sehen, was ich hier geschafft habe.“ Hand und Arm machen einen Bogen. „Das ist der Teppich. Und das ist der Pudding. Und das ist die Autobahn. Zwei Spuren. Langsamspur, Überholspur, Ausfahrt, Einfahrt. Und da ist die Tankstelle.“ Melanie steht königlich da. Kerstin ist gebannt.

Melanie bleibt online: „Okay, ich seh ja, dass Dich das nervt. Schon gut. Ich helf auch, dass es wegkommt. Ich hol den Eimer und den Lappen.“ Melanie macht ein etwas besorgtes Gesicht, Kerstin rührt sich noch immer nicht. „Mama, ich mach's auch nicht nochmal.“ Kleines Nachdenken. „Jedenfalls nicht mit Schoko. Vanille muss ich noch mal sehen.“

*
 

Parallelwelt, zeitgleich: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton“. Melanie erklärt ruhig, freundlich und geduldig: „Ich weiß ja, dass Du nicht anders kannst. Und ich habe das drei Jahre mitgemacht. Aber jetzt ist es mal gut. Ja, wir leben in einer Schimpfkultur. In der Menschen herabgesetzt werden. Kinder sowieso.

Aber Du könntest ja auch mal sehen, was ich hier geschafft habe. Und was auf meinem Kopf ist: eine Krone. Meine Krone. Würde. Ich bin ein Mensch, mit Würde. Und ich möchte diese Töne nicht mehr. Kannst Du das lassen, einfach weglassen, hinter Dir lassen, ins Museum bringen? Du bist doch selbst mit diesem Tönen groß geworden. War doch auch für Dich nicht schön. Okay, Du lässt sie weg? Das kannst Du.“

Kerstin schießen Tränen in die Augen. Sie fühlt es wieder, diese Herabsetzungswucht ihrer eigenen Kinderzeit. Aus erstarrter Tiefe bricht es auf. „Auch ich wurde so angefaucht.“ Schmerz überwältigt sie. Sie weint heftig. Sie nimmt Melanie in den Arm, kurz.

Sie muss ihren Tsunami loswerden. Stürzt zum Handy, ruft Irene, ihre beste Freundin an. „Weiß Du, was mir gerade passiert ist?“ Sie erzählt. Und Irene versteht. Auch sie weint. Und telefoniert ins Land. Es gibt eine Telefonlawine. Rund um die Welt. Am nächsten Morgen gibt es keine Schimpfe mehr.