Montag, 27. Dezember 2021

Liebe ohne Gift





Es reicht völlig aus, ein Kind zu lieben. Mehr ist nicht nötig. Ist es so? Da geht mir das Herz auf bei so einem Urbild: Die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa, die/der wer auch immer nimmt ein Kind in den Arm, hält es und die Liebe flutet. Was soll da mein ganzes Gerede von Souveränität und Selbstverantwortung, Königskrone und Würde, Adultismus und Erwachsenen-Chauvinismus? Was sollen da all meine Bilder von Schweineschnauze, Büffel, Schokohasen, Gesundkraut, Amazonas, Bahnhofsweg und Co? Liebe reicht.

Ja, wenn es denn so wäre. Die so wachgerufene Liebe, die von dem Bild der Mutter mit ihrem Kind im Arm ausstrahlt, überdeckt alles. Wir sind gefangen und erfüllt von so einem Bild. Nur, dass ich dabei nicht vergesse, übersehe, wegdrücke, dass auch die Liebe, die lebt, geschenkt wird, erlebt wird, ja nicht im luftleeren Raum daherkommt, sondern eingebettet ist oder hervorgebracht wird in historischem und gesellschaftlichem Zusammenhang. Und auf der Zusammenhangs-Spurensuche und Zusammenhangs-Entdeckungsreise bin ich unterwegs.

Ich rede auf meinen Vorträgen nicht zum Thema "Liebe reicht" oder "Wie sich Kinder lieben lassen". Ich rede nicht zum Thema Liebe. Jedenfalls nicht direkt. Dass alles, was ich an so einem Abend auffalte, mit Liebe zu tun hat, ist schon klar. Aber ich bin untergründlicher, hintergründlicher unterwegs.

Die weiße australische Krankenschwester nimmt das Aboriginibaby liebevoll in den Arm. Das Kind, das den Eltern weggenommen wird, damit es „zivilisiert“ aufwächst. Die Mutter in Gambia nimmt ihre Tochter liebevoll in den Arm, deren Klitoris gerade beschnitten wurde, damit sie integriert in ihrem Dorf aufwachsen kann. Der KZ-Aufseher nimmt sein eigenes Kind abends liebevoll in den Arm, nachdem er den ganzen Tag lang die jüdischen Kinder in die Gaskammer geschickt hat. Diese Grusel lassen sich fortsetzen, lange fortsetzen. Liebe reicht eben nicht.

Es geht mir nicht darum, wie man richtig liebt. Es geht mir darum, was für ein Umfeld um die Liebe herum existiert. Und da habe ich entdeckt, dass – bei aller aller Liebe – Demütigung, Herabsetzung, Unliebe gang und gäbe sind in unserer Kultur. Nicht weit weg, damals in Australien oder im KZ oder fern in Gambia. Sondern nah und heute, hier bei uns. In Deutschland, Europa, der westlichen Welt, der Welt schlechthin, überall.

Da nämlich, wo Kinder noch nicht als ganz richtige, vollwertige Menschen gesehen, bedacht, gehändelt, gebüchert, gewissenschaftet werden. Wo die Weltformel von der Erziehung gilt. Adultismus nennt sich das. Oder spitzer: Erwachsenen-Chauvinismus.

„Sieh ein, ich habe recht“ und „Ich will doch nur Dein Bestes“ sind Statements, die diese Erwachsene-Oben/Kinder-Unten-Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Das thematisiert mein Abend. Diese Hintergründlichkeit mache ich bewusst, erzähle davon, lade ein, dort einmal hinzusehen. Dort einmal in sich hineinzuhorchen.

„Mama hat Dich lieb“ ist eine Supersache. Aber: „Aber musst Du Dich dabei so betonselbstverständlich über mich setzen? Musst Du Dich bei all Deiner unendlich willkommenen Liebe so chauvinistisch über mich emporschwingen? Meine Souveränität: Nicht einmal bemerken? Musst Du mich denn wirklich erst zu einem Menschen machen, mit Deinem missionarischen Erziehungsanspruch? Deine Liebe tut gut, aber sie ist auch so giftig. Sie hält mich fest im Unten, als unzivilisierten Untermenschen. Der – welche Gnade – durch Deine Hilfe, die Du 'Erziehung' nennst, zu einem richtigen Menschen werden kann. Kannst Du mich nicht lieben ohne dieses Zeug? Versuch es – Du schaffst das."

Ich zeige den Besuchern meiner Vorträge diesen Zusammenhang, mit vielen Bildern, behutsam, nehme sie mit, lade sie ein. Es erfüllt mich, wie es immer wieder geschieht, dass sie angerührt sind, den Pfad der oben-unten-freien, der ungiftigen Liebe erkennen und sich dieser Liebe zuwenden. Sie bedanken sich nach dem Vortrag, sie ahnen. Und Ihre eigenen Kindverletzungen beginnen zu heilen.



 

Montag, 20. Dezember 2021

Meine sieben Kreise


 

 

Ich bin ganz für mich. Dort, wo ich ungestört bin und mich wohlfühle. Wo ich mich meinem Nachsinnen und In-Mich-Hören hingeben kann. Nachts, im Wald, umgeben von den vielen Gestalten des Lebens, in tiefer Ruhe und Frieden.

Ich will in all dieser wundermagischen Dunkelheit jetzt nur positive Welten in mir aufsteigen lassen. Ich bin in Sachen Selbstliebe unterwegs und will in die große Konstruktivität. Also lasse ich mich treiben in meine Sieben Kreise. Ich lasse diese Kreise in mir „sein“: ich bin sie und sie sind in mir.


Liebe sein

Dies ist die Essenz des Universums, die alles bewegt und durchdringt. Ich bin erfüllt und dankbar, dass ich Liebe sein kann, und ich bin mir sicher, dass ich Liebe bin. Ich schenke mir selbst dieses Geschenk, ich spüre in und vor meiner Stirn diese Wahrheit. Wenn ich die Augen schließe, weiß ich es.


Vertrauen sein

Die Natur um mich herum ist in einem unerschütterlichen Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und die eigene Richtigkeit. Ich vertraue, mir, meinem Weg, dem Leben, dem Ganzen. Ich vertraue mich an, überhaupt. Ich lasse mich tragen von dieser Hingabe, sanft rückwärts fallen in die Sicherheit.


Willkommen sein

Ich fühle mich willkommen, hier auf dieser winzigen Kugel im Unendlichen. Willkommen geheißen vom Unendlichen. „Du bist willkommen!“ Jeder Baum und Strauch und Halm, jedes Tier und Tierchen um mich herum tragen diese Botschaft zu mir. Girlanden des Lebens.


Zuversicht sein

Hier muss ich mich sehr konzentrieren. Was ich gerne tue. Aber dann gelingt es, dieses Gefühl, dass da Grund ist und dass es eben gut ausgeht, alles. Und dass ich die seltsamen Pfade des Lebens und ihre unvorhersehbaren Biegungen mit freundlicher Gelassenheit passieren werde. Es wird schon!


Freude sein

Liebe – Vertrauen – Willkommen – Zuversicht. Ich halte diese Reihenfolge ein und es beginnt Freude in mir aufzusteigen. Ein warmes Gefühl, erlaubt und begrüßt. Eingeladen, mich zu freuen. Ich bin so vieles, Freude auch. Die ganze Natur um mich herum ist in freudigem Selbst. Ich gehöre dazu.


Glück sein

Es wird noch intensiver. Eine vorsichtige Bewegung, ich will es nicht übertreiben. Ahnung vom Glück, ein offenes Tor, ein Land dahinter, mit allen Dimensionen. Die Illusion löst sich wie Wolken auf und Glück wird meine Realität. Ich bin ergriffen von diesem meinem Mut. Glück ist immer da, und ich lerne es zu sehen.


Harmonie sein

Umfasst alles. Ist das große Schwingen. Die Einigkeit mit mir selbst und dem Kosmos. Nichts anderes ist gegeben. Es ist die Wahrnehmung meiner frühesten Kindheit, Erinnerung, meiner selbst sicher, ungefragt, einfach da. Ich ruhe in mir und atme. Ich lasse es gut sein. Es ist erreicht und strömt und strömt.

 

*

Nach einer großen oder kleinen Weile lasse ich das alles. Ich wache auf und bin jetzt sehr bei mir. Ich wandere noch ein wenig durch die Nacht. Ich will dieses Meditieren ja nicht übertreiben, aber es ist schön und tut gut. Die Alltäglichkeiten melden sich wieder in meinen Gedanken. Ja – ist schon gut. Ich bin noch da! „Du kannst einfach gehen“, höre ich die Sieben Kreise. „Und wiederkommen.“ Das werde ich.






Montag, 13. Dezember 2021

Und die Kinder? Erziehungswesen?


 
Und die Kinder? Erziehungswesen? Oder von Geburt an vollwertige Menschen, die nicht erst dazu gemacht werden müssen? Die Erziehungssicht ist eine Sicht auf die Kinder. Sie hat eine lange Tradition, auch wir haben sie in unserer Kindheit erlebt. Und glauben, dass es so ist. Nur, dass es heute auch eine andere Sicht auf die Kinder gibt. Die Sicht ohne oder jenseits der Erziehung: Kinder sind keine Erziehungswesen. 

Für neue Sichtweisen braucht es Beweise. Oder neue Ideen, wenn sich da nichts beweisen lässt im handfesten naturwissenschaftlichen Sinn. Die Kinder sehe ich auf der psychologischen Ebene anders als die Tradition, erziehungsfrei, vollwertig, und sie müssen für mich nicht erst zu selbstverantwortlichen und vollwertigen Menschen gemacht werden. 

Henry wird vor 200 Jahren auf einer großen Baumwollplantage am Mississippi geboren. Er ist der Sohn der Plantagenbesitzer, es gibt dort 1000 Sklaven. Henry erlebt von klein auf, wie mit den Schwarzen umgegangen wird. Er erfährt es von Mama, Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, Freunden seiner Eltern, Besuchern. Welches Menschenbild entsteht in Henry? 

Nun, diese schwarzen Menschen sind minderwertige Menschen, Sklaven eben und haben keine Rechte. Es ist nichts dabei, ihnen Befehle zu erteilen, sie anzufahren oder auszupeitschen. Das Kind lernt: Nur Weiße sind vollwertige Menschen. Henrys Haltung und seine Einstellung und auch seine Sprache sind so: Weiße oben – Schwarze unten. 

Henry ist 20 Jahre alt geworden und verkauft für seine Eltern die Baumwolle in New York. Der junge Mann kommt nach erfolgreichem Verkauf bei einem Umtrunk im Saloon mit Bürgerrechtlern in Kontakt. Sie erzählen allen Ernstes, dass Schwarze vollwertige Menschen sind und dass die Sklaverei beendet werden muss. Unvorstellbare Gedanken! 

Aber auf der langen Planwagenfahrt zurück kommt er immer mehr ins Grübeln. Freundliche Bilder aus seinen Erlebnissen mit Schwarzen tauchen auf, er denkt an die Nanny und an die Köchin, ihren Sohn Tom, seinen Spielkameraden. Das Herz geht ihm auf. Als er zu Hause ankommt, sieht er alle Sklaven anders – gleichwertig, mit der Krone auf dem Kopf. Er wird es anders machen als seine Eltern. 

Geänderte psychische Sichtweisen und Gefühlswelten sind nicht ungewöhnlich und kommen immer wieder vor. Im Kleinen: Aus Abneigung wird Zuneigung. Im Großen: Gleichwertigkeit von Frauen statt patriarchalischer Unterdrückung, Gleichwertigkeit von Schwarzen statt Sklaverei.  

Wir machen eine Zeitreise und landen auf dem Marktplatz vor 500 Jahren. Jemand hat behauptet, die Erde fährt um die Sonne und ist deshalb zum Tode verurteilt. Eine große Menschenmenge ist zusammengekommen. Der Verurteilte wird mit Armen und Beinen an vier Pferde gespannt und auf „Hü hott“ zerreißen ihn die Pferde. Die Leute sind begeistert, große Show! Uns wird kotzübel, wir sind entsetzt. Wir leben in einer ganz anderen Gefühlswelt.  

Wir haben eine Fotosafari in Afrika gebucht. Abends sitzen wir in der Lodge, es gibt ein Gewitter. Als es wieder so richtig mächtig blitzt und donnert, sagt unser Safariführer allen Ernstes: „Das ist die Stimme Gottes!“ Ja spinnt der? 

„Willst Du uns Angst machen? Das Gewitter ist doch schon blöd genug. Noch nie etwas von Elektrizität gehört?“ Nun, wir werden dem afrikanischen Guide nicht so über den Mund fahren. Aber es ist schon erstaunlich, wie er denkt. Er spricht von Gott, ich spreche von Elektronen und Luftschwingungen. 

Als das Gewitter vorbei ist, kommen wir darüber ins Gespräch. „Wieso sagst Du das mit der Stimme Gottes?“ „Ja, ich kenne natürlich die naturwissenschaftliche Sicht. Nur, ich liebe den Glauben meiner Vorfahren.“ „Bist Du denn davon überzeugt?“ „Schon, bin ich. Für mich hat es etwas Transzendentes, wenn es ein Gewitter gibt.“ 

Wir interpretieren, wie immer. Wir können die Dinge so oder so sehen. Und was bei Blitz und Donner gilt, das gilt auch für die Sicht auf die Kinder.



Montag, 6. Dezember 2021

Schein der Freiheit

 


Es ist alles nicht so einfach … das trügerische Eis der zeitgemäßen achtsamen Pädagogik in all seiner Brüchigkeit und verletzenden Wucht zu erkennen. Auf dem letzten Vortrag wurde ich wieder einmal damit konfrontiert. Hier Grundsätzliches dazu, angereichert mit einem Zitat von Rousseau.

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die "Notwendigkeiten“ – das heißt allemal Erwachsenenvorstellungen – zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“ es dann in „Augenhöhe“ mit „Ich-Botschaften“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ und in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag: 

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor – aus seinem Selbstverständnis heraus – die innere Führung beansprucht. Und dabei dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ und „Achtsamkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen. Und entziehen sie effektvoll der Thematisierung und Diskussion.

Diese „sanfte“ Pädagogik hat lange Tradition. Schon der französische Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau forderte 1760 in seinem Buch „Emile oder Über die Erziehung“ *:

„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen … Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“



* Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.