Montag, 5. Juni 2023

Handytime

 

 

Vor acht Jahren war ich mit den Handys meiner Kinder schwer beschäftigt. Wieviel lasse ich zu? Wann wird es mir zu viel? Was geht, was geht nicht? Bei einem Besuch bei Freunden in Polen hatte ich dann mein Aha-Erlebnis. 

Diese Woche war ich mit meinem Sohn wieder einmal bei den Freunden. Ich erinnere mich, klar und deutlich sehe ich die kleine Szene vor mir. Diese Szene - eingefangen in einem Post 2017:


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Wie viel Handy, Smartphon und Co. darf in Kinderhänden sein? 1, 2, 3 Stunden am Tag? 24 Stunden? Ich habe gelernt, dazugelernt. Am besten finde heute ich die Allezeit-Position: die und auch meine Kinder geben ihrem Handysein Raum, sie bestimmen selbst über ihre Handyzeit. Allezeit. Wenn mir unbehaglich ist, sag ich das. Wenn ich es nicht mehr sehen kann, sag ich das. Was dann passiert? Mal sehen, je nachdem wie alles so spielt. Dann wird es ausgeschaltet, oder auch nicht. Dann fühl ich mich missachtet oder auch nicht. Dann geht das Abendland unter oder auch nicht. Dann hau ich auf den Putz oder auch nicht. Situation, flexibel, wenn die Sonne scheint ist es anders als wenn es regnet. 

Statt Brandenburger Tor: Handy. Statt Amsel: Handy. Statt Stadt-Land-Fluss: Handy. Geht ja gar nicht! Aber wenn sie so leben? Anders: Sie leben so. Sind in ihrer Welt unterwegs. Das Tor, die Amsel, das Spiel: kommen nicht zur rechten Zeit. Jetzt kommt's: Wer bestimmt, wann rechte Zeit ist? Mein Ding? Hallo, wer bin ich denn! Die Kinder leben ihr Leben. Ich freu mich, dass sie da sind. Muss mehr sein? Mehr muss nicht sein. 

Osterbesuch. Anna ist 16, voll im Handywahn. Mittagessen. Gäste - wir - sind da. Alle sitzen am Tisch, es ist festlich. Anna: nicht da. Ihre Eltern: Voll entspannt. Absolut kein Thema, die Nicht-Anna. Wir beginnen. Anna kommt. Mit Handy. Setzt sich hin, Handytime. Drei Löffel Suppe, nebenbei. Hauptmahlzeit: Handy. Und jetzt, so fantastisch, so magisch, so alle Bedenken niederreißend, so herzanrührend: sie schmiegt ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, er hält sie, er isst weiter, er unterhält sich weiter. Mehr Harmonie geht nicht. Nach drei weiteren Löffeln geht sie wieder. Es ist so ... gut einfach. 

"Es ist ihre Welt. Ihr Leben. Wir sehen ein bisschen in ihre Zukunft, 2030, 2040. Wir sind dabei. Sie gestaltet ihr Leben." Ihr Vater liebt sie, sie fühlt sich bei ihm wohl, er fühlt sich bei ihr wohl. Diese Familie hat absolut kein Handyproblem. "Macht sie auch noch mal was anderes?" frage ich. Brandenburger Tor, Amsel, Stadt-Land-Fluss. Meine Dunkelwelt reißt an mir. Ihr Vater erzählt mir, was sie alles macht: Tor, Amsel, Spiel. Sie ist kein Alien. Sie ist Anna. Ein ganz normales Kind.  

 

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Und Anna heute? Ist weltoffen, hat ihr Abitur gemacht und studiert. Ein ganz normales Kind.
 

Montag, 29. Mai 2023

Von Fischen und Wildschweinen

 

 

Ich bin mal wieder mit meiner Tochter und meinen Enkeln im Wildgehege unterwegs. Wir kommen zur Aussichtsplattform für die Wildschweine. Ich erinnere mich an das Erlebnis vor vier Jahren und stelle den Text von damals noch einmal in den Blog.

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Ich bin mit meiner Tochter und ihren Kindern im Wildgehege unterwegs. Nach einer Weile: "Spielst Du mit mir?" Mein dreijähriger Enkel will nicht die Tiere, nicht sein Laufrad, er will mich. Ich aber will mich grade ausruhen, ein bisschen herumgehen, ein bisschen Quatschen, ein bisschen Tiere, ein bisschen Family. Aber Spielen? Das braucht Konzentration, Aktion, Fantasie und Geduld. Was will ich?
 

Ich höre meinen Wunsch nach ruhiger Kugel, ich höre seinen Wunsch nach mir. Was Ende der Kugel heißt, was Kinderwelt heißt, irgendwie anstrengend. Ok, sage ich mir, na gut, und ich lass mich breitschlagen, fühl mich auch vom Kinderwunsch geehrt und vom Kind gemocht. Ich schließe meine Ruhetür und öffne die Spieltür. 

Erst gibts ein Versteckspiel. Hinter den Bäumen und Büschen. Das ist lustig. Dann sind wir oben auf der Aussichtplattform für die Wildschweine. Da liegt ein Stock rum, schon gibts Angelspiel. Fische werden an Land gezogen. Im Herd gebraten, mit Öl. Und gegessen, mit Zitrone und Petersilie. Mindestens 20 Fische werden geangelt. Dann nochmal Verstecken. Das Ganze dauert eine halbe Stunde, danach wandern wir alle zurück zum Parkplatz. 

"Spielst Du mit mir?" Das ist eine der schönen Fragen des Lebens. Wenn ich diesem Anruf folge, löst er mich aus meiner Ichwelt und bringt mich in die Wirwelt. Das ist zur richtigen Zeit, das ist zur falschen Zeit, das ist beglückend, das ist anstrengend - so, wie es gerade kommt. 

Es ist so was wie Zeitverschwendung dabei. Überflüssiges. Kinderkram eben. Und es ist Erhabenes dabei, Wahrheit, Sinn. Ist Spielen nicht wichtiger als meine ganzen Alltagsaktivitäten und Geschäftigkeiten? Es ist wichtiger, aber das Spielen hat nicht oft die Chance. Heute aber war sie da, diese Lebenschance, ergriffen, erlebt, erfüllt. 

"Spielst Du mit mir?" Wenn das Leben das an mich heranträgt und wenn ich das merke: dann ist es grandios. Dann beschwingt es mich, macht alles leicht, freundlich, unkompliziert. Ich lasse mich fallen in den Augenblick. 

Wie immer geht es um die Frage, wer ich sein will. Ich entscheide das. Aber ich will auch gefragt und gelockt sein. Wenn ich ernsthaft und denkgelähmt unterwegs bin, hat das Spielen es schwer. Doch die Leichtigkeit des Seins gibt nicht auf, sie ist ja da, und umgarnt mich, hält zu mir, fängt mich ein - und ihr nachzugeben ist himmlich. Ich muss nur den Schritt durch die Spieltür hinbekommen. Bei den Kindern. Bei den Freunden. In der Partnerschaft (!). 

Und das alles ist ja nicht "nur ein Spiel". Es ist Herz, Vertrauen und Liebe. Es sind die Momente, die in meinem Lebenstagebuch mit einem Stern versehen werden. Mein Enkel hat mich heute in diese Sternenwelt hineingezaubert.

 

Montag, 22. Mai 2023

Lichtpfad

 



Auf dem Vortrag letzte Woche ging es mal wieder um Bösewichte. Wo sind wir selbst, wenn wir über jemanden nachsinnen/urteilen, der irgendetwas Ungutes angestellt hat. Großes, nicht Kaffee verschütten, sondern Grusel, z.B. Missbrauch, Umbringen. Wird ja grad verhandelt. 

"Jeder - auch so ein Täter - ist ein Ebenbild Gottes". Einer meiner Standards zu Beginn des Diskutierens. Wobei klar ist, dass es jetzt nicht um das Opfer geht, dem mein Mitgefühl/Trauer gilt, sondern um den Täter. Und unsere eigene Position ihm gegenüber. 

Wo bin ich, wenn ich diesem Menschen gegenüber Position beziehe? Wer bin ich, wenn ich diesem Menschen gegenüber Position beziehe? 

Ich erlebe, dass die Leute vor mir in einem Raum der Verurteilung, des Entrüstens, des Entsetzens unterwegs sind. Der Täter ist ein Bösewicht, das ist klar. Ein Ebenbild Gottes? Absurd. Wenn ich das Ebenbild ins Spiel bringe, wird mir Durchgeknallt und Sympathie mit dem Teufel rübergereicht. 

Abgesehen davon, dass ich von der Ebenbildgeschichte überzeugt bin (und, um das gleich hinzuzufügen: was mich nicht hindert, so einen Täter - wenn ich das kann - auszuschalten, einzusperren etc.) - abgesehen also davon, dass der Täter für mich immer ein Ebenbild Gottes ist und bleibt: 

Die Leute vor mir sind in einem dunklen Raum unterwegs, eingefangen in Grusel, Böse, Rachegedanken. Ihr Mitgefühl und Schmerz vertrübt sie, lässt das Licht gehen, wirft Schatten. Kälte, Kochen vor Wut, Empörung. Wobei sie sich auf der guten Seite verorten. Und: von Friede keine Spur. Friede in mir, im Herzen, in der Begegnung, Auseinandersetzung, Positionsbeziehung dem Täter gegenüber: keine Spur. Sie sind die Guten, er ist der Böse. 

Und und Aber: sie werden dabei in Schatten versetzt. Und genau das ist nicht mein Ding. Ich lass mich nicht (mehr) in die Schattenwelt ziehen/treiben. Ich bin ein Sonnenwesen. Der Großraum, in dem ich unterwegs bin, ist voll Licht. 

Eingebildet! Obermoralisierer! Machtgeil durch Gutsein! Ja mei, was soll's. Keiner muss mich mögen. Und weiter: Was soll das, sich bei Gruseligkeiten auf die dunkle Seite zu begeben? Das macht doch krank im Herzen! Ich sage den Leuten vor mir so etwas. Manchmal kommt etwas über. Die Kraft des Lichts. 

Eine Brücke ist dann, dass ich sie frage, wie das mit der Verzeihung ist. Na ja, da wollen sie erst ordentlich verurteilt haben, das Ebenbild als Teufel entlarvt haben. Dann können sie über Verzeihung nachsinnen. Und dann können sie wieder ins Licht gehen. Mit diesem Umweg. 

Mein "Jeder ist ein Ebenbild Gottes, also auch der Täter" ist zu schwere Kost. Sie spüren das Böse, sie nehmen Witterung auf. Und sie misstrauen sich selbst, fürchten, dass das Böse aus ihnen hervorbrechen könnte, sind in existentieller Bösefurcht. Tja - ich kann sie ja nicht ändern. Aber so ein bisschen Heilerei find ich auch nicht schlecht. Wenn es dem einen oder anderen hilft und ihn auf den Licht- und Friedenspfad verlockt: da bin ich doch zufrieden. 

Montag, 15. Mai 2023

Wie spät ist es?

 



Ich bin zum Einkaufen in der Stadt unterwegs. Eine Mutter und ihre fünfjährige Tochter kommen mir entgegen. Die Mutter ist über irgendetwas schwer verärgert und schimpft laut auf das Mädchen ein. Die Kleine schaut mit dem typischen betroffenen und getroffenen Kinderblick nach unten. Sie ist schwer angefasst, im Verhexungsmodus. Das will ich nicht so passieren lassen.

Ich habe mir immer gesagt, wenn so eine Szene auf mich zurollt, dann tue ich etwas. Was? Die schimpfende Mutter oder den schimpfenden Vater darauf ansprechen … das geht gar nicht. „Was geht Sie das denn an!“ lauert und verbessert nichts. Ich habe mir schon lange überlegt, dass ich den Großen da anders rausholen muss. Meine Idee: Nach der Uhrzeit fragen. Die Leute sind immer höflich und nett, sehen auf die Uhr und sagen mir, wie spät es ist. Das kann doch auch in so einer Situation funktionieren. Dann sind die schimpfenden Eltern ein paar Sekunden raus aus der unguten Verstrickung mit ihrem Kind. Holen sozusagen Luft. Und dann gehen sie entspannter zusammen weiter. Vielleicht gar ohne Schimpfe. Soweit die Theorie.

Als die beiden nun auf mich zu kommen und ich das Gesicht das Kindes sehe, hole ich tief Luft. Darf ich in so eine private, intime Sphäre einbrechen? Wie übergriffig ist das denn? Aber: Ich bleibe vor den beiden stehen. „Haben Sie vielleicht die Uhrzeit? Wissen Sie, wie spät es ist?“ Die Mutter sieht von ihrer Tochter weg zu mir, ihr verspanntes Gesicht wird freundlich, sie sieht auf ihr Handgelenk, und: „Es ist viertel vor Fünf“. „Danke“, sage ich. Wir setzen unsere Wege fort.

Es hat funktioniert! Die Mutter – das merke ich, weil ich noch einen Moment stehen bleibe und zu den beiden sehe redet jetzt ruhig und ohne Schimpfe mit ihrer Tochter. Es hat funktioniert! Und gleichzeitig dabei, während ich mit der Mutter im Kontakt bin – der volle Lohn: Das Mädel sieh mich in der kleinen Szene erstaunt, ungläubig, von innen heraus an. Ich komme von einem anderen Stern. Ich bin ein Alien, der sie aus der Dunkelwelt herausholt. Ich bekomme einen Blick, der mein surreales Manöver herzinnig belohnt.

Ich habe Frieden gestiftet. Die Ärgerwolke weggeschoben, die Liebe der Mutter wieder hervorgelockt. Magie, die ich kann und die mich erfüllt.

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Ich bin im Kino, es gibt einen fast dreistündigen Actionfilm. Futuristisches Weltall, Heldentaten, ein verletzter Freund wird gerettet (Guardians of the Galacy). Die dunklen Mächte werden überwunden, Frieden und Liebe obsiegen. Als der gerettete Freund zum Schluss aufgefordert wird, Rache zu nehmen und den Oberschurken zu töten – da macht er das nicht, er lässt ihn leben: „Ich bin ein Wächter des Universums“, sagt er. Des Friedens und der Liebe, ergänze ich.

Der Film ist aus, es beginnt der Abspann. Im Kino ist junges Volk, Pärchen, Cliquen. Alle stehen auf, kaum dass der Film zu Ende ist. Zurück vom Fantasy in die Realität, Jacken und Mäntel an. Nur ich sehe mir immer noch den Abspann an, um die Filmzauberei ausklingen zu lassen. Normalerweise. Diesmal aber: Alle, wirklich alle, bleiben sitzen, bis auch der Abspann vorbei ist und die Kinobeleuchtung aufflammt. Und auch dann entsteht keine Unruhe, Eile. Sie sitzen noch, quatschen, stehen langsam auf.

Was ist das? Die Magie des Films spricht mit den jungen Leuten. Sie erleben, sie haben Momente heiler Welt. Die sie in den Sitzen lässt. Bei all dem Chaos – Ukrainekrieg, Corona, Klimakrise – hier holen sie Luft. Wie anders werden sie groß als unsereins, was alles lastet auf ihrer Lebensfreude. Hier nun: Magie des Friedens und der Liebe.

Ich denke an den Menschen, der hinter diesem Film steht. Ich fühle Verbundensein. Was ich auf der Straße geschaffen habe, das schafft er auf der Leinwand. 










 

Montag, 8. Mai 2023

"Ich bin lieb." - Garant/Garantin

 

 

Auf meinen  Vorträgen erzähle ich von der Souveränität der Kinder. Ich bin mir ihrer Souveränität sicher, habe sie vor Augen, bin dafür offen. Beim Einkaufen vorgestern warte ich vor der Kasse, eine Mutter ist mit ihrer dreijährigen Tochter hinter mir. Das Mädchen wuselt herum, ist lebhaft. Die Mutter, leicht angenervt: "Sei lieb!". So weit, so bekannt.

Jetzt aber, das Kind, mit selbstverständlcher Würde, nachdrücklich, unaufgeregt, klar und deutlich, kurz und knapp: "Ich bin lieb". Voll die Souveränität! Es war einfach faszinierend!

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Themenwechsel. Beim letzten Post habe ich vom schwer zu verstehenden "Leiter ohne Leiter" geschrieben. Und dabei auf den auch nicht leicht zu verstehenden "Garanten" beim Selbst-Verantwortungs-Training (SVT) verwiesen, den ich im nächsten, also diesem Post vorstellen wollte. Hier nur die Funktion des Garanten/der Garantin beim SVT.

Dem Selbst-Verantwortungs-Trainng, einem psychodynamischen amicativen Seminar, liegt ein sorgfältig ausgearbeitetes Konzept zu Grunde.* Es gibt dabei keinen Leiter, auch keinen "Leiter ohne Leiter", wie noch im letzten Post über meine Rolle als Schulleiter beschrieben. 

Das SVT ist es noch mehr "leiterfrei". Die Teilnehmenden sind gänzlich entlassen in ihre Eigenverantwortung, sie sind ohne vorgegebene Orientierung und ohne die schützende Hand eines Trainers/Leiters/Therapeuten/Coachs. Die Verantwortung für sich selbst wird ihnen nicht abgenommen, verringert oder aufgeweicht. Niemand kann sich hinter einen zuständigen Chef zurückziehen und ihm die Verantwortung für das, was (mit ihnen) geschieht, zuschreiben - weil es eine solche leitende Person beim SVT einfach nicht gibt, und wenn mann mit der Lupe Ausschau hält...

Garant/Grantin*

Niemand weiß mit Verbindlichkeit für einen anderen, was für ihn gut ist. Das Prinzip der Selbstverantwortung lässt keinen Besserwissenden für Wachstum und Entwicklung zu als den jeweils Betroffenen selbst. Jeder Teilnehmende ist also sein eigener Selbst-Verantwortungs-Trainer. Das schließt nicht aus, dass man sich von anderen helfen lassen kann, aber auch hierüber entscheidet ein jeder selbst. Und während des gesamten Hilfsprozesses bleibt jeder selbst am Regiepult, auch wenn er einem anderen grünes Licht gibt, hilfreiche Ideen einzubringen. Selbst-Verantwortungs-Training hat somit keinen Leiter, Moderator, Facilitator oder sonstigen Trainer.

Selbst-Verantwortungs-Training ist jedoch nicht nur eine Selbsthilfegruppe ohne Leiter. Beim Selbst-Verantwortungs-Training ist eine Person dabei, die das Selbstverantwortungsprinzip verinnerlicht hat. Sie wird „Garant“/„Garantin“ genannt. Der Garant fühlt die Selbstverantwortungsidee als existenzielle Größe in sich. Seine Anwesenheit bedeutet, dass durch eine (seine) Person das Selbstverantwortungsprinzip unter den hier zusammengekommenen Menschen präsent ist.

Der Garant ist nicht Garant in dem Sinn, dass er den anderen Teilnehmenden dafür einzustehen hätte, dass sie dies oder das lernen. Er ist nicht Garant für persönliches Wachstum und Entwicklung. Hierfür liegt die Kompetenz bei jedem einzelnen selbst. Er ist Garant für die Selbstverantwortungsidee: Wenn er teilnimmt, wird diese Idee verlässlich durch seine Person präsent sein. Auch andere Teilnehmende können sich als Garanten erweisen oder sich zu Garanten entwickeln.

Nur: Um ein Selbst-Verantwortungs-Training zu realisieren und nicht eine andere psychodynamische Gruppe, muss (mindestens) von einer Person, die Selbstverantwortungsidee verstanden und verinnerlicht worden sein.Hierbei ist es nicht von Bedeutung, wie sich diese psychische Disposition in konkretem Verhalten äußert. Der Garant wird das tun oder nicht tun, was er gerade tun oder nicht tun will – hier ist er ein Teilnehmender wie jeder andere. Entscheidend ist seine (Selbstverantwortungs)Haltung.

Es ist gänzlich die Sache der anderen Teilnehmenden, wie sie mit dem Garanten, seiner Haltung und seinem Verhalten umgehen wollen. So wie es auchseine subjektive Sache ist, wie er mit ihnen umgehen will. Er ist nicht der Leiter der Gruppe: er ist ein Teilnehmender! Aber eben ein Teilnehmender, der diese spezifische Haltung verinnerlicht hat und der damit das psychische Klima der Gruppe um diese Dimension erweitert.

Erfahrungsgemäß gibt es in der Gruppe Probleme mit der Funktion des Garanten. Immer wieder wird er doch als Leiter gesehen, als jemand, der den anderen zu mehr Selbstverantwortlichkeit verhelfen kann und soll. Es lässt sich jedoch ebenfalls immer wieder feststellen, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt das Verständnis für die Funktion des Garanten spürbar vorhanden und damit die Sichtweise eines Leiters deutlich überwunden ist. Mal früher, mal später. Dies geht einher mit dem zunehmenden Gespür der Teilnehmenden für ihre Selbstverantwortung, die in Wirklichkeit ja niemals von einem anderen kommen kann, sondern nur in jedem selbst lebt und nur von jedem selbst erspürt werden kann.


* Konzept des Selbst-Verantwortungs-Trainings, zu beziehen beim Amication - Förderkreis e.V. Zu finden auch auf der Website/Homepage des Förderkreises www.amication.de.


 

 


Montag, 1. Mai 2023

Leiter sein ohne Leiter sein

 


 

Als ich vor einigen Jahren gefragt wurde, ob ich für kurze Zeit die Leitung einer Freien Schule übernehmen könnte, habe ich zugesagt und war ein halbes Jahr lang Schulleiter. Die Schule hatte sich nach riesigem Ärger mit dem bisherigen Schulleiter, dem schließlich gekündigt wurde, auf eine kollektive Schulleitung durch die Lehrerinnen und Lehrer verständigt. Aber sie brauchten einen offiziellen Schulleiter für die Behörde. Der Elternverein fragte mich an, und ich wusste, worauf es ankam:

Der neue Schulleiter, also ich, durfte die Eigenverantwortung der Lehrerinnen und Lehrer, die ja die Leitung ihrer Schule gemeinsam übernehmen und managen wollten, nicht beeinträchtigen, nicht gefährden. Auch nicht subtil gefährden. Ich durfte also gar kein Schulleiter sein, obwohl ich Schuleiter war. Wie das ging?

Ich war nicht vor Ort, nicht real präsent. Die Kommunikation lief über den Elternverein, keine Lehrerin und kein Lehrer kannte mich. Niemand wusste, wer ich war und wie ich aussah. Und ich tat keinen einzigen Schritt in diese Schule: denn allein meine Präsenz, und wenn es auch nur eine Stunde in der Woche wäre, hätte das Bewusstsein der Lehrenden, kollektiv die Schule zu leiten, beeinflusst und ihre Eigenverantwortlichkeit zum Einsturz gebacht. Denn: ein Leiter ist ein Leiter ist ein Leiter. Also blieb ich brav zu Hause, auch wenn meine Papiere bei der Behörde vorgelegt waren. Was formal unproblematisch war, weil die Satzung der Schule eine kollektive Schulleitung vorsah. Mit formalem Leiter. 

Das klappte sehr gut, die Schule funktionierte super. Eines Tages dann luden mich die Lehrerinnen und Lehrer zum Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen ein. Sie waren neugierig auf mich geworden und wollten mich kennenlernen. Ich bestand auf neutralem Boden (kein Schritt in die Schule!), wir trafen uns in einem Versammlungsraum eines Restaurants. Da sahen wir uns dann zum ersten mal - und sie hielten schon die Luft an, als ich dann leibhaftig vor ihnen stand! 

Aber sie merkten schnell, dass ich sie wirklich nicht, auch nicht heimlich und subtil, als "Untergebene" eines Schulleiters sah. Obwohl ich ja der Schulleiter war! Es war ein bisschen Zauberei, Wu Wei - Tun ohne Tun. Und nach einiger Zeit konnte ich mich dann zurückziehen, die Lehrerinnen und Lehrer wählten aus ihren Reihen einen neuen formalen Schulleiter.

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Die Situation erinnerte mich an den Garanten des Selbst-VerantwortungsTrainings, von dem ich in den letzten Posts berichtet habe. Garant: auch so eine Funktion, die nicht leicht zu verstehen ist. Und die - besonders schwierig - gänzlich ohne Leitersein daherkommt. Dazu mehr beim nächsten Post!

 


Montag, 24. April 2023

Die Kümmer-Verantwortung und die Missions-Verantwortung

 


Auf dem Seminar vorige Woche ging es mal wieder um die Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder haben. Mein „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ kam nicht so gut. Ich stand als jemand da, der sich nicht um Kinder kümmert. Lieblosigkeit und unrealistisches Hängenlassen standen im Raum. Da habe ich dann klar gemacht, wie ich das meine und was es mit der Verantwortung und der Selbstverantwortung so auf sich hat.

Die Zuhörenden sind bei der Verantwortungsthematik in einem anderen Nachdenken unterwegs als ich, wenn ich vom „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ spreche.

Zwei Nachdenk-Räume also. Das kann ich thematisieren, aussprechen, klarmachen, und das tue ich auch, damit das Gespräch überhaupt richtig funktioniert.

„Ich erziehe Kinder nicht“ – auch so ein Satz, der in die Irre führt, wenn ich seinen konstruktiven Hintergrund nicht gleich mit vermittele. „Unrealistisch, antiautoritär, der spinnt doch“ ist dann ein schnelles Urteil. Dabei ist es weder unrealistisch noch antiautoritär noch gesponnen, sondern etwas sehr Sinnvolles. Wie bei der Verantwortungsthematik.

Für eine Klarstellung gebrauche zwei verschiedene Vor-Worte:

 

Die Kümmer-Verantwortung

Die Kümmer-Verantwortung: Ich kümmere mich um alles möglich. Die Kinder, das Fahrrad, den Arzttermin, die Katze, endlos. Da passt das „Ich bin verantwortlich für“ gut: Ich bin für die Kinder verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie sich wohl fühlen. Ich bin für das Fahrrad verantwortlich (kümmere mich um es), damit es sicher fährt. Ich bin für den Arzttermin verantwortlich (kümmere mich um ihn), damit ich ihn nicht verpasse. Ich bin für die Katze verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie was zu futtern hat. Ich bin für Endlos verantwortlich (kümmere mich darum), damit es gut endet. – Hier gehen alle mit.


Die Missions-Verantwortung

Sie ist nicht leicht zu verstehen und zu erfühlen. Sie taucht nicht auf am Horizont der Wahrnehmung, wenn es um die Kinder geht. Sie enthält nämlich einen versteckten, untergründigen Machtwillen und einen gutgemeinten, gouvernantenmäßigen Herrschaftsanspruch, beide so selbstverständlich, dass sie nicht bemerkt werden. Es gibt keine Sensibilität dafür, dass im „Ich bin für Kinder verantwortlich“ etwas Übergriffiges, Verletzendes, Herabsetzendes stecken kann. Diese Missions-Verantwortung gehört in unserer Kultur ganz automatisch zu unseren Umgang mit Kindern, und sie wird nicht als Anmaßung erlebt – sondern als sinn- und liebevolle Fürsorge.

Was meine ich mit der Missions-Verantwortung? Ein Beispiel für eine solche Anmaßung und ihre Überwindung: „Männer sind für Frauen verantwortlich, weil die Frauen das nicht selbst sind. Männer sind in bester Absicht und voll Fürsorge für die Frauen unterwegs. Männer wissen, was für Frauen gut ist.“ Diese patriarchalische Missions-Position ist heute von den Männer erkannt und überwunden. Nicht bei allen, aber immerhin. Männer haben verstanden: Frauen sind selbstverantwortlich. Was ja ein Sorgen und Kümmern ohne Missionshaltung nicht ausschließt.

Wenn das „Ich weiß, was für Dich gut ist“ mit einem Macht-, Missions- und Herrschaftsimpuls daherkommt, wie richtig ein solches Wissen und Kümmern auch sein mag, dann ist so etwas vergiftet. „Ich weiß, was für Dich gut ist, denn ich bin für Dich verantwortlich und kümmere mich um Dich“ – wenn diese Denkwelt mit einem missionarischen Darüberstehen über dem anderen daherkommt, dann kann man sagen: das geht ja auch nicht anders. Jedenfalls in Bezug auf Kinder geht es nicht anders. Oder man kann sagen, und das sage ich: das geht sehr wohl anders, auch im Zusammensein mit Kindern. Und dann beginnt meine Argumentationswelt:

Jedes Lebewesen trägt für sich selbst Verantwortung, von Anfang bis Ende. Wer das nicht so sieht, wird von dem Lebewesen, von dem er das nicht sieht, als Übergriffiger, Mißachter, unguter Missionar, Herabsetzer und Unterdrücker erlebt. Wenn jedes Lebewesen eine solche Selbstverantwortung denn hat – was aber meine Position ist. Ich sage: Jedes Lebewesen hat diese Selbstverantwortung – mithin auch menschliche Lebewesen, von Beginn (Zeugung) bis Ende (Tod). Mithin auch Embryos, Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, Erwachsene, Senioren, Pflegebedürftige, Sterbende.

Und von daher ist ein „Ich bin für Dich verantwortlich“, bei dem das „Du bist es nicht (noch nicht, nicht mehr)“ mitschwingt, ungut und destruktiv. Was ich nicht mitmache. Von daher kommen Respekt vor und Achtung für die Selbstverantwortung des Kindes. Ich bringe das mit dem Statement „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ zum Ausdruck, und füge gleich zum Verstehen hinzu: „Weil die Kinder das selbst sind.“

Ich kümmere mich um Kinder, bei allem und jedem, was gekümmert sein will. Von der Windel bis zur Hustenmedizin. „Ich bin für Dich verantwortlich – Deine Windelhygiene, Deine Lungengesundheit.“ So weit, so klar: Die Kümmer-Verantwortung.

„Ich bin nicht für Dich verantwortlich – Deine Windelhygiene, Deine Lungengesundheit“. Auch klar. Die Missionsverantwortung wird mit diesem Statement abgelehnt. Somit: „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich, weil die Kinder das selbst sind.“ Menschenkinder sind selbstverantwortliche Wesen wie alle lebenden Organismen, von Anfang an.

Wie sie das dann alles so hinbekommen, diese Selbstverantwortlichen? Sie nutzen – in ihrer Verantwortung – ihre Ressourcen: Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft. Und Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft geraten in Resonanz und geben den Kindern, was diese brauchen und einfordern. Oder verweigern, stoppen, begrenzen das, was die Kinder wollen. Sie kümmern sich, aus ihrer Kümmer-Verantwortung heraus. Und das können sie tun ohne Missions-Verantwortung. Wenn sie es denn schaffen … und diesen subtilen Adultismus überwinden.










Montag, 17. April 2023

Selbstverantwortung üben

 

 

Im letzten Post habe ich über das Selbst-Verantortung-Trainng geschrieben. Das zentrale Element dieser psychodynamischen Übung ist das "Selbstverantwortlich sein". Ich stelle es vor: 

 

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Die Entfaltung der Selbstverantwortung findet in den Gruppensitzungen statt. Hier sind Menschen zusammengekommen, die mit Hilfe einer speziellen Psychodynamik lernen möchten, ihre Selbstverantwortlichkeit neu anzuwenden. Das Zusammensein mit den anderen in der Gruppensitzung konfrontiert die einzelnen immer wieder mit diesen Fragen: Was will ich hier eigentlich – in diesem Kreis? Wie kann ich hier das tun, was ich will? Was will ich wirklich?

Die vielen kleinen und großen Geschehnisse einer Gruppensitzung setzen jede und jeden Teilnehmenden einem Ansturm von Entscheidungssituationen aus. Dabei erleben sie immer aufmerksamer, dass tatsächlich jede und jeder einzelne für alles und jedes, was sie hier tun oder lassen, selbst die Verantwortung tragen:

Soll ich auf dem Stuhl oder auf dem Kissen sitzen?

Will ich, dass das Fenster offen oder geschlossen ist?

Soll das Licht ein oder ausgeschaltet sein?

Soll ich diese Frage stellen?

Diese Antwort geben?

Diesen Wunsch äußern?

Diesem Vorschlag folgen?

Diesem Gespräch weiter zuhören?

Diesen Dialog unterbrechen?

Dieses Gefühl mitteilen?

Was will ich wirklich?

Die Gruppensitzung ist voller Chancen, sich selbst immer wieder als die und den eigentlich Verantwortlichen für das eigene Verhalten zu entdecken: So wird die Selbstverantwortung in kleinen und kleinsten Schritten nebenbei und unthematisiert trainiert.

Beim Selbst-Verantwortungs-Training gibt es neben den Gruppensitzungen sitzungsfreie Zeiten (Mahlzeiten, Pausen). Sie sind wichtige Zeiten für die Gesamterfahrung. Die Teilnehmenden können die Pausen so nutzen, wie sie es gern wollen. Spazierengehen, lesen, Musik hören, ausruhen, schlafen, sich austauschen. Gespräche und Begegnungen in den Pausen erfolgen nach Sympathie und Interesse.

Ein jeder ist auch in Bezug auf die Seminarzeiten selbstverantwortlich. Die Sitzungszeiten werden auf einem Zeitplan ausgehängt. Jede und jeder entscheiden für sich, ob sie überhaupt, pünktlich oder später kommen.

Das Verlassen einer Gruppensitzung wird ebenso selbstverantwortlich realisiert. Wer eine Unterbrechung benötigt, kann das jederzeit tun. Während beim Unterbrechen jemand seinen situativen Einfällen folgt, fahren die anderen in der Gruppensitzung mit dem psychodynamischen Lernen fort.

„Soll ich weiter an der Gruppe teilnehmen oder nicht?“ Jede und jeder legen den Umfang ihres Trainings selbst fest. Während die einen nicht genug von der Psychodynamik der Gruppe bekommen können und ihnen jede Sekunde wichtig ist, schätzen andere die Möglichkeit des Rückzugs und die Situation außerhalb der Gruppe. Und alle haben auch stets die Möglichkeit, das psychodynamische Lernen in der Gruppe wieder aufzunehmen.

 

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Selbst-Verantwortungs-Training, Wochenend-Seminar 17.-29. November 2023 in Sprockhövel bei Dortmund.

Leitung Hubertus von Schoenebeck

Information und ausführliches Konzept beim Amication – Förderkreis e.V.




 


 

Montag, 10. April 2023

Selbst-Verantwortungs-Training



Seit vielen Jahren führe ich das "Selbst-Verantwortungs-Training" durch. Jetzt habe ich das Konzept aktualisiert und stelle den Anfang des Textes vor. Das gesamte Konzept schicke ich gern auf Anfrage per E-Mail-Anhang (PDF) zu. Meine E-Mail-Adresse: amication@t-online.de


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Wie jeder Organismus hat auch der Mensch die Energie, sich in der Umwelt zu behaupten und sich für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen. Und wie jedes Lebewesen spürt auch jeder Mensch selbst am besten, was für ihn gut ist und was ihm schadet. Diese Fähigkeiten werden dem Menschen von der Natur mitgegeben. Von Anfang an entfaltet sich die von innen kommende Kraft, das Leben nach den eigenen Kriterien zu gestalten und für sich selbst Verantwortung zu tragen. Selbst Verantwortung für sich zu tragen ist den Menschen als wichtige Voraussetzung für eine sinnvolle und glückliche Lebensführung mitgegeben. 

Doch die Tradition erkennt im Menschen nicht ein Wesen, das von Anfang an in der Lage ist, für sich verantwortlich zu sein. Die Wirklichkeit der Kinder ist voller Erwachsener, die sagen: „Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist!“ Das traditionelle „Ich bin für Dich verantwortlich“ verhindert die Entfaltung der mitgebrachten Selbstverantwortungsfähigkeit in der Kindheit. Den Menschen geht dadurch eine wichtige Zeit verloren, in der sie lernen können, diese innere Kraft wahrzunehmen und als Kompass für alle Situationen des Lebens zu benutzen.

 Dieser Erfahrungsverlust bleibt nicht ohne Folgen. Wer ein Kinderleben lang gelernt hat, dass nicht er selbst für sein Leben die Verantwortung tragen könne, sondern dass andere für sein Glück und Leid zuständig seien, trägt diese Abhängigkeit in sein Erwachsenenleben. Er wird leicht zum Spielball fremder Interessen, Werte und Normen, und es fehlt ihm die Kraft, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und durchzusetzen.

Über diesen Zusammenhang klärt die postpädagogische Weltsicht (Amication) auf. Jeder kann dadurch bemerken und erkennen, dass er in der Kindheit am eigenen Ich vorbeigeschleust wurde. Und jeder kann heute die Verantwortung für sich selbst wieder zur uneingeschränkten Basis seines Lebens machen.


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Das Selbst-Verantwortungs-Training unterstützt die Entfaltung der Selbstverantwortung durch eine besondere Form der psychodynamischen Gruppenarbeit und gehört zu den Hilfen, die es im Rahmen der Humanistischen Psychologie gibt.

Die postpädagogischen Aussagen zur Selbstverantwortung werden auf spezifische Art und Weise so in einen gruppendynamischen Prozess eingebracht, dass die Teilnehmenden intensiv erleben und fühlen können, was es bedeutet, für sich verantwortlich zu sein.

Durch das Selbst-Verantwortungs-Training gewinnen die Teilnehmenden ein klareres Bewusstsein davon, was ihnen tatsächlich wichtig ist und wie sie es Wirklichkeit werden lassen können.

Die Selbstverantwortung wurde in der Kindheit unterdrückt. Beim Selbst-Verantwortungs-Training wird dieser negativen Erfahrung entgegengewirkt. Die Teilnehmenden erleben, wie sie mit gleichgestellten, gleichwertigen Personen im Kreis sitzen – wie in ihrer Kindheit. Damals trafen sie sich als Kinder im Versteck, verschworen und verborgen vor den Erwachsenen, um den eigenen Gefühlen und den eigenen Wahrheiten zu folgen. Heute kommen sie zusammen, um das Gefühl für die eigenen Wichtigkeiten gemeinsam wieder zu beleben und zu trainieren.

Die Teilnehmenden erleben sich in ähnlicher Weise als grundlegend loyale und solidarische Gefährten wie damals. Gemeinsam wehren sie sich gegen Behinderungen, die längst verinnerlicht sind.

„Du kannst für Dich nicht selbst die Verantwortung tragen – Wir sind für Dich verantwortlich – Wir wissen, was für Dich gut ist – Wir sagen, was Du tun und lassen musst – Wir haben recht – Sieh das ein“: Diese Grundposition der Eltern und Erzieher zersetzte damals das eigene Selbstverantwortungsgefühl und verfestigte sich zum Misstrauen sich selbst und den anderen gegenüber. Minderwertigkeitsgefühle und Ohnmacht gegenüber dem Herrschaftsanspruch anderer wurden die Folgen für den Erwachsenen.

Beim Selbst-Verantwortungs-Training wird gemeinsam gegen diese tief wirkenden Strukturen Front gemacht und mit Hilfe der anderen eine befreiende Gegenerfahrung gewonnen: die Teilnehmenden beginnen ihrer Selbstverantwortung mehr und mehr zu folgen und den damals aufgegebenen Glauben an sich selbst zurückzuerobern.


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Selbst-Verantwortungs-Training, Wochenend-Seminar 17.-29. November 2023 in Sprockhövel bei Dortmund.

Leitung Hubertus von Schoenebeck

Information und ausführliches Konzept beim Amication – Förderkreis e.V.













 

Montag, 3. April 2023

Mein neues Buch ist da! * Prolog

 

 

Mein neues Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" ist erschienen. Vor 10 Jahren hatte ich zum ersten Mal die Idee, meinen Vortrag über das "Unterstützen statt erziehen" zu Papier zu bringen und erste Texte geschrieben. Dann blieb das Buchprojekt liegen, bis ich es vor drei Jahren wieder aufgriff. Ich hatte verschiedene Konzepte, wie ich das in Angriff nehmen sollte, es gab viele Versionen. Nach und nach schälte sich dann die Fsssung heraus, in der jetzt vorliegt.

Das letzte Jahr war vom Feinschliff gekennzeichnet, und nach der ersten Druckversion vor sechs Monaten kamen die Rechtschreibkorrekturen und die inhaltlichen Verbesserungen dran. Der letzte Fehler, der erwischt wurde, war ein fehlendes "d": Da stand doch tatsächlich "leuchtenviolett" statt "leuchtendviolett". Wie oft habe ich das überlesen!  

Auf der Website des Amication - Förderkreises www.amication.de wird das Buch ausführlich beschrieben. Es wird auch das Inhaltsverzeichnis vorgestellt und es gibt eine Leseprobe. Bei Medien/Literatur der Website. 

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"Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"

Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-034-1, 16.- EUR

E-Book, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-035-8, 3,99 EUR

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In meinen Buch geht es um die Erwachsenenperspektive und die Kinderperspektive. Der Prolog fängt dies ein:


Prolog 

Honig, pures Glück

»Hast Du genascht?«

Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme des Großen hinter mir in die Küche.

»Ich sehe doch, dass Du genascht hast!«

Ich will all das schützen, bewahren, bergen. All das, was gut, heilig, schön, prächtig, liebevoll ist. Den Honig im Glas, die zigtausend Bienen, die mir ihr Geschenk gemacht haben, die Freude, die vom Mund aus in mich hineinzieht, der erfüllte Wunsch, die Verheißung: Du kannst glücklich sein. Honig, pures Glück.

»Nein.«

Ich will mir das nicht entreißen lassen, wegstehlen lassen, schlechtreden lassen. Ich bin im Rosenland unterwegs, im Honigland, im Lichtland. Diese verhexende Dunkelheit in meinem Rücken, ich spüre ja, wie sie stärker wird, der Schicksalstornado rast heran. Ich kenne das ja, ich werde mitgerissen werden, zerschellt irgendwo stranden, zerschlagen, gedemütigt, herabgesetzt, vertrieben.

»Zeig her!«

Die Finger der Bergehand werden aufgestemmt, der Honigfinger triumphierend hochgerissen, Beweis meiner Unartigkeit, Türöffner für die folgende Seelenfingerei. Grenzüberschreitung, Willkür, Gehirnwäsche. Ich bin chancenlos, ich bin ausgeliefert, mein Herz, meine Seele, meine Liebe: beiseite gestoßen, Pech und Schwefel über mich.

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»Hast Du genascht?«

Ich fahre erschrocken hoch … und weiß mich doch geborgen. Klar habe ich genascht, wie die Großen das nennen. Ich bin dem Honig gefolgt, der Einladung der Bienen, des Lichts und des Lebens, des Sommers und der Blumen. Er steht uns Kindern zu, dieser Honig, ein Finger voll, viele Finger, das ganze Glas. Die Wucht der Richtigkeit meines Seins und die Wahrheit des Honigs tragen mich. Die Stimme des Mädchens hinter mir schwingt ein, sie ist so süß wie der Honig im Glas.

»Willst Du auch?«

Schnelle Schritte, Einverständnis der Herzen, leuchtende Augen, wir lachen, und es tut gut. So viel Friede, so viel Freude. So viel Vertrauen, so viel In-die-Seele-Sehen. Ja, wir sind auch verschmitzt. Wir wissen schon, was die Großen davon halten. Aber sie sind fern, wir sind geschützt durch die Macht des Honigs und durch unseren Glauben an uns selbst. Wir schließen das Glas, klettern durchs Fenster und laufen in unser Glück.




Montag, 27. März 2023

Verheiraten

 


Als ich Lehrer war, geschah es einmal, dass die Kinder zu mir als Person durchdrangen, dass der Lehrer aus der Klasse verschwand und ich verzaubert wurde. Die Mathestunde habe ich dafür gern geopfert. Sie wollten "Verheiraten" spielen und sie vertrauten mir, in meiner Gegenwart so sein zu können, wie sie sich selbst sehen. Einer war Pastor, zwei andere Trauzeugen, und die Pärchen meldeten sich. Sie wurden an die Tafel geschrieben.

Es war eine Zeremonie, mit viel Lachen, Spaß und Beifall. Ich war eingeladen, ihnen zuzusehen, ich war ihr Gast. Es war, als ob ich am Fest eines fremden Volkes teilnehmen konnte. Sie hatten mich in ihren Kreis aufgenommen, ich störte sie nicht.

Ich spürte die Mischung von Spaß und Ernst, von Spiel und Leben, und ich merkte, wie befreiend es ist, wenn man auf dieser von damals so wohlbekannten Basis miteinander umgeht.

 

Montag, 20. März 2023

Misthaufen

 


 

Wenn wir mit Menschen zu tun haben, die von diesen ganzen Ideen nichts halten – da kann man offensiv sein, da kann man zurückhaltend sein. Es kann durchaus gute Gespräche mit denen geben, die anderer Meinung sind.

Aber man muss das alles niemandem auf die Nase binden, der das nicht hören will. Und kommt den Freunden nicht schon wieder mit »Unterstützen statt erziehen«, wenn die dafür nicht offen sind. Das bringt nur Ärger und provoziert. Man wartet auf eine bessere Gelegenheit.

Und dann gibt es noch die Menschen, die das alles unsinnig finden und sich entrüsten. Die Entrüster tun uns nicht gut. Sie sind wie Misthaufen, die stinken. Dann ist Achtsamkeit angesagt, und zwar sich selbst gegenüber.

Man mutet sich nicht jeden Misthaufen zu: Man muss nichts von dem erzählen, was einem wichtig und heilig ist, wenn es nur schlecht geredet und verunglimpft wird. Wir passen auf uns auf.

Damit das nicht falsch verstanden wird: Misthaufen sind wichtig. Sie düngen das Feld und sind große Hilfen für die Mistkäfer. Misthaufen sind wichtig: Nur nicht für uns und unsere Nase. Wir lassen sie in Ruhe und wenden uns von ihnen ab, aber wir setzen sie nicht herab. Ich möchte an Rosen riechen. Ich suche Menschen, die meine Ideen interessant finden und wertschätzen.

 

Montag, 13. März 2023

Iris, Schmetterling, Tiger, Menschenkind

 

 
 

Auf dem Spielplatz habe ich sie vor Augen, die Kinder. Ich bin mit meinem Enkel (4) dort, eine ganze Weile. Die Kinder ringsum sind auch im Vorschulalter. Dann: Eine Mutter will nach Hause, aber ihre Tochter nicht, Iris (3). Sie hat neben uns mit Sandförmchen gespielt. Ich sehe hin und ich höre hin.

Schon Iris' erster Impuls auf die Botschaft ihrer Mutter war eine klare Ansage: Iris will weiter im Sand spielen. Sie hat nichts gesagt, nur kurz hoch und gleich wieder runter geblickt. Wortlos dabei: "Ich will spielen, hier, mit dem Sand." Und: "Hier ist es richtig, hier will ich sein, hier tut es gut, hier bin ich eins mit mir und der Welt, hier ist meine Harmonie, hier bin ich, Iris, zeitlos." Ich sehe ihre Würde, ihre Selbstkraft: "Ich gehe diesen Weg, und ich will ihn gehen. Diesen Sandweg."

Sie wird ihn nicht gehen können. Die Ungeduld ihrer Mutter wächst, die Worte werden härter. Es braut sich Ungutes zusammen. Iris sagt noch immer nichts, aber sie klammert sich an den Sandkörnern fest und ruft sie um Hilfe. Sie ist sich ihres Weges sicher, sehr sicher, so sicher. Es rührt mich an.

Ich interveniere nicht, habe kein gutes Gefühl. Iris wird sich nicht mit mir gegen ihre Mutter wenden, das ist nicht vorgesehen, ja absurd. Und führt zu Eskalation mit Beschämung oder Demütigung von Iris.

Ich sehe zu meinem Enkel. Auch er ist sich sicher, immer wieder sicher. Was seins ist. Wohin sein Weg geht, gehen soll. Auch er hat diese Selbstkraft. Alle Kinder haben diese Kraft.

"Ich kann meinen ersten Atemzug selbst tun" - Leboyer hat diese Kraft erkannt. In der Amication habe ich das so ausgedrückt: "Menschen sind selbstverantwortlich von Anfang an" und "Jeder spürt selbst, was für ihn da Beste ist". Das aber übersetzen in Alltag - das wird unrealistisch. Man sieht sofort die Kinderfinger in der Streckdose. Ja schon, aber: Übersetzungsfehler! So ist das nicht zu lesen, dieses "Selbstverantwortlich von Anfang an".

Es ist immer die Schwierigkeit, diesen zentralen Punkt der Amication anderen Menschen nahezubringen. Die Steckdose aus der Assoziation herauszubekommen. Den Blick des Nachdenkens, den inneren Blick von der Alltagsmauer hin zur Innenwelt zu bekommen. Zu der Selbstkraft. Zu der überwältigenden Energie, die ein Lebewesen - jedes Lebewesen, Schmetterlinge, Tiger, Menschenkinder - in sich trägt: Ich bin. Ich gehe diesen Weg. Und ich will diesen Weg gehen.

Natürlich lassen sich Wege andersrichten, abbiegen, umkehren, auflösen. Die ganze Wegewelt ist zauberbar. Wobei klar ist: Ich - Schmetterling, Tiger, Menschenkind - entscheide, will entscheiden. Wegändern: jeder nimmt einen anderen Weg, wenn die Steine zu spitz sind. Und speziell Menschenkinder folgen durchaus auch Wegvorschlägen und Wegänderungen, die sich auftun, die an sie herangetragen werden, um die sie gebeten werden. Die Selbstkraft - die Selbstverantwortung, das Ichgehöremir - ist ja nicht blöd!

Ich finde diese Kraft grandios, sie ist so einzigartig. Die Kinder sind dermaßen voll davon, dass es eine Wucht und Freude ist. Aber... und da beginnt das traurige Desaster: "Normale" Erwachsene (und wer ist das nicht?) haben keinen Freudekontakt, keinen Achtungskontakt zu dieser Kraft. Sondern einen Störkontakt. Dieser göttliche Funke wird in Steckdose und Co übersetzt, das klare Licht wird gebrochen (am Leid der eigenen Kindheit) und als Trotz und Ungehorsam gelesen.

Iris' Mutter ist eine normale Mutter. Nach "achtsamen Eingehen" (Hinhocken, Augenhöhe) auf ihr Sandkind ist dann klar, wie es ausgeht. Iris stemmt sich gegen das Sandkastenbrett. Die Körpermacht ihrer Mutter legt sich dabei auch mit Iris' Selbstkraft an. Da sind zwei nicht passende Dimensionen im Konflikt. Natürlich ist die Mutter stärker, sie hat Iris in den Kinderwagen "gesetzt". Auf der Selbstkraftebene dröhnt es heftig. Da ist Iris einfach nur "unkooperativ" bis "biestig".

Ich habe mitbekommen, dass Iris' Mutter den Bruder vorn am Parkende, an der Straße treffen will. "Ich kann auf Iris aufpassen, bis Sie wieder da sind. Dann kann sie noch ein bisschen spielen. Ich bin mit meinem Enkel hier und habe Zeit, das wäre kein Problem." Erwachsenenwelt, Erwachsenensprech. Ich blicke dabei die Mutter und dann auch Iris an. Ob das was wird? In der Erwachsenenwelt? In der Kinderwelt?

"Willst Du mit dem Opa noch hierbleiben?" Iris nickt, springt aus dem Kinderwagen und ihre Mutter lächelt mich erleichtert an.



 

 

Montag, 6. März 2023

Mein neues Buch - Autor



 

Mein neues Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" erscheint in drei Wochen. Vorn gibt es üblicherweise eine kurze Information über das Buch, diese habe ich im letzten Post vorgestellt. Dann gibt es immer auch eine kurze Vorstellung des Autors. Ich habe mich dabei an der hier rechts nebenan stehenden Autorenbeschreibung "Über mich" orientiert:

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Autor

Ich – Dr. phil. Hubertus von Schoenebeck – wurde 1947 geboren und bin Vater und Großvater.

Ich war Mitte zwanzig, als ich nach einem Jurastudium Kindern im Zuge der Lehrerausbildung wieder begegnete. Ich ging auf sie zu wie früher in meiner Kindheit – auf gleicher Augenhöhe. Das sollte aber nicht sein: Erziehung und Menschenbildung waren die selbstverständliche Norm. Nach einem Jahr Lehrersein war mir klar geworden, was die traditionelle Erziehung bei den Kindern, in ihrem Herzen und in ihrer Seele anrichtet.

Ich suchte nach einem neuen Weg, verließ die Schule und führte eine wissenschaftliche Studie mit Kindern über »erziehungsfreie Kommunikation« durch. Ich diskutierte in Kalifornien mit Carl R. Rogers meine Forschungsergebnisse und promovierte darüber 1980 an der Universität Osnabrück zum Dr. phil.

Ich wusste nun, dass »Unterstützen statt erziehen« gelingt, dass es konstruktiv ist und Eltern und Kindern hilft. Ich ging in die Erwachsenenbildung, um Eltern und pädagogischen Fachleuten davon zu berichten. Seit über 40 Jahren bin ich als Referent an Universitäten, Bildungsstätten, Kindergärten und Schulen im In- und Ausland mit bisher über 2000 Veranstaltungen tätig und habe zahlreiche Bücher publiziert.


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"Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"

In drei Wochen zu beziehen im Buchhandel oder beim Amication - Förderkreis e.V.

Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-034-1, 16.- EUR

E-Book, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-035-8, 3,99 EUR




Montag, 27. Februar 2023

Mein neues Buch - Kurzvorstellung

 


 

Mein neues Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" erscheint in vier Wochen. Vorn gibt es üblicherweise eine kurze Information über das Buch. Das habe ich auch so gemacht:

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Buch

Eltern lieben ihre Kinder – und erziehen sie?

Im Land jenseits der Erziehung müssen Kinder nicht erst zu richtigen Menschen gemacht (erzogen) werden. Sie tragen von Geburt an die Würdekrone des vollwertigen, ja selbstverantwortlichen Menschen auf dem Kopf und in der Seele – nicht erst mit achtzehn Jahren.

Und wenn diese wunderbaren Kronenwesen dann mit acht Monaten in die Steckdose fassen wollen? Mit drei Jahren keine Dreckstiefel ausziehen? Mit fünf den x-ten Schokohasen von der Oma essen? Mit zwölf die Zigarette nicht ausmachen? Mit siebzehn von der Party nicht nach Hause kommen?

Allen Alltagsproblemen lässt sich mit einer Beziehung ohne pädagogische Übergriffigkeit (»Sieh das ein!«) begegnen. Ein Nein ist und bleibt ein Nein – nur dass die Würde von Kindern und Eltern dabei nicht auf der Strecke bleiben muss.

In großer Breite und Tiefe wird das postpädagogische Projekt »Unterstützen statt erziehen« vorgestellt. Es gilt nicht nur in Bezug auf Kinder – auch Eltern brauchen nicht bessere Mütter und Väter zu werden. Sie sind wie ihre Kinder wunderbar, können sich lieben, so wie sie sind, und müssen gar nichts!

Der erste Teil des Buches enthält die Grundlagen und ist leicht verständlich, mit humorvoller Fantasie und bunten Sprachbildern geschrieben. Der zweite Teil besteht aus vielen anschaulichen Beispielen und eigenen Erlebnissen des Autors. 


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"Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"

In vier Wochen zu beziehen im Buchhandel oder beim Amication - Förderkreis e.V.

Taschenbuch, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-034-1, 16.- EUR

E-Book, 296 Seiten, ISBN 978-3-88739-035-8, 3,99 EUR

 

 


 

Montag, 20. Februar 2023

Sommer-Seminar 2023

 


Am Ende meiner Vorträge sage ich: „Zum Weiterkommen können Sie auch an einem Seminar von mir teilnehmen. Es dauert eine oder zwei Wochen und findet im Sommer statt. Dort kommen junge Familien hin, auch Familien mit älteren Kindern, auch Jugendliche, Studenten, Singles und Senioren, eine bunt gemischte Truppe.“ 

Und dann erzähle ich vom Sommer-Seminar: 

Alle treffen sich, um in dieser Thematik – »Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen« – dazuzulernen und sich auszutauschen. Es gibt drei kleine Programmeinheiten pro Tag, sonst ist viel Zeit für Gespräche und auch zum Ferienmachen und Ausruhen.

Vormittags gibt es eine zweistündige Theoriesitzung. Wir diskutieren über die Zusammenhänge und Hintergründe. Über alles und jedes, was Sie an der Thematik interessiert, Theorie und Praxis.

Nachmittags unternehmen wir etwas mit den Kindern. Das, was sich die Kinder wünschen: Spiele am Haus, Schnitzeljagd, Seebesuch, vieles mehr. Wir erleben dann etwas Praxis unter dem neuen Gesichtspunkt.

Nachts gibt es Gruppendynamik. Wir sitzen im Kreis, die Kinder sind im Bett. Bei dieser Gruppendynamik kommt es darauf an, einmal zwei Stunden lang bewusst ganz und gar für sich selbst verantwortlich zu sein. Einmal darauf zu achten, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, für alles und jedes. Bei den Abenden geht es um Kleinigkeiten, die von jedem einzelnen entschieden bzw. mitentschieden werden.

Will ich auf einem Stuhl oder auf dem Teppich sitzen? Soll das Licht an oder aus sein? Soll das Fenster offen oder zu sein? Will ich mitreden oder nur zuhören? Will ich diese Frage überhaupt beantworten? Möchte ich mich unterhalten oder lieber körperliche Aktivität? Passt mir eigentlich das, was besprochen wird? Wenn nicht, was kann ich machen? Zig Möglichkeiten: Neues Thema vorschlagen, dazwischenrufen, zu singen anfangen, Gaga plappern, Kissen werfen …

Wir sind zwei Stunden in diesem Raum miteinander unterwegs, jeder in seiner Verantwortung für sich. Die Übung heißt denn auch »Selbst-Verantwortungs-Training«. Und mal ist es lustig, mal schmerzhaft, mal spannend, mal langweilig, mal oberflächlich, mal tiefgründig. Jeder hat es mit in der Hand, welche Richtung der Abend gerade einschlagen wird.

Und jeder ist sein eigener Trainer, es gibt keinen Schiedsrichter, Moderator oder Leiter. Ich habe die Übung auch »Tiefsinn und Schabernack« genannt – es ist ein weites Feld. Der Sinn ist, dass man durch unmittelbares Erleben weiter in den Gehalt dieser Philosophie vordringt, die in der Selbstverantwortung des Menschen gründet.


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Das diesjährige Sommer-Seminar findet vom Freitag, dem 21. Juli bis zum Sonntag, dem 30. Juli in der Nähe vom Bodensee statt. Alles Nähere bitte auf unserer Website amication.de unter Termine/Seminare nachsehen.


Montag, 13. Februar 2023

Vierzigtausend Neinsteine



Wie oft sind wir Leidzufüger? Wie oft rollen wir Steine in den Weg unserer Kinder, und sie können nicht tun, was sie wollen? Sind es 5 oder 10 Neins am Tag? Wenn die Kinder klein sind, sind es mehr, wenn sie größer werden, weniger, wenn sie ganz groß sind, kaum einer. Sagen wir im Schnitt aller Jahre: 5 Neinsteine pro Tag. Das sind bei 18 Lebensjahren etwa 33.000 Steine.

Zu den Steinen der Eltern kommen noch die Neins der Omas, Opas, Onkel, Tanten, Erzieher, Lehrer, sonst wer dazu – überschlagen rund 40.000 Neinsteine. Vierzigtausendmal »Nein« wartet auf jedes Kind. Habe ich vorgesetzt bekommen, haben Sie vorgesetzt bekommen.

Ja, wenn unsere Eltern einen guten Tag hatten, waren es vielleicht nur 39.429. Aber im Prinzip vierzigtausend. Ich weiß nun nicht, wie sich dieser riesengroße Steinehaufen verringern lässt. Ich weiß aber etwas zu der Botschaft, die von diesen Steinen ausgeht, von ihrer psychischen Dimension, ihrem Geruch, ihrer Farbe.

Auf der psychischen Ebene sind das entweder 40.000 Steine mit der Botschaft: »Sieh ein, ich habe recht!« Was für uns Kinder heißt: »Ich soll es einsehen. So wie ich das will, ist es nicht richtig. Ich bin nicht richtig.« 

Wir lernen Selbstzweifel und Schuldgefühl. Unsere Selbstliebe und Selbstkraft werden angeknabbert, zersetzt. Und wir werden zu den Erwachsen, die wir heute sind, mehr oder weniger voller Selbstzweifel und Schuldgefühl. Mit viel weniger Selbstliebe als es sein könnte. 

Oder die Botschaft all der Steine ist dies nicht. Keine Attacke auf die Selbstliebe. Nur Attacken auf unser Tun. Wir können zwar nicht tun, was wir wollen, Steine im Weg eben. Wie ein umgefallener Baum, wenn wir mit dem Dreirad daherkommen und umdrehen müssen. 

Ärgerlich genug – aber die Botschaft ist dann nicht »Sieh ein, ich habe recht!« mit den verheerenden Folgen. Sondern »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« Keine kindbezogene Botschaft, sondern eine elternbezogene Botschaft, kein seelischer Angriff, kein psychischer Übergriff. 

Dann werden wir nicht darin verstrickt, dass wir etwas einsehen sollen, was wir nicht einsehen wollen. Wir können unseren Glauben an uns behalten, auch wenn wir nicht tun können, was wir wollen. Selbstliebe und Selbstkraft werden nicht zersetzt. Kein Selbstzweifel, kein Schuldgefühl. Wir werden anders groß.

Montag, 6. Februar 2023

Sich gelten lassen




Auf meinen Vorträgen erzähle ich:

 

Unser Bild von uns selbst hat viele Facetten. Auch diese ist dabei: Bin ich okay? Kann ich an mich glauben? Kann ich mich lieben, so wie ich bin? Oder kann ich das alles nicht? Die Selbstliebe ist eine Lebenskraft wie der Lebenswille. Wie sind wir unterwegs?  

Nun, Sie wissen, dass Sie Fehler machen können. Dass Sie einsehen müssen, was falsch ist. Dass Sie sich verbessern müssen. Um weiterzukommen, muss man zunächst seine Fehler erkennen. Dann sie korrigieren.  

Man kommt nicht fertig auf die Welt, man muss besser werden, ein besserer Mensch werden. Wenn man das nicht schafft, gibt es Schuldgefühle. Und man holt sich Hilfe. Beratung, Seminare, Therapie, alles Mögliche. Aber das geht auch anders.  

»Fehler«: im Alltag schwingt bei diesem Wort etwas Herabsetzendes mit. Im Unterschied zur Mathematik, einer abstrakten Ideenwelt, da gehören richtig und falsch und Fehler zum Regelwerk. Oder bei eindeutigen Verabredungen wie bei einem Hausbau: senkrecht Stein auf Stein, nicht schräg.  

Aber im Alltagsleben ist das Wort »Fehler« ungut befrachtet. Wie »Unkraut«. »Fehler« setzt etwas herab. Nämlich das, was gerade eben noch richtig und gültig war. Die Vergangenheit steht schlecht da, und sie sagt: »Eben war ich gültig, wieso machst Du mich schlecht?«  

Das habe ich verstanden. Alles hat gleichen Wert, Vergangenes wie Gegenwärtiges wie Künftiges. Also schaue ich nicht herabsetzend auf meine Vergangenheit und sage nicht »Fehler« zu ihr, wenn etwas schiefläuft.

Ich erkenne sehr wohl, dass ich etwas jetzt, heute, im Nachhinein anders machen kann als eben. Ich kann mich verändern. Und ich ändere mich ja auch. Aber immer auf einem 100-Prozent-Niveau. Mal gehe ich links herum zum Bahnhof, mal rechts herum. Und wenn etwas daneben geht, mache ich es ja nicht noch mal.  

Aber ich schimpfe nicht mit dem Eben, ich schimpfe nicht mit mir. Ich habe eben aus meinen Gründen heraus so gehandelt – jetzt handle ich anders. Da ist nichts Marke »Fehler« dabei.  

Mit anderen Worten, konsequent und radikal: Ich und auch sonst niemand kann überhaupt einen Fehler machen – weil es so etwas wie einen »Fehler« in den alltäglichen Angelegenheiten nicht gibt. Außer in der Mathematik und Co. Ich kann somit keinen Fehler machen. Ich muss nicht einsehen, dass etwas falsch war.  

Ich muss nichts ändern, aber ich kann. Ich muss nicht »an mir arbeiten«, aber ich kann. Ich muss keine Beratungsstelle aufsuchen und keine Therapie machen, aber ich kann.  

Es ist die Frage, was Sie von sich halten. Armer Sünder oder Ebenbild Gottes? Sie haben die Wahl. Sie entscheiden über Ihr Bild von sich. Ich will Ihnen ja keinen Stress machen. Aber es liegt wirklich an Ihnen. Es ist nicht verboten, an sich zu glauben und sich zu lieben.

Sie können natürlich versuchen, all das Unangenehme und Widerspenstige an Ihnen zu verringern und abzuschleifen. An sich arbeiten, sich erziehen. Durchaus auch mit Hilfe, mit Seminaren, Büchern, Therapien. Damit Sie ein besserer Mensch werden.  

Sie können es aber auch gut sein lassen. Sich gelten lassen mit all den Widrigkeiten und dunklen Seiten, mit all den gruseligen Hörnern, die in Ihrer Seele wachsen und auf dem Kopf zu sehen sind. Wir alle haben so ein Hörnergestrüpp auf dem Kopf. Und gelegentlich kann man dann mal sehen, wie sich dieses Gestrüpp etwas zurechtstutzen lässt.  

Aber niemand muss sich das zum Desaster machen. Sie können sich auch lieben, so wie Sie sind, auch mit diesen ganzen Hörnern. Und wenn Sie dann mit hundert Jahren gestorben sind, dann brauchen Sie eben einen Sarg mit einer Kuppel für all die Hörner. So ist es, und davon geht die Welt nicht unter.





Montag, 30. Januar 2023

"Verantwortung ist Vorherrschaft"




Neulich hörte oder las ich eine interessante Kombination. Es ging um subtile Gewalt und verborgene Unterdrückung, um Macht und Herrschaft. Wie versteckt kommen diese Dinge daher, auch daher, neben offenkundigem Haudrauf? Welche Schleichwege können sie nehmen? Es ging da hin und her, und dann kam etwas, das mich die Ohren spitzen lies: "Verantwortung ist Vorherrschaft".

Ein Credo meiner Weltsicht ist das "Ich bin nicht für Dich verantwortlich." Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt, dass dies ein jeder selbst ist. Dass auch Neugeborene dies sind: für sich selbst verantwortlich. Menschen sind von Anfang bis zum Ende selbstverantwortlich.

Dieses Statement ist eine grandiose Einladung zu Missverständnissen aller Art. Obwohl es auch immer wieder ein klares "So ist es" hervorlocken kann. Die vielen Tore, die das Wort "Verantwortung" zeigt, die vielen bunten Assoziationsfelder und grünen Denkwiesen: da muss Klarheit sein, wo ich bin und wo der Gesprächspartner ist, sonst wird das kaum etwas, so ein Gespräch.

Ich bringe da viele Beispiele, um klarzumachen, was ich meine und wo ich unterwegs bin. Aber die ganzen Beispiele bringen nichts, wenn mein Gegenüber in einem anderen Gebiet unterwegs ist. Wenn er im Land des Sorgens unterwegs ist: "Ich wickle und fütter mein Kind aus Verantwortung". Oder im Land der Anteilnahme: "Es ist meine Verantwortung, meinem Partner in seinem Leid beizustehen." Oder im Land des großen Bogens: "Ich bin für die Umwelt verantwortlich." Oder im Land des Guten: "Ich bin für den Frieden verantwortlich." Zig Länder.

Das Wort "Verantwortung" passt mir da nicht. Es passt mir überhaupt nicht. Denn in meinen Ohren schwingt da etwas sehr Unangenehmes mit, etwas Ungutes, Unzulässiges, Übergriffiges, Anmaßendes, Entmündigendes: Herrschaft. Ich über Dir.

"Ich bin für Dich verantwortlich (Kind, Mensch, Umwelt, Frieden)" setzt mich über jemanden, der nicht aus sich selbst bestehen kann. Weil - weil er es eben nicht kann. Kein Kind kann ohne die Hilfe der Erwachsenen überleben. Kein Friede kann ohne das Engagement von Bürgern bestehen. Und deswegen sind wir alle hier oder dort verantwortlich, jeder an seinem Platz.

Da hau ich dann dazwischen: "Verantwortung ist Vorherrschaft!" Ist das so? Kommt auf den Atem an, auf den Hauch, der diese Einsätze umweht. Welche Umhüllung umgibt den, der sich da verantwortlich fühlt? Die Umhüllung/Botschaft des Missionars, Bevormunders, Herrschers? Wenn es das ist, was ihn trägt und ausmacht: Ist mit mir nicht zu machen. So jemand ist ein unguter Zauberer, der verhext, lähmt, krank macht. So jemand halte ich die magische Blume "Jeder ist für sich selbst verantwortlich" entgegen. Und wer dies versteht, da mitschwingt, die Ohren aufmacht, zu blinzeln beginnt, innehält - mit dem kann mein Gespräch fruchtbar werden.

Waren die Großen meiner Kindheit für mich verantwortlich? Ja, waren sie: In einer guten Art des Kümmerns, der Sorge und der Anteilnahme. Ja, waren sie: in einer unguten Art des Entmündigens, Nichtbemerkens meiner Harmonie/Kraft/Souveränität, in einer gruseligen Vorherrschaft. "Ich helfe Dir, dass Du gelingst und ein richtiger, vollwertiger, für sich selbst verantwortlicher Mensch wirst, der Du jetzt noch nicht bist." Der ich jetzt noch nicht bin? Wie bitte? Ja geht's noch!

Und dann noch alles gleichzeitig und durcheinander und subtil verknüpft. Was einen irre machte. Und was jetzt erst mühsam entdeckt und entwirrt sein will. Amication setzt hier an. Verwirrt die einen - entwirrt die anderen. Entwirrt? Ja, und das ist gut so!


Montag, 23. Januar 2023

Aufräum-Kind

 

 

»Räum Dein Zimmer auf.« Aber das Kind will nicht aufräumen. Ich könnte meinem Kind »seinen Willen lassen«, wie das so schön heißt. Gemeint ist damit die Handlungsebene: Ich könnte es in Ruhe lassen, und es räumt eben nicht auf. Könnte! Will ich? Nein, will ich nicht. Einsehen muss mein Kind ja nichts, klar. Aber tun muss es schon, was ich will. 

Tut es aber nicht. Gute Worte verpuffen, ich setze meine Mächte ein: Zwei Euro fürs Aufräumen – und ernte einen schrägen Blick. »Dann kein Zoo morgen«, der Blick wird schräger. Das wird nichts, merke ich. Gefühlsmacht subtil bis zum Anschreien lasse ich lieber. Körpermacht? Wie soll das denn gehen? Mit meiner Hand seine nehmen und per Doppelhand die Sachen ins Regal stellen? Da kann ich ja auch gleich selbst aufräumen. 

Ich merke, dass mein Kind heute kein Aufräum-Kind ist. In der inneren Welt. Und dass ich es heute auch in der äußeren Welt nicht zum Aufräumen bringe. Möglich und bekannt wäre jetzt noch: »Bevor Du nicht aufräumst, darfst Du nicht raus!« Das ist zwar fiese Erpressung, aber man weiß halt nichts anderes. Und dann? 

»Bin fertig!« Man schaut nach einer Viertelstunde ins Kinderzimmer. »Das nennst Du aufräumen? Ich komme gleich nochmal!« 10 Minuten später: »Bin fertig!« »Wie sieht es denn unterm Bett aus?!« 10 Minuten später: »Bin fertig!« »Wie sieht es denn im Schrank aus?!« 10 Minuten später – usw. 

Ich will, dass aufgeräumt wird. Zauberseifenblasen Marke »Aufräumen ist mein Schönstes« habe ich nicht. Ich kann Petrus anrufen und die Beschwerde loslassen: »Ich habe kein Kind bestellt, das nicht aufräumt!« Der knallt den Hörer auf: »Habe ich aber geliefert!«

Wie kriege ich jetzt die Sachen in Regal, Schrank und Schublade? Wer will denn eigentlich, dass aufgeräumt wird? Mein Kind nicht, aber ich. Also! Also: Wer räumt auf? Ich räume auf! »Du räumst für Dein Kind die Sachen weg, ja spinnst Du! Wo soll das hinführen! Die machen doch mit Dir, was sie wollen!« 

Ich habe da ganz andere Bezüge. Was will ich denn? Das Gezeter und Theater, 10 Minuten um 10 Minuten, bis die Kinder endlich fertig sind und rauskönnen? Nicht mein Ding. Das ist es mir nicht wert. »Räum Dein Zimmer auf.« »Nein. Will nicht.« Na gut – dann räume ich eben auf. Wo ist das Problem? 

Schon klar, das Nachgeben, Kind oben, Vater unten. Das stimmt zwar auf der Handlungsebene, aber nur dort und nicht auf der psychischen Ebene, jedenfalls nicht auf meiner. Ich habe beim Aufräumen kein Unterlegenheitsgefühl. Wenn ich aufräume und die Kinder in Ruhe lasse, gibt es keinen Krach. Sondern Frieden eben, und den zettele ich an. Ich erlebe mich als Friedensstifter im Kinderzimmer, und es geht mir gut dabei. Was habe ich mir für eine viertel oder halbe Stunde Selbstaufräumen nicht alles erspart! Das ganze Machttheater und 10-Minuten-Gruseldrama. 

Ich räume mit guter Stimmung auf, das Zimmer ist wirklich okay, und ich habe dabei mitbekommen, welche Spielsachen repariert werden müssen. Und sauber ist es auch. Die Kinder? Hören CD, spielen, helfen ein bisschen. Ich habe eine schöne Stunde, wir haben eine schöne Stunde. Ein guter Tausch: gute Stimmung gegen Ätze. Das mache ich nicht immer, aber durchaus. Ich bestimme über Krieg und Frieden im Kinderzimmer. 

Außerdem: Unterordnen ist ja nicht das Problem. Das können wir oft genug problemlos, beiläufig. »Geh tanken« zum Auto? Da muss ich schon selbst ran und ordne mich dem Auto und seinem Spritdurst unter. Nur fühlt sich diese Unterordnung nicht nach Herabsetzung an. Ein Auto tankt nicht selbst, es ist kein Tanke-Auto. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst tanke. Mein Kind räumt nicht auf. Es ist kein Aufräum-Kind. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst aufräume. Ist es so einfach? Für mich schon. 

 



Montag, 16. Januar 2023

Eine pädagogische Erzählung in die amicative Welt

 


Demnächst wird mein neues Buch fertig. Titel: "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", so wie meine Vorträge heißen. Im ersten Teil erzähle ich meinen Vortrag, mit vielen Sprachbildern und persönlichen Überlegungen. Dadurch ist es kein reines Sachbuch geworden, das mit einem Sachbuch-Leseblick gelesen werden will. Was ja eine gewisse Mühe bedeutet und, sachbuchgemäß, in rein intellektuellen Gefilden verortet wird. Will sagen: Die Leserin und der Leser eines Sachbuchs wissen, was sie von Anspruch und Leseerleben her erwartet. Was hier aber nicht passt.

Mein Buch ist etwas anderes als ein "reines" Sachbuch. Es hat viele fantasievolle, auch surreale Szenen, ich schreibe persönlich, es ist oft überraschend bis frappierend, und immer wieder anrührend. Also: Sachbuch? Passt nicht wirklich.

Wer das Buch nicht kennt und es zum ersten Mal in der Hand hat, beim Stöbern im Regal der Buchhandlung oder auf dem Wohnzimmertisch bei Freunden, der sieht natürlich zuallererst auf die Titelseite. Und da will ich gleich den richtigen Stups geben: Du hast kein reines Sachbuch in der Hand - viel mehr wird Dir hier geboten. Wie kann ich das rüberbringen? Wie das bewerkstelligen? Da habe ich mir überlegt: ich schreibe gleich vorn auf die Titelseite den richtigen Nachsinne-Öffner drauf. Ein Sachbuch ist es nicht, ein Roman auch nicht. Ein Märchen? Nein, es ist mehr als Fantasy. Aber eine Erzählung? Ja, das kommt hin. Also schreibe ich zu "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" dazu, darunter: "Eine Erzählung".

Das ist mit aber zu unspezifisch, zu mark- und farblos. Da muss mehr her. Also: "Eine pädagogische Erzählung". Das soll dem Titelbildleser den richtigen Impuls geben! Es geht nicht um irgendeine Erzählung, sondern um eine, die mit Eltern und Kindern zu tun hat. Und die das darüberstehende "Unterstützen statt erziehen" auffängt, irgendwie in geordnete Bahnen lenkt und nicht in unrealistisches erziehungsloses Chaos. "Pädagogische Erzählung" - klingt ordentlich, gewohnt. Trotzdem interessant: Was soll denn das "Unterstützen statt erziehen"? "Statt"?

Aber "pädagogisch"? In meiner amicativen Welt? Nur keine Berührungsängste! Ich will die Menschen ja dort abholen, wo sie unterwegs sind. Die allermeisten sind vor dem Bücherregal und dem Wohnzimmertisch pädagogisch unterwegs. Dass sie im Buch mitgenommen werden zu anderen Ufern - das werden sie dann schon merken ... Bei "pädagogisch" auf dem Titelbild vergebe ich mir nichts, sondern ich öffne ein Tor. In die amicative Welt.

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Aber wie das so ist. Den Text habe ich vor zwei Tagen geschrieben. Drüber nachgedacht. Alles ist gut überlegt, aber. Der Zusatz "Eine pädagogische Erzählung" nimmt die ganze Wucht und das Geheimnis von der Titelseite weg. Erklärt zuviel. Ich lass es also bei dem, wie es die ganze Schreibezeit um mich war, ohne den Zusatz, klar und prägnant:

Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen