Montag, 25. März 2024

Resonanz

 


Es ist Nacht. Ich bin draußen, in den Feldern. Ich liege auf meiner Isomatte und bin warm angezogen. Ich habe ein Kissen unter dem Kopf und sehe. Das Nachtdunkel, und darin die Sterne. Lichter, Punkte, größere, kleinere. Einige erkenne ich wieder, Orion, Plejaden, Wagen, Himmels-W. Jupiter ist nicht zu verfehlen. Halbmond. Von den Lichtpunkten über mir weiß ich, dass darunter unzählige Galaxien sind, die ich nur als Punkt wahrnehme. Milchstraßen, mit Übermillionen Sternen. Und dass es Übermillionen Milchstraßen gibt. Dann höre ich auf nachzudenken.

Ich lasse mich fallen in diese Dunkelheit mit den Lichtern. Wer bin ich – wer seid ihr? Was passiert in mir? Es ist eine grandiose Harmonie, die ich wahrnehme. Ich komme mehr und mehr zu mir. Meine Nähe zu mir ist meine Nähe zum Universum. Meine Nähe zu mir kommt als Selbstliebe daher, meine Nähe zum Universum als Vertrauen und Vertrautheit. Ich bin mit all diesem in Beziehung, Verbindung, Resonanz.

Es muß sich nichts ändern. Es kann sich alles ändern. Und es ändert sich ja auch immer wieder. Sterne vergehen und entstehen. Meine Wege lösen sich auf und beginnen neu. Meine Winzigkeit hier unten ist mein Universum, und ich nehme die Zuversicht der Sternenwelt gegen meine Verzagtheiten. Wo der Klang der Großen Liebe aus den unendlichen Tiefen des Kosmos meine Selbstliebe zum Schwingen bringt. 

Montag, 18. März 2024

Liebe Lehrer, ich habe ein Konzentrationslager überlebt... Mein Anliegen ist:

 

 

Ich ordne alte Akten und finde einen handgeschriebenen Brief, der uns vor langer Zeit zuging:


Liebe Lehrer, 

ich habe ein Konzentrationslager überlebt.

Meine Augen haben Dinge gesehen,

die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

Gaskammern, gebaut von gebildeten Ingenieuren,

Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten,

Säuglinge, getötet von erfahrenen Krankenschwestern,

Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt 

von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

Mein Anliegen ist:

Helfen Sie Ihren Schülern, menschlicher zu werden.

Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte 

keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen,

keine befähigten Psychopathen,

keine gebildeten Eichmanns.

Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig,

wenn sie dazu beitragen,

unsere Kinder

menschlicher

zu machen.


Haim G. Ginott

 




 

Montag, 11. März 2024

Ich verliere nicht gern Freunde

 


Ich erfahre von einem Freund, dass neulich jemand schlecht von mir geredet hat. Zu einer anderen Person, die das dann alles geglaubt hat und nun mit einem Bild von mir rumläuft, das ungut ist. Und mit mir nichts mehr zu tun haben will.

Soll ich bei der betreffenden Person intervenieren, zurechtrücken? Damit ich wieder gut dastehe? Und soll ich den Schlechtredner zur Rede stellen? Soll ich mich überhaupt in so etwas reinhängen?

Ich bin jemand, der sich da eher raushält. Mit Schmutz beschäftigen bringt nur schmutzige Hände. Wenn der Schlechtredner nicht erst mal mit mir redet über das, was er an mir schlecht findet, sondern gleich zu anderen geht und seine Sicht über mich kundtut - da komme ich doch gar nicht mehr an ihn ran. Klar, ich könnte auch energisch, empört oder freundlich auf ihn einreden, dass ich doch gar nicht so bin, wie er meint. Aber er hat mich ja schon hinter sich gelassen. Er hat sein Bild von mir, leider ein schlechtes. Stehe ich ihm zu.

Was also tun? Na ja, ich bin mein eigener Chef, ich kann auf alle mögliche Weise reagieren. Mein Motto ist eben: Null Reaktion, es auslaufen lassen. Den Schlechtredner nicht reizen, anheizen. Ich bin ihm dabei nicht mal böse, es ist ja sein Ding mit mir, das muss er so haben. Nur ich habe keine Lust, mich mit dieser seiner Schlechtsicht auf mich zu befassen. Ich finde mich nämlich sehr in Ordnung. Muss er ja nicht mitmachen.

Die Alternative ist: offensiv reinhängen. "Was hab ich da gehört? So redest Du über mich? Wie kommst Du denn darauf?" Mal sehen, was kommt. "Entschuldige, das habe ich nicht gewusst, Ja, wenn das so ist." Na prima. Das Geschmäckle aber bleibt, ich kann dem doch nicht die Seele richten.

"Tut mir echt leid, dass ich so von Dir gedacht habe." Ehrliches Innehalten, die Basis wiederfinden, Vertrauen, "Ok, Schwamm drüber!" Nanana, denk ich, das gibts doch nur im Märchen. Der Schlechtredner hat mich aufgegeben, mich nicht erst mal gefragt, sondern ist mit festem schlechten Bild von mir losgezogen.

Ich bin not amused, wenn schlecht über mich geredet wird. Aber was solls, kommt eben vor. Blöd sind nur die Auswirkungen auf andere. Na ja, das warte ich dann mal ab. Die betroffene Person hat sich von mir zurückgezogen. Aber demnächst mache ich doch noch einen Versuch, wieder gut gesehen zu werden. Weil mir diese Person wichtig ist. Ich verliere nicht gern Freunde.

 

Montag, 4. März 2024

Wutausbruch: Wer ist zuständig?

 



Das Erkennen der Selbstverantwortung bedeutet das Ende der Verstrickungen, die dadurch entstehen, dass jeweils der andere verantwortlich dafür gemacht wird, wie es einem geht.

Wenn ich gewohnt bin und nicht anders denken kann, als dass andere für mich verantwortlich sind, dann gilt in den Beziehungen das »Du bist schuld« und »Wegen Dir geht es mir schlecht«. Aber ich kann mich von dieser Sicht fremder Verantwortung fort und hin zur meiner eigenen Zuständigkeit orientieren.

Im Bereich der psychischen Wirklichkeit, der Bewertung und Gewichtung der Außenwelt, zu der auch das Verhalten des anderen gehört, erlebe ich dann meine ungeschmälerte Selbstverantwortung: »Was andere mit mir tun, unterliegt der Bewertung von mir«. Für die Innenseite der Beziehung gilt das Andere-sind-für-mich-verantwortlich-Muster nicht mehr.

Es gilt dann: »Auf Dein Verhalten kann ich mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist meine Zuständigkeit. Für meine Reaktionen auf Dein Tun bist nicht Du, sondern bin ich selbst verantwortlich.«

Und ebenso: »Auf mein Verhalten kannst Du mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist Deine Zuständigkeit. Für Deine Reaktionen auf mein Tun bin nicht ich, sondern bist Du selbst verantwortlich.« 

Auf einen Wutausbruch etwa kann der andere ebenfalls mit Wut oder auch gelassen reagieren, für beide Reaktionsmöglichkeiten wird er seine Gründe haben. Es gilt aber nicht mehr, den anderen für die eigene Reaktion verantwortlich zu machen.Und ebenso gilt nicht mehr, mich für die Reaktion des anderen zuständig zu machen.