Freitag, 14. Juli 2017

Ja zu mir - Ja zu Dir




















Blog - Sommerpause


Ich fahre mit den Kinder in die Sommerferien. Erst zu unserem
traditionellen  Freundschaft mit Kindern - Sommercamp, dann
nach Frankreich ans Meer. Mit dem Blog will ich eine Sommer-
pause machen, ich komme nicht zu regelmäßigem Posten. Mal
sehen, vielleicht klappt es ja doch ab und zu. Ende August bin
ich dann wieder dabei und es gibt neue Posts

Ich habe überlegt, welchen Post ich jetzt als letzten vor der
Sommerpause einstelle. Der letzte Post wird ja erst einmal
aufgerufen, wenn in diesen Wochen jemand auf meinen Blog
schaut. Da soll es schon ein besonderer Post sein. Beim Kra-
men in meiner Schatzkiste bin ich dann bei der Partnerschaft
hängengeblieben. Das ist ein großes Thema und auch voller
Substanz.

Ich sage Tschüs, habt eine gute Sommerzeit! Euer Hubertus




Ja zu mir - Ja zu Dir

»Ich bin für Dich, Dein Glück und Dein Leid verantwortlich,
und Du bist es für mich.«

Eine Frau kommt nachts nicht nach Hause, sie war bei einem
anderen Mann. Ihr Partner ist verletzt und es geht ihm nicht
gut. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie für seinen Schmerz
verantwortlich ist. Denn wenn sie nicht zu einem anderen
Mann gegangen wäre, würde es ihm nicht so schlecht gehen.
Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat ein schlechtes Gefühl und
ein schlechtes Gewissen. Schuldgefühl. Schuldzuweisung. Die
Stunde danach ist hässlich.

Aber es geht auch anders.

In der Nachbarwohnung wohnt ein anderes  Paar. Auch sie
kommt eines nachts nicht nach Hause, auch ihm geht es
schlecht. Kein Unterschied zum Paar nebenan. Doch am
nächsten Morgen ist der Unterschied groß: Denn sie ist in
keiner Weise für seinen Schmerz verantwortlich - dies ist er
selbst. Er ist selbstverantwortlich. Von Geburt an. Auch für
seine Reaktionen. Auch in dieser Situation. Auch für seinen
Schmerz. Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat kein schlechtes
Gefühl und kein schlechtes Gewissen. Kein Schuldgefühl.
Keine Schuldzuweisung. Die Stunde danach ist nicht hässlich.

»Ich liebe Dich, doch ich bin nicht für Dich verantwortlich.
Ich nehme Dir nichts von Deiner Verantwortung für Dich
fort« - dies gilt auch in der Partnerschaft. »Ich wünsche mir
Deine Liebe, aber nicht, dass Du mir meine Verantwortung
für mich absprichst«. Eine andere Basis der Partnerschaft.

Diese Partnerschaft ist ohne Schuldgefühl und ohne Schuld-
zuweisung. »Mein Schmerz ist meine Wahrnehmung, meine
Reaktion auf Dich, und für alle meine Reaktionen trage ich
selbst die Verantwortung, nicht Du.« Damit ist der Schmerz
nicht aus der Welt geschafft, es werden aber die Zuständig-
keiten zurechtgerückt. Gleichwertigkeit wird an die Stelle
von oben (im Recht sein) und unten (im Unrecht sein) gesetzt.

In der Nacht lässt sie ihre Blumen blühen. Und er reagiert
darauf mit Schmerz. Er könnte auch anders reagieren: ge-
lassen, unaufgeregt. Aber er fällt in den Schmerz. Dies ist
verständlich, aber dafür ist nicht sie verantwortlich. Das
weiß er, und er macht sie nicht für seinen Schmerz verant-
wortlich. Und sie? Sie lässt so viel Liebe und Wärme zu
Hause zurück, wie sie kann. Warum sollte sie kalt und teil-
nahmslos sein? Sie kümmern sich umeinander, denn der
andere ist Teil des eigenen Ichs.

Was passiert am Morgen danach? Sie kommt, weil sie wirk-
lich will. Sie ist nicht verstrickt in Abwehr gegen Schuld-
vorwürfe, da er nicht mit Schuldzuweisungen reagiert. Sie
ist offen für ihn, sie trägt die Energie der Nacht zu ihm, sie
steht ihm in seinem Schmerz bei. Sie reagiert mit Empathie,
nimmt ihn vielleicht in den Arm und tröstet ihn. Sie liebt ihn
- aber das hindert sie nicht, ihre Wege zu gehen, auch wenn
dies für ihn Schmerz bedeuten sollte.

Und er? Er liebt sie, und bei allem Schmerz über ihr Weg-
bleiben erfüllt es ihn doch mit Freude, vielleicht mit Stolz,
dass er diesen geliebten Menschen nicht behindert, trotz all
seiner Angst und Not. Seine Liebe trägt sie, und ihre Liebe
trägt ihn.

Doch wenn der Schmerz zu groß wird, trennen sich die Wege.
Das kann er ihr sagen, ohne den lieblosen Druck, sie mit seinem
Schmerz zum Bleiben zu bewegen. Wohl aber mit dem Wunsch
und der Hoffnung, dass sie bleibt. Er weiß, respektiert und ach-
tet, dass sie entscheidet, wie ihr Leben weitergehen wird. So
wie er das auch für sich erkannt hat. Sie kann seine angekündigte
Reaktion mit dem Abenteuer der Nacht abwägen - ohne sich un-
zulässig unter Druck gesetzt oder herabgesetzt zu fühlen. Wenn
sie geht, geht auch er. Wenn sie bleibt, bleibt auch er. Fortgehen
oder bleiben - beide Partner entscheiden sich, ein jeder in seiner
Verantwortung für sich selbst.

Der Schmerz des einen hindert den anderen nicht automatisch,
den eigenen Weg zu gehen. Doch selbstverständlich kann man
auch auf den angestrebten Weg verzichten, auch in der Partner-
schaft. Die Frau kann auch bleiben. Sie fragt sich: »Was will
ich wirklich, angesichts aller Umstände?« Und sie bleibt oder
sie geht.

Sie muss nicht gehen, sie muss nicht bleiben: sie will gehen
oder sie will bleiben. Und sie will zurückkommen. Weil sie
wirklich will, nicht aus Verantwortung.

Liebe und Verantwortung jedoch führen immer wieder zu
Verzicht und Verrat der Träume und Wünsche, eben »aus
Verantwortung«. Und wenn man doch seinen Träumen folgt,
dann mit dem schlechten Gewissen, sein Wort nicht zu
halten und seiner Verantwortung für den Partner nicht ge-
recht zu werden. Es kommen Schuldgefühl und Schuldzu-
weisung, Entschuldigung und Vergebung. Es existiert eine
Beziehung mit gut und böse, richtig und falsch, oben und
unten, ohne gleiche Wertigkeit der Partner.

Doch niemals steht einer über dem anderen, tut der eine das
Richtige, der andere das Falsche, ist der eine gut, der andere
böse - auch nicht in der Partnerschaft, auch nicht bei Leid
und Schmerz. Von gleich zu gleich gehen sie aufeinander zu
und miteinander um, auch wenn die Wege sich trennen, auch
wenn des einen Glück des anderen Schmerz ist.

Diesen Partnern ist Liebe fremd, die aus Verantwortung
füreinander kommt und immer wieder Nein zu sich selbst
sagen muss. Ihre Liebe zueinander kommt aus dem Ja zu
sich selbst und der Freude über den anderen.



Donnerstag, 13. Juli 2017

Smartphonkuscheln



















Ein alter Freund meldete sich gestern nach langer Zeit und
bat mich um Rat. Seine sechsjährige Tochter hängt mehr
und mehr am Smartphon. Er macht sich Sorgen, besonders,
nachdem er ein Video von Manfred Spitzer gesehen hat.


*

Lieber Josef,

meine Jüngsten sind inzwischen 15 und 17. Als sie 11 und
13 waren, begann das. Ich habe mich schwer geärgert, dass
der Apparat so viel Aufmerksamkeit zog. Dass das Erleben
der realen Welt von der virtuellen Kunstwelt irgendwelcher
Geldhaie so abgedrängt wurde. Sie bekamen Zeitlimits, erst
eine Stunde, dann zwei. Auf einer Ferien-Hinfahrt nach Polen
hingen sie dann 6 Stunden am Phon, ich habs überstanden.
Wohl war mir nicht, Spitzer und Co. Heute können sie in ei-
gener Regie machen. Ich habe nicht! bemerkt, dass sie irgend-
ein Problem im Umgang mit der realen Welt bekommen haben.
Wenn wir im Wald sind, sind wir im Wald. Auf der Fahrt dort-
hin hängen sie am Phon.

Ich sage jetzt: Ein Verbot stört ihre innere Ruhe, mit dem Biest
umzugehen. Wenn ich sie lasse und freundlich begleite, haben
sie bei all der Verhexung ja mich als Anker und jemand, der zu
ihnen hält, sie nicht ausmeckert, blöd findet, sich die Haare rauft,
Weltuntergang ruft. Sie können sich bei mir ganz entspannt (mit
meiner freundlichen Begleitenergie) diesem Kram/Irrsinn/Unsinn/
Verblödungsmaschinerie hingeben. Ich glaube, das ist das beste,
was ich beisteuern kann.

Erlebt (= erlöst von meiner Sorge, sie kommen zu Schaden) habe
ich diese Haltung bei einem Freund, hochdekorierter (Anti)Päd-
agogikprofessor in Polen. Wir waren zu Besuch, seine Tochter
(15) hing nur am Phon. Kam zum Abendessen, kurzes Hallo-Auf-
blicken von Phon zu den Gästen, drei Löffel Suppe mit Phon. Bis
dahin war ich not amused. Dann aber: sie kuschelte beim Phon-
spielen ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, der neben ihr saß,
spielte weiter mit dem Biest, er freute sich über sie, die ganze
Atmosphäre war entspannt, friedlich, wunderbar. Das hat mich
überzeugt, da war ich alle Sorgen los.

Wir haben dann darüber gefachsimpelt, klar, er und ich, wir
kennen alle Pro und Contras. Im Ohr habe ich: "Es ist ihre Welt,
die Welt dieser Generation, und wenn wir nicht mehr sind, sind
die Kinder noch da und leben so, wie das dann sein wird."  Ich
erinnerte mich an das Verdikt über Fix und Foxi und all diese
Heftchen in meiner Kindheit. Fazit: Lass Dein Mädel in Ruhe,
wenn Du es kannst, später, wenn wir hin sind, sehen wir uns
das dann mal von oben an, was draus geworden ist. Lieb sie
einfach, auch in diesem Phonwahn. Und Du kannst Dir, wenn
Du das schaffst, auch ihre Phonwelt erklären lassen. Mehr Wis-
sen in Phondingen hilft mir jedenfalls.


Lieber Josef, also entspann Dich, mach Dir keinen Stress, den
überlass Spitzer und Co. Nicht nachgeben, weil alle das machen.
Sondern etwas verwirrt aber mutig mit Deinem Kind einen neuen
unbekannten Weg gehen, sie nicht allein/im Stich lassen. "Papa
steht hinter mir" hat so viel! Und erfreu Dich an Deinem Kind
und geh Du in den Wald = reale Welt, wenn Dir danach ist. Ich
jogge jedenfalls jeden Tag, und beim Geocachen (sieh mal Geo-
caching.com "Was ist Geocaching?") sind die Kinder dann auch
mit draußen.

Liebe Grüße Hubertus








 

Montag, 10. Juli 2017

Kinderland: Tja, Rückwärtsgang!



















Aus meiner Kinderforschung.

Melanie (3) will Rad fahren. Sie hat ein Rad mit Stützrädern.
Ich soll sie schieben. Ich fasse an den Lenker und tu es. Wir
wandern so eine Dreiviertelstunde. Durch die Straßen bis
zum Feld. Sie kennt sich aus. Sie sagt mir, wo es langgehen
soll. Ich staune, dass sie so gut Bescheid weiß.

Ich mache eine Entdeckung: Sie will meine Schiebekraft,
nicht meine Führung. Ich soll nicht lenken beim Schieben.
Ich soll nur schieben. Immer wieder ertappe ich mich, dass
ich drauf und dran bin, beim Schieben auch zu lenken. Zehn
Zentimeter vor dem Gitter dreht sie den Lenker, und ich hatte
mich schon zum Stoppen bereitgemacht.

Einmal kriegt sie die Kurve nicht hin. Ich sah es kommen -
und habe es geschafft, nicht einzugreifen. Sie sieht mich an -
tja, Rückwärtsgang!

Sonntag, 9. Juli 2017

Schulwahrheit, III, Sprengköpfe



















Ich habe selbstverständlich! auch Noten gegeben. Ohne Noten-
gebung kein Lehrersein. Klarer Fall, kein Pardon: Ich war genau-
so anmaßend und unterdrückend wie jeder andere Lehrer. Ich
war mir aber darüber klar, welches Unrecht da von mir ausgeht.
(Warum ich dann überhaupt als Lehrer gearbeitet habe, ist eine
andere Frage.) Und mit diesem Bewußtsein konnte ich etwas
erkennen, was "normalen" Lehrern verborgen ist. Und ich habe
auch anders gehandelt, ein bisschen wenigstens... Aus meinem
Schultagebuch:

*

Große Debatte mit einer Gruppe von zehn Kindern (6a) die
ganze Stunde über. Es geht um meine Notengebung. "Warum
gibtst Du Elisabeth keine 2, wo sie doch 2 steht, wie Du selbst
sagst?". Ich erkläre, dass es nicht gestattet ist, jemandem eine
2 zu geben, wenn er auf dem letzten Zeugnis eine 5 hatte. Und
dass die Note am Ende des Schuljahres eine Gesamtnote für
das ganze Schuljahr ist, dass also die Frühjahrsnote mit berück-
sichtigt werden muss. Aber das interessiert sie nicht.

Sie lassen sich nichts vormachen, wenn es um ihre Interessen
geht. "Wenn Du meinst, dass sie eine 2 kriegen kann, dann
steht ihr das zu." Sie haben ihre eigenen Bezugsgrößen und
Relevanzkriterien, die ihnen Auskunft darüber gebeben, was
gut für sie ist und was nicht.

Ich trickse dann, um ihr die 2 doch geben zu können. "Ja,
da gibt es eine andere Regel, die sagt, dass man die bei
einer Konferenz eingereichten Zensuren nicht mehr ändern
darf." Die Begründung interessiert sie nicht, sie sind zufrie-
den, dass Elisabeth ihre 2 bekommt. Mir aber ist sauunwohl
dabei, der so nicht gültigen Vorschrift und der Kollegen we-
gen. Ich tröste mich damit, dass es nicht an die große Glocke
kommen muss.

Und in mir kommt Wut über diesen ganzen Notenquatsch
hoch. Selbstverständlich sind die Noten, die ich ihnen ver-
passt habe, von mir subjektiv zusammengebraut. Diese
blödsinnigen Ansichten über "objektive" Notengebung!
Derartige Beurteilungen sind Herrschaftsausübung, Kom-
munikationsvernichter, schlicht widerliche Angelegenheiten,
inhuman. Wer anders darüber denkt, weiß nicht, was Sache
ist bei denen, die das alles ertragen müssen. Und natürlich
bin ich dafür, überhaupt keine Noten zu geben, all das "Ich
weiß was über Dich" schleunigst sein zu lassen und statt
dessen in ehrliche und gleichwertige Kommunikation ein-
zutreten.

*

Mit der 5c bespreche ich die Noten auf dem Rasen. Ich gehe
deswegen extra nach draußen. Es ist eine abgesicherte Gele-
genheit, rauszugehen.

Mit vielen geht es schnell. Ich setze die Noten nach Gefühl
fest und mit Hilfe von Notizen, wer mitgemacht hat. Ich gebe
keine 5. Das mache ich sowieso nur dort, wo ich wegen
schriftlicher Arbeiten nicht anders kann, also in Mathe. Aber
in Bio und Physik, wie hier in der 5c, denke ich nicht daran,
diesen Superirrsinn mit den Fünfen mitzumachen. Da habe ich
keinerlei Skrupel, hier kann ich echt mal etwas machen. Denn
in Fächern ohne schriftliche Arbeiten kann es sich jeder Lehrer
sparen, Fünfen zu geben. Wer nie mitgemacht hat, kriegt eben
eine 4 und Schluss.

Bei einigen schwanke ich, sie wünschen eine bessere Zensur.
Sie sollen sie haben. Bei zwei anderen bleibe ich hart. Die ak-
zeptieren. Insgesamt bin ich mit der Sache zufrieden und denke,
dass ich mit meiner Notengebung fair bin.

Zum Schluss sind sie dann besessen von der Notengeberei. Sie
hängen so davon ab. Das geht mir durch und durch. Sie leben
mir vor: Gute Note heißt gut sein. Oh Mann!

*

Letzter Schultag vor den Ferien. In den Klassen werden die
Zeugnisse verteilt. Ich denke daran, dass dies jetzt überall im
Land passiert.

Jetzt, im Momant, findet ein geradezu bombastischer Angriff auf
die Kinder statt, Raketen mit Vielfachsprengköpfen werden ab-
gefeuert: Jedes Zeugnis enthält rund ein Dutzend Sprengköpfe in
Form von Noten, deren Wirkung entweder heimlich, hinterrücks
ist: Zerstörung des Selbstvertrauens, des Setzens auf sich selbst,
durch die "guten" Noten der Erwachsenen. Oder brutal offen:
Schlechte Note = schlechtes Kind.

Und ich habe mitgemacht. Es ist ein widerliches Geschäft.











 

Samstag, 8. Juli 2017

Schulwahrheit, II, In den Tod



















Vor den Sommerferien gibt es Zeugnisse. Erwachsenen urteilen
über Kinder, Lehrer über Schüler. Ungefragt, unbestellt. Was ist
dabei? Dabei ist die Anmaßung, so mit Kindern "selbstverständ-
lich" umgehen zu können. Wen stört das, wer nimmt daran Anstoß?
Sollte es uns stören, sollten wir daran Anstoß nehmen? Und was
für Auswirkungen hat diese Notengeberei, kann sie haben, könnte:
ach ja, tatsächlich? Kann, darf, sollte man sich darüber Gedanken
machen? Läßt sich da was ändern? An dem Notengeben? An der
Einstellung der Erwachsenen? An der Einstellung der Erwachse-
nen? Aus meinem Schultagebuch:

*

Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn
belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend über
die Geheinmiskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe anderer-
seits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht
sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe.
Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich
weiß - dass er versetzt wird - und beende den Terror gegen ihn.

*

Nach dem Sportfest bin ich noch eine Weile mit den Kollegen
im Lehrerzimmer. Sie sind so völlig anders - sie sehen die Kinder
so völlig anders. Als Objekte, aber freundlich (nicht auch noch
hämisch). Und doch weit, weit weg von ihnen. Sie bestimmen
über sie. Es taucht gar nicht die Idee auf, dass jedes Kind sein
eigener Souverän sein könnte. Sie wissen, was für Kinder gut
ist, das ist eine ganz klare Sache. Sie sind auf einem wirklich
anderen Weg als ich. Ich merke es und lasse sie in Ruhe.

Von Josef wissen sie, was es für ihn bedeutet, endlich zu erfah-
ren, ob er versetzt wird oder nicht. Sie sagen es und sehen sich
mit ernsten Minen an - aber auf die Idee zu kommen, ihm mit-
zuteilen, was sie ausgemacht haben, sitzt nicht drin. Können sie 
nicht fühlen, wie es in dem Jungen aussieht? Gut, dass ich
es Josef verraten habe.

*

Ich telefoniere mit einer Mutter, und wir kommen auf die schäd-
lichen Auswirkungen von (schlechten) Zensuren. Sie erzählt von
ihrer Tochter (7. Klasse), die in Latein eine 4 kriegt und deswe-
gen völlig fertig ist. Sie ist in den letzten drei Tagen nicht zum
Schwimmen gegangen, und es sind draußen jetzt jeden Tag über
30 Grad. Ich bin also voll drin in der Wirkungsproblematik der
Notengebung. Und was liegt neben mir? Die Klassenmappen,
und ich werde gleich - Noten festsetzen!

Verkehrte Welt. Natürlich nehme ich mir vor, die negativen Aus-
wirkungen gering zu halten. Und bei den Kindern, die ich gut
kenne, wird das wohl auch gehen. Aber bei den anderen, die
ich nicht näher kenne, weiß ich nicht, was da eine 4 in Bio oder
eine 5 in Mathe, oder, oder, oder bedeuten, welchen Stellen-
wert diese Urteile in ihrem Leben haben.

*

"Schülerpaar tötete sich"
"München, 23. Juni (dpa). Eine Woche nach der Einnahme ei-
nes Pflanzenschutzmittels sind am Montag in einem Münchener
Krankenhaus ein 19jähriger Gymnasiast und seine 15jährige
Freundin gestorben. Vor acht Tagen hatten die beiden be-
schlossen, aus Verzweiflung über schulische Schwierigkeiten
gemeinsam in den Tod zu gehen."

Fortsetzung folgt.




Donnerstag, 6. Juli 2017

Schulwahrheit, I, Gebäude des Schreckens



















Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus
der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von
einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schul-
tagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin.
Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kol-
legen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel
"einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und
liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zu-
rufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für
seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was
ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden
habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachs-
enen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder be-
merken. Für die anderen ist eine solche Aussagen nur "dummes
Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre
Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede
leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Ver-
letztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule
verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie
noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die an-
deren helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und
ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung.
Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert.
Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


                                 Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
          

Fortsetztung folgt.
         




Dienstag, 4. Juli 2017

Dach der Zivilisation



















G 20 - ich überlege, welchen Protestbeitrag ich leisten könnte.
"Schlag Dein Buch auf und lerne, was da steht!" Ja - geht's noch?
Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken? Wem gehöre
ich und wem gehört die Welt? Ich halt mal dieses Plakat hoch:

"Mein Denken gehört mir!"


*

Unsere Zivilisation beruht auf bestimmten geistigen Leistungen,
etwa dem technischen Wissen, um Brücken, Kühlschränke, Fern-
seher und Raketen bauen zu können. Doch dieses Wissen kommt
aus dem Zwang, den die Erwachsenen mit der Schulpflicht der
nachwachsenden Generation auferlegt. Unsere Zivilisation beruht
auf der geistigen Versklavung unserer eigenen Kinder - nichts,
worauf wir stolz sein können, und nichts, das sich nicht ändern ließe.

Lernen Kinder denn ohne Schulpflicht das, was wichtig ist ? - Wichtig
für wen? Für die Erwachsenen? Die Kinder werden das lernen, was
aus ihrer eigenen Sicht wichtig zu lernen ist.

Die Verhältnisse werden sicher anders sein, wenn Menschen über ihr
Denken selbst bestimmen können, und das ist nur für die zum Nachteil,
die die Macht nicht teilen wollen. Das selbstbestimmte, von innen kom-
mende Lernen ist ein wertvoller Schatz der Menschheit, der gehoben
werden muss, wenn die anstehenden Probleme sinnvoll gelöst werden
sollen.

Vielleicht wird die Post dann nicht mehr in einem Tag von Hamburg nach
München befördert werden können - die Menschen werden selbst ent-
scheiden, was ihre Lebensqualität ausmachen soll und was nicht.

Montag, 3. Juli 2017

Fehler machen? Geht nicht!



















Wenn jemand einen Fehler macht, so bedeutet das, dass er nicht 
so gut war, wie er aber hätte sein können oder sollen. Dann tauchen 
Rechtfertigungsüberlegungen auf. Eingeständnisse werden gemacht. 
Die dunkle Wolke Schuldgefühl zieht auf. Und fordernd scheint der 
helle Stern Gutsein, hinter dem man endlos herläuft. Doch in der 
Amication ist alles anders:

Ein jeder ist für sich selbst verantwortlich. Für sein Leben, dieses 
sein Leben. Wenn man etwas tut, dann aus Verantwortung für sich, 
aus seinem jeweiligen Sosein. So, wie man gerade ist, denkt, fühlt 
– handelt man. Im Moment des Tuns, in der aktuellen Gegenwart, 
gilt jeder einzelne Sinn. Das ist nicht richtig, das ist nicht falsch. Es 
ist.

Wenn dann jemand dazu sagt, das sei ein Fehler – dann redet er 
eine fremde Sprache. Er schaut auf Einsichten, Normen, Daten, 
die er kennt, und daran misst er den anderen. Das ist dann für ihn 
wichtig – aber mit dem anderen hat das nichts zu tun.

In der Amication achtet ein jeder seine Gegenwart, sich, seinen 
aktuellen Sinn so sehr, dass er ihn – diesen Sinn, der in ihm lebt – 
nicht im Nachhinein eines Fehlers bezichtigt. Der Sinn, der einen 
jeden handeln lässt, ist dann, wenn er geschieht, fehlerlos. Besser: 
Jenseits von richtig und falsch, weder richtig noch falsch. Er ist.

Man kommt nicht auf die Idee, seiner Vergangenheit Vorhaltungen 
zu machen. »Hättest Du aber doch ...« – dies ist fremd. »Hab ich
aber nicht« ist die Antwort. Ruhig, kraftvoll, überzeugt. »Hab ich 
aber nicht.«

In der Amication gilt also: Niemand macht wirklich (existentiell 
gesehen) einen Fehler – man kann gar keinen machen. So, wie 
man auch nichts richtig machen kann. Was jemand macht, findet 
statt, sinnvoll, verantwortet vor sich: »Ich bin, ich lebe, und nicht 
an objektiven Kriterien zu messen.« Wohl an subjektiven: an den 
eigenen, an den fremden. Aber diese haben keine Macht über die 
Vergangenheit, über die Achtung vor sich selbst. »Du magst mich 
finden wie Du willst – ich aber bin.«

Ein jeder kann jetzt anders handeln als eben. Jederzeit. Aber das 
Eben wird dadurch nicht zum Fehler. Und das Jetzt nicht zum Rich-
tigen. Man kann sich verändern ohne den Hintergrund und die Welt,
die um den »Fehler« herum sind.

Freitag, 30. Juni 2017

Amication leben, Helmut



















Mein gegenwärtiges Leben wird vielleicht durch den Kontrast des
vergangenen deutlich.

Ich lebte bis zum 5. Lebensjahr in einem Kinderheim, lernte seitdem,
bei Erwachsenen/Eltern, Wünsche und Gebote von anderen als Preis-
gebot für Liebesware anzusehen. Mit der Münze des Gehorsams zahlte
ich bar für das, was sich als Liebe und Freundschaft ausgab (es oft -
wenn auch durch Erziehungsanspruch karikiert - war). Befehle und
Wünsche mussten kaum durch Nachdruck unterstützt, oft nicht einmal
ausgesprochen werden, ich kam ihnen meistens zuvor, in der Hoffnung,
angenommen zu werden.

Schon im Kinderheim hatte ich mich soweit aufgegeben, dass eine
Papier-Maske in einem dämmrigen Bestrafungsraum (nur zwei
solcher Strafaktionen hatte ich in diesem Haus »nötig«!) mich in
bodenlose Todesangst versetzte. Dass ich liebens-wert oder zumin-
dest der Achtung würdig sei, wagte ich nie ernst zu glauben. Und
doch sehnte ich mich mit jeder Faser meiner Person danach. Noch
als Fünfunddreißigjähriger spürte ich die kehlenschnürende Angst
dieser hohlen Erziehungsmaske so unabweislich, dass ich immer
wieder mit dem Gedanken umging, meinem Leben ein Ende zu
setzen. Bis dahin war das Bedürfnis nach Liebe und Achtung von
mir erfolgreich durch Gefälligkeit gegenüber jedem ersetzt worden,
der meinen Hoffnungen Erfüllung versprach.

Als braver Sohn, der seine Eltem nicht enttäuscht, machte ich
Abitur, begann mich auf den Priesterberuf in einem katholischen
Orden vorzubereiten, ging da weg, wurde nach meiner Promotion
zum Dr. phil. Gymnasiallehrer. Mit den Mitteln, die mich meiner
Selbstachtung, meiner mir eigenen Macht beraubt hatten, wollte ich
anderen Menschen - vor allem Kindem - Zuwendung gar Liebe
schenken: Predigen, belehren und Ungerechtigkeit/Unmenschlich-
keit durch politischen Kampf (zuweilen aggressiv und polemisch -
ich musste meinen Mitstreitem ja schließlich gefallen!) beseitigen.

Sieben Jahre nach meinem Eintritt in den Schuldienst - ich hatte
inzwischen geheiratet, zwei Söhne kamen zur Welt, - stieß ich in
pädagogischer Absicht im Kreis einer Gesamtschulinitiative an
einem Abend auf Hubertus von Schoenebeck, der von Amication
berichtete. Intensive Kontakte in einer etwa einjährigen Selbster-
fahrungsgruppe, die sich von der Idee der Amication in Bewegung
gesetzt fühlte, waren die Wehen meiner zweiten und entscheidenden
Geburt. Als die Gruppe sich nicht mehr regelmäßig traf, war ich
nach 35 Jahren endlich bei mir angelangt.

Es dauerte trotzdem noch einige Zeit, bis ich dahinterkam, dass ich
Gefahr lief, die Amication, wie so oft vorher, als eine Lehre anzusehen,
als ein Sicherheit versprechendes Konzept oder gar Rezept. War es
wieder nur eine Heilslehre, der ich mich unterwarf, um meine Angst
loszuwerden? Nach Gesprächen mit Bekannten und Interessierten,
die zufällig mit mir auf die Amication kamen, fiel mir mehrfach auf,
dass ich in mein altes Muster zurückgefallen war: Aussprüche und
Thesen von anderen, die die Amication schätzten, verteidigte ich wie
Glaubenssätze oder Theorien.

Die Angst saß mir im Nacken: »Werden die dich noch akzeptieren,
noch als zu ihnen gehörig ansehen, wenn du Bedenken des an der
Amication zweífelnden Gesprächspartners teilst, zugeben musst,
dass du das alles noch nicht umfassend praktizierst?!« Die Furcht
des Ausgestoßenwerdens verwandelte sich dann wieder in theore-
tische Absichtserklärungen oder gar in missionarischen Eifer.

So auch bei meiner Frau, mit der ich seit 10 Jahren verheiratet bin.
Auch so eine Partnerschaft, in der meine Gefälligkeitsblindheit zu
einem Scheinerfolg geführt hatte. Was sollte ich tun gegenüber einer
Partnerin, die die Amication zwar theoretisch gut fand, sie aber für
undurchführbar hielt und noch immer hält, bei Kindern, die schon
vier oder fünf Jahre unter Erziehungsbedingungen aufgewachsen sind?
Mein neues Selbstbewußtsein, meine Versuche, rnit den Kindern anders
zu leben, führten zu schweren Konflikten. Manchmal schien eine Tren-
nung die einzige Lösung. Bisher ängstlich von mir abgehlockte Bezie-
hungsmöglichkeiten außerhalb unserer Ehe-Partnerschaft (ich wollte
bis dahin ja nicht durch Liebesverlust »bestraft« werden!) verschärften
die Lage noch.

Ähnlich verlief es in der Schule. Schritte in Richtung Amication führten
zu Auseinandersetzungen mit Eltern und Kollegen. Das ging bis zu Maß-
nahmen der Bezirksbehörde.

Etwa eineinhalb Jahre stand ich unter dem dauernden Druck, mit
Familie und Schule brechen oder meine neugewonnene amicative
Perspektive als Irrtum zurückzunehmen. Auch jetzt gehe ich manch-
mal mit der Frage herum, ob ich mich bei allen noch immer erziehe-
rischen Verhaltensweisen auf dem »richtigen« Amications-Weg
befinde.

Zu viel hat sich aber entscheidend verändert: Im Leben mit meiner
Ehe-Partnerin gibt es keine falschen »Liebesbeteuerungen« mehr.
Was wir zusammen leben können, finden wir immer wieder neu
heraus. So viel Offenheit und gegenseitige Achtung haben wir in all
den vorhergegangenen Jahren nicht erfahren. In der Beziehung zu
unseren Kindern beobachte ich oft eine erstaunliche und heilsame
Wechselwirkung: Wo ich in manchen Situationen in die alten
Beziehungspraktiken zurückfalle, entdecke ich bei meiner Partnerin,
die grundsätzlich an Erziehung festhält, Augenblicke, in denen sie
die freie Entscheidung der Kinder achtet, sie unterstützt, sich ihnen
ohne erzieherische Vorbedingungen zuwendet, sie mit ihren Bedürf-
nissen ernsthaft wahmimmt. Die Grenzen unserer Erziehungsan-
sprüche sind schon merklich zurückgewichen und wir fühlen uns
dabei wohler.

In der Schule ist das für mich ähnlich: Ich habe nicht die Kraft, aus
diesem System der mit Zwang arbeitenden Lernorganisation wegzu-
gehen, will nicht arbeitslos sein und muss mich selbst doch nicht dazu
erziehen, um den Preis meiner Selbstachtung und Gesundheit Schü-
lern Freiheit und selbstbestimmtes Lemen zu »erkämpfen«. Und
doch gibt es auch in diesem Raum des Zwangslernens, an dem ich als
Lehrer beteiligt bin, so viele Situationen, wo ein Stück dieser freien,
gleichberechtígten Begegnung Leben wird.

Donnerstag, 29. Juni 2017

68 Fragen an die Amication


 
















Was ist Amication? Wie wird man ein amicativer Mensch? Wie kommen amicativ aufwachsende Kinder mit der Welt zurecht? Was bedeutet Amication für die Partnerschaft? Wie sieht eine amicative Schule aus? Gibt es Vorläufer der Amication? Worin liegt der Gewinn der Amication? Wie steht Amication zur Gewalt? Ist Amication egoistisch? Woher nehmen amicative Menschen ihre Sicherheit? Ist Amication nur etwas für Privilegierte? Wem dient Amication? Welche Quellen hat Amication? Was ist für Amication Wahrheit? Wie sieht die amicative Gesellschaft aus? Können amicative Menschen Fehler machen? Wie lernt man Amication? Wer sagt, was Amication ist? Gibt es keinen Hass mehr in der Amication? Gibt es in der Amication Werte? Ist Amication autoritär? Wieso ist Amication keine Erziehung? Gibt es konkrete Auswirkungen amicativer Kommunikation? Wie merken die Kinder die amicative Einstellung? Was sind die Eckdaten amicativer Ethik? Hat es Korrekturen innerhalb der Amication gegeben? Gibt es Essentials für die Amication? Sind die Aussagen der Amication Ziele? Lassen sich die Aussagen der Amication hier und heute realisieren? Was muss man mitbringen, um amicativ leben zu können? Wie kann man Amication gut erklären? Wieso kommen nicht mehr Menschen auf amicative Gedanken? Welchen Einfluss hat Amication auf die Selbstliebe des Kindes? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die amicative Sicht? Gibt es neue Entwicklungen in der Amication? Gilt Amication schon bei Säuglingen? Wie würden amicative humanwissenschaftliche Institute der Universitäten aussehen? Welche gesellschaftliche Utopie entwirft Amication? Benötigt Amication Strafgesetze? Gibt es in anderen Kulturen amicatives Gedankengut? Gibt es im abendländischen Kulturkreis amicative Nischen? Was sagt Amication zu Krankheiten? Zu Krebs? Zu Aids? Welche Einstellung hat Amication zum Tod? Welchen Stellenwert hat für Amication der alte Mensch? http://www.alter-in-wuerde.de Welche Bedeutung haben für amicative Menschen Verabredungen und Treue? Demut und Dienen? Warum engagieren sich Menschen für die Verbreitung der Amication? Wie lange wird es Amication noch geben? Ab welchem Alter kann man mit Kindern über die amicative Theorie reden? Worin sind die Widerstände gegen Amication begründet? Ruft Amication Ängste hervor? Mit welchen Argumenten kann Amication Andersdenkende überzeugen? Welche Argumente haben Andersdenkende gegen Amication? Muss sich der Erwachsene ändern, um amicativ leben zu können? Wem nutzt die Sicht der Amication, dass der Mensch konstruktiv ist? Wieso gibt es in der Amication keinen wirklichen Gegensatz von Gut und Böse? Haben Kinder ein amicatives Bewusstsein? Welche Fragen sind für amicative Menschen nicht mehr wert, dass über sie nachgedacht wird? Haben gesellschaftliche Faktoren Einfluss auf die amicative Position? Müssen erst gesellschaftliche Strukturen geändert werden, um amicativ leben zu können? Ist Amication ein gesellschaftlicher Faktor? Wird die amicative Erkenntnis bei ihrer Umsetzung in die Praxis verschlissen? Wieso ist Amication eine kulturelle Auswanderung? Welche Macht hat Amication? Kann Amication Ängste befrieden? Was ist amicativer Frieden?


Mittwoch, 28. Juni 2017

Psychodivergenz



















Gefühle begleiten das Tun. Emotionalität lebt in den Menschen 
und in ihren Beziehungen. Die Wirklichkeit enthält für den
Menschen neben der physikalischen immer auch eine psy-
chologische Dimension. Die Reduzierung der Wirklichkeit
auf Fakten und Dinge mag in der Naturwissenschaft und in
der Welt der Gegenstände korrekt sein, nicht aber bei
menschlichem Tun.

Der eine fällt hin (Tun) – und ärgert sich über sein Missge-
schick (Gefühl). Der andere fällt hin (Tun) – und freut sich,
dass er nicht verletzt ist (Gefühl).

Der Unterschied zwischen amicativem und pädagogischem
Sinn liegt in der Gefühlsebene, der inneren Einstellung –
nicht jedoch in der Handlungsebene, wie immer wieder
missverstanden wird. Von außen gesehen kann ein amica-
tiver Mensch genau das gleiche tun wie ein pädagogischer
Mensch. Das ist verwirrend und nur schwer zu verstehen.
Immer wieder wird nach konkreten Verhaltensunterschieden
gesucht, woran man doch den Unterschied der beiden Auf-
fassungen und Lebensarten erkennen müsse. Doch dieser
Unterschied ist nicht äußerlich fassbar, er ist psychischer
Art. Er ist unsichtbar, denn Gefühle kann man nicht sehen.

Aber Gefühle entziehen sich nicht der Wahrnehmung: man
kann sie spüren. Mit der eigenen Emotionalität lassen sich
die Gefühle der anderen wahrnehmen. Man kann die Ge-
lassenheit des anderen spüren, oder seinen Stress, seine
Sympathie oder Antipathie. Man kann merken, ob das, was
jemand tut, freudig, gelangweilt oder mit Ärger getan wird.
Das Miteinander ist stets von Emotionen umgeben, was
immer im Bereich der Dinge auch geschehen mag.

Wer als innere Grundposition fühlt »Ich bin für andere
(Kinder) verantwortlich«, wird von diesem Gefühl beglei-
tet. Sein Verantwortungsgefühl lässt sich nicht abschalten,
es gehört zu ihm, und es lässt sich von den anderen wah-
rnehmen.

Für jemanden, der sich selbstverantwortlich fühlt, wird das
vom anderen kommende »Ich bin für Dich verantwortlich«
nach amicativer Auffassung als eine unzulässige Einmischung
in seine eigene Selbstverantwortung wahrgenommen. Kinder
spüren das Verantwortungsgefühl der Erwachsenen, und die
Amication erkennt, dass die Kinder es als psychische Aggres-
sion erleben. Ein amicativer Mensch hingegen hat nichts von
diesem Verantwortungsgefühl in sich, mithin umgibt ihn auch
nicht der im »Ich bin für Dich verantwortlich« enthaltene see-
lische Angriff.

Gleiches äußeres Verhalten wird von verschiedenen Emotionen
umgeben. Entweder ist das Verantwortungsgefühl (neben viel-
fältigen anderen Gefühlen) dabei und entfaltet seine negative
Wirkung – oder es ist nicht dabei und die Folgen einer solchen
psychischen Aggression bleiben aus.













Dienstag, 27. Juni 2017

Klartext, amicativ. III



















Fortsetzung vom 26.6.

*

Das Leben jenseits der Erziehung beginnt der Erwachsene,
weil dies für ihn selbst wichtig ist. Er trifft seine Entscheidung
für sich und nicht für die Kinder. Amicativ durchs Leben zu
gehen ist für ihn ein unverzichtbarer Wert geworden. Die
Wirkung dieser inneren Veränderung auf andere - den Part-
ner und die Kinder - ist vielfältig und von Hoffnungen und
Ängsten begleitet. Solche Erfahrungen mit grundlegenden Ver-
änderungen werden in vielen Bereichen gemacht, so z.B. in
weltanschaulichen, moralischen, religiösen, politischen.

Zwischen beiden Positionen ist kein Kompromiß möglich. Man
kann entweder der Auffassung sein, Menschen seien zu 100 Pro-
zent selbstverantwortlich von Anfang an, oder man ist nicht
dieser Meinung. Wer etwa auf 99,5 Prozent Selbstverantwortung
setzt, behält sich einen Rest Verantwortung für andere vor, sein
Gleichwertigkeitsgefühl ist in dieser Frage um ein entscheidendes
Element anders, mit einem Vorbehalt versehen.Heute sind viele
Erwachsene großzügige demokratisch-partnerschaftliche Erzieher,
die die Verantwortungsleine, an der sie ihre Kinder halten, recht
lang machen. Aber sie halten die Leine letzlich doch in der Hand,
während amicative Menschen diese Ich-bin-für-dich-verantwortlich-
Leine endgültig durchgeschnitten haben. Der Gegensatz von Ami-
cation und Pädagogik ist ein Radikalismus.
'

Montag, 26. Juni 2017

Klartext, amicativ. II


 
















Fortsetzung vom 24.6.

*

Selbstverantwortlich zu sein bedeutet zweierlei:

- zum einen: die Welt zu deuten und zu bewerten nach der je
                    eigenen, subjektiven Perspektive - und hier gibt
                    es so viele Realitäten, wie es Lebewesen auf die-
                    sem Planeten gibt, und Menschenkinder bilden
                    in dieser Fähigkeit keine Ausnahme.
- zum anderen: entsprechend der jeweiligen Perspektive zu
                  handeln.


Selbstverständlich gibt es sowohl in der Erkenntnisebene als
auch in der Handlungsebene zwischen Erwachsenen und Kindern
immer wieder Unterschiede und Konflikte, und sie werden auf
die víelfältigste Art und Weise bewältigt.

Beispielsweise wird sich kein Erwachsener der Sicht, Deutung
und den Gefühlen eines Kindes anschließen, wenn es das Fenster
öffnet und sagt: "Ich bin eine Taube, ich kann fliegenl" und
Anstalten macht, hinauszuspringen. Der Erwachsene wird zu
seiner Sicht und Deutung und seinen Gefühlen stehen: "Es gibt
die Schwerkraft, ich will kein totes Kindl" und er wird das Kind
vom Fensterbrett holen.

Doch bei aller Unterschiedlichkeit im Erkennen, Deuten und
Fühlen und bei allem verstellten Weg im Handeln: Die Fähig-
keit der Lebewesen - auch jedes einzelnen Kindes - eine eigene
Perspektive zu haben und ihr entsprechend handeln zu wollen,
wird als zu 100 Prozent vorhanden eingestuft. Was nicht bedeutet,
den Perspektiven anderer zustimmen und sich ihren Handlungen
unterordnen zu müssen!

Menschen sind selbstverantwortlich von Anfang an: Auch dies
ist eine Hypothese, eine anthropologische Prämisse, eine Ver-
mutung von Menschen über Menschen, kein Naturgesetz. Diese
Hypothese ist der pädagogischen Hypothese gleichrangig, sie
ist nicht übergeordnet, sie ist nicht untergeordnet. Sie existiert
heute als mögliche Sicht vom Menschen und wird subjektiv
vom einen akzeptiert, vom anderen abgelehnt - wie dies stets
bei Menschenbildern ist.

Die amicative Auffassung (Menschen können von Geburt an
das eigene Beste selbst spüren, sie brauchen keine Stellver-
treter-Verantworter) ist für die Menschen, die entsprechend
denken, fühlen und handeln, zu einer persönlichen, subjektiv
richtigen Wahrheit und Grundüberzeugung geworden. Sie haben
diese Position aus einer Vielzahl von Erkenntnissen und emotio-
nalen Erfahrungen gewonnen, für die sie in ihrer gegenwärtigen
Lebenssituation gerade offen sind. Die Botschaft des Kindes
"Ich bin für mich selbst verantwortlich" hat sie erreicht. Dabei
sind diese Menschen nicht nur davon überzeugt, dass so das
Wesen des Menschen realistisch erfasst wird, sondern vor allem
fühlen sie es, und sie leben danach.

Fortsetzung folgt.


'

Samstag, 24. Juni 2017

Klartext, amicativ. I



















Die amicative Analyse hat offen gelegt, dass alle pädago-
gischen Theoretiker und Praktiker eine gemeinsame Basis
haben – so verschieden ihre Positionen auch sein mögen.
Diese übergreifende Basis ist das pädagogische Bild vom
(jungen) Menschen, das sich in den Büchern und Konzep-
tionen der pädagogischen Autoren, Wissenschaftler und
Theoretiker findet und in jeder Handlung eines pädago-
gischen Menschen lebt.

Die pädagogische Welt hat eine einheitliche Basis. Über
die Frage aber, wie man den Umgang mit Kindern von
dieser Grundlage aus gestalten soll, wird gestritten. Da
gibt es viele Richtungen: antiautoritäre Erziehung, auto-
ritäre Erziehung, demokratisch-partnerschaftliche Erzieh-
ung, sozialistische Erziehung, christliche Erziehung, Mon-
tessoripädagogik, Waldorfpädagogik, permissive Erziehung,
emanzipatorische Erziehung, Laissez-faire-Erziehung,
Situationspädagogik, usw.

Wie ist das pädagogische, das traditionelle Bild vom jungen
Menschen? Es geht um das Fühlen der Gleichwertigkeit,
jedoch nicht um ein allgemeines Gleichwertigkeitsgefühl.
dass Kinder gleiche Würde wie Erwachsene haben – dies
wird sicher von pädagogischen Erwachsenen ebenso gefühlt
wie von amicativen. Es geht um etwas Spezielles im Bereich
des Gleichwertigkeitsgefühls. Es geht um die folgende traditio-
nelle, die pädagogische Grundposition:

Menschen können nicht von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Menschen werden nicht mit der Fähigkeit zur Selbstverant-
wortung geboren. Soweit die traditionelle Sicht vom jungen
Menschen, die pädagogische Sicht.

*

Die Amication bezieht nun Gegenposition. Zunächst macht sie
bewusst und klärt darüber auf, dass die Auffassung "Kinder sind
keine Selbstverantworter" kein Naturgesetz ist und nicht am
Himmel geschrieben steht, sondern dass diese Auffassung eine
subjektive Hypothese von Menschen über Menschen ist, eine
Privatvermutung des jeweiligen Erwachsenen über ein jeweiliges
Kind. Es handelt sich um ein Menschenbild, und Menschenbilder
sind persönliche und austauschbare Annahmen über den anderen,
der eine hat dies, der andere hat das.

Das pädagogische Menschenbild ist Ausdruck der zehntausend
Jahre alten patriarchalischen Gesellschaftsform, die heute welt-
weit verbreitet ist und die auf der Unterdrückung von Frauen,
Kindern und Natur beruht. Wenn Erwachsene meinen, dass sie
für das Kind - an seiner Stelle - verantwortlich sein müssten, so
folgen sie dem Herrschaftsgedanken des Patriarchats, dass einer
über dem anderen stehen kann. Dieses Menschenbild haben sie
im Laufe ihres Lebens gelernt. Zwangsläufig ist das alles jedoch
nicht. Wohl tabuisiert und als Selbstverständlichkeit übernommen.

Die Amication weist nun auf ein Leben jenseits der pädagogischen
Tradition, jenseits der Erziehung. Ihrer Auffassung nach gilt:

Menschen können sehr wohl von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Diese Fähigkeit haben Menschen. Sie können von Anfang an für
sich selbst verantwortlich sein. Niemand muss an ihrer Stelle
entscheiden, was ihnen nutzt und was ihnen schadet. Niemand
muss für sie Verantwortung tragen, sie sind von Geburt an selbst-
verantwortlich.

Erwachsene sind nicht verantwortlich für Kinder, denn das sind
sie selbst - nicht zu 0,5 Prozent, oder 10, 25, 50 oder 99 Prozent,
sondern zu 100 Prozent. In Bezug auf die Selbstverantwortung
besteht völlige Gleichwertigkeit zwischen jungen und erwach-
senen Menschen.

Selbstverantwortlich zu sein bedeutet zweierlei:

- zum einen: die Welt zu deuten und zu bewerten nach der je
                    eigenen, subjektiven Perspektive - und hier gibt
                    es so viele Realitäten, wie es Lebewesen auf die-
                    sem Planeten gibt, und Menschenkinder bilden
                    in dieser Fähigkeit keine Ausnahme.
- zum anderen: entsprechend der jeweiligen Perspektive zu
                  handeln.

Fortsetzung folgt.

Freitag, 23. Juni 2017

Pädagogische Augen - pädagogischer Mensch



















Die amicative Analyse hat offen gelegt, dass alle pädagogischen
Theoretiker und Praktiker eine gemeinsame Basis haben – so
verschieden ihre Positionen auch sein mögen. Diese übergreifende
Basis ist das pädagogische Bild vom (jungen) Menschen, das sich
in den Büchern und Konzeptionen der pädagogischen Autoren,
Wissenschaftler und Theoretiker findet und in jeder Handlung
eines pädagogischen Menschen lebt.

Die pädagogische Welt hat eine einheitliche Basis. Über die Frage
aber, wie man den Umgang mit Kindern von dieser Grundlage aus
gestalten soll, wird gestritten. Da gibt es viele Richtungen: antiauto-
ritäre Erziehung, autoritäre Erziehung, demokratisch-partnerschaft-
liche Erziehung, sozialistische Erziehung, christliche Erziehung,
Montessoripädagogik, Waldorfpädagogik, permissive Erziehung,
emanzipatorische Erziehung, Laissez-faire-Erziehung, Situations-
pädagogik, usw.

Wie ist das pädagogische, das traditionelle Bild vom jungen
Menschen? Es geht um das Fühlen der Gleichwertigkeit, jedoch
nicht um ein allgemeines Gleichwertigkeitsgefühl. Dass Kinder
gleiche Würde wie Erwachsene haben – dies wird sicher von
pädagogischen Erwachsenen ebenso gefühlt wie von amicativen.
Es geht um etwas Spezielles im Bereich des Gleichwertigkeits-
gefühls.

Es geht um die folgende traditionelle, die pädagogische Grund-
position:

Menschen können nicht von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Diese Fähigkeit haben Menschen nicht. Sie können nicht von
Anfang an für sich selbst verantwortlich sein. Andere können
und müssen an ihrer Stelle entscheiden, was ihnen wirklich nutzt
und was ihnen wirklich schadet. Andere müssen für sie die Ver-
antwortung tragen. In Bezug auf die Selbstverantwortung besteht
keine Gleichwertigkeit von Erwachsenen und Kindern.

Die Mutter ist für ihr Kind verantwortlich, der Vater ist für sein
Kind verantwortlich, der Lehrer ist für seine Schüler verantwort-
lich. Allgemein ist die Erwachsenenwelt für die Kinder verant-
wortlich. Es gilt: »Ich, der Erwachsene, weiß besser als Du, das
Kind, was für Dich gut ist«. Dieser Unterschied wird nicht nur
theoretisch behauptet, er wird gefühlt und gelebt. Es ist eindeutig
und anders ist es nicht vorstellbar: Erwachsene sind für die Kinder
verantwortlich.

Wer diese Position teilt, wird aus amicativer Sicht ein »pädago-
gischer« Mensch genannt. Er stellt seine Beziehung zum Kind auf
die Grundlage, die auch für die Pädagogik maßgebend ist: dass
Erwachsene für Kinder die Verantwortung tragen, weil diese das
eigene Beste nicht selbst spüren können.

Und genau dies wird in der Amication gänzlich anders gesehen.


Donnerstag, 22. Juni 2017

Die pädagogische Verwirrnis



















Kinder sind auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen und öffnen sich vertrauensvoll für deren Werte und Normen. Diese lehren sie in pädagogischer Tradition, dass sie noch nicht vollwertige Menschen sind, dass sie besser werden müssen, dass sie erzogen werden müssen, und dass diese Sicht vom Menschen die richtige sei.

Da die Kinder aber tief in sich darum wissen, dass sie so, wie sie sind, ganz und gar o.k. sind, dass sie eben nicht besser gemacht und erzogen werden müssen, dass sie bereits jetzt schon vollwertige Menschen sind, und da diese innere Gewissheit in scharfem Gegensatz zur Überzeugung ihrer Eltern steht, verwirrt sie diese Widersprüchlichkeit. Und sie werden voll von innerer Abwehr gegen die Menschen, deren Liebe sie doch brauchen.

Die Kinder gehen hiervon nun nicht zugrunde: Ihre mitgebrachte Selbstverantwortung zeigt ihnen wie immer den Weg zum Überleben. Sie übernehmen nach und nach die Sicht ihrer Eltern vom Kind und lernen zu glauben, dass nicht sie selbst sondern andere für ihr Glück und Leid verantwortlich seien. Sie passen sich an die pädagogische Umgebung an und weisen es – aus Verantwortung für sich selbst – mehr und mehr zurück, für sich selbst verantwortlich zu sein, bis sie schließlich selbst glauben, dass sie nicht für sich selbst die Verantwortung tragen können.

In der Amication finden diese Verstrickungen nicht statt. Die Erwachsenen fühlen sich auf einer psychologisch gleichwertigen Basis wie die Kinder: Jeder ist von Anfang an zu 100 Prozent selbstverantwortlich.







Mittwoch, 21. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen III








                  

             









 Fortsetzung vom 20.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



»Hör mit dem Rauchen auf!«
»Hast Du das im Internet gelesen, Papa?«
 »Mach die verdammte Zigarette aus, diese 
und alle anderen!« 
»Hast Du nicht gelesen.« 
»Packung her!« 
»Die Rede! Vor der Uno!« 
»Vor der Uno?« 
»Ja, von dem Außerirdischen.« 
»Von wem?« 
»Er ist gestern Nacht gelandet und hat heute 
zu den Menschen gesprochen. Er kommt vom 
Sirius. Er hat über das Rauchen gesprochen.« 
»Sag mal, rastest Du jetzt völlig aus?« 
»Sie haben uns schon lange beobachtet, Papa. 
Und jetzt eine Delegation geschickt. Sie wollen 
uns den Weg zum Frieden zeigen. Sie sind 
geschockt, dass die Menschen so viele Kriege 
führen.« 
»Sirius? Frieden? Uno?« 
»Er hat uns an die Friedenspfeife der Indianer 
erinnert. Er hat gesagt, wir hätten längst alles, 
was wir zum Frieden brauchen.« 
»Ich versteh gar nichts mehr.« 
»Papa, Raucher sind doch gemütlich.« 
»Ja, und sie sterben eher.« 
»Eben.« 
»Was heißt hier ‚eben‘?« 
»Der Sirianer hat gesagt, dass wir die Wahl haben.« 
»Was für eine Wahl? Hör auf mit dem Quatsch, Du 
nervst, und mach endlich den Glimmstängel aus, 
zur Hölle!« 
»Wenn Du nicht rauchst, fährst Du zur Hölle, Papa. 
Dann bist Du ungemütlich und aggressiv und kriegs-
bereit, latent, und dann braucht es nur noch einen 
Anlass, und schon bringen die Menschen sich um. 
Wenn man raucht, ist das alles ganz anders. Der 
Qualm macht ein bisschen benommen, ein bisschen 
glücklich, friedlich eben. Klar, hat er gesagt, dann gibt 
es Lungenkrebs und die Leute sterben eher, um 20 
Jahre sinkt die Lebenserwartung. Aber dann hat er 
gefragt, was wir denn wollen? Eine friedliche und 
glückliche Welt ohne Kriege? Oder Mord und Tot-
schlag? Die Menschen leben dann nicht so lange, 
aber sie leben in Frieden. Und jeder weiß das, und 
jeder ist einverstanden. Und jeder raucht. Und schon 
im Kindergarten gehen die Kippen rum. Eine andere 
Kultur eben. Friedenspfeife, Friedenskultur. Hat er 
gesagt. Ich finde, dass er recht hat. Ich rauche gern. 
Howgh!«