Donnerstag, 25. Mai 2017

Psychosoziale Macht


















Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das, was sich
psychisch in einem Menschen ereignet, bei diesem selbst
liegt, bedeutet neben vielem anderen auch, dass niemand
wirklich psychisch gezwungen werden kann, zu nichts. Wie
man die Welt und ihre Erscheinungen deutet, bewertet und
gewichtet, ist einzig die Sache des einzelnen. Ob ein Frei-
heitskämpfer dem Exekutionskommando entgegenruft "Es
lebe die Revolution!" oder ob er apathisch und demoralisiert
auf das Ende wartet - das ist seine Sache, seine Verantwor-
tung für sich.

Eine Kultur, die Herrschaft zur Grundlage hat, muss den
Menschen diese gesellschaftlich hochwirksame Potenz neh-
men. Denn nur der ist beherrschbar, der dem Beherrscht-
werden auch zustimmt, der sich auch unterwerfen will. Es
gibt immer gute Gründe, lieber seinen Nacken zu beugen als
sich den Kopf abschlagen zu lassen - aber ein jeder hat
tatsächlich die Wahl zu leben oder zu sterben, jeden Augen-
blick. Es ist immer die Frage, wo man für sich den größeren
Vorteil erkennt. Hierüber trifft man selbst die Entscheidung,
niemand sonst.

Es ist leicht, Menschen zu beherrschen, die das Gefühl für
ihre Selbstverantwortung verloren haben, die daran gewöhnt
sind, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: die
Eltern, die Gesellschaft, die Verhältnisse. Das Wiederfınden
der Selbstverantwortung bedeutet im gesellschaftlichen Bereich
das Wiederfinden der psychosozialen Macht des einzelnen. Es
ist dies eine Macht, die durch nichts wirklich ausgehebelt werden
kann und die jedem, der herrschen will, seine Grenze zeigt.

Dienstag, 23. Mai 2017

Zuviel


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Wenn es mir zuviel wird.

*

"Was soll ich machen, wenn es mir zuviel wird, freundlich zu
den Kindern zu sein?" Je mehr man sich vornimmt, desto
höher wird oft der Anspruch an sich selbst, nun tatsächlich
freundlich und achtungsvoll zu sein. Und dann kommt der
Punkt, an dem man sich überfordert fühlt. "Eigentlich müsste
ich mehr Zeit und Ruhe haben. Ich will mein Kind doch
nicht vernachlässigen." Aber das Kind geht einem jetzt gera-
de so sehr auf die Nerven, dass man einfach nicht die Kraft
hat, sich seiner Wünsche anzunehmen. "]etzt nicht!"- "Lass
mich in Ruhe!" Und dann geht man fort und nimmt ein
schlechtes Gewissen rnit.

In der Amication kommt man ohne schlechtes Gewissen
zurecht. Ja - ich gehe weg von diesem nach mir rufenden
Kind und kümmere mich jetzt nicht um seine Wünsche. Es
geht nicht darum, über die eigenen Kräfte hinaus für andere
da zu sein - auch nicht für Kinder. Wenn Erwachsene die
Kinder in ihren Bedürfnissen und Wünschen ernst nehmen
und achten wollen, dann geht das wirklich nur, wenn sie sich
selbst in ihren Bedürfnissen und Wünschen auch ernst neh-
men. Und das heißt hier: Was ich tue - den Wünschen der
Kinder jetzt nicht nachzugeben -, ist vor mir verantwortet und
ich brauche deswegen kein schlechtes Gewissen zu bekom-
men.

Einmal ganz abgesehen davon, dass Kinder ein ehrliches
jetzt nicht oft viel leichter vertragen können als die aufrei-
bende "Nimm doch Rücksicht"-Forderung von Erwachsenen,
die ihre Wünsche denen der Kinder nicht offen gegenüber-
stellen.

Wenn es einer Mutter oder einem Vater zuviel wird, sich um
ihr Kind zu kümmern, dann haben sie das Recht, sich um
sich selbst zu kümmern. Eigentlich könnte man sogar sagen,
dass dann die Pflicht besteht, sich um sich selbst zu küm-
mern. Zu entspannen, eigene Dinge zu verfolgen - denn
dann können Energie, Kraft und Gelassenheit auch wieder
zurückkommen. Wenn Kinder anstrengend sind, ist es wich-
tig, irgendwo aufzutanken. Und dies wird oft nur so gehen,
dass die Kinder nicht mit dabei sind. Es wird vielleicht schwer
zu machen sein - aber es kann dabei überhaupt kein schlech-
tes Gewissen geben.

Wer den Kindern zuliebe auf sich verzichtet - obwohl er
eigentlich gar nicht verzichten will -, der tut weder den
Kindern noch sich selbst einen Gefallen. Er tut eigentlich
etwas, das sowohl den Kindern als auch dem Erwachsenen
selbst Schaden zufügt. Es ist in der Amication gerade umge-
kehrt, wie es so oft zu hören ist: Dass man sich für die Kinder
aufopfern sollte. Wer dies aus echter Überzeugung tut, für
den entsteht kein Problem, und der mag dies auch tun. Wer
sich aber nach dieser "Grundregel" richtet, obwohl es in ihm
rumort und er sich eigentlich gar nicht aufopfern will, der ist
schlimm dran. Es käme darauf an, ihm zu helfen, von so
einer wirklichkeitsfremden Position herunterzukommen.

"Kaufst Du mir noch ein Eis?" -"Liest Du mir noch eine
Geschichte vor?"- "Spielst Du mit mir?" - "Wann gehen wir
denn endlich zum Einkaufen?"

Wenn es Eltern zuviel wird und sie an sich selbst denken,
bedeutet das, dass man das Kind (jetzt) zurückweist und sich
seiner (jetzt) erwehrt. Man wird den Kindern dann oft nicht
vermitteln können, dass man sie nicht ablehnt. Denn man tut
ja nicht, was sie von einem wollen, und das kann sie schon
sehr wütend machen. "Du bist richtig gemein." Doch wenn
sie ärgerlich werden, hat das denselben Stellenwert wie die
Rückzugsgefühle der Erwachsenen. Aber niemand sollte sich
wegen des - berechtigten - Ärgers der Kinder davon abbrin-
gen lassen, sich um sich selbst zu kümmern, wenn dies
ansteht.



Montag, 22. Mai 2017

(Un)Ordnung


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Die Ordnungsfrage.

*

Es ist klar, dass jeder die Ordnung macht oder eben nicht
macht, bei der er sich wohl fühlt. Und es ist auch klar, dass es
hierbei die verschiedensten Vorstellungen gibt, besonders
zwischen Erwachsenen und Kindern.

Was soll man machen, wenn die Kinder nicht eigene Zimmer
haben? Wo sie die (Un) Ordnung machen können, die sie
wollen? Wenn also zwei Lebensarten kollidieren? Wenn die
Kinder sich in den Räumen der Erwachsenen aufhalten und
wie einen Kometenschweif ihre (Un)Ordnung hinter sich
herziehen? Oder wenn die Kinder in ihren eigenen Zimmern
ein unerträgliches Chaos anrichten?

Wenn man dann den Kindern sagt, wie man es gern hätte -
na gut. Wenn es nur eine Information ist. Aber was solls? Die
Vorstellungen der Eltern von Ordnung - von der Erwachse-
nen-Ordnung - kennen die Kinder längst. Das nochmal
auszusprechen ist doch meist nur der Beginn, Druck auszu-
üben, damit die Kinder tun, was man will. Wenn es nicht das
notwendige Signal ist, eine Vereinbarung zum Aufräumen
anzumahnen, der die Kinder dann auch zustimmend nach-
kommen.

Auch amicative Eltern können in der (Un)Ordnung ihrer
Kinder eine Grenzüberschreitung erleben, die sie nicht hin-
nehmen wollen. Die Macht, die sie dann zur Durchsetzung
ihrer Ordnung ausüben, erfolgt ohne Demütigung und
Herabsetzung der Kinder. Denn die Kinder müssen nicht
einsehen, dass der Erwachsene recht hat. Er besteht auf
seiner Ordnung nicht deswegen, weil er wertvoller als das
Kind ist, über ihm steht und recht hat, sondern weil er in
Not ist und seine Grenze verteidigt.

*

Aber es gibt für für die Eltern auch noch eine andere
Möglichkeit: Man kann selbst die Ordnung herstellen, die
einem wichtig ist - ohne sich dann herabgesetzt und ausge-
nutzt zu fühlen. Weil man weiß, dass die Kinder ihre (Un)Ord-
nung nicht aus irgendwelcher bösen Absicht, Nachlässigkeit
oder sonst einer Unart machen, sondern weil sie als souverä-
ne und selbstverantwortliche Menschen ihren eigenen Weg
gehen - auch in der Ordnungsfrage. Und dem begegnet man
mit Respekt und ohne Ärger. Man sorgt dann dafür, dass die
eigene Ordnung entweder nicht gestört wird (indem man die
Kinder an bestimmte Sachen nicht mehr heranlässt) oder
man lässt die Kinder spielen und räumt dann selbst in seinem
Sinne auf.

Die Gedanken solcher Eltern sind etwa diese:
"Was hat es für einen Sinn, andere meine Ordnung herstellen
zu lassen, außer dem, dass ich diesen Ordnungskrieg gewin-
ne? Die Unordnung der Kinder in meinem Bereich provo-
ziert mich nicht. Ich freue mich doch, dass die Kinder da sind
und dass sie bei mir leben. Und klar - das hat auch Auswir-
kungen, eben Kometenschweife. Einem Hund sehen wir
nach, wenn er Dreck in die Wohnung bringt - aber die
Kinder sollen unsere Ordnung halten? Ich liebe die Kinder
und auch ihre Unordnung, ihre Botschaften, ihre Symbole,
dass sie bei mir leben. Ich habe dadurch am Tag ein paar
Minuten Mehrarbeit, stimmt, ja und? Wieviel Energie und
Zeitverschwendung würde es kosten, einen Ordnungskrieg
zu führen?"

Und konkret: "Ich habe diese ganze Ordnungsproblematik
hinter mir, ausdiskutiert. Ich finde mich zurecht in unseren
verschiedenen Welten. Und ich finde immer wieder etwas,
das mir wirklich hilft: Bei mir gibt es eine Kiste, in die alle
Kindersachen reinkommen, die herumliegen. Mein Aufräu-
men geht mir von der Hand."

Die Eltern räumen dann auf, so wie sie Windeln wechseln,
Brei kochen, Wäsche waschen, Hausaufgaben nachsehen,
die Kinder zum Reit- und Klavierunterricht fahren. In
beiläufiger Freundlichkeit, ohne Anstoß zu nehmen und
ohne sich dabei zu überfordern. Und die Erfahrung solcher
Famılien hat gezeigt, dass die Kinder nach und nach ihre
Zimmer selbst aufräumen wollen - wenn sie nicht bedrängt
werden. Und zwar so, dass auch ihre Eltern mit der dann
erreichten Ordnung zufrieden sind.





Sonntag, 21. Mai 2017

Ich muss gar nichts!


















"Ich muss gar nichts!". Ich bin grad aufgestanden, berappel mich im Badezimmer,
das Fenster ist offen. Mit halbem Ohr höre ich die Nachbarskinder draußen, drei
sinds, 4 bis 6 Jahre. Dann bin ich auf einmal hellwach: "Ich muss gar nichts!" -
klare Botschaft der Fünfjährigen.

Ihre Stimme verlässt ihr Spiel und kommt zu mir. Ja glaub ichs? Wie sehr bei
sich ist denn dieses Kind? Welch abenteuerliches Statement, welch bom-
bastische Würde, welche überzeugte Gewichtigkeit. Ich bin fasziniert und
angerührt. Ich wasche mein Gesicht mit Kaltwasser, bin erfrischt und staune
über die Welt. Diese Kinderwelt. Diesen jungen Menschen.

Und lege etwas nach. Ich muss ja wirklich gar nichts. Wenn man den Sinn
dieses Würdestatements nicht konterkariert. Gleich zum Extrem: Muss ich
sterben? Das passt nicht. Dem Tod kann ich nicht ausweichen, er ist eine
Selbstverständlichkeit, die ohne Müssen daherkommt. "Ich bin", sagt er,
nicht "Du musst". "Ja", werde ich dann sagen und ihm folgen. Nicht weil
ich müsste: Ich muss gar nichts.

Natürlich tue ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich nicht tun will.
"Eigentlich". Ich tue sie aber, schon klar: nicht weil ich müsste, sondern
weil ich will, letztlich. Nichts geht ohne mich.

Und wenn mich jemand zwingt? 1001 Beispiele sind sofort da. Trotzdem:
Ich muss nichts, müssen passt hier nicht. Wenn es gegen meinen Willen
geht, dann werde ich halt gezwungen. Aber ich muss das nicht tun, was
da gefordert wird. Es ist beim Gezwungenwerden keine Ich-Aktion,
sondern eine Du-Aktion, Zwing-Aktion. Wie auch immer.

Wenn ich also nicht sterben MUSS, nicht rechts ranfahren MUSS, nicht
Ballwerfen MUSS. Dann fühlt sich das nach herrlichem Frühlingsmorgen
an, Kaltwasserlächeln, Würdekrone. Welch Geschenk heute morgen!

Samstag, 20. Mai 2017

Kindheitsgefühle II




Fortsetzung des Posts vom 19.5.

*

Jeder Erwachsene, der uns damals seinen Willen aufnötigte -
und wohl noch Dankbarkeitdafür erwartete - tat uns weh,
trieb uns in immer neue Schlupfwinkel, zerbrach etwas in
uns. Wir können heute die Wut und den Schmerz von damals
nehmen, um unseren Kindern nicht Gleiches zuzufügen.

Und wir können auf das Kind in uns zugehen, auf die
Hoffnungen, die Sprachlosigkeit, das Leid von damals. Auch
heute kennen unsere Kinder das Leid und die Tränen um
sich selbst und die Missachtungen genau wie wir - schon von
daher sind wir gleich.

Damals, als Kinder, hatten wir recht! Damals verteidigten wir
unsere Menschenwürde! Wenn wir heute das Weinen um uns
selbst befreien können, wenn wir heute die so tief vergrabe-
ne Kindheitswut aufsteigen lassen und wieder spüren kön-
nen, wenn wir uns nicht mehr schämen, die langgestauten
Tränen endlich strömen zu lassen - die Tränen des hilflosen
Kindes, das in jedem von uns noch heute darauf wartet,
anerkannt und ernstgenommen zu werden -,  öffnen wir
uns den Weg, wieder fühlen zu können, wo Recht und Un-
recht ist. Heute können wir nicht nur mit dem Verstand
einsehen, was not tut, sondern wir können dies auch wieder
mit dem Herzen erkennen.

Wir brauchen das Gefühl - machtvolle, tief anrührende
und erlösende Emotionen - um unsere Menschlichkeit von
den Fesseln des althergebrachten Denkens zu befreien.
Feuer wurde sorgfältig eingeschlossen, als wir jung und
hilflos waren. Setzen wir es dennoch frei! Kinder sind voll-
wertige Menschen von Geburt an - sie werden nicht erst
durch die Erziehung zu Menschen.

Wir selbst, Kinder gewesen, wissen und fühlen dies. Wer
kann es wirklich wagen, das zu bestreiten? Heute, als Er-
wachsene, sind wir stark genug, jeden nachdrücklich und
selbstbewusst zurückzuweisen, der einem Kind die Fähigkeit
und das Recht abspricht, über sich selbst zu bestimmen und
für sich selbstverantwortlich zu sein. Wir haben diese con-
ditio humana als Grundlage unserer Existenz selbst erfahren.
Nehmen wir unsere heutige Kraft und Überlegenheit, um
unsere eigenen Kinder zu schützen!



Freitag, 19. Mai 2017

Kindheitsgefühle I


















Aus meiner Schatzkiste, vor etlichen Jahren geschrieben,
zusammen mit Jans.

*

Als wir selbst Kinder waren, haben wir Tag für Tag gelernt,
dass die Erwachsenen im Recht zu sein beanspruchten. Von
Anfang an lebten wir in einer Umgebung, die am Oben-
Unten ausgerichtet war und in der unsere Selbstverantwor-
tung nicht wahrgenommen wurde. Und als Erwachsene wen-
den wir diese tief eingeprägte Strategie im Umgang mit den
eigenen Kindern an, getreu den "Erfolgen", die wir den
damaligen Erwachsenen abgeguckt haben.

Aber wir können uns neu orientieren. Arnication macht be-
wusst, dass es auch ganz andere Erfahrungen aus unserer Kind-
heit gibt. Kíndheitsgefühle, die aus uns selbst kommen, die wir
niemandem abgesehen haben, die ursprünglich zu uns gehö-
ren: Das Gefühl der eigenen Würde, das Gefühl des eigenen
Werts, das Gefühl, über sich selbst bestimmen zu können, das
Gefühl, für sich selbst Verantwortung tragen zu können, das
Gefühl, o.k. zu sein und sich lieben zu können, und viele
andere dieser machtvollen und konstruktiven Gefühle noch.

Diese Lebenswelt musste zwar stets gegen die Erwachsenen
und ihre "Erziehungsnotwendigkeiten" verteidigt werden,
doch zum Glück gab es Erwachsene und Erziehung nicht
rund um die Uhr. Wir hatten unsere gleichaltrigen Freunde,
auch als "Kinder" definierte Menschen. Bei ihnen konnten
wir authentisch sein, wirklich leben, voller Ideen und mit uns
selbst im reinen. Es war ein Raum ohne die Verwirrung und
die Absonderlichkeiten, in die uns die Erwachsenenwelt mit
ihren Werten und Gefühlen verstrickte.

Diese Momente des erwachsenen- und erziehungsfreien
Erlebens mit den Gleichaltrigen gaben uns die Kraft, lange
Zeit Widerstand gegen alle möglichen Erziehungsansprüche
zu leisten. Doch schließich holte uns das demoralisierende
Gift "Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist" nach und
nach ein. Und der Glaube an uns und unsere eigene Kraft,
Würde und Selbstliebe wurde nachhaltig gestört oder gar
zerstört.

Aber wir haben überlebt! Denn der Kern unseres Selbst und
unsere Kindheitsgefühle sind unzerstörbar. Und wir können
uns mit der amicativen Sichtweise wieder so sehen lernen,
wie es unserer eigenen uralten und liebevollen Selbstwahr-
nehmung entspricht.

Fortsetzung folgt.





Mittwoch, 17. Mai 2017

die schule. absurd




an diesem vorfrühlingstag sind die kinder im wald. als teil
der natur, versunken in ihr spiel, handfest glücklich. am
waldrand fallt ihr blick einen moment nach draußen:
hinter der großen eiche, dem letzten schutz, über dem
fluss, dem bürgen des lebens, harrt der kasten aus stein,
das monument ihrer menschwerdung, die schule. absurd,
wirklich und unwirklich zugleich steht sie da drüben, wie
ein alien. »wozu ist das gut?« »wozu könnte das gut sein?«
sie flüstern. dann folgen die kinder wieder ihrem spiel,
das leben heißt, in dieser vertrauten umgebung, der gro-
ßen harmonie, die sie liebt und lehrt, wer sie wirklich sind.


Dienstag, 16. Mai 2017

Kinderland: Schleichwege fahren II


Aus meiner Kinderforschung.


Silvia (11) ist von der Stoßstange gefallen. Ich merke es schnell, weil ich sie
dauernd im Rückspiegel habe. "Was ist passiert?" Sie hält sich ihr Knie. "Ich
habe vergessen, mich festzuhalten" Ich hatte Seile zum Festhalten angebracht.
Die Hose ist kaputt. "Ich kriege Ärger." Ulla (12), ihre Schwester: "Ach, ich
sag Ingrid Bescheid, die näht das zu und sagt nichts weiter."

Sie problematisieren nicht, dass man vielleicht gar nicht hätte auf der Stoß-
stange fahren, dürfen - in mir tauchte diese Angst sofort auf. Für die Kinder
war das nicht das Problem dabei. Wir haben unser Spiel gespielt. Aber es
könnte zu Hause Ärger geben - das ist ein Problem.

Ich fahre dann rasch zu einer Apotheke, um etwas zum Desinfızieren zu holen.
Dann waschen wir das Knie und kleben ein Pflaster drauf. Wir halten zusammen
und erleben Wichtiges.

Montag, 15. Mai 2017

Kinderland: Schleichwege fahren I



Aus meiner Kinderforschung.


Drei Kinder (11-13) stehen hinten auf der Stoßstange des Autos. Ich fahre
langsam, abgelegene Pfade, Feldwege. "Schleichwege fahren" nennen sie das.
"Dürfen wir hinten mitfahren?" Es kam nur auf mein o.k. an. Auf nichts sonst,
sie überlegten nichts weiter. Aber ich: Ist das erlaubt (natürlich nicht), was
sagen die Eltern (nein, zu gefährlich), was kann nicht alles passieren. Wie
kommt es, dass ich ja sage? Da gibt es eine Größe in mir, die sich nicht mit
dem Intellekt erfassen lässt. Es ist ein sicheres Gefühl. Ein gutes Gefühl zu
den Kindern - parallel dazu ein schlechtes Gefühl zu der Erwachsenenwelt.

Ich möchte meinem guten Gefühl nachgeben. Es ist einfach wertvoller, mit
den Kindern zu leben, bei ihnen gute Gefühle zu haben, als die Regeln der
Erwachsenenwelt zu befolgen. Das "Wenn etwas passiert" ist bei den Kin-
dern ganz anders aufgehoben als bei den Erwachsenen. Es ist, als ob wir uns
alle das Risiko teilen. "Wenn etwas passiert" - daraus wird mir kein Vorwurf
werden. Wir sind von gleicher Art. Wenn wir etwas tun, ist jeder für sich
selbst zuständig. Ich vertraue ihnen, dass sie mir nichts vorwerfen werden.
Ich habe keine Angst vor ihnen. Und weil ich keine Angst vor ihnen habe,
kann ich bei ihnen der sein, der ich sein will: Ich kann sie auf der Stoßstange
mitfahren lassen.

Wir fahren durch Felder und Wälder, Sommerwind. Wir sind glücklich.
Ich lasse mich in dieses Spiel fallen, und nachdem ich rausgefunden habe,
bei welchem Tempo ich noch ruhig bin und sie noch Spaß haben, tun wir
dies so oft, wie es uns bei unseren Treffen in den Sinn kommt.

Sonntag, 14. Mai 2017

Was bedeutet Selbstverantwortung? II



Der Post vom 12.5. zur Selbstverantwortung endete mit dieser Passage:

Wenn das Thema aber "Selbstverantwortung" heißt, und wenn zum Ausdruck
gebracht wird, dass damit eine ganze kulturelle Ebene (die der Erziehung/ des
Patriarchats/ der Hierarchie/ der Moderne) verlassen wird, wie kann da eine
einfache Antwort helfen?

Hier nun die Fortsetzung:

Wie kann man über Amication ins Gespräch kommen, in ein Gespräch, das
fruchtbar ist? Fruchtbar für wen? Für mich, für Dich. Wollen wir über die
Thematik von Existenz (meiner) und Existenz (Deiner) ins Gespräch kommen?
Wollen wir uns überhaupt als Personen begegnen oder als Verstandescomputer,
personenneutral? Und geht so was überhaupt ...?

Was willst Du von mir, wenn Du mich fragst: "Was bedeutet eigentlich Selbst-
verantwortung?" Auf welchen Pfaden wandelst Du? Sachlich - gibt es nicht,
jedenfalls nicht so, nicht bei dieser Frage, die ja mit der gesamten postmodernen
und amicativen Sicht zu tun hat. Willst Du mit mir ein Stück gemeinsame
Lebenswegstrecke gehen, und wir teilen uns mit, was wir rechts und links sehen?
Oder willst Du sagen, was wirklich ist, und ich sollte das einsehen?

"Selbstverantwortung" ist ein praller Begriff, prall voll Leben. Er ist ein sehr
gutes Eingangstor in die amicative Welt. Niemand muss ihn nutzen. Niemand
muss zu diesem Tor gehen, niemand es durchschreiten. Aber man kann all das
tun. Sich entscheiden im Unendlichen: Ich bin.

Es geht mir, wenn ich mit einem anderen Menschen zu tun habe, um Kommuni-
kation. Um Ich-Du. Um Existentielles. Die Sachfragen, die wir erörtern (z. B.:
Was ist Selbstverantwortung?), sind auch interessant. Auch. Wie lassen sich Sach-
fragen erörtern? Viele Antworten. "Sachlich" ist eine. Eine! Von vielen. Die
richtige? Für Dich richtig? Was ist für mich richtig? Steht die Sache über der
Person? Gibt es Sachen unabhängig von Personen? Gibt es die Welt unabhängig
von mir? Gibt es draußen, außerhalb von mir, Wirklichkeit? Wer sagt das? Gibt
es nur Wirklichkeit in mir? Mache ich - wie jeder Mensch - die Wirklichkeit?
Wer sagt, dass das richtig (was ist das?) ist?

Es gibt Bilder, die das einfangen, was ich sagen will: das Bild vom Mosaik,
vom Mandala, von der Kontingenz. Wenn ich mit jemandem über Amication
ins Gespräch komme, entwickelt sich ein feines Gewebe im Hin und Her. Ich
zeige dem Neugierigen etwas von meiner Sicht der Dinge. Mal versteht er, mal
nicht, mal ist Nähe, mal Distanz spürbar. Kommunikation, auf vielen Ebenen.
Unweigerlich kommt dann die Frage "Was verstehst Du eigentlich unter Selbst-
verantwortung?"

Antwort und die Nachfrage und die Nachantwort und alle dann folgenden Hin
und Her sind wie eine Wasserscheide: "Kommst Du mit? Was willst Du? Du
kannst jederzeit wieder gehen. Hier bin ich: Ich bin auch auf Dich neugierig.
Was Du dazu meinst, zu dem, was mir wichtig ist - zu dem, der ich bin - zu mir.
Und zu meiner Art, die Welt zu sehen und mich darin zurechtzufinden. Und zu
Dir, wer Du bist, und zu Deiner Art."

Eine klare, knappe Definition zu "Selbstverantwortung" wäre schal, dürr, leblos,
chancenlos, etwas von dem zu vermitteln, was mir wichtig ist. Also: Auf ins
Gespräch! In die Begegnung! In das Abenteuer Ich-Du. Unsere Beziehungen
zu Kindern sind Abenteuer-Beziehungen. Ich-Du-Beziehungen. Personale
Begegnungen. Voll Authentizität, Kongruenz, Ehrlichkeit. Eben: Existentiell.
Sie sind fruchtbar, konstruktiv, hilfreich. Genau so sind die Gespräche, die
vor, am und hinter dem Tor "Selbstverantwortung" stattfinden.








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Freitag, 12. Mai 2017

Was bedeutet Selbstverantwortung? I



Was bedeutet eigentlich ››Selbstverantwortung«? Es wird eine klare
Antwort erwartet. Ich gebe sie: »Selbstverantwortung ist, wenn jemand
selbstverantwortlich ist. Wenn er, nicht ein anderer, für sich die Verant-
wortung trägt.« Ist die Antwort zu dünn? Unscharf? Unsinnig?

Ein Beispiel wird bemüht: Das Auto fahrt einem Fußgänger das Bein ab.
Ist da Selbstverantwortung im Spiel? Ist der Fußgänger dafür selbst
verantwortlich, dass das Bein ab ist? Natürlich nicht! Oder? Wer ist dafür
verantwortlich, dass der Fußgänger an dieser Stelle war? Musste er dort
sein?

Wer ist dafür verantwortlich, dass dieser Fußgänger überhaupt existiert?
Ohne Fußgänger kein Bein ab! Seine Eltern? Das genetische Programm
"Mensch"? Adam und Eva? Gott? Und wer ist für das Auto verantwortlich?

Ohne Motor würde das Auto nicht fahren. Wer stellte den Motor her? Wer
gewann das Eisen des Motors aus dem Berg? Wieso hatte dieser Berg
überhaupt Eisen? Wo kam der Berg her? Woher kommt die Erde?

Ist das Auto selbstverantwortlich? Ist der Fußgänger selbstverantwortlich?
Ist der Motor selbstverantwortlich? Ist das Bein selbstverantwortlich?

Was soll das? Gegenfrage: Worum geht es Dir, wenn Du nach der Selbst-
verantwortung fragst? Um Klarheit? Um Wahrheit? Um Macht? Um das
bessere Wissen? Gibt es besseres Wissen? Ach ja? Woher die Weisheit?
Zurück auf den Boden der Tatsachen!

Noch ein Beispiel. Jetzt eins, wo es kein Ausweichen gibt. Klare Situation:
Der Räuber Hotzenplotz schlägt Kasperls Großmutter nieder. Großmutter
hat einen Bluterguss. So: Wer ist für den Bluterguss verantwortlich? Klar:
Hotzenplotz. Oder sein Stock? Oder der Mann, der den Baum pflanzte,
von dem der Stock ist? Ist Großmutter für ihren Bluterguss selbst verant-
ortlich? Ihre Haut? Ihr Blut?... Nicht schon wieder dieser uferlose Unsinn!

Wer sagt, was Sinn ist? Der gesunde Menschenverstand! Wer hat den? Der,
der sagt, dass er ihn hat? Der Wissenschaftler vor dem Stammtischbruder?
Der Europäer vor dem Afrikaner? Der Mann vor der Frau? Der Priester vor
dem Laien? Du vor mir? Ich vor Dir? Worum geht es eigentlich? Um eine
klare  Antwort auf eine  einfache Frage. Was aber ist klar? Was ist einfach?
Es geht schon wieder los.

Es geht um etwas anderes. Um Kommunikation, um Beziehung, um Mit-Sein,
um Austausch, um Sich-Erleben im Anderen, um: menschliche Existenz. Um
das "Wer bin ich" und das "Wer bist Du" und das "Was ist die Welt" und das
"Wer bin ich in der Welt" und so weiter. Es geht um eine existentielle Thematik.
Jede Sachfrage hat dies als Untertergrund. Es schwingt unter jeder Sachfrage
Tausenderlei  mit: Weltbilder, Denkschulen, Traditionen, Religionen, Machtfragen,
Ängste, Träume, Eitelkeiten, Haß, Liebe, Tod, Leben. Der Sachbegriff "Selbst-
verantwortung" ist wie ieder andere Sachbegriff auch (Auto, Motor, Holz eben
nicht lediglich ein Sachbegriff.

Und wer "Selbstverantwortung" nur so (sachlich) sehen und nur darüber ins
Gespräch kommen will, legt vorher etwas fest: nur so (sachlich) darüber zu
reden. Und diese Festlegung trifft er auf der existentiellen Ebene. Es gibt
Begriffe (wie Auto, Motor, Holz), da wird die existentielle Ebene kaum eine
Rolle spielen. Wir reden dann über Autos, sonst nichts. Tatsächlich? Wenn man
über Autos redet, diskriminiert man allein dadurch, daß man Autos für der Rede
wert hält, die Natur. Oder die Kinder, die von Autos gefährdet werden. Oder.

Wenn das Thema aber "Selbstverantwortung" heißt, und wenn zum Ausdruck
gebracht wird, dass damit eine ganze kulturelle Ebene (die der Erziehung/ des
Patriarchats/ der Hierarchie/ der Moderne) verlassen wird, wie kann da eine
einfache Antwort helfen?

Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Kinderland: Pferde, Hunde und Co.


Als ich mit den Kindern meines Forschungsprojekts über
postpädagogische Beziehungen unterwegs war, habe ich
ab und zu etwas von unseren Erlebnissen aufgeschrieben.
Hier sind drei Situationen mit Claudia, sie ist 12 Jahre alt.

*

Claudia liebt Pferde. "Ich will dort zu den Pferden."
"Aber nicht über den Zaun." Wenn sie so einfach in die
Koppel geht, das könnte gefährlich werden, denke ich. Am
Zaun gibt es Krach. Sie will rüber, ich habe Angst. "Mir
wäre lieber, wenn Du nicht rübergehst." Beginne ich, Clau-
dia zu beherrschen? Ich merke, dass ich damit anfange. Mir
fällt etwas ein: Ich kann ja weggehen und muss nicht dabei
sein, wenn sie über den Zaun klettert. Sie weiß, wie ich
darüber denke, und die anderen, die dabei sind, können es
bestätigen, wenn etwas passiert. Ich mauschel mich irgend-
wie aus der Affäre, aber ich habe Machtkämpfe satt. Und
ich überlege mir, dass ich mich beim nächsten Mal nicht
mehr so anstellen werde. Claudia kommt dann rasch nach,
wir kommen ins Gespräch über Pferde. Ich erfahre, dass sie
Turniere reitet. Na bitte - wieso muß ich immer Angst
haben?

*

Claudia muss heute auf einen Hund aufpassen. Wir fahren
zu meiner Wohnung, und ich sage: "Der Hund bleibt im
Auto. Er ist mir zu schmutzig, und ich habe keine Lust,
nachher extra sauber zu machen." Er starrt wirklich vor
Dreck! Nach einer Weile schleppt Claudia den Hund in die
Wohnung. Ich bin sauer und fühle mich nicht akzeptiert.
"Ach, der tut doch nichts", sagen die anderen. Sie verstehen
nicht, wieso ich gegen den Hund bin. Aber sie bekommen
mit, dass ich nicht will. Sie reden auf Claudia ein, den Hund
wieder rauszubringen. Aber sie will nicht. Ich ärgere mich.
Erst als wir wieder zurückfahren, nach zwei Stunden, werde
ich gelassener. Sie hat eben gewonnen, sage ich mir. Das
kommt vor. Ich kann die Niederlage jetzt annehmen und
habe zu Claudia wieder gute Gefühle. Und ich denke listig,
dass wir nicht wieder zu meiner Wohnung fahren, wenn "so
ein süßer Hund" dabei ist.

*

Claudia hat wieder den Hund dabei. "Der kommt nicht
in die Wohnung." Das steht fest. "Wir können ja auch
woanders hinfahren", biete ich an. "Ist gut, er kann im Auto
bleiben", Claudia ist einverstanden. Dann aber, in meiner
Wohnung: "Der ist doch so allein im Auto." Dass sie mit ihm
im Auto bleiben kann oder dass wir alle woanders hinfahren,
will sie nicht. "Lass ihn doch rein." Als ich dann mal nicht
aufpasse, ist der Hund da. Ich kommandiere ihn auf den
Balkon und lasse mich auf nichts ein. Claudia ist wütend. Sie
geht mit auf den Balkon. Sie redet nicht mehr mit mir. Ich
habe blöde Gefühle, aber auch keine Lust, mich schon wie-
der unterbuttern zu lassen. "Claudi friert", sagen die anderen.
Sie sind auf ihrer Seite. Bin ich zu kleinkariert? Ich will eben
nicht. Wir hatten schließlich ein Abkommen, und wir hätten
ja auch woanders hinfahren können. "Dann bringt ihr doch
eine Jacke", reagiere ich, Auf der Rückfahrt sagt mir Claudia,
wie gemein ich bin. Ich lasse ihr ihre Meinung und denke
nicht daran, sie "umzustimmen". "Ich hatte keine Lust auf
den Hund in meiner Wohnung" ist alles, was ich sage. Und:
"Letztes Mal hast Du gewonnen, heute Hubertus. Ihr könnt
Euch wieder vertragen" sagt Moni (11). "Besser, Du bringst
den Hund nicht mehr mit", sagt Jürgen (13). Beim nächsten
Treffen verstehen wir uns wieder. Über die Hundegeschichte
wird nicht mehr geredet.

Montag, 8. Mai 2017

Christiane Rochefort


Neben dem Buch von Frédérick Leboyer steht in meinem Bücherregal
"Kinder" von Christiane  Rochefort aus dem Jahr 1978, erschienen in
Frankreich 1976. Ihr Diktum "Kinder sind eine unterdrückte Klasse" will
verstanden sein, darauf gehe ich ein anderes Mal ein. Und ihr Buch "Zum
Glück gehts dem Sommer entgegen" ist ein Klassiker. Heute stelle ich aus
"Kinder" eine subtile Textstelle von ihr vor, ein bisschen zum Reinhören in
sich selbst.

*

Mit sechs Jahren ungefähr wird einem allmählich klar, wo man
hineingeraten ist- eijeijei. Man kapiert, welchen Preis es kostet,
gegen den Strom schwimmen zu wollen. Und welchen Gewinn
man hat, wenn man mitspielt. Man hat gelernt zu rechnen. Kurzum:
man wird allmählich vernünftig - in dem Sinne, wie der Fragende
zum Befragten, der gerade anfängt zu sprechen, sagt: "Ich sehe,
dass du vernünftig wirst." Um zu überleben, um Ärger zu vermeiden,
um Gnade zu finden, um geliebt zu werden, das heißt um der eigenen
Sicherheit willen, muss man sich nach diesem seltsamen Begriff
„Vernunft“ richten. Wird man sich tatsächlich danach richten?

Bis zu ungefähr zehn, zwölf Jahren trifft man eine Wahl, nicht selten
unter heftigen Konflikten. Der Ausgang dieses inneren Kampfes ist
von tausend Faktoren abhängig, unter anderem davon, wieviel man
von seiner ursprünglichen Lebensenergie hinüberretten konnte, außer-
dem von der Art und Stärke des ausgeübten Druckes sowie von dem
Maß an Liebe, die man für seine Eltern empfindet. Dieser Abschnitt
wird vom Psychoanalytiker „Latenzperiode“ genannt. Es wird an-
genommen, dass während dieser Zeit die Sexualität zurücktritt und
das Gedächtnis die Funktion einer Zensur übernimmt.

Die Sexualität muss also wieder mal herhalten, um die gesellschaft-
liche Kausalität zu verschleiern. Wenn diese Experten jemals wirklich
Kinder gewesen wären, dann wüßten sie, dass nichts schwerer zu
ertragen ist als die Niederträchtigkeiten, die zu begehen man gezwungen
war. Erniedrigung, die schweigend geschluckt wurde. Bei Analysen ohne
ödipale Sperre kommt es dann wieder heraus. Es sind keine ruhmreichen
Erinnerungen, und man möchte sie lieber vergessen; man denkt nicht gern
an so klägliche Erlebnisse zurück.

Am wenigsten tun dies edle und stolze Ritter - und alle Kinder sind
Ritter, Mädchen ebenso wie Jungen, solange sie es nicht mit der Angst
zu tun kriegen.

Latenzperiode! Eine Periode der Kapitulation, Vergleichsabschlüsse,
Kompromisse. Daran ändert auch nichts, dass solche durch höhere
Gewalt bewirkt werden: man fühlt sich frei, empfindet das alles nicht
als gewaltsam. Und zu den rasenden Schuldgefühlen, die von den
moralischen Instanzen erzeugt werden, muss noch die Lust am Verrat
hinzukommen. Zum Verrat an etwas Wertvollem, Echtem. Man hat
sich ergeben. Die Erwachsenen ahnen ja nicht, was in den Köpfen und
Seelen von Rittern auf der Suche nach dem Gral vorgeht.




Donnerstag, 4. Mai 2017

Frédérick Leboyer


Bis vor nicht allzu langer Zeit fühlten sich bei einer Geburt die
beteiligten Erwachsenen zuständig dafür zu sorgen, dass die
Babys sich auf die Luftatmung umstellen. Hierfür waren sie
sich verantwortlich. Die Babys waren dies nicht.

In meinen Vorträgen gibt es eine Passage, in der ich von den ersten
Atemzügen der Babys erzähle. Die sie direkt nach der Geburt in
eigener Regie tun - wenn wir sie dies denn tun lassen und sie dabei
nicht stören. Aus lauter Sorge, sie könnten ohne unser Eingreifen zu
Schaden kommen. Stören, in dem wir ihnen das Heft aus der Hand
nehmen und sie zum Atmen veranlassen, drängen, zwingen - aus 
unserer Verantwortung heraus, wie wir meinen, und die die Babys
nicht für sich haben.

Doch das "selbstverantwortlich von Anfang an" wird in der Geburts-
situation sehr anschaulich und konkret. Wenn ich davon erzähle, dass
die Babys sich sehr wohl allein, in eigener Verantwortung auf die Luft-
atmung umstellen können, sind meine Zuhörer gebannt und angerührt.

Neulich habe ich das Buch "Geburt ohne Gewalt" von Frédérick
Leboyer aus dem Jahr 1974 wieder einmal in der Hand gehabt und
die wahrhaft revolutionäre Stelle nachgelesen. Hier ist sie:


*

Die Hauptgefahr für das Kind während der Geburt besteht in der
Anoxie, das kann nicht genug betont werden. Anoxie bedeutet
Mangel an Sauerstoff, und besonders das Nervengewebe reagiert
darauf äußerst empfindlich. Wenn ein Kind vorübergehend zu wenig
Sauerstoff erhält, so führt das zu irreparablen Schäden im Gehirn, die
es möglicherweise sein Leben lang zum Krüppel machen. Mit anderen
Worten: das Kind darf unter keinen Umständen, zu keinem Zeitpunkt
der Geburt in einen Sauerstoffmangel geraten. Nicht einmal für kurze Zeit.
So sagen die Experten, und sie haben recht.

So sagt es auch die Natur.

Darum hat sie es so eingerichtet, daß das Kind in der gefährlichsten
Phase unmittelbar nach der Geburt aus zwei Quellen Sauerstoff
erhält: aus seinen Lungen und aus der Nabelschnur. Beide Systeme
arbeiten gleichzeitig, allmählich löst eins das andere ab: das alte, die
Nabelschnur, versorgt das Kind noch so lange ausreichend mit Sau-
erstoff, bis das neue, die Lungen, diese Funktion in ausreichendem
Maße übemehmen können.

So bleibt das Kind, das eben erst den Mutterleib verlassen hat, noch
einige Minuten lang durch die kräftig pulsierende Nabelschnur mit ihr
verbunden. Vier, fünf Minuten, manchmal noch länger.

Der Sauerstoff, den es weiterhin über die Nabelschnur erhält,
schützt es vor Anoxie, so dass es gefahrlos und ohne Schaden zu
nehmen in aller Ruhe mit dem Atmen beginnen kann, langsam und
ohne etwas zu überstürzen. Das Blut hat Zeit, nach und nach die
alte Bahn zu verlassen (die zur Placenta führte) und zunehmend
die Lungenstrombahn zu entfalten.

*

Wie kommt es zu dem ersten Schrei?

Wenn das Kind herauskommt, wird der Brustkorb, der bis dahin
aufs Äußerste zusammengepreßt war, plötzlich durch nichts mehr
eingeengt und öffnet sich. Es entsteht eine Leere, in die die Luft
sogleich mit Wucht eindringt. Es ist ein passiver Vorgang. Das ist
der erste Atemzug.
Das ist die Verbrennung.
Das Kind beantwortet diese Verletzung, indem es ausatmet.
Zornig jagt es die Luft wieder hinaus.
Das ist der Schrei.

Danach ist es oftmals eine Weile still. Erstarrt vor Schmerz macht
das Kind eine Pause. Manchmal wiederholt sich der Schrei auch
zwei, drei Mal, bevor die Pause eintritt.

Wenn wir ihm Zeit zu einer Pause lassen.

Meistens verlieren wir hier die Nerven, und dann gibt es gewöhnlich
Ohrfeigen, Poklatschen und kaltes Wasser.

Doch inzwischen haben wir dazugelernt und können unsere
Impulse beherrschen. Wenn wir der Natur und den kräftigen
Pulsationen der Nabelschnur vertrauen, brauchen wir uns nicht
einzumischen. Wir werden sehen  dass die Atmung von allein
wieder einsetzt. Zunächst zögemd, vorsichtig, immer noch mit
kleinen Pausen.

Das Kind, das von der Nabelschnur noch Sauerstoff erhält,
nimmt sich Zeit und nur so viel von der feurigen Luft, wie es
ertragen kann. Es hält ein, beginnt von Neuem. Es gewöhnt sich
langsam und atmet tiefer. Bald findet es Gefallen an dem, was
eben noch grausam und verletzend war.

*

Wenn die Nabelschnur aufhört zu pulsieren, schneiden wir sie
durch. Kein Schrei, keine Bewegung, nicht einmal ein Zittem
kommt von dem Kind. In Wirklichkeit haben wir nichts durch-
trennt. Ein totes Band ist abgefallen Das Kind wurde nicht von
seiner Mutter fortgerissen. Sie haben sich voneinander gelöst.

Wie wohltuend, wie einleuchtend ist eine solche Geburt. Die
Mutter hat ihr Kind noch ein Stück begleitet. Indem sie ihm über
die Nabelschnur noch weiterhin Sauerstoff zukommen ließ, hat
sie ihm geholfen, seine ersten Schritte in dieser furchterregenden
Welt zu machen.

Ähnlich wird es später sein, wenn das Kind laufen lernt und die
Mutter ihm eine Hand anbietet, an der es sich festhalten kann.
Eine geöffnete Hand, die das Kind ergreifen und wieder loslassen
kann, in dem Maße wie es seiner eigenen Kraft vertraut.

Montag, 1. Mai 2017

Das tun, wenn Kinder streiten


Zwei Dreijährige streiten. Ines reißt Melanie an den Haaren. Melanie beißt. Sie schreien und heulen sich an. Ich bin dabei, knie vor ihnen und sehe sie vor mir. Ich nehme auf, was sie tun, und mein Gesicht drückt aus, dass mich ihr Streit angeht und wie er mich angeht. Ich spüre ihr Leid und das Gewitter ihres Zusammenstoßes. Es geht darum, dass Ines auch mal Melanies Rad benutzen will. »Ist meins«, sagt Melanie, und sie will nicht.

Ich habe keine Aufforderung zum Schlichten erhalten. Weder Ines noch Melanie wenden sich an mich, ihr Problem zu lösen. Und selbstverständlich lasse ich sie ihren Streit führen. Wie hätte ich das Recht, mich in ihre Angelegenheiten einzumischen, unaufgefordert? Ihre Angelegenheiten sind gerade sehr laute Angelegenheiten, mit Schmerz und Leid, Wut, Zorn und Ärger.

Soll ich mich als Oberschiedsrichter betätigen und »Frieden stiften«? Frieden stiften: Ich habe oft genug erlebt, dass »friedenstiftende« Erwachsene ihre Macht ins Spiel brachten, um einen Konflikt zu beenden. Da stoppt jemand mit seinen Machtmitteln – mit lauter Stimme, körperlicher Überlegenheit, psychischem Druck – den Krach der anderen. Er wird aggressiv, um Aggressivität zu beenden. Er führt den Superkrieg, um den Krieg der Kleinen zu befrieden. »Alles hört auf mein Kommando« – die Ordnungsmacht hat gesprochen. Wer sich so den Kindern gegenüber verhält, sollte sich im klaren darüber sein, dass er den Kindern vorlebt: Mit Herrschaft und noch mehr Aggressivität und Macht kann man einen Konflikt beenden. So ein Erwachsener stiftet nicht Frieden, sondern er stiftet zum nächsten Krieg an.

Ich will uns Erwachsenen dies nicht zum Vorwurf machen. Wir sind schließlich in einer Tradition des erzieherischen Befriedens groß geworden. Wir haben Angst vor aggressiven Auseinandersetzungen und wünschen uns den Frieden so sehr, dass wir auch schnell bereit sind, ihn mit kriegerischen Mitteln herzustellen. Unsere Angst und Unfähigkeit, aggressive Konflikte als menschliche Realität zu akzeptieren, macht uns hilflos und uneffektiv.

In der Amication wird erkannt, dass Kinder mit ihrem Streit leben können – schlicht und einfach. Streit wird nicht zu dem Problem, das Erwachsene darin sehen. Mit einer amicativen Einstellung kann man von den Kindern den unverkrampften Umgang mit dem Streit wieder entdecken, wie man ihn selbst als Kind praktiziert hat, und man hat die Möglichkeit, sich nicht in ihren Streit einzumischen.

Wenn ich mich so vor Ines und Melanie hinknie und »da bin« (emotional und konzentriert anwesend bin), dann bringe ich ein, was ich an friedenstiftenden Dingen geben kann: »Ich mag euch. Jeden von euch. Ich mag euch, auch wenn ihr streitet.« Und ich bin schon ein Stück weiter: » Ich mag Euch – ob Ihr streitet oder nicht streitet. Es ist nicht wichtig für das Mögen, was Ihr tut: streiten oder nicht streiten. Ich mag Euch ohne Vorbedingungen. Ich mag Euch als Streitende und als Nichtstreitende, wie es kommt.« Ich habe Platz in mir für ihre Aggressivität, die mir in den Ohren gellt. Und für ihre Wut und ihren Zorn, die in mir tiefe Gefühle aufrühren. Ich lasse mich auf ihren Streit auch mit meinem Gefühl ein, dies verwirrt mich nicht. Ihr Geschrei, ihr Weinen und ihre Tränen sind für mich nicht das Signal, besorgt und angstvoll einzugreifen. Im Zusammensein mit den Kindern entdecke ich dies wieder: Sie vertrauen mir ihren Streit an, ihre Tränen und ihre Wut. Es ist ein kostbares Anvertrauen. Und nicht geeignet für »befriedendes Helfen«.

Kinder lösen ihre Konflikte ohne Erwachsenenhilfe. Da gibt es Niederlagen und Siege und Einigungen. Wie es eben kommt. Das Verlieren enthält keine Dramatik, das Gewinnen auch nicht. Es kommt und geht, und schon kommt Neues. Ihre Grundeinstellung dem Konflikt gegenüber ist von anderer Art als unsere Erwachseneneinstellung hierzu.

Für den Erwachsenen gibt es in der Amication den streitenden Kindern gegenüber eine freundliche Neutralität. Neutral: Erwachsene mischen sich nicht in die streitenden Angelegenheiten von Kindern ein. (Es sei denn, man kann ihren Streit nicht mehr mit ansehen, er ist zu wild, zu ungerecht, zu gefährlich, was auch immer. Doch was sich dann tun lässt, ist ein anders Thema.) Freundlich: Erwachsene stehen nicht abseits, sondern sie fühlen sich in die Situation einbezogen, sie sind konzentriert und gefühlsmäßig präsent. Sie sind da für die eventuelle Ansprache der Kinder: »Hilf mir« – »Ich mische mich nicht ein« – »Was können wir machen (um uns zu einigen)?« – »Ich schlage vor...« – »Der ist so gemein« – »Ja (ich spüre Deinen Ärger und Zorn)«. Und: Es gibt keine bösen Streiter. Der Schuldvorwurf hat in der Amication nichts verloren, auch nicht, wenn Kinder streiten.

Nachdem Ines das Rad nicht bekam, lief sie aus dem Hof in den Garten. Ich war mit Melanie allein. Sie sah mich an und ich merkte, dass sie das kannte: Die Angst, etwas angerichtet zu haben und bestraft zu werden. »He, Du, hallo«, sagte ich und sah sie warm und aufmerksam an. In ihren Augen lebte das Vertrauen zu mir, und sie wandte sich um und ihrem Rad zu. Ich ging zu Ines, setzte mich in ihre Nähe und sprach sie nicht an. Wozu etwas sagen? Ich brachte ihr Wichtigeres als Gerede mit: Mein »Ich bin da und habe Zeit für Dich«. Sie sah, dass ich gekommen war, kam aber nicht zu mir und sah auch nicht zu mir hin. Ich setze mich an den Zaun und dachte über dies und das nach. »Schaukelst Du mich?« Das Leben geht undramatisch weiter, wenn wir seine Erscheinungen akzeptieren und kein Drama daraus machen.



Samstag, 29. April 2017

Was tun, wenn Kinder streiten?


Zu dieser Frage gibt es viele Antworten. Warum aber überhaupt diese Frage? 
Kinder atmen, spielen, rennen, sie tun unendlich viele Dinge, und eine Sache ist 
eben: Streiten. Wieso machen wir uns so viele Gedanken darüber? Es sind sehr 
anstrengende Gedanken, voll Drang nach einer Lösung, nach einer guten Lösung.
So, als wären wir aufgerufen, anstelle der Kinder ihren Streit zu beenden. Wenn
Kinder rennen, kann man sich auch Gedanken machen, wie sie rennen, wohin,
wie schnell, wie schön oder wie hässlich. Aber das sind Gedanken von anderer 
Art. Das Nachdenken über die Streiterei bei den Kindern springt uns an, davon 
kommt man nicht los, das scheint nötig zu sein.

Wenn Katzen streiten, wenn Hunde streiten – da können wir zusehen und es ihnen
überlassen, wie sie das regeln (es sei denn, sie sind dabei, sich schwer zu verletzen,
aber davon ist jetzt nicht die Rede; es geht um den normalen Kleinkrieg, bei den 
Tieren, bei den Menschen). Sind Kinder weniger wert, in Ruhe gelassen zu werden? 
Was verstrickt uns Erwachsene in den Streit der Kinder?

Wenn wir die Kinder in Ruhe lassen, wird das Leben weitergehen. Sicher. Aber wir 
können sie nicht in Ruhe streiten lassen. Weil ...? Weil sie etwas Unschönes tun, 
etwas, das sie nicht tun sollten. Genau so darüber nachzudenken haben wir gelernt, 
als wir Kinder waren. Wir erlebten, dass die Erwachsenen sich einmischten, wenn 
wir stritten. Das ist so gelernt, wie wir gelernt haben, dass man »Guten Tag« sagt. 
Kinder streiten – Erwachsene greifen ein.

Ist das sinnvoll, nötig, unabänderlich? Bevor man darangeht, sich Gedanken darüber 
zu machen, wie man (am besten) eingreift, kann sich jeder darüber klar werden, ob 
es ihn überhaupt zum Handeln drängen muss, wenn Kinder streiten.

In der Streitfrage hängen wir an einem Marionettenfaden, gesponnen in unserer Kind-
heit: »Du musst etwas tun, wenn Kinder streiten. Das gehört sich so für Erwachsene.« 
Diesen Faden habe ich nun selbst in der Hand. Ich gewinne Souveränität über mich 
zurück. Wenn Kinder streiten, ist es meine Sache, ob ich überhaupt darauf reagieren 
und etwas tun will. Ich muss dies nicht.

Ich könnte etwas tun, wenn Kinder streiten. Aber was will ich erreichen? Ruhe im
Kinderzimmer? Frieden? Versöhnung? Gerechtigkeit?

Das sind schöne Ziele. Doch werden die Kinder jetzt dafür ein offenes Ohr haben,
wo es um ihren Bauklotz geht? Den Kindern geht es um »ihren« Bauklotz. Mir geht
es um diese Ziele. Ich sage nicht, dass meine Ziele unsinnig sind, ich überlege nur,
dass ich mit meinen Zielen ganz woanders bin als die Kinder. In einer anderen Welt,
der Welt der Ethik und Moral. Während die Kinder in der Welt der Dinge sind und
dort streiten.

Wenn ich auf der dinglichen Ebene der Kinder sein möchte, dann ist das einfach:
Ich verbünde mich mit einem von ihnen und sorge dafür, dass es gewinnt, also den
Bauklotz bekommt. Und fertig. Und das andere Kind? Es hat verloren und keinen
Bauklotz. Und fertig. Aber wie soll es das finden? Will ich auf der moralischen
Ebene verhandeln? Ihm beibringen, dass es nicht Recht hatte, dass es der kleinen
Schwester auch mal etwas abgeben sollte? Meine ich im Ernst, dass meine Moral-
vorstellungen für den Verlierer von Interesse sind? Es sind die Moralvorstellungen
des Siegers, und es ist nicht gelungen, den Verlierer zusätzlich zum Verlust des
Bauklotzes auch noch um seine Moralvorstellungen bringen zu wollen.

Wenn ich nichts erreichen will – dann lasse ich die Kinder in Ruhe.

Wenn ich aber etwas erreichen will – dann könnte ich mir klar machen, dass es
um meine eigenen Vorstellungen geht (nicht um die der Kinder), wie die Situation
weitergehen soll. Ich tue also etwas für mich selbst, nicht für die Kinder. Die sind
zwar davon betroffen, aber zunächst geht es um mich selbst. Das zu wissen befreit
und entlastet. Denn wenn es um mich geht, wenn Kinder streiten, geht der Stress
zurück, jetzt aber die richtige Lösung für die Kinder zu finden.

Ich schaue also zunächst zu mir: »Was will ich wirklich, was kommt mir zu?« Ich
kann versuchen, das für mich Beste beim Streiten der Kinder herauszufinden und
ins Spiel zu bringen, was immer das ist. Was immer das ist! Ich kann Partei ergreifen,
meckern, besänftigen, einen Kompromiss suchen, schlichten, verurteilen, tricksen,
ablenken, wütend sein, mitfühlend sein, den Überblick behalten, ihn verlieren –
tausend Möglichkeiten.

Der Punkt, auf den es ankommt, ist: Ich bin der Chef meines Lebens. Auch hier.
Auch, wenn Kinder streiten. Was immer ich tue – es ist sinnvoll. Die Kinder werden
sofort rückmelden, wie sie mein Eingreifen finden. Und dann kann ich dabei bleiben
oder es verändern. Wieder mit dem Gefühl, mein eigener Chef zu sein.




Freitag, 28. April 2017

Das Eichörnchen, der Panther und die Waldeule


Das ist ja alles nicht so einfach, der ganze Kram mit der Schule und den Kindern
und ihrer Würde und der Kultur und dem Adultismus und der Emanzipation
und der Beziehung ohne Erziehung und der Selbstliebe und was weiß ich noch
alles. Und dann wurde der Sohn (7) einer Freundesfamilie auch noch in der
Schule von einem Klassenkameraden beklaut, er wills natürlich nicht gewesen
sein, die Lehrerin ist machtlos usw usw.

Deswegen gibts jetzt erst mal leichtere Kost, aus meiner Geschichtensammlung.

*

Als der gelbe Schwanz des Eichhörnchens sich dreimal um die Kornblume
wickelte, kam der wunderrote Panther über die Steinplatten gesprungen.
Er hatte sein Fell noch voller Tau. Der Panther nickte dem Eichhörnchen zu,
und zusammen sahen sie dem Aufgang des dritten Mondes zu. Das Licht
wurde heller, und bald darauf konnten sie auch das große Korrıfelld wieder
sehen. Unzählige bunte Schmetterlinge eilten eifrig über dem Kornfeld hin
und her. Sie waren damit beschäftigt, den Strom der Kornherzen zu überwa-
chen. Es durfte nicht passieren, dass die Herzen der Körner unregelmäßig
schlugen.

Der Panther erinnerte sich daran, was geschehen war, als Gromux, die riesige
Waldeule, eines hellen Sommertages zwischen die Schmetterlinge gefahren
war und sie in ihrer Arbeit gestört hatte. Die Kornherzen hatten falsch ge-
schlagen, und ihr Mond, auf dem sie lebten, begann zu taumeln. Beinah
wären sie alle abgestürzt und an der Doppelsonne verbrannt, wenn nicht
das Eichhörnchen der Eule Einhalt geboten hätte. Es hatte ihr seinen gelben
Schwanz entgegengehalten und sie mit einem grellen Blitz zurück in den
Wald gescheucht.

Er, der Panther hatte zu singen angefangen, so dass sich die Kornherzen
beruhigen konnten und ihr Mond seine richtige Bahn wiederfand. Es war
ihm nicht leíchtgefallerı, zu singen, denn er war sehr erschrocken gewesen.
Aber dann sangen die Schmetterlinge mit, um sich zu beruhigen und um
den Kornherzen Mut zu machen, wieder richtig zu schlagen. Aber das war
lang her.

Er dachte in den Gedanken des Eichhörnchens, und sie dachten zusammen.
Lautlos sangen sie das Lied an den ditten Mond, und wie immer sprangen
sie zusarnmen an Orexia, der tausendjahralten Eiche hoch. Oben in ihren
Ästen hatten sie den Überblick über die Schmetterlinge, die Kornherzen
und den Wald. "Ich muss heute mit Gromux reden", sagte das Eichhörnchen.
Das wird nicht leicht sein", antwortete der Panther, "aber Du musst es heute
tun." Das Eichhömchen seufzte, Gromux konnte so unfreundlich sein. Aber
es gab sich einen Ruck, lächelte dem Panther zu, setzte sich seinen Löwen-
zahnhut auf und flog mit dem Mondstrahl zum Wald.

"Gromux", rief das Eichhörnchen, "es ist Zeit." Gromux hatte heute über-
haupt keine Lust, die Pakete für den Wurzelquell fertigzumachen. Sie wollte
einfach nicht, und basta. Hatte denn immer nur das Eichhörnchen zu be-
stimmen? "Gromux", rief das Eíchhörnclıen, "nun komm schon." Gromux
versteckte sich zwischen den Zweigen. Der Panther merkte, dass Gromux
zu lange zögerte. Wind kam auf, und die ersten dunklen Wolken waren zu
sehen. Als ein gewaltiger Blitz in den Wald fuhr, und es so donnerte, dass
dem Panther die Ohren weh taten, da hatte er Verständnis für Gromux.
Er musste eben immer die schwerste Arbeit machen.

Gromux nahm wie immer vom Wurzelquell die rotgelbe Feder mit. Das
Eichhörnchen brachte sie dem Panther, und er warf sie in die Luft. Dort
zerfiel sie in Staub, und brachte den Schmetterlíngen wunderbunte Träume.

Montag, 24. April 2017

Schultrauma, III

 

Das Aussprechen der Wahrheit


Fortsetzung der Posts vom 22. und 23.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

*

Es lässt sich im Anschluss an die Demütigung etwas tun. Wenn Eltern diese seelische Verletzung ihrer Kinder schon nicht verhindern können, so können sie doch hier und sofort mit ihrer Heilung beginnen. Das Leid, das die Schule den Kindern zufügt, kann zum einen überhaupt und zum anderen rasch behandelt werden.

Das ist eine neue Möglichkeit – so nahe liegend und doch nicht erkannt. Hintergrund hierfür ist der eigentlich sehr einfache Gedanke, sich selbst als Mittelpunkt allen Geschehens zu sehen: die eigene Existenz als Basis der Welt zu begreifen, zu merken, dass es so viele Realitäten wie Menschen gibt. Mit dieser postmodernen Position wird deutlich, was einem selbst zukommt und was in die Zuständigkeit eines anderen Menschen gehört.

Und es wird ebenso erkennbar, wer ein Opfer und wer ein Täter ist – Doppelbindungen entstehen gar nicht erst. Der Nebel über dem Geschehen in der eigenen Schulzeit kann sich lichten, klarer und klarer treten der Lehrer Meier und die Lehrerin Müller von damals als Täter vor die Erinnerung, und ungestüm bricht sich das Wissen Bahn, dass wir Schulkinder damals im Recht waren, die Lehrer im Unrecht, dass sie Täter und wir Opfer waren und dass wir an unserem Leid damals nicht schuld waren. Und eindringlich wird bewusst, dass die heutigen Kinder in derselben Situation sind und wie wir ihnen helfen können.

Wenn ein jeder Mensch Mittelpunkt allen Geschehens ist, so gilt das selbstverständlich auch für den Täter, und da auch dieser Mensch aus seiner Sicht etwas Sinnvolles tut, wird zwar nicht das Leid kleiner, das das Opfer von ihm erfährt, aber es entsteht kein Hass. Kinder, die sich als Opfer erfahren und in dieser Opfererfahrung nicht durch Doppelbindungswirkungen gestört werden, werden nicht in Hass auf sich selbst, den Lehrer und die Schule verstrickt. Das Verhalten des Lehrers ist sinnvoll und aus seiner Sicht anders definiert als aus der Sicht des Kindes: Statt »Leid zufügen« sieht der Lehrer eine »notwendige Disziplinierung«, eine »berechtigte Strafe«, eine »hilfreiche Zurechtweisung«. Es wird der Hauch des Vorwurfs, des Schlechten, des Bösen, des Schuldgefühls und der Schuld-zuweisung aus diesem ganzen Szenario genommen.

Die Demütigung durch den Lehrer kann nun als das gesehen werden, was sie ist: eine Grenz-überschreitung, sinnvoll und unvermeidbar für den Lehrer, leidvoll und unakzeptabel für das Kind. Der Sinn des Lehrers steht nicht über dem Sinn des Kindes, und seinem »Das ist jetzt nötig« kann das Kind sein »Aber nur aus deiner Sicht« gleichwertig entgegenhalten. Das Leid des Kindes wird für das Kind Leid bleiben, doch es enthält nicht mehr das psychische Gift des objektiv Nötigen, verfügt durch eine absolute Autorität, erlitten durch eigenes Verschulden.

Die Eltern können ihren gedemütigten Kindern helfen, die Realität nicht zu verlieren. Sie können der aufkommenden Doppelbindung entgegenwirken, Schuldgefühle zerstreuen, das Selbstwertgefühl stärken, Orientierung sein, trösten. Es reicht dabei aus, das Unrecht, das vom Kind als solches erlebt wird, auch so zu benennen: »Es war Unrecht, er hat dir Leid zugefügt.« Ohne den Täter, den konkreten Lehrer, dabei zu diffamieren. Das Aussprechen der Wahrheit, so wie sie das Kind und die auf seiner Seite stehenden Eltern erleben, hat eine unglaublich befreiende und heilende Wirkung, ist voll Mitgefühl und Trost – und dabei gleichzeitig ohne jegliche Herabsetzung der Würde des Lehrers und Täters.

Wie in der Wahrheitskommission in Südafrika geht es darum, eine totalitäre Struktur (dort die Apartheid, hier die pädagogische Oben-Unten-Basis der Schule) in ihrer konkreten Inhumanität (dort der Übergriff des weißen Polizisten Meyer, hier der Übergriff des Lehrers Meier) offenzulegen als das, was es ist: Unrecht aus der Sicht der Betroffenen, der Schwarzen und der Kinder und ihrer Eltern. Dadurch, dass das Kind ohne Zweifel an sich selbst und seiner Wahrnehmung erlebt, dass ihm Leid zugefügt wurde, dass ihm tatsächlich unberechtigt Leid widerfuhr – und nicht ein irgendwie selbst verschuldetes und berechtigtes Schrecknis –, und dass die Eltern dies alles auch so sehen, verringert sich die Last. Das Leid kann zur Ruhe kommen, Trauer wird möglich, die Heilung kann einsetzen.

Ist das alles? Einfach nur die Dinge beim Namen nennen und trösten? Nun, das ist der Kern all meiner Überlegung und Erfahrung, wie sich dem Schulleid der Kinder wirklich begegnen lässt, dem Leid, das aus der grundsätzlichen pädagogisch-anthropologischen Herabsetzung und den täglichen konkreten Demütigungen kommt. Die Kinder zu trösten, wenn sie sich verletzt haben, ist eine Selbstverständlichkeit für Eltern. Diese Selbstverständlichkeit lässt sich auf das Leid übertragen, das den Kindern in der Schule widerfährt.

Darüber hinaus können Eltern miteinander über diese Thematik ins Gespräch kommen, sich gegenseitig klarmachen, wie sehr ein jeder in diese Erfahrungen verstrickt ist, und dass man sich dennoch aufmachen kann, die eigenen Kinder in der Aufarbeitung des Schulleids zu unterstützen, und zwar hier und jetzt. Wie immer geht es dort vorwärts, wo Eltern die reale Macht haben. Und hier, im Gespräch mit den Kindern und mit anderen Eltern in den eigenen vier Wänden, sind wir ungestört und frei von allem, was die Schule und die Lehrer von uns wollen.

Eltern können so dem Leid ihrer Kinder in der Schule tatsächlich wirksam begegnen – und auch den damals selbst erlittenen Schmerz zur Ruhe kommen lassen. Sie können aufhören, die Inhumanität der Schule irgendwie für gerechtfertigt zu halten (»Schule ist eben so«), und sie haben es auch nicht nötig, in schein-progressivem Eifer wie Don Quichotte immer wieder erfolglos gegen die Schulmühle anzurennen. Stattdessen halten sie vor der Mühle an, breiten eine Decke aus, kleben ein Pflaster auf die Schulwunden ihrer Kinder, und alle zusammen genießen das Picknick.

Sonntag, 23. April 2017

Schultrauma, II

      

Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird?


Fortsetzung des Posts vom 22.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

*

Zu den selbst erlittenen Herabsetzungen kommt das Miterleben der Demütigungen der Alterskameraden, Mitschüler, Freunde – in der Zusammenzählung eine unvorstellbare Menge an durchlittenem und angeschautem Leid. Die Menge dieses Leids wird zur Norm, zur Selbstverständlichkeit, zur erlebten Erfahrung und zum Wissen: »Schule ist eben so.« Ohne Alternative. Und das Gefühl dafür, wie es hätte sein können, sein müssen, wenn Menschen miteinander in gegenseitiger Achtung, Freundlichkeit und Offenheit umgehen, stumpft ab, wird dünner und zerbricht schließlich: »Schule ist eben so.«

Wenn es einem selbst passiert – das ist dann irgendwie normal, es passiert allen, jeden Tag, »und wenn es mich trifft, was ist dabei?« Was ist dabei? Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird? Wenn er sich nicht mehr selbst gehört? Wenn seine Würde zertreten und sein Wert verhöhnt werden? Wenn sich der Schmerz nicht mehr artikuliert, wenn er nicht einmal mehr als Grenzüberschreitung empfunden wird? »Schule ist eben so.« Welche Seele entwickelt sich dann? Wie tief wachsen solche Verletzungen nach innen? Wie wirken sich diese Verwachsungen später aus, in aktuellen Leidsituationen? In denen, die man selbst erfährt, und in denen, die man miterlebt? Und in denen, die man selbst hervorruft? Wie schultraumatisiert sind wir alle – wie schultraumatisiert ist die Gesellschaft – wie schultraumatisiert ist die heutige Zivilisation?

Demütigungen in der Schule unterscheiden sich erheblich von denen, die in der Familie erlebt werden. Eine Herabsetzung durch den Vater oder die Mutter ist stets nur eine persönliche Angelegenheit zwischen diesem Erwachsenen und diesem Kind. In der Schule ist die Herabsetzung durch den Lehrer Meier und die Lehrerin Müller zwar auch etwas Persönliches, das sie mit diesem Kind austragen, aber darüber hinaus geschieht diese Herabsetzung öffentlich, viele sehen zu, der Verlust des Gesichts ist unabwendbar und stets. Die Demütigung erfolgt durch einen Repräsentanten der Öffentlichkeit, der öffentlichen Macht, der Gesellschaft. Der Stachel der Erniedrigung und Beschämung sitzt tief in der Seele durch die öffentliche Schande, die das Schulkind erlebt
.
Das Überschreiten der psychischen Schamgrenze, an sich selbst erlebt oder bei anderen mit angesehen und mit erlitten, lässt Kinder zurück, die nicht nur in ihrem Selbstwertgefühl immer wieder demontiert werden, sondern die nach und nach das verlieren, was man Weltvertrauen nennt. Zu den bekannten Mechanismen, um solche Erlebnisse zu überstehen, gehört es, nicht den Angreifer, sondern sich selbst als Verursacher und Schuldigen für das Vorgefallene zu erleben. Die Kinder werden durch das Leid, das die Schule ihnen zufügt, in tiefe Schuldgefühle verstrickt. Sie geraten in das doppelte Unglück, einerseits Opfer zu sein mit all den abscheulichen Wirkungen – und andererseits sich selbst für diese ganze Peinlichkeit verantwortlich zu machen. Die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter verwischt, das Leid kann nicht mehr benannt werden, Sprachlosigkeit macht das Leid steinern und lastet schwer auf der Seele der Kinder.

Die Folgen sind für den einzelnen schwerwiegend genug und dauerhaft, da es weder in der Schulzeit noch in der späteren Erwachsenenzeit eine Aufarbeitung dieser Traumatisierung gibt. Doch sind diese Verletzungen nicht nur für den jeweils gedemütigten Menschen wirksam, sondern darüber hinaus auch dann, wenn den eigenen Kindern derartiges in ihrer Schulzeit widerfährt. Die aktuellen Schuldemütigungen der eigenen Kinder erinnern an die früher als Kind selbst erlittenen Erniedrigungen, die nicht geheilt sind und nun wachgerufen werden. Verschlossen geglaubte Türen zum eigenen Leid werden geöffnet, und der damals erlernte Mechanismus der Doppelbindung lebt auf. Die selbst erlebte Vermischung von Täter und Opfer wird wachgerufen und den eigenen Kindern vorgesetzt: »Geschieht dir recht!« oder »Daran wirst du nicht unschuldig sein!« Oder der Erwachsene empfindet ganz einfach Genugtuung, dass auch anderen – den eigenen Kindern – dieses widerfährt. Reaktionen, die den heutigen Kindern zur eigenen Last zusätzlich die Last ihrer Eltern aufbürden.

Aber wie sollten diese Eltern ihren Kindern auch helfen können? Gefangen im eigenen Leid haben die Eltern eigentlich keine wirkliche Möglichkeit, für ihre Kinder etwas zu tun. Die konkreten Demütigungen, die auch heute Tag für Tag von konkreten Personen in der Schule ausgehen, von Herrn Meier und von Frau Müller, lassen sich nicht vermeiden. Lehrer haben eine pädagogische Grundhaltung, im pädagogischen Bezug steht der Erwachsene als Zivilisationsbeauftragter oben, das Kind als zu zivilisierender Nachwuchs unten. Lehrer haben einen Auftrag – aus Kindern vollwertige Menschen zu machen –, und den müssen sie erfüllen. Und da »Lehrer auch Menschen sind«, werden sie sowohl ihre individuellen Charaktereigenschaften ausleben – und zwar auch die destruktiven – als auch in Belastungssituationen dafür sorgen, dass sie selbst nicht untergehen: und hierzu setzen sie letztlich Herrschaftsverhalten ein.

Es ist völlig illusorisch, sich dafür zu engagieren, dass die Demütigung des Kindes in der Schule verringert wird oder aufhört. Etwa indem man versucht, in konkreten Situationen Einfluss auf bestimmte Lehrer zu nehmen, oder indem die Lehrer in ihrer Ausbildung und Weiterbildung entsprechend sensibilisiert werden. Solange die Schule eine pädagogische Institution ist, enthält sie die strukturelle Herabsetzung des Kindes, und die in ihr arbeitenden Erwachsenen werden um ihrer eigenen Sicherheit willen die ihnen untergebenen Kinder immer wieder auch demütigen, demütigen müssen. Was aber lässt sich tun, wenn die Demütigungen der Kinder unabwendbar zum Alltag der Schule gehören? Wenn sich das Leid nicht verhindern lässt?

Fortsetzung folgt.
 


Samstag, 22. April 2017

Schultrauma, I


Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

Aber es gibt doch so viel Hilfreiches durch die Schule! Das übersehe ich ja nicht. Ich spiele in diesen Posts nur in einer ganz anderen Liga. Beispiel zum Verdeutlichen: Dass die (viele) Frauen im Patriarchat von den (vielen) Männern geliebt wurden/werden, ändert ja nichts an dem ganzen Unterdrückungsmechanismus, der im Patriarchat enthalten ist. Und der den Frauen nicht gut tut. Das ist mit dem Erwachsene-oben-Kinder-unten-Mechanismus, dem Adultismus, nicht anders. Natürlich lieben die (allermeisten) Erwachsenen ihre Kinder. Und schicken sie aus Liebe und Fürsorge in die Schule. Und dennoch, parallel zu ihrer Liebe und ihre Liebe konterkarierend, passiert dabei Ungeheuerliches. Was ich hier beschreibe. "Da haust Du nur auf die Lehrer, die sich bemühen". Auf sie hauen? Das rauscht an mir vorbei. Ja, ich stelle mich gegen "die" Schule und "die" Lehrer. Genau so wie ich mich gegen "die" Männer stelle, die Frauen unterdrücken. Aber: Ich setze die Schule und die Lehrer nicht herab, wenn ich mich gegen sie stelle.

Es geht in meinem Erkennen um Grundsätzliches. Kinder haben das Recht auf ihre Gedanken (Gedankenfreiheit), das Recht, ihre Gedanken mitzuteilen (wann, wo, wie sie wollen, Meinungsfreiheit), das Recht auf Gefängnisfreiheit (Freizügigkeit), das Recht auf ihren Körper (körperliche Unversehrtheit). Was passiert in der Schule mit diesen Rechten? "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - auch für Schulkinder? Und was ist mit dem ganzen Klein-Klein eines jeden Schultags, diese großen Rechtsdinge mal runtergebrochen ins Alltägliche? Ein weites Feld.

 

Die persönlichen Herabsetzungen


Dass Kinder durch die Schule in ihrem Herzen tief gekränkt werden und dass sie die Schule nach 10 langen finsteren Jahren traumatisiert verlassen, wird selten wirklich thematisiert. Die großen und kleinen Katastrophen, die alle Schulkinder erleiden, werden rückblickend immer humorvoll oder sarkastisch oder resignativ erzählt, und es heißt dann "Schule ist eben so." Ich sehe aber das Leid der Kinder, das die Schule ihnen zufügt, als das, was es ist, wenn es geschieht: als konkret erlebtes Leid. Und ich erkenne es in seiner Brisanz und Tragweite für die einzelne Person und die Gesellschaft.

Wie schlimm sind persönliche Herabsetzungen, die ein Kind im Laufe seiner zehn- bis dreizehnjährigen Schulzeit in und durch die Schule erlebt? Was verheilt und was bleibt? Warum gibt es keine Studien darüber, welche seelischen Verletzungen Kinder in der Schule erleiden und wie es sich mit den Langzeitfolgen dieser Verletzungen verhält? Warum gibt es keine Leiddiskussion, weder in Ansätzen noch in der ganzen Vielfalt der Dinge, die für Kinder in der Schule Leid bedeuten?

Nun, in einer Welt, die den Erwachsenen über das Kind stellt und die dem Erwachsenen die pädagogische Aufgabe zuweist, aus Kindern vollwertige Menschen zu machen, ist die Herabsetzung des Kindes das Alltagsklima. Herabsetzung: der Erwachsene oben, das Kind unten – der Erwachsene ist der »richtige« Mensch, das Kind ist ein unfertiger, »noch nicht richtiger« Mensch. Das Alltagsklima der Herabsetzung ist strukturell verankert durch die pädagogisch-anthropologische Sichtweise vom Kind. Diese Herabsetzung wirkt aber nicht nur als psychologische Untergrundströmung, sondern wird im Alltag eines jeden Kindes immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich.

In der Schule gilt dieselbe Oben-Unten-Struktur wie in der Gesellschaft, alle Lehrer arbeiten in pädagogisch-anthropologischer Sichtweise an der Menschwerdung des Kindes. Und genauso wird im Alltag eines jeden Schulkindes die Herabsetzung immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich. Als Aktion eines konkreten Erwachsenen, des Lehrers Meier, der Lehrerin Müller: anschreien, beschimpfen, auslachen, bloßstellen, vorführen, bestrafen, beleidigen, zwingen, nötigen, übergehen, wegsehen, schlecht machen, ungerecht behandeln, austricksen, in die Enge treiben, mit Häme überziehen, Schuldgefühl machen, Geständnis erpressen, diskreditieren, diskriminieren, anschwärzen, verpetzen, belügen, das Wort im Munde rumdrehen, die intellektuelle Überlegenheit ausspielen, auflaufen lassen, links liegen lassen, vom Spiel ausschließen, bewusst überfordern, erpressen, eine Leistung nicht anerkennen, Strafarbeiten aufgeben, nachsitzen lassen und so weiter und so fort.

Und: ohne Unterlass wird in die körperliche Unversehrtheit eingegriffen. Man lässt einen anderen Menschen spüren, wer die wirkliche Macht über seine körperliche Integrität hat, wem man ausgeliefert ist, wie man sich zu bewegen, zu drehen und zu wenden hat. Der Körper wird dirigiert und funktionalisiert, Finger, Hände, Arme, Beine, Augen, Ohren, Nase, Mund, Magen. Immer wieder rollen die Angriffe auf die körperliche Souveränität heran, immer wieder erlebt sich das Schulkind nicht als Herr im eigenen Haus, sondern als vertrieben von sich selbst.
 
Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 20. April 2017

Amication leben, Elisabeth


Es fällt mir schwer, meine Erfahrungen mit Amication in Worte zu fassen, obwohl sich dadurch für mich sehr viel verändert hat. Die Veränderungen sind so subtil dass ich sie kaum jemand erklären kann, sie umfassen mein ganzes Wesen.

Anfangs wollte ich noch darüber sprechen, die Idee anderen Menschen erklären, sie überzeugen, sie begeistern. Ich werde stiller, ich lerne hinzuhorchen.

Die Erfahrung, die ich in den amicativen gruppendynamischen Wochenenden gemacht habe: »Ich bin es wert, dass andere Menschen mir zuhören, mir ihre Aufmerksamkeit schenken, meinen Schmerz, meine Trä­nen, meinen Zorn annehmen, einfach annehmen, ohne zu bewerten. ohne zu urteilen« – diese Erfahrung beginnt langsam in mir Wurzeln zu schlagen. Ein kleines Pflänzchen, das in mir Wärme und Glücksgefühl erzeugt.


Ich bin wert ... ich bin wichtig ... so wie ich bin, mit meinen hellen und mit meinen dunklen Seiten. Ich muss mich nicht anstrengen und anstrengen, um so zu werden, wie die anderen mich lieben können. Eine Aufgabe, die mich zerrissen hat, immer auf den anderen schauen, mein Verhalten richten nach jeder Geste, jedem Wort, immer auf dem Sprung ... und die Welt hat so viele andere!


Ich merke, während ich schreibe, dass wieder alte Gefühle des Schmerzes und des Zorns über Nicht-Genügenkönnen in mir aufsteigen und Hilflosigkeit und Trauer. Es ist ein Auf und Ab, Gefühle kommen und gehen, sie fließen durch mich hindurch und lassen mich ruhig und aufmerksam zurück. Ich kann hinschauen, hinhorchen auf mich und auf andere. Das Reden, Erklären, Überzeugen ist nicht mehr wichtig.


Ein weiterer wichtiger Impuls ist für mich der Gedanke »Ich bin für mich verantwortlich, jeder ist für sich verantwortlich, ich bin nicht für andere verantwortlich«.


Verantwortung war etwas, was mir schwer auf der Seele lag. Allein der Gedanke, dass ich nicht für andere verantwortlich bin, z.B. für meine Kinder, für meinen Partner, meine Freunde erleichterte mich sehr und gab mir neuen Bewegungsspielraum und Freude in meinen Beziehungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Verantwortungsgefühl für andere dauert an, denn es ist anscheinend tief in mir verwurzelt. Ich mag andere Menschen und ich möchte, dass es ihnen gut geht, ich möchte helfen, dass es ihnen gut geht. Dabei ist es nicht immer einfach zu sehen, ob das, was für mich gut scheint, auch gut für den anderen ist.


Ganz wesentlich hat sich das Gefühl des Loslassens der Verantwortung auf meine berufliche Tätigkeit ausgewirkt. Ich arbeite mit körperlich, geistig und seelisch gestörten Kindern. Von der Ausbildung und meiner bisherigen beruflichen Erfahrung her war ich gewohnt, Verantwortung zu übernehmen: Der Therapeut weiß, was für das Kind gut und richtig ist. Ich stellte einen Therapieplan auf, hatte genaue Vorstellungen, was ich machen wollte, oder sollte sie haben, und es war für mich und das Kind oft sehr anstrengend.


Durch das neue Verständnis haben sich die Standpunkte verschoben, nicht mehr oben-unten, hier Therapeut – dort Kind, sondern gleichberechtigtes Miteinander-Arbeiten. Dadurch ist die Arbeit für mich viel schöner und unbelastender geworden. Das Gefühl »Ich kann die Verantwortung für seine Entwicklung beim Kind lassen« gibt mir die Möglichkeit, offen zu sein für alles, was vom Kind kommt. Ich bin ruhig und aufmerksam. Da ich nicht damit beschäftigt bin, mir zu überlegen, was ich jetzt mit dem Kind tun müsste, bin ich in Lage, auf die momentanen Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, es da zu unterstützen, wo es meine Hilfe braucht.

Dienstag, 18. April 2017

Amication leben, Michael


Den theoretischen Aussagen von der Amication begeg­nete ich anfangs mit Skepsis. Sie waren mir zu »gefährlich«, als dass ich mich vorbehaltlos darauf hätte einlassen können. Beeindruckend waren jedoch die Menschen. Sie gingen echt miteinander um. Sie waren betroffene und mitfühlende Zuhörer. In dieser Umgebung konnte ich mich auf mich selbst einlassen und die mit viel Energie gespielte Sicherheit aufgeben. Ich konnte Wut, Angst und Unsicherheit zulassen. Ich erlebte seit langem wieder, wie mich Weinen befreite.

Diese Begegnung änderte auch die Beziehung zu meiner Frau. Ich hatte zuvor meine wahren Bedürfnisse häufig unterdrückt, wenn sie mit ihren nicht übereinstimmten. Ich scheute die Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Harmonie zwischen uns gestört werden konnte. Für ihr Glück fühlte ich mich verantwortlich. Solange sie sich wohl fühlte, so meinte ich, würde es auch mir gut gehen. Die Realität sah anders aus. Keiner von uns fühlte sich wirklich wohl, denn auch sie hatte sich ein ähnliches Muster im Umgang mit mir zurechtgelegt. Durch die Amication erkannte ich meine kindliche Rolle, die ich noch immer spielte, so wie ich früher den Ansprüchen der Erwachsenen entsprochen hatte, um geliebt zu werden.


Ich hatte das große Glück, dass auch meine Frau sich für diese neue Lebensart entschied. So konnten wir uns gemeinsam entwickeln. Heute begegnen wir uns mit viel mehr Offenheit und Verständnis. Wir sind einander näher als früher. Wir können uns unterstützen, wenn Kraft dazu vorhanden ist. Wir können uns auseinandersetzen. Ich lerne zu ertragen, dass es ihr schlecht gehen kann, ohne dass ich das auf mich beziehen muss. Ich lerne, für mich selber zu sorgen. Bis heute haben wir viele Rückfälle in alte Verhaltensmuster erlitten. In Zukunft wird das nicht viel anders sein. Das entmutigt mich nicht und rüttelt nicht an meinem positiven Selbstbild, das ich durch die Amication gewonnen habe.


Sonntag, 16. April 2017

Amication leben, Jutta


Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputtzugehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüng­ster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.


Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.


Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entschei­den kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden. Wir trafen uns von nun an einmal wöchentlich, ca. 4 Stunden. Diese Abende wurden für uns alle sehr wichtig, und wir beginnen gerade das vierte Jahr unserer regelmäßi­gen Treffen.


So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine »noch bessere, liebevollere Erziehung«, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durch­setze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...


Ich begriff, dass es auch mit mir als »erzogenes Kind« zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.


Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe. 


Ich kann »Ja« sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



Samstag, 15. April 2017

Amication in die Praxis umsetzen



 »Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen? « Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!
Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt Ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude Ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche Ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen Ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität.
»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn Ihr das fühlt (wenn Ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.«
»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, Ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«.
»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat.
Dennoch: Ich helfe ja gern bei der mühseligen Arbeit (!), sich so etwas wie die »Umsetzung der amicativen Idee in die Alltagspraxis« vorzustellen. Hier sind drei Beispiele von Menschen, die ihren Weg zur Amication schon vor langer Zeit gefunden haben. Und wer das wirklich will, der kann auch Amication lernen und üben, das ist ja auch nicht verboten.

Fortsetzung folgt.