Sonntag, 24. September 2017

Wahlrecht für Kinder VI: Weitere Argumente























Fortsetzung vom 23.9. (Schluss)


Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? Weitere Beispiele:

6.  Die Wahlreden werden verständlich. Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland 15 Millionen Menschen unter 18 Jahren. Selbst wenn nur 20% zur Wahl gehen sollten, sind das noch 3 Millionen Stimmen. Daran kommt kein Politiker vorbei. Er muss so reden, dass er auch von diesen Wählern gut verstanden wird. Es gibt kein Problem aus Politik und Gesellschaft, das man nicht auch Kindern verständlich machen kann. Die Ausrede von der Kompliziertheit der Sachverhalte überzeugt nicht länger, die Konkurrenz hat nämlich den Politiker, der die Dinge auch den Kindern erklären kann. Das gilt nicht nur für Wahlreden, sondern allgemein für die Kommunikation zwischen Gewählten und Wählern, und das tut der gesamten politischen Kultur gut.

7.  Die Wahlprogramme werden zugunsten der Kinder umgeschrieben. Alles, was dem Interesse der Kinder dient und einen Stimmengewinn durch die Kinder verspricht, wird nun ernsthaft thematisiert und diskutiert und in die Programme der Parteien aufgenommen. Zum Beispiel Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, giftfreies Spielzeug, körpergerechte Schulmöbel, arbeitsfreie Wochenenden der Eltern, Umgestaltung des Schulwesens, funktionierender Lärmschutz, kinderfreundlicher Haus- und Wohnungsbau bis hin zu Treppengeländern für Kinder, kindgerechte Gestaltung öffentlicher Räume, phantasievolle Spielplätze, flächendeckende Jugendzentren, adäquate Einstiegsmöglich­keiten in Bus und Bahn auch für Kinder. Viele Dinge, für die engagierte Eltern im Interesse ihrer Kinder bislang erfolglos auf die Straße gehen, werden plötzlich realisiert, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Durch das politische Gewicht der Kinder wird sich etliches ändern – sicher nicht zu unser aller Nachteil.

8.  Es gibt mehr Respekt und Toleranz Kindern gegenüber. Wahrscheinlich unterscheiden sich Kinder in ihrem Wahlverhalten kaum von dem der Erwachsenen. So wie die Frauen insgesamt kaum anders wählen als die Männer. Vielleicht sind Kinder aber auch bestimmten Trends und bestimmten Personen eher zugewandt als Erwachsene und wählen Parteien und Politiker, von denen kaum jemand sonderlich begeistert ist. Doch wie auch immer: Am grundlegenden Recht auf politische Selbstbestimmung des jungen Menschen hat niemand herumzudeuten, es kommt ihnen zu wie jedem anderen Menschen. Auch wenn Kinder das wählen, was einem gerade nicht passt: Es gilt und es muss als Realität zur Kenntnis genommen werden. Erwachsene  lernen durch das Wahlrecht für Kinder, auch die von ihren Auffassungen abweichende Meinung der Kinder zu respektieren und zu tolerieren.

9.  Erwachsene werden zu einer gänzlich neuartigen Einstellung und Beziehung zu Kindern gelangen. Die Politiker werden bemerken, dass die Pädagogik die Kinder unrealistisch sieht. Sie werden erkennen, dass Kinder bereits vollwertige Menschen sind und nicht erst dazu gemacht werden müssen. Die gesamte Forschung wird neu konzipiert, denn wer die Realität des Kindes tatsächlich erfasst, hat das erfolgreichere Wahlprogramm und gewinnt die Wahl. Nicht mehr pädagogische Lehren werden die Beziehungen zu Kindern bestimmen, sondern die Kinder selbst werden die Erwachsenen lehren, wie sie die Kinder richtig ansprechen können und wie Kinder ihre Beziehungen mit den Erwachsenen gestalten wollen. Wer dem nicht folgt, verliert seinen gesellschaftlichen Einfluss – denn die Konkurrenz, die sich auf diese Realität einstellt, gewinnt die Wahl.

    Die neuen Machtverhältnisse sehen die Kinder als Machtpartner, gleichberechtigt neben den anderen Gruppen der Gesellschaft. Die politische Emanzipation bewirkt unaufhaltsam die Gleichwertigkeit auch in den menschlichen Beziehungen. Es wird sich herausstellen, dass nicht Erziehung, sondern Beziehung angemessen ist, wie stets, wenn Menschen auf einer gleichen Stufen miteinander leben. Die Erwachsenen erleben in Kindern Menschen, die sie nicht missionieren müssen, sondern die ihnen tatsächlich gleich sind und auf die sie sich stützen können, gesellschaftlich wie privat.

10.  Die Gesellschaft braucht die Kinder als politische Macht. Kinder werden immer als Hoffnung, als Zukunft gesehen. In der Literatur. Im Kindergarten. In der Schule. In Festvorträgen. Jetzt wird diese Hoffnung gesellschaftliche Realität. Die Alltagspolitik – das Ringen darum, wie alle zusammen leben – wird erweitert und korrigiert. Es ist eine große Chance der Menschheit, die Kinder an der Gestaltung der Welt wirksam zu beteiligen. Und es ist vielleicht die letzte Chance. Angesichts der atomaren Gefahr und der drohenden Vernichtung der Lebensgrundlagen wird alles in die Waagschale des Lebens geworfen. Die Kinder werden Wege weisen, die zu gehen niemand bislang gewagt hat. Sie wählen die Partei, die kompromisslos den Hunger in der Welt beseitigt. Das als einziges Beispiel. Sie sehen die Welt aus der unverbrauchten Perspektive derer, die noch Jahrzehnte leben wollen – gesund und in Frieden. Und dies wird reale Politik.



Samstag, 23. September 2017

Wahlrecht für Kinder V: Die Argumente
























Fortsetzung vom 22.9.


Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 10 Beispiele:

1.  Kinder werden auf neue Weise von den Erwachsenen ernst genommen. Politische Entscheidungen werden immer auch mit Blick auf die Wähler getroffen. Wie reagieren die Wähler, die unter 18 Jahre alt sind? Diese Frage ist gänzlich neu, und erst sie führt dazu, Kinder tatsächlich ernst zu nehmen und bei den politischen Entscheidungen überhaupt zu berücksichtigen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Die Kinder haben jetzt Macht – gesellschaftliche, politische Macht. Allein ihre Stimmzettel verleihen ihnen dieses Gewicht. Es ist durch nichts zu ersetzen. Großzügigkeit und Freundlichkeit können jederzeit widerrufen werden. Gegen die Macht, die aus den Stimmzetteln kommt, gibt es jedoch kein Mittel.

2.  Es gibt einen psychologischen Durchbruch für die Kinder. Wenn Kinder politisch gleichwertig sind und einige Male an Wahlen teilgenommen haben, wird man ihnen mit einer anderen Achtung begegnen. Im Einkaufszentrum, im Bus, im Schwimmbad erlebt man dann nicht unmündige Kinder, sondern Wahlbürger. Wahlbürger Kind. Von der psychologischen Aufwertung für die Kinder selbst ganz abgesehen. »Ich bin nicht unwichtig – ich bin wichtig. Ich entscheide mit. Meine Stimme zählt.«

3.  Kinder verstehen viel von Politik. Zunächst: Es ist nicht notwendig, etwas von Politik zu
verstehen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht und das Wahlrecht geht. Die Bürger entrissen dem König die Macht nicht deswegen, weil sie nachweisen konnten, dass sie mehr von Politik verstehen als er, sondern weil sie über ihr politisches Schicksal selbst bestimmen wollten. Die Legitimation kommt nicht aus dem besseren Verständnis von Politik oder aus irgendeiner Unterweisung in gesellschaftliche Zusammenhänge, sondern aus der demokratischen Idee: Dass die Macht nicht für einen oder für wenige reserviert ist, sondern dass alle Anteil an der Macht haben – alle ohne jegliche Einschränkung. Die Forderung, Kinder müssten etwas von Politik verstehen, ehe sie wählen können, und 18 Jahre oder vielleicht 16 Jahre wäre da die äußerste Grenze, ist eine zutiefst undemokratische Position. Diese Forderung trägt diktatorische Züge, das Verlangen nach Herrschaft und Unterordnung ist offensichtlich. Das »Davon verstehst du nichts« ist ein Abwehrargument, um die Macht nicht zu teilen.

    Kinder müssen also nichts von Politik verstehen, um Anteil an der politischen Macht zu haben. Dennoch aber verstehen sie viel von Politik: Humanität, Toleranz, Kreativität, Sensibilität, Fairness u. a. sind wichtige konstruktive Eigenschaften für die Politik. Von diesen gesellschaftlichen Basisfaktoren verstehen Kinder eine Menge, und es ist so, dass Erwachsene über dieses politische Wissen viel von ihnen lernen können. Und von den tagespolitischen Fragen versteht der eine mehr, der andere weniger – so, wie das bei den Erwachsenen auch ist.

4.  Versuche, Kinder zu verführen, laufen ins Leere. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Sie deckt solche Versuche auf, und dann revanchieren sich die Kinder mit Wahl der Konkurrenz. Welche Chance hat denn ein politischer Verführer in einer Zeit, die demokratisch geprägt ist und in der destruktive und faschistische Tendenzen enttarnt werden? Die Inhumanität und der Totalitarismus politischer Verführer sind leicht zu durchschauen angesichts realer Machtbeteiligung durch demokratische Wahlen. Demokratie – erlebte, erfahrene Demokratie – ist die beste Waffe gegen jede Diktatur und jeden Verführungsversuch.

    Wenn Kinder aber in einer Diktatur leben – dann nämlich, wenn sie das Wahlrecht nicht haben – , kommt es nur auf den Verführer mit den größten Versprechungen an. Die Sorge vor der Verführbarkeit der Kinder spiegelt die Ängste der Erwachsenen, die in der eigenen Kindheit einer ausweglosen Diktatur ausgesetzt waren: Sie mussten den damaligen Erwachsenen folgen, ohne Recht. Sie lernten folgsam zu sein und allen Sprüchen zu glauben. Die Kinder des demokratischen Zeitalters jedoch kennen ihre Macht. Sie können sich ihre Sensibilität für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit bewahren, denn sie bestimmen selbst über ihr Schicksal. Kinder, für die Demokratie Realität und ein gewachsener Wert ist, werden sich mit Abscheu von diktatorischen Zumutungen und politischen Verführungen abwenden.

5.  Kinder sind sensibler als Erwachsene für Fairness und Wahrheit. Die Versuche, die Wähler zu hintergehen, zahlen sich bei den Kinderstimmen nicht aus. Politische Tugenden sind in Bezug auf diese Wählergruppe viel effektiver, und Politiker werden insgesamt in eine positive Richtung diszipliniert, wenn Kinder über Wahlstimmen verfügen. Sie quittieren unerbittlicher als Erwachsene Unfairness, Lüge und Gemeinheit mit Abwahl.


Fortsetzung folgt.


Freitag, 22. September 2017

Wahlrecht für Kinder IV: Die Einwände























Fortsetzung vom 21.9.


Der Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder und dem Gefühl für das Recht und die Freiheit der Kinder stehen traditionelle Einwände und die  alte Bevormundungshaltung entgegen. Wie äußern sich diese Vorbehalte? 10 Beispiele:

1.  Politik ist nichts für Kinder. Man zieht sie in schmutzige Dinge. Das schadet nur ihrer Entwicklung.
2.  Kinder sollen sich mit ihrem konkreten Umfeld beschäftigen, aber sie sollen sich nicht mit gesellschaftlichen Angelegenheiten befassen. Kinder gehören in den Sandkasten, nicht in die Politik.
3.  Kinder sind mit dem Wahlrecht völlig überfordert. Es ist für Erwachsene schon schwer genug, politische Zusammenhänge zu durchschauen – wie soll das erst Kindern gelingen?
4.  Kinder stellen mit Wahlstimmen nur Unsinn an. Sie sind leicht verführbar und wählen den, der ihnen die größten Versprechungen macht.
5.  Wenn Politiker die Stimmen der Kinder brauchen, werden sie alle denkbaren Tricks anwenden. Kinder werden zum Spielball politischer Interessen, können sich nicht wehren und werden politisch missbraucht.
6.  Kinder geraten unter zusätzlichen Druck. Erwachsene überfrachten sie mit ihren Vorstellungen und können sie einschüchtern und bedrohen, wenn sie nicht das wählen, was die Erwachsenen wollen.
7.  Die Stimmen der Kinder fallen nicht ins Gewicht. Es wird eine Verbesserung vorgespielt, die nicht wirklich gegeben ist.
8.  Einige Erwachsene pflegen ihren Spleen auf Kosten der Kinder und auf Kosten der demokratischen Idee.
9.  Die Situation der Kinder verbessert sich nicht dadurch, dass man ihnen politische Rechte einräumt, sondern nur, wenn man wirksamen Kinderschutz betreibt.
10.  Kinder müssen erst lernen, was Mitbestimmen und Politik bedeuten. Ohne ein Mindestmaß an politischer Bildung ist niemand in der Lage, sinnvoll mit seinem Wahlrecht umzugehen.

»Das ist doch alles lächerlich. Jetzt sollen schon Wickelkinder wählen!« Neben ernsthaften Einwänden gibt es auch Unverständnis und Diffamierung. Man kann dies als töricht abtun. Aber man kann auch gelassen reagieren und Kritikern ohne Aufregung entgegenhalten, dass sie dem Sinn der Forderung nach dem uneingeschränkten Wahlrecht für Kinder einmal nachspüren und sachliche Fragen stellen können.

Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken Kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 


Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 21. September 2017

Wahlrecht für Kinder III: Die Entwicklung



 

 

 

 

 

 

 

 






Fortsetzung vom 19.9.


Über das eigene Schicksal selbst zu bestimmen – dies ist ein uraltes Menschenrecht. Es gilt für den einzelnen und es gilt für die Gesellschaft. Das politische Selbstbestimmungsrecht einer Gemeinschaft bis hin zum Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde in der Geschichte immer wieder gefordert, realisiert, missachtet, zurückerobert. Die Menschheit hat von der Antike bis heute ein wechselvolles Hin und Her von Selbstbestimmung und Unterdrückung erlebt.

Demokratie im alten Griechenland. Republik im Römischen Reich. Am Ende des Mittelalters reichsfreie Städte und Republiken mit Bürgerrechten. 1265 das Parlament in England. 1619 die General Assembly von Virginia. 1787 die Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 1791 das Zensuswahlrecht für Bürger in der Französischen Revolution. 1848 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Männer in der Pariser Revolution. 1887 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Frauen im amerikanischen Staat Wyoming. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges Demokratien in Europa mit dem allgemeinen Wahlrecht für Männer und Frauen. 1949 und 1990 erneut Demokratie in Deutschland. – Dies ist die positive Tradition.

Dagegen stehen unzählige Monarchien, Aristokratien, Oligarchien, Theokratien, Despotien, Tyranneien und Diktaturen. Auf deutschem Boden wurde die letzte gerade erst beendet, die schrecklichste vor einem halben Jahrhundert.

Das politische Selbstbestimmungsrecht war immer ein Mittel, um die eigenen Vorstellungen von der Gestaltung der Verhältnisse ins Spiel zu bringen. Dabei kämpften die jeweiligen Interessengruppen für sich. Die Adeligen stritten mit dem König um ihre Rechte. In der Französischen Revolution ging es um das politische Recht privilegierter Bürger. In England wurde 1832 der Kreis der Wahlberechtigten auch auf die nicht ganz so Reichen erweitert. Die Arbeiterschaft der Pariser Revolution von 1848 trat erstmals für das Wahlrecht für jeden Mann ein. Doch bei allen unterschiedlichen Interessen – die Idee der politischen Selbstbestimmung aller setzte sich mehr und mehr durch. Als am Ende des 1. Weltkriegs die alten Herrschaftsstrukturen in Europa zusammenbrechen, wird in den neuen Verfassungen der Staaten das Wahlrecht für jeden Bürger festgeschrieben. Und, gänzlich neu, nach und nach auch für jede Bürgerin. So gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland 1918, in Österreich und den Niederlanden 1919, in den USA 1920, in Großbritannien 1928, in der Türkei 1934, in Frankreich 1946, in Belgien 1948, in Griechenland 1952 und in der Schweiz 1971 bzw. im Kanton Appenzell Innerrhoden endlich 1990.

Frauen und Politik – bezogen auf alle Frauen, nicht auf einzelne Regentinnen: Das passte nicht zusammen. Erst die Frauenbewegung, die vor 200 Jahren begann, brachte mit Unterstützung der Arbeiterbewegung den Gedanken der politischen Selbstbestimmung von Frauen zur Geltung und machte die Beteiligung aller Frauen an der politischen Macht in den modernen Demokratien möglich.

»Neger« und Selbstbestimmung – auch das war unvorstellbar. Erst durch ein neues Denken konnten die Weißen die Voll- und Gleichwertigkeit der Menschen schwarzer Hautfarbe erkennen. Nach der hieraus folgenden Abschaffung der Sklaverei in den USA im Jahr 1875 erhielten auch sie politische Rechte. Doch diese Rechte wurden erst 1960 mit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King so gestützt, dass den schwarzen Bürgern der USA daraus auch politische Macht und Selbstbestimmung erwachsen konnte.

Die Idee der Selbstbestimmung erhielt nach dem 2. Weltkrieg einen weiteren Aufschwung, als das Ende des Kolonialismus begann. Das bedeutet längst nicht überall Demokratie, aber doch den berechtigten Kampf darum, und unsere Sympathien und unsere Solidarität gelten diesen Völkern der Welt.

Wer in der Bundesrepublik Deutschland groß wurde, kennt nichts anderes als das Selbstbestimmungsrecht des Volkes, realisiert in den Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Die vergangenen Zeitalter sind keine Realität für diese Menschen, vielmehr sind Demokratie, allgemeines Wahlrecht und politische Selbstbestimmung für sie Selbstverständlichkeiten. Dennoch gilt, dass diese Grundrechte eben keine Selbstverständlichkeit sind, wenn man in die Geschichte sieht.


Fortsetzung folgt.

Dienstag, 19. September 2017

Wahlrecht für Kinder II: Die Begründung


 

 

 

 

 

 










Fortsetzung vom 16.9.


Mit dem Wahlrecht wird kein neues Recht gefordert, das die Erwachsenen den Kindern geben. Dieses Recht ist von niemandem zu geben. Es ist unabhängig von anderen längst da, es kommt jedem von Geburt an zu. Aber andere können die Ausübung dieses Rechts behindern. Und genau das geschieht durch das Grundgesetz mit Artikel 38 Absatz 2: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat.«

Das Wahlrecht steht als politisches Persönlichkeitsrecht, als Menschenrecht jedem zu. Wann dieses Recht zur Anwendung kommt, wann man zur Wahl geht – darüber entscheidet ein jeder selbst, zu seiner Zeit. Der eine will mit 8 Jahren zur Wahl gehen, der andere mit 30 oder mit 80 Jahren. Sicher gehen nicht alle Achtjährigen zur Wahl und auch nicht alle Dreißigjährigen und nicht alle Achtzigjährigen, aber sie haben das Recht hierzu und könnten, wenn sie wollten, und niemand darf sie daran hindern. Darum geht es. Nur darum.

Auch der Einwand, man solle, wenn überhaupt, das Wahlalter nicht gänzlich aufheben, sondern an ein bestimmtes unteres Mindestalter binden, etwa an das Schuleintrittsalter, verkennt den Kern des Wahlrechts in der Demokratie. Denn die Überlegungen, die zu einem bestimmten Wahlalter führen, sind für alle, die ausgeschlossen bleiben, weiterhin voller Diskriminierung. Vor allem aber wird übersehen, dass es sich beim Wahlrecht um ein absolutes Recht handelt, das jedem von Geburt an zukommt, und dass hiervon zu unterscheiden ist, wann und wie von diesem Recht Gebrauch gemacht werden kann und wird.

Es wird immer die verschiedensten Gründe geben, sein Wahlrecht nicht auszuüben, auch wenn es einem zusteht. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. Es gibt bei Erwachsenen keinerlei Diskriminierung, ein jeder hat das Wahlrecht, wie immer er auch daherkommt und was immer auch dazu führt, dass er es nicht ausüben kann oder nicht  ausüben will. Keinem unkundigen, bewusstlosen, dementen, volltrunkenen oder sonst wie wahlunfähigen Erwachsenen wird das Wahlrecht je abgesprochen. Warum also Kindern?

Warum sollte das Gesetz für junge Menschen anders sein als für erwachsene Menschen? Es ist gerecht, praktikabel und schließt jede Diskriminierung aus, wenn es keine Altersgrenze gibt, wenn das »Wahlalter Null« existiert und es jedem überlassen bleibt, zu welchem Zeitpunkt er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wird.

Wenn Säuglinge und Kleinkinder nicht zur Wahl gehen, ist das kein Grund zur Diffamierung der Forderung, die Wahlalterdiskriminierung abzuschaffen. Die Selbstverständlichkeit, dass Säuglinge und Kleinkinder sich wahrlich nicht mit politischen Dingen beschäftigen, muss nicht in den Perfektionismus münden, die »wirkliche« Altersgrenze für das Wahlrecht zu definieren. Niemandem schadet es, wenn die untere Altersgrenze nicht gezogen wird. Und ist es so schwer zu erkennen, dass es nicht darum geht, mit dem Wahlrecht für Kinder die Wirklichkeit abenteuerlich zu verbiegen, sondern nur darum, jedem ohne Einschränkung die politische Selbstbestimmung offen zu halten, wann immer er von diesem Menschenrecht Gebrauch machen will?


Fortsetzung folgt.

Samstag, 16. September 2017

Wahlrecht für Kinder I: Die Forderung




















Das Wahlrecht ist ein fundamentales Recht. Es ist nicht erforderlich, Kindern zunächst andere Rechte einzuräumen, bevor man ihnen das Wahlrecht zubilligt. Das Wahlrecht für Kinder ist aus dem Stand heraus realisierbar. Wurde in einer Revolution je gefragt, welche Rechte man erst haben muss, bevor man den König stürzt? Die umgekehrte Reihenfolge ist richtig: Wenn das Wahlrecht da ist, d.h. wenn die politische Macht gegeben ist, werden weitere Diskriminierungen fallen.


»Wenn Du jemandem gestattest,
Dir Dein Wahlrecht zu nehmen,
so bist Du kein freier Mensch,
sondern ein Sklave.

Selbst im Namen der höchsten
Ideale der Brüderlichkeit
oder anderer Werte
kann Dir niemand
das Recht nehmen,
zu wählen, zu entscheiden,
etwas zu schaffen.

Das heißt,
frei
diejenigen zu wählen,
die über Dein Schicksal
regieren werden.«



Europarat
Du bist ein Mensch – Botschaft an die Jugend Europas
1978

 ***

Das Grundgesetz ist zu ändern. In Artikel 38 Absatz 2 heißt es: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.«

Dieser Artikel soll geändert werden. Es wird definitiv festgestellt: »Wahlberechtigt und wählbar sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene; eine Einschränkung des Wahlrechts und der Wählbarkeit aufgrund des Alters gibt es nicht.«

Der Absatz 2 des Artikels 38 könnte auch ersatzlos gestrichen werden. Doch es ist sinnvoll, die Gleichberechtigung des jungen Mitbürgers unübersehbar und unzweideutig in das Grundgesetz einzufügen. An dieser Stelle und an anderen, wo es hingehört.

Demokratie ist nicht begrenzbar. Man kann nicht zu recht demokratische Rechte in Anspruch nehmen – als Mann, als Weißer, als Erwachsener – und sie dann anderen – Frauen, Schwarzen, Kindern – vorenthalten. Das ist der Kerngedanke, wie er in der demokratischen Tradition enthalten ist, und wie er auch im Grundgesetz stehen sollte.

Die Unfähigkeit zum Frieden hat ihre Wurzel auch in der Kindheitserfahrung, gegen die absolute Macht der Erwachsenen kein Recht setzen zu können, in einer Diktatur der Erwachsenen zu leben. Wenn erst mit achtzehn Jahren Demokratie erlebt wird, hat sich die Ohnmachtserfahrung der Rechtlosigkeit längst festgesetzt. Und dass sich Ohnmacht nicht mit Recht, sondern nur mit Gegenunterdrückung aufheben lässt. Die Forderung nach dem Wahlrecht und der Wählbarkeit für Kinder ist Verpflichtung jeder Demokratie der heutigen Zeit.


Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 14. September 2017

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Kinder erzogen werden müssen? II






















Fortsetzung vom 12.9.

Es beginnt mit einem Nachsinnen über das Bild vom Kind.
Woher wissen Erwachsene, was Kinder sind und sie sie mit
ihnen umgehen sollen? Wer kennt sich aus und wen kann
man fragen?

Als die Erwachsenen selbst Kinder waren, haben sie von
ihren Eltern gelernt, was es für ein Bild vom Kind gibt: das
Bild von einem jungen Menschen, der Erziehung braucht,
um ein richtiger Mensch zu werden.

Aber – und hier setzt das Nachsinnen ein – dies ist nur ein
Bild, eine Vorstellung, eine Vermutung, eine Hypothese.
Gewiss, diese Hypothese hat sich bewährt, alles läuft darauf
hinaus, dass Kinder Erziehungsmenschen sind und Erziehung
brauchen, und jeder verhält sich so. Aber Kinder tragen kein
Schild auf der Stirn mit der Aufschrift »Ich brauche Erziehung«.
Erwachsene sehen diese Aufschrift, aber sie ist nicht real da,
sondern nur im gewohnten Blick, in der gewohnten Interpreta-
tion vom Kind.

Und Interpretationen, Bilder vom Menschen, können sich als
überholt erweisen. Zum Beispiel die Sicht, dass jemand mit
schwarzer Haut ein nicht so richtiger und wertvoller Mensch
ist wie jemand mit weißer Haut und dass er sich zum Sklaven
eignet. Oder die Sicht, dass Männer die richtigeren und wert-
volleren Menschen sind, und dass man deswegen den Frauen
das Wahlrecht nicht zubilligen darf. Oder die Sicht, dass nur
der König die Staatsgeschäfte richtig führen kann, nicht das
Volk. Oder, oder, oder. Menschenbilder gibt es viele, doch stets
sind sie Hypothesen, Bilder – niemals jedoch bewiesene Tat-
sachen des Lebens.

Die pädagogische Sichtweise auf das Kind ist auch nichts anderes
als eine solche anthropologische Hypothese.

Sie ist nicht wirklich zu beweisen, aber sehr wohl als Grundlage
für den Umgang mit Kindern geeignet und bewährt.

Bis eine neue anthropologische Hypothese auftritt und das alte
Bild und die vertraute Basis in Frage stellt. Bis jemand kommt,
der die pädagogische Sicht vom Kind nicht mehr akzeptiert und
einen nicht pädagogischen Weg zu den Kindern sucht. Und findet.
Und entsprechend seiner neuen Hypothese zu leben beginnt. Und
nicht scheitert, sondern Erfolg hat. Und genau solche Menschen
gibt es heutzutage.

Diese Menschen kommen aus der konstruktiven Postmoderne, in
der die Gleichwertigkeit aller Phänomene als Grundlage erkannt
wird. Niemals steht etwas wirklich über dem anderen, Weiße nicht
über Schwarzen, Männer nicht über Frauen, Regierende nicht über
Regierten, Menschen nicht über der Natur, Philosophien nicht über
Philosophien, Religionen nicht über Religionen, Kulturen nicht über
Kulturen. Und auch nicht Erwachsene über Kindern.

Wenn das Paradigma der Gleichwertigkeit ernst genommen und zur
Grundlage gemacht wird, dann gibt es den Unterschied von einem
vollwertigen Menschen (dem Erwachsenen) und einem noch nicht
vollwertigen Menschen (dem Kind) nicht mehr – sondern es wird
gesehen, dass beide auf einer gleichen Plattform stehen, der Platt-
form des vollwertigen Menschen. 

Und dann hat eine missionarische Haltung, wie sie jeglicher Erzie-
hung zugrunde liegt, keinen Platz mehr. Dann werden Kinder nicht 
mehr erzogen, dann lebt etwas anderes als Erziehung zwischen 
Erwachsenen und Kindern: personale Beziehungen, wie bei allen 
anderen Menschen auch.




Dienstag, 12. September 2017

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Kinder erzogen werden müssen? I






















Die Kinder sind da, die Erwachsenen sind da, die Gesellschaft
ist da, voller Werte, Orientierungen, Grenzen, Herausforderun-
gen. Es ist alles bereitet und bereit, wenn ein Kind geboren wird.
Das Abenteuer Leben kann beginnen. Eltern lieben ihre Kinder,
sind Ressource und Trost, Unterstützung und Stützpunkt,  wozu
um alles in der Welt braucht es da noch Erziehung?

Nun, Erziehung ist eben mehr als das Selbstverständliche.
Erziehung ist etwas Besonderes. Erziehung ist die Aufgabe
und der Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Kinder gelingen.
Dass sie richtige, vollwertige Menschen werden. Erziehung
ist Sendung, eine kulturelle und zivilisatorische Mission: aus
Kindern Menschen zu machen; sie zu bilden, formen, lenken,
ihnen die richtigen Werte mitzugeben und sie an ein Verhalten
zu gewöhnen, das sie überlebenstüchtig macht.

Erziehung ist unverzichtbar, ohne Erziehung gibt es Chaos und
Unglück. Es braucht heutzutage mehr und vor allem bessere
Erziehung, bessere Methoden, bessere Bücher, bessere Seminare.

Sind daran Zweifel erlaubt?

Jeder weiß, was passiert, wenn zu wenig erzogen wird ... wenn
überhaupt nicht mehr erzogen wird – so etwas ist außerhalb des
Vorstellbaren.

Wer sollte auch ernsthaft auf die Idee kommen, mit der Erziehung
aufzuhören? Dieser Gedanke ist abwegig und ein schlechter Witz.
Gegen diesen Gedanken stehen nicht nur die pädagogische Wissen-
schaft, die zigtausend Erziehungsbücher, das Engagement der un-
zähligen pädagogischen Professionellen, sondern auch die Lebens-
erfahrung und der Blick in die Geschichte.

Aber genau dieser Gedanke soll hier gedacht werden.

Nein, nicht der Gedanke vom Ende der Erziehung, der ins Chaos
führt. Sondern ein anderer Gedanke vom Ende der Erziehung:
ein Gedanke, der einen neuartigen und konstruktiven Weg für
Erwachsene und Kinder öffnet.

Fortsetzung folgt.

Freitag, 14. Juli 2017

Ja zu mir - Ja zu Dir




















Blog - Sommerpause


Ich fahre mit den Kinder in die Sommerferien. Erst zu unserem
traditionellen  Freundschaft mit Kindern - Sommercamp, dann
nach Frankreich ans Meer. Mit dem Blog will ich eine Sommer-
pause machen, ich komme nicht zu regelmäßigem Posten. Mal
sehen, vielleicht klappt es ja doch ab und zu. Ende August bin
ich dann wieder dabei und es gibt neue Posts

Ich habe überlegt, welchen Post ich jetzt als letzten vor der
Sommerpause einstelle. Der letzte Post wird ja erst einmal
aufgerufen, wenn in diesen Wochen jemand auf meinen Blog
schaut. Da soll es schon ein besonderer Post sein. Beim Kra-
men in meiner Schatzkiste bin ich dann bei der Partnerschaft
hängengeblieben. Das ist ein großes Thema und auch voller
Substanz.

Ich sage Tschüs, habt eine gute Sommerzeit! Euer Hubertus




Ja zu mir - Ja zu Dir

»Ich bin für Dich, Dein Glück und Dein Leid verantwortlich,
und Du bist es für mich.«

Eine Frau kommt nachts nicht nach Hause, sie war bei einem
anderen Mann. Ihr Partner ist verletzt und es geht ihm nicht
gut. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie für seinen Schmerz
verantwortlich ist. Denn wenn sie nicht zu einem anderen
Mann gegangen wäre, würde es ihm nicht so schlecht gehen.
Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat ein schlechtes Gefühl und
ein schlechtes Gewissen. Schuldgefühl. Schuldzuweisung. Die
Stunde danach ist hässlich.

Aber es geht auch anders.

In der Nachbarwohnung wohnt ein anderes  Paar. Auch sie
kommt eines nachts nicht nach Hause, auch ihm geht es
schlecht. Kein Unterschied zum Paar nebenan. Doch am
nächsten Morgen ist der Unterschied groß: Denn sie ist in
keiner Weise für seinen Schmerz verantwortlich - dies ist er
selbst. Er ist selbstverantwortlich. Von Geburt an. Auch für
seine Reaktionen. Auch in dieser Situation. Auch für seinen
Schmerz. Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat kein schlechtes
Gefühl und kein schlechtes Gewissen. Kein Schuldgefühl.
Keine Schuldzuweisung. Die Stunde danach ist nicht hässlich.

»Ich liebe Dich, doch ich bin nicht für Dich verantwortlich.
Ich nehme Dir nichts von Deiner Verantwortung für Dich
fort« - dies gilt auch in der Partnerschaft. »Ich wünsche mir
Deine Liebe, aber nicht, dass Du mir meine Verantwortung
für mich absprichst«. Eine andere Basis der Partnerschaft.

Diese Partnerschaft ist ohne Schuldgefühl und ohne Schuld-
zuweisung. »Mein Schmerz ist meine Wahrnehmung, meine
Reaktion auf Dich, und für alle meine Reaktionen trage ich
selbst die Verantwortung, nicht Du.« Damit ist der Schmerz
nicht aus der Welt geschafft, es werden aber die Zuständig-
keiten zurechtgerückt. Gleichwertigkeit wird an die Stelle
von oben (im Recht sein) und unten (im Unrecht sein) gesetzt.

In der Nacht lässt sie ihre Blumen blühen. Und er reagiert
darauf mit Schmerz. Er könnte auch anders reagieren: ge-
lassen, unaufgeregt. Aber er fällt in den Schmerz. Dies ist
verständlich, aber dafür ist nicht sie verantwortlich. Das
weiß er, und er macht sie nicht für seinen Schmerz verant-
wortlich. Und sie? Sie lässt so viel Liebe und Wärme zu
Hause zurück, wie sie kann. Warum sollte sie kalt und teil-
nahmslos sein? Sie kümmern sich umeinander, denn der
andere ist Teil des eigenen Ichs.

Was passiert am Morgen danach? Sie kommt, weil sie wirk-
lich will. Sie ist nicht verstrickt in Abwehr gegen Schuld-
vorwürfe, da er nicht mit Schuldzuweisungen reagiert. Sie
ist offen für ihn, sie trägt die Energie der Nacht zu ihm, sie
steht ihm in seinem Schmerz bei. Sie reagiert mit Empathie,
nimmt ihn vielleicht in den Arm und tröstet ihn. Sie liebt ihn
- aber das hindert sie nicht, ihre Wege zu gehen, auch wenn
dies für ihn Schmerz bedeuten sollte.

Und er? Er liebt sie, und bei allem Schmerz über ihr Weg-
bleiben erfüllt es ihn doch mit Freude, vielleicht mit Stolz,
dass er diesen geliebten Menschen nicht behindert, trotz all
seiner Angst und Not. Seine Liebe trägt sie, und ihre Liebe
trägt ihn.

Doch wenn der Schmerz zu groß wird, trennen sich die Wege.
Das kann er ihr sagen, ohne den lieblosen Druck, sie mit seinem
Schmerz zum Bleiben zu bewegen. Wohl aber mit dem Wunsch
und der Hoffnung, dass sie bleibt. Er weiß, respektiert und ach-
tet, dass sie entscheidet, wie ihr Leben weitergehen wird. So
wie er das auch für sich erkannt hat. Sie kann seine angekündigte
Reaktion mit dem Abenteuer der Nacht abwägen - ohne sich un-
zulässig unter Druck gesetzt oder herabgesetzt zu fühlen. Wenn
sie geht, geht auch er. Wenn sie bleibt, bleibt auch er. Fortgehen
oder bleiben - beide Partner entscheiden sich, ein jeder in seiner
Verantwortung für sich selbst.

Der Schmerz des einen hindert den anderen nicht automatisch,
den eigenen Weg zu gehen. Doch selbstverständlich kann man
auch auf den angestrebten Weg verzichten, auch in der Partner-
schaft. Die Frau kann auch bleiben. Sie fragt sich: »Was will
ich wirklich, angesichts aller Umstände?« Und sie bleibt oder
sie geht.

Sie muss nicht gehen, sie muss nicht bleiben: sie will gehen
oder sie will bleiben. Und sie will zurückkommen. Weil sie
wirklich will, nicht aus Verantwortung.

Liebe und Verantwortung jedoch führen immer wieder zu
Verzicht und Verrat der Träume und Wünsche, eben »aus
Verantwortung«. Und wenn man doch seinen Träumen folgt,
dann mit dem schlechten Gewissen, sein Wort nicht zu
halten und seiner Verantwortung für den Partner nicht ge-
recht zu werden. Es kommen Schuldgefühl und Schuldzu-
weisung, Entschuldigung und Vergebung. Es existiert eine
Beziehung mit gut und böse, richtig und falsch, oben und
unten, ohne gleiche Wertigkeit der Partner.

Doch niemals steht einer über dem anderen, tut der eine das
Richtige, der andere das Falsche, ist der eine gut, der andere
böse - auch nicht in der Partnerschaft, auch nicht bei Leid
und Schmerz. Von gleich zu gleich gehen sie aufeinander zu
und miteinander um, auch wenn die Wege sich trennen, auch
wenn des einen Glück des anderen Schmerz ist.

Diesen Partnern ist Liebe fremd, die aus Verantwortung
füreinander kommt und immer wieder Nein zu sich selbst
sagen muss. Ihre Liebe zueinander kommt aus dem Ja zu
sich selbst und der Freude über den anderen.



Donnerstag, 13. Juli 2017

Smartphonkuscheln



















Ein alter Freund meldete sich gestern nach langer Zeit und
bat mich um Rat. Seine sechsjährige Tochter hängt mehr
und mehr am Smartphon. Er macht sich Sorgen, besonders,
nachdem er ein Video von Manfred Spitzer gesehen hat.


*

Lieber Josef,

meine Jüngsten sind inzwischen 15 und 17. Als sie 11 und
13 waren, begann das. Ich habe mich schwer geärgert, dass
der Apparat so viel Aufmerksamkeit zog. Dass das Erleben
der realen Welt von der virtuellen Kunstwelt irgendwelcher
Geldhaie so abgedrängt wurde. Sie bekamen Zeitlimits, erst
eine Stunde, dann zwei. Auf einer Ferien-Hinfahrt nach Polen
hingen sie dann 6 Stunden am Phon, ich habs überstanden.
Wohl war mir nicht, Spitzer und Co. Heute können sie in ei-
gener Regie machen. Ich habe nicht! bemerkt, dass sie irgend-
ein Problem im Umgang mit der realen Welt bekommen haben.
Wenn wir im Wald sind, sind wir im Wald. Auf der Fahrt dort-
hin hängen sie am Phon.

Ich sage jetzt: Ein Verbot stört ihre innere Ruhe, mit dem Biest
umzugehen. Wenn ich sie lasse und freundlich begleite, haben
sie bei all der Verhexung ja mich als Anker und jemand, der zu
ihnen hält, sie nicht ausmeckert, blöd findet, sich die Haare rauft,
Weltuntergang ruft. Sie können sich bei mir ganz entspannt (mit
meiner freundlichen Begleitenergie) diesem Kram/Irrsinn/Unsinn/
Verblödungsmaschinerie hingeben. Ich glaube, das ist das beste,
was ich beisteuern kann.

Erlebt (= erlöst von meiner Sorge, sie kommen zu Schaden) habe
ich diese Haltung bei einem Freund, hochdekorierter (Anti)Päd-
agogikprofessor in Polen. Wir waren zu Besuch, seine Tochter
(15) hing nur am Phon. Kam zum Abendessen, kurzes Hallo-Auf-
blicken von Phon zu den Gästen, drei Löffel Suppe mit Phon. Bis
dahin war ich not amused. Dann aber: sie kuschelte beim Phon-
spielen ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, der neben ihr saß,
spielte weiter mit dem Biest, er freute sich über sie, die ganze
Atmosphäre war entspannt, friedlich, wunderbar. Das hat mich
überzeugt, da war ich alle Sorgen los.

Wir haben dann darüber gefachsimpelt, klar, er und ich, wir
kennen alle Pro und Contras. Im Ohr habe ich: "Es ist ihre Welt,
die Welt dieser Generation, und wenn wir nicht mehr sind, sind
die Kinder noch da und leben so, wie das dann sein wird."  Ich
erinnerte mich an das Verdikt über Fix und Foxi und all diese
Heftchen in meiner Kindheit. Fazit: Lass Dein Mädel in Ruhe,
wenn Du es kannst, später, wenn wir hin sind, sehen wir uns
das dann mal von oben an, was draus geworden ist. Lieb sie
einfach, auch in diesem Phonwahn. Und Du kannst Dir, wenn
Du das schaffst, auch ihre Phonwelt erklären lassen. Mehr Wis-
sen in Phondingen hilft mir jedenfalls.


Lieber Josef, also entspann Dich, mach Dir keinen Stress, den
überlass Spitzer und Co. Nicht nachgeben, weil alle das machen.
Sondern etwas verwirrt aber mutig mit Deinem Kind einen neuen
unbekannten Weg gehen, sie nicht allein/im Stich lassen. "Papa
steht hinter mir" hat so viel! Und erfreu Dich an Deinem Kind
und geh Du in den Wald = reale Welt, wenn Dir danach ist. Ich
jogge jedenfalls jeden Tag, und beim Geocachen (sieh mal Geo-
caching.com "Was ist Geocaching?") sind die Kinder dann auch
mit draußen.

Liebe Grüße Hubertus








 

Montag, 10. Juli 2017

Kinderland: Tja, Rückwärtsgang!



















Aus meiner Kinderforschung.

Melanie (3) will Rad fahren. Sie hat ein Rad mit Stützrädern.
Ich soll sie schieben. Ich fasse an den Lenker und tu es. Wir
wandern so eine Dreiviertelstunde. Durch die Straßen bis
zum Feld. Sie kennt sich aus. Sie sagt mir, wo es langgehen
soll. Ich staune, dass sie so gut Bescheid weiß.

Ich mache eine Entdeckung: Sie will meine Schiebekraft,
nicht meine Führung. Ich soll nicht lenken beim Schieben.
Ich soll nur schieben. Immer wieder ertappe ich mich, dass
ich drauf und dran bin, beim Schieben auch zu lenken. Zehn
Zentimeter vor dem Gitter dreht sie den Lenker, und ich hatte
mich schon zum Stoppen bereitgemacht.

Einmal kriegt sie die Kurve nicht hin. Ich sah es kommen -
und habe es geschafft, nicht einzugreifen. Sie sieht mich an -
tja, Rückwärtsgang!

Sonntag, 9. Juli 2017

Schulwahrheit, III, Sprengköpfe



















Ich habe selbstverständlich! auch Noten gegeben. Ohne Noten-
gebung kein Lehrersein. Klarer Fall, kein Pardon: Ich war genau-
so anmaßend und unterdrückend wie jeder andere Lehrer. Ich
war mir aber darüber klar, welches Unrecht da von mir ausgeht.
(Warum ich dann überhaupt als Lehrer gearbeitet habe, ist eine
andere Frage.) Und mit diesem Bewußtsein konnte ich etwas
erkennen, was "normalen" Lehrern verborgen ist. Und ich habe
auch anders gehandelt, ein bisschen wenigstens... Aus meinem
Schultagebuch:

*

Große Debatte mit einer Gruppe von zehn Kindern (6a) die
ganze Stunde über. Es geht um meine Notengebung. "Warum
gibtst Du Elisabeth keine 2, wo sie doch 2 steht, wie Du selbst
sagst?". Ich erkläre, dass es nicht gestattet ist, jemandem eine
2 zu geben, wenn er auf dem letzten Zeugnis eine 5 hatte. Und
dass die Note am Ende des Schuljahres eine Gesamtnote für
das ganze Schuljahr ist, dass also die Frühjahrsnote mit berück-
sichtigt werden muss. Aber das interessiert sie nicht.

Sie lassen sich nichts vormachen, wenn es um ihre Interessen
geht. "Wenn Du meinst, dass sie eine 2 kriegen kann, dann
steht ihr das zu." Sie haben ihre eigenen Bezugsgrößen und
Relevanzkriterien, die ihnen Auskunft darüber gebeben, was
gut für sie ist und was nicht.

Ich trickse dann, um ihr die 2 doch geben zu können. "Ja,
da gibt es eine andere Regel, die sagt, dass man die bei
einer Konferenz eingereichten Zensuren nicht mehr ändern
darf." Die Begründung interessiert sie nicht, sie sind zufrie-
den, dass Elisabeth ihre 2 bekommt. Mir aber ist sauunwohl
dabei, der so nicht gültigen Vorschrift und der Kollegen we-
gen. Ich tröste mich damit, dass es nicht an die große Glocke
kommen muss.

Und in mir kommt Wut über diesen ganzen Notenquatsch
hoch. Selbstverständlich sind die Noten, die ich ihnen ver-
passt habe, von mir subjektiv zusammengebraut. Diese
blödsinnigen Ansichten über "objektive" Notengebung!
Derartige Beurteilungen sind Herrschaftsausübung, Kom-
munikationsvernichter, schlicht widerliche Angelegenheiten,
inhuman. Wer anders darüber denkt, weiß nicht, was Sache
ist bei denen, die das alles ertragen müssen. Und natürlich
bin ich dafür, überhaupt keine Noten zu geben, all das "Ich
weiß was über Dich" schleunigst sein zu lassen und statt
dessen in ehrliche und gleichwertige Kommunikation ein-
zutreten.

*

Mit der 5c bespreche ich die Noten auf dem Rasen. Ich gehe
deswegen extra nach draußen. Es ist eine abgesicherte Gele-
genheit, rauszugehen.

Mit vielen geht es schnell. Ich setze die Noten nach Gefühl
fest und mit Hilfe von Notizen, wer mitgemacht hat. Ich gebe
keine 5. Das mache ich sowieso nur dort, wo ich wegen
schriftlicher Arbeiten nicht anders kann, also in Mathe. Aber
in Bio und Physik, wie hier in der 5c, denke ich nicht daran,
diesen Superirrsinn mit den Fünfen mitzumachen. Da habe ich
keinerlei Skrupel, hier kann ich echt mal etwas machen. Denn
in Fächern ohne schriftliche Arbeiten kann es sich jeder Lehrer
sparen, Fünfen zu geben. Wer nie mitgemacht hat, kriegt eben
eine 4 und Schluss.

Bei einigen schwanke ich, sie wünschen eine bessere Zensur.
Sie sollen sie haben. Bei zwei anderen bleibe ich hart. Die ak-
zeptieren. Insgesamt bin ich mit der Sache zufrieden und denke,
dass ich mit meiner Notengebung fair bin.

Zum Schluss sind sie dann besessen von der Notengeberei. Sie
hängen so davon ab. Das geht mir durch und durch. Sie leben
mir vor: Gute Note heißt gut sein. Oh Mann!

*

Letzter Schultag vor den Ferien. In den Klassen werden die
Zeugnisse verteilt. Ich denke daran, dass dies jetzt überall im
Land passiert.

Jetzt, im Momant, findet ein geradezu bombastischer Angriff auf
die Kinder statt, Raketen mit Vielfachsprengköpfen werden ab-
gefeuert: Jedes Zeugnis enthält rund ein Dutzend Sprengköpfe in
Form von Noten, deren Wirkung entweder heimlich, hinterrücks
ist: Zerstörung des Selbstvertrauens, des Setzens auf sich selbst,
durch die "guten" Noten der Erwachsenen. Oder brutal offen:
Schlechte Note = schlechtes Kind.

Und ich habe mitgemacht. Es ist ein widerliches Geschäft.











 

Samstag, 8. Juli 2017

Schulwahrheit, II, In den Tod



















Vor den Sommerferien gibt es Zeugnisse. Erwachsenen urteilen
über Kinder, Lehrer über Schüler. Ungefragt, unbestellt. Was ist
dabei? Dabei ist die Anmaßung, so mit Kindern "selbstverständ-
lich" umgehen zu können. Wen stört das, wer nimmt daran Anstoß?
Sollte es uns stören, sollten wir daran Anstoß nehmen? Und was
für Auswirkungen hat diese Notengeberei, kann sie haben, könnte:
ach ja, tatsächlich? Kann, darf, sollte man sich darüber Gedanken
machen? Läßt sich da was ändern? An dem Notengeben? An der
Einstellung der Erwachsenen? An der Einstellung der Erwachse-
nen? Aus meinem Schultagebuch:

*

Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn
belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend über
die Geheinmiskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe anderer-
seits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht
sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe.
Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich
weiß - dass er versetzt wird - und beende den Terror gegen ihn.

*

Nach dem Sportfest bin ich noch eine Weile mit den Kollegen
im Lehrerzimmer. Sie sind so völlig anders - sie sehen die Kinder
so völlig anders. Als Objekte, aber freundlich (nicht auch noch
hämisch). Und doch weit, weit weg von ihnen. Sie bestimmen
über sie. Es taucht gar nicht die Idee auf, dass jedes Kind sein
eigener Souverän sein könnte. Sie wissen, was für Kinder gut
ist, das ist eine ganz klare Sache. Sie sind auf einem wirklich
anderen Weg als ich. Ich merke es und lasse sie in Ruhe.

Von Josef wissen sie, was es für ihn bedeutet, endlich zu erfah-
ren, ob er versetzt wird oder nicht. Sie sagen es und sehen sich
mit ernsten Minen an - aber auf die Idee zu kommen, ihm mit-
zuteilen, was sie ausgemacht haben, sitzt nicht drin. Können sie 
nicht fühlen, wie es in dem Jungen aussieht? Gut, dass ich
es Josef verraten habe.

*

Ich telefoniere mit einer Mutter, und wir kommen auf die schäd-
lichen Auswirkungen von (schlechten) Zensuren. Sie erzählt von
ihrer Tochter (7. Klasse), die in Latein eine 4 kriegt und deswe-
gen völlig fertig ist. Sie ist in den letzten drei Tagen nicht zum
Schwimmen gegangen, und es sind draußen jetzt jeden Tag über
30 Grad. Ich bin also voll drin in der Wirkungsproblematik der
Notengebung. Und was liegt neben mir? Die Klassenmappen,
und ich werde gleich - Noten festsetzen!

Verkehrte Welt. Natürlich nehme ich mir vor, die negativen Aus-
wirkungen gering zu halten. Und bei den Kindern, die ich gut
kenne, wird das wohl auch gehen. Aber bei den anderen, die
ich nicht näher kenne, weiß ich nicht, was da eine 4 in Bio oder
eine 5 in Mathe, oder, oder, oder bedeuten, welchen Stellen-
wert diese Urteile in ihrem Leben haben.

*

"Schülerpaar tötete sich"
"München, 23. Juni (dpa). Eine Woche nach der Einnahme ei-
nes Pflanzenschutzmittels sind am Montag in einem Münchener
Krankenhaus ein 19jähriger Gymnasiast und seine 15jährige
Freundin gestorben. Vor acht Tagen hatten die beiden be-
schlossen, aus Verzweiflung über schulische Schwierigkeiten
gemeinsam in den Tod zu gehen."

Fortsetzung folgt.




Donnerstag, 6. Juli 2017

Schulwahrheit, I, Gebäude des Schreckens



















Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus
der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von
einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schul-
tagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin.
Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kol-
legen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel
"einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und
liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zu-
rufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für
seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was
ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden
habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachs-
enen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder be-
merken. Für die anderen ist eine solche Aussagen nur "dummes
Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre
Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede
leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Ver-
letztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule
verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie
noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die an-
deren helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und
ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung.
Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert.
Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


                                 Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
          

Fortsetztung folgt.
         




Dienstag, 4. Juli 2017

Dach der Zivilisation



















G 20 - ich überlege, welchen Protestbeitrag ich leisten könnte.
"Schlag Dein Buch auf und lerne, was da steht!" Ja - geht's noch?
Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken? Wem gehöre
ich und wem gehört die Welt? Ich halt mal dieses Plakat hoch:

"Mein Denken gehört mir!"


*

Unsere Zivilisation beruht auf bestimmten geistigen Leistungen,
etwa dem technischen Wissen, um Brücken, Kühlschränke, Fern-
seher und Raketen bauen zu können. Doch dieses Wissen kommt
aus dem Zwang, den die Erwachsenen mit der Schulpflicht der
nachwachsenden Generation auferlegt. Unsere Zivilisation beruht
auf der geistigen Versklavung unserer eigenen Kinder - nichts,
worauf wir stolz sein können, und nichts, das sich nicht ändern ließe.

Lernen Kinder denn ohne Schulpflicht das, was wichtig ist ? - Wichtig
für wen? Für die Erwachsenen? Die Kinder werden das lernen, was
aus ihrer eigenen Sicht wichtig zu lernen ist.

Die Verhältnisse werden sicher anders sein, wenn Menschen über ihr
Denken selbst bestimmen können, und das ist nur für die zum Nachteil,
die die Macht nicht teilen wollen. Das selbstbestimmte, von innen kom-
mende Lernen ist ein wertvoller Schatz der Menschheit, der gehoben
werden muss, wenn die anstehenden Probleme sinnvoll gelöst werden
sollen.

Vielleicht wird die Post dann nicht mehr in einem Tag von Hamburg nach
München befördert werden können - die Menschen werden selbst ent-
scheiden, was ihre Lebensqualität ausmachen soll und was nicht.

Montag, 3. Juli 2017

Fehler machen? Geht nicht!



















Wenn jemand einen Fehler macht, so bedeutet das, dass er nicht 
so gut war, wie er aber hätte sein können oder sollen. Dann tauchen 
Rechtfertigungsüberlegungen auf. Eingeständnisse werden gemacht. 
Die dunkle Wolke Schuldgefühl zieht auf. Und fordernd scheint der 
helle Stern Gutsein, hinter dem man endlos herläuft. Doch in der 
Amication ist alles anders:

Ein jeder ist für sich selbst verantwortlich. Für sein Leben, dieses 
sein Leben. Wenn man etwas tut, dann aus Verantwortung für sich, 
aus seinem jeweiligen Sosein. So, wie man gerade ist, denkt, fühlt 
– handelt man. Im Moment des Tuns, in der aktuellen Gegenwart, 
gilt jeder einzelne Sinn. Das ist nicht richtig, das ist nicht falsch. Es 
ist.

Wenn dann jemand dazu sagt, das sei ein Fehler – dann redet er 
eine fremde Sprache. Er schaut auf Einsichten, Normen, Daten, 
die er kennt, und daran misst er den anderen. Das ist dann für ihn 
wichtig – aber mit dem anderen hat das nichts zu tun.

In der Amication achtet ein jeder seine Gegenwart, sich, seinen 
aktuellen Sinn so sehr, dass er ihn – diesen Sinn, der in ihm lebt – 
nicht im Nachhinein eines Fehlers bezichtigt. Der Sinn, der einen 
jeden handeln lässt, ist dann, wenn er geschieht, fehlerlos. Besser: 
Jenseits von richtig und falsch, weder richtig noch falsch. Er ist.

Man kommt nicht auf die Idee, seiner Vergangenheit Vorhaltungen 
zu machen. »Hättest Du aber doch ...« – dies ist fremd. »Hab ich
aber nicht« ist die Antwort. Ruhig, kraftvoll, überzeugt. »Hab ich 
aber nicht.«

In der Amication gilt also: Niemand macht wirklich (existentiell 
gesehen) einen Fehler – man kann gar keinen machen. So, wie 
man auch nichts richtig machen kann. Was jemand macht, findet 
statt, sinnvoll, verantwortet vor sich: »Ich bin, ich lebe, und nicht 
an objektiven Kriterien zu messen.« Wohl an subjektiven: an den 
eigenen, an den fremden. Aber diese haben keine Macht über die 
Vergangenheit, über die Achtung vor sich selbst. »Du magst mich 
finden wie Du willst – ich aber bin.«

Ein jeder kann jetzt anders handeln als eben. Jederzeit. Aber das 
Eben wird dadurch nicht zum Fehler. Und das Jetzt nicht zum Rich-
tigen. Man kann sich verändern ohne den Hintergrund und die Welt,
die um den »Fehler« herum sind.

Freitag, 30. Juni 2017

Amication leben, Helmut



















Mein gegenwärtiges Leben wird vielleicht durch den Kontrast des
vergangenen deutlich.

Ich lebte bis zum 5. Lebensjahr in einem Kinderheim, lernte seitdem,
bei Erwachsenen/Eltern, Wünsche und Gebote von anderen als Preis-
gebot für Liebesware anzusehen. Mit der Münze des Gehorsams zahlte
ich bar für das, was sich als Liebe und Freundschaft ausgab (es oft -
wenn auch durch Erziehungsanspruch karikiert - war). Befehle und
Wünsche mussten kaum durch Nachdruck unterstützt, oft nicht einmal
ausgesprochen werden, ich kam ihnen meistens zuvor, in der Hoffnung,
angenommen zu werden.

Schon im Kinderheim hatte ich mich soweit aufgegeben, dass eine
Papier-Maske in einem dämmrigen Bestrafungsraum (nur zwei
solcher Strafaktionen hatte ich in diesem Haus »nötig«!) mich in
bodenlose Todesangst versetzte. Dass ich liebens-wert oder zumin-
dest der Achtung würdig sei, wagte ich nie ernst zu glauben. Und
doch sehnte ich mich mit jeder Faser meiner Person danach. Noch
als Fünfunddreißigjähriger spürte ich die kehlenschnürende Angst
dieser hohlen Erziehungsmaske so unabweislich, dass ich immer
wieder mit dem Gedanken umging, meinem Leben ein Ende zu
setzen. Bis dahin war das Bedürfnis nach Liebe und Achtung von
mir erfolgreich durch Gefälligkeit gegenüber jedem ersetzt worden,
der meinen Hoffnungen Erfüllung versprach.

Als braver Sohn, der seine Eltem nicht enttäuscht, machte ich
Abitur, begann mich auf den Priesterberuf in einem katholischen
Orden vorzubereiten, ging da weg, wurde nach meiner Promotion
zum Dr. phil. Gymnasiallehrer. Mit den Mitteln, die mich meiner
Selbstachtung, meiner mir eigenen Macht beraubt hatten, wollte ich
anderen Menschen - vor allem Kindem - Zuwendung gar Liebe
schenken: Predigen, belehren und Ungerechtigkeit/Unmenschlich-
keit durch politischen Kampf (zuweilen aggressiv und polemisch -
ich musste meinen Mitstreitem ja schließlich gefallen!) beseitigen.

Sieben Jahre nach meinem Eintritt in den Schuldienst - ich hatte
inzwischen geheiratet, zwei Söhne kamen zur Welt, - stieß ich in
pädagogischer Absicht im Kreis einer Gesamtschulinitiative an
einem Abend auf Hubertus von Schoenebeck, der von Amication
berichtete. Intensive Kontakte in einer etwa einjährigen Selbster-
fahrungsgruppe, die sich von der Idee der Amication in Bewegung
gesetzt fühlte, waren die Wehen meiner zweiten und entscheidenden
Geburt. Als die Gruppe sich nicht mehr regelmäßig traf, war ich
nach 35 Jahren endlich bei mir angelangt.

Es dauerte trotzdem noch einige Zeit, bis ich dahinterkam, dass ich
Gefahr lief, die Amication, wie so oft vorher, als eine Lehre anzusehen,
als ein Sicherheit versprechendes Konzept oder gar Rezept. War es
wieder nur eine Heilslehre, der ich mich unterwarf, um meine Angst
loszuwerden? Nach Gesprächen mit Bekannten und Interessierten,
die zufällig mit mir auf die Amication kamen, fiel mir mehrfach auf,
dass ich in mein altes Muster zurückgefallen war: Aussprüche und
Thesen von anderen, die die Amication schätzten, verteidigte ich wie
Glaubenssätze oder Theorien.

Die Angst saß mir im Nacken: »Werden die dich noch akzeptieren,
noch als zu ihnen gehörig ansehen, wenn du Bedenken des an der
Amication zweífelnden Gesprächspartners teilst, zugeben musst,
dass du das alles noch nicht umfassend praktizierst?!« Die Furcht
des Ausgestoßenwerdens verwandelte sich dann wieder in theore-
tische Absichtserklärungen oder gar in missionarischen Eifer.

So auch bei meiner Frau, mit der ich seit 10 Jahren verheiratet bin.
Auch so eine Partnerschaft, in der meine Gefälligkeitsblindheit zu
einem Scheinerfolg geführt hatte. Was sollte ich tun gegenüber einer
Partnerin, die die Amication zwar theoretisch gut fand, sie aber für
undurchführbar hielt und noch immer hält, bei Kindern, die schon
vier oder fünf Jahre unter Erziehungsbedingungen aufgewachsen sind?
Mein neues Selbstbewußtsein, meine Versuche, rnit den Kindern anders
zu leben, führten zu schweren Konflikten. Manchmal schien eine Tren-
nung die einzige Lösung. Bisher ängstlich von mir abgehlockte Bezie-
hungsmöglichkeiten außerhalb unserer Ehe-Partnerschaft (ich wollte
bis dahin ja nicht durch Liebesverlust »bestraft« werden!) verschärften
die Lage noch.

Ähnlich verlief es in der Schule. Schritte in Richtung Amication führten
zu Auseinandersetzungen mit Eltern und Kollegen. Das ging bis zu Maß-
nahmen der Bezirksbehörde.

Etwa eineinhalb Jahre stand ich unter dem dauernden Druck, mit
Familie und Schule brechen oder meine neugewonnene amicative
Perspektive als Irrtum zurückzunehmen. Auch jetzt gehe ich manch-
mal mit der Frage herum, ob ich mich bei allen noch immer erziehe-
rischen Verhaltensweisen auf dem »richtigen« Amications-Weg
befinde.

Zu viel hat sich aber entscheidend verändert: Im Leben mit meiner
Ehe-Partnerin gibt es keine falschen »Liebesbeteuerungen« mehr.
Was wir zusammen leben können, finden wir immer wieder neu
heraus. So viel Offenheit und gegenseitige Achtung haben wir in all
den vorhergegangenen Jahren nicht erfahren. In der Beziehung zu
unseren Kindern beobachte ich oft eine erstaunliche und heilsame
Wechselwirkung: Wo ich in manchen Situationen in die alten
Beziehungspraktiken zurückfalle, entdecke ich bei meiner Partnerin,
die grundsätzlich an Erziehung festhält, Augenblicke, in denen sie
die freie Entscheidung der Kinder achtet, sie unterstützt, sich ihnen
ohne erzieherische Vorbedingungen zuwendet, sie mit ihren Bedürf-
nissen ernsthaft wahmimmt. Die Grenzen unserer Erziehungsan-
sprüche sind schon merklich zurückgewichen und wir fühlen uns
dabei wohler.

In der Schule ist das für mich ähnlich: Ich habe nicht die Kraft, aus
diesem System der mit Zwang arbeitenden Lernorganisation wegzu-
gehen, will nicht arbeitslos sein und muss mich selbst doch nicht dazu
erziehen, um den Preis meiner Selbstachtung und Gesundheit Schü-
lern Freiheit und selbstbestimmtes Lemen zu »erkämpfen«. Und
doch gibt es auch in diesem Raum des Zwangslernens, an dem ich als
Lehrer beteiligt bin, so viele Situationen, wo ein Stück dieser freien,
gleichberechtígten Begegnung Leben wird.

Donnerstag, 29. Juni 2017

68 Fragen an die Amication


 
















Was ist Amication? Wie wird man ein amicativer Mensch? Wie kommen amicativ aufwachsende Kinder mit der Welt zurecht? Was bedeutet Amication für die Partnerschaft? Wie sieht eine amicative Schule aus? Gibt es Vorläufer der Amication? Worin liegt der Gewinn der Amication? Wie steht Amication zur Gewalt? Ist Amication egoistisch? Woher nehmen amicative Menschen ihre Sicherheit? Ist Amication nur etwas für Privilegierte? Wem dient Amication? Welche Quellen hat Amication? Was ist für Amication Wahrheit? Wie sieht die amicative Gesellschaft aus? Können amicative Menschen Fehler machen? Wie lernt man Amication? Wer sagt, was Amication ist? Gibt es keinen Hass mehr in der Amication? Gibt es in der Amication Werte? Ist Amication autoritär? Wieso ist Amication keine Erziehung? Gibt es konkrete Auswirkungen amicativer Kommunikation? Wie merken die Kinder die amicative Einstellung? Was sind die Eckdaten amicativer Ethik? Hat es Korrekturen innerhalb der Amication gegeben? Gibt es Essentials für die Amication? Sind die Aussagen der Amication Ziele? Lassen sich die Aussagen der Amication hier und heute realisieren? Was muss man mitbringen, um amicativ leben zu können? Wie kann man Amication gut erklären? Wieso kommen nicht mehr Menschen auf amicative Gedanken? Welchen Einfluss hat Amication auf die Selbstliebe des Kindes? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die amicative Sicht? Gibt es neue Entwicklungen in der Amication? Gilt Amication schon bei Säuglingen? Wie würden amicative humanwissenschaftliche Institute der Universitäten aussehen? Welche gesellschaftliche Utopie entwirft Amication? Benötigt Amication Strafgesetze? Gibt es in anderen Kulturen amicatives Gedankengut? Gibt es im abendländischen Kulturkreis amicative Nischen? Was sagt Amication zu Krankheiten? Zu Krebs? Zu Aids? Welche Einstellung hat Amication zum Tod? Welchen Stellenwert hat für Amication der alte Mensch? http://www.alter-in-wuerde.de Welche Bedeutung haben für amicative Menschen Verabredungen und Treue? Demut und Dienen? Warum engagieren sich Menschen für die Verbreitung der Amication? Wie lange wird es Amication noch geben? Ab welchem Alter kann man mit Kindern über die amicative Theorie reden? Worin sind die Widerstände gegen Amication begründet? Ruft Amication Ängste hervor? Mit welchen Argumenten kann Amication Andersdenkende überzeugen? Welche Argumente haben Andersdenkende gegen Amication? Muss sich der Erwachsene ändern, um amicativ leben zu können? Wem nutzt die Sicht der Amication, dass der Mensch konstruktiv ist? Wieso gibt es in der Amication keinen wirklichen Gegensatz von Gut und Böse? Haben Kinder ein amicatives Bewusstsein? Welche Fragen sind für amicative Menschen nicht mehr wert, dass über sie nachgedacht wird? Haben gesellschaftliche Faktoren Einfluss auf die amicative Position? Müssen erst gesellschaftliche Strukturen geändert werden, um amicativ leben zu können? Ist Amication ein gesellschaftlicher Faktor? Wird die amicative Erkenntnis bei ihrer Umsetzung in die Praxis verschlissen? Wieso ist Amication eine kulturelle Auswanderung? Welche Macht hat Amication? Kann Amication Ängste befrieden? Was ist amicativer Frieden?