Montag, 22. Juli 2019

Sommerpause und Blog-Archiv







In den Sommerferien komme ich nicht dazu, einen neuen Post zu schreiben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ja in den alten Posts (unten rechts ist das Blog-Archiv) ein wenig herumstöbern und mir hier Eure Kommentare schreiben: "Mein Kommentar zum Post xy vom ..." Ich lese alle und beantworte alle! Im September geht es dann wieder los mit einem neuen Post.

Habt eine schöne Sommerzeit! Euer Hubertus


Montag, 15. Juli 2019

Spielst Du mit mir?







Ich bin mit meiner Tochter und ihren Kindern im Wildgehege unterwegs. Nach einer Weile: "Spielst Du mit mir?" Mein dreijähriger Enkel will nicht die Tiere, nicht sein Laufrad, er will mich. Ich aber will mich grade ausruhen, ein bisschen herumgehen, ein bisschen Quatschen, ein bisschen Tiere, ein bisschen Family. Aber Spielen? Das braucht Konzentration, Aktion, Fantasie und Geduld. Was will ich?

Ich höre meinen Wunsch nach ruhiger Kugel, ich höre seinen Wunsch nach mir. Was Ende der Kugel heißt, was Kinderwelt heißt, irgendwie anstrengend. Ok, sage ich mir, na gut, und ich lass mich breitschlagen, fühl mich auch vom Kinderwunsch geehrt und vom Kind gemocht. Ich schließe meine Ruhetür und öffne die Spieltür.

Erst gibts ein Versteckspiel. Hinter den Bäumen und Büschen. Das ist lustig. Dann sind wir oben auf der Aussichtplattform für die Wildschweine. Da liegt ein Stock rum, schon gibts Angelspiel. Fische werden an Land gezogen. Im Herd gebraten, mit Öl. Und gegessen, mit Zitrone und Petersilie. Mindestens 20 Fische werden geangelt. Dann nochmal Verstecken. Das Ganze dauert eine halbe Stunde, danach wandern wir alle zurück zum Parkplatz.

"Spielst Du mit mir?" Das ist eine der schönen Fragen des Lebens. Wenn ich diesem Anruf folge, löst er mich aus meiner Ichwelt und bringt mich in die Wirwelt. Das ist zur richtigen Zeit, das ist zur falschen Zeit, das ist beglückend, das ist anstrengend - so, wie es gerade kommt.

Es ist so was wie Zeitverschwendung dabei. Überflüssiges. Kinderkram eben. Und es ist Erhabenes dabei, Wahrheit, Sinn. Ist Spielen nicht wichtiger als meine ganzen Alltagsaktivitäten und Geschäftigkeiten? Es ist wichtiger, aber das Spielen hat nicht oft die Chance. Heute aber war sie da, diese Lebenschance, ergriffen, erlebt, erfüllt.

"Spielst Du mit mir?" Wenn das Leben das an mich heranträgt und wenn ich das merke: dann ist es grandios. Dann beschwingt es mich, macht alles leicht, freundlich, unkompliziert. Ich lasse mich fallen in den Augenblick.

Wie immer geht es um die Frage, wer ich sein will. Ich entscheide das. Aber ich will auch gefragt und gelockt sein. Wenn ich ernsthaft und denkgelähmt unterwegs bin, hat das Spielen es schwer. Doch die Leichtigkeit des Seins gibt nicht auf, sie ist ja da, und umgarnt mich, hält zu mir, fängt mich ein - und ihr nachzugeben ist himmlich. Ich muss nur den Schritt durch die Spieltür hinbekommen. Bei den Kindern. Bei den Freunden. In der Partnerschaft (!).

Und das alles ist ja nicht "nur ein Spiel". Es ist Herz, Vertrauen und Liebe. Es sind die Momente, die in meinem Lebenstagebuch mit einem Stern versehen werden. Mein Enkel hat mich heute in diese Sternenwelt hineingezaubert.

Montag, 8. Juli 2019

"Damit niemand ihn leugnen kann" - Von Himmler zu Gauland







Ich lese in der Zeitung, dass wieder eine Zeitzeugin gestorben ist, die 101jährige Holocaust-Überlebende Henriette Cohen aus Frankreich. Der Tagesspiegel (27.6.): "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'"

Gaulands "Vogelschiss in der Geschichte" und der ganze braune AfD-Sumpf rumoren in mir. Mit den Kindern habe ich das Holocaust-Mahnmal in Berlin besucht. Auf einer Vortragsfahrt in Polen kam ich vor Jahren am Vernichtungslager Treblinka vorbei. Schindlers Liste. Klassenfahrt meines Sohns nach Auschwitz. Mein Großvater versteckte unter Lebensgefahr einen Juden in der Scheune, bekam für die Verweigerung des Hitlergrußes Gefängnis.

Will sagen: das alles ist ein Teil von mir, der durch Henriette Cohens Tod präsenter ist als sonst. Ich nehm mir Zeit, geh zum Bücherregal. "Der SS-Staat - Das System der Deutschen Konzentrationslager" von Eugen Kogon von 1946, ich schlage zufällig die Seite 159 auf:

   "Zum Abschluß dieses grauenvollen Kapitels sei noch das Bunker-Martyrium des Bekenntnispfarrers Schneider wiedergegeben, weil es die Zusammenarbeit Sommers (SS-Hauptscharführer) mit SS-Ärzten und die abgründige Heuchelei aufzeigt, die das System mit seiner Barbarei verband."

   "Im September 1937 wurde Pfarrer Schneider nach Buchenwald gebracht. Als er bei der damals eine Zeitlang üblichen Flaggenparade, das heißt dem täglichen Hissen der Nazifahne, nicht die Mütze abnahm, erhielt er sofort 25 Stockhiebe und wurde in den Bunker geworfen. Dort blieb er mehr als 18 Monate, bis er nach qualvollem Leiden endlich ermordet wurde... Bei jedem Öffnen von Sommer mit dem Ochsenziemer (Schlagwaffe, bis 100 cm lang und schwer) geschlagen wurde... Später war die Zelle ständig verdunkelt ... Am Boden stand das Wasser 5 cm hoch, die Wände waren völlig naß... Am ganzen Körper hatte er bis zu faustgroße Löcher von Schlägen. Die Wunden eiterten ständig, da er selbstverständlich kein Verbandszeug oder Ähnliches zum Behandeln erhielt. Es ist beinahe unfaßbar, daß ein Mensch ein derartiges Martyrium so lange aushalten konnte. Gerade das scheint Sommer  besonders gereizt zu haben. Er wollte ihn absolut nicht einfach töten, sondern einfach zu Tode quälen... Als es Sommer schließlich doch zu lange dauerte, gab er ihm eines Tages ein Herzlähmungsmittel in das Essen... wirke das Mittel nicht... Herzstärkungsmittel... gleichzeitig eiskalte Wickel, die so lange erneuert wurden, bis er einen Herzkollaps bekam und starb. Noch am Tage vor seinem Tod wurde er von Sommer mit dem Ochsenziemer geprügelt."

   "Pfarrer Schneiders Frau und Kinder baten die Kommandantur, ihren toten Mann und Vater noch einmal sehen zu dürfen, was von Koch (Lagerkommandant) aus Propagandagründen genehmigt wurde! Um die entsetzliche Entstellung der Leiche zu verdecken, wurde der tote Kamerad von einem SS-Friseur geschminkt und bekam eine Perücke aufgesetzt! Dann wurde er unter Blumenschmuck feierlich in der Truppengarage aufgebahrt. Nachderm die Familie unter Tränen von ihrem Vater Abschied genommen hatte, wurden die Angehörigen von Koch hinausgeleitet. Bei der Verabschiedung sagte er zu Frau Schneider: 'Ihr Mann war mein bester Häftling. Gerade, als ich ihm seine Entlassung mitteilen wollte, starb er an Herzschlag!'"

Das war konkret. Auf der Ideologieebene geht das so: Heinrich Himmler, Reichsführer der SS,  am 4. Oktober 1943 vor SS-Führern:

   "Es ist grundfalsch, wenn wir unsere ganze harmlose Seele mit Gemüt, wenn wir unsere Gutmütigkeit, unseren Idealismus, in fremde Völker hineintragen... Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Bluts zu sein und zu sonst niemandem. Wie es dem Russen geht, wie es dem Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder sie verrecken in Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh oder herzlos sein, wo es nicht sein muß; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen."

    "Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden... Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. "Das jüdische Volk wird ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, "ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir." Und dann kommen sie alle an, die braven achtzig Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

*

 ... "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'" ...










Montag, 1. Juli 2019

Saint-Exupéry: Fuchs, Rose und Verantwortung





    "Du bist für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast." Es geht im Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry um die Rose, und der Fuchs sagt dem Kleinen Prinzen diesen Satz. Den er sich merken will.

    Wenn ich mit etwas oder mit jemandem zu tun habe - entsteht daraus eine Verantwortung? Der Satz aus dem Buch von Saint-Exupéry ist mir neulich wieder begegnet. Ich kenne ihn, und ich erlebe dabei ein süßes Gift. "Ja, stimmt" ist eine wohlige und süße Reaktion. Verantwortlich für jemanden sein fühlt sich gut an - für den Verantwortlichen, den Prinzen. Er kann ein guter Kümmerer sein. Und auch für die verantwortungsbedachte Rose fühlt es sich gut an, sie kann sich geborgen fühlen. Beide sind ein gutes Paar, sie passen zueinander: Er sorgt sich, sie fühlt sich bedacht.

    Aber. Für mich hat das ganze Szenario keinen guten Grund. Da schwingt etwas mit, das für mich einfach nicht geht. Es ist verdeckt, tritt nicht deutlich hervor, dieses Ungute. Die Süßigkeit dieses Statements und die Welt, in die dieser Satz einführt, sind ungut. Wohlig, aber ungut, süßes Gift eben.

    Der Satz hat Lähmendes. Er macht unfrei, enthält Fesseln. Die zu merken schwer fällt, die abzulegen erst recht schwer fällt. Der Satz kommt mit einer riesigen selbstgewissen Macht des Richtigen daher, mit einer Großmoral. Es fallen mir sofort Babys ein - da geht mir bei diesem Satz das Herz auf: Ja, ich habe es mir vertraut gemacht und bin für das Baby verantwortlich. Das stimmt doch - wo ist das Aber?

    Die ganze geistige Welt unserer Kultur und Tradition stehen hinter diesem Satz. Ja - und genau das ist das Problem. Die Kultur, die diesen Satz hervorbringt und auf die dieser Satz gebaut ist, ist von einem Klang der Macht erfüllt. Von jemandem, der bestimmt, wo es lang geht. Der das nicht nur für sich bestimmt, sondern der das auch für andere bestimmt. Wie gehabt: Mensch über Natur, Mann über Frau, Weiß über Schwarz, Erwachsener über Kind. Hier dann: Prinz über Rose,

    "Ich bin für Dich verantwortlich" (weil ich Dich mir vertraut gemacht habe) setzt mich über Dich. Es ist das Stückchen mehr als das "Ich kümmere mich um Dich, ich sorge für Dich" und noch viel mehr als das "Ich liebe Dich". Verantwortlichsein gibt mir Legitimation. Neben dem ganzen Pflichtszenario (Baby füttern, Rose gießen) auch die Bestimmerei: Dies und das ist gut für Dich, ich entscheide das. Ich folge nicht nur dem Offensichtlichen (wickeln - sonst Entzündung, gießen - sonst vertrocknen). Ich bin legitimiert und in der Pflicht des Guten, durchzuführen, was der Verantwortung entspricht. Der Verantwortung, die ich erkenne und die mich zu Dies und Das führt.

    Aber. Ich - Hubertus - erkenne ja auch zig Dinge, die ich tun will mit Dir und die ich richtig finde. Nur greifen sie nicht über das hinaus, was "angemessen" ist. Will sagen: Ich nehme nicht für mich in Anspruch, die Verantwortung für Dich zu übernehmen. Verantwortung für Dich übernehmen: Das hat in meinen Ohren einen entmündigenden Klang. Überhebliches. Macht eben. Aus der patriarchalischen Tradition.

    "Du kannst Dich um das kümmern, was sich Dir anvertraut hat" - Wie wäre es denn damit, Herr Fuchs? Wenn sich unsere Herzen zuneigen: klar tue ich etwas dafür, dass Du Dich wohl fühlst und bleibst. Aber ob Du Dich wohlfühlst und bleibst, ist nicht meine Verantwortung, sondern Deine. Würde ich mich verantwortlich fühlen, nähme ich Dir die Verantwortung weg. Es wäre ein Verantwortungsdiebstahl.

    Der Fuchs stiftet zu Unterdrückung und Verantwortungsdiebstahl an. Er torpediert die Souveränitaät der Rose und die Freiheit des Prinzen. Gleiche Augenhöhe von Prinz und Rose sind nicht angesagt. Kümmerer oben, Gekümmerte unten. Das stört mich. Ich weiß, dass das die Tradition unserer Kultur ist. Aber diese Tradition passt mir nicht.

    Ich will mich kümmern und da sein, sorgen und hegen, wickeln und gießen. Weil ich das will, weil es meinen Werten entspricht, weil ich so Leid vermindern und Freude bereiten kann. Immer gemessen an dem, wie ich es einschätze. Da erhebt sich nichts über den andern. Das ist dabei auch nicht kraftlos oder unsicher, das kommt durchaus auch resolut und ungefragt daher. Aber der ganze Sound ist der von Gleich zu Gleich. Bei Saint-Exupéry klingt das für mich gänzlich anders.

    Die ganze Verantwortungsthematik wird auf meinen Veranstaltungen immer wieder zum Problem. Wer verankert (sprich: gefangen) ist im (durchaus auch gutgemeinten) Oben-Unten hat keinen leichten Zugang zu meinem GleichzuGleich, in dem ich verankert bin und das genauso gut gemeint ist. Das einem Oben-Unten-Menschen nahezubringen, klar zu machen - immer wieder schwer bis unmöglich. Aber wer die befreiende Freude des GleichzuGleich einmal schmeckt oder wieder schmeckt, dem kann ich dabei helfen, sich diese Welt der Gleichwertigkeit zu erschließen.

    "Du bist für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast" - der Satz stimmt für mich nicht, weil der zweite Teil für mich nicht funktioniert: weil niemand sich etwas vertraut machen kann, wenn er im Land des GleichzuGleich lebt. Da macht man sich nichts vertraut, was heißt: macht niemandem von sich abhängig und untertan (um ihn dann als Guter zu bedienen, als Böser auszubeuten). Ich mache mir nichts vertraut. Wiewohl Du mir vertraut bist und ich Dir vertraut bin, und wir im Vertrauen miteinander unterwegs sind.

    Ich verlasse nicht Vertrauen, Öffnen, Sichhingeben. Es geht für mich eben nur so: Du vertraust Dich mir an, ich vertrau mich Dir an. Klare und andere Zuständigkeiten als beim Fuchs. Der Fuchs legt dem Kleinen Prinzen eine Pflicht nahe, welche die Rose entmündigt. So spricht ein Herrscher, kein Gleichwertiger. Ich hingegen schwinge mit Dir im GleichzuGleich.

    "Du kannst Dich um Deine Rose kümmern, wenn Du sie liebst und wenn sie sich Dir anvertraut. Du bist nicht für sie verantwortlich - das ist sie selbst. Du bist für Dich verantwortlich."

    Willst Du sie gießen? Dann tu es. Wenn Du sie nicht gießt, stirbt sie. Willst du das? Wer bist Du? Wer bin ich - wer will ich sein? Was sind meine Werte? Dem folge ich auch im Zusammensein mit Dir. Nicht aus Verantwortung, sondern aus Liebe.

    Montag, 24. Juni 2019

    Was erwarte ich denn?








    "Was hattest Du denn erwartet??" Klares Statement. "Weiß ich nicht so genau." Klare Antwort. Und dann noch: "So was jedenfalls nicht." Was ist passiert?

    Wieder einmal ist es nicht so gelaufen, wie gedacht, wie ich es erwartet hatte. Es ging um irgendwelche Alltagsdinge, und es war auch alles nicht so wichtig. Aber der Kommentar meines Freundes schwingt in mir nach. Jetzt, nachts, lass ich das mal laufen und sehe hin: Was erwarte ich? Eigentlich? Grundsätzlich? Was ist mit mir, wenn ich etwas erwarte? Was für eine Überhaupt-Erwartungshaltung habe ich, was für ein Erwarter bin ich?

    Nicht in Bezug auf die kleinen Dinge des Alltags, sondern als Hintergrundrauschen. Warte ich auf etwas? Warten Menschen auf etwas? Gehört das Wartenauf zum Menschen wie das Atmen? Ich leg mal los mit einer klaren Sache:

    Es ist angesagt, dass mein Leben irgendwann zu Ende ist. Das habe ich als Information von sehr klein auf gespeichert. Und sehe ja auch rechts und links, dass es stimmt: Menschenleben enden. Das wird denn wohl auch mir passieren. Erwarte ich. Warte ich drauf? Eher nicht, das kann warten, diese Lebensenderei. Aber es gehört dazu, so wie der Sonnenaufgang morgen früh. Den erwarte ich, da habe ich eine klare Position. Kein Sonnenaufgang? Unvorstellbar. Warte ich auf ihn? Nein, wieso sollte ich.

    Ich habe zig Erwartungen. Ich gehe davon aus, dass. Ich denke nicht darüber nach - ist doch selbstverständlich. Dass. Endlose Dasse. Dass das Auto anspringt, die Vögel singen, das Wasser läuft, das Messer schneidet, das Radio spricht, der Apfel nach Apfel schmeckt, der Vollmond abnimmt, die Kinokarte da ist. Aber Achtung: Dass Du da bist, da bleibst...Tja, da wird es schwierig. Da kommt die Sorge dazu, dass es doch nicht so ausgehen könnte. Wer bist Du? Klar erwarte ich da etwas, dass Du so bist, wie Du bist  - in meiner gewachsenen Wahrnehmung von Dir.

    In meiner Beziehung erwarte ich, Du mich liebst. Vom Gestern zum Jetzt und Gleich und Hintergleich. ? Gehört sich das? Muss ich da nicht dankbar sein, dass/wenn Du mir Deine Liebe schenkst? Liebe erwarten? Gar noch Anspruch drauf haben? Erwarten, dass Deine Liebe bleibt... Ja, warum nicht, ist doch Hintergrundmusik, reines Herz.

    "Das habe ich von Dir nicht erwartet!" Auch so ein Statement. Was soll ich auf so eine Vorhaltung antworten? So ein Statement ist schon übergriffig. Gehört nicht in eine Beziehung, wie ich sie leben will. Erwarte ich. Dass so ein Satz nicht fällt.

    Ich mach mir mit meinen Erwartungen auch keinen Stress. Ich erwarte. Nicht sie mich. Ich bin nicht die Marionette meiner Erwartungen. Fragt sich. Nach amicativer Auffassung  gehöre ich mir, niemandem sonst. Auch nicht Erwartungen. Die Erwartungen sehen das etwas spöttisch. Na ja.

    Ok, sage ich mir. Erwartungen wuseln um mich herum. Seis drum. Ich kann das schon beeinflussen. Oder sie einfach geschehen lassen. "Ja, das habe ich erwartet." "Nein, erwarte ich nicht." Erwartungen sind ein weites und mächtiges Feld.

    Montag, 17. Juni 2019

    Zumutungen, meine







    Was mute ich mir zu? Was will ich mir zumuten? Was muss ich mir zumuten? Mir geht diese Zumuterei durch den Kopf. Banaler Anlass: beim Joggen vorhin gings ziemlich bergauf, ich war in fremdem Gelände unterwegs. Will ich da rauf? Echt jetzt? Was mute ich mir da zu...

    Jedenfalls bin ich rauf und habe dabei über die Zumutungen nachgedacht. Und was mir da alles einfiel! Ist das Leben nicht eine reine Zumutung? Wie dieser Berg? Der ganze Klimakram? Mein aktueller Partnerschafts-KO? Dies und das und noch viel mehr.

    Leichte Entrüstung machte sich breit. Wer bin ich eigentlich? Was soll das? Muss ich das haben? Irgendwie war ich in Kontakt mit zig Anforderungen, kleinen und großen, die so am Tag an mich ranschwappen. Die ich annehme, nicht als Zumutung erlebe, die ich abarbeite, erledige, vergesse. Aber! Jetzt beim Bergauf hab ich das mal gemerkt. Was tu ich mir da an?

    Ich halte mich eigentlich für einen offenen und großzügigen Menschen. Ja – anderen gegenüber! Mit mir bin ich da nicht zimperlich, stelle mich hinten an und finde das richtig. Nein, kam da am Berg, übertreibs nicht, lass das mal, stell Dich mehr nach vorn, die anderen in die zweite Reihe. Wem gehöre ich? Richtig: mir. Und von da lässt sich gut erkennen, wenn ich denn hinschaue, was als Zumutung an mich, als Zumutung, meine daherkommt. Und das ist viel.

    Was soll so ein Berg? So ein Klimakram? So eine Partnerschaftsrempelei? Muss ich doch alles nicht mitmachen. Mach ich aber: jogge brav weiter, zerbrech mir den Kopf übers Klima, sinne permanent über mein Partnerschafts-KO nach. Das (unreale) Gefühl, Chef im eigenen Haus zu sein, ist dann auch noch dabei! Wie blöd bin ich eigentlich? Als Chef meines Lebens, meiner Lebenszeit, meiner Lebensminuten, -stunden, -tage kann ich das in Wirklichkeit auch alles ganz anders handhaben.

    Nix Berg rauf, lasst mich mit dem Klima in Ruhe, weg mit dem Partnerschaftskram. Den Zumutungen die Tür weisen, rauswerfen aus meiner Lebenszeit. Schwelgen im realen Chefgefühl: Ich muss da ja nichts wirklich. Ich kann, aber ich muss nicht. Und so nehme ich Witterung auf zu meinen Zumutungen und zu meiner Zumutungswehr.

    Da atme ich durch, krieg mich wieder ein. Bin oben angekommen, bisschen keuchen, tieeeef durchatmen. Die Kühe nebenan auf der Weide: die sind echt Zumutungen ausgesetzt. Ich fühl mich ihnen verbunden. Ich kann (genauer: will) ihren Zaun nicht aufmachen. Aber meine Zäune sind ein ander Ding. Es ist natürlich auch immer eine Frage der Konsequenzen, die eine Zaunöffnen, also das Zurückweisen von Zumutungen, mit sich bringt. Wo sollen die Kühe denn hin? Was wird aus mir, wenn ich diese oder jene oder überjene Zumutung beende?

    Das wird sich ja zeigen. Ich verfall mit meinen Überlegungen ja auch nicht dem Zumutungen-Zurückweisewahn. Ich merke ja nur mal was. Etwas von der Wahrheit, die mich umgibt. Sehen die Kühe den Zaun? In seiner Bedeutung? Sehe ich meine Zäune? In ihrer Bedeutung? Ich habe grad einen offenen Blick dafür. Fühl mich gut dabei und stark. Ich kann meine Zumutungen in die Schranken weisen, in meine Schranken. 

    Nachmitags dann die Aufmutungen. Ich fahre im Sessellift hoch auf die Alm. Dort blühen alle Frühlingsblumen durcheinander. Welche schöne Zumutung! Voll Freude schicke ich ein paar dieser fröhlichen Lebenszeitdinge per Whatsup an einen lieben Menschen. Auch so eine Zumutung: Will sie sowas jetzt haben? Schon, denke ich, ich bin eben auch eine Zumutung. Aber eine schöne!   

    Montag, 10. Juni 2019

    Selbstliebe - du mieser Verräter







    Seminar "Ich liebe mich so wie ich bin". Eine Teilnehmerin : "Ihre Botschaft ist also, sich in Ruhe zu lassen, nach dem Motto, dass man sich ja auch nicht lieben muss. Weitere, besonders konkrete Hilfen bieten Sie nicht an. Richtig verstanden?"

    "Mach, dass es aufhört. Dass der Selbstzweifel, der Mangel an Selbstliebe geht." Mit diesem Wunsch kommen die Teilnehmer in meine Seminare. Großer Wunsch, große Erwartung. Ich merke das und sehe ihr Leid. Und ich weiß, dass ich ihnen etwas anbiete, mit dem sie nicht gerechnet haben. Und das für die einen viel zu wenig, für die anderen genau das Richtige ist.

    Ich nehme sie nicht mit in das Land des Handauflegens, der Pülverchen, der Kopf- und Handstände, Atem-, Feuer-, Wasser-, Licht- und aller sonstigen stofflichen und nichtstofflichen Übungen. Da habe ich nichts zu bieten. Da bin ich nicht kundig. Wär ichs, würde ich ihnen genau so helfen: mit Handauflegen, Pülverchen und Co. Nur kann ich das eben nicht.

    Da sind dann schon einige enttäuscht und drehen ab. Andere sind eher erstaunt, dass ich eine lange Geschichte über Kindheit und Co erzähle. Aber sie hören zu, geraten in Resonanz und sie sehen die Tür, die ich ihnen zeigen will.

    Die Tür: Wie denke ich über mich in diesem Selbstliebe-bitte-wachse-Szenario? Wie bin ich da unterwegs? Was treibt mich an? Warum macht mir die mangelnde Selbstliebe zu schaffen? Hänge ich an einer Ich-muss-besser-werden-Strippe? Marionette des seelischen Gesundheitszeitgeists? Oder tut es einfach nur weh und ich will, dass es aufhört? Auf dass ich strahle jeden Tag?

    So ein ungutes Unterwegsgefühl kommt dann zum Selbstliebe-Mangelgefühl noch oben drauf. Erstens mag ich mich zu wenig. Und zweitens strengt mich das Abschaffen des Zuwenigs an. Und drittens nervt es obendrein, dass ich nicht vorankomme. Und viertens nagt da was: Ob ich zur Selbstliebe überhaupt geschaffen bin, egal, wie ich mich strecke. Und fünftens und schlussendlich: Ich bin eben nicht fürs Licht gemacht.

    Tja. Diesen Gang in die Unterwelt wie bei Dante Richtung Hölle seh ich mir vom Kraterrand an und strecke die Hand aus: Schau mal, sage ich, Du kannst Dich in Ruhe lassen. Du hast die Selbstliebemasern. Mach Dich nicht verrückt. Du bist nur krank. Schlimm genug. Aber mehr ist es nicht. Ich habe keine Selbstliebemasern-Medizin zu bieten. Aber ich kann Dir ein Gelassenheitskraut zu kauen geben. Komm mal wieder rauf, niemand zwingt Dich, die Selbstliebe finden zu müssen. Ist nicht schön, wenn man an sich zweifelt, schon klar. Aber hau Dich deswegen nicht in die Pfanne, auch nicht, wenn es da nicht vorangeht.

    Ungefähr so.

    Ich zeige den Teilnehmern etwas anderes als Heilung von ihrem Selbstliebemangel. Ich zeige ihnen, dass sie überhaupt damit umgehen und wie sie konkret damit umgehen (ich muss eine Verbesserrung erreichen). Und welchen Vorschlag ich hier habe, beim Damit-Ungehen. Nämlich: Sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sondern sich vom Besserwerden-Müssen zu emanzipieren, sich vom Selbstliebe-Erziehen zu lösen. Chef im eigenen Haus zu sein: Selbstliebe, Du mieser Verräter, wenn Du nicht in meine Seele kommen willst - dann eben nicht. Ich freu mich, wenn Du angezottelt kommst. Aber ich leg Dich jetzt mal zur Seite und kümmer mich um den Tag.

    Also entdramatisieren. Kein Streß, selbstliebfündig weden zu müssen. Ja, zu wenig Selbstliebe tut weh. Und dieser Mangelschmerz kann auch der ständige Begleiter für die nächsten 100 Jahre sein. Aber: das muss mir nicht den Tag versauen. Ein erfülltes Leben mit/bei/trotz Schmerz lässt sich anpeilen.

    "Weitere Hilfen bieten Sie nicht an?" "Biete ich nicht an." "Danke", sagt sie, "aber darüber so zu denken ist mir eine große Hilfe." 



    Montag, 3. Juni 2019

    Ich glaube an Leben und Tod







    "Ich glaube weder an Gut noch Böse, ich glaube an Leben und Tod". In einem Brief schrieb mir neulich eine Freundin diesen Satz. Er hat mich beschäftigt.

    Ich glaube an das, was ich für wahr halte. Was real ist, für mich, was wirklich existiert in meiner Welt. Liebe zum Beispiel. Oder die Sonne, mein Auto, die Tastatur, mit der ich schreibe. Tausend Sachen, dingliche und nichtdingliche, sind von meinem Glauben an sie umgeben und getragen. Sie sind mir so nah und verbindlich wie was. So wie das, dass ich eben an sie glaube.

    Klar, diese Glaubensgeschichte hat viele Ebenen. "Ich glaube an Dich" ist anders gestrickt als mein Glauben an die Tastatur vor mir. Whatever. Der Gedanke meiner Freundin ist aber von besonderer Qualität.

    Gut und Böse sind mir ja bekannt. Die beiden soll es geben, steht in zig Büchern und begegnet mir als Fixpunkt bei zig Menschen. Ich kenn dieses Paar. Nur: es hat für mich keine wirkliche Substanz. Kann ich in meiner Welt nichts mit anfangen, wohnt dort nicht. Klar kann ich mitreden, wenn es um Gut und Böse geht, ich bin ja nicht aus der Zeit gefallen und schließlich katholisch groß geworden. Nur. bei mir wohnen sie nicht, Gut und Böse. Sind einfach nicht zu finden in meinem Kosmos, wenn ich mich mir zuwende. Ich glaub nämlich auch nicht, dass es sie wirklich gibt.

    Sie sind Fantasie, Interpretation von irgendwas, Hirngespinste. Spinnertes kann man sich alles Mögliche ausdenken, wie immer ist da jeder sein eigener Chef. Und in der Kreation seiner eigenen Welt allemal. Wo dem einen Gut und Böse dazugehört - gehörts bei anderen, wie bei mir und dieser Freundin, eben nicht dazu.

    Aus gutem Grund. Ich finde es unangemessen, achtungslos, überheblich, unterdrückerisch, wenn man irgendwohin das Etikett Gut oder das Etikett Böse klebt. Das hat so einen Absolutheitsanspruch, der mir echt unangenehm ist. "Find ich gut" oder "find ich blöd (böse)" als subjektives Freude- oder Ärgerstatement, das kann ich gelten lassen und praktizier es. Aber Gut und Böse als Tatsachen des Lebens? Überkandidelt, fehl am Platz. Jedenfalls kann ich an das Pärchen nicht glauben. Wiewohl, um es noch einmal zu sagen, ich sehe, dass andere dies Pärchen als real existierende Geschichte erleben. Ich nicht. Gut und Böse gibts nicht, nicht für mich. Da steckt das ganze schaurige 10.000 Jahre alte patriarchalische Herschaftsdenken drin. Weg damit! Postmodern und amicativ durchgeatmet.

    Leben und Tod? Das ist eine andere Nummer. Der Falter, der hier nachts um mich rumflattert: Pralles Leben. Die mausetote Maus, die ich heute nachmittag bei der Radrunde gesehen habe: voll die Wahrheit. Da kann ich dran glauben, und da glaube ich dran. Leben und Tod gehören zu meiner Welt. Im Leben bewege ich mich, schwimme drin wie im See heute Nachmittag, kenn ich, kann ich. Tod? Ist mir fremd, aber habe ich auch erlebt, vorhin bei der Maus, oder bei den verschiedensten Beerdigungen, oder vor Jahren bei dem überfahrenen Kind. Schön wars nicht, aber real existierend. Was zum dran glauben eben.

    Diese Gut-und Böse-Geschichte ist ein Grusel. Als Kind wurde ich, wurden alle wir Kinder, damit in Acht und Bann geschlagen, unseres eigenen Pfads beraubt, beherrscht. Ich war niemals böse, ich war niemals gut, ich war, fand statt, und aus. Was sollte das? Diese Einstufung meines Tuns, meines Ichs, als "gut", als "böse"? Die spinnen doch, die Großen. Und sie spinnten ja auch. Laberten mich voll mit ihrem in ihrer Kindheit aufgesaugten Quark, überliefert seit Urzeiten hinein in die Kinder in die Kinder in die Kinder. Schaurige Tradition. Schauriger Zeitstrang. Echt, und was es da alles für Schreckliches gibt. Nur ein Beispiel: Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius, besonders "gelungen" in der Version von Joos van Craesbeeck. Leute, gehts noch?

    Ich kann nichtüberheblich und liebevoll mit diesen Fantastereien der anderen umgehen. Nach dem Motto: Wenn sie es denn brauchen - dann sollen sie doch an ihr Gut und Böse glauben. Bittesehr. Bescheidene Frage: Macht das glücklich? Ist das Frieden? Ist das Liebe? Glaub ich eher nicht. Und dann spür ich all das Leid, das durch dieses Unglückspaar über die Leute kommt, in die Herzen der Kinder, auch in die Herzen der kleinen Kinder.

    Ich habe neulich einen Dreijährigen verstrickt in die Gut-und-Böse-Wucht erlebt. Das hat so eine Macht. Wenn ich da die Macht hätte, wie würde ich dazwischen gehen! Ich bin ja dabei gewesen, und mit mir mein unausgesprochenes "Das gibt es nicht, gut und böse, und Du bist ein Ebenbild Gottes, ich glaube an Dich, nimm meine Kraft". Mehr kann ich nicht machen, aber das schon. Er sah zu mir hin - und ich sah zu ihm hin. Ich hielt dieses Kind im Paradies.


    Montag, 27. Mai 2019

    Vertraust Du mir?







    Ich war mal wieder in einem Hollywood-Liebesfilm, "After Passion" heißt er. Es kam, wie es kommen musste: "Vertrau mir!" Aber es gelingt nicht. Sie wird vom Sog des Misstrauens eingefangen, er kommt nicht dagegen an. Ich, Zuschauer, weiß, dass sie daneben liegt und dass er nichts angestellt hat - aber sie folgt dem Pfad des Misstrauens. Die Liebe flieht aus ihrem Gesicht, Großaufnahme, Unglauben, Schreck und Flucht prägen jetzt ihr schönes Antlitz. So ist das Drehbuch des Films - und so ist das Drehbuch des Lebens, oft genug, leider.

    Wie viel Vertrauen habe ich parat, in Dich, und generell? Wie viel Vertrauen habe ich in das Leben? In das Vertrauen? Glaube ich an Dich? Glaubst Du an mich? Vertrauen - ein gefährlich Ding. Denn es lauert der Abgrund der Enttäuschung. Will ich mich auf so eine wackelige Geschichte einlassen? Ich leide im Film mit: Sie vertraut ihm zu Beginn ein wenig, dann immer mehr, dann Hingabe pur - und dann der Absturz. Geht ja gar nicht. Also lass ich das mal mit dem Vertrauen. Absturz ist schaurig. Ich halte mir lieber ein Hintertürchen offen. Vertrauen? Lieber nicht, nicht wirklich. Bin gewappnet gegen den Absturz.

    So weit so gut. Ich bin aber nicht so jemand. Ich fahre den Vertrauenskurs, weil ich da so viel von in mir habe. Und wenn es gelingt, dann falle ich auch in die Hingabe. Und Vertrauen mit reinem Herzen ist einfach schön.

    "Vertraust Du mir?" ist eine schwierige Angelegenheit. Die Frage bedeutet ja, dass etwas Ungewöhnliches im Busch ist. Was aber das Band der Liebenden nicht zerreißen soll. Wiewohl offenkundig Unmögliches passiert. Mit dem "Vertraust Du mir?" wird eine Magie wachgerufen, zwischen zwei Menschen. Auf dass das Unmögliche (Schlimme) nicht passiert oder das Unmögliche (Schöne) erst recht passiert. Und wenn ich dann antworte "Ja, ich vertrau Dir" - das ist echte Zauberei.

    Ich kann mein Vertrauen auch zurücknehmen, dem anderen das Vertrauen entziehen. Klar, das geht. Aber dann muss schon Gruseliges passiert sein. Ich bin nicht der Angestellte oder gar Sklave des Vertrauens. Ich behalte das in der Hand, gehöre wie immer mir selbst. Wenn es nicht mehr stimmig ist, dann wird das Vertrauen dünner und kann ganz gehen. Es liegt an mir. Wie immer.

    Im Film geht es der Frau so. Sie vertraut nicht mehr. Sie hört ihren Partner nicht mehr, fühlt sein Herz nicht mehr. Sie folgt Bildern und Botschaften, die aus dem Misstrauensland kommen. Und sie leidet schrecklich: weil er sie verraten hat, wie sie meint (und was nicht stimmt, wie ich Zuschauer weiß). Wenn das Vertrauen sich aufzulösen beginnt - da kann man ja doch noch einmal einen Versuch machen! Aber wie lässt sich der Misstrauensgeist wieder in die Flache stopfen, wenn er in uns herumgeistert? Das haben wir nicht mehr in der Hand, das Ding hat uns in der Hand. Da sind Mächte am Werk, denen auch sie nicht gewachsen ist. Die über sie herfallen und sie bestimmen. Drehbuch, klar, aber im Leben geht es auch so. Liegt doch alles an/bei mir? Schnickschnack!

    Diese Mächte der Finsternis, die mein Vertrauen in Dich stören und zerstören: Was soll das? Wer denkt sich so was aus? Keine Ahnung. Was machen? Auch keine Ahnung. Wie geht es weiter? Schon klar: ohne Dich eben, ohne uns eben. Was bedeutet? Nichts Gutes, Leid und Schmerz. Aussichten? "Die Zeit heilt alle Wunden". So soll es sein und so ist es ja auch.

    Aber es kommt auch vor, dass die dunklen Kein-Vertrauen-Wolken unversehens von einem Lichtstrahl der Erinnerung durchbrochen werden. Wie war das noch mit dem Vertrauen, damals? Mit uns beiden? "Bis ans Ende aller Zeiten..." Liebe ist eine so starke Macht. Und zum Schluss des Films geraten die beiden wieder in ihre Magie, er geht auf sie zu und sie lässt ihn das tun. Ihr Vertrauen kommt zurück. Ihr Antlitz wird wieder so schön. Aufgewühlt und glücksberührt fahre ich nach Hause.



























    Montag, 20. Mai 2019

    Groll







    Seit drei Wochen bin ich im Groll. Keinem großen, aber schon. Not amused, fühl mich ungerecht und unfair behandelt, muss mir sowas nicht antun. Und will mit dieser Person nichts mehr zu tun haben, die mich da angemacht hat. Bis auf Weiteres, wenn Weiteres denn kommen sollte. Aber so was Danebiges - danke!

    Groll wird jeder kennen. Jeder? Ich kannte das bislang eigentlich nicht, mein Lebtag lang nicht. Ich bin auf nichts und niemanden grollig gewesen, cum grano salis. Klar, bescheuertes Verhalten von anderen und den Umständen gabs immer mal wieder. Aber das hat bei mir keinen Groll ausgelöst, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Vor drei Wochen wars dann aber anders, bei diesem einen Menschen. Ich fühlte mich herabgesetzt, aber erst mal gab es dabei keine unruhige Grollresonanz. Eher was anderes, das Übliche: Verständsnisflimmern: "Ja klar, wenn die mich so sieht, dann muss die mich so anmachen. Regt mich nicht weiter auf. Versteh ich schon."

    Jetzt kam es aber anders daher: entschieden, Ende der Beziehung. Ich muss mit so jemandem ja nichts weiter zu tun haben. Ich spürte Groll auf diesen Menschen. "Hab ich nicht (den Groll)" habe ich mir erst gesagt. Aber dann nochmal hingehört, in mich: "Hab ich doch". Und, auch wieder interessant, als ich das entdeckt habe, hab ich es mir nicht übel genommen. Hab ihn sich in mir ausbreiten lassen, den Groll, musste ihn nicht verscheuchen. Mal sehen, was draus wird. Es war ja auch nichts Überwältigendes, es war eben nur da. Und ich konnte ihn, den Groll, da sein lassen.

    Ich bin nun absolut kein Vertreter des "Ärger/Wut/Hass ist schön"-Gebräus, des "Jeder darf das, das gehört zum Leben dazu, sonst ist man kein richtiger Mensch" und so. Ich muss das alles nicht haben. Ich finds von der dunklen Seite. Liebe ist das nicht, Weltfriede auch nicht. Da bin ich anders unterwegs, im hellen Land des Schönredens. Mein ich ehrlich, seh und fühl ich so, leb so, und es geht mir gut dabei. Klar, da muss jeder sehn, wo er sich verortet. Und wer sagt, sein Ärger/Wut/Hass gehört zu ihm wie seine Liebe/Freude/Glück: bitte sehr. Aber ich muss das Dunkle nicht haben und habe das auch nicht.

    Bis auf das Ding, das sich da vor drei Wochen gemeldet hat. Ich hatte ein freundliches, fast schönes Gefühl zu diesem Groll: Dass ich dermaßen runtergeputzt wurde, und auch noch von diesem Menschen - das war ein Tacken zu viel für meine Harmoniewelt. "Die spinnt wohl" - der Groll hat sich gemeldet. Erst wollte ich ihn nicht wahrhaben, dann wegwischen: Denn dieser Mensch hat natürlich seine guten Gründe, fühlt sich von mir ungut behandelt, was weiß ich, und ist ja eigentlich liebenswert. Nein, es war zu viel, der Groll kam, und da habe ich zum Groll gesagt, und war erstaunt über mich: "Ok, Du kannst bleiben". Ich hab ihm nicht das Bett gemacht, ich hab ihn nur nicht rausgeworfen. Und ein bisschen gelünst, was wohl draus wird. Kurzum: er tat mir gut. Ausgleich zu dem Menschen, der mir eins verpasst hat und mir nicht gut tat.

    Groll ist etwas aus der dunklen Welt, und ich heiße so etwas nicht willkommen. Ich finds besser, wenn ich so eine Anmache gelassen wegstecken kann, wie sonst. Aber wenn das eben nicht geht - und seit drei Wochen geht es nicht - , dann gehts eben nicht.

    Ich habe einen freundlichen und unbeschwerten, nicht selbstzweiflerischen, nicht schuldgefühligen Zugang zum Groll gefunden. Oder: er hat mich gefunden. Ich fühl mich durch meinen Groll unterstützt (wobei auch immer), find ihn kraftspendend, lächelnd, freudig. Ich fühl mich vom Groll gemocht (vom Leben sowieso) und kann diese blöde Herabsetzung dann mal so stehen lassen. Die Herabsetzung macht mich ja auch nicht klein oder so. Hat mich nur verärgert.

    Und ich kenn mich ja auch: Lange wird der Groll nicht bei mir wohnen. Er wird schon wieder gehen. Vorgestern habe ich mich schon wieder zu einer Freundlichkeit hinreißen lassen, hab eine freundliche Whatsup hingeschickt. Tat mir auch gut und war kein Grollverrat. Der Groll hat mich beobachtet und sich sein Teil gedacht: "Alter Schönredner". Aber so bin ich halt. Und im Frieden mit den anderen zu sein ist ja einfach auch schön.

    Aber dieser Groll hatte auch was.

    Montag, 13. Mai 2019

    Barbie-Krone







    "Meine Tochter ist drei, und sie will partout nicht ihre Barbie-Puppe abends wegräumen. Ich habe es mit allem Möglichen versucht, aber sie tuts einfach nicht. Wie kann ich es schaffen, dass sie die Puppe wegräumt?"

    Ein Alltagsproblem, Standard. Das Kind tut nicht, was die Mutter will. Ich sehe die Mutter an und nehm die Problematik grundsätzlich auf. Nicht auf der Ebene, dass man die Kinder zwingt, etwas zu tun. Obwohl das ja auch interessant genug ist. Wie zwinge ich einen anderen Menschen, das zu tun, was ich will? Die guten Worte und Kompromisse, klar, werden erst versucht. Aber wenn das Gute/Freundliche/Sanfte/Rücksichtsnehmige/Usw nichts bringt: Dann kann ich verzichten oder eben "mich durchsetzen", wie das so schön heißt. Mit den Mitteln und Mittelchen, die mir dazu einfallen.

    Mir geht es jetzt aber nicht um die Äußere Welt, also die Handlungsebene, wo man "sich durchsetzt", sondern um die Innere Welt, die Seelenebene. Denn dort ist die Mutter unterwegs und weiß nicht weiter, hat sich verkämpft. "Das kann doch nicht so schwer sein, eben die Puppe ins Regal zu stellen" - tausend gute Worte, tausend böse Worte: nichts hilft. Ich soll helfen. "Was soll ich tun, damit sie wegräumt, Herr von Schoenebeck?"

    Innere Welt: Jeder gehört sich da selbst, auch ein Kind, auch diese Tochter. Das kann man anders sehen, und es wird ja auch im - pädagogischen - Umgang mit Kindern anders gesehen. Da sollen die Kinder innerlich, seelenmäßig so sein, wie die Erwachsenen das gern hätten: einsichtig, innerlich folgsam (damit sich daraus dann die Handlungsfolgsamkeit ergibt), brav nennt man das. Wenn ein Kind sich da querlegt, nennt man das ungezogen. Was ja gar nicht geht, Trotz heißt und ausgetrieben werden muss. Die Mutter ist bei ihrer Teufelsaustreiberei gescheitert: Das Mädel denkt - denkt! seelenmäßig - gar nicht daran, die Puppe wegzuräumen. Sie hat ihre eigene Denke, eigene Sicht von den Dingen, und die heißt: Ichräumnichtweg.

    Die Mutter will, dass ich ihr den Zauberspruch verrate, mit dem sie ihr Kind vom Trotzdämon befreien kann. Auf dass ihre Tochter wieder lieb ist. Und dann tut, was doch so einfach ist: die Barbie ins Regal stellen. Liebe Leute! Diese ganze Teufelsaustreiberei ist zwar das Grundelement des traditionellen (pädagogischen) Umgangs mit den Kindern. Und da gibts Pülverchen und Mittelchen und Tipps und Bücher und Seminare und Experten. Aber von der Art bin ich eben nicht. Dafür hält die Mutter mich aber, und deswegen erwartet sie auch einen entsprechenden Pülverchenrat.

    Ich mach nun keine große Theorie mit ihr. Ich sage ihr einfach, was ich davon halte, und denk, da wird schon was überkommen. "Lassen Sie das Kind in Ruhe, Ihre Tochter will halt nicht. Was wollen Sie? Schon klar, Sie wollen, dass die Puppe ins Regal kommt. Wo ist das Problem? Sie machen den kleinen Handgriff einfach selbst." Ich krieg schon mit, dass die Mutter jetzt das Abendland den Bach runtergehen sieht. "Aber..." Bevor ich sie weiterreden lasse, was heißt: die pädagogische Anderswelt sich ausbreiten lasse, zeig ich ihr etwas von meiner Welt:

    "Sie lieben doch ihre Tochter. Sie ist grad nicht im Club der Barbiewegräumerinnen. Heute nicht, mal sehen, was morgen ist. Wenn Sie darangehen, dass sie sich ändern soll, und zwar innerlich ändern soll, was einsehen soll, dann wischen Sie Ihrer Tochter die Königskrone vom Kopf. Denn so, wie das Mädel grade ist, lieben Sie es nicht mehr, Sie sind im Groll mit ihr. Das ist doch ein viel zu hoher Preis. Ja, Sie sind nicht begeistert, aber machen Sie nicht so ein großes Fass auf. Sie müssen die Seele Ihrer Tochter nicht retten, die ist nicht in Gefahr. Ihr Kind will nur, nur! grad mal einen anderen Weg gehen als Sie. Ich finde es nicht richtig, den Willen von Kindern zu brechen, auch nicht auf die ausgeklüngelte "einfühlsame und achtsame" Art. Das ist doch einfach unwürdig. Tun Sie, was Sie tun müssen, auch stinkautoritär wenns nicht anders geht, aber lassen Sie das innere Königtum Ihrer Tochter dabei in Ruhe."

    Und weil sie das nicht versteht, was ich da meine, erklär ich das mit den zwei Ebenen und komme zum Indianer und dem Büffel: Er wird getötet - aber mit Achtung. Der Büffel stirbt nicht würdelos. "Ich kann mein Kind also zwingen, wenn es sein muss - aber es darf seinen Willen behalten?" "Ja", sage ich, "lassen Sie sich nichts bieten. Aber lassen Sie die Seele Ihrer Tochter dabei in Ruhe." Die Mutter sieht mich nachdenklich an.

    Ich bin inzwischen schon weitergewandert, sehe Partnerschaftsprobleme, politische Probleme, ach, all die ganzen Weltprobleme vor mir: Handeln, ja klar, dann verliert die eine Seite. Einer setzt sich durch. Herabsetzen dabei? Ganz sicher nicht. Gilt für alles, vom Klima über Atom über Ausbeutung über Mord und Totschlag: Ich weiß, was ich will und setze mich ein und setze mich durch (wenns denn klappt) - aber die Krone wische ich dem anderen dabei nicht vom Kopf. Auch keinem Barbiepuppenkind.


    Montag, 6. Mai 2019

    Universum, sowieso





    "Es geschieht doch alles sowieso so, wie es geschehen soll. Da kann ich doch gar nichts beeinflussen." Ein Statement auf einer Vortrags-Aussprache, als es darum ging, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und dass jeder sein eigener Chef ist.

    Na ja, dachte ich, bin ich nun die Marionette des Schicksals/Universums/höherer Mächte oder gehöre ich mir selbst? Die Amication ist da eindeutig: Ein jeder gehört sich selbst und ist für sich verantwortlich. Und Punkt.

    Aber. Man kann es sich ja auch so zurechtlegen: Kann schon sein, dass alles so geschieht, wie es geschehen muss. Ich bin dann eingewoben in diesen Sowieso-Prozess. Meine Entscheidungen, mit Chefgefühl vor mir und für mich verantwortet, quellen irgendwie, auf geheimnisvolle Weise aus dem Universum hervor, "es" durchdringt mich und dann handele ich so, wie ich handle (geht zum Beispiel rechts rum zum See). Ich hätte auch anders entscheiden können (links rum), hab ich aber nicht. Die Wahl habe ich schon, Chefgefühl. Aber kommen muss es so, wie es kommen muss, egal ob rechts oder links rum. Wenn rechts rum, dann eben rechts rum (meine Entscheidung), wenn links rum, dann eben links rum (meine Entscheidung).

    Ich bin mir sicher, dass ich entscheide, und dass ich es bin, der entscheidet. Und wenn mein Entscheidungen (meine Chef-Entscheidungen) in Übereinstimmung mit irgendeinem großen Plan stehen, ok, egal, dann eben. Irritiert mich nicht, wenn das so sein sollte. Bricht mir keinen Zacken aus der Krone.

    "Spielt es wirklich eine Rolle?" habe ich geantwortet. Und gemerkt, dass es für mich keine Rolle spielt, ob ich Universumsangesteller bin oder Universumschef. Ich tu eh, was ich vor mir verantworte. Wenn sich dann irgendwann mal rausstellen sollte, dass ich da nur machte, was sowieso gemacht werden musste - ja mei! Dann soll es so sein und stört mich nicht.

    "Aber dann ist so ein amicatives Chefgefühl doch pure Illusion!" Puh - und wenn schon. Wer will das denn wissen? Überhaupt, was für ein merkwürdiges Gedenke. Muss ich das haben? Muss ich nicht. Bin halt auf dem Vortrag drauf angesprochen worden. Und das will ich ja auch nicht schlechtreden und steig mal drauf ein.

    Jedenfalls bin ich gerne mein eigener Chef und genieße meine Selbstverantwortung. Und wenn meine Entscheidungen in irgendeinen großen Plan passen oder mir von dort rübergereicht werden: Auch gut, ändert nichts an meiner Zufriedenheit. Sitze ich einer Illusion in Sachen freie Entscheidung, Chef und Co auf? Wenn man keine anderen Probleme hat. Ich mach mich da ein bisschen lustig drüber, über die Universumsspürer und spirituellen Pfadfinder, bei allem Respekt. "Bleiben Sie auf dem Teppich" habe ich gesagt, "das spielt doch für unser kleines konkretes Leben im Hier und Jetzt keine wirkliche Rolle." Ist es so?

    So einfach? Warum denn nicht.





    Montag, 29. April 2019

    Abenteuerland, Gleis Neun









    "Kommst Du mit Deinem Enkel mit in den Zoo?" wurde ich neulich gefragt. Einige Tage später sah ich, wie eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter in ein Akrobaten-Varieté ging. Eltern nehmen ihre Kinder mit auf Abenteuer. Nicht, weil es sein muss (wie in abenteuerlichen Lebensumständen), sondern - warum eigentlich?

    Ich bin mit meinen Kinder oft in den Wald gegangen, unser Abenteuerland. Auch in den Zoo, Zirkus, Kino, Badesee, Konzert, usw. Was schwingt da mit und was soll das? Das Leben für uns Erwachsene ist meistens straff organisiert, Verstecke und Nischen gibt es kaum. Mit den Kindern unterwegs sein ist offener, nicht so durchgestylt, nicht so wirklich berechenbar. Mit Einladung zum Chaos, zur Pause, zum Abenteuer. Die Kinder im Schlepp - das öffnet. Lässt sich nicht vermeiden, gehört dazu. Wenn Kinder dabei sind, sind alle Planungen nur solche auf Abruf.

    Kinder fallen hin und brauchen Pflaster. Kinder haben Hunger und Durst. Kinder rennen hierhin und dorthin. Kinder weinen und lachen. Kinder hören weg und woanders hin. Kinder quengeln und widersetzen sich. Kinder fassen Hunde und Katzen an. Kinder ignorieren (Erwachsenen)Regeln und stellen eigene auf. Kinder beschmieren und bekleckern sich. Kinder kichern und schreien. Kinder rennen weg und platzen rein. Kinder sollen folgen und tuns nicht. Kinder sehen unordentlich aus und sind dreckig. Kinder machen keine Hausaufgaben sondern hängen am Handy.  Kinder gehen barfuß und ins Wasser. Kinder amüsieren und nerven. Kinder sind einfach nicht erwachsen.

    So viele Unwägbarkeiten, so viele Fluchtwege, so viele verbotene Früchte, so viele Einladungen des Lebens. Und dem geben wir nach, gebe ich gerne nach, lass mich an die Hand nehmen: ins Abenteuerland. Klar, ich organisier den Einstieg. "Wir fahren in den Wald", "Heute Zoo, ok?", "Wir gehen ins Varieté". Aber der Impuls und der Schwung, das überhaupt in Erwägung zu ziehen, anzuzetteln und zu machen: Der kommt aus der Resonanz mit den Kindern. Es ist das Ding: gehe ich allein los? Weniger. Ich zieh mit den Kindern los. Ich höre ihr unausgesprochenes Summen: "Was machen wir heute?" Sie kommen schon klar, sie haben ihr Abenteuer, ihr Kinderleben ist ein einziges Abenteuer. Aber da kommt war rüber, bei mir an, lässt mich einschwingen. Und dann nehme ich sie in meine Spielwiesen mit, meinen Wald, Zoo oder Varieté.

    Wenn ich gelegentlich meinen dreijährigen Enkel von der Kita abhole, gehen wir immer ein Stündchen zum Bahnhof, Bahnhof Altona. Gleis Neun. Bis gaaanz nach vorn, da, wo niemand mehr ist. Die rote Lok. Die schwarze Lok. Der blaue Zug. Der grüne Zug. Der weiße Zug. Der rote Zug. Es kommt einer. Es fährt einer. Der Lokführer. Der Kinderwagen. Die Stolperplatten. Signal rot. Signal grün. Einsteiger. Aussteiger. Mülltrennboxen. Wartehäuschen. Schaltkasten. Prellbock. Vornwind. Hintenwind. Vornsonne. Hintensonne. Zugbegleiter. Müllsammler. Ansagestimme. Das ganze Ambiente - reines Abenteuerland. Ich esse meinen Hamburger (nur das Fleisch, ohne die Pappe), er sein Schokoeis (im Becher mit Waffel). Das besorgen wir vorher, und dabei gerate ich in die Vorfreude: gleich verlassen wir die Leute, verlassen die Realität, biegen vom Hauptweg ab, ins Gleis Neun...





    Montag, 22. April 2019

    Anketten im Reichstag II





     

























    Fortsetzung vom 15.4.

    Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 10 Beispiele:

    1.  Kinder werden auf neue Weise von den Erwachsenen ernst genommen. Politische Entscheidungen werden immer auch mit Blick auf die Wähler getroffen. Wie reagieren die Wähler, die unter 18 Jahre alt sind? Diese Frage ist gänzlich neu, und erst sie führt dazu, Kinder tatsächlich ernst zu nehmen und bei den politischen Entscheidungen überhaupt zu berücksichtigen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Die Kinder haben jetzt Macht – gesellschaftliche, politische Macht. Allein ihre Stimmzettel verleihen ihnen dieses Gewicht. Es ist durch nichts zu ersetzen. Großzügigkeit und Freundlichkeit können jederzeit widerrufen werden. Gegen die Macht, die aus den Stimmzetteln kommt, gibt es jedoch kein Mittel.

    2.  Es gibt einen psychologischen Durchbruch für die Kinder. Wenn Kinder politisch gleichwertig sind und einige Male an Wahlen teilgenommen haben, wird man ihnen mit einer anderen Achtung begegnen. Im Einkaufszentrum, im Bus, im Schwimmbad erlebt man dann nicht unmündige Kinder, sondern Wahlbürger. Wahlbürger Kind. Von der psychologischen Aufwertung für die Kinder selbst ganz abgesehen. »Ich bin nicht unwichtig – ich bin wichtig. Ich entscheide mit. Meine Stimme zählt.«

    3.  Kinder verstehen viel von Politik. Zunächst: Es ist nicht notwendig, etwas von Politik zu verstehen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht und das Wahlrecht geht. Die Bürger entrissen dem König die Macht nicht deswegen, weil sie nachweisen konnten, dass sie mehr von Politik verstehen als er, sondern weil sie über ihr politisches Schicksal selbst bestimmen wollten. Die Legitimation kommt nicht aus dem besseren Verständnis von Politik oder aus irgendeiner Unterweisung in gesellschaftliche Zusammenhänge, sondern aus der demokratischen Idee: Dass die Macht nicht für einen oder für wenige reserviert ist, sondern dass alle Anteil an der Macht haben – alle ohne jegliche Einschränkung. Die Forderung, Kinder müssten etwas von Politik verstehen, ehe sie wählen können, und 18 Jahre oder vielleicht 16 Jahre wäre da die äußerste Grenze, ist eine zutiefst undemokratische Position. Diese Forderung trägt diktatorische Züge, das Verlangen nach Herrschaft und Unterordnung ist offensichtlich. Das »Davon verstehst du nichts« ist ein Abwehrargument, um die Macht nicht zu teilen.

    Kinder müssen also nichts von Politik verstehen, um Anteil an der politischen Macht zu haben. Dennoch aber verstehen sie viel von Politik: Humanität, Toleranz, Kreativität, Sensibilität, Fairness u. a. sind wichtige konstruktive Eigenschaften für die Politik. Von diesen gesellschaftlichen Basisfaktoren verstehen Kinder eine Menge, und es ist so, dass Erwachsene über dieses politische Wissen viel von ihnen lernen können. Und von den tagespolitischen Fragen versteht der eine mehr, der andere weniger – so, wie das bei den Erwachsenen auch ist.

    4.  Versuche, Kinder zu verführen, laufen ins Leere. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Sie deckt solche Versuche auf, und dann revanchieren sich die Kinder mit Wahl der Konkurrenz. Welche Chance hat denn ein politischer Verführer in einer Zeit, die demokratisch geprägt ist und in der destruktive und faschistische Tendenzen enttarnt werden? Die Inhumanität und der Totalitarismus politischer Verführer sind leicht zu durchschauen angesichts realer Machtbeteiligung durch demokratische Wahlen. Demokratie – erlebte, erfahrene Demokratie – ist die beste Waffe gegen jede Diktatur und jeden Verführungsversuch.

    Wenn Kinder aber in einer Diktatur leben – dann nämlich, wenn sie das Wahlrecht nicht haben – , kommt es nur auf den Verführer mit den größten Versprechungen an. Die Sorge vor der Verführbarkeit der Kinder spiegelt die Ängste der Erwachsenen, die in der eigenen Kindheit einer ausweglosen Diktatur ausgesetzt waren: Sie mussten den damaligen Erwachsenen folgen, ohne Recht. Sie lernten folgsam zu sein und allen Sprüchen zu glauben. Die Kinder des demokratischen Zeitalters jedoch kennen ihre Macht. Sie können sich ihre Sensibilität für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit bewahren, denn sie bestimmen selbst über ihr Schicksal. Kinder, für die Demokratie Realität und ein gewachsener Wert ist, werden sich mit Abscheu von diktatorischen Zumutungen und politischen Verführungen abwenden.

    5.  Kinder sind sensibler als Erwachsene für Fairness und Wahrheit. Die Versuche, die Wähler zu hintergehen, zahlen sich bei den Kinderstimmen nicht aus. Politische Tugenden sind in Bezug auf diese Wählergruppe viel effektiver, und Politiker werden insgesamt in eine positive Richtung diszipliniert, wenn Kinder über Wahlstimmen verfügen. Sie quittieren unerbittlicher als Erwachsene Unfairness, Lüge und Gemeinheit mit Abwahl.

    6.  Die Wahlreden werden verständlich. Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland 15 Millionen Menschen unter 18 Jahren. Selbst wenn nur 20% zur Wahl gehen sollten, sind das noch 3 Millionen Stimmen. Daran kommt kein Politiker vorbei. Er muss so reden, dass er auch von diesen Wählern gut verstanden wird. Es gibt kein Problem aus Politik und Gesellschaft, das man nicht auch Kindern verständlich machen kann. Die Ausrede von der Kompliziertheit der Sachverhalte überzeugt nicht länger, die Konkurrenz hat nämlich den Politiker, der die Dinge auch den Kindern erklären kann. Das gilt nicht nur für Wahlreden, sondern allgemein für die Kommunikation zwischen Gewählten und Wählern, und das tut der gesamten politischen Kultur gut.

    7.  Die Wahlprogramme werden zugunsten der Kinder umgeschrieben. Alles, was dem Interesse der Kinder dient und einen Stimmengewinn durch die Kinder verspricht, wird nun ernsthaft thematisiert und diskutiert und in die Programme der Parteien aufgenommen. Zum Beispiel Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, giftfreies Spielzeug, körpergerechte Schulmöbel, arbeitsfreie Wochenenden der Eltern, Umgestaltung des Schulwesens, funktionierender Lärmschutz, kinderfreundlicher Haus- und Wohnungsbau bis hin zu Treppengeländern für Kinder, kindgerechte Gestaltung öffentlicher Räume, phantasievolle Spielplätze, flächendeckende Jugendzentren, adäquate Einstiegsmöglich­keiten in Bus und Bahn auch für Kinder. Viele Dinge, für die engagierte Eltern im Interesse ihrer Kinder bislang erfolglos auf die Straße gehen, werden plötzlich realisiert, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Durch das politische Gewicht der Kinder wird sich etliches ändern – sicher nicht zu unser aller Nachteil.

    8.  Es gibt mehr Respekt und Toleranz Kindern gegenüber. Wahrscheinlich unterscheiden sich Kinder in ihrem Wahlverhalten kaum von dem der Erwachsenen. So wie die Frauen insgesamt kaum anders wählen als die Männer. Vielleicht sind Kinder aber auch bestimmten Trends und bestimmten Personen eher zugewandt als Erwachsene und wählen Parteien und Politiker, von denen kaum jemand sonderlich begeistert ist. Doch wie auch immer: Am grundlegenden Recht auf politische Selbstbestimmung des jungen Menschen hat niemand herumzudeuten, es kommt ihnen zu wie jedem anderen Menschen. Auch wenn Kinder das wählen, was einem gerade nicht passt: Es gilt und es muss als Realität zur Kenntnis genommen werden. Erwachsene  lernen durch das Wahlrecht für Kinder, auch die von ihren Auffassungen abweichende Meinung der Kinder zu respektieren und zu tolerieren.

    9.  Erwachsene werden zu einer gänzlich neuartigen Einstellung und Beziehung zu Kindern gelangen. Die Politiker werden bemerken, dass die Pädagogik die Kinder unrealistisch sieht. Sie werden erkennen, dass Kinder bereits vollwertige Menschen sind und nicht erst dazu gemacht werden müssen. Die gesamte Forschung wird neu konzipiert, denn wer die Realität des Kindes tatsächlich erfasst, hat das erfolgreichere Wahlprogramm und gewinnt die Wahl. Nicht mehr pädagogische Lehren werden die Beziehungen zu Kindern bestimmen, sondern die Kinder selbst werden die Erwachsenen lehren, wie sie die Kinder richtig ansprechen können und wie Kinder ihre Beziehungen mit den Erwachsenen gestalten wollen. Wer dem nicht folgt, verliert seinen gesellschaftlichen Einfluss – denn die Konkurrenz, die sich auf diese Realität einstellt, gewinnt die Wahl.

    Die neuen Machtverhältnisse sehen die Kinder als Machtpartner, gleichberechtigt neben den anderen Gruppen der Gesellschaft. Die politische Emanzipation bewirkt unaufhaltsam die Gleichwertigkeit auch in den menschlichen Beziehungen. Es wird sich herausstellen, dass nicht Erziehung, sondern Beziehung angemessen ist, wie stets, wenn Menschen auf einer gleichen Stufen miteinander leben. Die Erwachsenen erleben in Kindern Menschen, die sie nicht missionieren müssen, sondern die ihnen tatsächlich gleich sind und auf die sie sich stützen können, gesellschaftlich wie privat.

    10.  Die Gesellschaft braucht die Kinder als politische Macht. Kinder werden immer als Hoffnung, als Zukunft gesehen. In der Literatur. Im Kindergarten. In der Schule. In Festvorträgen. Jetzt wird diese Hoffnung gesellschaftliche Realität. Die Alltagspolitik – das Ringen darum, wie alle zusammen leben – wird erweitert und korrigiert. Es ist eine große Chance der Menschheit, die Kinder an der Gestaltung der Welt wirksam zu beteiligen. Und es ist vielleicht die letzte Chance. Angesichts der atomaren Gefahr und der drohenden Vernichtung der Lebensgrundlagen wird alles in die Waagschale des Lebens geworfen. Die Kinder werden Wege weisen, die zu gehen niemand bislang gewagt hat. Sie wählen die Partei, die kompromisslos den Hunger in der Welt beseitigt. Das als einziges Beispiel. Sie sehen die Welt aus der unverbrauchten Perspektive derer, die noch Jahrzehnte leben wollen – gesund und in Frieden. Und dies wird reale Politik.


    aus: H.v.S., Kinder in der Demokratie: Wahlrecht für Kinder, 2001 (1981)


    Montag, 15. April 2019

    Anketten im Reichstag I

     


     


























    Ich las in der Zeitung, dass die zwanzigjährige Politikstudentin Tracy Osei-Tutu sich in einer spektakulären Aktion mit sieben Gleichgesinnten in der Kuppel des Reichtags ankettete. Im TAZ-Interview vom 28.3. sagte sie hierzu:

    "Ich wünsche mir, dass Kinder und Jugendliche aktiver Teil der Demokratie werden mithilfe eines Kinderwahlrechts und eines Jugendrats, der über die Zukunft wacht. Wir stellen uns ein Gremium vor, das die Interessen der Jugend auf  Bundesebene vertritt. Die Mitglieder sollen zwischen 14 und 28 Jahre alt sein. Wichtigster Hebel des Jugendrats ist das Zukunftsveto. Die junge Generation soll 'Stopp' sagen können bei Themen, von denen sie langfristig betroffen sind."

    Kinderwahlrecht ab 14? Tja, denke ich, immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt grade so eine Aufbruchsstimmung, Fridays for Future...Ich will die Gelegenheit nutzen und wieder einmal grundsätzlich werden. Also poste ich Texte zum Wahlrecht für Kinder (aus meiner Literatur*).


    ***


    »Wenn Du jemandem gestattest,
    Dir Dein Wahlrecht zu nehmen,
    so bist Du kein freier Mensch,
    sondern ein Sklave.
    Selbst im Namen der höchsten
    Ideale der Brüderlichkeit
    oder anderer Werte
    kann Dir niemand
    das Recht nehmen,
    zu wählen, zu entscheiden,
    etwas zu schaffen.
    Das heißt,
    frei
    diejenigen zu wählen,
    die über Dein Schicksal
    regieren werden.«

    Europarat: Du bist ein Mensch – Botschaft an die Jugend Europas (1978)


    ***


    Wie einst Männer, Frauen und Schwarze von der politischen Macht ferngehalten wurden, so geschieht es heute noch mit den jungen Menschen. Mit dem Wahlrecht für Kinder wird kein neues Recht gefordert, das die Erwachsenen den Kindern geben. Dieses Recht ist von niemandem zu geben. Es ist unabhängig davon längst da, es kommt jedem von Geburt an zu. Aber andere können die Ausübung dieses Rechts behindern. Und genau dies geschieht mit Kindern durch das Grundgesetz in Artikel 38 Absatz 2: "Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat." Dies ist zu ändern!
    In Artikel 38 Absatz 2 heißt es: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.« Dieser Artikel soll geändert werden. Es wird definitiv festgestellt: »Wahlberechtigt und wählbar sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene; eine Einschränkung des Wahlrechts und der Wählbarkeit aufgrund des Alters gibt es nicht.« Der Absatz 2 des Artikels 38 könnte auch ersatzlos gestrichen werden. Doch es ist sinnvoll, die Gleichberechtigung des jungen Mitbürgers unübersehbar und unzweideutig in das Grundgesetz einzufügen.
    Das Wahlrecht steht als politisches Persönlichkeitsrecht, als Menschenrecht jedem zu. Wann dieses Recht zur Anwendung kommt, wann man zur Wahl geht – darüber entscheidet ein jeder selbst, zu seiner Zeit. Der eine will mit 8 Jahren zur Wahl gehen, der andere mit 30 oder mit 80 Jahren. Sicher gehen nicht alle Achtjährigen zur Wahl und auch nicht alle Dreißigjährigen und nicht alle Achtzigjährigen, aber sie haben das Recht hierzu und könnten, wenn sie wollten, und niemand darf sie daran hindern. Darum geht es. Nur darum.

    Demokratie ist nicht begrenzbar. Man kann nicht zu recht demokratische Rechte in Anspruch nehmen – als Mann, als Weißer, als Erwachsener – und sie dann anderen – Frauen, Schwarzen, Kindern – vorenthalten. Das ist der Kerngedanke, wie er in der demokratischen Tradition enthalten ist, und wie er auch im Grundgesetz stehen sollte.

    Die Unfähigkeit zum Frieden hat ihre Wurzel auch in der Kindheitserfahrung, gegen die absolute Macht der Erwachsenen kein Recht setzen zu können, in einer Diktatur der Erwachsenen zu leben. Wenn erst mit achtzehn Jahren Demokratie erlebt wird, hat sich die Ohnmachtserfahrung der Rechtlosigkeit längst festgesetzt.

    Auch der Einwand, man solle, wenn überhaupt, das Wahlalter nicht gänzlich aufheben, sondern an ein bestimmtes unteres Mindestalter binden, etwa an das Schuleintrittsalter, verkennt den Kern des Wahlrechts in der Demokratie. Denn die Überlegungen, die zu einem bestimmten Wahlalter führen, sind für alle, die ausgeschlossen bleiben, weiterhin voller Diskriminierung. Vor allem aber wird übersehen, dass es sich beim Wahlrecht um ein absolutes Recht handelt, das jedem von Geburt an zukommt, und dass hiervon zu unterscheiden ist, wann und wie von diesem Recht Gebrauch gemacht werden kann und wird.

    Es wird immer die verschiedensten Gründe geben, sein Wahlrecht nicht auszuüben, auch wenn es einem zusteht. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. Es gibt bei Erwachsenen keinerlei Diskriminierung, ein jeder hat das Wahlrecht, wie immer er auch daherkommt und was immer auch dazu führt, dass er es nicht ausüben kann oder nicht  ausüben will. Keinem unkundigen, bewusstlosen, dementen, volltrunkenen oder sonst wie wahlunfähigen Erwachsenen wird das Wahlrecht je abgesprochen. Warum also Kindern?

    Warum sollte das Gesetz für junge Menschen anders sein als für erwachsene Menschen? Es ist gerecht, praktikabel und schließt jede Diskriminierung aus, wenn es keine Altersgrenze gibt, wenn das »Wahlalter Null« existiert und es jedem überlassen bleibt, zu welchem Zeitpunkt er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wird.

    Wenn Säuglinge und Kleinkinder nicht zur Wahl gehen, ist das kein Grund zur Diffamierung der Forderung, die Wahlaltersdiskriminierung abzuschaffen. Die Selbstverständlichkeit, dass Säuglinge und Kleinkinder sich wahrlich nicht mit politischen Dingen beschäftigen, muss nicht in den Perfektionismus münden, die »wirkliche« Altersgrenze für das Wahlrecht zu definieren. Niemandem schadet es, wenn die untere Altersgrenze nicht gezogen wird. Und ist es so schwer zu erkennen, dass es nicht darum geht, mit dem Wahlrecht für Kinder die Wirklichkeit abenteuerlich zu verbiegen, sondern nur darum, jedem ohne Einschränkung die politische Selbstbestimmung offen zu halten, wann immer er von diesem Menschenrecht Gebrauch machen will?

    Die Erwachsenen haben mit Wahlgesetzen dafür zu sorgen, dass ein Kind auch tatsächlich von seinem Wahlrecht Gebrauch machen kann, wenn es das will. Dass Kinder den uneingeschränkten Zugang zu Wahlveranstaltungen haben wie Erwachsene. Dass sie an die gewünschten Informationen herankommen. Dass Eltern sich dem politischen Engagement der Kinder nicht in den Weg stellen. Dass Kinder in einer druck- und angstfreien Atmosphäre wählen können. Dass niemand sie daran hindert, wenn sie zum Wahllokal gehen wollen.

    Das alles sind große Aufgaben und Pflichten, und es wird erheblicher Anstrengungen der Erwachsenen bedürfen, bis die Demokratie auch für Kinder Realität ist. Und dies geht bis in die Details: Dass die Schreibpulte in den Wahlkabinen sowohl für große als auch für kleine Menschen geeignet sind. Dass jemand, der noch nicht lesen kann, eindeutige Symbole auf den Wahlzetteln vorfindet. Dass die Wahlurnen so niedrig aufgestellt werden, dass ein Kind seinen Wahlschein ohne Mühe hineinwerfen kann...

    Fortsetzung folgt.



    * aus: H.v.S., Kinder in der Demokratie: Wahlrecht für Kinder, 2001 (1981)

    Montag, 8. April 2019

    Die Wanne: erklären und erklären








    "Es ist doch gut, wenn man alles erklärt. Immer wieder. Das hab ich von Anfang an gemacht. Aber jetzt sind die Zwillinge in der Schule und wollen endlos diskutieren. Ich bin oft an meiner Grenze. Manchmal schaue ich nachdenklich zu anderen Eltern und werde neidisch. Die ordnen einfach an: Ab in die Wanne! Das klappt dann auch. Bei mir gibts da endlose Diskussionen. Aber das ist doch richtig. Was meinen Sie?"

    Mit diesem ausuferndem Eingehen auf die Kinder habe ich nichts im Sinn. Mit Diskussionen schon. Aber im Rahmen. Den setze ich. Die Wanne muss eben sein. Wie zig andere Sachen auch. Sie muss sein, weil ich das so will. Weil ich das richtig finde. Weil ich nicht der Dackel meiner Kinder bin.

    Die Kinder sind schon die Gelackmeierten. Klarer Fall. Sie wollen keine Wanne, aber ich. Ich versuche, sie mitzunehmen, achtsam mit ihren Wünschen umzugehen, wie das heute so schön heißt. Aber eben im Rahmen, in meinem Rahmen. Und ich habe die Macht: die Wanne gehört mir, und die Kinder - auch. Nicht wirklich, schon klar. "Also rein mit Euch!" Pronto!

    Diese ganze Verschleierungssalbaderei der modernen Pädagogik und der sensiblen neuen Eltern: Das rauscht doch gnadenlos an der Realität vorbei. Und das ist auch einfach extrem anstrengend. Die Mutter wird neidisch. Welcher Lehre ist sie da aufgesessen? So einer Mischung aus achtsam, antiautoritär, seelenheilkundig. Na ja, solche Eltern gibt es zuhauf. Aber diese Mutter fragt mich ja, sie ist am Limit, sie sucht Hilfe. Was kann ich ihr geben?

    Ich halte ihr nicht meine Position unter die Nase. Das ist ja Feindbild und geht nicht für sie. Ein "Ab in die Wanne!" ist nicht ihre Welt. Ich versuche lieber, ihr einen versöhnlichen Gedanken zu zeigen, einen, der sie mit sich selbst in Frieden bringt.

    Ich sage zu ihr: Sie sind halt eine Erklärerin. Solche Eltern gibt es. Bei jeder Elternart gibt es Leichtes und Schweres. Es gibt nicht eine Art, die immer nur Lächeln und Folgsamkeit erreicht. Es gibt die Gegensätze - Wanne ja / Wanne nein - , und es gibt verschiedene Arten, damit umzugehen. Man kann im Elternklub der Diskutierer sein ("Schau mal ..."), oder der Anordner ("Rein da!"), oder der Nachgeber ("Ok, heute keine Wanne"), oder der Schlaumeier (So wie die heute drauf sind, wird geduscht), oder der Abgeber ("Mach Du das mit den Kindern"). Und so weiter.

    Sie wissen ja, wo Sie da unterwegs sind. Also. Dann diskutieren Sie. Auch endlos. Und stopfen die Kinder schließlich auch gegen deren Willen ins Wasser. Und jetzt kommt das, was ich Ihnen sagen will: Dabei müssen Sie absolut kein schlechtes Gewissen haben. Sie tun doch, was Sie können. Sie erhalten aber keine Zustimmung zu Ihren Argumenten. So ist es. Aber: Sie wollen doch den eigenen Kopf Ihrer Kinder. Den haben Sie bekommen. Der sagt zwar Nein zu Ihrem Begehren. Aber: Er ist da. Ihre Kinder steigen mit ihrem eigenen Kopf ins Wasser. Unzufrieden, gezwungen, wütend - aber mit ihrem eigenen Kopf.

    Sie wünschen sich das Zaubermittel, dass die Kinder tun, was Sie gern hätten. Das gibt es, das gibt es nicht. Wie es kommt. Und wenn Sie kein "Ja Mama" bekommen, dann leiden die Kinder. Das lässt sich nicht verhindern.

    Ich sage es ihr noch einmal. Eindringlich: "Das lässt sich nicht verhindern". Ich weiß, dass Eltern wie sie genau das aber als inneren Auftrag mit sich rumschleppen: Dass kein Leid/Ärger/Wut/Ungemach bis hin zum Trauma bei den Kindern entsteht, wenn man dies und das an sie ranträgt. Quadratur des Kreises. "Stehen Sie einfach zu dem Leid, das Sie verursachen." Darüber kommen wir dann länger ins Gespräch. Jesus und sein wütendes Durchsetzen im Tempel mit dem Leid der Geldwechsler ist auch dabei. Zum Schluss bekomme ich mit, dass so drüber nachzudenekn für sie neu ist -  und irgendwie verboten. Aber süße Frucht. Dass es sie entlastet. Wenn sie für die Kinder eine "Fiese Alte" ist.

    Sich einbringen und sich durchsetezn: ein Alltagskram. Überall. Einkaufen, Arzt, Kollegen, Behörde, Autofahren, Partnerschaft. Man steht immer vor der Wahl: Dackel oder Fiesling. Und irgendwann ist man immer mal wieder der Fiesling. Wenn man das schlecht sein kann - dann kann man es eben schlecht. Dann kann man ja nachgeben und Dackel sein und sich dann blöd fühlen. Keine Ahnung, wie man da rauskommt. Ich kenn da meinen Weg, banal für mich: Ich liebe mich halt, so wie ich grad drauf bin, und dann gebe ich nach ("Keine Wanne") oder bin Brutalo ("Schluß jetzt, rein ins Wasser!"). Irgendwie habe ich es da doch leicht und mach mir keinen Kopf. Und von dieser Leichtigkeit erzähle ich der Mutter. Sie nimmt mir das ab - ob sie auch was davon mitnimmt?

    Montag, 1. April 2019

    Selbstliebe und erziehen







    Der Böhme-Zeitung in Soltau bei Hannover gab ich vor kurzem anlässlich eines Vortrags ein Interview zum Thema "Selbstliebe und erziehen". Hier ist es.


    Die Annahme, dass Kinder erst zu „richtigen“ Menschen erzogen werden müssten, ist sicherlich falsch, wenn damit „vollwertig“ oder „gleichwertig“ gemeint ist. Dennoch bedürfen Kinder in unterschiedlichen Lebensphasen doch immer wieder elterliche Unterstützung und auch Anleitung. Was soll daran falsch sein?

    Nichts. Besser: kommt drauf an. Auf den Ton nämlich, der beim Unterstützen und Anleiten dabei ist. Von oben herab? Weil ich recht habe? Weil Du noch ein Kind bist? Ja, wir stehen oben, haben recht und ein Kind ist ein Kind. Aber bei aller Offensichtlichkeit: da kann ein unguter Ton dabei sein, der von oben herab kommt, mit Rechthaberei und „Du bist nur ein Kind“. Das muss nicht sein. Und es sollte nicht sein.

    Die allermeisten Eltern handeln instinktiv so, wie es ihrer Überzeugung nach das Beste für das Kind ist. Wenn sie jetzt hören, dass das zu viel ist – erzeugt das nicht vor allem ein schlechtes Gewissen und verunsichert die Eltern nur noch mehr in einer Welt zwischen Perfektionismus und Überlastung?

    Menschen gibt es seit Millionen Jahren, und immer haben Eltern instinktiv so gehandelt, wie sie es als gut für ihre Kinder eingeschätzt haben. Das ist der richtige Weg und nicht „zu viel“. Ich bestärke Eltern darin, sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Das ganze heutzutage ausgetüftelte Erziehungsdenken stört: das ist zu viel, wird leicht zur Last und verunsichert. Ja, man kann auch mal einen Erziehungsratgeber lesen oder einen Vortrag zu Erziehungsfragen besuchen. Aber nötig ist das nicht.

    Sie schlagen vor, die Selbstliebe wieder zum Ausgangspunkt des Umgangs mit den Kindern zu machen. Ist das nicht leichter gesagt als getan? Setzt diese Selbstliebe ein radikales Umdenken voraus? Und wie müsste das aussehen? Ist Selbstliebe vor allem eine Frage der inneren Einstellung? 
     
    Mein Vorschlag ist keine Hausaufgabe. Niemand muss die Selbstliebe zum Ausgangspunkt des Umgangs mit Kindern machen. So etwas hört sich doch nur anstrengend an. Ich bin da anders unterwegs, nämlich so: Jeder kann es sich gestatten, erlauben, sich hineinfallen lassen in ein freundliches Ich-mag-mich. So was braucht kein Umdenken und keine besondere Einstellung. Und um so besser, wenn einem das im Zusammensein mit den Kindern passiert.

    Selbstliebe scheint heute vielen Menschen schwer zu fallen, sie ist alles andere als selbstverständlich. Selbstzweifel scheinen – gerade Eltern – zu dominieren. Wie kann man Selbstliebe lernen?

    Menschen tragen die Selbstliebe von Geburt an in sich. Wir haben nur in der Kindheit gelernt, uns nicht als liebenswerte Ebenbilder Gottes zu sehen sondern als fehlerhafte Wesen, die man erziehen muss. Weg damit! Es ist aber auch kein Drama, wenn man an sich zweifelt. Das gehört in der Erziehungskultur, in der wir groß geworden sind, eben dazu. Und: „Selbstliebe lernen“ - so geht das nicht. Sie ist ja da, und es kann einem irgendwie (?) widerfahren oder geschenkt werden, dass sie wieder aufblüht. Jeder ist da eingeladen, sich auf seine Sebstliebewiese plumpsen zu lassen, so wie wir das als Kinder konnten. Vielleicht gehört einfach ein bisschen Mut dazu, sich zu trauen. Sich zu vertrauen. Sich in Ruhe zu lassen. An sich zu glauben.

    Auch wenn es Eltern gelingt, sich selbst zu lieben, löst das noch nicht alle familiären Probleme. Auch selbstliebende Eltern werden weiter mit ihrem Kind und miteinander Konflikte austragen müssen, auch miteinander streiten. Wo ist da der entscheidende Unterschied? 

    Noch einmal: Es muss Eltern nicht gelingen, sich selbst zu lieben. Das ist doch alles viel zu gewollt. Nichts muss. Nur: Wenn man sich mag, was ja vorkommen kann, dann lassen sich die Alltagsprobleme gelassener angehen. Konflikte wird es immer geben. Ich sag hü, das Kind sagt hott. Und dann gebe ich gelassen nach oder ich setze mich ohne Zimperlichkeit durch: „Es gibt nicht noch ein Eis!“ Das haben die Kinder natürlich nicht so gerne, es entstehen Ärger und Leid. So ist es, und das lässt sich auch nicht vermeiden. Und: Ich mag mich, wenn ich mich durchsetze! Weil mir das wichtig ist, weil es meinen Werten und meinen Vorstellungen vom Besten des Kindes entspricht. 

    Zum Unterschied: Ich muss den Kindern dann ihren Unwillen, Ärger oder Leid nicht wegpusten und madig machen durch ein „Sieh das ein“ und „Es ist doch nur zu Deinem Besten“. Nach jedem Regen scheint die Sonne ganz von allein. Wir müssen es uns nicht übel nehmen, wenn wir Steine im Weg der Kinder sind. Das gehört einfach dazu. Die Quadratur des Kreises, sich durchzusetzen und dabei noch ein Lachen hervorzulocken, muss sich niemand antun.

    Bedeutet Selbstliebe, dass ich auf Erziehung verzichten kann? Wie soll ich mein Kind dann begleiten?

    Auf Erziehung verzichten? Man kann darauf verzichten, sich im Umgang mit Kindern missionarisch, besserwisserisch, mit ungutem Sieh-das-ein-Ton über die Kinder emporzuschwingen. Ich habe den Begriff „Erziehung“ nicht so gerne, weil er diese Oben-Unten-Position normalerweise als Grundrauschen enthält. Aber lassen wir das, erziehen wir die Kinder einfach ohne diese traditionelle und pädagogische Erwachsenen-Macke. Erziehen wir instinktiv oder belesen oder beides. Verunsichert oder gefestigt oder beides. Wie es kommt. Selbstliebe hin oder her. Wie gesagt, seit Millionen von Jahren... Das wird schon!



    Montag, 25. März 2019

    Bringschuld, sexuelle







    Tja... Da hab ich doch gezögert, den folgenden Text wieder aufzunehmen, den ich vor einem Jahr schon einmal in den Blog gestellt habe. Der Text von der "Sexuellen Bringschuld" ist aber so nah an dem, was ich da neulich mit einer guten Freundin besprochen habe (Post vom 18.3.) - er passt.  Ich habe im Archiv gekramt, den Post von damals rausgesucht, ihn nochmal gelesen und stelle ihn jetzt also wieder rein. Vor einem Jahr hatte ich ihn nach kurzr Zeit aus dem Blog entfernt. Denn es hagelte zu viele Proteste - die nicht als Kommentare in den Blog geschrieben, mir aber sehr wohl rübergereicht wurden. Also, jetzt steh ich mal dazu: es war damals ein guter Text - und er ist es auch heute noch.
    *

    Welche Verpflichtungen will ich eingehen? Und wenn ich eine eingegangen bin, will ich sie erfüllen? Oder nicht erfüllen? Oder lösen? Ich bin wie immer mein eigener Chef, und ich entscheide auch in dieser Frage. In Abwägung von allem, was ich dabei bedenken will.

    Ich kaufe ein Auto: meine Verpflichtung besteht darin, den Preis zu bezahlen. Ich bezahle, oder bezahle nicht, oder handle einen anderen Preis aus, oder kündige das Geschäft. Verpflichtungen kennen wir in Geschäftsbeziehungen. Der Begriff "Bringschuld" sagt, dass wir eine eingegangene Verpflichtung einlösen sollen. Was wir nicht wirklich müssen, aber eben tun. Weil es fair ist, sich so gehört, und so weiter.

    "Ich liebe Dich" - welche Verpflichtungen gehen Liebende ein? Keine? Gibt es Verlässlichkeiten in der Liebesbeziehung? Gibt es dort eine Bringschuld? Etwas, worauf sich die Partner verlassen? Verlassen können?

    In der Liebe und der Partnerschaft können wir uns auf vieles verlassen. Grundsätzlich, und mit Ausnahmen. Zum Beispiel darauf, dass wir den anderen jederzeit ansprechen können. Nach seiner Hand greifen können. Das gemeinsame Bett benutzen können. Darauf, dass wir die Kinder gesund und munter sehen wollen, abwechselnd dazu dieses und jenes tun, wickeln, füttern, auf den Arm nehmen, zur Schule und dem Arzt bringen. Es gibt abertausend Dinge, die vom gegenseitigen Ja getragen sind. Bis hin zum "Ich bin Dein", "Für immer und ewig", "Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute".

    Vor 10 Jahren habe ich diese Verpflichtung - freiwillig eingegangen, jederzeit zu lösen - im Freundeskreis einmal auf den sexuellen Bereich hin gedacht. "Sexuelle Bringschuld" habe ich da gesagt. Die Reaktion war extrem, fulminant! Empörung bis Entsetzen. Einer der Freunde wollte mit mir nichts mehr zu tun haben. Die anderen waren verschnupft. Bis heute. 10 Jahre lang! In einer Gruppensitzung auf dem Seminar letzte Woche war mal wieder der Bär los, als es auf die "Bringschuld" kam.

    Ich habe in diesen 10 Jahren viel über die sexuelle Bringschuld nachgedacht. Den Inhalt, die Wortwahl, die Empörung, die Unschuld, die in dieser Erwartung liegt. Immerhin konnten mir die anderen diesmal zuhören ohne gleich mit Steinen zu werfen und Pech zu schütten. Immerhin!

    Wenn ich Dich liebe, wenn wir miteinander durchs Leben gehen, wenn wir füreinander da sind, dann versprechen wir uns viel. Den gemeinsamen Weg, die Rosen der Liebe, die Gipfel zu erklimmen und die Mühen der Ebene zu durchwandern. Und zwar als Paar. Und das gilt für mich auch für den sexuellen Frieden, den wir uns gegenseitig schenken und bereiten. Als etwas Grundsätzlichs. Als etwas, das prinzipiell immer gilt und abrufbar ist. Was Du bei mir abrufen kannst, was ich bei Dir abrufen kann. Was wir ohne den Partner ja auch so nicht finden können. Verlässlich, ohne  tagtägliche Aushandlung.

    Sicher, Sex zu machen mit Dir kann mir heute zu viel sein. Der Arbeitstag hat mich einfach geschafft. Die Kopfschmerzen sind einfach zu groß. Aber das sind Ausnahmen. Ausnahmen! Die dazu gehören. Die Grundlage aber ist: Wir lieben uns und schenken und auch unsere Körper, sexuellen Frieden. Ein souveränes Einanderzuneigen. Ohne dass uns dabei die Krone vom Kopf gestoßen wird.

    Aber bei den Freunden und den Menschen vorige Woche galt und gilt das nicht. Nicht so. Sie sind angefasst von dem Gedanken einer Verpflichtung in diesem Bereich. Die Unterwelt ist da draußen vor. "Ja, Du kannst mich ansprechen, mein Ohr und meine Konzentration in Anspruch nehmen. Ja , Du kannst mir Deine Sorgen mitteilen. Ja, Du kannst ..." Abertausend Dinge. "Nur in der Unterwelt: da musst Du jedesmal meine Zustimmung einholen." Jedesmal aufs Neue. Da gibt es keinen Automatismus der Herzen, keinen Automatismus der Körper. Da gibt es: Ja was?

    Wieviel Mißtrauen liegt da vor? Wieviel Angst vor einem Übergriff? Wieviel Sorge, als Objekt benutzt zu werden? Wieviel dunkle Wolke wabert denn da herum? Was ist dabei, sich in sexueller Hinsicht auf den anderen zu verlassen? Die Treuethematik/Verpflichtung regt die anderen nicht auf. Aber das "Schlaf mit mir", wenn es aus dem Schatz der Gemeinsamkeiten so selbstverständlich wie was erbeten wird, das ist daneben und das empört sie. Sexuelle Bringschuld ist kein Wort der Liebe? Wo ist das Problem? Falsches Wort?

    Ich finde die Abwehr gegen meine Überlegungen seltsam, irgendwie schlapp, kraftlos, ganz und gar nicht liebevoll. Ich nehme die Liebenden nicht in eine Pflicht, die übergriffig daherkommt, würdelos und niedertrampeld ist. Ich schwenke nicht die Fahne des Patriarchats, der jahrtaudsendelangen Unterdrückung der Frau. Ich bin ein Kind der Liebe, nicht der Finsternis. Ich habe keine Scheu, Liebesverpflichtungen einzugehen. Auch nicht solche, die die Unterwelt betreffen, diesen wunderbaren magischen Taumel.

    Liebespflichten sind von anderer Qualität als Aufgezwungenes. Ich wickle mein Baby nicht mit einem Zwangsgefühl. Ich liebe Dich nicht mit einem Zwangsefühl. Und ich schlafe nicht mit Dir aus einem Zwangsgefühl heraus.

    Na ja, ich habe mich vorige Woche wieder aufgeregt. Klar, vorgewarnt, und kam mir nicht so vor den Kopf gestoßen vor wie damals. Aber immer noch voll Nichtverstehen, was die anderen denn da mit sich rumtragen, wenn ich von sexueller Bringschuld rede. Aber einige wurden doch nachdenklich und verließen das Übeldenken. Hab ich weicher argumentiert? Glaub ich nicht, von mir kam Klarheit und Wahrheit wie vor 10 Jahren. Jeder hat seine Krone, warum sollte sie verloren gehen, wenn ich meine sexuelle Bringschuld erfülle und Dir den Frieden schenke, den Du ohne mich so nicht finden kannst und den ich ohne Dich so nicht finden kann.