Montag, 14. Oktober 2019

Ich muss mich nicht bemühen





Diese Woche war mal wieder viel los, zu viel, um einen neuen Post zu schreiben. Es gab drei Vortragsabende, einen Enkelnachmittag, einen Geburtstag, Ferienbeginn meines Jüngsten, Pilzgänge, Hauswerkeleien und Apfelernte bei meiner Mutter (98), unsere täglichen Rollatorausflüge, Scrabble und Letramixabende, und so weiter und so fort... Eine Biographie über Albert Schweitzer habe ich zu Ende gelesen, und eigentlich wollte ich etwas über seine "Ehrfurcht vor dem Leben" schreiben. 1959, auf seiner letzten Europareise, besuchte er unser Gymnasium, erzählte und spielte Orgel: Albert Schweitzer ist eine wichtige Figur meiner Kindheit. Nun gut. Ich suche also einen früheren Post heraus, bleibe hängen bei "Du musst Dich nicht bemühen" vom 29.12.2016 und stelle ihn heute noch einmal in den Blog.

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Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir etwas dafür tun. So etwas will im rechten Verhältnis sein: Geben und Nehmen, Bemühen und Erhalten. Das ist eins von vielen Grundmustern des Lebens. Wie soll auch geschehen, was ich will, wenn ich mich nicht dafür einsetze und etwas dafür tue?

Heute will ich nachts in den Wald zum Meditieren. Was ich dafür tun muss: nun, ich mache mich auf den Weg, schaffe den Weg, komme an. Den Weg zurücklegen ist der Einsatz, um in den Wald zu kommen. Hab ich ja auch gut erledigt. Ich bin angekommen und beginne mit dem Nachsinnen.

„Du musst Dich nicht bemühen.“ Sanft und langsam, ein Hauch. Wortlos noch, kein Satz. Aber es formt sich. Ich erkenne dann mit Worten, was sich mir mitteilt. Es ist der Wald, die Nacht, der Zauber der Stille, das Wesen der Ruhe. Was auch immer es ist: es ist nicht zu überhören. Und es spricht mich an. Und ich lasse mich ansprechen und höre zu.

Es ist eine sehr gewisse, machtvolle und ruhige Botschaft. Sie will nicht gehört werden: sie ist da und kann gehört werden. Sie ist fest verankert in der Energie der Konstruktivität. Sie ist Vertrauen. Alles steht mir zu, alles wird mir zufließen, alles wird mich tragen. Es ist etwas Freundlich-Schelmisches dabei, etwas Verschmitztes. Weil es so selbstverständlich ist und weil es so schwer zu merken ist.

Wenn ich mich bemühe, entferne ich mich. Ich bin dann nicht dort, wo ich sein will, sondern ich bin im Dorthin-Eilen. In der Mühe eben. Es ist so ungewohnt: Alles fließt mir zu? Das stimmt doch gar nicht. Ich will so vieles erreichen und bemühe mich unentwegt. „Musst Du nicht tun. Lass Dich in Ruhe. Du liebst Dich doch. Dann tu es einfach. In allem und jedem. Vertrau dieser Kraft. Mehr ist nicht zu tun.“

Es ist eine seltsame Botschaft heute Nacht. Gegen alle Logik und Lebenserfahrung. Erkennbar paradox. Wirklich? Ich habe auf einmal Zugang zu dieser Widersprüchlichkeit, sehe ihre Harmonie und fühle mich wohl und willkommen in dieser Zauberei. In dieser Realität der Liebe. Ja, ich habe vom WU WEI von Lao Tse gehört. Ist es das? Ist im Bemühen zuviel Mißtrauen, ganz grundsätzlicher Art?

„Du musst Dich nicht bemühen“ kommt aus tiefer Liebe zu mir selbst, aus dem Vertrauen in das Leben und den Sinn. Dem ich nachgeben kann, hier im Dunkel der Nacht, in der Konzentration der Stille und dem Atem des Waldes. Es ist ein Raum, der ja auch da ist und in den ich gehen kann, wenn ich das will. Ich entscheide, wie immer, welchen Weg.

„Es erfüllt sich. Es wird schon. Es kommt so, wie es richtig ist. Es geht gar nicht anders. Dein Bemühen hält das Fließen nur auf. Laß es geschehen.“ Alles sehr fremd. Alles sehr vertraut. Eine Gewißheit jenseits der Erklärung. Alltagstauglich? Auf dem Rückweg lasse ich dieses Befragen. Ich lasse es einfach gelten und zu mir gehören. Ich habe verstanden: Ich muss mich auch nicht bemühen, das alles zu verstehen. Wahrheit kommt auf vielen Pfaden.


*

Nachtrag, etliches später: Ich muss mich nicht bemühen, aber ich kann mich bemühen. Wenig oder viel, wie es kommt und wie ich es will. Ich bin ja nun nicht im Klub der Nicht-Bemüher gelandet. Ich habe nur gemerkt, dass ich da etwas nicht muss. Es hat mich entspannt, freundlich berührt. "Wenn Du willst, kannst Du Dich bemühen. Aber Du musst es nicht tun." Und noch ein Flüstern mehr: "Bemühen kostet Kraft, Kraft, die Du ins Erleben fließen lassen könntest." Nicht-Bemühen hat mit Vertrauen zu tun. Bemühen mit Nicht-Vertrauen. Wobei es dann aber auch an einer anderen Stelle der Lebenswiese das Bemühen mit Vertrauen gibt, klar doch. Aber heute war es diese Botschaft: "Du musst Dich nicht bemühen ...".







Kommentare:

  1. ich habe dieses "bemühen im vertrauen" bis vor kurzem als " lottoscheinausfüllen" bezeichnet ... im sinne von : nur wenn ich einen schein ausfülle und abgebe besteht die chance zu gewinnen ! ... wobei ich dem leben unbewusst abgesprochen habe dass es auch möglich ist OHNE lottoscheinausfüllen den jackpot zu erhalten ...

    wie soll das denn funktionieren ? na ja ... meine schwester z.b. die spielt nur ganz ganz selten .. warum auch immer ... und als ich sie fragte was sie denn im falle eines gewinns mit dem geld machen würde sagte sie : verschenken ! - dir z.b. !

    und im erinnern an dieses gespräch wurde mir bewusst dass sehr wohl die möglichkeit besteht im lotto zu gewinnen OHNE selbst einen schein ausgefüllt zu haben ...und dass mich solcherlei be-denken in sich selbst erfüllenden vorauseilenden einschränkungen womöglich erst vom leben in seiner wahren fülle abtrennen ... will ich das ?

    naja da ich bisher noch nicht gewonnen habe war meine antwort offensichtlich : JA ..

    und wenn meine antwort jetzt : NEIN ist ? ...

    was will ich denn dann wirklich wirklich ?

    DANKE wiedermal für diesen impuls in mir eine antwort zu (er) finden ... und entscheide mich also einmal mehr für ein müheloses zulassen und mitfliessen im vertrauen ins leben wie s ist ... und lasse mich "vom leben atmen " ...

    JA ... ich trau mich ... mein be-mühen sein zu lassen !

    ... und das fühlt sich in mir paradoxerweise in seiner absichtsichtslosigkeit sehr absichtsvoll und wunderbar sinnvoll an UND auch irgendwie gruselig verrückt und abnormal ...


    kann ja sein meine wahres wesen ist nicht norm-al .. also keinen willkürlich festgelegten normen entsprechend ... und gerade dadurch bzw. dennoch wahr-lich natürlich und meiner einzigartigen und einmaligen menschlichen seinsqualität als "christa sperl" entsprechend ???

    JA

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  2. Hallo zusammen!

    In der vergangenen Woche war meinerseits auch viel Unbemühtes los.
    Unter anderem ging ich dieser Frage nach:
    Wie heißt denn nun eigentlich die unbemühte, überwiegend gelbe Blume auf dem Foto im "Ein Eis für die Seele"-Blogbeitrag?

    Meine Recherche im Internet (und in meiner Duftpflanzen-Plantage auf meinem kleinen Balkon) ergab:
    Arnika oder Ringelblume (oder Frucht-Madie) ist es wohl eher nicht.

    Gruß von HaJo51

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  3. https://www.google.com/search?sxsrf=ACYBGNSTdDmxZ7Aasxa0Rb9eb8lX4Tm3cQ:1571048050529&q=gerbera+gelb&tbm=isch&source=univ&client=firefox-b-d&sxsrf=ACYBGNSTdDmxZ7Aasxa0Rb9eb8lX4Tm3cQ:1571048050529&sa=X&ved=2ahUKEwicgOiHwpvlAhUNJVAKHTqBCLoQsAR6BAgGEAE&biw=1157&bih=642

    @ hajo

    für mich sieht s nach GERBERA aus ...

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