Montag, 25. März 2019

Bringschuld, sexuelle







Tja... Da hab ich doch gezögert, den folgenden Text wieder aufzunehmen, den ich vor einem Jahr schon einmal in den Blog gestellt habe. Der Text von der "Sexuellen Bringschuld" ist aber so nah an dem, was ich da neulich mit einer guten Freundin besprochen habe (Post vom 18.3.) - er passt.  Ich habe im Archiv gekramt, den Post von damals rausgesucht, ihn nochmal gelesen und stelle ihn jetzt also wieder rein. Vor einem Jahr hatte ich ihn nach kurzr Zeit aus dem Blog entfernt. Denn es hagelte zu viele Proteste - die nicht als Kommentare in den Blog geschrieben, mir aber sehr wohl rübergereicht wurden. Also, jetzt steh ich mal dazu: es war damals ein guter Text - und er ist es auch heute noch.
*

Welche Verpflichtungen will ich eingehen? Und wenn ich eine eingegangen bin, will ich sie erfüllen? Oder nicht erfüllen? Oder lösen? Ich bin wie immer mein eigener Chef, und ich entscheide auch in dieser Frage. In Abwägung von allem, was ich dabei bedenken will.

Ich kaufe ein Auto: meine Verpflichtung besteht darin, den Preis zu bezahlen. Ich bezahle, oder bezahle nicht, oder handle einen anderen Preis aus, oder kündige das Geschäft. Verpflichtungen kennen wir in Geschäftsbeziehungen. Der Begriff "Bringschuld" sagt, dass wir eine eingegangene Verpflichtung einlösen sollen. Was wir nicht wirklich müssen, aber eben tun. Weil es fair ist, sich so gehört, und so weiter.

"Ich liebe Dich" - welche Verpflichtungen gehen Liebende ein? Keine? Gibt es Verlässlichkeiten in der Liebesbeziehung? Gibt es dort eine Bringschuld? Etwas, worauf sich die Partner verlassen? Verlassen können?

In der Liebe und der Partnerschaft können wir uns auf vieles verlassen. Grundsätzlich, und mit Ausnahmen. Zum Beispiel darauf, dass wir den anderen jederzeit ansprechen können. Nach seiner Hand greifen können. Das gemeinsame Bett benutzen können. Darauf, dass wir die Kinder gesund und munter sehen wollen, abwechselnd dazu dieses und jenes tun, wickeln, füttern, auf den Arm nehmen, zur Schule und dem Arzt bringen. Es gibt abertausend Dinge, die vom gegenseitigen Ja getragen sind. Bis hin zum "Ich bin Dein", "Für immer und ewig", "Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute".

Vor 10 Jahren habe ich diese Verpflichtung - freiwillig eingegangen, jederzeit zu lösen - im Freundeskreis einmal auf den sexuellen Bereich hin gedacht. "Sexuelle Bringschuld" habe ich da gesagt. Die Reaktion war extrem, fulminant! Empörung bis Entsetzen. Einer der Freunde wollte mit mir nichts mehr zu tun haben. Die anderen waren verschnupft. Bis heute. 10 Jahre lang! In einer Gruppensitzung auf dem Seminar letzte Woche war mal wieder der Bär los, als es auf die "Bringschuld" kam.

Ich habe in diesen 10 Jahren viel über die sexuelle Bringschuld nachgedacht. Den Inhalt, die Wortwahl, die Empörung, die Unschuld, die in dieser Erwartung liegt. Immerhin konnten mir die anderen diesmal zuhören ohne gleich mit Steinen zu werfen und Pech zu schütten. Immerhin!

Wenn ich Dich liebe, wenn wir miteinander durchs Leben gehen, wenn wir füreinander da sind, dann versprechen wir uns viel. Den gemeinsamen Weg, die Rosen der Liebe, die Gipfel zu erklimmen und die Mühen der Ebene zu durchwandern. Und zwar als Paar. Und das gilt für mich auch für den sexuellen Frieden, den wir uns gegenseitig schenken und bereiten. Als etwas Grundsätzlichs. Als etwas, das prinzipiell immer gilt und abrufbar ist. Was Du bei mir abrufen kannst, was ich bei Dir abrufen kann. Was wir ohne den Partner ja auch so nicht finden können. Verlässlich, ohne  tagtägliche Aushandlung.

Sicher, Sex zu machen mit Dir kann mir heute zu viel sein. Der Arbeitstag hat mich einfach geschafft. Die Kopfschmerzen sind einfach zu groß. Aber das sind Ausnahmen. Ausnahmen! Die dazu gehören. Die Grundlage aber ist: Wir lieben uns und schenken und auch unsere Körper, sexuellen Frieden. Ein souveränes Einanderzuneigen. Ohne dass uns dabei die Krone vom Kopf gestoßen wird.

Aber bei den Freunden und den Menschen vorige Woche galt und gilt das nicht. Nicht so. Sie sind angefasst von dem Gedanken einer Verpflichtung in diesem Bereich. Die Unterwelt ist da draußen vor. "Ja, Du kannst mich ansprechen, mein Ohr und meine Konzentration in Anspruch nehmen. Ja , Du kannst mir Deine Sorgen mitteilen. Ja, Du kannst ..." Abertausend Dinge. "Nur in der Unterwelt: da musst Du jedesmal meine Zustimmung einholen." Jedesmal aufs Neue. Da gibt es keinen Automatismus der Herzen, keinen Automatismus der Körper. Da gibt es: Ja was?

Wieviel Mißtrauen liegt da vor? Wieviel Angst vor einem Übergriff? Wieviel Sorge, als Objekt benutzt zu werden? Wieviel dunkle Wolke wabert denn da herum? Was ist dabei, sich in sexueller Hinsicht auf den anderen zu verlassen? Die Treuethematik/Verpflichtung regt die anderen nicht auf. Aber das "Schlaf mit mir", wenn es aus dem Schatz der Gemeinsamkeiten so selbstverständlich wie was erbeten wird, das ist daneben und das empört sie. Sexuelle Bringschuld ist kein Wort der Liebe? Wo ist das Problem? Falsches Wort?

Ich finde die Abwehr gegen meine Überlegungen seltsam, irgendwie schlapp, kraftlos, ganz und gar nicht liebevoll. Ich nehme die Liebenden nicht in eine Pflicht, die übergriffig daherkommt, würdelos und niedertrampeld ist. Ich schwenke nicht die Fahne des Patriarchats, der jahrtaudsendelangen Unterdrückung der Frau. Ich bin ein Kind der Liebe, nicht der Finsternis. Ich habe keine Scheu, Liebesverpflichtungen einzugehen. Auch nicht solche, die die Unterwelt betreffen, diesen wunderbaren magischen Taumel.

Liebespflichten sind von anderer Qualität als Aufgezwungenes. Ich wickle mein Baby nicht mit einem Zwangsgefühl. Ich liebe Dich nicht mit einem Zwangsefühl. Und ich schlafe nicht mit Dir aus einem Zwangsgefühl heraus.

Na ja, ich habe mich vorige Woche wieder aufgeregt. Klar, vorgewarnt, und kam mir nicht so vor den Kopf gestoßen vor wie damals. Aber immer noch voll Nichtverstehen, was die anderen denn da mit sich rumtragen, wenn ich von sexueller Bringschuld rede. Aber einige wurden doch nachdenklich und verließen das Übeldenken. Hab ich weicher argumentiert? Glaub ich nicht, von mir kam Klarheit und Wahrheit wie vor 10 Jahren. Jeder hat seine Krone, warum sollte sie verloren gehen, wenn ich meine sexuelle Bringschuld erfülle und Dir den Frieden schenke, den Du ohne mich so nicht finden kannst und den ich ohne Dich so nicht finden kann. 

Montag, 18. März 2019

Ich bin Dein und Du bist mein







Mit einer guten Freundin komme ich tief in der Nacht ins Gespräch über Beziehungen, Beziehungen in der Partnerschaft. Wir sind beide erstaunt, in welch unterschiedlichen Räumen wir da in unseren Grundpositionen unterwegs sind. Klar doch, jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Es fällt uns nicht leicht, einander zuzuhören, nicht ins Wort zu fallen, nicht die eigene Sicht gleich einzubringen. Wir merken, wie unterschiedlich wir sind und hören uns dann zu. Hier nun mein Beziehungsrahmen - so wünsche ich mir meine  Beziehung, mein Wir.

Wir gehen miteinander. Sind ein Herz und eine Seele. Gehören einander. Ich bin Dein und Du bist mein. Dir gehören mein Herz, meine Hände, meine Lippen, mein Sex. Und mir gehören Dein Herz, Deine Hände, Deine Lippen, Dein Sex. Wir sind ein Team im Bergsteigen des Lebens, wir hängen an einem Seil, wir verlassen uns aufeinander. Ich seh zu Dir und auf Deine Gefahren, Du siehst auf mich und meine Gefahren. "Bis dass der Tod Euch scheidet" nehmen wir ernst. "Ja, ich will" nehmen wir ernst. All das erfüllt mich, all das erfüllt Dich.

Meine Freundin ist sprachlos bis entsetzt. Für sie ist das alles völlig verdreht, alles Herrschaft. Totale Selbstaufgabe. Würdelos. Völlig unrealistisch. Es gibt für sie keine solche Verbindlichkeiten. Es ist für sie so, dass Gemeinsames und Zusagen unter einem ständigen Auflösungsvorbehalt stehen. Jederzeit kann alles widerrufen werden. So etwas darf man sich nicht nehmen lassen. "Liebeszusagen sind nicht einklagbar. Da gibt es doch keine Bringschuld."

Ihre Beziehung ist für mich viel zu locker, herzensunverbindlich, körperunverbindlich. Hat sie Beziehungsangst, ist sie beziehungsscheu? Das trifft es aber nicht. Sie hat ja gerne eine Beziehung. Sie hat da nur eben so ganz andere Vorstellungen. Meine machen ihr Angst, findet sie zerstörerisch. Ihre finde ich auf Sand gebaut, substanzlos. Diese Flüchtigkeit - das ist nichts für mich. Bringschuld? Ja, eine des Herzens und eine des Körpers - finde ich gut. "Geht ja gar nicht", sagt sie.

Wir kommen ausführlich auch auf das Sexthema in der Beziehung zu sprechen. Sie: "Ich muss jederzeit meinem Partner einen Wunsch auf Sex abschlagen können. Ich bin doch nicht seine Sexsklavin." Na ja, diese Position ist mir natürlich bekannt. Der Freiheitsimpuls "mein Körper gehört mir" wird da für meine Wahrnehmung nur dermaßen betont, dass das aus der Balance rutscht. Ist doch klar, dass jeder sich selbst gehört, das Credo der Amication (diese Philosophie teilt sie übrigens). Nur: Wenn ich zu meiner Partnerin sage "Ich bin Dein" und sie sagt zu mir auch  "Ich bin Dein" - dann hat eine solche Liebesmagie doch nichts mit Aufgabe des Selbst und Versklavung von Herz und Körper zu tun. Und das gilt für mich auch beim Sex. Aber: das sieht meine Freundin eben anders. So ein Liebesschwur würde ihr nie über die Lippen kommen, erst recht nicht so ein Sexschwur. Sie gerät in Empörung: "Willst Du etwa beim Sex Bringschuld?" "Ja", sage ich, "aber nicht so, wie Du das sagst." Ich fühle mich völlig unverstanden und monsterhaft gesehen: uns trennen Welten!

Abschlagen, verweigern: Wenn mir meine Partnerin einen Sexwunsch abschlägt, ist das für mich schwierig, aber ok, und ich nehm sie in den Arm. Wenn sie meinen In-den-Arm-Nehmen-Wunsch abschlägt, beginnt für mich Befremdliches. Wenn sie mir einen Kuss verweigert, wird es komisch. Wenn sie einen Gedankenaustausch nicht will, weiss ich nicht, was das soll. Ist Kommunikation nicht die Grundlage? Wenn sie so weit geht, dass sie keine Kommunikation mehr will - ja, dann ist sie dabei, von mir zu gehen, oder sie ist schon gegangen. Und ich habe es noch nicht gemerkt. Oder ich merke es dann.

Das Abschlagen von den großen Wünschen in der Partnerschaft ist in meinem Beziehungsrahmen die Ausnahme, die große Ausnahme. So was ist möglich, und so was geht dann wieder weg. Meine Freundin sieht das anders: Da gehört das jederzeit mögliche Abschlagen von großen Wünschen des Partners zur Grundlage ihrer Beziehung. Bei mir die Ausnahme, bei ihr Standard, diese jederzeitige Möglichkeit. Hätte sie diese Möglichkeit eines jederzeitigen Neins nicht, fühlte sie sich unfrei, gefangen, unterdrückt.

Meine Partnerin kann auch jederzeit Nein sagen. In den kleinen Dingen des Alltags wie in den großen Dingen der Liebe. Aber der ganze Background ist ein anderer als bei meiner Freundin. Für mich fühlt sich das Nein meiner Partnerin in der Erfüllung großer Wünsche so an, dass unser Vertrauensfels nicht gesprengt wird. Es ist eine Ausnahme, und sie zerstört nichts. Bei meiner Freundin gibt es diese Felsengrundlage "Wir gehören einander" erst gar nicht. Und von daher ist ein Wunscherfüllungsnein bei ihr von anderer Qualität.

Mit einem jederzeitigen Nein in den kleinen Dingen des Alltags rechnet in ihrer und in meiner Partnerschaft jeder, das gehört einfach dazu. "Willst Du noch ein Brot?" "Nein." Es geht heut Nacht aber um die großen Dinge. Wann fangen die an? Schwierig, fließend. Aber sie sind da. Sicher gehören ein Kuß und Sex dazu. Da tut mir ein Nein weh, das Nein ist nicht selbstverständlich, gehört aber auch dazu und heilt wieder.

"Die Beziehung, die Du Dir vorstellst, wär für mich zu kalt und herzschwach", sage ich zu ihr. "Was Du willst, fühlt sich für mich völlig unfrei an", sagt sie zu mir. Wir beide würden nie im Leben ein Paar abgeben. Wir brauchen die Partner, die zu uns passen. Das ist banal. Aber heute im Gespräch mit meiner Frendin erhält dieser Satz eine besondere Tiefgründigkeit. Wir mögen uns schon - aber wir würden nicht miteinander gehen können.

Mir fällt im Nachdenken über unser Gespräch das Statement einer Frau ein, die viele Affären hatte und dann zu ihrem Partner fand. Als ich das vor Zeiten las, fühlte ich mich wohl. Ihre Position wird in einem Buch berichtet*, deswegen die indirekte Rede im Zitat:

Dann habe sie ihren Mann kennengerlernt und sich eines Tagers entschieden, mit ihm ihr Leben zu teilen. Irgendwann sei sie mit ihm vor den Traualtar getreten und habe gesagt: "Ja, ich will!" Bis heute betrachte sie diesen Satz als ihre Lebensaufgabe: "Ja - ich habe mich für Dich entschieden. Ja, ich will! - Ich will lernen, Dich zu lieben!"

Genau so will ich es und genau so soll es für mich sein.




 * Eva-Maria Zurhorst, Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest, München 2004, S. 371f.






Montag, 11. März 2019

Greta und die Lehrer







Die Kommentare der Lehrerschaft und ihrer Vasallen zu Greta Thunberg und Fridays for Future lassen kalte Wut in mir aufsteigen, wieder mal. Und wieder mal meißel ich in die Welt die Wahrheit über die Lehrer und alle Erwachsenen, die hinter ihnen stehen. Klar doch, es ist meine Wahrheit, und ich habe keinen Besserwisseranspruch. Keinen Anspruch. Aber sehr wohl habe ich Recht - aus meiner Sicht. Hier also mein Text, geschrieben schon vor 20 Jahren:


Lieber Lehrerin! Lieber Lehrer!

Mit welchem Recht legen Sie fest, was ein anderer Mensch zu denken und was er nicht zu denken hat? "Schlag Dein Buch auf, lies den zweiten Absatz von oben!", "Wiederhole, was ich gerade gesagt habe!", "Gib den Text mit eigenen Worten wieder!", "Wie viel ist sieben mal acht?", "Wo fließt der Amazonas?", "Wann, warum, womit, weshalb, wodurch, weswegen, wohin, wie lange, wozu, wie oft, wie gut, wie schnell, mit wem, mit wem nicht, mit welchem Recht, ...?" Mit welchem Recht setzen Sie sich grandios über das Recht eines anderen Menschen hinweg, zu denken, was er will? Warum missachten Sie das Menschenrecht auf Gedankenfreiheit? Permanent, ohne auch nur irgendeinen Impuls des Innehaltens, des Ahnens, dass da etwas Ungeheuerliches passiert? Mit welchem Recht greifen Sie so ohne jeden Skrupel in die innere Souveränität eines anderen Menschen ein? Mit welchem Recht zelebrieren Sie in geradezu religiösem Fanatismus diesen kulturellen Imperialismus? Mit welchem Recht behandeln Sie die Kinder wie die Nigger, denen der Missionar die Religion und Zivilisation beizubringen hat? Warum haben Sie wie die kommunistische Partei immer Recht? Was treibt Sie in diesen unreflektierten Chauvinismus, in diesen überbordenden Adultisms?

Was hindert Sie eigentlich, in Kindern Menschen zu sehen, die ihre eigenen Gedanken und ihre eigene innere Welt haben, mit denen man von Gleich zu Gleich in Austausch treten kann? Was treibt Sie in den "pädagogischen Bezug", der Ihnen die Führungs- und Formungsrolle gibt, wie progressiv sich das heute auch ausnimmt? Wozu ist es gut, dass Sie selbst nach und nach versteinern, weil Sie immer dieselben Fragen stellen und ohne wirklichen geistigen Austausch leben - den Sie verfehlen, wenn Sie Kinder nicht als vollwertige Menschen mit einer eigenen souveränen inneren Welt sehen, sondern als Behälter, die mit Ihrem Wissen und Ihrer Kultur gefüllt werden müssen? Warum sind Ihre Augen verschlossen vor dem Leid, das Sie diesen Menschen psychisch, intellektuell und spirituell zufügen? Und vor dem Leid, das Sie sich durch die dadurch bedingte Isolation selbst zufügen?

Warum verschließen Sie sich dem kulturellen Paradigmenwechsel von Oben-Unten hin zur Gleichwertigkeit und zur Achtung vor der Identität des anderen? Wie er längst gelungen ist in den Lebensbereichen Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Mensch-Natur, Kultur-Kultur, Religion-Religion und vielen anderen? Mit welchem Recht setzen Sie den historisch überholten Totalitarismus im Klassenzimmer fort? Mit welchem Recht verordnen Sie im Machbarkeitswahn gottgleicher Sendung anderen Menschen Ihre kulturelle und zivilisatorische Vorstellung vom Menschen?

Mit welchem Recht verstoßen Sie gegen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit? Warum können die Kinder nicht sagen, was sie wollen und wann sie es wollen? Was heißt "Ihr seid zu laut!", "Du bist nicht dran!", "Rede vernünftig!", "Das passt nicht hierher!" eigentlich? Mit welchem Recht maßen Sie sich an, anderen Menschen über den Mund zu fahren? Warum machen Sie die Kinder mit Ihrem "Ruhe jetzt!" zu Duckmäusern? Mit welchem Recht sind nur Ihre Gedanken und Ihre Worte verbindlich, und warum haben die Kinder keine wirkliche Möglichkeit zum Widerspruch, zum Vortragen eigener Meinungen, zur Vertretung ihrer Interessen? Mit welchem Recht hängt alles grundsätzlich und im Detail immer wieder von Ihrem Wohlwollen ab, wie in der Leibeigenschaft? Mit welchem Recht üben Sie im Klassenzimmer Diktatur aus und missachten die Grundwerte der Demokratie? Mit welchem Recht gilt für Sie nicht "Die Würde des Menschen ist unantastbar"? Mit welchem Recht tasten Sie die Würde der Kinder an, denken und sagen zu können, was sie selbst denken und sagen wollen?

Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht missachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmisshandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnung "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertrauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?

Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnungen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?

"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"

Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Misshandlung?

Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?

Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?

aus: H.v.S., Schule mit menschlichem Antlitz, 2001, S. 26ff

Montag, 4. März 2019

Das Leid der anderen







Im Zuge der Vatikan-Konferenz zum Missbrauch las ich einen Kommentar von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom vom 24.2.Um diese Passage seines Kommentars geht es mir jetzt:

"Ganz offensichtlich leben viele Kirchenobere in einer Art Paralleluniversum, das es ihnen schwer macht, Gefühle anderer Menschen richtig einzuschätzen...Wie kann es sein, dass diese Kirchenmänner so lange blind waren für das große Leid im eigenen Haus?"

Blind für das Leid anderer? Da tut sich eine sehr große Tür auf, die Tür zum Leid der anderen. Das Öffnen der Tür wird hier garniert mit dem erstaunt-entrüstet-bigotten "Wie kann es sein?" Ja mei! Leute, wo lebt ihr eigentlich? Es gibt dermaßen viel Leid auf dieser Welt, dass es eher an ein Wunder grenzt, dass Leid seiner Selbstverständlichkeit und Allgegenwart entrissen wird, bemerkt wird, erkannt wird, benannt wird. Wir sind heute offener und kundiger in der Leidwahrnehmung als in früheren Zeiten, und das ist gut so. Aber dieses "Wie kann es sein?" finde ich anmaßend.

Beispiele gefällig für Leid, konkretes, das nicht erkannt und thematisiert wird? Bitte sehr: Das Leid jedes Kindes an der Schule. Schultraumatisierung des einzelnen, Schultraumatisierung der Gesellschaft. Dieses tabuisierte Leid habe ich als Lehrer bemerkt und mich drum gekümmert, seit über 40 Jahren - wer zieht mit und merkt was? Wenige, sehr sehr wenige. Das Leid der Tiere, die wir einsperren, dahinvegetieren lassen, umbringen und auffressen: Immerhin, es gibt seit einiger Zeit mehr und mehr Vegetarier. Das Leid der Bäume, die wir zerstören, um Bücher und Zeitungen daraus zu machen: Sieht keiner. Das Leid der Mikroorganismen, die wir bei jedem Schritt durch die Welt mit den Füßen zerquetschen: sieht keiner. Abertausend Beispiele. Und: Das Leid der Kinder, die sexuell konsumiert werden: ja, das ist grade dran, große Glocke. Die neue Leid-Sau, die durchs Dorf getrieben wird.

Durchs Dorf der Rechtschaffenen. Die sagen, wo es lang geht. Die Deutungsmacht beanspruchen und ausüben und den Ton angeben. Die sich entrüsten: "Wie kann das sein..."

Ich sehe dieses Leid der missbrauchten Kinder. Ich sehe auch anderes Leid, so viel Leid... Ich sehe, dass dieser Planet von Leid und von Freud gezeichnet ist. Was dem einen seine Nötigkeit und Freude ist, ist dem anderen sein Missbrauchtwerden und sein Leid. Das sehe ich als Realität, und eine Besserwisserei, ein Moralisieren finde ich in dem ganzen Szenario daneben.

Wenn ich Leid erkenne, bin ich gefragt, gefordert. Wegsehen. Hinnehmen. Eingreifen. Verringern. Vorbeugen. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich bin in meiner Verantwortung für mich und meinen Weg durchs Leben gefragt: wie will ich mit dem Leid vor mir umgehen? Der Leid der Schulkinder? Der Ess-Tiere,? Der Papier-Bäume? Der Mikros? Der Beute-Kinder?

Und, nächste Frage: wie soll ich mit den Leidzufügern umgehen? "Täter" sagen, diese Menschen diskreditieren, Mühlsteine um den Hals? Diese destruktiven Hassorgien der "Guten" nerven wirklich. Wer so mit dem Leid der anderen umgeht, sich nicht nur kümmert um die Leidenden und die Leidzufüger stoppt, sondern wer die Leidzufüger als Monster brandmarkt, fügt gleich wieder Leid zu, vermehrt das Leid der Welt, steigt nicht aus dem Leidstrudel aus. Der Weg zum Frieden kann nur der Frieden selber sein.

Es gibt nur Ebenbilder Gottes. Was immer sie tun. Wenn aus ihrem Tun Leid entsteht, dann kann ich ihnen Einhalt gebieten. Wenn das in meiner Macht steht. Aber ich muss sie nicht - bei allem Leid, dass dann durch mein Eingreifen entsteht - noch obendrein ihrer Würde berauben: "Täter" ist so ein würderaubender Begriff. "Missbrauch" ist so ein würderaubender Begriff. Das führt doch keinen Schritt weiter!

Ich kümmere mich um das Leid der anderen. Aber ich vergrößere nicht das Leid der Welt durch die Verteufelung des Leidzufügers. Ich achte ihn - auch wenn ich ihn ausschalte. Bischöfe, die das Leid der Kinder nicht sehen - Fleischesser, die das Leid der Tiere nicht sehen - Zeitungsleser, die das Leid der Bäume nicht sehen -
Wir Normalos, die wir das Leid der Mikros nicht sehen. Ja, wenn wir ihnen etwas von dem vermitteln können, was wir sehen, dann gelingt etwas. "Einige Bischöfe scheinen tatsächlich erst jetzt verstanden zu haben, was in Missbrauchsopfern vorgeht" schreibt Forchheimer. Das ist doch super! Mehr geht doch gar nicht!

Das alles lässt sich auch ganz klein verhandeln. Wenn ich meine Partnerin verlasse - sehe ich das Herzeleid, das dann bei ihr entsteht? Wenn sie mich verlässt - sieht sie  dann mein Leid? Wenn ich ein Kind ermahne - sehe ich das Leid, wenn seine Krone fällt? Wenn ich eine Bitte abschlage - sehe ich das Leid des Bittenden? Wenn ich einem "Nein", "Komm", "Geh", "Bleib" nicht folge - sehe ich das Leid des anderen?

Und dann: Wieviel Leid will ich auf mich nehmen, um das Leid des anderen zu verringern? Wie sehr will ich auf mich verzichten und mich hintanstellen, damit Du an mir nicht leidest? Mein Leid ist das Leid der anderen. Das Leid der anderen ist mein Leid.