Montag, 31. Dezember 2018

Erziehungsvirus








"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?" Eine einfache und klare Frage. Wie ist es mit einer einfachen und klaren Antwort? Bei einer solchen Frage sehe ich mich sofort gefordert, die ganze erziehungsfreie Philosophie in einen Satz zu packen. Und weiß zugleich, dass ich das nicht kann. Das Verlassen, Überwinden der erziehungsfreien Sicht ist halt eine komplizierte Angelegenheit, und so ein Unternehmen in einem Satz zu fassen - geht eben nicht.

Also sage ich etwas, das sofort die nächste Frage zur Folge hat. Und dann beginnt ein Gespräch, das länger oder kürzer dauert und das die amicative Weltsicht vor Augen führt. Zum Beispiel sage ich: "Das Missionarische". Kurz und knapp. Aber klar? "Was meinen Sie damit?" Und schon gehts los. Vielleicht gehts nach Afrika zu Albert Schweitzer. Oder zum Klassenzimmer um die Ecke. Oder zum Selbstverständlichen "Sieh das ein", "Weil ich recht habe". Oder zum Fundamentalen "Weil ich Deine Mutter bin. Weil ich Dein Vater bin".

Ich mache schnell kar, was ich alles nicht meine, wenn ich gegen die Erziehung bin. Sonst wird das nichts, so ein Gespräch. "Ich kümmere mich um mein Kind. Ich bin da. Ich helfe, tröste, erkläre, spiele. Ich bin Orientierung. Überlasse mein Kind nicht sich selbst. Ich bin nicht antiautoritär." Ich mache deutlich, dass ich alles das mache, was ein normaler Vater auch macht, dass ich den Alltag mit den Kindern realistisch sehe und nicht irgendwie ideologisch verbräme. "Aber dann erziehen Sie doch." Schon wieder so eine klare Ansage.

"Es sieht so aus - aber es ist ganz anders." Mehr Verwirrung geht nicht. Was soll das heißen? Erziehen - und doch nicht erziehen, oder was? Jetzt wird es mühsam. Jetzt kommt die Sache mit den zwei Dimensionen. Dass wir - erstens - in der physikalischen Welt, der Welt des Anfassens, der Welt der Dinge unterwegs sind. Und dass wir - zweitens - in der psychologischen Welt, der Welt des Unsichtbaren, der Gefühle unterwegs sind, auch unterwegs sind. In beiden Welten gleichzeitig. Dass wir bei allem, was wir tun, immer auch etwas fühlen.

Die Welt der Gefühle, Interpretationen, Einstellungen lebt in uns. Und dort, im Unsichtbaren, aber sehr wohl Vorhandenem, im real existierenden Unsichtbaren, da sind die Menschen entweder per Erziehung unterwegs oder eben nicht. Das unsichtbare Element der Erziehung muss man nicht in sich tragen. Ich jedenfalls habe es nicht in mir. Und ich rede davon, dass niemand das in sich haben muss. Und dass ich es für ungut und gefährlich halte.

Und dass ich mich aufgerufen fühle, dieses erzieherische Element, dieses psychische gefährliche Elementarteilchen, in der Welt zu verringern. So wie Ärzte die Pockenviren bekämpfen, auf dass sie in keinem Menschen mehr leben und ihre destruktive Wirkung entfalten. Pocken ausrotten: ein großes Ziel, mission accomplished (1980). Erziehung ausrotten: ein großes Ziel, mission impossible (2018 ...). Aber: Ich arbeite dran.

Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen? Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht gelten. Vorsicht: Wenn ich jedoch die Sicht des anderen gelten lasse (und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht gelten), so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig gelten. Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im Nachdenken und im Tun. Aber ich stelle mich dabei nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" verbindlich zu machen. Ich fass das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht."
 
Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. Und wenn man dann daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner  Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. (Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame Dorf...)

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch .. insbesondere, wenn es ein Kind ist. 

Montag, 24. Dezember 2018

Lügenmärchen








                         
"Wie oft lügst Du am Tag?" Mich hat die Frage überrascht. Nicht wegen des Fragers, sondern wegen der Frage. Man lügt doch überhaupt nicht oft. Und schon gar nicht mehrmals am Tag - was so eine Frage ja impliziert. Jedenfalls dachte ich das. Dass nur selten gelogen wird. Aber der Frager hat ja wohl was anderes vor Augen.

"Überhaupt nicht", sage ich. "Vielleicht einmal in 10 Jahren". Oder auch öfter? Ich denke nach, finde aber nichts. Na ja, vielleicht blende ich da ja auch was aus. Egal. Aber ich nehme die Frage auf und sinn drüber nach. Wie ist das mit der Lügerei?

Wer das tut, tun will, tun muss - sein Ding. Sogar sein gutes Recht. Gehört jemand die Wahrheit? Wir gehören uns selbst, und damit ist es auch unser Ding, wie wir mit der Wahrheit umgehen wollen. Und da gibt es eben Kleinlüger, Großlüger, Seltenlüger, Viellüger, Lügenbolde. Da ist nichts zu verurteilen. Sowas findet statt. Es will natürlich damit umgegangen sein.

Wie geht der Lügende damit um? Schlechtes Gewissen? Gutes Gewissen? Aus der Not heraus. Aus der Bestimmerei heraus. Wegen des Vorteils. Wegen der Beschämung. Wegen der Angst. Wegen der Verachtung. Wegen des Schmerzes. Wegen der Sehnsucht. Wegen der Liebe. Wegen viel. Die Wegens können edel, weniger edel oder gar nicht edel sein.

Ich mag hier im Nachdenken das Wort Lügner nicht, es ist so ungut besetzt, und ich bin nicht im Unguten, wenn ich über jemanden nachdenke, der lügt. Deswegen sage ich "Lügender". Ich schwinge nicht ins Verurteilen, ich schwinge ins Verständnishaben. Nicht, weil ich viel lüge, tu ich nicht. Sondern weil ich das für angemessen halte. Wer lügt, zettelt etwas Gutes an - klar, für sich. Die Lüge ist ein Geschöpf des Guten, der Liebe. Die man sich selbst gibt. Die einem zusteht.

Dass dies Leid und Ungutes bewirken kann, eher: wird, bleibt mir ja dabei nicht verborgen. Ich vergesse aber nicht die Quelle der Lüge. So wie mir auch das Leid der Kuh nicht verborgen bleibt, die ich töte, um zu essen. Ich töte wegen meines Vorteils, ich lüge wegen meines Vorteils. Durchs Leben gehen und meine Vorteile realisieren, finde ich richtig, und anders geht es nicht. Geht es doch? Ohne Töten kein Leben. Ohne Lügen kein - ja was? Ohne Lügen kein Leben. Lässt sich das vergleichen, übertragen?

Mit Lügen kein Leid - auf meiner Seite. Wohl Leid auf Deiner Seite. Ist das einfach nur dem Egoismus das Wort geredet? Egoismus passt beim Töten der Kuh nicht, da gilt so etwas wie unabdingbar, nötig, wenn ich nicht esse, sterbe ich. Beim Lügen gilt anderes? Seh ich nicht so. Wenn die Lüge nicht unabdingbar, nötig wäre, würde sie ja nicht kommen. Dann wird die Wahrheit gesagt. So einfach ist das!

Und wie geht es mir, wenn ich herausfinde, dass ich angelogen wurde? Ganz klar: Ich gehe nicht durch das Verurteilungs-Tor und tummele mich nicht auf dem dunklen Feld dahinter mit all den zugehörigen Seltsamkeiten: Schuldzuweisung, Empörung, Beleidigtsein, Runterputzen, Enttäuschung, Ärger, Groll, Wut, Hass, ach was weiß ich. Tore, die ins Dunkle führen, mag ich sowieso nicht, und sie liegen mir nicht.

Also: was ist, wenn ich angelogen wurde? Da bleib ich cool. Erst mal "nehm ich zur Kenntnis" (wie das so schön neutral heißt), dass es anders ist als bis grad noch gedacht. Ich korrigiere meine Wirklichkeit, sortier das um. Mir ist sofort klar, dass die Lügerei nicht grundlos stattgefunden hat, dazu fließt ein Nachsehen (seh Dir das nach). Und eine Freundlichkeit, weil ich denke, dass es dem Lügenden nicht gut geht. Wenn es ihm bei seiner Lügerei gut geht: auch gut. Mich regt das alles jedenfalls nicht auf. Ich frag mich zügig, wie es weitergeht. Mit der neuen Information, die jetzt als neue Wahrheit neben die alte Wahrheit tritt, die ja eine Nicht-Wahrheit sein soll, Lüge eben.

Will ich weiter mit dem Menschen zu tun haben, der mich angelogen hat? Das will gut bedacht sein. Ich mache ja keinen Vorwurf, nur die Verlässlichkeit ist angekratzt oder weg. Mein Vertrauen, von Dir die Wahrheit zu bekommen, ist beschädigt. Es kommt ganz drauf an, wie meine Beziehung zu Dir überhaupt ist. Wie viel mich Deine Unwahrheit nervt, Du mich nervst. Vielleicht instrumentalisiere ich Deine Lüge (nicht bewusst, aber passiert): sie kommt mir recht, weil ich meine Beziehung zu Dir eh runterfahren will. Da ist dann kein Ärger, sondern Abwendung, keine Lust auf sowas, keine Lust auf Lügenmärchen.

Ja, oder es macht mir eben nichts aus, ich seh Deine Not oder Unverfrohrenheit, Deine Sorge, dass ich Dirs übelnehme und weggehe. Wenn ich Dich genug mag, lass ich mich von Deinen Lügenmärchen nicht wegspülen. So bist Du halt. Jetzt grad mal. Oder auch öfter. Es ist schon mein Job, auf Deine Lüge zu reagieren, den mach ich dann auch. Ich freu mich über Dich, auch über Deine Lügenmärchen: so kanns schon kommen. Wenn es nicht überhand nimmt und die Frage hervorbringt: "Wie oft am Tag...

Montag, 17. Dezember 2018

Anderskuhtiger







                                    
Zwei Nachrichten fügen sich zu einem Bild. Ich sehe ein Tor, das den Weg zu einem Anders zeigt.   1: Ein Bauer will nicht, dass seine Kälbchen per Viehtransport zum Schlachthaus gefahren werden. Er will sie schon zum Schlachten verkaufen. Aber er mag sie (wie seltsam das für Vegetarier auch sein mag) und will nicht, dass sie dem Transport- und Schlachthofstress ausgesetzt sind. Also findet
er einen Jäger, der berechtigt ist, die Tiere auf seinem Hof zu erschießen. Schwierige Verhandlungen mit den Ämtern, aber er bekommt schließlich das Ok. Die Kälbchen sterben also von jetzt auf gleich.
Ohne Leid.

2: Auch vom Bauernhof. Diesmal will ein Bauer, dass die Kälbchen nicht sofort von der Mutter getrennt werden. "Geht ja gar nicht." Er ist kein Biobauer, sondern ein Tradi. Aber: "So wie es Elternzeit für meine Kinder gibt, will ich eine Mutterzeit für meine Kühe." Und er macht es: Er lässt die Kälbchen ein Jahr bei ihrer Mutter.

Da sehen zwei Menschen ein Tor, das in eine Anderswelt zeigt. Und sie gehen durch. Es liegt in ihrer Macht, sie können entscheiden. Und ich merke auf: Es liegt in meiner Macht, ich kann entscheiden, sehr Vieles. Anderes sehr Vieles nicht. Aber mich umgibt eine große Tor Vielfalt zu Anderswelten. Was will ich? Was will ich wirklich? Ich nehme mich sanft beiseite und merke, dass ich so viel Anderes in meinem Leben gelten lassen kann, einrichten kann. Das ist erst mal eine abstrakte Aha-Überlegung. Danke, ihr beiden Bauern.

Also: was könnt ich andersigen? Was hat sich eingeschliffen, was ist einfach so, was aber nicht so sein muss? 1: "Ja, ist ja gut" zu den Zicken der Kinder, zu den Zicken der Partnerin, zu den Zicken der Nachbarn. Ich kann kommentieren, zurechtrücken, klarstellen - muss ich aber nicht. 2: Ich bekomme eine SMS. "Antworte!", geht sie mich an, "der Absender wartet drauf!". Tja- muss ich nicht. Wenn ich nicht gleich antworte, ist das unhöflich. Na ja. Wem gehöre ich? Da gibt es dieses Anderstor, und da lasse ich die Sofortantwort. Wird schon werden. Ich geh erst mal spielen. 3: Nach dem Essen wasch ich sofort ab. Sonst pappen die Reste an und es wird hinterher länger dauern. Ich will keine Spülmaschine und mach das per Hand. Das Anderstor hier im Winzalltag: Ich seh die Teller an und schick ihnen einen liebevollen Andersblick: "Später." "Ok, sagen die Teller". Sie gehen spielen.

4: Jedesmal stört mich beim Joggen ein alter Stacheldraht, der halb in den Waldweg ragt. Nach drei Jahren geh ich durchs Tor: Ich habe die Zange dabei, bearbeite das Ding und bring die Stachelei zum Recyclinghof. 5: Da hängt übrigens das Einfahrtsschild an der verkehrten Stelle. Ich denke an auswärtige Anlieferer, die finden die richtige Einfahrt erst nach einer Irrfahrt. Dann der Ruck, Tor auf: Ich geh zur Geschäftsstelle und mach den Mund auf. Das hat noch nicht geholfen, ich werds wie derholen, bis es klappt.

6-1001: Das will entdeckt sein. Das kann entdeckt sein. Und es entspannt so herrlich. "Ich muss das ja nicht tun..." Das, was ich aber zu tun gewohnt bin. Was mich hat. Das alles ist ja auch kein großes
Drama, ich kommentier schon, antworte schon, spül schon, auch sofort. Nur, dass es da diese Anderstore gibt. Bei den Kühen. In meinem Alltag.

Und oben der Tiger im Bild? "Kannst Du mich hier rausholen?" Ich hab ihn schon verstanden. "Du siehst mich als Zaunwesen. Bin ich aber nicht. Ich seh Dich Mensch auch als Zaunwesen. Bist Du aber auch nicht." Was macht dieser Zaun mit mir, in mir, mit ihm, in ihm? Ich sehe kein Anderstor hier im Zoo. Wiewohl es schön wäre. Aber man muss das alles ja nicht übertreiben. Muss man nicht? "Ja, wenn Du dann friedlich bei mir wohnst..." Na ja, gaga eben. Aber trotzdem.

Weil ich nicht die Macht dazu habe. Winfried Kretschmann hat Macht. Er holte 1000 JesidInnen nach Baden-Württemberg. Zaun weg. Hat 100 Millionen gekostet, das ganze Andertor. Geld anderer Leute, hätt er ohne Steuermittel nicht geschafft. Hats halt getan: Wie viele Geht-nicht-Winfried hat er hinter sich gelassen? Das werden schon viele Geht-Nichts gewesen ein. Aber er sah das Anderstor und ging durch.

Ich bin 71. Und wenn es nochmal ein Baby gibt, dann gibts eins. Und Punkt. Und wenn der Alzi um die Ecke kommt, dann kommt er eben. Und wenn der Führerschein weg ist: "Sie sind dafür jetzt zu alt", dann seis drum. Ich war noch nie bei einem Fussball-Bundesligaspiel. Mach ich aber noch. Ich mach demnächst auch einen Erste-Hilfe-Kurs, nach 50 Jahren nochmal ran! Tetanus-Auffrischung? Ne, keine Lust. Auf den Paulusweg? Ist angesagt, ich aber nicht. Eine Kreuzfahrt? Auch nicht
mein Ding. Ich könnt so viel - aber ich bin auch den Anderstoren nicht im Wort. Bin ich jemandem überhaupt im Wort? Schon. Aber nur, weil ich das so will.

Die beiden Bauern wollten das so. Hat mir was gesagt, mich angerührt. Mich zu meinen Anderstoren geführt. Danke, ihr beiden. Und: Tut mir leid, Tiger. Ich kann nicht alles. Aber einiges schon

Montag, 10. Dezember 2018

Entschuldige Dich!




   



"Entschuldige dich!" Welch Spruch. Eine Erzieherin erzählt von einem Stret der Kindergartenkinder. Sie nahm die Kinder auseinander, aber der Übeltäter hatte sich nicht entschuldigt. Sie ist ratlos, wie sie es schaffen kann, dass der Dreihjährige sich entschuldigt. Bemüht hatte sie sich, aber ohne Erfolg. "Das muss er doch." Auf mein fragendes Gesicht sagt sie: "Das erwarten doch die Eltern." Da hat sie recht. So wirds gespielt, Eltern erwarten so ein Sozialverhalten, der Kindergarten soll das richten.

Mein Mitgefühl ist sofort bei dem Übeltäter. Der gehänselte Junge wird siche Trost und Zuspruch bekommen haben, da muss ich nicht hinterherfühlen. Ich bin beim Täter. Seine Zicke, die er da gefahren hat (dem anderen was wegnehmen): es wird ihm schon klar sein, dass das nicht in Ordnung war. Das hat die Erzieherin rübergereicht. Wär das nicht genug gewesen? Jetzt auch noch entschuldigen?

"Sorry, tut mir leid" kommt mir gut über die Lippen. Nicht immer leicht, aber verläßlich. Wenn das, was grad passierte, wirklich auf meine Kappe ging. Es ist eine bizarre und absurde Vorstellung, dass sich da einer vor mir aufbaut und meine Entschuldigung einfordert. Sowas habe ich in meinem Erwachsenenleben auch noch nicht erlebt. Wiewohl ich weiß, dass das durchaus vorkommt.

"Entschuldige Dich!" - welche Übergriffigkeit. Wieso gibt es diese Wortkombination überhaupt? "Entschuldige bitte!", klar diese beiden Worte gehen und gehören dazu. Ich bin perplex über das, was die Erzieherin mir erzählt, aber ich weiß natürlich sofort, was da gespielt wird. Nur dass mir diese Alltagsanmaßung, diese 1001. Stückchen seelischer Kindermisshandlung, grad nicht geläufig war.

"Müssen Sie das wirklich?" Und unausgesprochen per Blick: "Dem Kind auferlegen, dass es sich entschuldigt?" Ich versuche, vorsichtig, meine Position ins Spiel zu bringen. Ich nehm Kontakt zu ihr auf: "Ich kann mir die Situation gut vorstellen, ich hab schon verstanden."
                     
Auf meinen Vorträgen will ich ja nicht lebensfremd und utopieverkündend erlebt werden, sondern als jemand, der umsetzbare, handfeste Anderswege aufzeigt. Diese Erzieherin schwingt ein. Sie hat den Jungen ja auch nach dem Auseinander und kurzen Warten, dass er sich entschuldigt, nicht weiter bedrängt. Nur: Das sollte sie aber, das wird von ihr erwartet. Und da weiß sie nicht, wie sie das machen soll. Sie sagt, sie will den Übeltäter nicht mit so einer Entschuldigungsgeschichte noch zusätzlich belasten. Er wird häufiger ausfallend und er tut ihr leid, ist ihr ans Herz gewachsen.

"Sie schauen vor Ort, was geht und was Sie können, gut können. Uhd wenn Sie den Jungen nicht zum Entschuldigen anhalten wollen, dann lassen Sie es eben. Sie sind dann nicht übergriffig, das ist doch super. Den Eltern können Sie ja sonstwas erzählen, wenn die Sprache darauf kommen sollte. Wahrscheinlich werden Sie eh nicht gefragt, es sind ja nur die Erwartungen in uns, die so belastend sind. Und falls doch, sagen Sie halt kurz: Ja, er hat sich entschuldigt. Kleine Lüge - großer Friede."

"Danke", sagt sie. Sie fühlt sich unterstützt. Ich denke, sie hat noch nie gehört, dass eine Erzieherin (pädagogische Fachkraft) so damit verfahren kann, darf, ja: sollte. "Sie folgen einfach ihrem Herzen. Das ist nicht nur wohltuend und befriedend, sondern auch höchst professionell. Rehumanisierung des pädagogischen Alltags nennt man das." Wir sind auf einer Wellenlänge.

Montag, 3. Dezember 2018

Liebe reicht. Nicht.







Mitten im Vortrag unterbricht mich eine Teilnehmerin: "Sie reden und reden... Ich versteh das nicht. Es reicht doch völlig, ein Kind in den Arm zu nehmen. Oder es zu trösten, wenn es traurig ist. Was soll da Ihre ganze Philosophie?"

Tja. Es reicht völlig, ein Kind zu lieben. Mehr ist nicht nötig. Ist es so? Da geht mir das Herz auf bei so einem Urbild: Die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa, die/der wer auch immer nimmt das Kind in den Arm, hält es und die Liebe flutet. Was soll da mein ganzes Gerede von Souveränität und Selbstverantwortung, Königskrone und Würde, Adultismus und Erwachsenen-Chauvinismus? Was sollen da all meine Bilder von Schweineschnauze, Büffel, Schokohasen, Gesundkraut, Amazonas, Bahnhofsweg und Co? Liebe reicht.

Ja, wenn es denn so wäre. Die so wachgerufene Liebe, die von der Mutter vor mir in den Raum geholt wird, überdeckt alles. Wir sind gefangen und erfüllt von so einem Bild. Nur, dass ich dabei nicht vergesse, übersehe, wegdrücke, dass auch die Liebe, die lebt, geschenkt wird, erlebt wird, ja nicht im luftleeren Raum daherkommt, sondern eingebettet ist oder hervorgebracht wird in historischem und gesellschaftlichem Zusammenhang. Und auf der Zusammenhangs-Spurensuche und Zusammenhangs-Entdeckungsreise bin ich bei einem solchen Vortragsabend unterwegs. "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen" ist er überschrieben.

Ich rede nicht zum Thema "Liebe reicht" oder "Wie sich Kinder lieben lassen". Ich rede nicht zum Thema Liebe. Jedenfalls nicht direkt. Dass alles, was ich an so einem Abend auffalte mit Liebe zu tun hat, ist schon klar. Aber ich bin untergründlicher, hintergründlicher als das, was  die Teilnehmerin da im Sinn und in ihrer Assoziation hat.

Die weiße australische Krankenschwester nimmt das Aboriginibaby liebevoll  in den Arm. Das Kind, das den Eltern weggenommen wird, damit es "zivilisiert" aufwächst. Die Mutter in Gambia nimmt ihre Tochter liebevoll in den Arm, deren Klitoris gerade beschnitten wurde, damit sie integriert in ihrem Dorf aufwachsen kann. Der KZ-Aufseher nimmt sein eigenes Kind abends liebevoll in den Arm, nachdem er den ganzen Tag lang die jüdischen Kinder in die Gaskammer geschickt hat. Diese Grusel lassen sich fortsetzen, lange fortsetzen. Liebe reicht eben nicht.

Es geht mir nicht darum, wie man richtig liebt. Es geht mir darum, was für ein Umfeld um die Liebe herum existiert. Und da habe ich entdeckt, dass - bei aller aller Liebe - Demütigung, Herabsetzung, Unliebe gang und gäbe ist in unserer Kultur. Nicht weit weg, damals in Australien oder im KZ oder fern in Gambia. Sondern nah und heute, hier bei uns. In Deutschland, Europa, der westlichen Welt, der Welt schlechthin, überall.

Da nämlich, wo Kinder noch nicht als ganz richtige, vollwertige Menschen gesehen, bedacht, gehändelt, gebüchert, gewissenschaft werden. Wo die Weltformel von der Erziehung gilt. Adultismus nennt sich das. Oder spitzer: Erwachsenen-Chauvinismus.

"Sieh ein, ich habe recht" und  "Ich will doch nur Dein Bestes" sind Statements, die diese Erwachsene-Oben- / Kinder-Unten-Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Das thematisiert mein Abend. Diese Hintergründlichkeit mache ich bewusst, erzähle davon, lade ein, dort einmal hinzusehen. Dort einmal in sich hineinzuhorchen.

"Mama hat Dich lieb" ist eine Supersache. "Aber  musst Du Dich dabei so betonselbstverständlich über mich setzen? Musst Du mich bei all Deiner so unendlich willkommenen Liebe so chauvinistisch über mich emporschwingen? Meine Souveränität: Nicht einmal bemerken? Musst Du mich denn wirklich erst zu einem Menschen machen, mit Deinem missionarischen Erziehungsanspruch? Deine Liebe tut gut, aber sie ist auch so giftig. Sie hält mich fest im Unten, im negerhaften Untermenschen. Der - welche Gnade - ja durch Deine Hilfe, die Du 'Erziehung' nennst, zu einerm richtigen Menschen werden kann. Kannst Du mich nicht lieben ohne dieses Zeug? Versuch es - Du schaffst das."

Ich zeige den Besuchern meiner Vorträge diesen Zusammenhang, mit vielen Bildern, behutsam, nehme sie mit, lade sie ein. Es erfüllt mich, wie es immer wieder geschieht, dass sie angerührt sind, den Pfad der oben-unten-freien Liebe erkennen und sich dieser Liebe zuwenden. Sie bedanken sich nach dem Vortrag mit Handschlag, sie ahnen. Und Ihre eigenen Kindverletzungen beginnen zu heilen.

Doch wenn jemand auf meinem Abend dies nicht mitbekommt, wenn ich ihn nicht erreichen kann, wenn er gar empört dreinfährt "Liebe reicht doch" - was soll ich dann tun? Ich finde keinen Weg zu so jemandem. Diese Mutter ist sehr unzufrieden gegangen. Aber: es sind ja die anderen Teilnehmer da. Sie begleiten mich, meine Bilder, sehen mein Tor zu den Kindern und finden Zugang zu der Liebe, die ich ihnen zeige.