Montag, 17. Dezember 2018

Anderskuhtiger







                                    
Zwei Nachrichten fügen sich zu einem Bild. Ich sehe ein Tor, das den Weg zu einem Anders zeigt.   1: Ein Bauer will nicht, dass seine Kälbchen per Viehtransport zum Schlachthaus gefahren werden. Er will sie schon zum Schlachten verkaufen. Aber er mag sie (wie seltsam das für Vegetarier auch sein mag) und will nicht, dass sie dem Transport- und Schlachthofstress ausgesetzt sind. Also findet
er einen Jäger, der berechtigt ist, die Tiere auf seinem Hof zu erschießen. Schwierige Verhandlungen mit den Ämtern, aber er bekommt schließlich das Ok. Die Kälbchen sterben also von jetzt auf gleich.
Ohne Leid.

2: Auch vom Bauernhof. Diesmal will ein Bauer, dass die Kälbchen nicht sofort von der Mutter getrennt werden. "Geht ja gar nicht." Er ist kein Biobauer, sondern ein Tradi. Aber: "So wie es Elternzeit für meine Kinder gibt, will ich eine Mutterzeit für meine Kühe." Und er macht es: Er lässt die Kälbchen ein Jahr bei ihrer Mutter.

Da sehen zwei Menschen ein Tor, das in eine Anderswelt zeigt. Und sie gehen durch. Es liegt in ihrer Macht, sie können entscheiden. Und ich merke auf: Es liegt in meiner Macht, ich kann entscheiden, sehr Vieles. Anderes sehr Vieles nicht. Aber mich umgibt eine große Tor Vielfalt zu Anderswelten. Was will ich? Was will ich wirklich? Ich nehme mich sanft beiseite und merke, dass ich so viel Anderes in meinem Leben gelten lassen kann, einrichten kann. Das ist erst mal eine abstrakte Aha-Überlegung. Danke, ihr beiden Bauern.

Also: was könnt ich andersigen? Was hat sich eingeschliffen, was ist einfach so, was aber nicht so sein muss? 1: "Ja, ist ja gut" zu den Zicken der Kinder, zu den Zicken der Partnerin, zu den Zicken der Nachbarn. Ich kann kommentieren, zurechtrücken, klarstellen - muss ich aber nicht. 2: Ich bekomme eine SMS. "Antworte!", geht sie mich an, "der Absender wartet drauf!". Tja- muss ich nicht. Wenn ich nicht gleich antworte, ist das unhöflich. Na ja. Wem gehöre ich? Da gibt es dieses Anderstor, und da lasse ich die Sofortantwort. Wird schon werden. Ich geh erst mal spielen. 3: Nach dem Essen wasch ich sofort ab. Sonst pappen die Reste an und es wird hinterher länger dauern. Ich will keine Spülmaschine und mach das per Hand. Das Anderstor hier im Winzalltag: Ich seh die Teller an und schick ihnen einen liebevollen Andersblick: "Später." "Ok, sagen die Teller". Sie gehen spielen.

4: Jedesmal stört mich beim Joggen ein alter Stacheldraht, der halb in den Waldweg ragt. Nach drei Jahren geh ich durchs Tor: Ich habe die Zange dabei, bearbeite das Ding und bring die Stachelei zum Recyclinghof. 5: Da hängt übrigens das Einfahrtsschild an der verkehrten Stelle. Ich denke an auswärtige Anlieferer, die finden die richtige Einfahrt erst nach einer Irrfahrt. Dann der Ruck, Tor auf: Ich geh zur Geschäftsstelle und mach den Mund auf. Das hat noch nicht geholfen, ich werds wie derholen, bis es klappt.

6-1001: Das will entdeckt sein. Das kann entdeckt sein. Und es entspannt so herrlich. "Ich muss das ja nicht tun..." Das, was ich aber zu tun gewohnt bin. Was mich hat. Das alles ist ja auch kein großes
Drama, ich kommentier schon, antworte schon, spül schon, auch sofort. Nur, dass es da diese Anderstore gibt. Bei den Kühen. In meinem Alltag.

Und oben der Tiger im Bild? "Kannst Du mich hier rausholen?" Ich hab ihn schon verstanden. "Du siehst mich als Zaunwesen. Bin ich aber nicht. Ich seh Dich Mensch auch als Zaunwesen. Bist Du aber auch nicht." Was macht dieser Zaun mit mir, in mir, mit ihm, in ihm? Ich sehe kein Anderstor hier im Zoo. Wiewohl es schön wäre. Aber man muss das alles ja nicht übertreiben. Muss man nicht? "Ja, wenn Du dann friedlich bei mir wohnst..." Na ja, gaga eben. Aber trotzdem.

Weil ich nicht die Macht dazu habe. Winfried Kretschmann hat Macht. Er holte 1000 JesidInnen nach Baden-Württemberg. Zaun weg. Hat 100 Millionen gekostet, das ganze Andertor. Geld anderer Leute, hätt er ohne Steuermittel nicht geschafft. Hats halt getan: Wie viele Geht-nicht-Winfried hat er hinter sich gelassen? Das werden schon viele Geht-Nichts gewesen ein. Aber er sah das Anderstor und ging durch.

Ich bin 71. Und wenn es nochmal ein Baby gibt, dann gibts eins. Und Punkt. Und wenn der Alzi um die Ecke kommt, dann kommt er eben. Und wenn der Führerschein weg ist: "Sie sind dafür jetzt zu alt", dann seis drum. Ich war noch nie bei einem Fussball-Bundesligaspiel. Mach ich aber noch. Ich mach demnächst auch einen Erste-Hilfe-Kurs, nach 50 Jahren nochmal ran! Tetanus-Auffrischung? Ne, keine Lust. Auf den Paulusweg? Ist angesagt, ich aber nicht. Eine Kreuzfahrt? Auch nicht
mein Ding. Ich könnt so viel - aber ich bin auch den Anderstoren nicht im Wort. Bin ich jemandem überhaupt im Wort? Schon. Aber nur, weil ich das so will.

Die beiden Bauern wollten das so. Hat mir was gesagt, mich angerührt. Mich zu meinen Anderstoren geführt. Danke, ihr beiden. Und: Tut mir leid, Tiger. Ich kann nicht alles. Aber einiges schon

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