Montag, 5. Oktober 2026

Selbstliebe, du mieser Verräter

 

 

Seminar „Ich liebe mich so wie ich bin“. Eine Teilnehmerin: „Ihre Botschaft ist also, sich in Ruhe zu lassen, nach dem Motto, dass man sich ja auch nicht lieben muss. Weitere, besonders konkrete Hilfen bieten Sie nicht an. Richtig verstanden?“

„Mach, dass es aufhört. Dass der Selbstzweifel, der Mangel an Selbstliebe geht.“ Mit diesem Wunsch kommen die Teilnehmer in meine Seminare. Großer Wunsch, große Erwartung. Ich merke das und sehe ihr Leid. Und ich weiß, dass ich ihnen etwas anbiete, mit dem sie nicht gerechnet haben. Und das für die einen viel zu wenig, für die anderen genau das Richtige ist.

Ich nehme sie nicht mit in das Land des Handauflegens, der Pülverchen, der Kopf- und Handstände, Atem-, Feuer-, Wasser-, Licht- und aller sonstigen stofflichen und nichtstofflichen Übungen. Da habe ich nichts zu bieten. Da bin ich nicht kundig. Wäre ich es, würde ich ihnen genau so helfen: mit Handauflegen, Pülverchen und Co. Nur kann ich das eben nicht.

Da sind dann schon einige enttäuscht und drehen ab. Andere sind eher erstaunt, dass ich eine lange Geschichte über Kindheit und Co erzähle. Aber sie hören zu, geraten in Resonanz und sie sehen die Tür, die ich ihnen zeigen will.

Die Tür: Wie denke ich über mich in diesem Selbstliebe-bitte-wachse-Szenario? Wie bin ich da unterwegs? Was treibt mich an? Warum macht mir die mangelnde Selbstliebe zu schaffen? Hänge ich an einer Ich-muss-besser-werden-Strippe? Marionette des seelischen Gesundheitszeitgeists? Oder tut es einfach nur weh und ich will, dass es aufhört? Auf dass ich strahle jeden Tag?

So ein ungutes Unterwegsgefühl kommt dann zum Selbstliebe-Mangelgefühl noch oben drauf. Erstens mag ich mich zu wenig. Und zweitens strengt mich das Abschaffen des Zuwenigs an. Und drittens nervt es obendrein, dass ich nicht vorankomme. Und viertens nagt da was: Ob ich zur Selbstliebe überhaupt geschaffen bin, egal, wie ich mich strecke. Und fünftens und schlussendlich: Ich bin eben nicht fürs Licht gemacht.

Tja. Diesen Gang in die Unterwelt wie bei Dante Richtung Hölle sehe ich mir vom Kraterrand an und strecke die Hand aus: „Schau mal, sage ich, Du kannst Dich in Ruhe lassen. Du hast die Selbstliebemasern. Mach Dich nicht verrückt. Du bist nur krank. Schlimm genug. Aber mehr ist es nicht. Ich habe keine Selbstliebemasern-Medizin zu bieten. Aber ich kann Dir ein Gelassenheitskraut zu kauen geben. Komm mal wieder rauf, niemand zwingt Dich, die Selbstliebe finden zu müssen. Ist nicht schön, wenn man an sich zweifelt, schon klar. Aber hau Dich deswegen nicht in die Pfanne, auch nicht, wenn es da nicht vorangeht.“

Ungefähr so.

Ich zeige den Teilnehmern etwas anderes als Heilung von ihrem Selbstliebemangel. Ich zeige ihnen, dass sie überhaupt damit umgehen und wie sie konkret damit umgehen (ich muss eine Verbesserung erreichen). Und welchen Vorschlag ich hier habe, beim Damit-Ungehen. Nämlich: Sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen, sondern sich vom Besserwerden-Müssen zu emanzipieren, sich vom Selbstliebe-Erziehen zu lösen. Chef im eigenen Haus zu sein: „Selbstliebe, Du mieser Verräter, wenn Du nicht in meine Seele kommen willst – dann eben nicht. Ich freue mich, wenn Du angezottelt kommst. Aber ich lege Dich jetzt mal zur Seite und kümmer mich um den Tag.“

Also entdramatisieren. Kein Stress, selbstliebefündig werden zu müssen. Ja, zu wenig Selbstliebe tut weh. Und dieser Mangelschmerz kann auch der ständige Begleiter für die nächsten 100 Jahre sein. Aber: das muss mir nicht den Tag versauen. Ein erfülltes Leben mit/bei/trotz Schmerz lässt sich anpeilen.

„Weitere Hilfen bieten Sie nicht an?“ „Biete ich nicht an.“ „Danke“, sagt sie, „aber darüber so zu denken ist mir eine große Hilfe.“






Montag, 28. September 2026

Das schaffst Du

 


Paul ist fünf Jahre alt und bekommt kein Überraschungsei. Er knallt sich an der Ladenkasse auf die Fliesen und macht einen Riesenaufstand. Seine Mutter ist modern, hat Erziehungsbücher gelesen und Kurse besucht. Sie weiß, was jetzt zu tun ist.

Sie hockt sich hin, Augenhöhe herstellen. Und redet einfühlsam mit ihrem Kind. Dass es verabredet war, heute zum Einkaufen zu gehen, ohne dass es ein Überraschungsei gibt, und dass es so nicht geht.

Paul: »Mama, mir geht es nicht mehr um das Überraschungsei. Mir geht es jetzt darum, dass Du aus meiner Seele verschwindest. Ich soll was einsehen! Ich muss mich ändern! Diese eklige Einmischung kenne ich seit fünf Jahren. Du meinst, dass Du einen richtigen Menschen aus mir machen musst. Sowieso und auch hier an der Ladenkasse. Das ist total übergriffig. Nervt und nervt. Hör auf damit!«

»Schau mal zu der Kasse da drüben. Der Kollege, fünf Jahre wie ich, kriegt auch kein Überraschungsei. Seine Mama sagt nur: ›Nein, ist nicht.‹ Knallhart. Aber diese Mama geht ihm nicht an die Seele. Er muss nichts einsehen. Sie sieht ihn als vollwertigen Menschen, auch mit fünf. Und weil sie seine Würde nicht an greift, muss er sich auch nicht verteidigen, so wie ich. Er ist verärgert, klar. Aber seine Krone ist nicht verrutscht. Und er muss sich nicht auf die Fliesen werfen.«

Und auch Paul erinnert seine Mutter: »Du warst doch auch mal fünf. Dieser Psychokram war doch auch für Dich nicht schön. Versuch es doch mal wie die Mama da drüben. Das schaffst Du.«

 

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Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", S. 114f.

 

Montag, 21. September 2026

Auf der langen Planwagenfahrt

 

  
Und die Kinder? Erziehungswesen? Oder von Geburt an vollwertige Menschen, die nicht erst dazu gemacht werden müssen? Die Erziehungssicht ist eine Sicht auf die Kinder. Sie hat eine lange Tradition, auch wir haben sie in unserer Kindheit erlebt. Und glauben, dass es so ist. Nur, dass es heute auch eine andere Sicht auf die Kinder gibt. Die Sicht ohne oder jenseits der Erziehung: Kinder sind keine Erziehungswesen. 

Für neue Sichtweisen braucht es Beweise. Oder neue Ideen, wenn sich da nichts beweisen lässt im handfesten naturwissenschaftlichen Sinn. Die Kinder sehe ich auf der psychologischen Ebene anders als die Tradition, erziehungsfrei, vollwertig, und sie müssen für mich nicht erst zu selbstverantwortlichen und vollwertigen Menschen gemacht werden. 

Henry wird vor 200 Jahren auf einer großen Baumwollplantage am Mississippi geboren. Er ist der Sohn der Plantagenbesitzer, es gibt dort viele Sklaven. Henry erlebt von klein auf, wie mit den Schwarzen umgegangen wird. Er erfährt es von Mama, Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, Freunden seiner Eltern, Besuchern. Welches Menschenbild entsteht in Henry? 

Nun, diese schwarzen Menschen sind minderwertige Menschen, Sklaven eben und haben keine Rechte. Es ist nichts dabei, ihnen rüde Befehle zu erteilen, sie zu erniedrigen oder auszupeitschen. Das Kind lernt: Nur Weiße sind vollwertige Menschen. Henrys Haltung und seine Einstellung und auch seine Sprache sind so: Weiße oben – Schwarze unten. 

Henry ist 20 Jahre alt geworden und verkauft für seine Eltern die Baumwolle in New Orleans. Der junge Mann kommt nach erfolgreichem Verkauf bei einem Umtrunk mit Bürgerrechtlern in Kontakt. Sie erzählen allen Ernstes, dass Schwarze vollwertige Menschen sind und dass die Sklaverei beendet werden muss. Unvorstellbare Gedanken! 

Aber auf der langen Planwagenfahrt zurück kommt er immer mehr ins Grübeln. Freundliche Bilder aus seinen Erlebnissen mit Schwarzen tauchen auf, er denkt an die Nanny und an die Köchin, ihren Sohn Tom, seinen Spielkameraden. Das Herz geht ihm auf. Als er zu Hause ankommt, sieht er alle Sklaven anders – gleichwertig, mit der Würdekrone auf dem Kopf. Er wird es anders machen als seine Eltern. 

Geänderte psychische Sichtweisen und Gefühlswelten sind nicht ungewöhnlich und kommen immer wieder vor. Im Kleinen: Aus Abneigung wird Zuneigung. Im Großen: Gleichwertigkeit von Frauen statt patriarchalischer Unterdrückung, Gleichwertigkeit von Schwarzen statt Sklaverei.  

Wir interpretieren, wie immer. Wir können die Dinge so oder so sehen. Und das gilt auch für die Sicht auf die Kinder. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 96ff.

 

 

Montag, 14. September 2026

Es gibt keine wirklichen Bösewichte

 

 

Die Gleichwertigkeit ist ein schwieriges Ding. Arzt und Mörder sind gleichwertig. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur grundverschiedene Wege. Aber ihr Wert und ihre Würde sind von gleichem Rang. Das ist ein weit gefasstes Bild und schließt niemanden aus. Auch nicht die, von denen wir gelernt haben, dass sie wenig wert sind, dass sie böse sind, wie man sagt. Die Würdekrone aber haben alle. Doch soll man dann alles durchgehen lassen?

Kain. Er erschlägt seinen Bruder Abel. Besuchen wir die beiden! Mit der Zeitreise. Wir landen mit unserer Rakete hinten auf dem Acker, Kain holt gerade mit dem Stein aus. »Halt«, rufe ich, »warte mal!« »Was willst Du? Wer seid Ihr denn?« Ich rede auf ihn ein, ich sage ihm, dass es keine wirklichen Bösewichte gibt und dass er es auch nicht ist, auch nicht, wenn er seinen Bruder erschlägt. Aber ob das denn unbedingt sein muss, und dass seine Opfergabe … und so weiter. Ich versuche ihn davon abzuhalten, seinen Bruder zu töten.

»Verschwinde jetzt,« sagt er schließlich, »ich will meinen Bruder umbringen, so steht es in der Bibel.« »Bei allem Respekt, Kain, aber das wirst Du nicht tun!« Und auf mein Kommando stürzen wir uns auf ihn und entwinden ihm den Stein. Ich will damit sagen, dass ich mir – bei allem Respekt auf der psychischen Ebene – sein Handeln nicht bieten lasse.

Was allen »Bösewichten« gegenüber gilt. Und wenn ich eine Chance habe, kann da keiner von denen tun, was er will, sei es nun ein Bombenleger, Feuerteufel, Amokfahrer, Säurespritzer, Mädchenhändler, Kindesmissbraucher, Drogenboss, Tierquäler oder ein sonstiger Fürst der Finsternis.

Das Durchsetzen in der äußeren Welt ist ein klares Oben-Unten. Die Handlungsebene muss aber nicht von einer psychischen Oben-Unten-Position umgeben sein. Dort, in der inneren Welt, ist – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – Gleichwertigkeit. Uneingeschränkt gilt für jeden: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Es besteht der Unterschied von »böser« Tat, die es zu verhindern gilt, und Täter, der immer ein Ebenbild Gottes ist.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 98f.

 





 

 

 

 

 


Montag, 7. September 2026

"Entschuldige Dich!"


 

 

Eine Erzieherin erzählt von einem Streit der Kindergartenkinder. Sie nahm die Kinder auseinander, aber der Übeltäter hatte sich nicht entschuldigt. Sie ist ratlos, wie sie es schaffen kann, dass der Dreijährige sich entschuldigt. Bemüht hatte sie sich, aber ohne Erfolg. »Das muss er doch.« Auf mein fragendes Gesicht hin sagt sie: »Das erwarten die Eltern.« Ja, da hat sie recht, so läuft es. Eltern erwarten ein solches Sozialverhalten, der Kindergarten soll das richten.

Mein Mitgefühl ist rasch bei dem Übeltäter. Der gehänselte Junge wird sicher Trost und Zuspruch bekommen haben, da muss ich nicht hinterherfühlen. Ich bin beim Täter. Seine Zicke, die er da gefahren hat (dem anderen etwas wegnehmen): es wird ihm schon klar sein, dass das nicht in Ordnung war. Das hat die Erzieherin rübergereicht. Wäre das nicht genug gewesen? Jetzt auch noch entschuldigen?

Ein »Sorry, tut mir leid« kommt mir gut über die Lippen. Nicht immer leicht, aber verlässlich. Wenn das, was gerade passierte, wirklich auf mein Konto ging. Es ist eine bizarre und absurde Vorstellung, dass sich da einer vor mir aufbaut und meine Entschuldigung einfordert. So etwas habe ich in meinem Erwachsenenleben auch noch nicht erlebt. Wiewohl ich weiß, dass das durchaus vorkommt.

»Entschuldige Dich!« – welche Übergriffigkeit. Wieso gibt es diese Wortkombination, »Entschuldige« plus »Dich«, überhaupt? »Entschuldige bitte!«: Klar, diese beiden Worte gehen und gehören dazu. Ich bin perplex über das, was die Erzieherin mir erzählt, aber ich weiß natürlich sofort, was da los ist. Nur dass mir diese Alltagsanmaßung, dieses 1001. Stückchen seelischer Kindermisshandlung gerade nicht geläufig war.

»Müssen Sie das wirklich?« Und unausgesprochen per Blick: »Dem Kind auferlegen, dass es sich entschuldigt?« Ich versuche, vorsichtig, meine Position ins Spiel zu bringen. Ich nehme Kontakt zu ihr auf: »Ich kann mir die Situation gut vorstellen, ich habe schon verstanden.«

Auf meinen Vorträgen will ich ja nicht lebensfremd und utopieverkündend erlebt werden, sondern als jemand, der realistische, handfeste Anderswege aufzeigt. Diese Erzieherin schwingt ein. Sie hat den Jungen ja auch nach dem Auseinander und kurzem Warten, dass er sich entschuldigt, nicht weiter bedrängt. Nur: Das sollte sie aber, das wird von ihr erwartet. Und da weiß sie nicht, wie sie das machen soll.

Sie sagt, sie will den Übeltäter mit so einer Entschuldigungsgeschichte nicht noch zusätzlich belasten. Er wird häufiger ausfallend und er tut ihr leid, ist ihr ans Herz gewachsen. »Sie schauen vor Ort, was geht und was Sie können, gut können. Und wenn Sie den Jungen nicht zum Entschuldigen anhalten wollen, dann lassen Sie es eben. Sie sind dann nicht übergriffig, das ist doch super.«

»Den Eltern können Sie ja sonst was erzählen, wenn die Sprache drauf kommen sollte. Wahrscheinlich werden Sie eh nicht gefragt, es sind ja nur die Erwartungen in uns, die so belastend sind. Und falls doch, sagen Sie halt kurz: ›Ja, er hat sich entschuldigt.‹ Kleine Lüge – großer Friede.«

»Danke«, sagt sie. Sie fühlt sich unterstützt. Ich denke, sie hat noch nie gehört, dass eine Erzieherin, eine pädagogische Fachkraft, so damit verfahren kann, darf, ja: sollte. »Sie folgen einfach Ihrem Herzen. Das ist nicht nur wohltuend und befriedend, sondern auch höchst professionell. ›Rehumanisierung des pädagogischen Alltags‹ nenne ich das.« 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 168ff..

 




Montag, 31. August 2026

Ich tu's aber nicht anders!

 

 

Fortsetzung des letzten Posts. 

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 Genau mein Problem! 

»Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Kinder sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die schmeißen Dir doch nur Spinat an die Wand und packen in jede Steckdose. Die können doch dann machen, was sie wollen. Das gibt Chaos und tote Kinder!«

Was soll ich sagen? Keiner rechts und links weiß das. Auch die Experten nicht, Montessori und Co. »Ich weiß nicht, wie das geht.« »Dann wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig wie der Freund 1900 sagte ich: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Zwanzig Jahre später treffen sich die Freunde wieder. Er wird gefragt: »Du hast doch Deine Freundin geheiratet. Wie geht das denn jetzt mit der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen? Musst Du High Heels anziehen? Entscheidest Du an geraden Tagen und sie an ungeraden?«

Die Freunde haben immer noch keine Ahnung, wie eine gleichwertige Beziehung von Männern und Frauen aussehen soll. Der Freund sagt: »Nicht so komisch, mit einer Strichliste, wer dran ist mit Abwaschen.« »Aber wie denn dann?« »Ich kann es erklären, wenn Ihr zuhören wollt.« Und dann erzählt er, wie das so geht, wenn Männer von der Gleichwertigkeit überzeugt sind.

Und das werde ich dann auch gefragt. Zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später. »Wie viel Spinat ist an Deiner Wand gelandet? Haben die sich jemals die Hände gewaschen? Das Wort Hausaufgaben ist doch für Deine Kinder ein Fremdwort.«

Die Leute können es sich nicht vorstellen, wie das gehen soll – und zwar gut gehen soll: gleichwertige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Ich sage dann wie der Freund zu seinen Freunden: »Ich kann erklären, wie es geht, wenn Ihr Zeit zum Zuhören habt.«

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 33.

 








 

Montag, 24. August 2026

Und rotzig-trotzig antwortet er

 

 

Das Jahr 1900. Junge Männer machen einen gemütlichen Weinabend und diskutieren über Gott und die Welt. Auf einmal sagt einer: »Ich glaube, meine Freundin ist ein richtiger Mensch.«

Stille. »Was willst Du damit sagen?« »Frauen sind Männern ebenbürtig, gleichwertig, eben vollwertige Menschen.« Noch mehrStille. »Sie wollen an die Uni und studieren. Sie wollen in die Politik. Sie wollen das Wahlrecht.«

Große Aufregung. »Du spinnst doch wohl, Frauen können nicht mal rechnen, und wenn sie in der Politik mitbestimmen, geht die Welt zugrunde.« »Lasst den Unsinn, ich finde, meine Freundin hat recht. Sie hat auf ihrem Kopf die Würdekrone der Gleichwertigkeit.« »Da kannst Du fühlen, da sind Haare, sonst nichts.« »Das mein ich doch nicht so! Ich seh das eben. Mit dem Herzen. Männer und Frauen sind gleichwertig.« Die Freunde streiten sich. Er soll beweisen, dass das stimmt.

Wie wollen Sie – die Frauen hier im Raum – denn beweisen, dass Sie gleichwertig sind wie Männer? Sie fahren mit dem Zug nach München. Unterwegs setzt sich ein braungebrannter Mann neben Sie. Langer Bart, sympathisch. Sie kommen ins Gespräch. »Im übrigen«, sagt er, »ich heiße Taliban. Sie haben noch zwei Stunden, um mich zu überzeugen, dass Sie mir gleichwertig sind.«

Wenn Sie das nicht als unverschämt zurückweisen, sondern eine Chance sehen, diesen Mann zu erreichen, und sich darauf einlassen: Was wollen Sie tun? Diskutieren? Grundgesetz zitieren? Gedicht vorlesen? Ein Lied singen? Sie erzählen von unserer Art zu leben und ziehen alle Register.

In München steigt er aus und sagt: »Ich habe das schon verstanden. Ich kenne die Position Ihrer Kultur. Es ist ja nicht so, dass ich meine Frau nicht liebe. Aber gleichwertig – ist sie mir nicht.« Sie haben sein Herz nicht erreicht. Er bleibt bei seinem Menschenbild: Männer oben – Frauen unten.

»Beweise, dass das stimmt«, sagen die Freunde. »Das kann ich nicht«, sagt er, »es ist ein Menschenbild. So etwas kann man nur mit dem Herzen sehen, nicht beweisen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Frauen sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die tanzt Dir doch nur auf der Nase rum. Oder Du musst Frauenkleider anziehen. Oder Dir die Lippen schminken. Wegen der Gleichwertigkeit.«

Was soll er sagen? Er weiß es nicht. Wen kann er fragen? Keiner weiß, wie das geht, gleichwertige Beziehungen mit Frauen. Der Bruder nicht, der Vater nicht, der Onkel nicht, und diese Freunde erst recht nicht. »Ich weiß nicht, wie das geht«, sagt er. »Klar, und da wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig antwortet er: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Genau mein Problem! »Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« 

 Fortsetzung im nächsten Post. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 31ff.

 

 



Montag, 17. August 2026

Fest eines fremden Volkes

 


Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend auf die Geheimniskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe andererseits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe. Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich weiß – dass er versetzt wird – und beende den Terror gegen ihn.

*

In der 5c gibt es heute keine Schule in der Schule. Wir spielen, ohne jedwede pädagogische Absicht. Ich bin da, mit Aufmerksamkeit und Zuwendung, nicht verbunden mit irgendwelchen Bedingungen. Ich achte sie, und ich fühle mich von ihnen geachtet.

Sie wollen „Verheiraten“ spielen. Ich lasse es mir einmal vorführen, dann machen sie es bis zum Schluss der Stunde. Einer ist Pastor, zwei andere sind Trauzeugen. Die Pärchen melden sich und werden an die Tafel geschrieben. Und dann verheiratet. Es ist eine Zeremonie mit viel Lachen, Spaß und Beifall.

Ich bin eingeladen, ich bin ihr Gast, sie haben mich in ihren Kreis aufgenommen. Ich komme mir verzaubert vor, es ist, als ob ich am Fest eines fremden Volkes teilnehme. Ich spüre die Mischung von Spaß und Ernst,von Spiel und Leben – und ich merke, wie befreiend es ist, wenn man auf dieser Ebene miteinander umgeht. Es ist einfach phantastisch, dass sie mich eingeladen haben. Sie zeigen mir etwas von ihrer Welt und ihren Wichtigkeiten.


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Aus meinem Buch "Kinderkreis im Mai. Die Revolution der Schule", S. 216 u. 224f.


Montag, 10. August 2026

Unsere Kinder menschlicher zu machen

 


 

Liebe Lehrer, 

ich habe ein Konzentrationslager überlebt.

Meine Augen haben Dinge gesehen,

die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

Gaskammern, gebaut von gebildeten Ingenieuren,

Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten,

Säuglinge, getötet von erfahrenen Krankenschwestern,

Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt 

von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

Mein Anliegen ist:

Helfen Sie Ihren Schülern, menschlicher zu werden.

Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte 

keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen,

keine befähigten Psychopathen,

keine gebildeten Eichmanns.

Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig,

wenn sie dazu beitragen,

unsere Kinder

menschlicher

zu machen.


*

Der israelisch-amerikanische Pädagoge Haim G. Ginott (1922-73) überliefert einen Brief, den ein Überlebener eines Konzentratioslagers geschrieben hat. Dieser Brief wurde mir in handschriftlcher Form vor Zeiten zugesandt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 3. August 2026

Da liegt er, der Baumstamm

 

 

 

Ich will mit den Kindern eine Radtour machen, mit Xenia (7), Felix (9) und Lisa (7). Xenia und Felix wollen mit, doch Lisa will lieber zu Hause bleiben. Aber nicht allein. "Was willst Du? Mitkommen oder dableiben?" Mir ist nicht wohl dabei. Wer ohne Lust eine Radtour macht, wird es nicht lange aushalten, und die anderen sind dann genervt. Das ist jedenfalls meine Befürchtung. 

Lisa kommt mit. Aber sie hängt nach und freut sich weder über die Kühe noch über die Fohlen. Sie zockelt hinterher. Die Fröhlichkeit von uns drei anderen nimmt nach und nach ab: Ihretwegen. Es ist nicht so, dass wir sie verurteilen. Nur: Wie sollen wir fröhlich sein, wenn einer betrübt ist? Beim nächsten Berg ist es dann soweit: Lisa kommt nicht. Wir halten an und warten. Dann kommt sie.

Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.

Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten? Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus. Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht. Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.

Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und deswegen schon etwas weniger ärgerlich.
 "Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck, doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts, dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut. 

In mir schwingt keine Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und Lisa.

Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne, Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um. Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt, der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen, wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben! Angenommen. O.k.

"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.  

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 228ff.

 

Montag, 27. Juli 2026

Da ist Haltung gefragt

 


Ich bekomme mit, wie zwei ältere Kinder (9) ein jüngeres Kind (6) ärgern. Lars und Moritz lassen Nils nicht mitspielen, obwohl sie zu dritt verabredet sind. Nils sitzt da und weint.

Das kann ich nicht so stehen lassen. "Ihr seid zu dritt unterwegs", sage ich zu den beiden. "Lasst Nils nicht hängen." Es kommt nichts Nettes. "Der heult doch nur." Was jetzt?

Soll ich mich kümmern, mehr als diesen Satz einwerfen? Wenn ich weiter interveniere, werde ich als jemand wahrgenommen, der die übliche Macht hat. Die Macht, anzuordnen, was Kinder zu tun und zu lassen haben. Das ist nichts, was ich will, und nichts, wie ich mich verstehe. Ich lasse die Kinder ihre Dinge tun, kommentiere das schon mal, misch mich auch schon mal ein, lass auch kein Kind an der Steckdose rumspielen. Aber eigentlich: lass ich sie ihre Dinge tun.

Eigentlich. Aber jetzt wegschauen? Ich will den weinenden Nils nicht im Stich lassen. Ich will aber den beiden Großen auch nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, also Nils mitspielen lassen. Dilemma, Zwickmühle. Da ist Haltung gefragt. Nicht Wegschauen. Hinschauen. Und aktiv werden.

Na ja, das ist ein generelles Problem/Thema. Kommt am Tag zig mal vor, mal kleiner, mal größer. Einmischen bei einem Streit im Supermarkt? Hab ich gemacht. Einmischen bei einem Parkplatzstreit? Hab ich nicht gemacht. Unterschrift für den Erhalt der Kita? Hab ich gemacht. Demonstration für den Hambacher Forst? Hab ich nicht gemacht. Mal schau ich hin und tu was, mal schau ich weg und tu nichts.

Wenn ich nichts tue, obwohl ich etwas tun könnte. Wenn ich das Ungemach/Leid/Übel stehen lasse, was mir über den Weg läuft und mich ruft - dann sag ich, dass ich mich nicht um alles kümmern kann. Was aber so ja nicht stimmt, denn um vieles von dem Alles könnte ich mich ja sehr wohl kümmern. Angefangen damit, vegetarisch zu essen, mit dem Rad zum Einkaufen zu fahren, bei Greenpeace Mitglied zu werden.

Es gibt da eine Bremse in mir. Ein Stoppschild. Ja, ich könnte dem Bettler einen Euro in seinen Becher tun, aber ich tu es nicht. Ziemlich gemein, mein Einkauf hat 25 Euro gekostet, und jetzt kein Euro für den Mann ohne Beine? Ich bin da nicht stolz drauf oder irgendwie so naseweisaufmichaufpasserisch. Ich finds blöd, aber ich lass es dann so sein. Nehme es mir nicht übel, aber find es eben auch nicht schön. So eine Mischung.

Nils' Tränen sind mir aber zu viel. Die fehlenden Beine des Bettlers waren es nicht. Wie soll ich da gut rauskommen? Mir ist klar, dass ich den Großen nicht Sympathie verordnen kann. So was funktioniert nicht. Aber ich kann mich unabhängig von einer Intervention bei Lars und Moritz um Nils und sein Leid kümmern.

"Die wollen nicht mit Dir Spielen." Feststellung, Kontaktaufnahme. Das ganze "Sollen sie aber doch" wisch ich weg. Ich nehme Nils auf den Arm. "Komm, wir holen Salat aus dem Garten fürs Abendessen." Nils sucht einen schönen Salatkopf aus.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 200f.

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Montag, 20. Juli 2026

Dass ich dem Süßkram abschwöre

 


Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Paul fragt Luca, woran er festhält.

Paul    Woran hältst Du zum Beispiel fest?
Luca   Am Süßkram. Das gebe ich nicht auf. Sie ist voll dagegen. Aber
           es schmeckt einfach! Und sie glaubt bestimmt ihr Leben lang, dass
           das ungesund ist.

P   Gibt es bei Euch deswegen dann nicht dauernd Streit?
L   Streit trifft es nicht. Hast Du beim Süßkram Streit?
P   Jedes Mal. Und immer diese Nörgelei, dass ich das einsehen soll und
     dass sie recht hat und nur mein Bestes will. Und neuerdings diese
     „Gespräche“.
L   Was für „Gespräche“?
P   Sie ist modern. Sie liest solche Bücher, geht in Kurse und Seminare
     und lernt, was die beste Methode für den Umgang mit Kindern ist.
     Da sind "demokratisch-partnerschaftliche" Gespräche angesagt,
     auf Augenhöhe, mit Ich-Botschaften. Mit allen psychologischen
     Tricks.
L   Von Erzieher zu Zögling, von oben nach unten. Die Methoden werden
     raffinierter, nichts ändert sich wirklich.
P   Nein. Es ist nicht wie bei Dir von Gleich zu Gleich.
L   Unser Konflikt ist offen und klar, ohne Tricks und Manöver. Ich sehe
     oft, dass ihre Sicht besser passt, und kann dann zustimmen. Aber bei
     anderen Sachen eben nicht, wie beim Süßkram.
P   Und?
L   Ich ändere mich nicht, sie ändert sich nicht. Das ist kein Drama. Es ist
     eher ein bisschen komisch.
P   Du siehst so etwas mit Humor?
L   Warum nicht?
P   Wenn sie Dir keinen Süßkram lässt?
L   Ich werd auch ohne sie schon noch drankommen.
P   Ach so.
L   Aber das ist nicht der Punkt.
P   Sondern?
L   Sie lässt mir keinen Süßkram, aber sie lässt mir meine Innere Welt,
     und zwar immer. Sie tastet meine Selbstachtung und meinen Wert
     nicht an.
P   Du kannst ihrer Meinung nach ein Süßkram-Fan sein?
L   Ja. Sie weiß, dass ich so jemand bin. Sie achtet das.
P   Und nimmt Dir trotzdem den Süßkram weg?
L   Ja. Das ist kein Widerspruch.
P   Sie sorgt für sich selbst und will Dich nicht ändern.
L   Wir tun beide im Grunde dasselbe. Jeder sorgt für sich und tastet
     dabei die Würde des anderen nicht an. Das ist ein sehr
     verbindendes und verlässliches Gefühl, gerade bei meinen Niederlagen.

P   Meine Mutter will, dass ich dem Süßkram abschwöre.
L   Sie will ihn Dir nicht nur konkret wegnehmen?
P   Ich soll auch einsehen, dass Süßkram schlecht ist. Und dass ich
     schlecht bin, wenn ich Süßkram will.
L   Sie will Dich erziehen.
P   Ja.
L   Kultureller Imperialismus.
P   Was macht Deine Mutter? Gibt sie ihren Wunsch auf, dass Du
     Süßkram ablehnst? Dass Du Dich änderst?
L   Nein, sie gibt ihre Wünsche nicht auf. Aber sie ist auch ganz
     realistisch. Sie kennt meine Einstellung. Die respektiert sie, wenn
     sie auch hofft, dass ich meine Meinung mal ändern könnte.
P   Könntest Du?
L   Bei Süßkram? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber möglich ist
     alles. Mich drängt ja keiner. Ich kann es mir jederzeit überlegen.
P   Bei Dir ist alles so unproblematisch.
L   Also, Probleme habe ich auch.
P   Aber sie sind leichter. Niemand geht Dir an die Seele.
L   Die Achtung vor unseren Inneren Welten ist immer präsent.
     Dieser Fluss wird nicht beeinträchtigt. Das ist schon sehr
     entspannend.
P   Es kommt mir wunderschön vor.
L   Ich wünsche Dir das auch. 


Montag, 13. Juli 2026

Geh mal in eine Universität

 


Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Luca hat im letzten Post erzählt, dass er tut, was seine Mutter will – wenn er merkt, dass ihr Anliegen mehr Gewicht hat als seins. Aber was ist, wenn ihre Wünsche gleich dringlich sind?

Paul:   Und was machst du, wenn Dir etwas genauso wichtig ist?
Luca:   Dann sehe ich zu, dass passiert, was ich will.

P   Auch wenn Du merkst, dass es Deiner Mutter wichtiger ist?
L   Wenn meine Dringlichkeit zu 100 Prozent gegen ihre Dringlichkeit
     steht, sorge ich für mich.
P   Da hast Du keine Chance. Erwachsene sind immer überlegen.
L   Nein. Sie können nur die Hälfte aller Konflikte gewinnen.
P   Aber sie haben Macht.
L   Nicht nur sie. Sie haben Muskelkraft, Geld und intellektuelle
     Überlegenheit. Aber wir sind oft stärker: durch unsere
     psychologischen und psychosomatischen Machtmittel.
P   Du meinst unsere Emotionen und Töne?
L   Ja. Wenn Du die richtigen Gefühle ansprichst und genau die
     Frequenzen raus hast, die zu Deiner Mutter passen, lässt sie Dich
     machen.
P   Meine Mutter nennt das Quengeln, Nörgeln, Jaulen, Heulen...
L   Hör auf, das ist die diskriminierende Sprache der alten Zeiten.
     Meine Mutter würde nie so von mir reden.
P   Weil sie merkt, dass Du nicht gegen sie, sondern für Dich bist.
L   Ja, das ist sehr entscheidend. Meine Machtmittel setze ich nie
     gegen sie ein, sondern nur für mich. Da muss sie sich nicht mit
     Diskriminierungen verteidigen.
P   Ihr habt einen ehrlichen Kampf. Von König zu König.
L   Mir kommt Autorität zu, ebenso wie ihr. Das kommt aus der
     Liebe zu uns selbst und ist nie gegen andere gerichtet.
P   Du hast eine Königsbeziehung.
L   Ja.
P   Ich habe eine Erziehungsbeziehung. Erzieher oben, Zögling unten.
     Verschleiert als demokratisch-partnerschaftliches Verhältnis.
L   Es gibt auch eine Partnerschaft zwischen Herrscher und Sklave.
P   Es ist nicht wirklich von Gleich zu Gleich.
L   Weil sie meint, dass Du noch kein richtiger Mensch bist.
     Sondern erst einer werden musst. Durch Erziehung.
P   Geh mal in eine Universität und hör Dir an, was da über Kinder
     gelehrt wird.
L   Ich weiß, Pädagogik.

L   Ich kann mich aber oft genug auch nicht durchsetzen.
P   Und was machst Du dann?
L   Na, nicht das, was ich wollte.
P   Ich meine es nicht auf der Handlungsebene. Wie fühlst Du Dich
     dabei?
L   Also...
P   Wenn meine Mutter sich durchsetzt, geht es mir ganz schlecht.
     Erstens kann ich nicht tun, was ich will. Handlungsebene. Das
     ist schlimm genug. Aber dann kommt noch ihr "Sieh das ein"
     und „Ich habe recht“ und „Es ist für Dich besser so“. Diese
     Selbstverständlichkeit, diese Arroganz, diese Finger in meiner
     Seele!
L   He, beruhige Dich. Sie ist nicht da. Ich versteh Dich. Es ist
     schrecklich, wenn Erwachsene so drauf sind.
P   Am schlimmsten ist, dass sie nichts, absolut nichts davon merkt,
     was bei mir abläuft. An Selbstwertzweifeln. Und Schuldgefühlen.
     Weil ich wieder etwas verkehrt gemacht haben soll.
L   Das kann sie nicht merken, weil sie voll bester Absicht ist. Sie
     liebt Dich. Sie meint, dass sie Dir etwas Gutes tut, wenn sie sich
     so um Deine Einsicht bemüht. Ihr fehlt das Bewusstsein, etwas
     Unrechtes zu tun.
P   Wie geht es Dir, wenn Deine Mutter sich durchsetzt?
L   Ich ärgere mich. Oder ich bin wütend. Das ist aber ziemlich
     schnell vorbei. Aus meiner Wut wird kein Hass.
P   Weil sie es für sich und nicht gegen Dich tut
L   Ja, irgendwie merke ich das immer. Und was soll ich mich lange
     über etwas aufregen, das doch nicht zu ändern ist?
P   Du gibst Deine Ziele auf?
L   Nein. Ich bin nur realistisch. Ich kann Niederlagen akzeptieren.
P   Du fühlst Dich nicht schlecht dabei?
L   Es sind Niederlagen meines Tuns, nicht meines Werts, vergiss das
     nicht. Mein Wert wird von meiner Mutter nie angegriffen.
P   Ich fühle immer, dass auch mein Wert herabgesetzt wird. Ich muss
     immer besser werden.
L   Trotzdem will ich meine Ziele erreichen. Was jetzt nicht geht, geht
     vielleicht später.

Paul:  Woran hältst Du zum Beispiel fest?


*

Woran Luca festhält, erzählt er im nächsten Post.

 

Montag, 6. Juli 2026

Sie hat auch dieses schreckliche Zeug

 


Ich schreibe gern in Bildern und lade in emotionale Welten ein. Luca und Paul sind noch kein Jahr alt, sie sitzen auf der Krabbeldecke und unterhalten sich. Ich höre zu und übersetze.

Luca:  Deine Mutter hat Dich auch nicht gelassen.
Paul:  Nein. Das ärgert mich.
Luca:  Mich auch
Paul:  Sie lassen uns nicht tun, was wir wollen.
Luca:  Stimmt.
Paul:  Es ist unmöglich. 

L  Deine Mutter hat so eine schaurige Ausstrahlung.
P  Sie hat schöne Ausstrahlungen. Sie liebt mich.

     Aber sie hat auch dieses schreckliche Zeug. 

L   Was ist das? Meine Mutter hat das nicht.
P   Sie fühlt sich für mich verantwortlich.
L   Sie fühlt sich für Dich verantwortlich?
P   
Sie weiß besser als ich, was für mich gut ist.
L   Das meint meine Mutter auch.
P   Nein, da ist ein Unterschied.
L   Ein Unterschied?
P   Meine Mutter meint das nicht nur aus ihrem Wissen.
L   Sondern?
P   Sie sagt, Erwachsene können wirklich alles besser beurteilen als
     Kinder.
L   Das meint sie doch nicht im Ernst.
P   Doch. Davon ist sie felsenfest überzeugt.
L   Niemals kann ein Mensch etwas besser beurteilen als ein anderer.
     Jeder tut es auf seine Weise, aus seiner eigenen Inneren Welt
     heraus. Da sind alle gleichwertig.
P   Sie glaubt, das gilt nicht bei Erwachsenen und Kindern.
L   Da hält sie ja an völlig überholten Ansichten fest.
P   Leider. Aber es ist die Sicht ihrer Eltern und deren Eltern.
     Das hat lange Tradition.
L  Weiß ich, aber meine Mutter ist da anders. Die Postmoderne kann
     an Deiner Mutter doch nicht spurlos vorübergegangen sein.
P   Schön wäre es. Aber sie erkennt nicht, dass wir vollwertige Menschen
     sind. Dass wir uns selbst gehören und selbstverantwortlich sind, von
     Anfang an. Sie setzt auf Erziehung.

L   Hast Du mit ihr noch nicht darüber gesprochen?
P   Tausendmal. Aber sie versteht es nicht.
L   Meine Mutter sagt, dass sie ihre Selbstverantwortung als Kind beinah
     verloren hat. Weil die Erwachsenen das damals nicht gelten lassen
     wollten.
P   Und?
L   Sie hat sich nicht beirren lassen. Sie hat sich versteckt, und keiner
     hat gemerkt, dass sie immer noch an sich glaubte.
P   Wenn ich mit meiner Mutter über diese Dinge rede, wird sie ärgerlich.
     Sie sagt dann, dass ich trotzig und ungezogen bin.
L   Das muss ja alles sehr anstrengend für Dich sein.
P   Ist es auch.

P   Meiner Mutter geht es auch schlecht dabei.
L   Weil Du Dir ihren Überfall auf Deine Innere Welt nicht gefallen
     lässt.
P   Natürlich nicht. Niemals!
L   Und deswegen hast Du Dich losgerissen und bist noch mal auf das            
     Ding da los.
P   Klar. Auf die Schweineschnauze.
L   Sie sagte zu Dir „Steckdose“. Aber wir haben es doch im Bilderbuch
     gesehen, es sah aus wie die Schnauze von einem Schwein.
P   Also, ich muss meiner Mutter immer klarmachen, dass sie in meiner
     Inneren Welt nichts zu suchen hat mit ihren Ansprüchen. Sie kann
     mich besuchen, o.k. Aber sie hat kein Recht, ihre Erkenntnisbäume
     in mich zu pflanzen.
L   Stimmt.
P   Wenn sie anderer Meinung ist als ich und das Ding da unten an der
     Wand für eine "Steckdose" hält, dann ist das ihre Sicht.
L   Die kann sie Dir sagen, aber es muss klar sein, dass Du eine andere
     haben kannst und nichts einsehen musst.
P   Genau das tut sie nicht.
L   Wir sollten einen Weltkongress einberufen. Alle Menschen in
     unserem Alter würden das Ding da für eine Schweineschnauze
     halten.
L   Wenn sie vorher das Buch gelesen haben.
P   Und unser Kongressergebnis steht gleichrangig neben dem Ergebnis
     des Erwachsenenkongresses. Jeder erkennt seins.
L   Aber Du sollst einsehen, dass es keine Schweineschnauze ist,
     sondern eine "Steckdose". Und dass sie recht hat.
P   Das macht mich kaputt.
L   Und weil sie es nicht schafft, geht es ihr auch schlecht.

P   Deine Mutter hat doch auch "Steckdose" gesagt.
L   Ja. Aber es war ihre Sicht. Meine hat sie gelten lassen.
P   Sie lässt Deine Sicht gelten?
L   Ja.
P   Immer?
L   Immer.
P   Was hältst Du von ihrer Sicht?
L   Eigentlich redet sie keinen Unsinn.
P   Du glaubst ihr?
L   Sie ist vertrauenswürdig.
P   Weil sie Deine Innere Welt achtet.
L   Ja.
P   Ich komme gar nicht mehr auf die Idee, meiner Mutter noch irgendwo
     zu vertrauen.
L   Aber sie hat mich nicht überzeugt. "Steckdose"? Es wird sich schon
     noch klären.
P   Bist du denn freiwillig weggeblieben?
L   Ich habe gemerkt, wie wichtig ihr das war. Ich bekomme so etwas
     immer  mit. Und sie merkt meine Dringlichkeit.
P   Die kann sie auch merken, weil sie in Dir nichts durchsetzen will. Da
     ist sie offen für das, was Dir wichtig ist.
L   Genau. Und ich bekomme ihre Dringlichkeit mit, weil ich mich nicht
     verteidigen muss.
P   Ich kann so etwas nicht merken. Ich muss dauernd aufpassen, dass
     sie nicht schon wieder ihre Pflöcke in mein Land rammt.
L   Ich bekomme also mit, wie wichtig ihr das ist, dass ich von der
     Schweineschnauze wegbleibe. Ich habe mich gefragt, ob mir meins
     wichtiger ist.
P   Und?
L   Sie hatte solche Not, dass ich ganz erstaunt war.
P   Du hast nachgegeben?
L   Nein. Das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich lass sie, wenn es ihr
     dermaßen wichtig ist. Warum auch nicht. Ich liebe sie doch.
P   Wie Du das sagst... Aber ich versteh Dich. Du fühlst Dich nicht
     angegriffen. Du hörst hin, wenn sie Probleme hat, und kannst
     großzügig sein.
L  Großzügig? Es ist doch selbstverständlich, dass ich jemandem helfe,
     wenn ich kann. Und wenn ich ihn liebe, um so eher.

Paul:  Und was machst Du, wenn Dir etwas genauso wichtig ist?

 

*

Was Luca dann macht, kommt im nächsten Post..



Montag, 29. Juni 2026

Zähneputzen ist saugefährlich!

 


 »Putz die Zähne!«

 »Papa, weißt Du, wer 2026 den Nobelpreis für 
Medizin bekommt?« 
»Mach den Mund auf!« 
»Den Nobelpreis bekommt 2026 ein Zahnarzt.« 
»Was?« 
»Ja, ein Dr. Schäfer, er ist Zahnarzt.« 
»Was soll der Quatsch!« 
»Er bekommt ihn für sein Lebenswerk, 
er ist 85, und er hat 60 Jahre geforscht.« 
»Was hat er geforscht?« 
»Er hat in einer großen Langzeitstudie 
herausgefunden, dass beim Zähneputzen 
ein sehr seltenes Mineral vom Zahn abgerieben 
wird. Die Wissenschaft hat es nach ihm benannt:
Schaeferidium. Es wird immer nur extrem wenig 
abgerieben, aber immerhin. Im Laufe der Jahre 
kommt da was zusammen.« 
»Was redest Du und redest Du, mach endlich 
den Mund auf!« 
»Es lagert sich ab, in den Körperzellen. Und es 
häuft sich, ganz verschieden bei den Menschen, 
mal mehr in der Leber, in der Lunge, in der Brust, 
im Hoden.« 
»Jetzt reichts!« 
»Papa, er hat den Nobelpreis gekriegt. Weil er 
den Zusammenhang gefunden hat.« 
»Was für einen Zusammenhang?« 
»Na den von Zähneputzen und Krebs.« 
»Von Zähneputzen und Krebs?« 
»Ja. Beides gibt es doch wirklich erst seit ungefähr 
100 Jahren. Er hat nachgewiesen, dass das beim 
Zähneputzen abgeriebene Mineral Schaeferidium  
die wirkliche Ursache für Krebs ist. Zähneputzen 
ist saugefährlich! Kann ich jetzt ins Bett?«
 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 143f.


 

Montag, 22. Juni 2026

Jetzt bist Du völlig durchgeknallt

 


Wer will denn überhaupt wissen, was richtig und falsch ist im Umgang mit Kindern? Die Experten? Die über uns thronen und sagen, wo es lang geht? In unseren Gedanken leben sie schon, diese Schriftgelehrten der Pädagogik und Psychologie. Und haben uns im Griff. Was nicht sein muss.

Ich nenne diesen gelehrten Herrschaften, die gerne so genau Bescheid wissen, freundlich beim Spitznamen. Und hole sie damit vom Sockel. Es kann ja ganz interessant sein, sich mit ihren Ansichten und Expertisen zu befassen. Wem das Spaß macht. Aber es ist nicht die Wahrheit, es ist die Sicht von diesen Menschen auf die Dinge. Und ich entscheide, was ich davon halten soll.

Da läuft mir vor hundert Jahren Sigi über den Weg. »Hubi«, sagt er zu mir, »ich habe da was entdeckt.« »Und was bitte?« »Das Ich, das Es und das Über-Ich. Strukturmodell«, sagt er stolz. »Was soll das«, sage ich, »das gibt es doch gar nicht. Wieder eine Deiner seltsamen Ideen.« »Doch doch«, sagt Sigmund Freud, und fängt an zu erklären.

»Lass den Stuss, Sigi«, sage ich. »Das ist doch Unsinn.« »Nein«, beharrt er, »die machen da eine Wissenschaft draus.« »Wie bitte?« »Ja, das packe ich alles zur Psychoanalyse.« »Jetzt bist Du völlig durchgeknallt, Sigi. Die Sache mit der Psychoanalyse ist doch schon seltsam genug.« Ich bin genervt. »Nein, lass mal«, sagt er überzeugt, »das wird eine große Sache in der Zukunft.« »Echt jetzt? Dann erklär doch noch mal.«

Mary ist am Telefon. »Du hast angerufen?« »Ja«, sage ich, »Mary, was soll das mit Deiner ›vorbereiteten Umgebung‹? Mach doch einfach mal spontan. Die Kinder finden schon ihren Weg.« »Nein«, sagt sie, »die vorbereitete Umgebung ist wichtig.« Und Maria Montessori fängt an zu erklären. »Außerdem«, sagt sie, »ist es wichtig, dem Leben zu helfen. Ein fundamentales Prinzip, verstehst Du?« »Seh ich andersrum, Mary«, antworte ich, »das Leben hilft uns.« Es gibt ein langes Gespräch.

In einer Kongresspause spreche ich Rudi an. »Rudi«, sage ich, »was hast Du denn bloß gegen Plastik? Das ist doch ganz nützlich. Holz geht nicht immer.« »Nein«, Rudolf Steiner besteht darauf, dass Plastik für die Kinder nicht gut sei. »Plastikfreie Zone.« Und Rudi erklärt mir auch seine Bewegungskunst. »Nenne ich Eurythmie.« Und er sagt, dass man damit seinen eigenen Namen tanzen kann. »Ja«, antworte ich, »interessante Idee, wenn man das denn mag.«

Es spricht aber auch nichts dagegen, mal ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Vortrag oder ein Seminar zu besuchen. Den Horizont erweitern. Theorien wälzen und sehen, wie andere das mit den Kindern so hinkriegen. Ich habe ja auch solche Bücher gelesen und welche geschrieben. Und wenn so etwas auch nicht wirklich nötig ist, so ist es doch schön, macht Spaß und kann hilfreich sein.

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 110ff.



 


Montag, 15. Juni 2026

Forschen Sie mal

  
 

 
Was stimmte nicht? Hatte ich mich verrannt? Braucht es doch Erziehung? Ich wollte in Ruhe herausfinden, ob das nun stimmt, die Sache mit der Krone. Ich verließ die Schule. Ich wollte an der Uni eine Forschung durchführen und es herausfinden.

„Gehst Du wegen uns?“ fragten die Kinder. „Nein, nicht wegen Euch.“ „Du sollst auch nicht gehen, Du bist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis.“ Und solche Sprüche. „An Deiner Stelle kommt ein ganz normaler Lehrer. Das wollen wir nicht.“ Ich sagte ihnen, dass wir gut miteinander auskommen, und dass es andere Gründe gab. Welche, sagte ich nicht. Ich wollte sie nicht gegen die Kollegen aufbringen. Ausweichend so etwas wie „Ich will ein Buch über Kinder schreiben“. Es war schon schwer für mich, ich ließ sie irgendwie im Stich. Aber ich würde es ihnen vergelten, ich würde für ihre Gleichwertigkeit arbeiten und dafür kämpfen, mein Leben lang. Das tröstete sie nicht, aber mich.

Also zurück zur Uni. Meine Psychologieprofessorin von damals war amüsiert. Sie kannte ja meine Position. „Sind sie gescheitert, Herr von Schoenebeck?“ „Das kann man so nicht sagen, mit den Kindern komme ich gut zurecht, aber mit den Kollegen nicht. Ich will mir Zeit nehmen und der Sache auf den Grund gehen. Ich will eine Studie durchführen, ob meine Sicht stimmt. Ob Kinder selbstverantwortlich sind, ob man nichtpädagogische Beziehungen allen Ernstes realisieren kann. Ich will darüber ein empirisches Forschungsprojekt durchführen.“ „Forschen Sie mal“, sagte sie.

Und dann nahm ich mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land.

Ich nahm das alles in mich auf. Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, sehr gut. Ich war Doktor der Philosophie.

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 41ff.




 

Montag, 8. Juni 2026

Wenn das Auto anhält

 


Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk.

Was macht sich da in mir breit? Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten.

Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Subito! So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis.

Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. »Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.«

Das kenne ich schon, meins ist es nicht – eigentlich. Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur.

Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne. Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. 

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 209f.



 

Montag, 1. Juni 2026

Da rebellierte meine

 


Der postmoderne Impuls mit seiner grundlegenden Gleichwertigkeit ist ein Grundpfeiler meiner Identität. Im Lehrerstudium wurde ich damit konfrontiert, Kinder zu erziehen. Ich sollte sie als unfertige Menschen ansehen, die mit meiner Erwachsenenhilfe vollwertige Menschen würden. Da rebellierte meine Gleichwertigkeitsidentität, meine postmoderne Grundposition lief Sturm:  

Die Gleichwertigkeit gilt doch nicht nur bei Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, Katholiken und Protestanten, Mensch und Natur, sondern auch zwischen Erwachsenen und Kindern, im Kinderzimmer und im Klassenzimmer! Anders war das mit mir nicht zu machen. Ich war verblüfft und konsterniert. Und perplex, dass ich da so alleine stand.  

Aber ich habe mich nicht beirren lassen. Ich war, bin und bleibe ein Kind der Postmoderne, egal, wie alt ich bin – und alle Kinder sind aus postmoderner Sicht vollwertige Menschen. Nie im Leben müssen junge Menschen erst zu vollwertigen Menschen gemacht werden!

Der erzieherische missionarische Formungsauftrag wird vom Children’s Rights Movement, der Antipädagogik und der Amication als kultureller Imperialismus und Adultismus erkannt, abgelehnt und durch postpädagogische Beziehungen auf gleicher Augenhöhe ersetzt.









Montag, 25. Mai 2026

Schauen Sie mal aus dem Fenster

 


Mein Handy klingelt. »Hallo?« Ein berüchtigter Kindsmörder ist dran. »Sie behaupten doch, ein Mörder habe gleichen Wert wie ein Arzt?« »Ja, hat er!« »Das ist doch Unsinn, das glauben Sie doch selbst nicht. Ich bin ein Mörder und viel weniger wert als ein Arzt. Und um Ihnen Ihren Unsinn zu beweisen: Schauen Sie mal aus dem Fenster, ich bin hier hinten im Gebüsch.«

Ich sehe ihn, er winkt. »Und ich habe Ihre Tochter, die bringe ich jetzt um. Da werden Sie schon merken, was für ein Bösewicht und Ekel ich bin. Nehmen Sie Ihr Fernglas, da können Sie zusehen.« Ich habe aber kein Fernglas parat, sondern ein Gewehr mit Zielfernrohr.

Blitzschnell nehme ich es hoch, ziele auf sein Messer und drücke ab. Da er sich beim Zustechen bewegt hat, treffe ich nicht das Messer, sondern seine Brust, meine Tochter ist unversehrt. Ich stürze aus der Wohnung und renne die hundert Meter zu ihm hin. »Du elendes Schwein, Du stichst keine Kinder mehr ab!« Ich trete ihn vor Wut.

Nein, es ist ganz anders: Ich renne zu ihm hin, er liegt auf dem Boden, ich nehme ihn in den Arm, er sieht mich mit brechenden Augen an: »Ich bin ein Schwein«, sagt er leise. »Nein«, sage ich und streichle ihm über den Kopf, »Du bist ein Ebenbild Gottes wie ich. Du gehst nur einen Weg, den ich nicht mitgehen kann.«

 

Montag, 18. Mai 2026

Ist da nur am Rande wichtig


 

 

Erwachsene sehen Kinder vor allem als Wesen, die werden, weniger als Wesen, die sind. Kinder wachsen und entwickeln sich. Wer sie jetzt sind, ist da nur am Rande wichtig. Wie lassen sich Kinder als Menschen erkennen, die jetzt schon real existieren mit genau diesen jetzt real existierenden Eigenschaften? Wer ist dieses Kind vor mir jetzt?

Ein NochEinBrotKind
Ein BinNichtMüdeKind
Ein ErzählMirEineGeschichteKind
Ein SchonFertigKind
Ein HundeRausgehKind
Ein LassMichInRuheKind
Ein IchHelfDirKind
Ein SagIchNichtKind
Ein FaxenMachKind
Ein DreckigeHoseKind
Ein GeldKlauKind
Ein IchEssDasNichtKind
Ein HändeWaschKind
Ein ZigarettenKind
Ein KlavierÜbeKind
Ein WieSpätIstEsKind
Ein BlumenPflückKind
Ein MeinZahnIstWegKind
Ein NaseputzKind
Ein BücherLeseKind
Ein MirIstKaltKind
Ein HabIchAberWohlKind
Ein WennEsSeinMussKind
Ein WiderworteKind
Ein IchHabDichLiebKind
Ein LügenKind
Ein DaumenLutschKind
Ein VerbotenesExtraTuKind
Ein SplitterRausziehSchreiKind
Ein MachNochEinenVersuchKind
Ein KriegIchNochEinEisKind
Ein ZuDünnAnziehKind
Ein VerboteneSüssigkeitenKaufKind
Ein FingernägelKnabberKind
Ein EndlostTefonierKind
Ein AufessKind
Ein BeimZahnarztDenMundAufmachKind
Ein WeihnachtsGeschenkeBastelKind
Ein SchwesterÄrgerKind
Ein EmpfindlicherMagenKind
Ein FrecheAntwortenGebeKind
Ein InsBettMachKind
Ein ToterHaseAnfassKind
Ein SmartphonAusstellKind
Ein SchonWiederApfelImBettEssKind
Ein MorgensZeitigAufstehKind
Ein ZahnspangenBenutzeKind
Ein BierTrinkKind
Ein NasseBadehoseAusziehKind
Ein KokelKind
Ein IchMöchteDasNichtKind
Ein IstMirDochEgalKind
Ein MamaBleibHierKind
Ein SpielsachenZerstörKind
Ein SchonWiederAufstehKind
Ein BaumSehrHochKletterKind
Ein TreppengeländerRuscheKind
Ein DiscoBesucheKind
Ein MitTierenBehutsamUmgehKind
Ein AnDerHandGehKind
Ein JammerUndGeschreiKind
Ein FährtVernünftigMitDemRadKind
Ein IchHabSchlechtGeträumtKind
Ein BruderSchlageKind
Ein TaschengeldSparKind
Ein DauerndWarumFrageKind
Ein IchZiehMichAnKind
Ein DasHabIchVergessenKind
Ein SchrankAufräumKind
Ein WoGehenWirHinKind
Ein KarateTrainingKind
Ein IchDuschMichKind
Ein FrühstücksbrotAufessKind
Ein SpielstDuMitMirKind
Ein MädchenSindBlödKind
Ein IchGehJetztLosKind
Ein DasSagIchAberMamaKind
Ein MedizinEinnehmeKind
Ein MachIchSpäterKind
Ein DankeSagKind
Ein IchEntschuldigeMichKind
Ein TobeKind
Ein DenToasterDochBenutzeKind
Ein NachtsNichtNachHauseKommKind
Ein GemüseEssKind
Ein BüchereiBücherRückgabeKind
Ein TretenBeissenKratzenSpuckenKind
Ein GutInDerSchuleKind
Ein DerHatAberMehrKind
Ein IchFreuMichAufKind
Ein DaranHabIchNichtGedachtKind
Ein AutoAnschnallKind
Ein AmeisenTottretKind
Ein WoIstMeinTeddyKind
Ein SonnencremeEinreibKind
Ein JungenSindDoofKind
Ein KicherKind
Ein WiesoDennKind
Ein KatzenFütterKind
Ein BringMirWasMitKind