Montag, 24. August 2026

Und rotzig-trotzig antwortet er

 

 

Das Jahr 1900. Junge Männer machen einen gemütlichen Weinabend und diskutieren über Gott und die Welt. Auf einmal sagt einer: »Ich glaube, meine Freundin ist ein richtiger Mensch.«

Stille. »Was willst Du damit sagen?« »Frauen sind Männern ebenbürtig, gleichwertig, eben vollwertige Menschen.« Noch mehrStille. »Sie wollen an die Uni und studieren. Sie wollen in die Politik. Sie wollen das Wahlrecht.«

Große Aufregung. »Du spinnst doch wohl, Frauen können nicht mal rechnen, und wenn sie in der Politik mitbestimmen, geht die Welt zugrunde.« »Lasst den Unsinn, ich finde, meine Freundin hat recht. Sie hat auf ihrem Kopf die Würdekrone der Gleichwertigkeit.« »Da kannst Du fühlen, da sind Haare, sonst nichts.« »Das mein ich doch nicht so! Ich seh das eben. Mit dem Herzen. Männer und Frauen sind gleichwertig.« Die Freunde streiten sich. Er soll beweisen, dass das stimmt.

Wie wollen Sie – die Frauen hier im Raum – denn beweisen, dass Sie gleichwertig sind wie Männer? Sie fahren mit dem Zug nach München. Unterwegs setzt sich ein braungebrannter Mann neben Sie. Langer Bart, sympathisch. Sie kommen ins Gespräch. »Im übrigen«, sagt er, »ich heiße Taliban. Sie haben noch zwei Stunden, um mich zu überzeugen, dass Sie mir gleichwertig sind.«

Wenn Sie das nicht als unverschämt zurückweisen, sondern eine Chance sehen, diesen Mann zu erreichen, und sich darauf einlassen: Was wollen Sie tun? Diskutieren? Grundgesetz zitieren? Gedicht vorlesen? Ein Lied singen? Sie erzählen von unserer Art zu leben und ziehen alle Register.

In München steigt er aus und sagt: »Ich habe das schon verstanden. Ich kenne die Position Ihrer Kultur. Es ist ja nicht so, dass ich meine Frau nicht liebe. Aber gleichwertig – ist sie mir nicht.« Sie haben sein Herz nicht erreicht. Er bleibt bei seinem Menschenbild: Männer oben – Frauen unten.

»Beweise, dass das stimmt«, sagen die Freunde. »Das kann ich nicht«, sagt er, »es ist ein Menschenbild. So etwas kann man nur mit dem Herzen sehen, nicht beweisen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Frauen sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die tanzt Dir doch nur auf der Nase rum. Oder Du musst Frauenkleider anziehen. Oder Dir die Lippen schminken. Wegen der Gleichwertigkeit.«

Was soll er sagen? Er weiß es nicht. Wen kann er fragen? Keiner weiß, wie das geht, gleichwertige Beziehungen mit Frauen. Der Bruder nicht, der Vater nicht, der Onkel nicht, und diese Freunde erst recht nicht. »Ich weiß nicht, wie das geht«, sagt er. »Klar, und da wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig antwortet er: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Genau mein Problem! »Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« 

 Fortsetzung im nächsten Post. 

 

*

Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 31ff.

 

 



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