Wer will denn überhaupt
wissen, was richtig und falsch ist im Umgang mit Kindern? Die
Experten? Die über uns thronen und sagen, wo es lang geht? In
unseren Gedanken leben sie schon, diese Schriftgelehrten der
Pädagogik und Psychologie. Und haben uns im Griff. Was nicht sein
muss.
Ich nenne diesen gelehrten
Herrschaften, die gerne so genau Bescheid wissen, freundlich beim
Spitznamen. Und hole sie damit vom Sockel. Es kann ja ganz
interessant sein, sich mit ihren Ansichten und Expertisen zu
befassen. Wem das Spaß macht. Aber es ist nicht die Wahrheit, es ist
die Sicht von diesen Menschen auf die Dinge. Und ich entscheide, was
ich davon halten soll.
Da läuft mir vor hundert
Jahren Sigi über den Weg. »Hubi«, sagt er zu mir, »ich habe da
was entdeckt.« »Und was bitte?« »Das Ich, das Es und das
Über-Ich. Strukturmodell«, sagt er stolz. »Was soll das«, sage
ich, »das gibt es doch gar nicht. Wieder eine Deiner seltsamen
Ideen.« »Doch doch«, sagt Sigmund Freud, und fängt an zu
erklären.
»Lass den Stuss, Sigi«,
sage ich. »Das ist doch Unsinn.« »Nein«, beharrt er, »die machen
da eine Wissenschaft draus.« »Wie bitte?« »Ja, das packe ich
alles zur Psychoanalyse.« »Jetzt bist Du völlig durchgeknallt,
Sigi. Die Sache mit der Psychoanalyse ist doch schon seltsam genug.«
Ich bin genervt. »Nein, lass mal«, sagt er überzeugt, »das wird
eine große Sache in der Zukunft.« »Echt jetzt? Dann erklär doch
noch mal.«
Mary ist am Telefon. »Du
hast angerufen?« »Ja«, sage ich, »Mary, was soll das mit Deiner
›vorbereiteten Umgebung‹? Mach doch einfach mal spontan. Die
Kinder finden schon ihren Weg.« »Nein«, sagt sie, »die
vorbereitete Umgebung ist wichtig.« Und Maria Montessori fängt an
zu erklären. »Außerdem«, sagt sie, »ist es wichtig, dem Leben zu
helfen. Ein fundamentales Prinzip, verstehst Du?« »Seh ich
andersrum, Mary«, antworte ich, »das Leben hilft uns.« Es gibt ein
langes Gespräch.
In einer Kongresspause
spreche ich Rudi an. »Rudi«, sage ich, »was hast Du denn bloß
gegen Plastik? Das ist doch ganz nützlich. Holz geht nicht immer.«
»Nein«, Rudolf Steiner besteht darauf, dass Plastik für die Kinder
nicht gut sei. »Plastikfreie Zone.« Und Rudi erklärt mir auch
seine Bewegungskunst. »Nenne ich Eurythmie.« Und er sagt, dass man
damit seinen eigenen Namen tanzen kann. »Ja«, antworte ich,
»interessante Idee, wenn man das denn mag.«
Es spricht aber auch
nichts dagegen, mal ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Vortrag
oder ein Seminar zu besuchen. Den Horizont erweitern. Theorien wälzen
und sehen, wie andere das mit den Kindern so hinkriegen. Ich habe ja
auch solche Bücher gelesen und welche geschrieben. Und wenn so etwas
auch nicht wirklich nötig ist, so ist es doch schön, macht Spaß
und kann hilfreich sein.
*
Aus meinem Buch „Kinder
sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 110ff.