Montag, 30. März 2026

Teufelaustreiben und Abendlandretten

 

 

 

Noch einmal das Wichtigste: Wenn wir uns nicht einigen, wird es von mir keinen Angriff auf die innere Welt meines Kindes geben. Es geht nicht um Trotz, den es zu brechen gilt, nicht um das Teufelchen, das ausgetrieben, nicht um das Abendland, das gerettet werden muss. Das Kinder-Nein ist der Ausdruck eines Menschen, der aus seiner Souveränität heraus einen anderen Weg gehen will als ich. Was ich aus meinen Gründen aber nicht zulasse. 

Und wenn ich seine Seele nicht angreife, gibt es auch nicht die entsprechend vehemente Verteidigung dagegen. Es soll das passieren, was ich will. Dabei geht es mir nur um das handlungsmäßige »Tu das!« oder »Lass das!«, nicht um das psychische »Sieh das ein!«. Frei von Trotzbrechen, Teufelaustreiben und Abendlandretten habe ich das Herz frei für psychisches Hören, für Empathie. 

In gleicher Weise kann mein Kind mich wahrnehmen, da es nicht seelisch angegriffen wird und seine Kraft nicht in der seelischen Verteidigung gegen mich Erwachsenen aufreiben muss. Wir beide bekommen also den anderen in seiner Befindlichkeit und seiner Dringlichkeit mit. Wir beide sind offen und merken, wie wichtig dem anderen sein Interesse ist, wirklich ist, auf der emotionalen und existenziellen Ebene. 

Wir erfahren, wer der andere nach seinem Selbstverständnis ist. Solch grundlegende Empathie gehört zu unserem Alltag. Dieser emotionale Austausch geht ein paarmal hin und her, mal mit Worten, mal mit Erklärungen, mal ohne. Wir wissen dann um einander Bescheid. Und da die Dringlichkeiten zweier Menschen selten genau gleich groß sind, passiert dann die Empathie Zauberei, dass der eine den anderen machen lässt!

Übersetzt: »Dann mach Du – denn ich merke, dass es Dir wichtiger ist als mir.« Das geht aber nur, wenn nicht existenzielle Wichtigkeiten im Zentrum des Konflikts stehen: Gehorsam und Einsicht, die vom Kind verlangt werden, Würde und Selbstachtung, die das Kind respektiert wissen will.  

 

Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"," Seite 90f. 

 

Montag, 23. März 2026

Er braucht sie doch nur wegzulegen

 


Unterordnen ist ja nicht das Problem. Das können wir oft genug problemlos, beiläufig. »Geh tanken« zum Auto? Da muss ich schon selbst ran und ordne mich dem Auto und seinem Spritdurst unter. Nur fühlt sich diese Unterordnung nicht nach Herabsetzung an.

 Ein Auto tankt nicht selbst, es ist kein Tanke-Auto. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst tanke. Mein Kind räumt nicht auf. Es ist kein Aufräum-Kind. Es setzt mich nicht herab, und ich fühle mich nicht herabgesetzt, wenn ich selbst aufräume. Ist es so einfach? Für mich schon. 

Merken, wer der andere ist? Und sich darauf einstellen? »Mein Mann liest morgens beim Frühstück die Zeitung. Das ist doch blöd, wo wir uns am Tag so wenig sehen.« Die Frau beschwert sich bei ihrer Freundin. 

»Was willst Du denn?«, fragt die Freundin. »Er soll die Zeitung weglegen.« »Du willst Deinen Bernd ohne Zeitung?« »Ja klar doch.« »Es gibt aber keinen Ohne-Zeitung-Bernd, Du hast einen Mit-Zeitung-Bernd.« »Aber er braucht sie doch nur wegzulegen.« »Das tut er aber nicht. Willst Du ihm die Zeitung aus der Seele ziehen? Es gibt keinen Ohne-Zeitung-Bernd auf dieser Welt!« 

Abends vorm Einschlafen fällt ihr die Lösung ein. Am Frühstückstisch fragt sie ihren Mann: »Was steht denn in der Zeitung?« »Auf den Satz habe ich lange gewartet«, sagt er und legt die Zeitung weg. Sie lässt ihn sein, wie er ist – da kann es gut vorkommen, dass er auf ihren Wunsch eingeht. Da kann es gut passieren, dass die Kinder tun, was man gerne hätte: Mit dem Rauchen aufhören, das Zimmer aufräumen …  

 

Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"," Seite 89 

Montag, 16. März 2026

Schein der Freiheit

 

  

Das pädagogische Denken tritt bei einem großen Pädagogen, Jean-Jaques Rousseau, einmal ungeschminkt, ja brutal zu Tage. Es ist dies die unthematisierte Untergrundströmung der Pädagogik:

 Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen... Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“*

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die „Notwendigkeiten“ – der Erwachsenenvorstellungen – zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“, einfühlsames dann mit Achtsamkeitund „Ich-Botschaften“ auf „Augenhöhe“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag, um das Kind "mitzunehmen":

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor – aus seinem Selbstverständnis heraus – die innere Führung beansprucht und dem Kind die Fähigkeit, das eigene Besteaus seiner Weltdeutung herausselbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur. Die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen werden so effektvoll der Thematisierung und Diskussion entzogen.


*Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.

 

Montag, 9. März 2026

Der knallt den Hörer auf


 

Ich will, dass aufgeräumt wird. Zauberseifenblasen Marke »Aufräumen ist mein Schönstes« habe ich nicht. Ich kann Petrus anrufen und die Beschwerde loslassen: »Ich habe kein Kind bestellt, das nicht aufräumt!« Der knallt den Hörer auf: »Habe ich aber geliefert!«

Wie kriege ich jetzt die Sachen in Regal, Schrank und Schublade? Wer will denn eigentlich, dass aufgeräumt wird? Mein Kind nicht, aber ich. Also! Also wer räumt auf? Ich räume auf!

»Du räumst für Dein Kind die Sachen weg, ja spinnst Du! Wo soll das hinführen! Die machen doch mit Dir, was sie wollen!« Ich habe da ganz andere Bezüge. Was will ich denn? Das Gezeter und Theater, 10 Minuten um 10 Minuten, bis die Kinder endlich fertig sind und rauskönnen? Nicht mein Ding. Das ist es mir nicht wert.

»Räum Dein Zimmer auf.« »Nein. Will nicht.« Na gut – dann räume ich eben auf. Wo ist das Problem? Schon klar, das Nachgeben, Kind oben, Vater unten. Das stimmt zwar auf der Handlungsebene, aber nur dort und nicht auf der psychischen Ebene, jedenfalls nicht auf meiner.

Ich habe beim Aufräumen kein Unterlegenheitsgefühl. Wenn ich aufräume und die Kinder in Ruhe lasse, gibt es keinen Krach. Sondern Frieden eben, und den zettele ich an. Ich erlebe mich als Friedensstifter im Kinderzimmer, und es geht mir gut dabei. Was habe ich mir für eine viertel oder halbe Stunde Selbstaufräumen nicht alles erspart! Das ganze Machttheater und 10-Minuten-Gruseldrama. Ich räume mit guter Stimmung auf, das Zimmer ist wirklich okay, und ich habe dabei mitbekommen, welche Spielsachen repariert werden müssen. Und sauber ist es auch.

Die Kinder? Hören CD, spielen, helfen ein bisschen. Ich habe eine schöne Stunde, wir haben eine schöne Stunde. Ein guter Tausch: gute Stimmung gegen Ätze. Das mache ich nicht immer, aber durchaus. 

 

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Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", S. 87 f. 

 


Montag, 2. März 2026

Den x-ten Schokohasen von der Oma essen

 

 

Von März bis Mai bin ich zu Vorträgen unterwegs, auf Elternabenden in Kindergärten. Was biete ich an?  

Eltern lieben ihre Kinder – und erziehen sie?

Im Land jenseits der Erziehung müssen Kinder nicht erst zu richtigen Menschen gemacht (erzogen) werden. Sie tragen von Geburt an die Würdekrone des vollwertigen, ja selbstverantwortlichen Menschen auf dem Kopf und in der Seele – nicht erst mit achtzehn Jahren.

Und wenn diese wunderbaren Kronenwesen dann mit acht Monaten in die Steckdose fassen wollen? Mit drei Jahren keine Dreckstiefel ausziehen? Mit fünf den x-ten Schokohasen von der Oma essen? Mit zwölf die Zigarette nicht ausmachen? Mit siebzehn von der Party nicht nach Hause kommen?

Allen Alltagsproblemen lässt sich mit einer Beziehung ohne pädagogische Übergriffigkeit (»Sieh das ein!«) begegnen. Ein Nein ist und bleibt ein Nein – nur dass die Würde von Kindern und Eltern dabei nicht auf der Strecke bleiben muss.

In großer Breite und Tiefe wird das postpädagogische Projekt »Unterstützen statt erziehen« vorgestellt. Es gilt nicht nur in Bezug auf Kinder – auch Eltern brauchen nicht bessere Mütter und Väter zu werden. Sie sind wie ihre Kinder wunderbar, können sich lieben, so wie sie sind, und müssen gar nichts!

 

Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", S. 5