Montag, 3. Mai 2021

Das klappt doch nie? Trau Dich!


 

  

„Das klappt doch nie!“ Das wurde mir neulich vorgesetzt. „Kann schon sein, dass es nicht klappt“, dachte ich, „kann aber auch nicht sein.“ Und dann fiel mir dieses fulminante „Klappt doch nie!“-Erlebnis ein:

Als meine Tochter Xenia acht war, machte ich mit meiner Familie Ferien in Großbritannien. Wir fuhren eines Tages auf die Insel Skye, dann mit der Fähre weiter zu den Äußeren Hebriden. Wir besuchten den Leuchtturm Butt of Lewis und fuhren einige Tage später mit der Fähre zurück nach Schottland, zwei Stunden Fahrt, Hafen Ullapool. Es sollte nun zum Loch Ness gehen. Nach einer halben Stunde: „Mein Strickzeug ist nicht da.“ Xenia hatte Strickgarn mit, bastelte damit fleißig auf der ganzen Reise, aber jetzt war es nicht wie gewohnt neben ihr im Auto.

Während ich weiterfuhr, überlegten wir alle, wo es sein könnte. Schließlich hielt ich an, suchte die vollgepackte Rückbank ab, Kofferraum, aber nix Strickzeug. „Jetzt überleg nochmal, wann hast Du es zuletzt gesehen?“ „Auf der Fähre.“ Stimmt, ich erinnerte mich, sie hatte es dort benutzt. Die Strickrollen lagen vor ihr auf dem Tisch und kamen dann wie immer in eine alte rote Pringles-Chips-Rolle. Ich sah Xenia und die rote Rolle vor mir, auf der Bank, auf der wir saßen. „Hast Du sie da vergessen?“ Es kam keine Antwort mehr, der Kummer war zu groß.

Ich hatte beim Aussteigen den Reinigungsdienst gesehen, die Frauen packten allen Müll von Tischen, Bänken, Fußboden in große blaue Müllsäcke. Die mussten die vergessene Chipsrolle für das gehalten haben, was offensichtlich war: Müll, auf der Bank zurückgelassen. Eingepackt und weg!

Eine verwegene Idee meldete sich in mir: Wenn ich die Müllsäcke untersuchte? Ja, im Film! Aber nicht in der Realität. „Ich könnte die Müllsäcke untersuchen, in einem müsste die Rolle mit Deinem Strickzeug sein“, sagte ich trotzdem. Eine Trostbemerkung, eigentlich unfair. Eine Trostbemerkung? Unfair? In mir nahm es Schwung. Aber: „So ein Quatsch“. Die Stimmung im Auto war deutlich. „Ich könnte es doch versuchen.“ „Das klappt doch nie!“ breitete sich weiter aus. Ich wollte Xenia aber nicht hängenlassen, so ein winzig kleines Fünkchen Hoffnung gab es doch. Ich sah mich die irgendwo am Hafen abgestellten Müllsäcke aufschnüren.

Xenias Mutter Brigitte kannte mich: Wenn ich so etwas Absurdes einmal wollte, dann wollte ich es. Sie gab mir freie Hand, Loch Ness würde uns nicht weglaufen, Nessie grunzte freundlich. Die Kinder Felix und Xenia sagen nichts mehr, es war alles viel zu unwahr.

Entschlossen drehte ich das Auto um und fuhr tatsächlich zum Hafen zurück. Dann traute ich mich nicht, über den Zaun zu den blauen Müllsäcken zu klettern. Ich wollte erst nachfragen, ob das geht. „Das klappt doch nie!“. Schon klar.

Wen fragen? Ticketschalter. „Wir waren grade auf der Fähre. Meine Tochter hat ihr Strickzeug vergessen, es war in einer alten roten Chipsrolle und ist wohl in einem der Müllsäcke gelandet. Könnte ich vielleicht?“ Der Ticketman sagte nur „Hafenmeister“.

Puh, die Hürde war hoch, sehr hoch. Den Hafenmeister für so eine Bagatelle angehen? Der hat weiß Gott anderes zu regeln. „Das klappt doch nie!“ Trotzdem. Ich wollte es versuchen, wenigsten einen Versuch machen. „Wartet am Auto, ich muss zum Hafenmeister.“

Büro des Hafenmeisters. Anklopfen, reingehen. „Meine Tochter...“ usw. Der Hafenmeister legte seine beiden Telefonhörer aus der Hand, hört konzentriert zu. „Ich habe auch eine Tochter in dem Alter.“ Gespräch von Vater zu Vater. „Wir haben den Müll nicht hier ausgeladen, er wird auf der anderen Seite, auf Lewis entsorgt, die Fähre ist schon wieder zurückgefahren.“ Aus der Traum! Aber: „Ich rufe dort an, die Crew kümmert sich drum. Wie sah die Rolle genau aus?“ Mir kamen fast die Tränen! „Warten Sie vor dem Büro, es kann dauern.“

Alle vier warteten wir auf den Bank vor dem Büro. Gespannt, angespannt. Ob das was wird? Das Fünkchen Hoffnung flog mächtig heran. Die Tür öffnete sich, der Hafenmeister steckte den Kopf raus, sah uns: „We got it“. Wir waren sprachlos! Das gibt’s doch nicht! Tja, liebes „Das klappt doch nie!“, da staunst Du. Wir staunten. „Die Fähre kommt morgen um 11 zurück, seines Sie dann am Hafen, der Kapitän bringt das Strickzeug Ihrer Tochter mit.“

Wir suchten uns einen Campingplatz, hatten einen schönen Abend am Meer und krochen voller Vorfreude ins Zelt. Am nächsten Morgen waren wir um 11 am Kai. Die Fähre lief ein. Die Passagiere verließen das Schiff. Dann die Crew. Auf der großen Außentreppe abwärts ging zum Schluss der Kapitän in blauer Uniform. In seiner rechten Hand hielt er – die Rolle! Rot und wunderschön! Es war einfach nur ergreifend! Schon hatte er uns entdeckt, gab Xenia die Rolle, sie drückte sie an sich. So viel Kinderglück. Der Kapitän und ich, wir strahlten uns an.

Ich sauste zum Hafenmeister, Bürotür auf. Großer Dank, Händeschütteln. Weiter ging's zum Loch Ness.