Montag, 30. März 2020

Tonis Brief an ihre Katze








Im Post vom 9. März habe ich den Bericht von Antonett aufgenommen: Amication leben. Sie hatte mir nicht nur ihren Bericht geschickt, sondern auch einen Brief an ihre Katze. Hier ist er:



Tonis Brief an ihre Katze

Ich möchte nicht mehr analysieren und erklären, sondern einfach da-sein: wie Du, die Du Dich in der Sonne wärmst, ohne etwas über das Zustandekommen des Wetters wissen zu wollen.

Ich möchte mir mit sicherem Gefühl Menschen suchen und von ihnen weggehen können, wenn sie nicht gut für mich sind: wie Du, die Du ohne Zögern meidest, bevorzugst, liebst, verlässt.

Ich möchte mir Zärtlichkeit und Liebe holen können, wenn ich sie brauche: wie Du, die Du dann sanft auf meinen Schoß springst.

Ich möchte unaufdringlich und ohne Ratschläge trösten können: wie Du, die Du einfach zu mir kommst und mir zuhörst, wenn Du merkst, dass ich traurig bin.

Ich möchte mich zuviel ›Liebe‹ und zuviel Anspruch anderer gelassen entziehen können: wie Du, die Du ruhig aufstehst und fortgehst, wenn mein Streichelbedürfnis größer ist als Deins.

Ich möchte mich wehren können: wie Du, die Du die Krallen zeigst, wenn ich Deine sanfteren Zeichen nicht verstehe.

Ich möchte ohne Schuldgefühle bevorzugen und ungerecht verteilen können: wie Du, die Du nachts, wenn B. nach Hause kommt, von meinem Bett aufstehst und in ihr Zimmer gehst - ohne zu überlegen, ›was das mit mir macht‹.

Ich möchte allezeit erst mal für mich sorgen können und mich wichtig nehmen: wie Du, die Du stets nur etwas für Dich tust - und es ist schön, wenn unserer beider Wünsche übereinstimmen.

Ich möchte meiner Kraft und meinem Können sicher vertrauen: wie Du, die Du Deine Sprünge immer richtig abschätzt und genau weißt, was zu gefährlich für Dich ist, was Du nicht schaffst.

Ich möchte achtsam und vorsichtig sein können, meinen Weg zu gehen, ohne zu zerstören: wie Du, wenn Du auf meiner vollen Fensterbank spazierst, ohne etwas umzuwerfen.

Ich möchte anmutig, kraftvoll, harmonisch und schön sein: wie Du, die Du nicht überlegst, ob Du wohl anmutiger, schöner ... bist; wie Du, die Du keine verspannten Muskeln hast, weil Du nichts unterdrückst.

Ich möchte mich trauen, mit weniger Worten auszukommen: wie Du, die Du darauf vertraust, dass ich Dich lieb genug habe, Dich auch wortlos zu verstehen; wie Du, die Du Deine Sachen machst, ohne um Erlaubnis zu fragen und Dich zu rechtfertigen.

Ich möchte laut fordern können, was ich für mein Recht halte: wie Du, wenn Du morgens Dein Frühstück verlangst.

Ich möchte mich laut beschweren können, statt seufzend hinzuneh­men: wie Du, wenn Dir Dein Katzenklo zu dreckig ist.

Ich möchte mich einfach in anderer Leute Betten legen und nicht an meinem Wert zweifeln, wenn sie mich dort nicht haben wollen: wie Du.

Ich möchte neugierig sein und mich in alle Höhlen trauen: wie Du, der kein Karton zu dunkel und kein Schrankfach zu unheimlich ist.

Ich möchte in meiner Umgebung immer wieder neue Dinge, Menschen, Freude-Möglichkeiten, Streichel-Partner, spannende Sachen zum Untersuchen und Spielen finden: wie Du, die Du Dich nie langweilst.

Ich möchte mich total dem Genuss hingeben können, wenn mir Liebe gegeben wird: wie Du, die Du nie berechnest, wie viel Gegenstreicheleinheiten Du mir nun schuldest und nie überlegst, ob ich Dich morgen auch noch streichele, wie Du Dir eine Garantie dafür verschaffen kannst, was Du dafür tun musst und wen ich sonst noch streichele ...

Ich möchte mich trauen, eitel zu sein und mich stundenlang mit mir zu beschäftigen: wie Du, die Du Dich so ausgiebig und genussvoll putzt, für Dich.

Ich möchte alle meine Eigenschaften besitzen und keine davon verleugnen: wie Du, die Du Dich nie fragst, ob Mäusefangen moralisch ist; die Du Dich nicht der Schizophrenie verdächtigst, weil Du zärtlich und grausam bist.

Ich möchte mich aus Angelegenheiten anderer raushalten und nicht deren Bestes wissen: wie Du, die Du mir nicht das Rauchen oder das Colatrinken verbietest.

Ich möchte sicher, unmanipulierbar und unerziehbar sein: wie Du, die Du nur Deiner Wege gehst, nur Dir gehorchst, nur Dir gehörst.

Ich möchte nicht andere fragen müssen, wie ich am besten Toni bin: wie Du, die Du nicht auf die Idee kämest, eine andere Katze zu fragen, wie man am besten eine Katze ist.

Ich möchte keine Theorien mehr lesen, sondern einfach leben: wie Du, die Du Dich frech auf mein Buch legst und die Schrift verdeckst, in der ich wieder nach dem Zauberwort gesucht habe, und mir zeigst: Hier ist das Lebendige, jetzt!









Montag, 23. März 2020

Corona am 22. März 2020







"Die Seuche zeigt jedem ein anderes Gesicht, sie kommt als Bedrohung, als Schock, als Störung, als Chance." Spiegel-Schlagzeile.* So ist es. Jeder geht mit dieser Virusgeschichte so um, wie es ihm zukommt. Ich überlege, ob es eine angemessene Linie gibt. Schwierig. Mir fällt eher ein, was ich unangmessen finde. Wenn man das Ganze als Schwindel abtut, auf die leichte Schulter nimmt, wenn einem 800 Virustote am Tag in Italien egal sind. Und die ganzen Verschwörungstheorien. Und die ganzen Lobhudeleien, was Corona alles Positives bewirken wird. Unangemessen.

Klar, jeder ist sein eigener Chef und kann mit dem Virus machen, was er will. Da gibt es keine wirklichen Vorschriften. Regeln, die eingehalten werden sollen, sind Regeln, die von Menschen für Menschen festgesetzt werden. Über ihre Einhaltung aber entscheidet dann ein jeder selbst. Was Folgen hat, wie alles, was wir tun oder lassen. Inklusive der Sanktionen, wenn wir uns nicht an die Regeln halten.

Die Kontaktverbotsregeln, die heute erlassen wurden, werde ich einhalten. Die finde ich angemessen. Wie ich sowieso ein guter Regeleinhalter bin, aber mit Ausnahmen. Ein Durchfahrtsverbotenschild will von mir beurteilt sein. Das Kontakte-Verboten nehme ich ernst. Und halte den Abstand ein.

Die Coronageschichte ist in meinem Nachdenken und meiner Tageswahrnehmung sehr präsent. Ich merke, wie es meine Aufmerksamkeit anzieht. Als ich heute Nachmittag zum Spazierengehen rausgefahren bin, habe ich bewusst Musik gehört. Ich wollte mit dem ganzen Kram nichts mehr zu tun haben. Schönes Wetter, Sonn pur, Corona - nein danke. Später habe ich dann wieder die Nachrichten gehört. Interessiert. Es hat ja auch seinen Reiz. Was gibt es Neues?

Ich gehöre mir selbst. Gehöre ich Corona? Wenn es mich erwischt, gehöre ich immer noch mir selbst. Ich reagiere auf eine Ansteckung so, wie mir das zukommt und wie ich das will. Ich bin nicht der Sklave eines Virus. Mein Ichgefühl, meine Würde gehen nicht dahin, wer auch immer die äußere Oberhoheit hat. Na ja, es sind schon grundsätzliche Fragen, die das ganze Theater aufwirft.

Noch etwas aus dem Spiegel: "Ich hoffe, dass die Gesellschaft durch diese Erfahrung solidarischer wird. Dass die Menschen künftig stärker füreinander da sein wollen".** Tja, das ist die Chancenreaktion, der optimistische Blick. Ich glaube, dass die, die eh gut miteinander umgehen, sich durch Corona bestärkt fühlen in ihrem empathischen und solidarischen Verhalten. Andere - die Egoistischen - wird das nicht beeindrucken. Eher ihren Egoismus verstärken.

Wie gehe ich nun mit Corona um? Die "Seuche", wie das so schön heißt, ist präsent. Es bleibt spannend. Angerührt bin ich - von all dem Leid und all dem Mitgefühl, das anlandet an meiner Weltwahrnehmung. Da sind das Mitleid und die Trauer. Das Mitfühlen ist ein schönes Gefühl, es nimmt mich mit. Ich wähle den Weg, der mich stärkt und der mir gut tut.




*   Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 32
** Zitiert als Aussage von Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender, in: Der Spiegel Nr. 13, 21.3.2020, S. 17

Montag, 16. März 2020

Durchsetzen und Gummistiefel







Beim Vortrag komme ich auf den Durchsetzungspunkt zu sprechen. Die Eltern wollen sich nicht so gern - genauer: extrem ungern -  durchsetzen, wenn sie ihre Kinder dabei nicht "mitnehmen" können, wie das so schön heißt. Sie wollen, dass die Kinder bei den Elternentscheidungen mitmachen, mitziehen, einsehen, Widerstand aufgeben. Dass es also ohne Steit und Geschrei, Tränen und Leid ausgeht. Heute gab es das Beispiel der schmutzigen Gummistiefel, die die dreijährige Tochter partout nicht ausziehen wollte.

Noch mehr Gespräche, noch mehr Werben, noch mehr Mitnehmen. Die Eltern wollen von mir hören, wie es denn gelingen kann, dass die ganze Durchsetzerei gut ausgeht. "Ja Mama, dann zieh ich die Stiefel aus". So soll es sein.

Wenn alle Einigungsbemühungen nichts bringen... - klar, da kann man zulegen, Sonne scheinen lassen, Seminare besucht haben, grad gut drauf sein, schlau, listig, hinterlistig vorgehen. Wenn das aber alles nichts hilft, dann soll ich das Zaubermittel haben. Hab ich aber nicht.

Dann geht es um "Du oder ich", Stiefel aus oder Stiefel an. Und wenn die Mutter den Dreck nicht im Flur und auf dem Teppich haben will, muss sie - sich durchsetzen. Die Stiefel von den Füßen kriegen - wobei "kriegen" heißt: gegen den Willen des Kindes entfernen, von den Füssen abziehen bis runterreißen. Wie das geht? Mit dem entsprechendem Mittel. Machtmittel Körpermacht: handgreiflich, Kind und Fuß festhalten und ziehen. Mit dem Machtmittel Psychomacht könnte das Kind auch selbst tun, was es soll: Erfolg per Druckstimme, Ekelton, bösem Blick.

"Geht das nicht auch anders?" - und dann erzählen die anderen Eltern davon, wie sie es schaffen würden, friedlich, mit Einigung, "mitnehmend" eben. Ich halte dagegen: "Es ist aber grade nicht zu schaffen. Die Stiefel sind jetzt stellvertretend für alles Mögliche. Und es wird in Ihrem Alltag immer wieder passieren, dass es keinen Frieden gibt. Dass Sie sich durchsetzen, mit Ihren Machtmöglichkeiten, auch mit körperlicher Macht." "Wobei, auch klar" - das sage ich dann schon noch - "Sie sich ja nicht immer durchsetzen müssen. Sie können auch nach- oder aufgeben und hinnehmen oder akzeptieren, dass das passiert, was Ihr Kind will. Also Dreck auf dem Teppich. Aber wer will das schon. Sie werden sich durchsetzen."

Ich sage dann, dass die Eltern sich keinen Vorwurf machen müssen. "Wenn Sie beim Durchsetzen Ihren Kindern auch weh tun, ihnen Leid zufügen: das gehört dazu, das lässt sich nicht ändern, und dafür müssen Sie sich weder schämen noch schuldig fühlen." Ich wende das dann ins Allgemeine: Wenn man sich für seine Interessen, Ideale, Richtigkeiten einsetzt, und der andere dann nicht tun kann, was er will, bedeutet das immer auch, dass der andere nicht begeistert ist und an uns leidet. Unseren Weg gehen heißt  für andere oft, dass diese ihren Weg nicht gehen können.

Es braucht schon irgendwie ein großes Herz, sich annehmen zu können, sich zu mögen und weder die Selbstachtung noch die Selbstliebe zu verlieren, wenn wir anderen Leid zufügen. Klar haben wir so ein Friedensbild von uns, dass wir durchs Leben gehen ohne dass wir Leid auslösen. Aber das ist einfach unrealistisch! Und genau das sage ich den Eltern.

Die Verbrämung "Das ist doch nur zu deinem Besten" ändert nichts wirklich am Leid des Kindes. Es soll uns beruhigen, dass wir doch gar nicht so schlimm und leidvoll für die Kinder sind. Sind wir aber! Und dem kann man ins Gesicht sehen. Auch Jesus, Sinnbild des Friedens und der Liebe, fügte Leid zu, als er seine Ideale verteidigte: Als er den Geldwechslern im Tempel die Tische umwarf und sie verprügelte oder als er die Pharisäer mit seinen Predigten so erzürnte, dass sie ihn umbrigen ließen.

Man kann dazu stehen, dass man - auch, immer wieder, auch den Kindern gegenüber - jemand ist, der Leid zufügt. Sich schlecht fühlen dabei - ist überflüssig. "Sie sind eine gute Mutter, ein guter Vater. Sie müssen nicht an sich zweifeln, wenn Sie sich durchsetzen und es dann Tränen bei den Kindern gibt."

Und ich sage auch "Sie können es aber lassen, den Kindern ihre Niederlage noch zusätzlich zu erschweren. Durch das Herabsetzen der Kinderposition mit dem ganzen Sieh ein, ich habe recht!-Theater. Ein klares Hier stehe ich, ich kann nicht anders!, eine authentische, ehrliche Botschaft zwischen den Zeilen ist von anderer Qualität. Sie machen dann Ihr Kind nicht schlecht, putzen es nicht runter, lassen ihm seine Würde in der Niederlage."

"Sie müssen den Glauben an sich nicht verlieren, wenn Ihnen keine gemeinsame und friedliche Lösung gelingt. Sie haben sich doch bemüht, mit Ihrem Kind geredet und versucht es mitzunehmen. Sie haben Ihre Bücher gelesen und Vorträge und Seminare besucht. Aber es kommt eben immer wieder vor, dass das alles nichts nutzt. Und dann stehen Sie halt zu sich, setzen sich durch, das Kind leidet - und Sie glauben an sich."

"Verboten ist das nicht!", schiebe ich hinterher. Ob die Gummistiefel beim nächsten Mal leichter von den Füßen gehen?

Montag, 9. März 2020

Amication leben, Antonett







Ich schaue gerne nach, wie mein Blog rezipiert wird. Heute konnte ich sehen, dass auch der Post "Amication leben, Helmut" aufgerufen wurde. Ich hatte vor Zeiten einmal herumgefragt, ob mir jemand aufschreiben könnte, was Amication in der Dimension "Ich liebe mich so wie ich bin" für ihn bedeutet. Daraufhin schrieb mir auch Helmut seine Gedanken auf. Es waren insgesamt 18 Berichte zusammengekommen, von denen ich bisher sieben in den Blog übernommen habe.* Da wieder einmal ein Bericht gelesen wurde, will ich jetzt einen weiteren posten: den von Antonett.



 Amication leben, Antonett

Ich habe das Märchen geglaubt, das mir erzählt wurde: dass ich nicht auf mich, meinen Nutzen, mein Glück, meine Wünsche achten darf, sondern mein Leben damit verbringen muss, für das Wohlbefinden anderer zu sorgen oder es zumindest nicht zu stören. Mein Vorname Antonett beinhaltet das ganze Programm, deshalb gefällt er mir auch nicht mehr. Mein Nettsein war Selbst-Verleugnung.

Ich habe - bis auf meine ersten und meine letzten Jahre - fast mein ganzes Leben mit einer Frau verbracht, die mich unglaublich schlecht behandelte. Ich hatte mich so an ihr Vorhandensein gewöhnt, dass mir nicht mehr auffiel, dass sie der Grund dafür war, dass ich mich ständig schlecht (im wahrsten Sinne des Wortes) fühlte. Der Gedanke, mich von ihr zu trennen, kam mir daher erst recht nicht.

Nie war sie mit mir zufrieden! Ständig nörgelte sie an mir herum und forderte mich auf, mich zu ändern. Wenn es mir schlecht ging, ließ sie mich fast immer im Stich: statt mich zu trösten und auf meiner Seite zu stehen, wenn ich traurig war, machte sie mir Vorwürfe: "Du stellst dich immer so an!" Wenn ich etwas nicht geschafft hatte, ermutigte sie mich nicht, sondern es hieß: "Von dir war ja nichts anderes zu erwarten. Versager!" Wenn ich mich ungeliebt fühlte, meinte sie, das wundere sie gar nicht, schließlich sei an mir ja auch nichts Liebenswertes zu entdecken.

Und ich hörte mir alles an und zuckte zusammen und murmelte: "Du hast ja recht..." Diese Frau war wie ein teuflischer siamesischer Zwilling. Diese Frau war ich selbst!

Dann merkte ich, dass wir gar nicht untrennbar aneinander gewachsen waren, sondern nur durch Handschellen miteinander verbunden, zu denen der Schlüssel verloren gegangen war: Ich war eine Gefangene! Ich fand den Schlüssel, habe mich von ihr befreit und sie davongejagt. Der Schlüssel war die Erkenntnis, dass ich wichtig, wertvoll und gar nicht verbesserungsbedürftig bin, sondern okay. Ich weiß jetzt, dass ich das Recht habe, so zu sein, wie ich bin: Zu fühlen, was ich fühle. Zu denken, was ich denke. Zu wollen, was ich will. Zu tun, was ich tu.

Wenn ich schreibe, dass ich das Recht habe, zu sein, wie ich bin, heißt das nicht, dass ich unverändert bleiben will oder bleibe. Ich verändere mich wie jedes lebendige Wesen (im Gegensatz zu Marionetten) ständig - aber nun zu meinen Gunsten, aus mir selbst heraus, ohne Ziel ("So und so muss ich werden, so und so darf ich nicht bleiben"). Ich zerre und (er)ziehe nicht mehr an mir herum, sondern finde es spannend und schön, heute noch nicht zu wissen, wie ich morgen sein werde. Ich bin nicht mehr auf der Welt, um andere glücklich zu machen - dass sie es durch meine Existenz oft sind, macht mich natürlich froh, aber es ist nicht mein vordersts Ziel. Erstmal ist dies mein (und soviel ich weiß, einziges) Leben, meine nicht wiederholbare Zeit - und ich habe alles Recht, sie für mich zu nutzen.

Ich hoffe, dass ich mich einmal nicht nur akzeptieren, mögen und freundschaftlich behandeln, sondern lieben werde - wie einfach wäre dann mein Leben! Ich müsste der Liebe dann nicht mehr nachlaufen - sie wäre bei mir und keiner könnte sie mir nehmen. Keiner könnte mich durch Behauptungen in eine gute oder schlechte Antonett verwandeln. Liebe heißt für mich: "So darfst du sein - gleich gültig, was das ist: 'so'." Auf diese Weise möchte ich mich selbst auch lieben.

Dass ich die ersten Schritte in Richtung Selbstliebe getan habe, merke ich schon in alltäglichen Kleinigkeiten (wie sich Liebe eben stets mehr im Kleinen zeigt als in den großen Taten!), am Umgang mit mir selbst, der liebevoller und sorgsamer geworden ist. Ich behandle mich immer mehr wie eine Freundin: "Für mich ist das Beste gut".

So achte ich zum Beispiel mehr auf mein körperliches Wohl: ich lasse mich nicht mehr aus Gleichgültigkeit hungern und knalle mir das Essen nicht mehr so unhöflich auf denTisch. Ich lasse mich nicht mehr frieren, sondern bin mir die eine Minute, die das Warmanziehen kostet, wert - auch wenn ich nur um die Ecke zum Bäcker will. Ich achte auf mein Leben, denn es ist lebenswert: zu Stoßzeiten schiebe ich mein Rad über den Zebrastreifen, statt mich in das Chaos des Kreisverkehrs zu stürzen. Mein Leben ist mir wichtiger als die paar Minuten Zeitersparnis und das Kopfschütteln der "mutigen" anderen Leute. Im Laden dulde ich nicht mehr, dass sich andere vordrängeln und mir meine Zeit stehlen. Ich wehre mich, wenn andere acht(ungs)los mit mir ungehen, statt wie früher hilflos herumzustehen und zuzulassen, dass ich verletzt werde. Wenn ich traurig bin, ermutige ich mich zum Weinen, statt mich lieblos wie früher zur Ordnung zu rufen. Wenn ich mich langweile, ärger, mit mir unsympathischen Menschen zusammen bin, weiß ich jetzt, dass ich dort nicht bleiben muss und beschließe: "Das tu ich mir nicht an". Und gehe, mich sinnvollen Dingen zuzuwenden.





* Die bisher im Blog aufgnommen Berichte sind von Jutta (Post vom 16.4.17), Michael (18.4.17), Elisabeth (20.4.17), Christiane (11.6.17), Helmut (30.6.17), Vera (30.9.17), Ursula (20.1.18).

Montag, 2. März 2020

Abendresümee







"Dann reicht es also, wenn ich meinem Sohn mehr Raum gebe?" Das Resümee einer Mutter nach meinem Vortrag, aber auch eine Frage an mich. Na ja, denke ich, den Kindern mehr Raum geben ist immer gut, aber das ist nicht das, was ich vermitteln wollte. Das sage ich ihr dann auch. Und ich sage ihr, um was es mir heute Abend ging.

Es macht nicht den Unterschied aus, ob wir gelassen, kurzangebunden oder langleinig mit den Kindern umgehen. Wiewohl eine geduldige, raumgebende Art besser ist als eine genervte oder einschränkende. Es kommt nicht auf die Länge der Leine an, wiewohl die längere sympathischer ist. Es kommt auf die Leine selbst an. Ich erzähle nicht von Großzügigkeit im Gegensatz zu Kleinzügigkeit. Ich erzähle von etwas anderem. Etwas gänzlich anderem. Von der Leine selbst, ihrer Grundsubstanz, ihrem Material, nicht ihrer Kürze oder Länge. Und davon, dass wir die bekannte (längere oder kürzere) Leine gänzlich aus der Hand legen können.

Wenn wir großzügig sind (oder nicht großzügig), dann gehen wir - selbstverständlich - davon aus, dass wir stellvertretend für die Kinder die angemessenen Entscheidungen für sie treffen. Treffen müssen, weil die Kinder das noch nicht können. Was offensichtlich ist. So offensichtlich, dass darüber - überhaupt Entscheidungen für die Kinder zu treffen - nicht nachgedacht wird. Angemessene eigene Entscheidungen treffen die Kinder irgendwann. Endgültig sind sie selbstkompetent, selbstverantwortlich, souverän (oder wie immer man das nennen will) mit 18 Jahren. Was heißt: Volljährigkeit. Was auch mit 19 oder 21 oder 17 sein könnte. Bei uns gilt eben 18, von 21 herabgesetzt per Bundestagsabstimmung, so beschlossen am 22. März 1974, wirksam ab 1. Januar 1975.

Zwischendurch, auf dem Weg dorthin, in die Selbstverantwortlichkeit/Selbstständigkeit mit 18, überlassen wir den Kindern mehr und mehr Lebensbereiche. Wo wir merken, dass sie es können, "schon" können oder "endlich" können. Die Dinge selbst gut richten: Den Stuhl ohne Runterfallen erklimmen, die Hände ohne Überschwemmung waschen, das passende Schuhzeug raussuchen (Sandalen, Halbschuhe, feste Schuhe, Gummistiefel, barfuß), den Handykonsum im Griff haben, zur rechten Zeit nach Hause kommen.

Wir sind stellvertretend für sie verantwortlich, bis sie das selbst können. Und in diesem Szenario lässt sich dann - bei gutem Wetter, guter Stimmung, gutem Leben - mal mehr mal weniger Raum geben.

So weit so bekannt. Jetzt kommt mein ABER: Ich bin nicht stellvertretend für die Kinder verantwortlich! Weil sie das selbst sind: selbstverantwortlich, ichkompetent, souverän. Und zwar von Anfang an  - zu 100 Prozent. Nicht zunehmend mehr und mehr im Laufe der Großwerdens, und mit 18 dann angekommen. Mein Umgang mit den Kindern ist  - von dieser Position her gesehen, der 100prozentigen Selbstverantwortlichkeit - so wie mein Umgang mit Erwachsenen. Jeder von uns will sein Ding machen, was immer das ist. Und wie auch immer das merkwürdig, komisch, inakzeptabel für andere auch sein mag. Wobei wir dann gegebenenfalls dazwischen gehen könnten. Oder nicht dazwischen gehen und alles passieren lassen. Raum geben oder nicht Raum eben.

Aber - und das ist der entscheidende Punkt, den ich vermitteln will - ich stelle dabei nicht in Frage sondern gehe davon aus, dass jeder, auch jedes Kind, aus seiner Sicht das grade anzetteln, tun, verwirktlichen will, was für ihn sinnvoll, richtig, angemessen, das Beste ist. Dies "Ich kann selbst entscheiden, was für mich das Beste ist" wird nicht bestritten. Es wird nicht einmal thematisiert, es ist einfach zu selbstverständlich: diese Ichkompetenz, diese Verantwortung für sich selbst, diese Souveränität. Was immer das auch für ein Ergebins hervorbringt, wie immer wir auch darauf reagieren werden. Es gilt diese Entscheidungshoheit, Souveräntät, Selbstverantwortung - als Basis. Dieses Humanum trägt jeder Mensch von Geburt an in sich. Menschen sind Selbstverantworter.

Das ist ein grundsätzlicher Wechsel in der Einschätzung der Kinder. Entweder gilt: Kinder sind nicht von Geburt an souverän und ichkompetent, sondern werden dies langsam beim Heranwachsen und sind dann mit 18 angekommen. Oder es gilt, meine Position: Kinder sind von Geburt an voll souverän und ichkomptent. Jeder Mensch ist dies, es gibt da keinen Unterschied von jungen und erwachsenen Menschen. Um diesen Blickwechsel, Grundlagenwechsel, Paradigmenwechsel geht es, nur um diesen.

Wie raumgebend wir dann auf diese ichkompetenen Entscheidungen der Kinder reagieren - das wird sich zeigen. Und das hängt von vielem ab und kann heute anders sein als morgen. Aber darüber - wieviel Raum muss sein - rede ich nicht an meinen Abenden. Ich rede davon, wie souverän Kinder, junge Menschen grundsätzlich gesehen sind. Und da komme ich mit dem ungewohnten Blick der vollen Souveränität von Anfang an.

Wobei dieser Blick, so sage ich dann, wenn die Sprache drauf kommt, jenseits jeglicher Pädagogik und jeglicher Erziehungsvorstellung ist. Denn jede Pädagogik und jede Erziehung haben diese eingeschränkte Souveränitätssicht: Kinder werden erst entscheidungssouverän. Während ich dies eben anders sehe: Kinder sind - von Geburt an - entscheidungssouverän.

Es gelingt immer wieder, an meinen Abenden auf diesen Kerngedanken aufmerksam zu machen und ihn auch zu vermitteln. Ein Nachdenken, Innehalten, einen neuen Blick zu bewirken  Nach einigen Erklärungsumwegen hatte diese Mutter dann verstanden, worauf ich hinauswollte. "Die Kinder können Entscheidungen treffen, die ihnen und ihrer Sicht entsprechen. Dass sie das können, muss ich ihnen nicht absprechen. Aber ob ich das zulasse, was sie vorhaben, kann ich dann sehen. Da kann ich einschränken oder Raum geben."  Hat sie verstanden? Ich glaube schon.

PS: Und wenn ein Kleinkind dann in die Steckdose fassen will, weil es sie für eine Schweineschnauze hält? Und wenn mein Nachbar dann einen SUV kaufen will, weil der "dem Klima nicht schadet"? Und wenn der Hühnerbaron dann Hühner in Käfigen hält, weil das mehr Geld bringt? Ihren Entscheidungen können wir zustimmern oder nicht zustimmen, wir können Raum geben oder keinen Raum geben. ABER: Kleinkinder, Nachbar, Hühnerbaron - alle Menschen sind ichkompetent, selbstverantwortlich, entscheidungssouverän.