Montag, 21. Juni 2021

Entwicklungskonferenz

 



Was ist gut für die kindliche Entwicklung? Die Frage ist – mit Vorsicht zu genießen! 

Zunächst das Jahr 1900. Es gibt eine Konferenz zur weiblichen Entwicklung. Die (männlichen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Männer sind in ihrem Element. 

Plötzlich Unruhe, Lärm, Getöse. Die Frauen haben mitbekommen, was da passiert. Sie sind empört. „Ihr wisst, was für unsere Entwicklung gut ist?“ Die Anmaßung der Männer macht sie wütend. Sie treten die Türen ein, vertreiben die Männer. „Wir wissen selbst, was für uns und unsere Entwicklung gut ist.“ 

Hundert Jahre später gibt es eine Konferenz zur kindlichen Entwicklung. Die (erwachsenen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Erwachsenen sind in ihrem Element. 

Unruhe, Lärm und Getöse kommen diesmal von innen. Ich nehme an der Konferenz teil und bin an der Reihe, meine Sicht darzustellen. Ich sage zur Verblüffung der versammelten Fachleute: „Ich bin nicht befugt, mir über die Entwicklung junger Menschen derartige Gedanken zu machen, wie sie hier gepflegt werden und Standard sind.“ 

Gedanken, die Kinder zu Objekten unseres Nachdenkens machen und die uns über sie stellen. So etwas verletzt und depersonalisiert, auch wenn es in bester Absicht geschieht. Es ist unwürdig und herabsetzend. Es entkernt ihre Menschenwürde.“ 

Außerdem: Wenn wir objektiv expertenhaft und nicht subjektiv und persönlich über Kinder nachdenken, ist das unwissenschaftlich! Denn jede Wissenschaft muss dem entsprechen, was sie untersucht. Und unsere Gegenüber sind Personen, keine Gegenstände und rein physikalische Dinge. Also müssen unsere Maßstäbe und Parameter nicht sachlich und objektiv sein, sondern personal und subjektiv!“ 

Ich stelle die „objektiven“ Grundlagen von Pädagogik und Psychologie in Frage und werde deutlich: „Es ist unangemessen und unwissenschaftlich, die kindliche Entwicklung mit objektiver Perspektive zu betrachten. Kinder sind nun einmal keine Sachen. Genau so wie es unangemessen und unwissenschaftlich ist, die Gefühle des Autos beim Bremsen zu untersuchen: Denn Autos sind Sachen und keine Personen.“ 

Nach diesem Vergleich wird es laut im Auditorium. Ich lasse mich nicht beeindrucken. „Wären wir klassische Mediziner, wäre das anders. Dann ginge es um den Körper und seine physikalischen Vorgänge. Die wissenschaftlichen Maßstäbe sind dort sachlich und unpersönlich. Hier geht es aber um die Personalität und Würde junger Menschen.“ 

Und überhaupt ist diese Konferenz genauso chauvinistisch wie damals, als die Männer über die weibliche Entwicklung nachdachten: Oben-Unten-Struktur. So etwas ist adultistisch. Die Konferenz sollte aufgelöst werden!“ 

In dem folgenden Tumult verlasse ich die Konferenz und höre, wie die Kinder die Türen eintreten...



 

Montag, 14. Juni 2021

schule - 10:03 Uhr

 


 

deutscharbeit in der klasse 8c. es ist 10:03 uhr. angespannte ruhe liegt über den jungen leuten. ein stuhl wird gerückt. der lehrer blickt auf. ein schüler ist aufgestanden. "was ist los, kilian?"

alle sehen jetzt auf. der schüler sieht zufrieden aus. er schaut zur tafel, durch sie hindurch. "kilian, was ist?" leicht irritiert steht der lehrer auf. "ich schreibe nicht weiter. ich schreibe keine aufsätze mehr."

nach einer sekunde absoluter stille wird es sehr unruhig.

der lehrer wird energisch. "lass den quatsch und setz dich. schreib weiter." kilian richtet sich ganz auf. er sieht den lehrer an.

"sie haben kein recht dazu. meine gedanken gehören mir. niemand hat das recht, meine gedanken auf sein papier zu befehlen. ich werde keine aufsätze mehr schreiben. nie mehr."

seine entschlossenheit bewirkt noch einmal absolute stille im klassenraum.

dem lehrer gelingt keine antwort. zwei, drei andere junge leute stehen ebenfalls auf. sie sagen nichts, sie schließen ihre hefte.

der lehrer ist fassungslos, sprachlos. alle stehen jetzt, alle hefte sind geschlossen. "wollen sie einen kaffee?" fragt freya, "ich hole einen".

tagesschau:

"überall im land haben sich heute vormittag zahlreiche schüler geweigert, ihre klassenarbeiten zu schreiben. lehrer berichten, dass die schüler mitten im unterricht aufstanden und die fortsetzung ihrer arbeiten ablehnten. lehrer, pädagogen, psychologen und eltern können sich diesen vorgang nicht erklären, zumal es an sehr vielen orten gleichzeitig gegen 10:00 uhr vormittags geschah. die entschiedenheit der ablehnung, klassenarbeiten zu schreiben, kam umso unvermuteter, als es keine vorherigen anzeichen für ein solches phänomen gab."


 

Montag, 7. Juni 2021

"Fährst Du mich zum Arzt?"

 

 

Aus dem Forschungsprojekt für meine Dissertation: 

 

Es ist 23.00 Uhr. Ich bin mit drei Kindern und Brigitte (24) im Ferienhaus. Claudia (12) hat etwas vor die Nase bekommen, sie ist riesig dick. „Kriegst du Luft?“ Es sieht nach Bagatelle aus, morgen wird es weg sein, denke ich. Sie sagt, dass sie zum Arzt will. Wir fahren ins Krankenhaus, klingeln die Nachtbereitschaft raus, und die Nase wird untersucht. Es dauert insgesamt drei Stunden, bis wir zurück sind. „Morgen soll sie zum Nachsehen und Röntgen kommen“, sagt der Arzt. 

Am nächsten Morgen hat Claudia keine Lust dazu. Okay, ich akzeptiere. „Aber die Kinder können das doch gar nicht überblicken“, höre ich in mir. Wenn Claudia Brigitte wäre, würde ich ein „Ich hab keine Lust“ auch akzeptieren. „Du wusstest doch, dass es nicht so schlimm war, wieso fährst Du dann überhaupt los?“ höre ich in mir. Ich respektiere Claudias Wunsch, so wie ich Brigittes Wunsch respektiert hätte. „Und deswegen erst um zwei im Bett?“ 

Ich habe ganz andere Perspektiven. Ich habe mit Claudia erlebt, wie das von elf bis zwei war: Die Angst, ihr Vertrauen „Fährst Du mich zum Arzt?“, die Fahrt, die Ankunft vor dem Krankenhaus, im Fahrstuhl, die Untersuchung, die Rückfahrt und die Erleichterung. Wir waren unter uns, ich fühlte mit ihr und sie vertraute mir ihre Sorge an.