Montag, 5. Dezember 2022

Von der Pike auf

 

 

Ich wurde gefragt, wie das damals mit meiner Forschung war. Es war so:

Ich nahm mir zweieinhalb Jahre Zeit und führte eine Feldstudie über nichtpädagogische Beziehungen durch. Also eine praktische Arbeit mit Kindern. Die Forschungskinder waren drei bis 18 Jahre alt. In kleinen Gruppen, jeweils im gleichen Alter. Also zwei Dreijährige, drei Vier- bis Sechsjährige, dann Sieben- bis Neunjährige und so weiter. Wir trafen uns nachmittags, an Wochenenden und in den Ferien in meinem Ferienhaus.

Wie ging das ab? Nach dem Prinzip des „Einfach-So“, wie ich das nannte. Ich kam mit meinem Käfer zur festgesetzten Zeit zu den Treffpunkten. „Was machen wir heute?“ Sie hatten Vorschläge. Wenn nichts kam, hatte ich welche. Irgendetwas passierte dann. Ab in den Wald, Baggerloch, alter Steinbruch, Felsenklettern, Abenteuerböschung, Kanal, Fluss, Geländespiel, Bumerangwerfen, meine Wohnung, Monopoly, Jugendzentrum, Rudern, Bäumeklettern, Zoo, Pferde, Disco, sonst was. Rumfahren im Auto und dabei Quatschen war sehr beliebt, ich chauffierte und hörte zu. Und immer wieder einfach Abhängen, passte immer. Mit was zu Futtern aus meinem Picknickkorb. Oder aus der Pommesbude. Von nachmittags um drei bis abends um sechs, sieben, acht oder neun, das Ende setzten sie selbst fest.

Die Kinder machten ihr Ding, ich war dabei, als „Gast im Kinderland“, machte mit oder auch nicht. Ich war akzeptiert und gemocht und störte sie nicht. Vor allem: Ich war nicht distanziert, ich beobachtete sie nicht mit weißem Forscherkittel. Ich war eingebunden, ich erlebte mit. Ich war ganz da, die Person, die ich bin. Ich dirigierte sie nicht, ich nahm mich aber auch nicht zurück. Und wenn mir etwas nicht passte, dann sagte ich das auch. Kurzum, ich ging mit ihnen so um, wie ich mit meinen erwachsenen Freunden auch umgehe: auf gleicher Augenhöhe. Es war ein großes Abenteuer in einem fremden und zugleich vertrautem Land.

Ich nahm das alles in mich auf. Und nach und nach wurde es klarer und dichter: So – so sind sie, die Kinder. Und so – so komme ich mit ihnen zurecht, wenn ich sie nicht pädagogisch sehe und angehe, sondern authentisch mit ihnen unterwegs bin. Was das „so“ bedeutet? Tja! Was bedeutete das „so“ im gleichwertigen Umgang mit Afrikanern? Mit Frauen? Mit einer anderen Religion? Mit der Natur? Das lässt sich nicht in drei Worte fassen. Ich notierte dazu 782 „Determinanten“, Orientierungen für unser gleichwertiges Miteinander. Das „so“ ist eine besondere Qualität des Miteinanders.

Ich lernte also von der Pike auf, worauf man achten muss, wenn man mit Kindern gleichwertige Beziehungen realisieren will. Wo sind die Ecken und Kanten? Ich fand es heraus. Und schrieb einen Bericht darüber, eine Doktorarbeit, gab ordentlich alle Zitate an. Sie wurde anerkannt mit „magna cum laude“, „sehr gut“. Ich war Doktor der Philosophie.


 

Montag, 28. November 2022

Vom Wickeln und Kindermachen

 

 


Aus meinen Vorträgen.

*

»Papa, warum wickelst Du mich?«, fragt mich mein Baby. »Was willst Du denn da hören?«, antworte ich. »Na, die Mama von meinem Freund hat gesagt, dass sie wegen der Verantwortung wickelt, die sie für ihn hat.« »Du weißt, dass ich nicht für Dich verantwortlich bin und dass ich Dich nicht aus Verantwortung wickle. Du bist selbstverantwortlich.«

Warum wickle ich? Ich weiß, was passiert, wenn ich nicht wickle. Dann tut der Po weh, nach drei Tagen kommen die Würmer und nach einer Woche ist mein Kind tot. Will ich das? Nein, das will ich nicht. Ich will ein gesundes und fröhliches Kind.

Ich wickle, weil ich mein Kind liebe und weil ich das will. Ich trenne die Verantwortung von der Liebe: »Ich wickle Dich, weil ich Dich liebe, nicht weil ich für Dich verantwortlich bin – das bist Du selbst.«

»Du musst mich also gar nicht wickeln?« »Nein, das muss ich nicht. Niemand kann mir zu Recht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe.« »Wenn Du das nicht musst und es nicht tust, dann geht es mir schlecht.« »Das stimmt, und genau das will ich nicht. Ich bin nicht so jemand, der ein Baby leiden oder gar sterben lässt.«

»Habe ich da Glück gehabt?« »Na ja, alle Eltern lieben ihre Kinder und alle wollen sie froh und munter sehen. So sind die Menschen nun mal. Dass es Ausnahmen gibt, ist leider so. Aber mit einem ›Muss‹ kriegt man die auch nicht zum Wickeln.«

Ich kümmere mich um mein Kind, weil ich das will, weil ich das wirklich will. Eltern stehen oft mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr – weil »ich muss doch«. Nein, Sie müssen nicht. Niemand steht über uns und hat das Recht, uns zu zwingen.

Auch Gesetze sind keine Götter, sondern sie wollen von uns akzeptiert und dann befolgt sein. Ich entscheide, ob ich bei Rot an der Ampel stehen bleibe und ob ich Steuern zahle. Was passiert, wenn ich die Regeln nicht einhalte, ist klar. Bußgeld, und ohne Wickeln gibt es kranke Kinder.

Aber sind wir nicht dafür verantwortlich, dass die Kinder da sind? Wir haben sie schließlich gezeugt, »gemacht«. Das sehe ich anders. Können Menschen Leben machen? Nein. Andersrum ist es richtig: das Leben macht uns! Das Leben komponiert und dirigiert! Wir sind Teil des Lebenskreislaufs. Das Leben packt uns und gibt sich durch uns weiter.

Klar, da machen wir schon mit. Wir sind Mitspieler und können immer wieder ja oder nein sagen, aber wir sind nicht der Spielleiter, das Leben wurde vor uns und ohne uns erfunden.

Kein Papa und keine Mama haben ein Baby gemacht, sie sind nicht dafür verantwortlich, dass das Baby da ist. Ist das Baby dann selbst dafür verantwortlich? So kann man das sehen. Oder lässt diese Verantwortung bei Gott, Natur, Universum.




Montag, 21. November 2022

Frisch gelogen - trotzdem wahr!

 


Etwas vom Schluss meines Vortrag "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen":

*

Ich habe Sie auf eine Wanderung in ein ungewohntes und für viele auch ganz neues Land mitgenommen. Diese Wanderung hat viel berührt, im Nachdenken, in Ihrem Gefühl und Ihren Kindheitserinnerungen. 

Vergleichbar mit einer Waldwanderung, bei der ich Ihnen nicht nur Bäume, Sträucher, Blumen und Tiere gezeigt habe. Sondern auch etwas von der Seele und dem Geheimnis des Waldes. Gehen Sie behutsam damit um, es ist ein Schatz. Krone, Matschstiefel, Schweineschnauze, Büffel... das Wissen aus unserer Kindheit. 

Ich schenke Ihnen gleich ein kleines Fläschchen mit einem besonderen Elixier. Wenn Sie einen Schluck nehmen – es wird nicht weniger. Es ist ein Zaubertrank wie bei Asterix und Obelix. Aus der Quelle „Ich liebe mich so wie ich bin“. Wird nie alle, gibt es gratis und hilft immer! 

Als handfeste kleine Maßnahme habe ich aber auch etwas. Sie können sich aus dem Schneewittchen-Märchen einen wohlbekannten Spruch nehmen und für sich umdeuten. Sie schreiben diesen goldenen Satz auf einen kleinen Zettel und kleben ihn nachher zu Hause mit Klebefilm auf den Badezimmer-Spiegel. 

Und wenn Sie morgen früh müde ins Bad kommen und lesen, dass da steht „Ich bin die/der Schönste im ganzen Land“ – dann ist das zwar frisch gelogen, aber trotzdem wahr!

Montag, 14. November 2022

Hintergrundmusik



Die Hintergrundmusik der Gleichwertigkeit, mit der ich in der Kindheit mit den anderen Kindern unterwegs war, ist nie verschwunden. Ich spüre sie auch heute in mir. Sie hat mich nie verlassen. So gesehen bin ich Kind unter Kindern, wobei die anderen Kinder zig Jahre jünger oder gleich alt oder älter als ich sind.

Die Rufe der Kinder

Wir wohnten im Wald, und 100 Meter neben unserem Haus, auf der anderen Seite der kleinen Straße, lag eine große Villa. Sie war von den Briten beschlagnahmt und wurde als Schule für die Grundschulkinder der englischen Soldaten genutzt. Mehrmals am Tag gab es einen Riesenlärm: Die Kinder hatten Pause und sausten und tobten draußen vor der Schule. Es schallte und hallte zu uns und umtoste zwanzig, dreißig Minutenlang meine Welt. Eine grandiose Botschaft, unvergessene Musik, nachhallender Ruf: „Das sind wir.“

Und ich war dabei, schwang mit, eine tiefe Resonanz. Rufe aus einer demokratischen Welt, in der Gleichwertigkeit Basiswert ist. Ich wurde gefüttert und geimpft mit dieser Nahrung: Wir sind von gleicher Art! Ich war dabei, ich fühlte mich wohl, wenn sie so lauf riefen. Es war ein Heimatgefühl. Und wenn ich gelegentlich hinüberlief und unter ihnen war, war ich willkommen.

Der Wald

Wir wohnten im Wald. Ich war mit meinen Geschwistern und Freunden jeden Tag draußen, nach der Schule bis zum Abendessen. Unterwegs in der grandiosen Kulisse der Natur, Teil und Akteur. Ich war täglich für viele Stunden umgeben von Wesen, die sind, die nicht über und nicht unter mir stehen. Die einfach existieren, stattfinden, ohne Belehrung, Besserwisserei, pädagogischen Impuls. Mit denen ich mich auseinandersetzte und im Austausch war, von Gleich zu Gleich:

Bäume, Sträucher, Blumen, Erde, Wasser, Steine, Sand, Vögel, Hasen, Rehe, Wolken, Regen, Sonne, Nachtdunkel, Dämmerung, Schnee, Eis, Hagel, Hitze, Tannennadeln, Himbeeren, Brombeerstacheln, Farnkraut, Brennnesseln, Borke, Käfer, Wespen, Ameisen, Zapfen, Wurzeln, Äste. - Äste: Als ich einmal einen Baum raufkletterte und der Ast brach, sagte er nicht: „Siehst Du, pass besser auf!“ Ein Baum macht so etwas nicht. Er schwang sich nicht über mich empor. Er brach einfach und fertig. Ich atmete und bewegte mich in einer Welt ohne Vorwurf, in einer Welt der Gleichwertigkeit. Jeden Nachmittag.

Die Gleichen

Beim Spielen mit den Gleichaltrigen war nichts außer Gleichwertigkeit. Wenn wir in der Scheune balancierten: jeder auf seine Weise, mit mehr oder weniger Mut, aufrecht, robbend, sitzend, unter uns der gefährliche Bulle. Wir waren verschworen, solidarisch, von gleicher Art. Was immer wir anstellten. Und wir wussten um uns, wenn ein Erwachsener in unsere Welt einbrach, freundlich oder feindlich: er war anders, oben, maß uns das Unten zu. Aber er erreichte uns nicht wirklich, denn in unserem Land gab es kein Oben und kein Unten.



 

Montag, 7. November 2022

Der Schwarze Fleck

 

  

Das Baby ist geboren, Mama und Papa stehen an der Wiege. »Du weißt, dass er da ist«, sagt er. »Ich weiß«, sagt sie, »der Schwarze Fleck.« »Ja«, sagt er, »der Schwarze Fleck.« 

Alle Kinder werden mit einem dunklen Fleck geboren. Er sitzt in der Achsel unter dem linken Arm in der Nähe des Herzens. Er ist drei Tage zu sehen, dann wandert das Dunkle nach innen. Das ist das Böse, das in jedem Menschen wohnt. 

Als ich vor meinem Kind stand, sollte ich das mit dem Bösen – entsprechend unserer Kultur und Tradition – glauben. Das Böse war geerbt aus uralten Zeiten. Doch was für ein grandiose Zumutung! Ich sehe keinen dunklen Fleck! 

Nicht bei meinem Baby und nicht bei anderen Babys. Ich sehe ihn bei niemandem auf der Welt. Menschen werden nicht mit dem Schwarzen Fleck geboren. Das Böse ist eine Sicht auf Menschen, die ich nicht habe. 

In meinem Kinderzimmer habe ich die Macht. Ich sehe keinen Schwarzen Fleck, es gibt das Böse nicht. Das Böse ist eine destruktive Fantasie. Und sie macht Menschen schwach, bricht ihren Glauben an sich und an ihre Konstruktivität. 

Ich sage meinen Kindern, dass sie Liebe sind und dass sie an sich glauben können.


Montag, 31. Oktober 2022

Einen Türspalt öffnen

 

 

 „Was würden Sie tun, wenn der Unterricht langweilig ist, keiner mehr mitmacht und der Lehrer fragt, ob er zu theoretisch erklärt oder was sonst los ist?“ Frage eines Schülers nach einem Vortrag in der Aula seiner Schule, jetzt sind wir im Klassenzimmer, 25 Kinder, 11. Klasse.

Kommt drauf an, wie die Beziehung zwischen den Schülern und dem Lehrer ist. Wenn es Vertrauen gibt, dann sagen die Schüler, was Sache ist. Dass der Stoff langweilig ist. Dass gestern eine Fete war, die sie grade untereinander besprechen. Dass sie sowieso jetzt keine Lust auf Unterricht haben und lieber sofort Pause machen wollen. Dass: Sonstwas. Sie sagen ihm, was wirklich anliegt, und dann wird man ja sehen.

Wenn so ein Klartext nicht geht, sagt sehr wahrscheinlich erst mal keiner was. Dann wird der Lehrer jemanden ansprechen: „Julian, was ist los?“ Julian wird dann verlegen vor sich hinsehen und nichts sagen. Oder „Ich weiß auch nicht.“ Im zweiten Fall kommt es leicht zu einer Beschämung. Die Schüler sollen sich offenlegen. Was sie aber nicht tun. Eine ungute Situation.

Was würde ich also tun? Ich werde ja um Rat gefragt. Was soll ich den Kindern vor mir sagen? Solche Peinlichkeiten kommen in der Schule vor. Jede Menge Peinlichkeiten, Konsequenz aus der Zwangssituation, die jede Schule als Basis nun einmal hat. Die Kinder sind nicht freiwillig dort, Teilzeitgefängnis. Wobei, auch das noch, man ins Gefängnis ja nur kommt, wenn man etwas ausgefressen hat und bestraft wird. Die Kinder haben noch nicht einmal etwas ausgefressen und werden trotzdem eingesperrt, jeden Schultag, zu ihrem Besten.

Na ja, die ganze Schulthematik kommt da in mir hoch. Aber die Kinder wollen – ja, was wollen sie von mir? Ich habe im Vortrag in der Aula auch vom Unrecht der Schule gesprochen, meine Position haben sie gehört. Rufen sie die gehörte Solidarität ab? Wollen sie einen revolutionären Rat? Wollen sie einfach nur noch einmal hören, dass ein Erwachsener (ich) tatsächlich dort unterwegs ist, wo sie sich selbst verorten, als Ausgelieferte und Rechtlose? Ich bin für sie ja ein Alien, ein Erwachsener, den es eigentlich nicht gibt. Welchen Erwachsenen kennen sie denn, der die Schule für eine Menschenrechtsverletzung hält, ihre Unterdrückung sieht und ihr Leid?

„Na ja, kommt drauf an“, sage ich. „Wenn der Lehrer nett ist, würde ich wohl sagen, was anliegt. Wenn ich mich denn grade traue. Wenn er nicht nett ist, würde ich nichts machen und abwarten, was er dann macht. Irgendwie diese ganze Unannehmlichkeit durchhalten.“ Ihre Klassenlehrerin sitzt dabei. Ist sie gemeint? Die Kinder sehen zu ihr hin.

Das Aussprechen des Unrechts, das einem widerfahren ist, vor einer moralischen und gesellschaftlichen Autorität hat eine heilende Wirkung. In der Wahrheitskommision in Südafrika waren die Täter anwesend, wenn Desmond Tutu oder eine andere anerkannte Persönlichkeit das Unrecht aussprach, das die Täter den Opfern zufügten. Dieses Aussprechen der Wahrheit hatte immer wieder auch anrührende und grandiose Auswirkungen. Einmal konnte eine Mutter dem Mörder ihres Sohnes verzeihen und ihn in den Arm nehmen.

Unrecht der Schule. An den Kindern begangen von den Lehrern. Die Wahrheit ist in der Aula von mir ausgesprochen, vor Lehrern und Schülern. Autorität, Täter, Opfer. Die Lehrerin ist jetzt dabei, die Kinder sehen sie an. Kann ich die Tür zur Versöhnung durch das Aussprechen der Wahrheit öffnen? Einen Spalt schon, denke ich. 

 

 

Montag, 24. Oktober 2022

Wem gehört ihr Denken?

 

 

Auf dem Vortrag neulich kamen wir auf die Schule zu sprechen. Ich wurde deutlich und demonstrierte den ganz normalen Alltag der Schulkinder. Und den des Lehrers: 

Schlag Dein Buch auf und lerne, was da steht!“

* 

Ja – geht's noch? Was soll ich tun?

* 

Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken?

* 

Unsere Zivilisation beruht auf bestimmten geistigen Leistungen, etwa dem technischen Wissen, um Brücken, Kühlschränke, Fernseher bauen zu können. Doch dieses Wissen kommt letztlich aus dem Zwang, den die Erwachsenen mit der Schulpflicht der nachwachsenden Generation auferlegt. Unsere Zivilisation beruht streng genommen auf der geistigen Versklavung unserer eigenen Kinder – nichts, worauf wir stolz sein können, und nichts, das sich nicht ändern ließe. 

Lernen Kinder denn ohne Schulpflicht das, was wichtig ist? 

Wichtig für wen? Für die Erwachsenen? Die Kinder werden das lernen, was aus ihrer eigenen Sicht wichtig zu lernen ist. 

Die Verhältnisse werden sicher anders sein, wenn Menschen, auch junge und jüngste, über ihr Denken selbst bestimmen können, und das ist nur für die zum Nachteil, die die Macht nicht teilen wollen. Das selbstbestimmte, von innen kommende Lernen ist ein wertvoller Schatz der Menschheit, der gehoben werden muss, wenn die anstehenden Probleme sinnvoll gelöst werden sollen.

Vielleicht wird die Post dann nicht mehr in einem Tag von Hamburg nach München befördert werden können – die Menschen werden selbst entscheiden, was ihre Lebensqualität ausmachen soll und was nicht. 

*

Wem gehören die Kinder, wem gehört ihr Denken?


 

 

Montag, 17. Oktober 2022

Blick in den pädagogischen Abgrund

 

      

Amication ist ein Sonnenland. Von dort erkenne ich das strukturelle Leid im Erziehungsland, das durch liebende und gutmeinende oder widerwärtige und böswillige Menschen für die Kinder konkret wird. Ich sehe in den pädagogischen Abgrund... 

Ich möchte niemanden verschrecken, der sich für die amicative Welt interessiert. Es geht um mein Erkennen, meine Botschaft, meine Einladung. Vielleicht braucht es ja eine gewisse seelische Stärke, Sensibilität, Erinnerung, um die pädagogischen Seiten unserer Kultur als dunkel und desaströs zu erkennen. Ich zeige das auf, es muss ja niemand laut Beifall klatschen – man kann auch angerührt schweigen. Jeder kann sich mitnehmen lassen zu der amicativen Tür, die ich zeige: und sie in eigener Verantwortung schließen oder hindurchgehen.

Wenn wir jemanden etwas absprechen, wovon er aber überzeugt ist und von dem er meint, dass es ihm zukommt, erlebt er diese Position als Angriff. Wenn wir Kindern aufgrund der pädagogischen Position absprechen, dass sie Selbstverantworter sind – sie sich jedoch so fühlen – , dann erleben sie dies als psychische Aggression, als Angriff auf ihr Selbstverständnis. Sie erleben die pädagogische Nicht-Anerkennungs-Haltung als ein psychisches Gift, dem sie sich ausgeliefert fühlen.

Dieses Gift wirkt langsam, aber unaufhaltsam. Es zersetzt das mitgebrachte Selbstverantwortungsgefühl und damit das grundlegende Selbstvertrauen. Das Vertrauen darin, dass ich Grund aller Dinge bin und mich getragen weiß vom Sinn des Ganzen. Und es zersetzt auch das Vertrauen in die anderen, in die Erwachsenen, in die Sozialität und Gemeinschaft: Denn von diesen großbeinigen stimmgewaltigen Riesen kommt ja diese eklige Psycho-Ätze. Und ihre loyale Unterstützung in die selbstverantwortlich erspürten und mitgeteilten Wichtigkeiten bleibt ja immer wieder aus, „weil wir besser wissen als Du, was für Dich gut ist“. 

Misstrauen zu sich selbst und zur Gemeinschaft baut sich auf, verborgener oder offener Selbsthass und sozialer Hass bis hin zur Bereitschaft, sich und andere zu töten (Kriegsbereitschaft), sind die Langzeitfolgen der pädagogischen Mentalität. 

Aus Kindern sind nach einer langen Reihe von Jahren der pädagogischen Verhexung dann Erwachsene geworden, die so sind, wie wir wurden: voll von großen und kleinen, offenen und verdeckten Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen, abhängig vom Urteil anderer, mutlos, den eigenen Weg zu gehen, vorbeigeschleust am eigentlichen Leben.

Das alles lässt sich ändern. Amication ist ein Sonnenland.

 

 

 

Montag, 10. Oktober 2022

Paten

 

 

Meine Vorträge halte ich vor Eltern, aber es gibt Ausnahmen. Jetzt wurde ich von Menschen eingeladen, die als Pate einmal in der Woche für einige Stunden mit einem Grundschulkind Zeit verbringen. Über Monate und Jahre, Beziehungen bauen sich auf, ein großes Engagement. Ich bin gerne zu ihnen gefahren und hielt meinen Vortrag. Aber ich merkte im Lauf des Abends, dass es diesmal irgendwie anders war als sonst.

Zunächst einmal erinnerte mich die Patenschaft an meine Forschung, als ich herausfinden wollte, ob „unterstützen statt erziehen“ funktioniert (was es tat). Dabei traf ich mich wie die Paten auch einmal in der Woche mit Kindern einen Nachmittag lang, und wir unternahmen das, was sich so ergab. Ich war damals also wie die Paten nicht als Eltern/Vater unterwegs und erlebte die Kinder als „Gast im Kinderland“.

Nach dem Abend ging mir durch den Kopf, dass die Paten ja genau so wie ich damals nicht in die Eltern-Kind-Beziehungen verstrickt sind und viel mehr Spielraum für die Kommunikation haben. Unbeschwerter, offener, verletzungsfreier. Mit großer Chance auf ein Vertrauen, das die Kinder nicht unbedingt ihren Eltern entgegenbringen. Aber Paten.

Die Thematik „Würde“ und „Achtsamkeit“ ist für die Paten kein großes Thema. Sie engagieren sich ja gerade deswegen, um die Würde der Kinder zu stützen und um ihnen bedingungslose Achtsamkeit zu schenken. Mit „Würde“ und „Achtsamkeit“ sind sie vertraut, das können sie. Ich zeige an den Abenden einen bestimmten Weg dorthin. Den Weg, den ich herausgefunden habe und den ich „unterstützen statt erziehen“ nenne.

Ich denke, dass ich an einem Punkt nicht aufgepasst habe. Die Paten hörten mich dauernd von etwas sprechen, was ihnen ein selbstverständliches Anliegen ist: Würde und Achtsamkeit. „Was will er denn eigentlich? Das machen wir doch längst!“ war die Stimmung. Die ich zwar mitbekam, aber nicht merkte, wieso da so ein Unverständnis war.

Ich sprach sie eben als Eltern an. Die sie heute Abend aber nicht waren: Als Eltern, die mit Würde und Achtsamkeit ein großes Problem haben und die mir da sehr genau zuhören. Sie aber waren Erwachsene, die die Würde- und Achtsamkeitsproblematik nicht haben – sie realisieren Würde und Achtsamkeit an den Nachmittagen mit den Kindern. Was bei den Eltern in ihrer Alltagsverstrickung und ihrem Alltagsstress mit den immer eben auch anstrengenden bis sehr anstrengenden Kindern schon ein großes Thema ist.

Da habe ich die Paten verfehlt. Ich hätte ihnen verdeutlichen können, dass es bei aller gelebter Würdesicht und Achtsamkeit noch etwas zu entdecken gibt. Dass bei aller Würde und Achtsamkeit die Gleichwertigkeit entweder fehlen oder dabei sein kann: Die Begegnung von Souverän zu Souverän. Man kann ja auch gutmeinend und liebevoll, würdewahrend und achtsam sein und dennoch gleichzeitig von oben nach unten mit den Kindern umgehen. Motto “Bei aller Würde und Achtsamkeit – Du bist ein Kind, wirst erst ein vollwertiger Mensch, und ich bin (auch in diesen wenigen Stunden) für Dich verantwortlich. Das kannst Du noch nicht selbst sein. Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist.“

Oder man ist als Pate eben nicht von oben nach unten mit den Kindern unterwegs, sondern amicativ, postpädagogisch, jenseits der Erziehung. Liebe, Würde, Achtsamkeit ohne subtile pädagogische Herabsetzung mit all den destruktiven Folgen.  „Was soll denn das sein?“ – diese Frage und Fragehaltung und Neugier waren nicht im Raum. Und ich war nicht sensibel genug, das unausgesprochene Unverständnis gut zu handhaben. So habe ich mich zwar mit Nachdruck bemüht, den Paten klarzumachen, was ich eigentlich im Sinn habe – aber meine Bemühungen rauschten an ihnen vorbei. Weil ich den Anknüpfungspunkt verpasste.

Die Liebe, Würde, Achtsamkeit ist in meinen Vorträgen nicht das wirkliche Thema. Sondern die Gleichwertigkeit und Souveränität. Auch Herr Taliban liebt seine Frau, sieht ihre Würde und ist achtsam – aber gleichwertig und souverän? „Das ist sie nicht.“ Sehen die Paten die Kinder gleichwertig und souverän?

Na ja, hätte hätte Fahrradkettte... Es gab am Schluss jedenfalls Beifall – aber ich hatte diesmal nicht so ein gutes Gefühl wie sonst und kam auf der Rückfahrt ins Grübeln. Außerdem: man weiß ja nie, was letztlich passiert. Im Leben und bei so einem Vortrag. Eine Patin freut sich doch auf mein neues Buch*, das ich ihr schenken will – um alles noch einmal nachlesen zu können...




* Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“. Ab November 2022

Montag, 3. Oktober 2022

Petra, zehn, selbstbewusst - vor 80 Jahren


 

Neulich fand ich im Regal ein altes Kinderbuch von der norwegischen Schriftstellerin Barbara Ring (1870-1955): "Petras Reise"*. Es geht um zwei Mädchen, Petra und Ulla, zehn und neun, die mit Petras Großvater von Norwegen nach Kopenhagen fahren. Eines Tages fährt Petra mit ihrer Cousine Ullla allein zum Theater, sie wollen einen Schauspieler besuchen, den sie am Abend vorher im "Sommernachtstraum" bewundert haben.

Als sie endlich zurückkommen, kriegen sie was zu hören. Der Großvater ist echt sauer. Genau so wie der Vater von Ulla, bei dem sie in Kopenhagen wohnen. Ullas Mutter ist dort gerade im Krankenhaus.

Ich hatte mir das Buch vorgeholt und war wirklich erstaunt, wie Barbara Ring vor 80 Jahren das Mädchen in der Szene darstellt. Ich bin beeindruckt, und will das Gespräch vom erzürnten Großvater und dem nicht minder angefassten Vater von Ulla mit Petra gern wiedergeben.

*

Da rief Großvater plötzlich glückstrahlend: „Sie kommen! Da, seht, da!“

Da kamen sie im Eilmarsch über den Platz. Petra voran, und Ulla, sich krampfhaft an ihrem Kleide festhaltend, hinterher.

Wie der Sturmwind ging's – an Straßenbahnwagen vorbei, zwischen Autos, Wagenrädern und Pferdehufen hindurch, so dass Großvater vor Angst beinahe das Herz stillstand.

Ullas Vater kam ihnen entgegen und nahm eine an jede Hand.

Wie konntet ihr nur so etwas tun und uns so furchtbar erschrecken?“ zankte er. „Nun ist es zu einem Besuch bei Mama fast zu spät.“

Ulla begann sofort laut zu heulen.

Natürlich bist einzig und allein du auf diesen unmöglichen Gedanken gekommen“, sagte er böse, zu Petra gewandt.

Jawoll“, erwiderte Petra seelenruhig.

Du bist ein schreckliches Kind!“ fuhr Ullas Papa streng fort. „Schäme dich, den alten, guten Großvater so in Angst zu versetzen!“

Bist du wirklich bange gewesen, Großvater? Du wusstest ja, dass ich mit war und auf sie aufpasste“, sagte Petra.

Und sie blicke mit großen, zuversichtlichen Augen zu Großvater empor. Es fiel ihr keinen Augenblick ein, dass man sich auch um eine andere als um Ulla geängstigt haben könnte.

Es war aber nicht Pe- Petras Schuld, sie sagte, ich sollte zu Hause bleiben“, schluchzte Ulla.

Doch, ich hatte Schuld“, sagte Petra. „Aber das ist ja nun ganz einerlei, wir sind ja nun glücklich wieder hier.“

Nein, das ist nicht einerlei, meine liebe Petra“, erklärte Großvater. „Ich verbiete euch auf das Strengste, je wieder allein einen Fuß auf die Straße zu setzen.“

Du hattest es aber nicht verboten“, sagte Petra.

Nein, denn ich glaubte, ihr wäret groß und vernünftig genug, um das selbst einzusehen.“

Ja, du weißt ja, dass ich zu Haue immer so allein losgehe“, sagte Petra mit unverwüstlicher Ruhe.

Mag sein. Hier ist dir das aber nicht erlaubt, hast du verstanden? Wo seid ihr übrigens gewesen?“

Wir waren bei Puck. Es war aber nur Beschummelei, denn er war eine Dame. Und seine Haut hing in einem Schrank. Deshalb gingen wir gleich wieder weg; aber wir kriegen sein Bild, und sie soll unseres haben, und sie sagte, das machte nichts, wenn du da mit drauf wärst, Großvater."

Ihr seid im Theater gewesen? Und habt einer fremden Schauspielerin mein Bild versprochen?“ fragte Großvater entsetzt.

Nee, nicht deines, unseres! Aber es mache nichts, dass du da mit drauf wärst, verstehst du wohl?“ sagte Petra, ohne sich anfechten zu lassen.

Großvater aber schüttelte den Kopf und fasste in seinem Innerem den Beschluss, dass aus dem Fotografieren „mit ihm da drauf“ nichts werden sollte...



* Barbara Ring, "Petras Reise. Stuttgart 1939. S. 58ff.

 

 

 




 

Montag, 26. September 2022

Amication erklären - in zehn Minuten

 

 

Werner habe ich ewig nicht gesehen. Schließlich kommen wir auf die Amication. Ich soll erklären. Aber in zehn Minuten muss er weg. Zehn Minuten, um zu erklären, was Amication ist? 

Ich fange also an:

Ich habe Lehramt studiert. Da ging es auch um Erziehung. Und ich habe gemerkt, dass ich das total falsch fand, jemanden zu erziehen. Das bedeutet doch, dass er, der Mensch vor mir, also das Kind, noch nicht richtig ist. Dass er verbessert werden muss. Und dass ich derjenige bin, der weiß, wo es langgeht.

Zumindest sollte ich das wissen. Das stünde alles in den Büchern und das könnte ich an der Uni lernen. Was Kinder brauchen und wie man dafür sorgt, dass sie sich richtig entwickeln, körperlich und seelisch und geistig und überhaupt. "Ich weiß, was für Dich gut ist" und bei Widerspruch "Ich weiß es besser als Du". Weil Kinder eben unmündig sind und erst vollwertige Menschen werden müssen. Weil sie eben noch nicht für sich verantwortlich sein können.

Und dem bin ich nicht gefolgt. An einer ganz speziellen Stelle bin ich da nicht mitgegangen. Kümmern, sorgen, helfen, trösten, erklären, beistehen, abgrenzen, durchsetzen, nachgeben, "versuch doch mal","gib nicht auf", "nicht so schlimm", "komm mit", "mach doch", "egal", "so nicht", "lass das", "wenn Du willst", "klar doch", "ok"... der ganze Kram: Ja, das ist für mich in Ordnung. Aber den Menschen vor mir als irgendwie unfertig ansehen?

Irgendwie unfertig: Da schwingt etwas mit, was mit mir nicht geht. Einerseits gibt es immer Veränderung, Wachsen, nichts ist wirklich fertig. Andererseits gibt es Unveränderlichkeiten. Festen Grund. Der erst mal gilt. Und eine dieser Unveränderlichkeiten ist für mich, dass Menschen von Anfang an eine innere Souveränität haben, dass sie spüren, was gut für sie ist. Achtung: Ich meine nicht, dass die Kinder dasselbe spüren müssen, was Erwachsene spüren, dass es gut für sie sei. Sie - Kinder wie Erwachsene - haben oft ganz andere Vorstellungen vom "Guten, Richtigen, Angemessenen". Das ist schon klar.

Nur: Mit meiner Sicht vom Richtigen - "an der Wand da ist eine gefährliche Steckdose" - stehe ich nicht über der Kindersicht vom Richtigen - "an der Wand da ist eine interessante Schweineschauze". Klar bin ich von meiner Sicht überzeugt und ich handle auch danach und halte das Kind von der Steckdose fern. Aber ich beanspruche dabei nicht, dass das Kind seine Sicht geringer einstuft als meine Sicht. Ich verlange keine innere Unterwerfung. Auch nicht begründet mit "es ist zu Deinem Besten", "ich habe recht", "das kannst Du noch nicht überblicken", "sieh das ein". Das geht für mich nicht. Und genau das, was da für mich nicht geht, halte ich für das Kernelement der Erziehung, jeder Erziehung. Was immer sonst noch alles bei Erziehung dabei ist.

Natürlich sagt Werner, dass es ohne Erziehung nicht gehe. Und dass die Kinder eben noch nicht wüssten, was für sie gut ist und dass sie das im Laufe ihrer Kindheit lernen müssten. Wo denn mein Problem mit der Erziehung sei?

Na ja, sage ich, ich höre in mir eine sehr deutliche Botschaft der Kinder, irgendwie eine Resonanz aus meiner eigenen Kindheit. Nicht objektiv richtig, aber für mich gültig: "Liebe mich, aber erziehe mich nicht. Nimm Beziehung zu mir auf, aber lass es, mich zu einem richtigen Menschen zu machen, ich bin ein richtiger Mensch. Lass das Erziehen".

Werner muss gehen, er sieht nachdenklich aus. "Du bist da wirklich von überzeugt. Du gehst einen anderen Weg zu den Kindern, einen, den ich nicht kenne. Interessant, gibst Du mir etwas zum Lesen?"









 

 

Montag, 19. September 2022

Liebe reicht. Nicht.



Mitten im Vortrag unterbricht mich eine Teilnehmerin: „Sie reden und reden... Ich versteh das nicht. Es reicht doch völlig, ein Kind in den Arm zu nehmen. Oder es zu trösten, wenn es traurig ist. Was soll da Ihre ganze Philosophie?“

Tja. Es reicht völlig, ein Kind zu lieben. Mehr ist nicht nötig. Ist es so? Da geht mir das Herz auf bei so einem Urbild: Die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa, die/der wer auch immer nimmt das Kind in den Arm, hält es und die Liebe flutet. Was soll da mein ganzes Gerede von Souveränität und Selbstverantwortung, Königskrone und Würde, Adultismus und Erwachsenen-Chauvinismus? Was sollen da all meine Bilder von Schweineschnauze, Büffel, Schokohasen, Gesundkraut, Amazonas, Bahnhofsweg und Co? Liebe reicht.

Ja, wenn es denn so wäre. Die so wachgerufene Liebe, die von der Mutter vor mir in den Raum geholt wird, überdeckt alles. Wir sind gefangen und erfüllt von so einem Bild. Nur, dass ich dabei nicht vergesse, übersehe, wegdrücke, dass auch die Liebe, die lebt, geschenkt wird, erlebt wird, ja nicht im luftleeren Raum daherkommt, sondern eingebettet ist oder hervorgebracht wird in historischem und gesellschaftlichem Zusammenhang. Und auf der Zusammenhangs-Spurensuche und Zusammenhangs-Entdeckungsreise bin ich bei einem solchen Vortragsabend unterwegs. „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“ ist er überschrieben.

Ich rede nicht zum Thema „Liebe reicht“ oder „Wie sich Kinder lieben lassen“. Ich rede nicht zum Thema Liebe. Jedenfalls nicht direkt. Dass alles, was ich an so einem Abend auffalte, mit Liebe zu tun hat, ist schon klar. Aber ich bin untergründlicher, hintergründlicher als das, was die Teilnehmerin da im Sinn und in ihrer Assoziation hat.

Die weiße australische Krankenschwester nimmt das Aboriginebaby liebevoll in den Arm. Das Kind, das den Eltern weggenommen wird, damit es „zivilisiert“ aufwächst. Die Mutter in Gambia nimmt ihre Tochter liebevoll in den Arm, deren Klitoris gerade beschnitten wurde, damit sie integriert in ihrem Dorf aufwachsen kann. Der KZ-Aufseher nimmt sein eigenes Kind abends liebevoll in den Arm, nachdem er den ganzen Tag lang die jüdischen Kinder in die Gaskammer geschickt hat. Diese Grusel lassen sich fortsetzen, lange fortsetzen. Liebe reicht eben nicht.

Es geht mir nicht darum, wie man richtig liebt. Es geht mir darum, was für ein Umfeld um die Liebe herum existiert. Und da habe ich entdeckt, dass – bei aller aller Liebe – Demütigung, Herabsetzung, Unliebe gang und gäbe ist in unserer Kultur. Nicht weit weg, damals in Australien oder im KZ oder fern in Gambia. Sondern nah und heute, hier bei uns. In Deutschland, Europa, der westlichen Welt, der Welt schlechthin, überall.

Da nämlich, wo Kinder noch nicht als ganz richtige, vollwertige Menschen gesehen, bedacht, gehändelt, gebüchert, gewissenschaft werden. Wo die Weltformel von der Erziehung gilt. Adultismus nennt sich das. Oder spitzer: Erwachsenen-Chauvinismus.

„Sieh ein, ich habe recht“ und „Ich will doch nur Dein Bestes“ sind Statements, die diese Erwachsene-Oben-Kinder-Unten-Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Das thematisiert mein Abend. Diese Hintergründlichkeit mache ich bewusst, erzähle davon, lade ein, dort einmal hinzusehen. Dort einmal in sich hineinzuhorchen.

„Mama hat Dich lieb“ ist eine Supersache. „Aber musst Du Dich dabei so betonselbstverständlich über mich setzen? Musst Du mich bei all Deiner so unendlich willkommenen Liebe so chauvinistisch über mich emporschwingen? Meine Souveränität: Nicht einmal bemerken? Musst Du mich denn wirklich erst zu einem Menschen machen, mit Deinem missionarischen Erziehungsanspruch? Deine Liebe tut gut, aber sie ist auch so giftig. Sie hält mich fest im Unten, im Untermenschen. Der – welche Gnade – ja durch Deine Hilfe, die Du 'Erziehung' nennst, zu einem richtigen Menschen werden kann. Kannst Du mich nicht lieben ohne dieses Zeug? Versuch es – Du schaffst das!“

Ich zeige den Besuchern meiner Vorträge diesen Zusammenhang, mit vielen Bildern, behutsam, nehme sie mit, lade sie ein. Es erfüllt mich, wie es immer wieder geschieht, dass sie angerührt sind, den Pfad der oben-unten-freien Liebe erkennen und sich dieser Liebe zuwenden. Sie bedanken sich nach dem Vortrag mit Handschlag, sie ahnen. Und Ihre eigenen Kindverletzungen beginnen zu heilen.

Doch wenn jemand auf meinem Abend dies nicht mitbekommt, wenn ich ihn nicht erreichen kann, wenn er gar empört dreinfährt „Liebe reicht doch“ – was soll ich dann tun? Ich finde keinen Weg zu so jemandem. Diese Mutter ist sehr unzufrieden gegangen. Aber: es sind ja die anderen Teilnehmer da. Sie begleiten mich, meine Bilder, sehen mein Tor zu den Kindern und finden Zugang zu der Liebe, die ich ihnen zeige.


 

Montag, 11. Juli 2022

Sommerferien



 Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit! 

Montag, 4. Juli 2022

Wenn Du lügst...

 

                        
"Wie oft lügst Du am Tag?" Mich hat die Frage überrascht. Nicht wegen des Fragers, sondern wegen der Frage. Man lügt doch überhaupt nicht oft. Und schon gar nicht mehrmals am Tag - was so eine Frage ja impliziert. Jedenfalls dachte ich das. Dass nur selten gelogen wird. Aber der Frager hat ja wohl was anderes vor Augen.

"Überhaupt nicht", sage ich. "Vielleicht einmal in 10 Jahren". Oder auch öfter? Ich denke nach, finde aber nichts. Na ja, vielleicht blende ich da ja auch was aus. Egal. Aber ich nehme die Frage auf und sinn drüber nach. Wie ist das mit der Lügerei?

Wer das tut, tun will, tun muss - sein Ding. Sogar sein gutes Recht. Gehört jemand die Wahrheit? Wir gehören uns selbst, und damit ist es auch unser Ding, wie wir mit der Wahrheit umgehen wollen. Und da gibt es eben Kleinlüger, Großlüger, Seltenlüger, Viellüger, Lügenbolde. Da ist nichts zu verurteilen. Sowas findet statt. Es will natürlich damit umgegangen sein.

Wie geht der Lügende damit um? Schlechtes Gewissen? Gutes Gewissen? Aus der Not heraus. Aus der Bestimmerei heraus. Wegen des Vorteils. Wegen der Beschämung. Wegen der Angst. Wegen der Verachtung. Wegen des Schmerzes. Wegen der Sehnsucht. Wegen der Liebe. Wegen viel. Die Wegens können edel, weniger edel oder gar nicht edel sein.

Ich mag hier im Nachdenken das Wort Lügner nicht, es ist so ungut besetzt, und ich bin nicht im Unguten, wenn ich über jemanden nachdenke, der lügt. Deswegen sage ich "Lügender". Ich schwinge nicht ins Verurteilen, ich schwinge ins Verständnishaben. Nicht, weil ich viel lüge, tu ich nicht. Sondern weil ich das für angemessen halte. Wer lügt, zettelt etwas Gutes an - klar, für sich. Die Lüge ist ein Geschöpf des Guten, der Liebe. Die man sich selbst gibt. Die einem zusteht.

Dass dies Leid und Ungutes bewirken kann, eher: wird, bleibt mir ja dabei nicht verborgen. Ich vergesse aber nicht die Quelle der Lüge. So wie mir auch das Leid der Kuh nicht verborgen bleibt, die ich töte, um zu essen. Ich töte wegen meines Vorteils, ich lüge wegen meines Vorteils. Durchs Leben gehen und meine Vorteile realisieren, finde ich richtig, und anders geht es nicht. Geht es doch? Ohne Töten kein Leben. Ohne Lügen kein - ja was? Ohne Lügen kein Leben. Lässt sich das vergleichen, übertragen?

Mit Lügen kein Leid - auf meiner Seite. Wohl Leid auf Deiner Seite. Ist das einfach nur dem Egoismus das Wort geredet? Egoismus passt beim Töten der Kuh nicht, da gilt so etwas wie unabdingbar, nötig, wenn ich nicht esse, sterbe ich. Beim Lügen gilt anderes? Seh ich nicht so. Wenn die Lüge nicht unabdingbar, nötig wäre, würde sie ja nicht kommen. Dann wird die Wahrheit gesagt. So einfach ist das!

Und wie geht es mir, wenn ich herausfinde, dass ich angelogen wurde? Ganz klar: Ich gehe nicht durch das Verurteilungs-Tor und tummele mich nicht auf dem dunklen Feld dahinter mit all den zugehörigen Seltsamkeiten: Schuldzuweisung, Empörung, Beleidigtsein, Runterputzen, Enttäuschung, Ärger, Groll, Wut, Hass, ach was weiß ich. Tore, die ins Dunkle führen, mag ich sowieso nicht, und sie liegen mir nicht.

Also: was ist, wenn ich angelogen wurde? Da bleib ich cool. Erst mal "nehm ich zur Kenntnis" (wie das so schön neutral heißt), dass es anders ist als bis grad noch gedacht. Ich korrigiere meine Wirklichkeit, sortier das um. Mir ist sofort klar, dass die Lügerei nicht grundlos stattgefunden hat, dazu fließt ein Nachsehen (seh Dir das nach). Und eine Freundlichkeit, weil ich denke, dass es dem Lügenden nicht gut geht. Wenn es ihm bei seiner Lügerei gut geht: auch gut. Mich regt das alles jedenfalls nicht auf. Ich frag mich zügig, wie es weitergeht. Mit der neuen Information, die jetzt als neue Wahrheit neben die alte Wahrheit tritt, die ja eine Nicht-Wahrheit sein soll, Lüge eben.

Will ich weiter mit dem Menschen zu tun haben, der mich angelogen hat? Das will gut bedacht sein. Ich mache ja keinen Vorwurf, nur die Verlässlichkeit ist angekratzt oder weg. Mein Vertrauen, von Dir die Wahrheit zu bekommen, ist beschädigt. Es kommt ganz drauf an, wie meine Beziehung zu Dir überhaupt ist. Wie viel mich Deine Unwahrheit nervt, Du mich nervst. Vielleicht instrumentalisiere ich Deine Lüge (nicht bewusst, aber passiert): sie kommt mir recht, weil ich meine Beziehung zu Dir eh runterfahren will. Da ist dann kein Ärger, sondern Abwendung, keine Lust auf sowas, keine Lust auf Lügenmärchen.

Ja, oder es macht mir eben nichts aus, ich seh Deine Not oder Unverfrohrenheit, Deine Sorge, dass ich Dirs übelnehme und weggehe. Wenn ich Dich genug mag, lass ich mich von Deinen Lügenmärchen nicht wegspülen. So bist Du halt. Jetzt grad mal. Oder auch öfter. Es ist schon mein Job, auf Deine Lüge zu reagieren, den mach ich dann auch. Ich freu mich über Dich, auch über Deine Lügenmärchen: so kanns schon kommen. Wenn es nicht überhand nimmt und die Frage hervorbringt: "Wie oft am Tag...

Montag, 27. Juni 2022

Amication leben, Rita


 

Ich lebe bewusster als je zuvor im Jetzt und Heute und der Umgang mit anderen Menschen fällt mir leichter. Ich kann klarer „meine Sachen“ sehen und sagen. Ich weiß, was ich möchte und kann es sagen ohne schlechtes Gefühl (Gewissen). Wenn andere dann Schwierigkeiten mit mir haben, kann ich es schon ertragen und sie trotzdem akzeptieren. 

Ich sehe jetzt deutlicher als früher, dass ein „Misserfolg“ ganz alleine von mir beurteilt werden kann und es alleine an mir liegt, alles zu revidieren. Dies nimmt mir die Angst vor neuen Situationen, vor dem Umgang mit neuen, fremden Menschen (hoffentlich sage ich nichts falsch). Es nimmt mir auch die Angst vor meiner eigenen Spontaneität. Ich mag es, wenn sich jemand mit meinen Problemen anzufreunden versucht, auseinandersetzt und eventuell eine Idee hat, die mir eine Entscheidung erleichtern könnte. Entscheidend bin jedoch immer ich selbst. Das ist mir im Laufe der letzten Zeit bewusst geworden.

Miriam, meine älteste Tochter, ist 4 Jahre alt. Miriam ist der Meinung, dass ich ihren Vorstellungen entsprechend ihre Sachen regeln kann. Früher war ich oft sauer und gekränkt, wenn ich alles tat, was ich konnte, und sie schimpfte und tobte. Heute versuche ich ihr zu helfen, solange ich mag und kann. Ich rede nicht mehr auf sie ein und versuche nicht mehr, ihr die Unmöglichkeit der Durchführung ihrer Vorhaben zu erläutern. Miriam ist, wie sie ist, und ich will sie nicht mehr ändern.

Denke ich an den täglichen Umgang mit meinen beiden Kindern, ist mir klar, meine pädagogischen Vorkenntnisse (Erzieherin und Lehrerin) waren eher hinderlich als förderlich im aktiven, spontanen Zusammensein. Da kamen Vergleiche wie „Mutter = Autorität", „Mutter = Vorbild“, „Mutter = immer für die Kinder da“, und ich verschwendete noch viel Zeit mit dem „Was wird wenn?“ Heute kommen mir nur in extremen Situationen solche Gedanken; ich kann meist über sie lächeln und sie vergessen.

 

Montag, 20. Juni 2022

Amication leben, Jutta

 

 

Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputt zu gehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüngster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.

Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.

Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entscheiden kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden.

So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine „noch bessere, liebevollere Erziehung“, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durchsetze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...

Ich begriff, dass es auch mit mir als „erzogenes Kind“ zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.

Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe.

Ich kann „Ja“ sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



 

Montag, 13. Juni 2022

Jenseits der Erziehung

 


 Fortsetzung vom vorigen Post


Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?

Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht (psychisch) gelten. Vorsicht: Wenn ich die Sicht des anderen gelten lasse – und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht (psychisch) gelten – so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig nebeneinander bestehen. 

Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im (psychischen) Nachdenken und im (handlungsmäßigen) Tun. Aber ich stelle mich dabei (psychisch) nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" (psychisch) verbindlich zu machen. Ich fasse das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht." 

Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, auf der psychischen Ebene des Erkennens und Bewertens, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. 

Achtung aber: auf der Handlungsebene des konkreten Tuns lasse ich oft nicht gelten, dass geschieht, was der andere will. Kein Kind fasst mir in die Steckdose. Nur – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – mache ich dem anderen nicht noch obendrein seine für ihn gültige Sicht schlecht, Motto „Sieh das ein, ich habe recht“. Auf der psychischen Ebene lasse ich hingegen uneingeschränkt die Sicht das anderen gelten. 

Ich wiederhole: Wer aber daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen (psychisch) verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.  

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame amicative Dorf...

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch einsehen .. insbesondere, wenn es ein Kind ist.

Montag, 6. Juni 2022

"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?"

 


"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?" Eine einfache und klare Frage. Wie ist es mit einer einfachen und klaren Antwort? Bei einer solchen Frage sehe ich mich sofort gefordert, die ganze erziehungsfreie Philosophie in einen Satz zu packen. Und weiß zugleich, dass ich das nicht kann. Das Verlassen, Überwinden der Erziehungssicht ist halt eine komplizierte Angelegenheit, und so ein Unternehmen in einem Satz zu fassen - geht eben nicht.

Also sage ich etwas, das sofort die nächste Frage zur Folge hat. Und dann beginnt ein Gespräch, das länger oder kürzer dauert und das die amicative Weltsicht vor Augen führt. Zum Beispiel sage ich: "Mich stört das Missionarische". Kurz und knapp. Aber klar? "Was meinen Sie damit?" Und schon geht es los. Vielleicht geht es nach Afrika zu Albert Schweitzer. Oder zum Klassenzimmer um die Ecke. Oder zum Selbstverständlichen "Sieh das ein", "Weil ich recht habe". Oder zum Fundamentalen "Weil ich Deine Mutter bin. Weil ich Dein Vater bin".

Ich mache schnell klar, was ich alles nicht meine, wenn ich gegen die Erziehung bin. Sonst wird das nichts, so ein Gespräch. "Ich kümmere mich um mein Kind. Ich bin da. Ich helfe, tröste, erkläre, spiele. Ich bin Orientierung. Überlasse mein Kind nicht sich selbst. Ich bin nicht antiautoritär." Ich mache deutlich, dass ich alles das mache, was ein normaler Vater auch macht, dass ich den Alltag mit den Kindern realistisch sehe und nicht irgendwie ideologisch verbräme. "Aber dann erziehen Sie doch." Schon wieder so eine klare Ansage.

"Es sieht so aus – aber es ist ganz anders." Mehr Verwirrung geht nicht. Was soll das heißen? Erziehen - und doch nicht erziehen, oder was? Jetzt wird es mühsam. Jetzt kommt die Sache mit den zwei Dimensionen. Dass wir – erstens – in der physikalischen Welt, der Welt des Anfassens und Handelns, der Welt der Dinge unterwegs sind. Und dass wir – zweitens – in der psychologischen Welt, der Welt des Unsichtbaren, des Bewertens und der Gefühle unterwegs sind, auch unterwegs sind. In beiden Welten gleichzeitig. Dass wir bei allem, was wir tun, immer auch etwas fühlen. 

Die Welt der Gefühle, Interpretationen, Einstellungen lebt in uns. Und dort, im Unsichtbaren, aber sehr wohl Vorhandenem, im real existierenden Unsichtbaren, da sind die Menschen entweder per Erziehung unterwegs oder eben nicht. Das unsichtbare Element der Erziehung muss man nicht in sich tragen. Ich jedenfalls habe es nicht in mir. Und ich rede davon, dass niemand das in sich haben muss. Und dass ich es für ungut und gefährlich halte. 

Und dass ich mich aufgerufen fühle, dieses erzieherische Element, dieses psychische gefährliche Elementarteilchen, in der Welt zu verringern. So wie Ärzte die Pockenviren bekämpfen, auf dass sie in keinem Menschen mehr leben und ihre destruktive Wirkung entfalten. Pocken ausrotten: ein großes Ziel, Mission accomplished (1980). Erziehung ausrotten: ein großes Ziel, Mission impossible (2022 ...). Aber: Ich arbeite dran.

Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?


Fortsetzung im nächsten Post!




Montag, 30. Mai 2022

Die Antwort der Kinder



Auf dem internationalen Kongress "Montessori Werkstatt 2023" im April 23 in Emmersdorf in Österreich werde ich ein ganztägiges Seminar durchführen, eins von 50 Seminaren. 1000 TeilnehmerInnen werden erwartet. Das Motto der Werksatt im nächsten Jahr ist "VerANTWORTung Miteinander". Entsprechend habe ich einen Titel überlegt ("Die Antwort der Kinder") und dazu den Text für das Programmheft - in vorgegebener Länge - fertig gemacht. Ich hoffe auf viele Anmeldungen! 

 

Die Antwort der Kinder

Unterstützen statt erziehen

Verantwortung wird übergriffig, wenn das Gegenüber – in bester Absicht – gouvernantenhaft behandelt und seiner Eigenständigkeit beraubt wird. „Ich bin für Dich verantwortlich – weil Du es noch nicht selbst bist.“ Das Statement der Kinder kommt prompt: „Du hast sie wohl nicht alle! Ich bin ein Mensch mit Würdekrone! Liebe mich und kümmer Dich um mich, aber sprich mir nie meine Souveränität und Selbstverantwortung ab!“

Ich zeige Ihnen, wie sich das Missionarische in der Erziehung erkennen und überwinden lässt. Statt „Erwachsene oben – Kinder unten“ finden wir den Weg, der auf Gleichwertigkeit bei aller Unterschiedlichkeit gründet. Mithin Authentizität statt pädagogisch-ambitionierter Attitüde.„Sieh das ein, ich habe recht“ ist vorbei. Dennoch bleibt ein Nein eine Nein. Es kommt zu einem Miteinander, das niemanden herabsetzt – was auch sich selbst gegenüber gilt: Selbstakzeptanz, ja Selbstliebe ist der erste Baustein!







 

Montag, 23. Mai 2022

Große Pädagogen

 

 

Ein Pädagogikprofessor sagte zu mir: „Aus meiner Kenntnis der Werke großer Pädagogen möchte ich sagen, dass sie manchmal unbewusst amicativ dachten. Und vielleicht war die Praxis von Janusz Korczak und Alexander Neill sogar amicativer als die von Ihnen!“

Meine Antwort ließ an Deutlichkeit nichs zu wünschen übrig. Ich holte weit aus und wurde grundsätzlich: 

Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Amicatives Denken setzt den radikalen Bruch mit dem pädagogischen Denken voraus. Für das amicative Denken gibt es eine andere anthropologische Basishypothese als für das pädagogische Denken. 

Im amicativen Denken gilt: Das Kind ist ein zu 100 Prozent selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, das Kind ist ein zu 100 Prozent vollwertiger Mensch von Anfang an. Beides wird im pädagogischen Denken anders gesehen. Im pädagogischen Denken gilt: Das Kind ist noch kein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, sondern wird dies erst im Laufe der Kindheit durch Erziehung. Dieser radikale Gegensatz ist nicht vermischbar, es gibt keine Grauzone. 

Es ist also zu überlegen, welche Basispositionen haben Korczak, Neill und andere große Pädagogen. Da sowohl Korczak als auch Neill als auch alle anderen großen Pädagogen an der Menschwerdung des Kindes – ein jeder auf seine spezielle Art – arbeiten, erkenne ich nicht irgendein amicatives Element in ihrem Denken. 

Es muss darauf geachtet werden, dass freundliches, achtungsvolles, respektvolles, liebevolles, usw. usw. Verhalten nicht ausreicht, um schon von amicativer Substanz zu sein. Selbstverständlich sind alle berühmten Pädagogen liebevoll, freundlich usw.. Amicativ wird es aber erst dann, wenn sie ihr Homo-educandus-Menschenbild nicht mehr in sich tragen. 

Anders ausgedrückt: Solange sich Korczak, Neill und andere noch verantwortlich für Kinder und ihre Entwicklung fühlen, sind sie auf sicherem pädagogischen Boden. Erst wenn sie sich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühlen – weil sie erkennen, dass die Kinder dies ja selbst sind –, betreten sie amicatives Land. Und erst dann, wenn sie so verantwortungs-los auf die Kinder zugehen, wird ihre konkrete Beziehung, ihre Praxis, amicativ genannt werden können. 

Ich sehe nicht, dass irgendein großer Pädagoge dies realisiert hat. Nicht Rousseau, Comenius, Kant, Pestalozzi, Fröbel, Petersen, Montessori, Korczak, Neill, Freinet, Makarenko noch sonst wer. Ich finde in ihren Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich von ihrer Verantwortung für Kinder losgesagt hätten. Ganz im Gegenteil. Gerade die großem Pädagogen sind ganz besonders voll von Verantwortung für Kinder, mehr als andere. 

Dieses pädagogische Denken tritt bei einem großen Pädagogen, Jean-Jaques Rousseau, einmal ungeschminkt, ja brutal zu Tage. Es ist dies die unthematisierte Untergrundströmung der großen Pädagogen: 

„Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen...Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.“* 

In der modernen Pädagogik wird auf sanfte Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem Kind die „Einsicht“ in die „Notwendigkeiten“ - das heißt allemal Erwachsenenvorstellungen - zu „erleichtern“. Wie „freundlich“, „demokratisch“, „partnerschaftlich“, einfühlsam es dann mit Achtsamkeit und „Ich-Botschaften“ auf „Augenhöhe“ in „Kreisgespräch“ und „Rollenspiel“ in der „Familienkonferenz“ und der „Lehrer-Schüler-Konferenz“ „menschenkundlich“ und in „vorbereiteter Umgebung“ auch zugehen mag: 

Die verheerende psychische Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor - aus seinem Selbstverständnis heraus - die innere Führung beansprucht und dem Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die heutigen „Freundlichkeiten“ kaschieren lediglich die bestehende grundlegende Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische Missions-Aggression des Erwachsenen und entziehen sie effektvoll der Thematisierung und Diskussion.

Was nicht sein muss! Auf zur Rehumanisierung der Pädagogik!




*Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.


 

Montag, 16. Mai 2022

Maria Montessori

 


Vor einiger Zeit wurde ich einem Interview gefragt, wie ich zu Maria Montessori stehe.


Frage

»Hilf mir, es selbst zu tun« - Herr Dr. von Schoenebeck, Sie haben als Lehrer in der Schule gearbeitet. War dieses Grundprinzip der Montessori-Pädagogik für Sie wichtig?

Antwort

Nur dann, wenn die Kinder mich so etwas konkret gefragt haben. Die Montessori-Pädagogik ist eine Pädagogik, und von daher für mich Fremdland. Denn die Grundposition jeglicher Erziehung und Pädagogik - die Homo-educandus-Hypothese und die daraus resultierende Verantwortung des Erwachsenen für das Kind - teile ich nicht. Für mich sind Kinder vollwertige Menschen von Anfang an, sie werden nicht erst vollwertige Menschen im Laufe der Kindheit. Sie sind von Geburt an für sich selbst verantwortlich, dies erkenne und achte ich, und deswegen bin ich auch nicht für sie verantwortlich. Wiewohl Maria Montessori als pädagogischer Mensch sich sehr wohl für Kinder verantwortlich fühlt.

Ich kann mir aus meiner amicativen Position alle Erkenntnisse, Konzepte und Vorschläge der pädagogischen Welt ansehen und entscheide dann, was ich davon in meine Kommunikation mit den Kindern übernehmen oder abgewandelt übernehmen will. »Hilf mir, es selbst zu tun« finde ich viel zu theatralisch, so etwas ist doch selbstverständlich. Warum macht Maria Montessori so eine Banalität zum Prinzip? Das ist mir unklar. Wenn die Kinder meine Hilfe zur Selbsthilfe wollen, dann bin ich für sie da.


Frage

Maria Montessori sagt, dass die Schule eine Lebensstätte ist und dass der Lehrer eine Mission, ein schweres Amt hat, der Diener des Kindes zu werden. Haben Sie Ihre Lehrerrolle auch so verstanden?

Antwort

Die Schule ist für die Kinder keine freiwillige Sache. Die Kinder werden nicht gefragt, ob sie überhaupt dorthin wollen; es besteht gesetzlicher Schulzwang. Wie kann etwas, das einem oktroyiert wird, eine »Lebensstätte« sein? Die Schule ist für die Kinder ein Teilzeitgefängnis, in dem die Erwachsenen sich herausnehmen, sie zum wahren Menschen zu formen. Eine Stätte, in der man sich wohlfühlt und gern aufhält, ist so etwas nicht. Pädagogische Menschen wie Maria Montessori thematisieren diesen Zusammenhang nicht, da sie von der Notwendigkeit der Erziehung für die Menschwerdung des Kindes überzeugt sind. Und von diesem Denken her kann man es den Kindern dann schön einrichten, eben eine »Lebensstätte« schaffen wollen. Die grundsätzliche Inhumanität und die kulturimperialistische Position, die hierin verborgen sind, lassen sich erst mit amicativem Denken erkennen.

Ich bin niemandes Diener, ich gehöre mir selbst. Von dieser meiner souveränen Position aus gehe ich zu anderen Menschen, auch zu Kindern. Dann werden wir sehen, was wir miteinander tun können. Wir begegnen uns authentisch: Hubertus als Person mit seinen Facetten, die Kinder als jeweilige Person mit ihren Facetten. »Dienen« ist da unpassend. Wenn ich Kindern helfe, sie anleite, etwas erkläre, dann tue ich das ohne die Attitüde des Dienens.

Außerdem: Ein Erwachsener ist niemals wirklich der Diener eines Kindes (es sei denn bei Königs). So etwas ist doch letztlich nur methodisch, ein Trick oder eine List, um die Kinder dahin zu bekommen, wohin man sie haben will. Und um es sich schönzureden, dass man doch so großherzig ist, ihnen zu dienen. Dieses »Diener des Kindes« ist ein Teil des Montessori-Konzepts, mit dem verschleiert wird, was in der Schule tatsächlich geschieht: die kulturelle Unterwerfung der nachwachsenden Generation unter die Standards der herrschenden Erwachsenen.


Frage  

Maria Montessori sagt: »Dem Leben helfen ist das erste fundamentale Prinzip.« Wie verstehen Sie als ehemaliger Lehrer diese Aussage?

Antwort

Jede Beziehung kann etwas mit Helfen zu tun haben, muss es aber nicht. Wenn ich mit Kindern zusammen bin - auch als Lehrer -, findet Kommunikation statt. Ob unsere Beziehung dann hilfreich sein wird für die Kinder und/oder für mich, wird sich zeigen. Ich setze mich in meiner Beziehung mit Kindern nicht unter den Druck, hilfreich sein zu sollen. Wenn Hilfreiches geschieht, ist dies ein Geschenk des Lebens, das sich zwischen uns ereignet, und darüber freue ich mich und bin dankbar. Aber ich instrumentalisiere diese Großartigkeit »Helfen« nicht zu einem Prinzip. 

Es hört sich gut an, Helfen zu einem Prinzip zu machen, aber ich sehe darin eine subtile Destruktivität. Denn Helfen als Prinzip missachtet das Prinzip der Realität, das Prinzip des »Es soll« wird an die Stelle des Prinzips des »Es ist« gesetzt. Ich bin real-existentiell präsent, Maria Montessori ist moralisch-missionarisch präsent. Was angemessener ist, lässt sich nicht objektiv entscheiden, ich sehe das so, Maria Montessori anders. Im übrigen, es tut mir leid, ist diese Aussage schon wieder für meine Ohren nicht akzeptabel. Ich würde mir nie einfallen lassen, einer solchen Wirkmacht wie dem Leben helfen zu wollen - ganz andersherum wird ein Schuh draus: ich freue mich, wenn das Leben mir hilft!


Frage

Herr Dr. von Schoenebeck, sie haben sich bisher kritisch zu Maria Montessori und ihrer Pädagogik geäußert. Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass es für Montessori-Pädagogen gewinnbringend sein könnte, sich mit der amicativen Theorie und Praxis zu beschäftigen?

Antwort

Es gibt seit über 40 Jahren eine amicative Praxis. Ich will sagen: die amicative Theorie hat längst die dazugehörige und auch real funktionierende Praxis. Jeder, auch ein Montessori-Pädagoge, kann diese Theorie und Praxis kennenlernen und ist eingeladen.

Amication ist ein Angebot, keine Besserwisserei. Amication ist in der Postmoderne verwurzelt, mithin nicht wertvoller als Pädagogik. Meine kritischen Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, aber mein Tenor ist nicht der einer Brüskierung. Auch wenn ich oft so empfunden werde. 

Wenn die amicative Position vorgetragen wird, kann man sie selbstverständlich abtun. Aber man kann Amication auch als einen Impuls nutzen, um die eigene Position zu überdenken und zu begründen. In Gesprächen mit pädagogisch eingestellten Menschen sehe ich mich immer wieder auch in harten aber achtungsvollen Auseinandersetzungen, und ich wüsste eigentlich nicht, warum auf meine Ausführungen nicht ebenso geantwortet werden könnte. Und Antworten ist der Beginn einer fruchtbaren Begegnung.

Von dem Gewinn, der in einer achtungsvollen Auseinandersetzung liegt, einmal abgesehen, enthält der amicative Ansatz aus meiner Sicht für jemanden, der nach den Prinzipien von Maria Montessori arbeitet, ein befreiendes Element: Er kann Maria Montessori und all denen, die in der Montessori-Pädagogik Autorität haben, fragend entgegentreten. Er kann hinterfragen und alles an der eigenen subjektiv wahren Ethik messen. Amication sagt jedem Montessori-Pädagogen, dass er selbst es ist, der darüber entscheidet, wie viel Montessori er in sein Denken und Handeln einfließen lassen will.

Ein Beispiel. Meiner Meinung nach wird jemand, der in einem Montessori-Kindergarten oder einer Montessori-Schule arbeitet, ein Authentizitätsproblem bekommen, wenn er diese Forderungen Maria Montessoris ernst nimmt: »Wir bestehen mit Nachdruck darauf, dass der Lehrer sich innerlich vorbereiten muss: er muss mit Beharrlichkeit und Methode sich selber studieren, damit es ihm gelingt, seine hartnäckigsten Mängel zu beseitigen, eben die, die seiner Beziehung zum Kinde hinderlich sind.« (Kinder sind anders, dtv 2001, S.153).

Das amicative »Ich liebe mich so wie ich bin« ist da von anderer Qualität, und mit den »Mängeln« des Charakters wird anders verfahren. Das pädagogische »Mängel beseitigen« wird als nicht weiterführend erkannt; denn »Mängel« sind Teile des Selbst, denen Achtung zukommt und mit denen konstruktiv umzugehen man lernen kann.

Wie auch immer: Amication bietet jedem, der erzieherisch tätig ist, auch Montessori-Pädagogen, einen unkomplizierten Weg zu sich selbst an. Im Mittelpunkt steht der Einzelne, der Handelnde, der Pädagoge - Sie -, nicht das Kind, nicht die Sache oder sonst was. Von dieser Ich-Position aus wird dann Ausschau gehalten nach der Welt und den Kindern, auch nach Maria Montessori und der aktuellen Montessori-Pädagogik. Und dann habe ich gelegentlich Lust, Maria zu fragen, was sie für Einfälle und Vorschläge für das Zusammensein mit Kindern hat.