Montag, 13. Juni 2022

Jenseits der Erziehung

 


 Fortsetzung vom vorigen Post


Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?

Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht (psychisch) gelten. Vorsicht: Wenn ich die Sicht des anderen gelten lasse – und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht (psychisch) gelten – so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig nebeneinander bestehen. 

Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im (psychischen) Nachdenken und im (handlungsmäßigen) Tun. Aber ich stelle mich dabei (psychisch) nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" (psychisch) verbindlich zu machen. Ich fasse das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht." 

Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, auf der psychischen Ebene des Erkennens und Bewertens, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. 

Achtung aber: auf der Handlungsebene des konkreten Tuns lasse ich oft nicht gelten, dass geschieht, was der andere will. Kein Kind fasst mir in die Steckdose. Nur – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – mache ich dem anderen nicht noch obendrein seine für ihn gültige Sicht schlecht, Motto „Sieh das ein, ich habe recht“. Auf der psychischen Ebene lasse ich hingegen uneingeschränkt die Sicht das anderen gelten. 

Ich wiederhole: Wer aber daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen (psychisch) verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.  

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame amicative Dorf...

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch einsehen .. insbesondere, wenn es ein Kind ist.

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