Montag, 12. April 2021

Antworten bekomme ich geschenkt

 


Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben, mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen, in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich einzulassen. Vor jeder Antwort. Will ich diese Frage? Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt? Will ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden?

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewoben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen? Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese, jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht hindurchziehen zu lassen?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns, dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verweigert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte, wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn ich es will.

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist. Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stimmung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört. Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du nicht antworten!" "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angelegenheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antworten bekomme ich geschenkt.





 

Montag, 5. April 2021

Antwortwelt

 

 

Neulich kam mir jemand mit einer dummen Frage. Echt jetzt! Das nasweweise „Es gibt keine dummen Fragen“ lassen wir mal beiseite. Diese Frage neulich war dumm und ging ja gar nicht. Ich werde sie jetzt hier auch nicht wiederholen. Ich schreibe lieber etwas Hintergründliches dazu. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen... Und das gilt für alle Fragen, für die dummen und auch für die klugen.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich, wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert heftig durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt läuft: Man antwortet auf Fragen. Fragen habe uns im Antwortgriff. Fragen lösen den Antwort-Automatismus aus. Was nicht sein muss. Was ich in die Schranken weisen kann. Wovon ich mich emanzipieren kann. Antworten ist Lebenszeit, meine Antwort ist meine Lebenszeit. Die kann ich Dir schenken – wenn ich das denn so will. 

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft: Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten. Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind. 

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern, die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot. Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den Frager dabei nicht verlieren – aber es ist seine Sache, jetzt enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zugewandt – nur eben ohne mich auf die Fragerei und das dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine Frage nicht aufnehme. Auf mein „Ich möchte darauf nicht antworten“ käme sofort die nächste Frage: „Wieso, warum, ja aber“. Da sage ich noch nicht einmal diesen Satz, der in die Verstrickung führt.  

Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen, wenn ich eine Frage nicht aufnehme. Der Frager fühlt sich unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun? Deswegen doch in seine – seine – Fragewelt einsteigen, die Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus? Ist das mein Leben oder Deins? Ich kann Dir etwas von meiner Lebenszeit schenken. Wenn ich das denn so will, freudlich emanzipiert in der Antwortwelt.

Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal erlebt, dass eine Frage von mir in dieser Weise nicht beantwortet wurde. „Darauf will ich jetzt nicht antworten“ oder so ähnlich. Das war zwar sehr überraschend, aber auch so... souverän. Es war nicht unfreundlich, es war entschieden. Da habe ich mir gesagt, wenn es mal so kommen würde, mache ich es genau so. Und jetzt war es so gekommen.