Montag, 19. April 2021

Ole und der Fischknuddel


 

Ich bekomme mit: Grundschule, Nachmittagsbetreuung. Der Siebenjährige erzählt: „Miriam hatte genug gegessen. Aber der Teller war noch nicht leer. Ole, der Betreuer, hat sie angemault: 'Wenn Du nicht aufisst, bleibst Du bis heute Abend hier!'“ 

Echt jetzt? So was ist doch Lichtjahre zurück! Ich sehe mich bei meiner Großmutter sitzen vor dem Kochfisch, knalltrocken der Mund, ewiges Rumgekaue auf dem Fischknuddel. „Erst isst Du auf, dann kannst Du losziehen.“ Auch ich war sieben. 

Meinen Kindern habe ich gesagt, immer: „Iss nur so viel, wie Du kannst, gut kannst. Was Du nicht schaffst, schaffst Du nicht.“ Es kam selten vor, dass sie nicht aufgegessen haben. Jedenfalls hab ich den schaurigen Aufessedruck in meiner Familie gar nicht erst aufkommen lassen. Ist doch so selbstverständlich wie was. War damals schon ein bisschen Revolution. Aber: Wie kann man Kinder nur zum Aufessen drängen? Gar zwingen? Wer macht denn so was? 

Dahinter wuchtet natürlich die Menschenwürde, die unantastbare. Hier: die körperliche Unversehrtheit, das Recht auf den eigenen Körper. Was ich als Vater ja auch immer wieder nicht umsetzen konnte. Wenn es um das Waschen ging, Zähneputzen, Anschnallgurt im Auto, Festhalten beim Wickeln, ach, tausend Übergriffe. Die sein mussten, wie ich das so meinte. Aber dieses ungewünschtes Mittagessen? Ist das anders als Hustensaft? Bin ich zu unnachsichtig mit Ole und Co.? 

„Mein Bauch gehört mir!“ Stolzes Wort in Kindermund. „Schon mal gehört?“ Ja doch, aber: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. „Und deswegen kommt das Vollkornbrötchen in Deinen Bauch und nicht der 17. Schokohase von der Oma“. Immerhin, bei aller meiner Durchsetzungsmacht (Erwachsener oben, Kind unten): Ich setze mich „nur“ in der äußeren Welt durch (ich bin ja nicht antiautoritär). Aber die innere Welt des Kindes lasse ich in Ruhe. Ich habe nicht wirklich Recht, ich folge nur meiner subjektiven Wahrheit. Einsehen muss bei mir kein Kind was. Wiewohl es meinen Einsichten folgen kann, wenn es das will. Oder eben folgen muss, wenn es das nicht will.

Aber Ole? "...bis heute Abend!"? 

Klar, ich könnte diesen Ole darauf ansprechen. Was sollte mich wirklich hindern? Ich kann allemal in eine Nachmittags-Kinderbetreungs-Situation reinplatzen und den Mund aufmachen. Oder um ein Gespräch nachsuchen. Nur: Wer Kinder so anfaucht, der ist dermaßen in einer anderen Welt unterwegs als ich. Wenn das was werden sollte, müsste ... Zauberei ist immer möglich, aber da muss ich ein stimmiges Gefühl haben. Was bei der Ole-Geschichte aber nicht so ist. 

Ich lass ihn in Ruhe, ich glaube nicht, dass das was bringen würde. So jemand ändert sich nicht wirklich, jedenfalls nicht durch die Intervention von mir, einem Außenstehenden. Es müsste ja auch ein Gespräch werden, wo Ole sich nicht kritisiert fühlt, wo er sich nicht schlecht fühlt, wo er merken könnte, wie verletzend er ist. Merken! Mit dem Herzen. Das alles ist mir zu viel und da scheue ich den Einsatz. Bis Ole mich nicht als übergriffig, sondern als frendlich-einladend für einen anderen Weg erlebt...die Chance ist mir zu klein.

Lasse ich das Kind im Stich? Wer, wenn nicht ich, könnte intervenieren? Seine Mutter? Sein Vater? Andere Eltern der Betreuungskinder? Die Schulleitung? Die Bildzeitung? Welches Fass soll aufgemacht werden? Ich habe da nicht so den Schwung. Sollte ich aber! 

Sollte ich aber? Es rumort da schon in mir, aber meine Beruhigungspille „Bin doch nicht zuständig“ wirkt. Ich fühle dennoch so eine subversive Kraft, so ein „Mach doch!“ und „Kinder hängen lassen geht ja gar nicht!“ ... Ich lass es mal wirken.