Montag, 10. Mai 2021

Was ist gut für die kindliche Entwicklung?

 



Eine Passage aus meinen Vorträgen:

Was ist gut für die kindliche Entwicklung? Das wissen die Experten. Das wissen die Experten? Vorsicht! 

Zunächst das Jahr 1900. Es gibt eine Konferenz zur weiblichen Entwicklung. Die (männlichen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Männer sind in ihrem Element. 

Plötzlich Unruhe, Lärm, Getöse. Die Frauen haben mitbekommen, was da passiert. Sie sind empört. „Ihr wisst, was für unsere Entwicklung gut ist?“ Die Anmaßung der Männer macht sie wütend. Sie treten die Türen ein, legen Feuer. „Wir wissen selbst, was für uns und unsere Entwicklung gut ist.“ 

Hundert Jahre später gibt eine Konferenz zur kindlichen Entwicklung. Die (erwachsenen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Erwachsenen sind in ihrem Element. 

Unruhe, Lärm und Getöse kommen diesmal von innen. Ich nehme an der Konferenz teil und bin an der Reihe, meine Sicht darzustellen. Ich sage zur Verblüffung und Verwirrung der versammelten Gelehrten: „Ich bin nicht befugt, mir über die Entwicklung anderer Menschen derartige Gedanken zu machen.“ 

„Gedanken, die Kinder zu Objekten meines Nachdenkens machen und mich über sie stellen. So etwas verletzt und depersonalisiert, auch wenn es in bester Absicht geschieht. Es ist unwürdig und herabsetzend. Es entkernt ihre Menschenwürde. Wenn wir expertenhaft über Kinder nachdenken, ist das genau so chauvinistisch wie damals, als die Männer über die weiblichen Entwicklung nachdachten. So etwas ist adultistisch. Ich verlasse diese Konferenz.“ Und die Kinder treten die Türen ein und legen Feuer... 

Ich fahre von der Konferenz nach Hause. Ich überlege, welch kleines Geschenk ich meiner Frau mitbringen könnte. Stopp an der Tankstelle. Mon Chérie oder Rose? Ich bin unschlüssig. „Was suchen Sie?“, fragt der Kassierer. „Ich weiß nicht, ob ich meiner Frau Mon Chérie oder eine Rose mitbringen soll.“ „Ja“, sagt er, „schwere Entscheidung.“ Ich nicke. „Bringen Sie ihr doch das mit, was gut für ihre Entwicklung ist.“ (Die Zuhörer lachen, es ist absurd.)

Aber keine Sorge, das Gespräch gibt es nicht. Ich schenke ihr das, von dem ich meine, dass es ihr die meiste Freude macht. 

Am nächsten Tag bin ich zum Einkaufen unterwegs. Mein Neffe hat Geburtstag. Ich stehe unschlüssig vor dem Schaufenster des Spielwarengeschäfts. „Worüber denkst Du nach?“ Mein Freund ist mitgekommen. „Teddy oder Lego“, sage ich. „Ich kann mich nicht entscheiden.“ „Wie alt wird er denn?“ „Drei“, sage ich. „Das kann doch nicht so schwer sein,“ sagt er. „Was ist denn gut für seine Entwicklung in dem Alter?“ Gute Frage! Was sagen Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Hirnforschung? 

Mein Neffe steht plötzlich neben uns. Er ist empört. „Wie denkt Ihr denn über mich? Ihr wisst, was gut für meine Entwicklung ist? So was steht in den Büchern? Darüber gibt es Konferenzen? Das läuft an den Universitäten? Habt Ihr sie noch alle? Ich bin doch kein Objekt Eurer geistigen Begierde! Ich bin ein Mensch mit Würde und habe eine Würdekrone! Lasst den Unsinn. Und schenkt mir das, von dem Ihr meint, dass es mir Freude macht.“ 

Ich mache mir schon Gedanken darüber, was für andere Menschen und für meine Kinder und ihre Entwicklung gut ist. Aber der ganze Blick ist dabei – anders. Ich nehme keine objektivierende und expertenhafte Haltung ein, sondern bin subjektiv unterwegs, von Person zu Person. Und ich möchte auch nicht, dass da – wann auch immer – „Experten“ mich beäugen und „objektiv“ über mich befinden. Niemand will das, auch kein Kind. 

Aber ist „Unterstützen statt erziehen“ denn nicht gut für Kinder? Wer kann das wirklich wissen! Es ist ein Weg zu den Kindern. Es ist mein Weg zu den Kindern.

 

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