Noch einmal das Wichtigste: Wenn wir uns nicht einigen, wird es von mir keinen Angriff auf die innere Welt meines Kindes geben. Es geht nicht um Trotz, den es zu brechen gilt, nicht um das Teufelchen, das ausgetrieben, nicht um das Abendland, das gerettet werden muss. Das Kinder-Nein ist der Ausdruck eines Menschen, der aus seiner Souveränität heraus einen anderen Weg gehen will als ich. Was ich aus meinen Gründen aber nicht zulasse.
Und wenn ich seine Seele nicht angreife, gibt es auch nicht die entsprechend vehemente Verteidigung dagegen. Es soll das passieren, was ich will. Dabei geht es mir nur um das handlungsmäßige »Tu das!« oder »Lass das!«, nicht um das psychische »Sieh das ein!«. Frei von Trotzbrechen, Teufelaustreiben und Abendlandretten habe ich das Herz frei für psychisches Hören, für Empathie.
In gleicher Weise kann mein Kind mich wahrnehmen, da es nicht seelisch angegriffen wird und seine Kraft nicht in der seelischen Verteidigung gegen mich Erwachsenen aufreiben muss. Wir beide bekommen also den anderen in seiner Befindlichkeit und seiner Dringlichkeit mit. Wir beide sind offen und merken, wie wichtig dem anderen sein Interesse ist, wirklich ist, auf der emotionalen und existenziellen Ebene.
Wir erfahren, wer der andere nach seinem Selbstverständnis ist. Solch grundlegende Empathie gehört zu unserem Alltag. Dieser emotionale Austausch geht ein paarmal hin und her, mal mit Worten, mal mit Erklärungen, mal ohne. Wir wissen dann um einander Bescheid. Und da die Dringlichkeiten zweier Menschen selten genau gleich groß sind, passiert dann die Empathie Zauberei, dass der eine den anderen machen lässt!
Übersetzt: »Dann mach Du – denn ich merke, dass es Dir wichtiger ist als mir.« Das geht aber nur, wenn nicht existenzielle Wichtigkeiten im Zentrum des Konflikts stehen: Gehorsam und Einsicht, die vom Kind verlangt werden, Würde und Selbstachtung, die das Kind respektiert wissen will.
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Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen"," Seite 90f.

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