Montag, 27. April 2026

Ich stehe unschlüssig vor dem Schaufenster

 


Mein Enkel hat Geburtstag. Ich stehe unschlüssig vor dem Schaufenster des Spielwarengeschäfts. »Worüber denkst Du nach?« Mein Freund ist mitgekommen. »Teddy oder Lego«, sage ich, »ich kann mich nicht entscheiden.«

»Wie alt wird er denn?« »Drei«, antworte ich. »Das kann doch nicht so schwer sein«, sagt er. Er überlegt: »Was ist denn in dem Alter gut für seine Entwicklung?« Gute Frage! Was sagen Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Hirnforschung?

Mein Enkel steht plötzlich neben uns. Er ist empört. »Wie denkt Ihr denn über mich? Ihr wisst, was gut für meine Entwicklung ist? So was steht in den Büchern? Darüber gibt es Konferenzen? Das läuft an den Universitäten? Habt Ihr sie noch alle?«

»Ich bin doch kein Objekt Eurer geistigen Begierde! Ich bin ein Mensch mit Würde und habe eine Würdekrone! Lasst den Unsinn. Und schenkt mir das, von dem Ihr meint, dass es mir Freude macht.«

Ich mache mir schon Gedanken darüber, was für andere Menschen und für meine Kinder und ihre Entwicklung gut ist. Ich lese Bücher, diskutiere mit Fachleuten und besuche Konferenzen. Aber der ganze Blick dabei ist – anders. Ich nehme keine objektivierende expertenhafte Haltung ein, sondern bin subjektiv unterwegs, von Person zu Person.

Und ich möchte auch nicht, dass da – wann und wie auch immer – Experten mich ungefragt beäugen und »objektiv« über mich befinden. Niemand will das, auch kein Kind.

Aber ist »Unterstützen statt erziehen« denn nicht gut für Kinder? Wer kann das wirklich wissen! Es ist ein Weg zu den Kindern. Es ist mein Weg zu den Kindern.

Ich überlege, welches kleine Geschenk ich meiner Frau mitbringen könnte. Stopp an der Tankstelle. Mon Chérie oder Rose? Ich bin unschlüssig, streife durch die Regale. »Was suchen Sie?«, fragt der Kassierer. »Ich weiß nicht, ob ich meiner Frau Mon Chérie oder eine Rose mitbringen soll.«

»Ja«, sagt er, »schwere Entscheidung.« Ich nicke. »Bringen Sie ihr doch das mit, was gut für ihre Entwicklung ist.« Aber keine Sorge, das Gespräch gibt es nicht. Ich schenke ihr das, worüber sie sich wohl am meisten freut.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 109f.


Montag, 20. April 2026

Skorpione, Schlangen, Schakale, Löwen, Bären und Wölfe

 


 

Jeder Vater und jede Mutter halten ihr Kind von der Steckdose weg. Die Eltern wollen ihre Kinder lebend sehen. Was also tun?

...

Nur noch 10 Zentimeter! Jetzt muss was her, was wirklich funktioniert, sonst gibt es gleich ein totes Kind. Ich setze die vierte Macht ein, die Eltern haben: die Muskelmacht. Ich ziehe den Kleinen am Hosenboden von der Schweineschnauze-Steckdose weg und nehme mein Kind hoch. Und morgen besorge ich Kindersicherungen.

Aber stopp: Muskelmacht? Jetzt wird es sehr kompliziert, denn jetzt taucht sofort ein Monsterwort auf, das gruselige Szenarien ins Nachdenken zieht: Das Wort heißt »Gewalt«. »Du willst Dich mit Gewalt durchsetzen? Das geht doch wohl gar nicht!«

Und an dem Punkt hängen viele fest. Sie wollen sich durchsetzen, und das geht wie hier oft nur mit körperlicher Überlegenheit – aber genau das möchten die Eltern nicht, denn da fällt die ganze Gewaltdebatte über sie her. Von gewaltfreier Kommunikation bis zum verzweifelten Prügeln. Und sie wissen nicht vor und zurück.

Sie greifen letztlich doch zur Macht, die aus den Muskeln kommt, und haben dabei ein sauschlechtes Gewissen und sind unglücklich. Die Eltern hätten so gerne den Zauberstab, den sie schwingen, und schon tun die Kinder, was sie tun sollen. Den gibt es nur nicht!

»Bleibt auf dem Teppich«, sage ich dann. »Es geht nicht ohne die Muskelmacht. Wir haben die Kinder Millionen Jahre lang von den Skorpionen, Schlangen, Schakalen, Löwen, Bären und Wölfen ferngehalten und gerettet. Mit Muskelmacht. Das ist heute nicht anders. Nur dass es heute Lastwagen, Baugruben und Steckdosen sind.«

Wenn man im Nachdenken das Wort Gewalt weglässt und lieber Muskelmacht sagt, dann entspannt das und rückt die tatsächlichen Verhältnisse zurecht: Ohne unsere körperliche Überlegenheit gibt es wirklich viele Möglichkeiten, bei denen unsere Kinder zu Schaden kommen oder zugrunde gehen können.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 70ff.

 

 

 


Montag, 13. April 2026

So wie wir das ja auch machen

 

 

Neulich war ich mit meinem Sohn und zwei Enkeln im Museum, mit Lotte (5) und Jonas (3). Die Kinder nehmen sich immer das Ihre mit. So wie wir das ja auch machen.

Die beiden Kleinen waren also in einer akademischen Welt unterwegs. Jonas sauste ein paar Mal die Rampe für Rollstuhlfahrer runter. Fand er toll! Und saß dann vor dem Video über Wasserangelegenheiten. Da gab es afrikanische Welt und Brunnentechnik. Dann: Das riesige Walskelett hat ihn beeindruckt. Und die gefährlichen Zähne des Braunbären. Und irgendwelche Leuchtgeschichten. Andere Kinder in seinem Alter nutzten diesen Bildungstempel mit viel Spaß als Erlebnisbühne. Die Gelassenheit der (Groß)Eltern und der Museumsleute dabei fand ich nun wieder beeindruckend. 

Lotte war woanders als Jonas. Sie tauchte in die Inhalte ein und stellte viele Fragen. Es gab auch ein Bild von Indianerkindern mit ihren Fahrrädern. „Papa, fahren die Rad?“ „Ja klar, wie Du.“ Lotte war beeindruckt. Die indianische Welt der Gegenwart war bei ihr angekommen. Das war schon anderes als das, was in den Kinderbüchern zu finden ist. Federschmuck, Tipi, Bison und Co. „Die sind ja wie ich.“ Kultursprung.

Ich war lange nicht mehr auf so einer Bildungsreise. Zwei Kultursprünge gab es für mich. Erst: Die Vögel stammen nach den heutigen Erkenntnissen von den Sauriern ab. Dann: Ein Film über neue Büffelherden, ein Interview mit einem Enkel der 6. Generation von Sitting Bull. Er freut sich: „Es ist gut, dass Bisons zum Verkaufen gezüchtet werden. Ob die Cowboys weiß, rot, schwarz oder gelb sind, spielt keine Rolle. Hauptsache, die Büffel sind wieder da.“


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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 212f.

 

Montag, 6. April 2026

Das Eis schmeckt uns allen

 


 

Dass Konflikte sich wie von selbst auflösen, kennt jeder aus der Erwachsenenwelt, wenn grundlegende Achtung und gleiche Augenhöhe im Spiel sind. Wie zum Beispiel in einer guten Partnerschaft. Wenn es Samstag Nacht entweder ins Kino oder auf die Party gehen soll, und er ins Kino, sie aber auf die Party will. Klares Entweder – Oder. 

Wie geht so ein Konflikt aus? Arbeiten die beiden am Konflikt? Das wäre viel zu hoch gegriffen. Sie sagen sich zwei- oder dreimal ihren Wunsch, dann ist der Konflikt auch schon vorbei, und sie gehen zusammen ins Kino oder zusammen auf die Party. Sie spüren beide, wessen Wunsch wichtiger ist. Ihr Gefühl füreinander lässt sie diese einfache Lösung finden: »Wenn es Dir wichtiger ist als mir, dann gehe ich mit Dir Deinen Weg.« 

So kompliziert wird nicht geredet, es heißt nur »Okay, ich komme mit ins Kino« oder »Okay, ich komme mit zur Party«. Genau diese empathische Konfliktlösung erlebe ich mit meinen Kindern.

»Papa, kauf uns ein Eis.« »Okay, zwei Eisbällchen.« »Nein drei.« »Es bleibt bei zweien.« »Aber es ist doch so schönes Wetter!« »Was hat das denn damit zu tun?« »Bitte!« »Heute nicht.« »Wieso?« Der Sommereisfrieden beginnt zu schmelzen, und zweieinhalb Eisbällchen als Kompromiss gibt es nicht. Ob es jetzt überhaupt noch ein Eis gibt? Auf ihr »Wieso?« folgt mein »Darum!«. Jeder in der Eisdiele weiß jetzt, dass das nicht gut endet, salziges Träneneis? 

Dann aber: »Na gut, dann zwei«, sagen die Kinder ruhig – oder ich sage locker: »Na gut, dann drei.« Konflikt? Welcher Konflikt? Aus und vorbei, das Eis schmeckt uns allen.