Jeder Vater und jede Mutter halten ihr Kind von der Steckdose weg. Die Eltern wollen ihre Kinder lebend sehen. Was also tun?
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Nur noch 10 Zentimeter! Jetzt muss was her, was wirklich funktioniert, sonst gibt es gleich ein totes Kind. Ich setze die vierte Macht ein, die Eltern haben: die Muskelmacht. Ich ziehe den Kleinen am Hosenboden von der Schweineschnauze-Steckdose weg und nehme mein Kind hoch. Und morgen besorge ich Kindersicherungen.
Aber stopp: Muskelmacht? Jetzt wird es sehr kompliziert, denn jetzt taucht sofort ein Monsterwort auf, das gruselige Szenarien ins Nachdenken zieht: Das Wort heißt »Gewalt«. »Du willst Dich mit Gewalt durchsetzen? Das geht doch wohl gar nicht!«
Und an dem Punkt hängen viele fest. Sie wollen sich durchsetzen, und das geht wie hier oft nur mit körperlicher Überlegenheit – aber genau das möchten die Eltern nicht, denn da fällt die ganze Gewaltdebatte über sie her. Von gewaltfreier Kommunikation bis zum verzweifelten Prügeln. Und sie wissen nicht vor und zurück.
Sie greifen letztlich doch zur Macht, die aus den Muskeln kommt, und haben dabei ein sauschlechtes Gewissen und sind unglücklich. Die Eltern hätten so gerne den Zauberstab, den sie schwingen, und schon tun die Kinder, was sie tun sollen. Den gibt es nur nicht!
»Bleibt auf dem Teppich«, sage ich dann. »Es geht nicht ohne die Muskelmacht. Wir haben die Kinder Millionen Jahre lang von den Skorpionen, Schlangen, Schakalen, Löwen, Bären und Wölfen ferngehalten und gerettet. Mit Muskelmacht. Das ist heute nicht anders. Nur dass es heute Lastwagen, Baugruben und Steckdosen sind.«
Wenn man im Nachdenken das Wort Gewalt weglässt und lieber Muskelmacht sagt, dann entspannt das und rückt die tatsächlichen Verhältnisse zurecht: Ohne unsere körperliche Überlegenheit gibt es wirklich viele Möglichkeiten, bei denen unsere Kinder zu Schaden kommen oder zugrunde gehen können.
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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 70ff.

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