Montag, 13. Juli 2026

Geh mal in eine Universität

 


Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Luca hat im letzten Post erzählt, dass er tut, was seine Mutter will – wenn er merkt, dass ihr Anliegen mehr Gewicht hat als seins. Aber was ist, wenn ihre Wünsche gleich dringlich sind?

Paul:   Und was machst du, wenn Dir etwas genauso wichtig ist?
Luca:   Dann sehe ich zu, dass passiert, was ich will.

P   Auch wenn Du merkst, dass es Deiner Mutter wichtiger ist?
L   Wenn meine Dringlichkeit zu 100 Prozent gegen ihre Dringlichkeit
     steht, sorge ich für mich.
P   Da hast Du keine Chance. Erwachsene sind immer überlegen.
L   Nein. Sie können nur die Hälfte aller Konflikte gewinnen.
P   Aber sie haben Macht.
L   Nicht nur sie. Sie haben Muskelkraft, Geld und intellektuelle
     Überlegenheit. Aber wir sind oft stärker: durch unsere
     psychologischen und psychosomatischen Machtmittel.
P   Du meinst unsere Emotionen und Töne?
L   Ja. Wenn Du die richtigen Gefühle ansprichst und genau die
     Frequenzen raus hast, die zu Deiner Mutter passen, lässt sie Dich
     machen.
P   Meine Mutter nennt das Quengeln, Nörgeln, Jaulen, Heulen...
L   Hör auf, das ist die diskriminierende Sprache der alten Zeiten.
     Meine Mutter würde nie so von mir reden.
P   Weil sie merkt, dass Du nicht gegen sie, sondern für Dich bist.
L   Ja, das ist sehr entscheidend. Meine Machtmittel setze ich nie
     gegen sie ein, sondern nur für mich. Da muss sie sich nicht mit
     Diskriminierungen verteidigen.
P   Ihr habt einen ehrlichen Kampf. Von König zu König.
L   Mir kommt Autorität zu, ebenso wie ihr. Das kommt aus der
     Liebe zu uns selbst und ist nie gegen andere gerichtet.
P   Du hast eine Königsbeziehung.
L   Ja.
P   Ich habe eine Erziehungsbeziehung. Erzieher oben, Zögling unten.
     Verschleiert als demokratisch-partnerschaftliches Verhältnis.
L   Es gibt auch eine Partnerschaft zwischen Herrscher und Sklave.
P   Es ist nicht wirklich von Gleich zu Gleich.
L   Weil sie meint, dass Du noch kein richtiger Mensch bist.
     Sondern erst einer werden musst. Durch Erziehung.
P   Geh mal in eine Universität und hör Dir an, was da über Kinder
     gelehrt wird.
L   Ich weiß, Pädagogik.

L   Ich kann mich aber oft genug auch nicht durchsetzen.
P   Und was machst Du dann?
L   Na, nicht das, was ich wollte.
P   Ich meine es nicht auf der Handlungsebene. Wie fühlst Du Dich
     dabei?
L   Also...
P   Wenn meine Mutter sich durchsetzt, geht es mir ganz schlecht.
     Erstens kann ich nicht tun, was ich will. Handlungsebene. Das
     ist schlimm genug. Aber dann kommt noch ihr "Sieh das ein"
     und „Ich habe recht“ und „Es ist für Dich besser so“. Diese
     Selbstverständlichkeit, diese Arroganz, diese Finger in meiner
     Seele!
L   He, beruhige Dich. Sie ist nicht da. Ich versteh Dich. Es ist
     schrecklich, wenn Erwachsene so drauf sind.
P   Am schlimmsten ist, dass sie nichts, absolut nichts davon merkt,
     was bei mir abläuft. An Selbstwertzweifeln. Und Schuldgefühlen.
     Weil ich wieder etwas verkehrt gemacht haben soll.
L   Das kann sie nicht merken, weil sie voll bester Absicht ist. Sie
     liebt Dich. Sie meint, dass sie Dir etwas Gutes tut, wenn sie sich
     so um Deine Einsicht bemüht. Ihr fehlt das Bewusstsein, etwas
     Unrechtes zu tun.
P   Wie geht es Dir, wenn Deine Mutter sich durchsetzt?
L   Ich ärgere mich. Oder ich bin wütend. Das ist aber ziemlich
     schnell vorbei. Aus meiner Wut wird kein Hass.
P   Weil sie es für sich und nicht gegen Dich tut
L   Ja, irgendwie merke ich das immer. Und was soll ich mich lange
     über etwas aufregen, das doch nicht zu ändern ist?
P   Du gibst Deine Ziele auf?
L   Nein. Ich bin nur realistisch. Ich kann Niederlagen akzeptieren.
P   Du fühlst Dich nicht schlecht dabei?
L   Es sind Niederlagen meines Tuns, nicht meines Werts, vergiss das
     nicht. Mein Wert wird von meiner Mutter nie angegriffen.
P   Ich fühle immer, dass auch mein Wert herabgesetzt wird. Ich muss
     immer besser werden.
L   Trotzdem will ich meine Ziele erreichen. Was jetzt nicht geht, geht
     vielleicht später.

Paul:  Woran hältst Du zum Beispiel fest?


*

Woran Luca festhält, erzählt er im nächsten Post.

 

Montag, 6. Juli 2026

Sie hat auch dieses schreckliche Zeug

 


Ich schreibe gern in Bildern und lade in emotionale Welten ein. Luca und Paul sind noch kein Jahr alt, sie sitzen auf der Krabbeldecke und unterhalten sich. Ich höre zu und übersetze.

Luca:  Deine Mutter hat Dich auch nicht gelassen.
Paul:  Nein. Das ärgert mich.
Luca:  Mich auch
Paul:  Sie lassen uns nicht tun, was wir wollen.
Luca:  Stimmt.
Paul:  Es ist unmöglich. 

L  Deine Mutter hat so eine schaurige Ausstrahlung.
P  Sie hat schöne Ausstrahlungen. Sie liebt mich.

     Aber sie hat auch dieses schreckliche Zeug. 

L   Was ist das? Meine Mutter hat das nicht.
P   Sie fühlt sich für mich verantwortlich.
L   Sie fühlt sich für Dich verantwortlich?
P   
Sie weiß besser als ich, was für mich gut ist.
L   Das meint meine Mutter auch.
P   Nein, da ist ein Unterschied.
L   Ein Unterschied?
P   Meine Mutter meint das nicht nur aus ihrem Wissen.
L   Sondern?
P   Sie sagt, Erwachsene können wirklich alles besser beurteilen als
     Kinder.
L   Das meint sie doch nicht im Ernst.
P   Doch. Davon ist sie felsenfest überzeugt.
L   Niemals kann ein Mensch etwas besser beurteilen als ein anderer.
     Jeder tut es auf seine Weise, aus seiner eigenen Inneren Welt
     heraus. Da sind alle gleichwertig.
P   Sie glaubt, das gilt nicht bei Erwachsenen und Kindern.
L   Da hält sie ja an völlig überholten Ansichten fest.
P   Leider. Aber es ist die Sicht ihrer Eltern und deren Eltern.
     Das hat lange Tradition.
L  Weiß ich, aber meine Mutter ist da anders. Die Postmoderne kann
     an Deiner Mutter doch nicht spurlos vorübergegangen sein.
P   Schön wäre es. Aber sie erkennt nicht, dass wir vollwertige Menschen
     sind. Dass wir uns selbst gehören und selbstverantwortlich sind, von
     Anfang an. Sie setzt auf Erziehung.

L   Hast Du mit ihr noch nicht darüber gesprochen?
P   Tausendmal. Aber sie versteht es nicht.
L   Meine Mutter sagt, dass sie ihre Selbstverantwortung als Kind beinah
     verloren hat. Weil die Erwachsenen das damals nicht gelten lassen
     wollten.
P   Und?
L   Sie hat sich nicht beirren lassen. Sie hat sich versteckt, und keiner
     hat gemerkt, dass sie immer noch an sich glaubte.
P   Wenn ich mit meiner Mutter über diese Dinge rede, wird sie ärgerlich.
     Sie sagt dann, dass ich trotzig und ungezogen bin.
L   Das muss ja alles sehr anstrengend für Dich sein.
P   Ist es auch.

P   Meiner Mutter geht es auch schlecht dabei.
L   Weil Du Dir ihren Überfall auf Deine Innere Welt nicht gefallen
     lässt.
P   Natürlich nicht. Niemals!
L   Und deswegen hast Du Dich losgerissen und bist noch mal auf das            
     Ding da los.
P   Klar. Auf die Schweineschnauze.
L   Sie sagte zu Dir „Steckdose“. Aber wir haben es doch im Bilderbuch
     gesehen, es sah aus wie die Schnauze von einem Schwein.
P   Also, ich muss meiner Mutter immer klarmachen, dass sie in meiner
     Inneren Welt nichts zu suchen hat mit ihren Ansprüchen. Sie kann
     mich besuchen, o.k. Aber sie hat kein Recht, ihre Erkenntnisbäume
     in mich zu pflanzen.
L   Stimmt.
P   Wenn sie anderer Meinung ist als ich und das Ding da unten an der
     Wand für eine "Steckdose" hält, dann ist das ihre Sicht.
L   Die kann sie Dir sagen, aber es muss klar sein, dass Du eine andere
     haben kannst und nichts einsehen musst.
P   Genau das tut sie nicht.
L   Wir sollten einen Weltkongress einberufen. Alle Menschen in
     unserem Alter würden das Ding da für eine Schweineschnauze
     halten.
L   Wenn sie vorher das Buch gelesen haben.
P   Und unser Kongressergebnis steht gleichrangig neben dem Ergebnis
     des Erwachsenenkongresses. Jeder erkennt seins.
L   Aber Du sollst einsehen, dass es keine Schweineschnauze ist,
     sondern eine "Steckdose". Und dass sie recht hat.
P   Das macht mich kaputt.
L   Und weil sie es nicht schafft, geht es ihr auch schlecht.

P   Deine Mutter hat doch auch "Steckdose" gesagt.
L   Ja. Aber es war ihre Sicht. Meine hat sie gelten lassen.
P   Sie lässt Deine Sicht gelten?
L   Ja.
P   Immer?
L   Immer.
P   Was hältst Du von ihrer Sicht?
L   Eigentlich redet sie keinen Unsinn.
P   Du glaubst ihr?
L   Sie ist vertrauenswürdig.
P   Weil sie Deine Innere Welt achtet.
L   Ja.
P   Ich komme gar nicht mehr auf die Idee, meiner Mutter noch irgendwo
     zu vertrauen.
L   Aber sie hat mich nicht überzeugt. "Steckdose"? Es wird sich schon
     noch klären.
P   Bist du denn freiwillig weggeblieben?
L   Ich habe gemerkt, wie wichtig ihr das war. Ich bekomme so etwas
     immer  mit. Und sie merkt meine Dringlichkeit.
P   Die kann sie auch merken, weil sie in Dir nichts durchsetzen will. Da
     ist sie offen für das, was Dir wichtig ist.
L   Genau. Und ich bekomme ihre Dringlichkeit mit, weil ich mich nicht
     verteidigen muss.
P   Ich kann so etwas nicht merken. Ich muss dauernd aufpassen, dass
     sie nicht schon wieder ihre Pflöcke in mein Land rammt.
L   Ich bekomme also mit, wie wichtig ihr das ist, dass ich von der
     Schweineschnauze wegbleibe. Ich habe mich gefragt, ob mir meins
     wichtiger ist.
P   Und?
L   Sie hatte solche Not, dass ich ganz erstaunt war.
P   Du hast nachgegeben?
L   Nein. Das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich lass sie, wenn es ihr
     dermaßen wichtig ist. Warum auch nicht. Ich liebe sie doch.
P   Wie Du das sagst... Aber ich versteh Dich. Du fühlst Dich nicht
     angegriffen. Du hörst hin, wenn sie Probleme hat, und kannst
     großzügig sein.
L  Großzügig? Es ist doch selbstverständlich, dass ich jemandem helfe,
     wenn ich kann. Und wenn ich ihn liebe, um so eher.

Paul:  Und was machst Du, wenn Dir etwas genauso wichtig ist?

 

*

Was Luca dann macht, kommt im nächsten Post..