Montag, 31. August 2026

Ich tu's aber nicht anders!

 

 

Fortsetzung des letzten Posts. 

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 Genau mein Problem! 

»Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Kinder sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die schmeißen Dir doch nur Spinat an die Wand und packen in jede Steckdose. Die können doch dann machen, was sie wollen. Das gibt Chaos und tote Kinder!«

Was soll ich sagen? Keiner rechts und links weiß das. Auch die Experten nicht, Montessori und Co. »Ich weiß nicht, wie das geht.« »Dann wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig wie der Freund 1900 sagte ich: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Zwanzig Jahre später treffen sich die Freunde wieder. Er wird gefragt: »Du hast doch Deine Freundin geheiratet. Wie geht das denn jetzt mit der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen? Musst Du High Heels anziehen? Entscheidest Du an geraden Tagen und sie an ungeraden?«

Die Freunde haben immer noch keine Ahnung, wie eine gleichwertige Beziehung von Männern und Frauen aussehen soll. Der Freund sagt: »Nicht so komisch, mit einer Strichliste, wer dran ist mit Abwaschen.« »Aber wie denn dann?« »Ich kann es erklären, wenn Ihr zuhören wollt.« Und dann erzählt er, wie das so geht, wenn Männer von der Gleichwertigkeit überzeugt sind.

Und das werde ich dann auch gefragt. Zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später. »Wie viel Spinat ist an Deiner Wand gelandet? Haben die sich jemals die Hände gewaschen? Das Wort Hausaufgaben ist doch für Deine Kinder ein Fremdwort.«

Die Leute können es sich nicht vorstellen, wie das gehen soll – und zwar gut gehen soll: gleichwertige Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Ich sage dann wie der Freund zu seinen Freunden: »Ich kann erklären, wie es geht, wenn Ihr Zeit zum Zuhören habt.«

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 33.

 








 

Montag, 24. August 2026

Und rotzig-trotzig antwortet er

 

 

Das Jahr 1900. Junge Männer machen einen gemütlichen Weinabend und diskutieren über Gott und die Welt. Auf einmal sagt einer: »Ich glaube, meine Freundin ist ein richtiger Mensch.«

Stille. »Was willst Du damit sagen?« »Frauen sind Männern ebenbürtig, gleichwertig, eben vollwertige Menschen.« Noch mehrStille. »Sie wollen an die Uni und studieren. Sie wollen in die Politik. Sie wollen das Wahlrecht.«

Große Aufregung. »Du spinnst doch wohl, Frauen können nicht mal rechnen, und wenn sie in der Politik mitbestimmen, geht die Welt zugrunde.« »Lasst den Unsinn, ich finde, meine Freundin hat recht. Sie hat auf ihrem Kopf die Würdekrone der Gleichwertigkeit.« »Da kannst Du fühlen, da sind Haare, sonst nichts.« »Das mein ich doch nicht so! Ich seh das eben. Mit dem Herzen. Männer und Frauen sind gleichwertig.« Die Freunde streiten sich. Er soll beweisen, dass das stimmt.

Wie wollen Sie – die Frauen hier im Raum – denn beweisen, dass Sie gleichwertig sind wie Männer? Sie fahren mit dem Zug nach München. Unterwegs setzt sich ein braungebrannter Mann neben Sie. Langer Bart, sympathisch. Sie kommen ins Gespräch. »Im übrigen«, sagt er, »ich heiße Taliban. Sie haben noch zwei Stunden, um mich zu überzeugen, dass Sie mir gleichwertig sind.«

Wenn Sie das nicht als unverschämt zurückweisen, sondern eine Chance sehen, diesen Mann zu erreichen, und sich darauf einlassen: Was wollen Sie tun? Diskutieren? Grundgesetz zitieren? Gedicht vorlesen? Ein Lied singen? Sie erzählen von unserer Art zu leben und ziehen alle Register.

In München steigt er aus und sagt: »Ich habe das schon verstanden. Ich kenne die Position Ihrer Kultur. Es ist ja nicht so, dass ich meine Frau nicht liebe. Aber gleichwertig – ist sie mir nicht.« Sie haben sein Herz nicht erreicht. Er bleibt bei seinem Menschenbild: Männer oben – Frauen unten.

»Beweise, dass das stimmt«, sagen die Freunde. »Das kann ich nicht«, sagt er, »es ist ein Menschenbild. So etwas kann man nur mit dem Herzen sehen, nicht beweisen.« »Mal angenommen – aber nur mal angenommen – da ist was dran. Frauen sind gleichwertig! Aber okay. Wie willst Du das denn realisieren? Die tanzt Dir doch nur auf der Nase rum. Oder Du musst Frauenkleider anziehen. Oder Dir die Lippen schminken. Wegen der Gleichwertigkeit.«

Was soll er sagen? Er weiß es nicht. Wen kann er fragen? Keiner weiß, wie das geht, gleichwertige Beziehungen mit Frauen. Der Bruder nicht, der Vater nicht, der Onkel nicht, und diese Freunde erst recht nicht. »Ich weiß nicht, wie das geht«, sagt er. »Klar, und da wirst Du scheitern!« Und rotzig-trotzig antwortet er: »Ich tu’s aber nicht anders!«

Genau mein Problem! »Beweise, dass das stimmt: Erwachsene und Kinder sind gleichwertig.« »Das kann ich nicht beweisen. Das ist ein Menschenbild, das kann man nur mit dem Herzen sehen.« 

 Fortsetzung im nächsten Post. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 31ff.

 

 



Montag, 17. August 2026

Fest eines fremden Volkes

 


Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend auf die Geheimniskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe andererseits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe. Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich weiß – dass er versetzt wird – und beende den Terror gegen ihn.

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In der 5c gibt es heute keine Schule in der Schule. Wir spielen, ohne jedwede pädagogische Absicht. Ich bin da, mit Aufmerksamkeit und Zuwendung, nicht verbunden mit irgendwelchen Bedingungen. Ich achte sie, und ich fühle mich von ihnen geachtet.

Sie wollen „Verheiraten“ spielen. Ich lasse es mir einmal vorführen, dann machen sie es bis zum Schluss der Stunde. Einer ist Pastor, zwei andere sind Trauzeugen. Die Pärchen melden sich und werden an die Tafel geschrieben. Und dann verheiratet. Es ist eine Zeremonie mit viel Lachen, Spaß und Beifall.

Ich bin eingeladen, ich bin ihr Gast, sie haben mich in ihren Kreis aufgenommen. Ich komme mir verzaubert vor, es ist, als ob ich am Fest eines fremden Volkes teilnehme. Ich spüre die Mischung von Spaß und Ernst,von Spiel und Leben – und ich merke, wie befreiend es ist, wenn man auf dieser Ebene miteinander umgeht. Es ist einfach phantastisch, dass sie mich eingeladen haben. Sie zeigen mir etwas von ihrer Welt und ihren Wichtigkeiten.


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Aus meinem Buch "Kinderkreis im Mai. Die Revolution der Schule", S. 216 u. 224f.


Montag, 10. August 2026

Unsere Kinder menschlicher zu machen

 


 

Liebe Lehrer, 

ich habe ein Konzentrationslager überlebt.

Meine Augen haben Dinge gesehen,

die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

Gaskammern, gebaut von gebildeten Ingenieuren,

Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten,

Säuglinge, getötet von erfahrenen Krankenschwestern,

Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt 

von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

Mein Anliegen ist:

Helfen Sie Ihren Schülern, menschlicher zu werden.

Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte 

keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen,

keine befähigten Psychopathen,

keine gebildeten Eichmanns.

Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig,

wenn sie dazu beitragen,

unsere Kinder

menschlicher

zu machen.


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Der israelisch-amerikanische Pädagoge Haim G. Ginott (1922-73) überliefert einen Brief, den ein Überlebener eines Konzentratioslagers geschrieben hat. Dieser Brief wurde mir in handschriftlcher Form vor Zeiten zugesandt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Montag, 3. August 2026

Da liegt er, der Baumstamm

 

 

 

Ich will mit den Kindern eine Radtour machen, mit Xenia (7), Felix (9) und Lisa (7). Xenia und Felix wollen mit, doch Lisa will lieber zu Hause bleiben. Aber nicht allein. "Was willst Du? Mitkommen oder dableiben?" Mir ist nicht wohl dabei. Wer ohne Lust eine Radtour macht, wird es nicht lange aushalten, und die anderen sind dann genervt. Das ist jedenfalls meine Befürchtung. 

Lisa kommt mit. Aber sie hängt nach und freut sich weder über die Kühe noch über die Fohlen. Sie zockelt hinterher. Die Fröhlichkeit von uns drei anderen nimmt nach und nach ab: Ihretwegen. Es ist nicht so, dass wir sie verurteilen. Nur: Wie sollen wir fröhlich sein, wenn einer betrübt ist? Beim nächsten Berg ist es dann soweit: Lisa kommt nicht. Wir halten an und warten. Dann kommt sie.

Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.

Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten? Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus. Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht. Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.

Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und deswegen schon etwas weniger ärgerlich.
 "Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck, doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts, dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut. 

In mir schwingt keine Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und Lisa.

Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne, Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um. Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt, der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen, wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben! Angenommen. O.k.

"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.  

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 228ff.