Ich will mit den Kindern eine Radtour machen, mit Xenia (7), Felix (9) und Lisa (7). Xenia und Felix wollen mit, doch Lisa will lieber zu Hause bleiben. Aber nicht allein. "Was willst Du? Mitkommen oder dableiben?" Mir ist nicht wohl dabei. Wer ohne Lust eine Radtour macht, wird es nicht lange aushalten, und die anderen sind dann genervt. Das ist jedenfalls meine Befürchtung.
Lisa kommt mit. Aber sie hängt nach und
freut sich weder über die Kühe noch über die Fohlen. Sie zockelt
hinterher. Die Fröhlichkeit von uns drei anderen nimmt nach und nach ab:
Ihretwegen. Es ist nicht so, dass wir sie verurteilen. Nur: Wie sollen
wir fröhlich sein, wenn einer betrübt ist? Beim nächsten Berg ist es
dann soweit: Lisa kommt nicht. Wir halten an und warten. Dann kommt sie.
Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch
mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie
lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen
ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn
jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts
genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir
wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.
Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten?
Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann
fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus.
Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit
verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht.
Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern
schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm
über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.
Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und
erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und
deswegen schon etwas weniger ärgerlich. "Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck,
doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts,
dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß
macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch
nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut.
In mir schwingt keine
Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist
fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von
Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne
Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und
Lisa.
Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne,
Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad
umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um.
Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt,
der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen,
wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben!
Angenommen. O.k.
"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So
ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa
summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen
Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.
*
Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 228ff.
