Montag, 28. September 2026

Das schaffst Du

 


Paul ist fünf Jahre alt und bekommt kein Überraschungsei. Er knallt sich an der Ladenkasse auf die Fliesen und macht einen Riesenaufstand. Seine Mutter ist modern, hat Erziehungsbücher gelesen und Kurse besucht. Sie weiß, was jetzt zu tun ist.

Sie hockt sich hin, Augenhöhe herstellen. Und redet einfühlsam mit ihrem Kind. Dass es verabredet war, heute zum Einkaufen zu gehen, ohne dass es ein Überraschungsei gibt, und dass es so nicht geht.

Paul: »Mama, mir geht es nicht mehr um das Überraschungsei. Mir geht es jetzt darum, dass Du aus meiner Seele verschwindest. Ich soll was einsehen! Ich muss mich ändern! Diese eklige Einmischung kenne ich seit fünf Jahren. Du meinst, dass Du einen richtigen Menschen aus mir machen musst. Sowieso und auch hier an der Ladenkasse. Das ist total übergriffig. Nervt und nervt. Hör auf damit!«

»Schau mal zu der Kasse da drüben. Der Kollege, fünf Jahre wie ich, kriegt auch kein Überraschungsei. Seine Mama sagt nur: ›Nein, ist nicht.‹ Knallhart. Aber diese Mama geht ihm nicht an die Seele. Er muss nichts einsehen. Sie sieht ihn als vollwertigen Menschen, auch mit fünf. Und weil sie seine Würde nicht an greift, muss er sich auch nicht verteidigen, so wie ich. Er ist verärgert, klar. Aber seine Krone ist nicht verrutscht. Und er muss sich nicht auf die Fliesen werfen.«

Und auch Paul erinnert seine Mutter: »Du warst doch auch mal fünf. Dieser Psychokram war doch auch für Dich nicht schön. Versuch es doch mal wie die Mama da drüben. Das schaffst Du.«

 

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Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", S. 114f.

 

Montag, 21. September 2026

Auf der langen Planwagenfahrt

 

  
Und die Kinder? Erziehungswesen? Oder von Geburt an vollwertige Menschen, die nicht erst dazu gemacht werden müssen? Die Erziehungssicht ist eine Sicht auf die Kinder. Sie hat eine lange Tradition, auch wir haben sie in unserer Kindheit erlebt. Und glauben, dass es so ist. Nur, dass es heute auch eine andere Sicht auf die Kinder gibt. Die Sicht ohne oder jenseits der Erziehung: Kinder sind keine Erziehungswesen. 

Für neue Sichtweisen braucht es Beweise. Oder neue Ideen, wenn sich da nichts beweisen lässt im handfesten naturwissenschaftlichen Sinn. Die Kinder sehe ich auf der psychologischen Ebene anders als die Tradition, erziehungsfrei, vollwertig, und sie müssen für mich nicht erst zu selbstverantwortlichen und vollwertigen Menschen gemacht werden. 

Henry wird vor 200 Jahren auf einer großen Baumwollplantage am Mississippi geboren. Er ist der Sohn der Plantagenbesitzer, es gibt dort viele Sklaven. Henry erlebt von klein auf, wie mit den Schwarzen umgegangen wird. Er erfährt es von Mama, Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, Freunden seiner Eltern, Besuchern. Welches Menschenbild entsteht in Henry? 

Nun, diese schwarzen Menschen sind minderwertige Menschen, Sklaven eben und haben keine Rechte. Es ist nichts dabei, ihnen rüde Befehle zu erteilen, sie zu erniedrigen oder auszupeitschen. Das Kind lernt: Nur Weiße sind vollwertige Menschen. Henrys Haltung und seine Einstellung und auch seine Sprache sind so: Weiße oben – Schwarze unten. 

Henry ist 20 Jahre alt geworden und verkauft für seine Eltern die Baumwolle in New Orleans. Der junge Mann kommt nach erfolgreichem Verkauf bei einem Umtrunk mit Bürgerrechtlern in Kontakt. Sie erzählen allen Ernstes, dass Schwarze vollwertige Menschen sind und dass die Sklaverei beendet werden muss. Unvorstellbare Gedanken! 

Aber auf der langen Planwagenfahrt zurück kommt er immer mehr ins Grübeln. Freundliche Bilder aus seinen Erlebnissen mit Schwarzen tauchen auf, er denkt an die Nanny und an die Köchin, ihren Sohn Tom, seinen Spielkameraden. Das Herz geht ihm auf. Als er zu Hause ankommt, sieht er alle Sklaven anders – gleichwertig, mit der Würdekrone auf dem Kopf. Er wird es anders machen als seine Eltern. 

Geänderte psychische Sichtweisen und Gefühlswelten sind nicht ungewöhnlich und kommen immer wieder vor. Im Kleinen: Aus Abneigung wird Zuneigung. Im Großen: Gleichwertigkeit von Frauen statt patriarchalischer Unterdrückung, Gleichwertigkeit von Schwarzen statt Sklaverei.  

Wir interpretieren, wie immer. Wir können die Dinge so oder so sehen. Und das gilt auch für die Sicht auf die Kinder. 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 96ff.

 

 

Montag, 14. September 2026

Es gibt keine wirklichen Bösewichte

 

 

Die Gleichwertigkeit ist ein schwieriges Ding. Arzt und Mörder sind gleichwertig. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur grundverschiedene Wege. Aber ihr Wert und ihre Würde sind von gleichem Rang. Das ist ein weit gefasstes Bild und schließt niemanden aus. Auch nicht die, von denen wir gelernt haben, dass sie wenig wert sind, dass sie böse sind, wie man sagt. Die Würdekrone aber haben alle. Doch soll man dann alles durchgehen lassen?

Kain. Er erschlägt seinen Bruder Abel. Besuchen wir die beiden! Mit der Zeitreise. Wir landen mit unserer Rakete hinten auf dem Acker, Kain holt gerade mit dem Stein aus. »Halt«, rufe ich, »warte mal!« »Was willst Du? Wer seid Ihr denn?« Ich rede auf ihn ein, ich sage ihm, dass es keine wirklichen Bösewichte gibt und dass er es auch nicht ist, auch nicht, wenn er seinen Bruder erschlägt. Aber ob das denn unbedingt sein muss, und dass seine Opfergabe … und so weiter. Ich versuche ihn davon abzuhalten, seinen Bruder zu töten.

»Verschwinde jetzt,« sagt er schließlich, »ich will meinen Bruder umbringen, so steht es in der Bibel.« »Bei allem Respekt, Kain, aber das wirst Du nicht tun!« Und auf mein Kommando stürzen wir uns auf ihn und entwinden ihm den Stein. Ich will damit sagen, dass ich mir – bei allem Respekt auf der psychischen Ebene – sein Handeln nicht bieten lasse.

Was allen »Bösewichten« gegenüber gilt. Und wenn ich eine Chance habe, kann da keiner von denen tun, was er will, sei es nun ein Bombenleger, Feuerteufel, Amokfahrer, Säurespritzer, Mädchenhändler, Kindesmissbraucher, Drogenboss, Tierquäler oder ein sonstiger Fürst der Finsternis.

Das Durchsetzen in der äußeren Welt ist ein klares Oben-Unten. Die Handlungsebene muss aber nicht von einer psychischen Oben-Unten-Position umgeben sein. Dort, in der inneren Welt, ist – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – Gleichwertigkeit. Uneingeschränkt gilt für jeden: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Es besteht der Unterschied von »böser« Tat, die es zu verhindern gilt, und Täter, der immer ein Ebenbild Gottes ist.

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 98f.

 





 

 

 

 

 


Montag, 7. September 2026

"Entschuldige Dich!"


 

 

Eine Erzieherin erzählt von einem Streit der Kindergartenkinder. Sie nahm die Kinder auseinander, aber der Übeltäter hatte sich nicht entschuldigt. Sie ist ratlos, wie sie es schaffen kann, dass der Dreijährige sich entschuldigt. Bemüht hatte sie sich, aber ohne Erfolg. »Das muss er doch.« Auf mein fragendes Gesicht hin sagt sie: »Das erwarten die Eltern.« Ja, da hat sie recht, so läuft es. Eltern erwarten ein solches Sozialverhalten, der Kindergarten soll das richten.

Mein Mitgefühl ist rasch bei dem Übeltäter. Der gehänselte Junge wird sicher Trost und Zuspruch bekommen haben, da muss ich nicht hinterherfühlen. Ich bin beim Täter. Seine Zicke, die er da gefahren hat (dem anderen etwas wegnehmen): es wird ihm schon klar sein, dass das nicht in Ordnung war. Das hat die Erzieherin rübergereicht. Wäre das nicht genug gewesen? Jetzt auch noch entschuldigen?

Ein »Sorry, tut mir leid« kommt mir gut über die Lippen. Nicht immer leicht, aber verlässlich. Wenn das, was gerade passierte, wirklich auf mein Konto ging. Es ist eine bizarre und absurde Vorstellung, dass sich da einer vor mir aufbaut und meine Entschuldigung einfordert. So etwas habe ich in meinem Erwachsenenleben auch noch nicht erlebt. Wiewohl ich weiß, dass das durchaus vorkommt.

»Entschuldige Dich!« – welche Übergriffigkeit. Wieso gibt es diese Wortkombination, »Entschuldige« plus »Dich«, überhaupt? »Entschuldige bitte!«: Klar, diese beiden Worte gehen und gehören dazu. Ich bin perplex über das, was die Erzieherin mir erzählt, aber ich weiß natürlich sofort, was da los ist. Nur dass mir diese Alltagsanmaßung, dieses 1001. Stückchen seelischer Kindermisshandlung gerade nicht geläufig war.

»Müssen Sie das wirklich?« Und unausgesprochen per Blick: »Dem Kind auferlegen, dass es sich entschuldigt?« Ich versuche, vorsichtig, meine Position ins Spiel zu bringen. Ich nehme Kontakt zu ihr auf: »Ich kann mir die Situation gut vorstellen, ich habe schon verstanden.«

Auf meinen Vorträgen will ich ja nicht lebensfremd und utopieverkündend erlebt werden, sondern als jemand, der realistische, handfeste Anderswege aufzeigt. Diese Erzieherin schwingt ein. Sie hat den Jungen ja auch nach dem Auseinander und kurzem Warten, dass er sich entschuldigt, nicht weiter bedrängt. Nur: Das sollte sie aber, das wird von ihr erwartet. Und da weiß sie nicht, wie sie das machen soll.

Sie sagt, sie will den Übeltäter mit so einer Entschuldigungsgeschichte nicht noch zusätzlich belasten. Er wird häufiger ausfallend und er tut ihr leid, ist ihr ans Herz gewachsen. »Sie schauen vor Ort, was geht und was Sie können, gut können. Und wenn Sie den Jungen nicht zum Entschuldigen anhalten wollen, dann lassen Sie es eben. Sie sind dann nicht übergriffig, das ist doch super.«

»Den Eltern können Sie ja sonst was erzählen, wenn die Sprache drauf kommen sollte. Wahrscheinlich werden Sie eh nicht gefragt, es sind ja nur die Erwartungen in uns, die so belastend sind. Und falls doch, sagen Sie halt kurz: ›Ja, er hat sich entschuldigt.‹ Kleine Lüge – großer Friede.«

»Danke«, sagt sie. Sie fühlt sich unterstützt. Ich denke, sie hat noch nie gehört, dass eine Erzieherin, eine pädagogische Fachkraft, so damit verfahren kann, darf, ja: sollte. »Sie folgen einfach Ihrem Herzen. Das ist nicht nur wohltuend und befriedend, sondern auch höchst professionell. ›Rehumanisierung des pädagogischen Alltags‹ nenne ich das.« 

 

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Aus meinem Buch „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“, S. 168ff..