Paul ist fünf Jahre alt und bekommt kein Überraschungsei. Er knallt sich an der Ladenkasse auf die Fliesen und macht einen Riesenaufstand. Seine Mutter ist modern, hat Erziehungsbücher gelesen und Kurse besucht. Sie weiß, was jetzt zu tun ist.
Sie hockt sich hin, Augenhöhe herstellen. Und redet einfühlsam mit ihrem Kind. Dass es verabredet war, heute zum Einkaufen zu gehen, ohne dass es ein Überraschungsei gibt, und dass es so nicht geht.
Paul: »Mama, mir geht es nicht mehr um das Überraschungsei. Mir geht es jetzt darum, dass Du aus meiner Seele verschwindest. Ich soll was einsehen! Ich muss mich ändern! Diese eklige Einmischung kenne ich seit fünf Jahren. Du meinst, dass Du einen richtigen Menschen aus mir machen musst. Sowieso und auch hier an der Ladenkasse. Das ist total übergriffig. Nervt und nervt. Hör auf damit!«
»Schau mal zu der Kasse da drüben. Der Kollege, fünf Jahre wie ich, kriegt auch kein Überraschungsei. Seine Mama sagt nur: ›Nein, ist nicht.‹ Knallhart. Aber diese Mama geht ihm nicht an die Seele. Er muss nichts einsehen. Sie sieht ihn als vollwertigen Menschen, auch mit fünf. Und weil sie seine Würde nicht an greift, muss er sich auch nicht verteidigen, so wie ich. Er ist verärgert, klar. Aber seine Krone ist nicht verrutscht. Und er muss sich nicht auf die Fliesen werfen.«
Und auch Paul erinnert seine Mutter: »Du warst doch auch mal fünf. Dieser Psychokram war doch auch für Dich nicht schön. Versuch es doch mal wie die Mama da drüben. Das schaffst Du.«
*
Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen", S. 114f.

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