Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Paul fragt Luca, woran er festhält.
Paul Woran
hältst Du zum Beispiel fest?
Luca Am Süßkram. Das gebe ich
nicht auf. Sie ist voll dagegen. Aber
es schmeckt
einfach! Und sie glaubt bestimmt ihr Leben lang, dass
das ungesund ist.
P Gibt es bei Euch
deswegen dann nicht dauernd Streit?
L Streit trifft es nicht.
Hast Du beim Süßkram Streit?
P Jedes Mal. Und immer diese
Nörgelei, dass ich das einsehen soll und
dass sie recht hat
und nur mein Bestes will. Und neuerdings diese
„Gespräche“.
L Was für „Gespräche“?
P Sie ist modern. Sie liest solche
Bücher, geht in Kurse und Seminare
und lernt, was die beste
Methode für den Umgang mit Kindern ist.
Da sind
"demokratisch-partnerschaftliche" Gespräche angesagt,
auf Augenhöhe, mit Ich-Botschaften. Mit allen psychologischen
Tricks.
L Von Erzieher zu Zögling, von oben nach unten. Die
Methoden werden
raffinierter, nichts ändert sich wirklich.
P Nein. Es ist nicht wie bei Dir von Gleich zu Gleich.
L Unser
Konflikt ist offen und klar, ohne Tricks und Manöver. Ich sehe
oft, dass ihre Sicht besser passt, und kann dann zustimmen. Aber
bei
anderen Sachen eben nicht, wie beim Süßkram.
P Und?
L Ich ändere mich nicht, sie ändert sich nicht. Das ist
kein Drama. Es ist
eher ein bisschen komisch.
P Du
siehst so etwas mit Humor?
L Warum nicht?
P Wenn sie Dir
keinen Süßkram lässt?
L Ich werd auch ohne sie schon noch
drankommen.
P Ach so.
L Aber das ist nicht der Punkt.
P Sondern?
L Sie lässt mir keinen Süßkram, aber sie lässt mir
meine Innere Welt,
und zwar immer. Sie tastet meine
Selbstachtung und meinen Wert
nicht an.
P Du kannst
ihrer Meinung nach ein Süßkram-Fan sein?
L Ja. Sie weiß, dass
ich so jemand bin. Sie achtet das.
P Und nimmt Dir trotzdem den
Süßkram weg?
L Ja. Das ist kein Widerspruch.
P Sie sorgt
für sich selbst und will Dich nicht ändern.
L Wir tun beide im
Grunde dasselbe. Jeder sorgt für sich und tastet
dabei die
Würde des anderen nicht an. Das ist ein sehr
verbindendes
und verlässliches Gefühl, gerade bei meinen Niederlagen.
P Meine Mutter will, dass ich dem Süßkram abschwöre.
L Sie will
ihn Dir nicht nur konkret wegnehmen?
P Ich soll auch einsehen,
dass Süßkram schlecht ist. Und dass ich
schlecht bin, wenn
ich Süßkram will.
L Sie will Dich erziehen.
P Ja.
L Kultureller Imperialismus.
P Was macht Deine Mutter? Gibt sie
ihren Wunsch auf, dass Du
Süßkram ablehnst? Dass Du Dich
änderst?
L Nein, sie gibt ihre Wünsche nicht auf. Aber sie ist
auch ganz
realistisch. Sie kennt meine Einstellung. Die
respektiert sie, wenn
sie auch hofft, dass ich meine Meinung
mal ändern könnte.
P Könntest Du?
L Bei Süßkram? Kann
ich mir nicht vorstellen. Aber möglich ist
alles. Mich
drängt ja keiner. Ich kann es mir jederzeit überlegen.
P Bei
Dir ist alles so unproblematisch.
L Also, Probleme habe ich
auch.
P Aber sie sind leichter. Niemand geht Dir an die Seele.
L Die Achtung vor unseren Inneren Welten ist immer präsent.
Dieser Fluss wird nicht beeinträchtigt. Das ist schon sehr
entspannend.
P Es kommt mir wunderschön vor.
L Ich wünsche
Dir das auch.

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