Montag, 20. Juli 2026

Dass ich dem Süßkram abschwöre

 


Ich höre weiter den beiden Einjährigen zu und übersetze. Luca und Paul sitzen auf ihrer Krabbeldecke und fachsimpeln. Über Konflikte mit ihren Eltern. Paul fragt Luca, woran er festhält.

Paul    Woran hältst Du zum Beispiel fest?
Luca   Am Süßkram. Das gebe ich nicht auf. Sie ist voll dagegen. Aber
           es schmeckt einfach! Und sie glaubt bestimmt ihr Leben lang, dass
           das ungesund ist.

P   Gibt es bei Euch deswegen dann nicht dauernd Streit?
L   Streit trifft es nicht. Hast Du beim Süßkram Streit?
P   Jedes Mal. Und immer diese Nörgelei, dass ich das einsehen soll und
     dass sie recht hat und nur mein Bestes will. Und neuerdings diese
     „Gespräche“.
L   Was für „Gespräche“?
P   Sie ist modern. Sie liest solche Bücher, geht in Kurse und Seminare
     und lernt, was die beste Methode für den Umgang mit Kindern ist.
     Da sind "demokratisch-partnerschaftliche" Gespräche angesagt,
     auf Augenhöhe, mit Ich-Botschaften. Mit allen psychologischen
     Tricks.
L   Von Erzieher zu Zögling, von oben nach unten. Die Methoden werden
     raffinierter, nichts ändert sich wirklich.
P   Nein. Es ist nicht wie bei Dir von Gleich zu Gleich.
L   Unser Konflikt ist offen und klar, ohne Tricks und Manöver. Ich sehe
     oft, dass ihre Sicht besser passt, und kann dann zustimmen. Aber bei
     anderen Sachen eben nicht, wie beim Süßkram.
P   Und?
L   Ich ändere mich nicht, sie ändert sich nicht. Das ist kein Drama. Es ist
     eher ein bisschen komisch.
P   Du siehst so etwas mit Humor?
L   Warum nicht?
P   Wenn sie Dir keinen Süßkram lässt?
L   Ich werd auch ohne sie schon noch drankommen.
P   Ach so.
L   Aber das ist nicht der Punkt.
P   Sondern?
L   Sie lässt mir keinen Süßkram, aber sie lässt mir meine Innere Welt,
     und zwar immer. Sie tastet meine Selbstachtung und meinen Wert
     nicht an.
P   Du kannst ihrer Meinung nach ein Süßkram-Fan sein?
L   Ja. Sie weiß, dass ich so jemand bin. Sie achtet das.
P   Und nimmt Dir trotzdem den Süßkram weg?
L   Ja. Das ist kein Widerspruch.
P   Sie sorgt für sich selbst und will Dich nicht ändern.
L   Wir tun beide im Grunde dasselbe. Jeder sorgt für sich und tastet
     dabei die Würde des anderen nicht an. Das ist ein sehr
     verbindendes und verlässliches Gefühl, gerade bei meinen Niederlagen.

P   Meine Mutter will, dass ich dem Süßkram abschwöre.
L   Sie will ihn Dir nicht nur konkret wegnehmen?
P   Ich soll auch einsehen, dass Süßkram schlecht ist. Und dass ich
     schlecht bin, wenn ich Süßkram will.
L   Sie will Dich erziehen.
P   Ja.
L   Kultureller Imperialismus.
P   Was macht Deine Mutter? Gibt sie ihren Wunsch auf, dass Du
     Süßkram ablehnst? Dass Du Dich änderst?
L   Nein, sie gibt ihre Wünsche nicht auf. Aber sie ist auch ganz
     realistisch. Sie kennt meine Einstellung. Die respektiert sie, wenn
     sie auch hofft, dass ich meine Meinung mal ändern könnte.
P   Könntest Du?
L   Bei Süßkram? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber möglich ist
     alles. Mich drängt ja keiner. Ich kann es mir jederzeit überlegen.
P   Bei Dir ist alles so unproblematisch.
L   Also, Probleme habe ich auch.
P   Aber sie sind leichter. Niemand geht Dir an die Seele.
L   Die Achtung vor unseren Inneren Welten ist immer präsent.
     Dieser Fluss wird nicht beeinträchtigt. Das ist schon sehr
     entspannend.
P   Es kommt mir wunderschön vor.
L   Ich wünsche Dir das auch. 


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