Montag, 16. September 2019

Willkommenherz und Online-Kongress





Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter (98). Wir sind unterwegs, draußen, Wald- und Wiesenwege, unsere täglichen 45 Minuten. Sie stützt sich auf ihren Rollator, geländegängige Großreifen. Per Rückenkrankheit und Alter geht sie gebückt, Blick nach unten auf den Weg. Nicht nur, aber schon. Nicht nur nach vorn, auch zur Seite. Sie sieht dort wieder und wieder schöne Blätter. Rote, braune, grüne, gelbe, farbmisch gefällt ihr am besten. "Dass es so was gibt!" Rotgelbgrün, geniale Muster. "Dies noch" und "Das noch". Ich soll sie aufheben, diese Wunder der Natur und oben vor sie auf die Rolliablage legen. Was ich tue. Dies noch und das noch. Zu Hause werden sie dann liebevoll auf dem Tisch ausgebreitet.

Will sagen: Diese winzigen Kleinigkeiten - sie wollen bemerkt sein. Wer schaut schon auf Blätter am Wegesrand? Wer schaut schon auf Wunder am Tagesrand? Das ist es, was sie mir zeigt. Diese kleinen Wunderdinge sind ja da, sie wollen nur bemerkt sein. Das sind zum Beispiel kleine Situationen mit fremden Menschen, dauernd möglich. Heute beim Einkaufen: An der Ladenkasse, wenn die Kassiererin mein Gemüse abwiegt, was ich vergessen habe. Vor der Ladenkasse, wenn dieses Kleinkind von der Mutter auf den Arm genommen wird. Hinter der Ladenkasse, wenn ich dem mit Einkauf vollbepackten Businessman die Tür aufhalte. Dann: Den Radfahrer vorbeilasse, wiewohl der nicht dran ist. Zurück zum knienden Bettler gehe und ihm 2 Euro gebe, wiewohl der mich vor dem Laden nur genervt hat, allein dass er da so kniete. Dieser unangenehmen Frau in der Bäckerei den Vortritt lasse, den sie so unausgesprochen einfordert, wiewohl sie wirklich nicht dran ist.

Ich sehe beim Autofahren die Wolkentürme, die Blumenkästen vor den Häusern, die liebevoll (!) aufgestellten Warnschilder (starke Kurve, Reiter, 30, Stop, gotgelbgrün, tausend). Ich sehe den Platten auf dem Bürgersteig in ihre Geschichte: sehe den Bauarbeiter, der sie dereinst verlegt hat. Ich sehe die Wespe vor meinem Gesicht, die nicht verjagt werden will. Ich sehe die Kanadagänse am Flußufer, die irritiert zum Hund sehen, und ich sehe den Hund, der drauflosrennt, und ich sehe sein Herrchen, der ihn nicht anleint. Ich sehe all diese kleinen Buntlinge des Tages, meines Tages.

Und so sehe ich auch die bunten Blätter, die da einfach liegen und von meiner Mutter erkannt, begrüßt, bewillkomnet werden. Sie hat ein sehendes Willkommenherz. Ich habe ein sehendes Willkommenherz.

Und damit habe ich dereinst die jungen Menschen gesehen, Kinder genannt, die einfach lebten, ungeniert, vor meinen pädagogisch bebrillten Augen. Nur dass ich eben diese Brille erst gar nicht aufgesetzt habe, wiewohl es sich so gehört für Leute, die sich an die Kinderarbeit begeben. Ich sah diese Junglinge (mit "u", kein Versehen, kein "ü"), diese fröhlichen Menschen in ihrer Buntheit, erkannte und bewillkommnete sie. "Ich bin wie ihr." Und sie merkten das und antworteten: "Heb uns auf, wir sind schön, Geschenke des Lebens." Wie bunte Blätter und bunte Blumen und liebevolle Schilder.

Zur Zeit läuft im Internet der Online-Kongress "KitaRevolution". 20 Experten (das lasse ich jetzt mal gelten) kommen zu Wort. Ich bin einer von ihnen. Ich will die Kollegen nicht abmeiern, das wäre ungehörig und ist auch nicht mein Ding. Aber: Aber ich lass ihre Beiträge in mir wirken. Und ich vermisse. Na ja: das Erkennen dieser - dieser - von innen kommende Farbigkeit, die junge Menschen (wie alle Menschen, die Kassiererin...) einfach haben, angeboren. Da gibts nichts zu farbisieren, sprich formen, bilden, erziehen. Kann man ja machen, ein Buchenblatt anmalen. Nur dass es eben diese grüne oder gelbe oder rote Farbe ja mitbringt und man das sehen kann, könnte.

Morgen gibts einen neuen Mittagsgang mit meiner Mutter. Mit neuen Weg-Warten. Und den Wolken und der Wespe. Und Buchenblättern.

Kommentare:

  1. die erinnerung an die möglichkeit beim staunen in die welt m/eine herbstblätterbunte brille aufzusetzen ist grad wunderwirkwillkommen bei mir ... DANKE ... und siehe da die anderen sinne spielen mit ... baulärm ist baulärm ist baulärm ist baulärm ist baulärm ... DANKE

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  2. Hallo, Hubertus!

    Zitat:
    "Will sagen: Diese winzigen Kleinigkeiten - sie wollen bemerkt sein. (...). Diese kleinen Wunderdinge sind ja da, sie wollen nur bemerkt sein."
    Zitat-Ende

    Dieses von kleinen Wunderdingen ausgestrahlte "sie wollen bemerkt sein" und dieses "sie wollen nur bemerkt sein" schreckt mich ab.
    In diesem betreffenden "Wollen" sehe ich zu viel "An mich gerichtete Anspruchshaltung".

    Zitat:
    " Ich habe ein sehendes Willkommenherz."
    Zitat-Ende

    Ich habe dies nicht (mehr). Ich flüchte lieber vor Dingen, die von mir bemerkt sein wollen, also habe ich da eher ein Flucht-Herz.

    Gruß von HaJo51

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  3. hi hajo

    "In diesem betreffenden "Wollen" sehe ich zu viel "An mich gerichtete Anspruchshaltung"...."

    ich habe mich auf die möglichkeit eingelassen im "wollen" diese von dir in hubi s wollen gesehene anspruchshaltung auch zu fühlen und ... ?

    JA ... ich fühle dass diese möglichkeit gegeben ist ... alles ist möglich ...

    und mir wird einmal mehr bewusst dass alle kleinen wunderdinge .. wie auch die grossen ... am rande meines lebensweges mich einladen mich zu entscheiden ...

    JA ... einem "wollen" kann ich auch eine anspruchshaltung zuschreiben ...

    und ? wie ist das jetzt bei mir ?

    eine frage die ich mir dank deines kommentars hajo jetzt stelle ..

    meine antwort lautet : mein wollen ( z.b. diesen kommentar zu schreiben ) ist ein " wollen-einfach-so-weil-halt " und diese absichtslose wollens-qualität erlebe ich mehr und mehr ... was dazu führt dass nicht nur anspruchsvolles und absichtsvolles wollen in mir aufhört sondern jegliches wollen und ich einfach nur mehr BIN ...

    tja .. war grad so ;-) ... auch ein kleines wunder für mich

    und jetzt will ich auf veröffentlichen drücken ...

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    1. Servus, christa!

      Zitat:
      " und diese absichtslose wollens-qualität erlebe ich mehr und mehr ... was dazu führt dass nicht nur anspruchsvolles und absichtsvolles wollen in mir aufhört sondern jegliches wollen und ich einfach nur mehr BIN ..."
      Zitat-Ende

      In gedanklicher Anlehnung an den von Hubertus oben genannten "von innen kommende Farbigkeit"-Aspekt, interpretiere ich dein "ich einfach nur mehr BIN ..." jetzt mal so:
      "Du zeigst einfach nur deine von innen kommende (weil angeborene!) Farbigkeit."

      LG von HaJo51

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  4. JA hajo ... farbigkeit ist eine der möglichkeiten ... eine von grenzenlos vielen ......

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    1. Servus, christa!

      Ich werde dann mal in meinem Farbtöpfe-Depot nachschauen, welche Farben noch vorrätig sind und danach mein "christa"-Gedankenbild mit neuen Farben bemalen. ;-)

      LG von HaJo51

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  5. JA ... SUPIIIIIIIEH ! da freu ich mich <3

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