Montag, 16. Dezember 2019

Kartoffeln und Nudeln







Vorweg: Ich mag Hunde. Auch Dackel. Wir hatten einen Dackel, als ich Kind war, er hieß Joker. Wir alle haben ihn sehr geliebt. Das Dackelbild, das ich gleich hervorhole, ist von anderer Art.

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Es gibt Kartoffeln zum Abendessen. "Nudeln" sagt der Vierjährige. Ich bin zu Besuch, hör es und überhör es nicht. Klar, denke ich, es wird Kartoffeln geben, das "Nudeln" lässt sich ausreden, austreiben. Werden die Eltern so machen. Doch das "Nudeln" bleibt, nimmt zu, steht machtvoll in der Küche, mit Würde. Was ist zu tun? Was ist zu denken?

Nachgeben und Abendfrieden wahren contra den Dackel vertreiben. Den Dackel nämlich, der man ist, wenn man sich den Wünschen, diesen Wünschen der Kinder unterordnet. Dieser Gegensatz von Einlenken und Hartbleiben ist von grundsätzlicher Art. Dieses Paar ist ein Phänomen des Lebens und kommt überall vor, vom Appeasement in der großen Politik über das Berufsleben und die Partnerschaft bis ins Kinderzimmer und die Küche. Also nichts Ungewöhnliches, nichts, was aus dem Ruder läuft, sondern etwas, das dazugehört. Fragt sich, wie man damit umgeht.

Wobei, wie immer, ich mich da verorte. Wenn es eine Wahl gibt: Ich entscheide, Chefgefühl, Souveränität. Kartoffeln oder Nudeln? Meine Eintscheidung. Beim Abendessen mit einem Vierjährigen ist die Machtfrage klar: Die Mutter und der Vater sagen, wo es lang geht. Und das Kind? Der Andere? Der einen anderen Weg gehen will?

Wie soll ich mit einem Andersweg umgehen? Herr/Frau/Kind Andersweg sind in meinem Leben und halten mich an. Ist schon klar, was gewünscht wird. Ich kann einschwenken, meinem Jetztweg einen Korb geben und dem Andersweg folgen. Wie bekomme ich da Ruhe rein, wie zu einer guten Lösung, wie zu meinem Frieden? Wie wichtig ist mir mein Jetztweg? Was bekomme ich von Deiner Wichtigkeit mit? Wie wichtig bin ich mir? Wie wichtig bist Du mir?

Die beiden Eltern sind unterschiedlich unterwegs. Der Vater will sich die Nudeln nicht bieten lassen, die Mutter ist unentschlossen. Ich halte mich zurück, wiewohl ich ja auch etwas sagen könnte. Die Sache beginnt zu eskalieren, der Kleine fängt an zu weinen. Nudeln mit Tränen. Gar nicht gut, geht mir durch den Sinn, so was können Eltern schlecht haben. Dem Kind folgen, wenn es per Tränen unterwegs ist? "Einlenken" wie das so schön heißt. Ich merke, dass ich für die Nudeln bin, genauer: für den Abendfrieden. Aber ich werde ja auch nicht als Dackel angezählt.

Zu mir: Ich kann gut nachgeben. Ein Geschenk des Lebens. Ich kenne genug Menschen, die das nicht können. Ich gebe ja nicht immer nach und nicht bei allem und jedem, aber das "Dann mach Du" gelingt mir leicht. Ohne Dackelblick. Und habe mir oft Kommentare der unguten Art anhören müssen: "Du lässt aber auch alles mit Dir machen". Nein, lasse ich nicht. Das Gewebe "Alles mit sich machen lassen" passt auch überhaupt nicht. Ich lasse gar nichts mit mir machen. Ich mache, heißt hier: Dir folgen. Meine Entscheidung, nicht mein Überdentischgezogensein. Ich gebe dem anderen - nicht "nach", falsch gewoben - ich gebe also dem anderen nicht nach, sondern gebe ihm das, was er braucht.

Ich habe genau solche Szenarien mit meinen Kindern oft erlebt. Auch diese Kartoffeln-Nudel-Geschichte hat es gegeben. Und locker und freundlich habe ich den Herd nochmal angemacht und Nudeln gekocht. Kerze auf den Tisch, Abendessen in Harmonie. Die Kartoffeln? Waren nicht so begeistert, aber war schon ok.

Es ist ja nicht immer so. Ich lasse beim Autofahren den Drängler vorbei, ich lasse sie hinter mir im Kino reden, ich zahle den überhöhten Preis. Oder ich lasse das alles eben nicht zu: den Drängler nicht vorbei, hole die Kinoaufsicht, bestehe auf dem korrekten Preis. What ever - ich entscheide, was ich mitmache und was ich nicht mitmache.

Ich gehöre auch nicht meinem Eben, meiner Erkenntnis, meinem Plänen. Das ist ja alles schön und gut, aber zum Schluss entscheide ich, was sein soll. Vergangenheit, Erkenntnisse, Pläne haben mich nicht im Griff. Getrimmt werden wir auf anderes, auf Konsequenz, auf was sich gehört, wie es sein sollte, wie es geschrieben steht, was angesagt ist. Als Kinder haben wir diese Erzählung zu hören bekommen und in uns aufgenommen. Und wenn es heute Abend Kartoffeln gibt, die ja gewaschen, geschält, gekocht wurden, alles Mühe und Lebenszeit, dann gibt es Kartoffeln. Klar doch. Klar doch? Bin ich der Dackel meiner Kartoffeln?

Was lebt da bei mir im Untergrund? Kraft und unverbrüchliche Gewißheit (ich bin, ich gehöre mir, ich bin Teil des Unendlichen) - oder braust da so eine süßlähmende Ohnmacht, immer bereit, sich in mir auszubreiten und mir den Weg zu weisen? Ich bin mit mir klar und ein Sternenkind. Und von daher wünsche ich mir, dass die Eltern von dieser großen Beiläufigkeit berührt werden und die Kartoffeln Kartoffeln sein lassen.

"Ich glaub, ich mach ihm Nudeln." Die Welt der Mutter lugt in die Küche, breitet sich in der Küche aus. Erreicht den Vater. "Ok" sagt er. So ganz selbstverständlich. Ich bin fasziniert - sie können das! Tränen wegaubern und die Kerze anzünden. Der Dackel schmiegt sich an meine Füße.

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