Montag, 13. Dezember 2021

Und die Kinder? Erziehungswesen?


 
Und die Kinder? Erziehungswesen? Oder von Geburt an vollwertige Menschen, die nicht erst dazu gemacht werden müssen? Die Erziehungssicht ist eine Sicht auf die Kinder. Sie hat eine lange Tradition, auch wir haben sie in unserer Kindheit erlebt. Und glauben, dass es so ist. Nur, dass es heute auch eine andere Sicht auf die Kinder gibt. Die Sicht ohne oder jenseits der Erziehung: Kinder sind keine Erziehungswesen. 

Für neue Sichtweisen braucht es Beweise. Oder neue Ideen, wenn sich da nichts beweisen lässt im handfesten naturwissenschaftlichen Sinn. Die Kinder sehe ich auf der psychologischen Ebene anders als die Tradition, erziehungsfrei, vollwertig, und sie müssen für mich nicht erst zu selbstverantwortlichen und vollwertigen Menschen gemacht werden. 

Henry wird vor 200 Jahren auf einer großen Baumwollplantage am Mississippi geboren. Er ist der Sohn der Plantagenbesitzer, es gibt dort 1000 Sklaven. Henry erlebt von klein auf, wie mit den Schwarzen umgegangen wird. Er erfährt es von Mama, Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, Freunden seiner Eltern, Besuchern. Welches Menschenbild entsteht in Henry? 

Nun, diese schwarzen Menschen sind minderwertige Menschen, Sklaven eben und haben keine Rechte. Es ist nichts dabei, ihnen Befehle zu erteilen, sie anzufahren oder auszupeitschen. Das Kind lernt: Nur Weiße sind vollwertige Menschen. Henrys Haltung und seine Einstellung und auch seine Sprache sind so: Weiße oben – Schwarze unten. 

Henry ist 20 Jahre alt geworden und verkauft für seine Eltern die Baumwolle in New York. Der junge Mann kommt nach erfolgreichem Verkauf bei einem Umtrunk im Saloon mit Bürgerrechtlern in Kontakt. Sie erzählen allen Ernstes, dass Schwarze vollwertige Menschen sind und dass die Sklaverei beendet werden muss. Unvorstellbare Gedanken! 

Aber auf der langen Planwagenfahrt zurück kommt er immer mehr ins Grübeln. Freundliche Bilder aus seinen Erlebnissen mit Schwarzen tauchen auf, er denkt an die Nanny und an die Köchin, ihren Sohn Tom, seinen Spielkameraden. Das Herz geht ihm auf. Als er zu Hause ankommt, sieht er alle Sklaven anders – gleichwertig, mit der Krone auf dem Kopf. Er wird es anders machen als seine Eltern. 

Geänderte psychische Sichtweisen und Gefühlswelten sind nicht ungewöhnlich und kommen immer wieder vor. Im Kleinen: Aus Abneigung wird Zuneigung. Im Großen: Gleichwertigkeit von Frauen statt patriarchalischer Unterdrückung, Gleichwertigkeit von Schwarzen statt Sklaverei.  

Wir machen eine Zeitreise und landen auf dem Marktplatz vor 500 Jahren. Jemand hat behauptet, die Erde fährt um die Sonne und ist deshalb zum Tode verurteilt. Eine große Menschenmenge ist zusammengekommen. Der Verurteilte wird mit Armen und Beinen an vier Pferde gespannt und auf „Hü hott“ zerreißen ihn die Pferde. Die Leute sind begeistert, große Show! Uns wird kotzübel, wir sind entsetzt. Wir leben in einer ganz anderen Gefühlswelt.  

Wir haben eine Fotosafari in Afrika gebucht. Abends sitzen wir in der Lodge, es gibt ein Gewitter. Als es wieder so richtig mächtig blitzt und donnert, sagt unser Safariführer allen Ernstes: „Das ist die Stimme Gottes!“ Ja spinnt der? 

„Willst Du uns Angst machen? Das Gewitter ist doch schon blöd genug. Noch nie etwas von Elektrizität gehört?“ Nun, wir werden dem afrikanischen Guide nicht so über den Mund fahren. Aber es ist schon erstaunlich, wie er denkt. Er spricht von Gott, ich spreche von Elektronen und Luftschwingungen. 

Als das Gewitter vorbei ist, kommen wir darüber ins Gespräch. „Wieso sagst Du das mit der Stimme Gottes?“ „Ja, ich kenne natürlich die naturwissenschaftliche Sicht. Nur, ich liebe den Glauben meiner Vorfahren.“ „Bist Du denn davon überzeugt?“ „Schon, bin ich. Für mich hat es etwas Transzendentes, wenn es ein Gewitter gibt.“ 

Wir interpretieren, wie immer. Wir können die Dinge so oder so sehen. Und was bei Blitz und Donner gilt, das gilt auch für die Sicht auf die Kinder.



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