Montag, 28. Mai 2018

Quintessenz der erziehungsfreien Praxis























Ich werde auf den Vorträgen immer gefragt, wie das denn gehen
soll, wie die Praxis funktioniert, wenn man nicht mehr erzieht.
Dazu poste ich einen Text aus meiner Sammlung.

*


Bereits vor 40 Jahren wurden in einer wissenschaftlichen Studie
mit Kindern die Möglichkeiten erziehungsfreier Kommunikation
untersucht und bestätigt. Aus den Forschungsergebnissen entstand
»Amication«.

Nach amicativer Auffassung sind erziehungsfreie Beziehungen
uneingeschränkt praktikabel und sowohl für Erwachsene als auch
für Kinder sinnvoll und hilfreich. Inzwischen gibt es Kinder, die
erziehungsfrei groß geworden und heute erwachsen sind, und sie
haben selbst Kinder, die erziehungsfrei aufwachsen. Eine neue
Tradition hat begonnen. Die Theorie der amicativen Praxis ist
weit entwickelt, und es gibt auf die unzähligen Praxisfragen
heute sichere Antworten.

So wird zum Beispiel immer wieder erwartet, dass amicative Eltern
ihre Kinder tun lassen, was diese selbst entscheiden. Das sei doch
die Quintessenz aller amicativen Theorie! Doch es ist anders.

»Setz die Mütze auf!« – »Ich will nicht!«
Eine Mutter im Konflikt mit ihrer dreijährigen Tochter. Die Welt
wird interpretiert. Wer interpretiert richtig? Die amicative Antwort
ist: Jeder interpretiert auf seine Weise, der eine hat soviel recht wie
der andere.

Die Mutter sagt der Tochter ihre Sicht der Dinge, die Tochter sagt
der Mutter ihre Sicht der Dinge. Die Mutter sagt sie vielleicht mehr-
mals, das Kind antwortet mehrmals. Dann kann es sein, dass sie
übereinstimmen: »Ich setz die Mütze auf« oder »Na gut, dann gehe
ohne«. Oder sie bleiben bei ihren entgegengesetzten Beurteilungen
und einigen sich nicht. Dann wird sich oft der Erwachsene durchsetzen,
und das Kind muss das tun, was dieser will. Dies ist auch in amicativen
Familien nicht anders

Doch bei aller Gegensätzlichkeit im Handlungsbereich - auf der psy-
chischen Ebene findet kein Angriff auf die Innere Welt und Souveräni-
tät des Kindes statt.

Das »Nein« des Kindes wird als Ausdruck eines gleichwertigen Men-
schen mit Innerer Souveränität verstanden, der einen anderen Weg
gehen will – den der Erwachsene aus seinen Gründen heraus aber nicht
zulassen kann. Es geht dabei nur um das handlungsmäßige »Tu es« bzw.
»Tu es nicht«, nicht aber um das psychische »Sieh das ein – ich habe recht«.

Im amicativen Konflikt gibt es keinen Angriff des Erwachsenen auf die
Seele und die Identität des Kindes und deswegen auch keine entsprechend
vehemente Verteidigung dagegen. Ein amicativer Konflikt verläuft in
anderen Bahnen.

Auf der psychischen Ebene stehen sich die amicative Position und die
traditionelle pädagogische Position gegenüber: hier Anerkennen der
souveränen Inneren Welt des Kindes, Beziehung und Austausch mit
einem vollwertigen Menschen – dort Feststellen des Nichtvorhanden­-
seins einer souveränen Inneren Welt, also Erziehung und Unterweisung
eines heranreifenden Menschen.

Amicative Erwachsene werden durch die Anerkennung der Souveräni-
tät des Kindes nicht handlungsunfähig - ihre Handlungen sind jedoch
von anderer psychischer Qualität.

Frei von Bevormunden, Einsichtigmachen und Trotzbrechen wird für
den amicativen Erwachsenen anderes möglich: psychisches Hören –
Empathie. In gleicher Weise kann das Kind den Erwachsenen psychisch
wahrnehmen. Denn da es nicht angegriffen wird, muss es seine Energie
nicht in der Verteidigung gegen den Erwachsenen aufreiben. Beide können
deswegen die jeweilige Dringlichkeit des anderen mitbekommen. Beide
sind offen zu merken, wie wichtig dem anderen sein Interesse wirklich –
auf emotionaler und existentieller Ebene – ist. Sie nehmen einander wahr,
sie erfahren auch im Konflikt, im Obsiegen wie in der Niederlage, wer der
andere nach seinem Selbstverständnis ist.

Der Erwachsene und das Kind informieren sich also über ihre Interessen
und teilen sich zugleich auf der emotionalen Ebene ihre Dringlichkeiten
mit. Dies geht ein paar Mal hin und her, mal mit Worten und Erklärungen,
mal ohne. Dann kann es zwar vorkommen, dass sich einer durchsetzt –
mal der Erwachsene, mal das Kind –, aber die Regel ist, dass der eine
den anderen machen lässt. Denn die Dringlichkeiten zweier Menschen
sind selten von gleichem Gewicht. »Dann mach Du« – dies liegt näher.

Das geht aber nur, wenn nicht existentielle Wichtigkeiten im Zentrum
des Konflikts stehen, etwa Einsicht und Gehorsam, die der Erwachsene
vom Kind einfordert, Würde und Selbstachtung, die das Kind vom Er-
wachsenen respektiert wissen will.

In der erziehungsfreien Praxis werden Konflikte nicht mit Mühe gelöst,
sondern sie lösen sich wegen der Empathiestruktur amicativer Kommuni-
kation meistens von selbst auf. Das wird nicht irgendwie gemacht, vor-
bereitet, erarbeitet oder ähnlich angestrebt. Der amicative Alltag mit
Kindern lässt sich nicht inszenieren. Er ist ein authentisches Geben und
Nehmen gleichwertiger Partner. Der beiläufige tägliche Friede mit Kin-
dern wird als Geschenk erlebt, das sich aus der amicativen Haltung ergibt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen