Montag, 14. Dezember 2020

Der Tiger

 


Heute kommt eine Geschichte, die ich für meine Kinder geschrieben habe. 

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Der Tiger 

Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch. Für die vier Krabben war es das Zeichen. Sie kamen unter dem großen Rhabarberblatt hervor und liefen blitzschnell den Stamm der Kokospalme hoch. Der Tiger fauchte. Mit einem Satz sprang er über die Sandbank. Er streckte sich in den heißen Sand und schloss die Augen. Die vier Krabben lockerten vorsichtig eine große Kokosnuss. Sie fiel haargenau kurz vor die Nase des Tigers. Der Tiger schob die Kokosnuss mit der Tatze beiseite, schlug sein Notizbuch auf und schrieb.

Waren wir gut?“ fragten die Krabben. „Ihr habt es prima hinbekommen, so, wie wir es geübt haben“, antwortete der Tiger. Der Delphin überbrachte die Nachricht dem Wassertropfen, und der Wassertropfen flog zu den vier Krabbenmädchen. Sie freuten sich sehr, dass es mit der Kokosnuss so gut geklappt hatte.

Der Tiger sah auf. Vor ihm stand ein rosa Pelikan. „Du sollst schnell zum Wind hinter dem Farn kommen, er bittet Dich“, sagte der Pelikan. Der Tiger sah zu den Krabben, die jetzt die Kokosnuss aßen. Sie nickten ihm zu. Er stand auf und hängte sich an die Federn des Pelikans. Sie flogen eine Weile, bis sie in den Farnwald kamen. Der Tiger lief nun sehr schnell, und der Pelikan blieb zurück.

Tiger“, rief der Wind hinter dem Farn, „Du musst mir diesen Stein wegrollen, ich schaffe das nicht.“ Der Wind kam dem Tiger entgegen. Der Tiger fauchte den Stein an, und der Stein rollte beiseite. Mit einem lauten Knall kam der kleine Sohn des Windes hinter dem Farn aus dem Erdloch, das der Stein verdeckt hatte.

Ich habe beinah keine Luft mehr gekriegt“, weinte er. Der Stein war erschrocken. „Wieso, Du bist doch Wind, wieso brauchst Du noch Luft?“, fragte er. „Das kannst Du nicht wissen“, sagte der Tiger, „kleine Winde brauchen immer mehr Luft als sie selbst sind.“ Er rollte den Stein wieder vor das Erdloch.

Mir gefällt es besser, wenn der Stein da weg ist“, sagte der blaue Leguan. Der Tiger sah den Stein an, und der Stein sah den Tiger an. Der Stein zuckte mit der Achsel, und der Tiger zuckte mit der Achsel. Der Biber konnte den Stein wegrollen, und der blaue Leguan kuschelte sich in das Erdloch.

Als es dunkel wurde, sprang der Tiger wieder über die Sandbank. Er streckte sich in den noch warmen Sand und schloss die Augen. Er hörte fern die riesigen Dampfer tuten, und er hörte das Wispern der Strandmäuse. „Krabben“, flüsterte der Tiger, „seid Ihr schon zu Hause?“ Ein Krabbenmädchen brachte ihm Melonensaft. „Sie sind schon lange zu Hause, Du warst fort und hast es nicht bemerkt“, sagte sie. Der Tiger nickte. Das Krabbenmädchen nahm den Krug und ließ sich ins Wasser gleiten. Der lange Schwanz des Tigers bewegte sich rasch, und diesmal war es das Zeichen für die vier kleinen Eulen, die erlöst aufatmeten, dass der Tiger endlich das Zeichen gab.
















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