Montag, 8. Juni 2020

Uhuoka







Ich habe Tagebücher aus der Zeit durchgeblättert, als unserer Kinder klein waren. Da steht einmal über unseren Dreijährigen: "Er spielt sehr fantasievoll - er stellt sich Dinge vor, mit denen er spielt, z.B. pflückt er eine imaginäre Möhre und füttert damit einen imaginären Hasen." Tja, fantasievoll, imaginär... Ich habe damals Fantasiegteschichten für die Kinder geschrieben. Hier ist eine, "Uhuoka":

*

Der rosa Wasserfall hielt die Luft an. Wieso kamen die grünen Steine erst jetzt? Es war verabredet, dass sie viertel nach Sonnenbeuge eintreffen sollten. Er wusste, dass es gleich schrecklichen Ärger geben würde. Die drei grünen Halme, die auf die grünen Steine warteten, stiegen steil hoch, legten sich über das Rollbund und sandten grelle Blitze aus. Der rosa Wasserfall merkte, dass er wärmer wurde, dass an einigen Stellen bereits sein Wasser verdampfte. Er sandte Hilferufe zum großen Rosasee, oberhalb der Baumgrume.

Der See nickte. Natürlich, die grünen Steine. Sie hatten sich wieder bei Uhuoka aufgehalten, dem Lehmmolch. Es war schon öfter vorgekommen, dass sie dort so lange gewürfelt hatten, bis das gesamte Wasser des Wasserfalls durch den Zorn der grünen Grashalme zu den Wolken verdampft war. Mit der Folge, dass die Erdfurche, für die sie alle gemeinsam sorgen mussten, abrutschte. Aber diesmal sollte es nicht soweit kommen, er würde schon dafür sorgen. Seufzend sandte der Rosasee seine Wasserkäfer los. Sie zogen riesige Wassermassen zum Wasserfall, und das Verdampfen wurde weniger und hörte ganz auf.

Die drei grünen Halme machten eine Pause, und sie riefen die grünen Steine. Endlich kamen sie, voller Lehm, mit dem nächsten großen Wasserstoß. Vierzehn Wasserkäfer schoben sie vor sich her. Der rosa Wasserfall entspannte sich. Es ging gerade noch. Die drei Halme saugten die Steine auf, das Grün der Ebene wurde greller und greller. Plötzlich - aber der Wasserfall war darauf vorbereitet, da er davon wusste - kippte die Farbe in dunkles Lila um, und mit gewaltigem Donnern begann sich die Ebene zu drehen.

Der Spalt, der durch die Drehung der Ebene frei wurde, quoll über von fettigen langen weißen Geschöpfen, die Lieder sangen. Lieder, die wunderschön klangen und die er, der rosa Wasserfall, nicht genug hören konnte. Wenn diese Líederwesen nur nicht so fettig gewesen wären. Die Ebene kam mit einem letzten Donnern zum Stillstand, und aus dem jetzt breiten Spalt glitt Uhuoka, der Lehmmolch. "Wer kennt mich nícht?" schrie er in die lila Ebene. Er rief es dreimal, und dann verschwand er wieder im Spalt. Die Liederwesen krochen hinter ihm her, die Ebene drehte sich zurück, der Himmel wurde lila, dann grün. Der Wasserfall berührte die grünen Steine, und sie ließen sich mit dem rosa Wasser fortspülen.

Aber heute hatte Uhuoka noch eine besondere Aufgabe zu erledigen. Er klopfte bei den drei grünen Halmen an. Sie ließen ihn eintreten, und Uhuoka übergab dem rosa Wasserfall eine silberne Muschel. Die Muschel schillerte. Sie öffnete sich und die drei grünen Halme legten sich in ihre Mitte. Uhuoka setzte sich auf die Muschel, und mit der rosa Gischt des Wasserfalls herumgewirbelt stürzten sie die wilde Schlucht hinab. Während sie stürzten, rief die Erdfurche ihre Namen. Ihr Flug wurde langsamer, und sie glitten über die Wellen des Rosasees. Uhuoka klatschte begeistert und die silberne Muschel nickte.




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