Sonntag, 9. Oktober 2016

Die pädagogische Antwort ist knallhart

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen und biochemischen Möglichkeiten steuern die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf. Und sie sind es, die die Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze. Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jeder selbst, wann der rechte Zeitpunkt für ihn gekommen ist: Das Ungeborene gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter und löst damit die Wehentätigkeit aus. Das Kind kommt als hochwertig ausgebildeter Selbstverantworter auf unsere Welt.

Jetzt bricht üblicherweise die traditionelle Grundeinstellung der Erwachsenen über das Kind herein: "Du bist kein selbstverantwortliches Wesen! Kinder, gar Neugeborene, können das eigene Beste nicht wahrnehmen! Wir sind für dich verantwortlich! Wir wissen besser als du, was für dich gut ist!" Das Neugeborene ruft uns zu: "Ich bin ein Selbstverantworter! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es! Unterstützt mich loyal, doch erzieht mich nicht!" Aber die traditionelle, pädagogische Antwort ist knallhart und unerbittlich, und sie teilt sich in der psychischen Kommunikation im Tonfall, der Mimik und Gestik mit: Verantwortlich für die Kinder sind die Erwachsenen, Kinder können das eigene Beste nicht wahrnehmen.

Selbstverständlich lieben auch pädagogisch orientierte Eltern ihre Kinder. Doch bei aller Liebe - ihre Grundhaltung in der Frage der Selbstverantwortung ist für das Kind psychische Aggression. Das Kind erlebt diesen seelischen Angriff auf sein Selbstbild am Geburtstag, am zweiten Tag, am ditten Tag, denn die Grundhaltung "Wir sind für dich verantwortlich" ist ja im Gefühl der Erwachsenen verankert, und sie geht nicht weg. Diese Aggression begleitet das Kind den ersten Monat, den zweiten, den dritten, das erste Jahr, das zweite, das dritte - die gesamte Kindheit über, 16, 17, 18 Jahre lang. Ununterbrochen und alternativlos erfährt der junge  Mensch von den Erwachsenen, dass er so, wie er ist, noch kein vollwertiger Mensch sei. Dass er nicht zur Selbstverantwortung befähigt sei, dass er erst ein soziales Wesen werden müsse, dass er dies und das lernen müsse, dass er erzogen werden müsse, so, wie andere meinen, dass es gut für ihn sei. Diese psychische Aggression wird zwischen den Zeilen des täglichen Umgangs über ihn geschüttet und hat Folgen.


Kommentare:

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  2. für mich (!) gibt es nochmal einen entscheidenden unterschied zwischen "ich fühle mich verantwortlich für dich oder tatsächlich besser:dir gegenüber" und "ich BIN verantwortlich für dich".. natürlich fühle(!) ich(!) mich für mein kind verantwortlich (was ich darunter verstehe mag anderes sein als andere (hier) und kann trotzdem wissen und ausstrahlen, dass ich es nicht bin und niemals (wirklich) sein kann..das eine, das "ich bin tatsächlich verantwortlich" oder eher das "du bist tatsächlich verantwortlich" für dein kind kann das mir eigene ich fühle mich verantwortlich überdecken und fremd werden lassen- so erlebe ich es. Ich habe dann keinen Zugang mehr zu dem anderen, was ich als MEIN "ich fühle mich verantwortlich" erkenne(und was meiner selbstverantwortung entspringt) ..ähnliches prinzip erleb ich bei anderen solchen überdeckungsgeschichten...wenn mein kind hinfällt kann ich, wenn ich ganz bei mir und meinem (natürlichem?!) Mitgefühl und daraus entstehendem tröstenwollen und können bin, "wirklich" mitfühlen und trösten.. alles hat seine innere richtigkeit für mich.. meist geht das am besten, wenn dies nur zwischen ihm u mir passiert.. wenn mir aber innerlich das leuchtende "du MUSST mitfühlend und tröstend sein-(am besten in kombination mit "du BIST verantwortlich") dazwischen kommt(meist passiert das in mir durch anwesenheit anderer erwachsener), bin ich tief gestört in meinem Mit-meinem-Kind-Sein trotz äußerlicher trostreaktion. LG J.

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    1. Was hat denn Mitfühlen und Für-dich-da-sein mit Verantwortung über jemanden zu tun?!?

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    2. Steht oben, was das für mich mit dem verantwortungsgefühl (!) auf sich hat.

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    4. Hallo, Mama Mia!

      Du hattest deine unterschiedlichen "Ich fühle mich meinem Kind gegenüber verantwortlich"-Gefühl-Varianten geschildert und dass deine Gefühle innere Richtigkeit für dich haben.

      Meine innere Richtigkeit hat es, dich mal zu fragen, ob du auch schon mal einen Gefühl-Unterschied bemerkt hast, wenn du dir vorher die beiden gleich folgenden Fragen gestellt und - deiner inneren Richtigkeit gerecht werdend - beantwortet hattest?
      1. Geschieht dieses "Mich-für-mein-Kind-verantwortlich fühlen" für mich selbst (also mir zuliebe)?
      oder
      2. Geschieht es für mein Kind (also meinem Kind zuliebe)?

      LG HaJo51

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    5. Jepp,natürlich ist das ein gefühlsunterschied...ist das deine Frage? Grade das von mir ausgehen u für mich was tun macht dieses innere richtigkeitsgefühl für mich aus..gruß zurück

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    6. Nein, Mama Mia, ob es ein natürlicher Gefühl-Unterschied ist, war nicht meine Frage.
      Aber aus deiner Info

      Zitat:
      "Grade das von mir ausgehen u für mich was tun macht dieses innere richtigkeitsgefühl für mich aus."

      entnehme ich für mich (interpretiere ich für mich), dass du einen (auf Beantwortung der beiden betreffenden Fragen begründeten) Gefühl-Unterschied bemerkt hast.
      LG HaJo51

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    7. Hallo hajo, ja, ich nehme einen deutlichen unterschied war..und dachte für mich so, dass das auch klar ist aus dem was ich geschrieben habe..darum 'natürlich' ...lg

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    8. Okay, Mama Mia, danke für deine Infos/Antworten (mit denen ich nun bei mir mehr Klarheit verschafft habe)!
      LG HaJo51

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  3. Hallo, Hubertus!
    Aus meiner Sicht haben Embryos und Neugeborene noch kein Selbst.
    Das Selbst eines Menschens ist erst dann eins, nachdem bei ihm die Entwicklung seines Ich-Bewusstseins abgeschlossen ist.

    Bei Beschreibungen hormoneller und biochemischer Begebenheiten seitens eines menschlichen Körpers die Begriffe "Selbst" und "Verantwortung" zu verwenden, empfinde ich als wenig hilfreich, wenn es darum geht, anderen Menschen den Begriff "Amication" mit möglichst wenig Fehlinterpretationsmöglichkeiten zur Kenntnisnahme anzubieten.

    Bezüglich dem Einleiten (Starten) der Geburt eines Menschens bin ich anderer Meinung:
    Die Geburt ist die Folge eines energetischen Prozesses, der auch schon ca. 9 Monate vorher (nach Befruchtung der Eizelle) den Start der Zellteilung bewirkt hat.
    Die Hormone und/oder Biochemie und/oder ein vermeintliches Selbst-spüren seitens des Embryos ist nicht der Auslöser der Geburt.

    Gruß von HaJo51

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  4. ... "energetische Prozesse" ... kein Wunder, dass viele Geburten problematisch sind: da funken wahrscheinlich "Reiki-Strahlen" dazwischen, die vom anderen Ende der Erde ... ach was sag ich, des Universums ... unterwegs sind!?
    :-))

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    1. Nun, meine betreffende Erwähnung bezieht sich nur auf die vom Arzt und Libidoforscher Wilhelm Reich in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre entdeckte Orgonenergie und dessen Wirkung bzw. Arbeitsweise.
      LG HaJo51

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    2. Ich glaube an die Religion des Fliegenden Spaghettimonsters.

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