Mittwoch, 12. Oktober 2016

Und wenn ich mich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühle?

"Hubertus, wie verhalten sich die Kinder, wenn ich aufhöre, mich für sie veranwortlich zu fühlen?"
 "Wieso machst Du Dir Gedanken darüber?"
"Sollen wir uns keine Gedanken mehr über das Verhalten und die Entwicklung unserer Kinder machen?"
"Sollen sowieso nicht. Es gibt kein Sollen mehr. Nur noch: ich will. Also: Willst Du Dir Gedanken über Deine Kinder machen? Dann tu es. Wenn Du es eigentlich nicht willst: dann lass es."
"Aber man muss doch ..."
"Wirklich? Wer sagt das?"

Amicative Menschen machen sich selbstverständlich auch Gedanken über die Entwicklung ihrer Kinder. Diese Gedanken, diese Sorgen, dieses Kümmern kommen von innen. Sie kommen nicht aus einem Sollen, einer Norm (was man als gute Eltern tun sollte). Sie kommen nicht aus Verantwortung für das Kind, sondern aus Verantwortung für sich selbst. Diese Gedanken sind Ausdruck des Kümmerns um sich selbst. "Meine Liebe zu mir umfasst auch Dich, Kind. Und deswegen mache ich mir meine Gedanken, auch um Dich."

Die Verantwortung für Kinder wird nicht deswegen aufgegeben, weil das gut für die Kinder ist. Dann wäre man letztlich doch für die Kinder verantwortlich und landet bei der skurilen Position, dass man aus Verantwortung für Kinder diese Verantwortung aufgibt. Nein: Man gibt die Verantwortung für Kinder deswegen auf, weil das gut für einen selbst ist.

Dabei geht es um diese zwei Grundpositionen:

Entweder!
Man fühlt sich (sehr wohl) für Kinder verantwortlich.
Oder!
 Man fühlt sich (nur noch) für sich selbst verantwortlich.


Ich kann meine Einstellung - in Kindern selbstverantwortliche Wesen zu sehen - nicht rückgängig machen und will dies nicht. Ich kann und will nicht mehr jemand sein, der sich für andere verantwortlich fühlt. Weil dies jeder Mensch selbst ist. (Mich für einen anderen verantwortlich zu fühlen würde für mich bedeuten, ihn psychisch zu überfallen, in bester Absicht.) Kinder haben wie alle Menschen eine eigene, souveräne innere Welt. Dies erkenne ich. Und dieser meiner Erkenntnis und Wahrheit, dieser meiner Wirklichkeit begegne ich mit Achtung. Dies bin ich mir schuldig. 

Es ist die Angelegenheit der Kinder, wie sie auf meine Nicht-Verantwortung reagieren. Die Kompetenz und Verantwortung auf meine Einstellung zu reagieren liegen nicht bei mir, sondern bei den Kindern. Nicht, dass mich das nicht interessiert und kalt lässt. Nur: Die Zuständigkeiten werden nicht verwischt. Hier die Entscheidung zur Nicht-Verantwortung - dort die Reaktion darauf.

"Wie verhalten sich nun die Kinder, wenn man aufhört, sich für sie verantwortlich zu fühlen?"
"Meine Erfahrung ist, dass es nach einiger Zeit des Aufmerkens und der Nagelprobe einenen erleicherten Umschwung gibt."
"Was sagen sie?"
"Sie sprechen mit dem Herzen: Endlich verstehtst Du! Endlich hörst Du auf, mich nach Deinem Bild zu formen!"
"Was bedeutet das konkret?"
"Es gibt einen unbeschwerteren Alltag mit Kindern."
"Und?"
"Die Kinder bieten immer das Abenteuer gleichwertiger Beziehungen an. Wir Erwachsenen sind es, die sich darauf einlassen können. Wir können das Angebot der Kinder, ihnen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, verstehen und annehmen. Wir Erwachsene können mit dem Kind in uns kollaborieren..." 










Dienstag, 11. Oktober 2016

Vom guten Ton


Alltag mit Kindern, Wohnzimmer. „Was machst Du denn da? Wie sieht's denn hier aus? Das glaub ich nicht!“ Kerstin sieht entgeistert zu ihrer Dreijährigen und ist sprachlos. Bis auf das, was gerade ausbrach. Melanie, mit sich und ihrem Spiel in Harmonie, kniet auf dem Teppich, steht auf.

Langsam, sie nimmt die Magie ihrer Königsaura mit nach oben, sie steht und sieht ihre Mutter voll an. Die rechte Hand erhoben, Handfläche nach vorn. Und sanft, klar, majestätisch: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton.“ Melanie spricht von innen. „Du könntest doch auch mal sehen, was ich hier geschafft habe.“ Hand und Arm machen einen Bogen. „Das ist der Teppich. Und das ist der Pudding. Und das ist die Autobahn. Zwei Spuren. Langsamspur, Überholspur. Ausfahrt, Einfahrt. Und da ist die Tankstelle.“

Melanie steht königlich da. Kerstin ist gebannt. Melanie bleibt online: „O.k., ich seh ja, dass Dich das nervt. Schon gut. Ich helf auch, dass es wegkommt. Ich hol den Eimer und den Lappen.“ Melanie macht ein etwas besorgtes Gesicht, Kerstin rührt sich noch immer nicht. „Ich mach's auch nicht nochmal.“ Kleines Nachdenken. „Jedenfalls nicht mit Schoko. Vanille muss ich noch mal sehen.“

Parallelwelt, zeitgleich: „Nicht in diesem Ton.“ Stille. „Mama, nicht in diesem Ton“. Melanie erklärt ruhig, freundlich und geduldig: „Ich weiß ja, dass Du nicht anders kannst. Und ich habe das drei Jahre mitgemacht. Aber jetzt ist es mal gut. Ja, wir leben in einer Schimpfkultur. In der Menschen herabgesetzt werden. Kinder sowieso. Aber Du könntest ja auch mal sehen, was ich hier geschafft habe. Und was auf meinem Kopf ist: eine Krone. Meine Krone. Würde. Ich bin ein Mensch, mit Würde. Und ich möchte diese Töne nicht mehr. Kannst Du das lassen, einfach weglassen, hinter Dir lassen, ins Museum bringen? Du bist doch selbst mit diesem Tönen groß geworden. War doch auch für Dich nicht schön. O.k., Du lässt sie weg? Das kannst Du.“

Kerstin schießen Tränen in die Augen. Sie fühlt es wieder, diese Herabsetzungswucht in ihrer eigenen Kinderzeit. Aus erstarrter Tiefe bricht es auf. „Auch ich wurde so angefaucht.“ Schmerz überwältigt sie. Sie weint heftig. Sie nimmt Melanie in den Arm, kurz. Sie muß ihren Tsunami loswerden. Stürzt zum Handy, ruft Irene, ihre beste Freundin an. „Weiß Du, was mir gerade passiert ist?“ Sie erzählt. Und Irene versteht. Auch sie weint. Und telefoniert ins Land. Es gibt eine Telefonlawine. Rund um die Welt. Am nächsten Morgen gibt es keine Schimpfe mehr.

***

Wie viel Würde können wir gelten lassen? Wenn wir uns bedrängt fühlen und in Not sind? Wenn es nicht so läuft, wie es sein sollte – bei den anderen, mit den anderen? Wenn Pudding auf dem Teppich ist oder der Partner fremdgeht, Kleinkram, Großkram? Wenn es aus dem Ruder läuft, und der andere einfach nur blöd bis gemein ist. Was ja täglich um die Ecke kommt. „Was machst Du denn da?“ Oder ohne Worte, einfach entgeistert sein, vom Vertrauensbruch, Regelwegdrücken, Vereinbarungsmüllisieren. Wie viel Unperson steht da vor mir?

Würde? Was für eine Würde? Ärger, Wut, Zorn – wo gibt es da noch Würde? Hat Melanie noch eine Krone auf dem Kopf? Wie war das nochmal, als unsre Großen ihre Anfälle bekamen, Ausfälle hinlegten,  Schimpfschwälle losließen? Krone? “Nicht in diesem Ton“ ... das wäre eine heroische Tat gewesen!
              
„Amication ist eine fantastische Weltsicht, in der jeder sich selbst gehört“ steht auf einer meiner Buchrückseiten. So ist es. Und jeder hat eine Krone der Würde. Die Souveränität der Kinder ist in
dieser Krone, ist diese Krone. Souveränität heißt nicht, dass die Kinder jederzeit tun können, was sie wollen. Gilt auch für Erwachsene. Niemand kann fliegen, auch wenn er will. Es gibt immer wieder Hindernisse und Steine im Weg. Und sie kommen oft genug von den Menschen ringsum. Von Kerstin in diesem Fall.

Das Nein des anderen ist nicht zu überhören, und es ist oft auch stärker als unser Ja. Tut oft genug weh. Doch es kann auch nachvollziehbar und überzeugend daherkommen, leicht einzulösen. „Ich helf auch, dass es wegkommt“. Der Stein des anderen im eigenen Weg lässt sich immer wieder auch akzeptieren. Die Kraft, die so ein Szenario zu einem leichten Spiel fließen lässt bis hin zu einer gewissen Heiterkeit, kommt von der Würde. Aus der Souveränität. Sie darf nur nicht verschimpft werden. Dann wird es schwer, sehr schwer. Dann geht es nicht mehr um den Stein, sondern um die Krone. Dann sind wir verhext und spüren, wie sie vom Kopf gewischt wird. Und das kommt nicht gut. Gar nicht gut.

Melanie richtet sich auf. „Nicht in diesem Ton.“ Sie ist nicht beim Stein, bei Kerstins „Hör damit sofort auf“. Sie ist bei ihrer Würde, der Attacke gegen ihre Krone, und sie richtet ihre Kraft auf diese dunkle Macht. „Der Weg zum Frieden kann nur der Friede selber sein.“ Ein hoher Anspruch. Aber es kann ja gelingen. Melanie schickt ihrer Mutter liebevoll ihre Friedensbotschaft. Deutlich und nachdrücklich, ja, aber ohne Gegenschimpfe: „Nicht in diesem Ton“. Das ist sanft und mächtig, kommt von innen, klar und einladend. Und diese Botschaft aus dem Würdekosmos erreicht Kerstin, Kerstins Würde, Kerstins Kinderwürde. Von Gleich zu Gleich stehen sie sich gegenüber, Tochter und Mutter, eingefangen in eine anrührende Magie. In ihren Kronen sprühen Würdefunken. Liebe ist. Mehr geht nicht, und mehr ist auch nicht nötig.

Bleiben wir kurz in der Erwachsenenwelt. Wenn der andere Dinge tut, die uns nicht recht sind. Kleinere Dinge im Leben vor Ort, größere Dinge in der Welt draußen. Wir könnten den Blick für seine Krone behalten, uns nicht nehmen lassen. Egal, was der andere anstellt. Das ist in unseren Tagen mit ISIS und Co nicht zu schaffen? Wenn wir den Terror im Wohnzimmer (Pudding auf dem Teppich) und in der Welt (Syrien) stoppen – da gibt es die Einladung der Amication. Das Stoppen, das  An-, Auf- und Niederhalten, das lässt sich auch machen, ohne die Würdekrone zu zerschlagen. „Nicht in diesem Ton.“ „Ich bin Dein Nein und stehe doch nicht über Dir. Ich bin Dein Nein, weil Du einen Weg gehst, den ich nicht mitgehen will.“ Dieser Ton ist anders, ein guter Ton, und diesen Ton bringt Melanie in Erinnerung. Schoko? Vanille? Wir werden sehen!

Montag, 10. Oktober 2016

Blick in den pädagogischen Abgrund

Sehen wir weiter in den pädagogischen Abgrund! Das ist schon alles sehr gruselig, schafft aber Klarheit und Wahrheit. Subjektive Klarheit und Wahrheit, versteht sich. Später gibt es dann wieder schönere Posts, voll Schwung und Güte...Amication ist ein Sonnenland, aber von dort erkenne ich eben auch das strukturelle Leid im gesamten Erziehungsland, das durch liebende und gutmeinende oder widerwärtige und böswillige Menschen für die Kinder konkret wird.

Ich möchte niemanden verschrecken, der sich für die amicative Welt interessiert. Es geht um mein Erkennen, meine Botschaft, meine Einladung. Vielleicht braucht es eine gewisse seelische Stärke, Sensibilität, Erinnerung, um die pädagogischen Seiten unserer Kultur als dunkel und desaströs zu erkennen. Ich zeig das mal auf, es muss ja niemand laut Beifall klatschen - man kann auch angerührt schweigen. Jeder kann sich mitnehmen lassen zu der amicativen Tür, die ich zeige: und sie in eigener Verantwortung schließen oder hindurchgehen. Nun aber zum pädagogischen Abgrund:

Wenn wir jemanden etwas absprechen, wovon er aber überzeugt ist und von dem er meint, dass es ihm zukommt, erlebt er diese Position als Angriff. Wenn wir Kindern aufgrund der pädagogischen Position absprechen, dass sie Selbstverantworter sind - sie sich jedoch so fühlen -, dann erleben sie dies als psychische Agression, als Angriff auf ihr Selbstverständnis. Sie erleben die pädagogische Nicht-Anerkennungs-Haltung als ein psychisches Gift, dem sie sich ausgeliefert fühlen.

Dieses Gift wirkt langsam, aber unaufhaltsam. Es zersetzt das mitgebrachte Selbstverantwortungsgefühl und damit das grundlegende Selbstvertrauen, das Vertrauen darin, dass ich Grund aller Dinge bin und mich getragen weiss vom Sinn des Ganzen. Und es zersetzt auch das Vertrauen in die anderen, in die Erwachsenen, in die Sozialität und Gemeinschaft: Denn von diesen großbeinigen stimmgewaltigen Riesen kommt ja diese eklige Psycho-Ätze, und ihre loyale Unterstützung in die selbstverantwortlich erspürten und mitgeteilten Wichtigkeiten bleibt ja immer wieder aus, "weil wir besser wissen als du, was für dich gut ist". Misstrauen zu sich selbst und zur Gemeinschaft baut sich auf, verborgener oder offener Selbsthass und sozialer Hass bis hin zur Bereitschaft, sich und andere zu töten (Kriegsbereitschaft), sind die Langzeitfolgen der pädagogischen Mentalität.

Aus Kindern sind nach einer langen Reihe von Jahren der Verhexung dann Erwachsene geworden, die so sind, wie wir wurden: voll von großen und kleinen, offenen und verdeckten Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen, abhängig vom Urteil anderer, mutlos, den eigenen Weg zu gehen, vorbeigeschleust am eigentlichen Leben.

Das  alles läßt sich ändern.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Die pädagogische Antwort ist knallhart

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen und biochemischen Möglichkeiten steuern die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf. Und sie sind es, die die Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze. Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jeder selbst, wann der rechte Zeitpunkt für ihn gekommen ist: Das Ungeborene gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter und löst damit die Wehentätigkeit aus. Das Kind kommt als hochwertig ausgebildeter Selbstverantworter auf unsere Welt.

Jetzt bricht üblicherweise die traditionelle Grundeinstellung der Erwachsenen über das Kind herein: "Du bist kein selbstverantwortliches Wesen! Kinder, gar Neugeborene, können das eigene Beste nicht wahrnehmen! Wir sind für dich verantwortlich! Wir wissen besser als du, was für dich gut ist!" Das Neugeborene ruft uns zu: "Ich bin ein Selbstverantworter! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es! Unterstützt mich loyal, doch erzieht mich nicht!" Aber die traditionelle, pädagogische Antwort ist knallhart und unerbittlich, und sie teilt sich in der psychischen Kommunikation im Tonfall, der Mimik und Gestik mit: Verantwortlich für die Kinder sind die Erwachsenen, Kinder können das eigene Beste nicht wahrnehmen.

Selbstverständlich lieben auch pädagogisch orientierte Eltern ihre Kinder. Doch bei aller Liebe - ihre Grundhaltung in der Frage der Selbstverantwortung ist für das Kind psychische Aggression. Das Kind erlebt diesen seelischen Angriff auf sein Selbstbild am Geburtstag, am zweiten Tag, am ditten Tag, denn die Grundhaltung "Wir sind für dich verantwortlich" ist ja im Gefühl der Erwachsenen verankert, und sie geht nicht weg. Diese Aggression begleitet das Kind den ersten Monat, den zweiten, den dritten, das erste Jahr, das zweite, das dritte - die gesamte Kindheit über, 16, 17, 18 Jahre lang. Ununterbrochen und alternativlos erfährt der junge  Mensch von den Erwachsenen, dass er so, wie er ist, noch kein vollwertiger Mensch sei. Dass er nicht zur Selbstverantwortung befähigt sei, dass er erst ein soziales Wesen werden müsse, dass er dies und das lernen müsse, dass er erzogen werden müsse, so, wie andere meinen, dass es gut für ihn sei. Diese psychische Aggression wird zwischen den Zeilen des täglichen Umgangs über ihn geschüttet und hat Folgen.


Samstag, 8. Oktober 2016

Leboyer: Selbstverantwortlich von Geburt an

Deutsches Kindermanifest

Artikel 13
Recht auf kinderfreundliche Geburt
Kinder haben das Recht auf eine kinderfreundliche Geburt, wie dies mindestens
 die Sanfte Geburt (Leboyer-Methode) gewährleistet.

Der Impuls, die menschlichen Beziehungen grundlegend neu zu gestalten, erreichte auch den Arzt Frédérick Leboyer, den Begründer der "Sanften Geburt". Er hat uns wieder bewußt gemacht, dass die Kinder "geburtssouverän" sind und dass Neugeborene beispielsweise die Umstellung auf die Luftatmung in eigener Regie managen.

Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass die Umstellung von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Leboyer hingegen hat die postpädagogische Perspektive. Er lässt sich von dieser Sicht leiten und erfährt, dass das Neugeborene die Umstellung selbst regeln kann und dass es auch deutlich mitteilt, wenn es bei Komplikationen Hilfe braucht, für deren Beseitigung er als Fachmann zur Verfügung steht.

Die neue Einstellung bringt ihn zu einer neuen Praxis - so, wie dies generell für die Amication gilt. Leboyer legt das Kind unmittelbar nach der Geburt auf den Bauch der Mutter und schneidet die Nabelschnur nicht durch. Auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur zur Plazenta, und langsam, in eigener Regie, stellt sich das Neugeborene auf die Luftatmung um. Das Blut in der Nabelschnur wird vom Körper des Kindes nach und nach aufgenommen, und die leere Nabelschnur kann durchtrennt werden. Der Kampfruf der Kinderrechtesbewegung "Selbstbestimmt von Geburt" wird hier ganz konkret.


Freitag, 7. Oktober 2016

Wer bist Du eigentlich?

Erwachsene sehen Kinder vor allem als Wesen, die werden, weniger als Wesen, die sind. Kinder wachsen und entwickeln sich. Wer sie jetzt sind, ist da nur am Rande wichtig. Doch als wir selbst Kinder waren, war es für uns selbstverständlich, dass wir sind - jetzt und gleich und eben. Wir lebten in der Zeit, mit ihr, nicht im Gegensatz zur Zeit. Nicht jenseits oder vor der Zeit, der eigentlichen Zeit. Wir waren Wesen, die nicht im Werden lebten, sondern im Sein.

Wie lassen sich Kinder als Menschen erkennen, die jetzt schon real existieren mit genau diesen jetzt real existierenden Eigenschaften? Ich habe die Zunkunftsperspektive nicht aufgegeben, aber sie kommt mir nicht zur Unzeit dazwischen. Und so frage ich: "Wer bist Du eigentlich?"  Wer ist dieses Kind vor mir jetzt? Und da gibt es zigtausend Antworten.

Ein NochEinBrotKind
Ein BinNichtMüdeKind
Ein ErzählMirEineGeschichteKind
Ein SchonFertigKind
Ein HundeRausgehKind
Ein LassMichInRuheKind
Ein IchHelfDirKind
Ein SagIchNichtKind
Ein FaxenMachKind
Ein  DreckigeHoseKind
Ein GeldKlauKind
Ein IchEssDasNichtKind
Ein HändeWaschKind
Ein ZigarettenKind
Ein KlavierÜbeKind
Ein WieSpätIstEsKind
Ein BlumenPflückKind
Ein MeinZahnIstWegKind
Ein NaseputzKind
Ein BücherLeseKind
Ein MirIstKaltKind
Ein HabIchAberWohlKind
Ein WennEsSeinMussKind
Ein WiderworteKind
Ein IchHabDichLiebKind
Ein LügenKind
Ein DaumenLutschKind
Ein VerbotenesExtraTuKind
Ein SplitterRausziehSchreiKind
Ein MachNochEinenVersuchKind
Ein KriegIchNochEinEisKind
Ein ZuDünnAnziehKind
Ein VerboteneSüssigkeitenKaufKind
Ein FingernägelKnabberKind
Ein EndlostTefonierKind
Ein AufessKind
Ein BeimZahnarztDenMundAufmachKind
Ein WeihnachtsGeschenkeBastelKind
Ein SchwesterÄrgerKind
Ein EmpfindlicherMagenKind
Ein FrecheAntwortenGebeKind
Ein InsBettMachKind
Ein ToterHaseAnfassKind
Ein SmartphonAusstellKind
Ein SchonWiederApfelImBettEssKind
Ein MorgensZeitigAufstehKind
Ein ZahnspangenBenutzeKind
Ein BierTrinkKind
Ein NasseBadehoseAusziehKind
Ein KokelKind
Ein IchMöchteDasNichtKind
Ein IstMirDochEgalKind
Ein MamaBleibHierKind
Ein SpielsachenZerstörKind
Ein SchonWiederAufstehKind
Ein BaumSehrHochKletterKind
Ein TreppengeländerRuscheKind
Ein DiscoBesucheKind
Ein MitTierenBehutsamUmgehKind
Ein AnDerHandGehKind
Ein JammerUndGeschreiKind
Ein FährtVernünftigMitDemRadKind
Ein IchHabSchlechtGeträumtKind
Ein BruderSchlageKind
Ein TaschengeldSparKind
Ein DauerndWarumFrageKind
Ein IchZiehMichAnKind
Ein DasHabIchVergessenKind
Ein SchrankAufräumKind
Ein WoGehenWirHinKind
Ein KarateTrainingKind
Ein IchDuschMichKind
Ein FrühstücksbrotAufessKind
Ein SpielstDuMitMirKind
Ein  MädchenSindBlödKind
Ein IchGehJetztLosKind
Ein DasSagIchAberMamaKind
Ein MedizinEinnehmeKind
Ein MachIchSpäterKind
Ein DankeSagKind
Ein IchEntschuldigeMichKind
Ein TobeKind
Ein DenToasterDochBenutzeKind
Ein NachtsNichtNachHauseKommKind
Ein GemüseEssKind
Ein BüchereiBücherRückgabeKind
Ein TretenBeissenKratzenSpuckenKind
Ein GutInDerSchuleKind
Ein DerHatAberMehrKind
Ein  IchFreuMichAufKind
Ein DaranHabIchNichtGedachtKind
Ein AutoAnschnallKind
Ein AmeisenTottretKind
Ein WoIstMeinTeddyKind
Ein SonnencremeEinreibKind
Ein JungenSindDoofKind
Ein KicherKind
Ein WiesoDennKind
Ein KatzenFütterKind
Ein BringMirWasMitKind







...

Dienstag, 4. Oktober 2016

Definition

"Herr Dr. von Schoenebeck, wie definieren Sie Selbstverantwortung?"

Eine Definition soll helfen, etwas klarer zu machen. Der amicative Begriff "Selbstverantwortung" ist aber nicht definierbar. Er ist etwas anderes als eine intellektuelle Position, er ist ein existentieller Wert. Sie können zum Beispiel auch nicht ein Bild von Picasso oder eine Sinfonie von Beethoven definieren. Und wenn Sie das nicht können, verlassen Sie nicht Anspruch und Wissenschaftlichkeit, sondern Sie bemerken mit wissenschaftstheoretischem Überblick, welche Parameter angemessen sind, um die Wirklichkeit korrekt zu erfassen. In der Kunst und Musik gelten andere Maßstäbe als in der abstrakten Analyse einer Theoriediskussion. Sie können darüber streiten und Sie können fragen, wie man damit auskommt und welche Konsequenzen es hat, wenn man Kinder amicativ und damit selbstverantwortlich sieht. Aber Sie wollen eine Definition. Sie wollen Klarheit. Sie werden diese Klarheit aber nicht auf diesem Weg erhalten.

Selbstverständlich läßt sich die amicative Position auch klar erkennen: mit dem Herzen, der Erfahrung, der Intuition, dem taoistischen "Tun ohne Tun" und anderen emotionalen und existentiellen Möglichkeiten. Was Amication ist, wird auch klarer, wenn Sie weiter mit mir im Gespräch bleiben und Ihr Denken sich verleiten lässt, mir ein wenig zu folgen ... Wollen Sie das? Wollen Sie sich auf ein solches Abenteuer einlassen? Ich habe das in meinem Dissertationsprojekt mit Kindern vor 40 Jahren gemacht und mir von den Kindern die amicative Welt zeigen lassen. Man muss eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich selbst zu verändern oder verändern zu lassen. Mit einer intellektuellen Definition hat so etwas nichts zu tun, wohl aber mit existentiellen Wahrheiten. So etwas entzieht sich nun nicht der Diskussion. Genau darüber kann man sich austauschen, existentielle Erkenntnisse sind kommunikabel. Vielleicht lesen Sie eins meiner Gedichte:

wenn
ich
mich ihnen
aussetze
so geschehen
verwandlungen in mir
die mit dem zu tun haben
wie sie sind

Sonntag, 2. Oktober 2016

Große Pädagogen

In einem schriftlichen Interview sagte ein Pädagogikprofessor zu mir: "Aus meiner Kenntnis der Werke großer Pädagogen möchte ich sagen, dass sie manchmal unbewusst amicativ dachten. Und vielleicht war die Praxis von Janusz Korczak und Alexander Neill sogar amicativer als die von Ihnen!"

Meine Antwort: "Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Amicatives Denken setzt den radikalen Bruch mit dem pädagogischen Denken voraus. Für das amicative Denken gibt es eine andere anthropologische Basishypothese als für das pädagogische Denken. Im amicativen Denken gilt: Das Kind ist ein zu 100 Prozent selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, das Kind ist ein zu 100 Prozent vollwertiger Mensch von Anfang an. Beides wird im pädagogischen Denken anders gesehen. Im pädagogischen Denken gilt: Das Kind ist noch kein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an, sondern wird dies erst im Laufe der Kindheit durch Erziehung. Dieser radikale Gegensatz ist nicht vermischbar, es gibt keine Grauzone.

Es ist also zu überlegen, welche Basispositionen haben Korczak, Neill und andere große Pädagogen. Da sowohl Korczak als auch Neill als auch alle anderen großen Pädagogen an der Menschwerdung des Kindes – ein jeder auf seine spezielle Art – arbeiten, erkenne ich nicht irgendein amicatives Element in ihrem Denken. Es muss darauf geachtet werden, dass freundliches, achtungsvolles, respektvolles, liebevolles, usw. usw. Verhalten nicht ausreicht, um schon von amicativer Substanz zu sein. Selbstverständlich sind alle berühmten Pädagogen liebevoll, freundlich usw.. Amicativ wird es aber erst dann, wenn sie ihr Homo-educandus-Menschenbild nicht mehr in sich tragen. Anders ausgedrückt: Solange sich Korczak, Neill und andere noch verantwortlich für Kinder und ihre Entwicklung fühlen, sind sie auf sicherem pädagogischen Boden. Erst wenn sie sich nicht mehr für Kinder verantwortlich fühlen – weil sie erkennen, dass die Kinder dies ja selbst sind –, betreten sie amicatives Land. Und erst dann, wenn sie so verantwortungs-los auf die Kinder zugehen, wird ihre konkrete Beziehung, ihre Praxis, amicativ genannt werden können. Ich sehe nicht, dass irgendein großer Pädagoge dies realisiert hat. Nicht Rousseau, Comenius, Kant, Pestalozzi, Fröbel, Petersen, Montessori, Korczak, Neill, Freinet, Makarenko noch sonst wer. Ich finde in ihren Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass sie sich von ihrer Verantwortung für Kinder losgesagt hätten, ganz im Gegenteil. Gerade die großem Pädagogen sind ganz besonders voll von Verantwortung für Kinder, mehr als andere.

Samstag, 1. Oktober 2016

Einzigartigkeit

Unsere Eltern und Erzieher meinten, sie wüssten besser als wir, was für uns gut ist. Wir erlitten ein pädagogisches Kindheitsschicksal. Als Kinder haben wir gelernt, dass dies so sein muss. Und entgegen der mitgebrachten Weisheit, eins zu sein mit uns selbst, in den eigenen Dingen selbst am besten Bescheid zu wissen, akzeptierten wir nach und nach, dass andere für uns verantwortlich sein müssten, so wie wir später für andere, wenn wir einmal groß wären.

hier bin ich
ich liebe mich
ich vertraue euch
ich bin die wahrheit
und das leben
ich bin unfehlbar
ich bin unsterblich
ich bin der mittelpunkt
des universums
ich weiss selbst
am besten bescheid
ihr seid teile meines ichs
wenn ich mich euch zuwende
begegne ich mir selbst
ich bin teil des kosmos
und der unendliche sinn
trägt mich

Wir waren erfüllt von dieser Einzigartigkeit – dieser Religiosität, längst vor jeder Religion. Wir fühlten dies, wir waren solche Wesen. Und im Grunde unseres Herzens sind wir es auch heute noch. Diese Gewissheit ist verschüttet, doch sie lässt sich befreien – von uns selbst. Jeder kann die erlente pädagogische Weltsicht verlassen, um wieder nach den uralten Gesetzen zu leben.

Kinder und Pferde

Bei einem Vortrag vorgestern auf der Nationalen Bildungskonferenz der Uni in Wroclaw sagte ein Professor, dass er vor 25 Jahren bei einer Veranstaltung mit mir dabei war. Seither hat ihn die Amication privat und beruflich begleitet und ist aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. Er vermittelt seinen Studenten diese postpädagogische Sicht und er hat sich bedankt.

Ich male gern Bilder mit Worten, vorgestern: Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Weg für den Umgang mit Pferden. Dabei will man in die Welt eines Pferdes eintauchen, ein Pferd von innen heraus verstehen, mit ihm sein, statt es beherrschen. Einem Jährling wird nicht mehr gegen seine Natur der Willen gebrochen, indem er mit Gewalt und Unterdrückung eingeritten wird. Es wird eine Kommunikation auf gleicher Augenhöhe hergestellt von Geschöpf Mensch zu Geschöpf Pferd. Und siehe da, ein Pferd, das einen Menschen so gleichwertig erlebt, läßt ihn nach einer Zeit des Vertrauens bereitwillig auf seinen Rücken steigen. Immer mehr Menschen gelingt dieser neue Weg, und etwas ungläubig nennen wir solche Menschen Pferdeflüsterer.

Die Kinder von innen heraus verstehen, ihre innere Souveränitat überhaupt erst einmal erkennen, sie nicht mit erzieherischer Missionierung brechen – und ein Kind läßt uns teilhaben an seiner Welt, von Geschöpf zu Geschöpf. Doch nur wenige können so etwas denken, erkennen diesen Weg und können ihn gehen. Wir sind im Umgang mit Pferden weiter als in unseren Beziehungen zu Kindern.