Donnerstag, 10. November 2016
Verändern durch Vertrauen
Ich muß mich nicht verändern, ich soll mich nicht verändern, ich will mich nicht verändern: Ich verändere mich. Zu mir selbst gelange ich nicht mit Wollen, sondern mit Vertrauen.
Wenn ich nicht Energie für das Veränderenwollen aufbringe, wenn ich alle Kraft in mir sich zentrieren lasse. Wenn ich immer mehr ich bin statt mich bemühe, es zu werden: Dann kann die so gesammelte Kraft in die Winkel und Nischen meines Ichs strömen, wo sie tatsächlich gebraucht wird. Ich lasse die Veränderungsenergie in mir sich frei entfalten, ohne sie zu dirigieren.
Die selbstorganisierte Veränderungsenergie lässt sich gut mit den weißen Blutkörperchen vergleichen, die auch selbst und aus ihrer Weisheit heraus das tun, was dem Organismus dient. Wenn ich meiner Kraft vertraue, wenn ich meinem Organismus vertraue, wenn ich mir vertraue - so wird mich dies dahin entwicklen, wo ich jeweils wirklich bin. Es ist nicht nötig, dies zu wollen, denn solches Wollen kostet nur Energie und blockiert den Vorgang der Selbstorganisation. Und es ist nicht hilfreich, dies zu sollen.
*****
Gestern wurde ich gefragt, wie man sich zur amictiven Sichtweise hin verändern kann. Dann sage ich, dass man sich nicht zum Nichterziehen erziehen kann. Dass es eher so ist, dass das Hineinwachsen in die amicative Welt einem geschenkt wird. "Du kannst Kontakt halten zu dieser Idee, ab und zu etwas lesen, oder auch zu einem Seminar kommen. Oder Dich einfach auch in Ruhe lassen mit dem Hineinwachsen. Wenn Dir das alles etwas sagt, wirkt diese Ideenwelt mit einer eigenen Dynamik. Es gibt kein Programm und keine Methode für das Hineinwandern in die amicative Welt. Wer den Wald für sich entdeckt hat und ab und zu dort spazieren geht, der entwickelt seine eigene Wahrnehmung von diesem Lebensbereich. So ist das auch mit der amicativen Welt."
Dienstag, 8. November 2016
Froschkönigs Zauber
Was mich an der Froschkönig-Geschichte
so beeindruckt, ist der Mut
der Prinzessin, gegen alle Moral zu verstoßen, wenn es um eigene
existentielle Dinge geht. Normen der anderen gibt es wie Sand am Meer.
Uns Kindern wurden sie weiß Gott wie verbindlich gemacht. Du sollst,
du darfst nicht, du musst doch. Der Königsvater mahnt, nicht böse, sanft
- und doch so zersetzend.
der Prinzessin, gegen alle Moral zu verstoßen, wenn es um eigene
existentielle Dinge geht. Normen der anderen gibt es wie Sand am Meer.
Uns Kindern wurden sie weiß Gott wie verbindlich gemacht. Du sollst,
du darfst nicht, du musst doch. Der Königsvater mahnt, nicht böse, sanft
- und doch so zersetzend.
Die Prinzessin lebt in ihrer Welt mit ihren
Werten - so, wie dies auch der
souveräne Frosch tut, ein König, von gleicher Art wie sie. Das Eingehen
auf seine Bedingung war erpresst. Vor der Moral des Königskindes hat
er kein Recht, Gefährtenschaft und mehr zu fordern. Vor aller Welt aber
hat er es, vor aller Erwachsenenwelt. Diese Erziehungsbotschaft sitzt tief.
souveräne Frosch tut, ein König, von gleicher Art wie sie. Das Eingehen
auf seine Bedingung war erpresst. Vor der Moral des Königskindes hat
er kein Recht, Gefährtenschaft und mehr zu fordern. Vor aller Welt aber
hat er es, vor aller Erwachsenenwelt. Diese Erziehungsbotschaft sitzt tief.
Und
erst in der allergrößten Not - als der Widerling tatsächlich
ansetzt,
ihr zu Leibe zu rücken, besinnt sie sich auf ihre Kraft, auf ihre Welt und
ihre Heiligkeiten: Zur Hölle mit all den fremden Monstern, die sich in
mir breitgemacht haben, die mich mahnen und die Normen in mir
errichtet haben, die nicht die meinen sind! Was den meisten von uns
großgewordenen Kindern nicht mehr gelingt, nämlich das eigene Beste
zu erkennen und für seine Realisierung einzutreten - mithin Verant-
wortung für uns zu übernehmen, so, wie es uns tatsächlich entspricht
(und nicht fremden Normen in uns): dies schafft diese Botin der Selbst-
verantwortung.
ihr zu Leibe zu rücken, besinnt sie sich auf ihre Kraft, auf ihre Welt und
ihre Heiligkeiten: Zur Hölle mit all den fremden Monstern, die sich in
mir breitgemacht haben, die mich mahnen und die Normen in mir
errichtet haben, die nicht die meinen sind! Was den meisten von uns
großgewordenen Kindern nicht mehr gelingt, nämlich das eigene Beste
zu erkennen und für seine Realisierung einzutreten - mithin Verant-
wortung für uns zu übernehmen, so, wie es uns tatsächlich entspricht
(und nicht fremden Normen in uns): dies schafft diese Botin der Selbst-
verantwortung.
Sie ergreift
Partei für sich, sie bekennt sich zu sich, sie wehrt das
Fremde mit aller Kraft ab: Und siehe da, die Welt geht nicht unter,
niemand fällt tot um, das Chaos bricht nicht aus: Das Gegenüber läßt
sich nun ein Wesen gleicher Art sein. Trag Verantwortung für Dich
selbst, nicht für mich: dann wirst Du erkennen, wer Du bist und wer
ich bin, und dass unsere Konstruktivität existiert bis ans Ende der Zeit.
Fremde mit aller Kraft ab: Und siehe da, die Welt geht nicht unter,
niemand fällt tot um, das Chaos bricht nicht aus: Das Gegenüber läßt
sich nun ein Wesen gleicher Art sein. Trag Verantwortung für Dich
selbst, nicht für mich: dann wirst Du erkennen, wer Du bist und wer
ich bin, und dass unsere Konstruktivität existiert bis ans Ende der Zeit.
Dass die beiden sich lieben, so grundlegend
wesensverwandt, war zu
Beginn ihrer Affäre schon offenkundig. Dass sie dies auch leben
können, weil niemand auf sich verzichtet - dies ist uns verantwortungs-
geschädigten großen Kindern fremd. Und doch ist es wahr, und jeder
kann diese uralte Weisheit zurückgewinnen.
Beginn ihrer Affäre schon offenkundig. Dass sie dies auch leben
können, weil niemand auf sich verzichtet - dies ist uns verantwortungs-
geschädigten großen Kindern fremd. Und doch ist es wahr, und jeder
kann diese uralte Weisheit zurückgewinnen.
*****
angesichts unserer selbst
gewinnen wir alles
und lassen uns
von allem gewinnen
und leben alles
und lassen alles leben
Montag, 7. November 2016
Büffels Würde
"Wenn ich schon tun muss, was meine Eltern wollen..."
Gleiche Augenhöhe geht über das Wie der Beziehung. Es geht um die seelische Botschaft. Das Durchsetzen auf der Handlungsebene wird deswegen nicht abgetan. Gelingt das sanft oder hart, freundlich oder unfreundlich, flexibel oder starr? Es geht ausdrücklich nicht um antiautoritäres Zurückweichen. Was muss, das muss. Das kann sanft oder hart passieren. Darüber hinaus kommt dann die seelische Frage nach der gleichen Augenhöhe.
Wenn ich mich schon durchsetze: Ich muss mich dabei nicht noch innerlich über das Kind stellen. "Du setzt Dich durch", fühlt dann das Kind, "aber Du stellst Dich nicht über mich." Zum Verstehen hilft das Bild vom Bruder Büffel, den der Indianer erlegt. "Du tötest mich", sagt der Büffel, "aber Du stellst Dich nicht über mich. Ein Weißer schießt mich ab und meint, er sei wertoller als ich." Wie sind Eltern im Kinderzimmer unterwegs, wenn sie sich durchsetzen? Man kann sich den Indianer zum Vorbild nehmen.
Aber macht das für das Kind überhaupt einen Unterschied? Wenn es am Ende doch tun muß, was die Eltern wollen? Um im Bild zu bleiben: "Wenn ich schon getötet werden muß", sagt der Büffel, "dann lieber von einem Menschen, der meine Würde sieht und sich innerlich nicht über mich stellt. Ich möchte nicht zu meiner Niederlage noch obendrein erleben, dass ich nicht so wertoll sein soll wie der, der mich besiegt. Ich wünsche mir, dass der Jäger mich als gleichwertig erkennt, mich auf gleicher Augenhöhe sieht. Denn das Universum hat uns alle mit einer Würdekrone ausgestattet." Kinder sind genauso unterwegs: "Wenn ich schon tun muss, was meine Eltern wollen ..."
Gleiche Augenhöhe geht über das Wie der Beziehung. Es geht um die seelische Botschaft. Das Durchsetzen auf der Handlungsebene wird deswegen nicht abgetan. Gelingt das sanft oder hart, freundlich oder unfreundlich, flexibel oder starr? Es geht ausdrücklich nicht um antiautoritäres Zurückweichen. Was muss, das muss. Das kann sanft oder hart passieren. Darüber hinaus kommt dann die seelische Frage nach der gleichen Augenhöhe.
Wenn ich mich schon durchsetze: Ich muss mich dabei nicht noch innerlich über das Kind stellen. "Du setzt Dich durch", fühlt dann das Kind, "aber Du stellst Dich nicht über mich." Zum Verstehen hilft das Bild vom Bruder Büffel, den der Indianer erlegt. "Du tötest mich", sagt der Büffel, "aber Du stellst Dich nicht über mich. Ein Weißer schießt mich ab und meint, er sei wertoller als ich." Wie sind Eltern im Kinderzimmer unterwegs, wenn sie sich durchsetzen? Man kann sich den Indianer zum Vorbild nehmen.
Aber macht das für das Kind überhaupt einen Unterschied? Wenn es am Ende doch tun muß, was die Eltern wollen? Um im Bild zu bleiben: "Wenn ich schon getötet werden muß", sagt der Büffel, "dann lieber von einem Menschen, der meine Würde sieht und sich innerlich nicht über mich stellt. Ich möchte nicht zu meiner Niederlage noch obendrein erleben, dass ich nicht so wertoll sein soll wie der, der mich besiegt. Ich wünsche mir, dass der Jäger mich als gleichwertig erkennt, mich auf gleicher Augenhöhe sieht. Denn das Universum hat uns alle mit einer Würdekrone ausgestattet." Kinder sind genauso unterwegs: "Wenn ich schon tun muss, was meine Eltern wollen ..."
Sonntag, 6. November 2016
Magie der Gleichwertigkeit
Ich will mit den Kindern eine Radtour machen, mit Xenia (7), Felix (9) und Lisa (7). Xenia und Felix wollen mit, doch Lisa will lieber zu Hause bleiben. Aber nicht allein. "Was willst Du? Mitkommen oder dableiben?" Mir ist nicht wohl dabei. Wer ohne Lust eine Radtour macht, wird es nicht lange aushalten, und die anderen sind dann genervt. Das ist jedenfalls meine Befürchtung. Lisa kommt mit. Aber sie hängt nach und freut sich weder über die Kühe noch über die Fohlen. Sie zockelt hinterher. Die Fröhlichkeit von uns drei anderen nimmt nach und nach ab: Ihretwegen. Es ist nicht so, dass wir sie verurteilen. Nur: Wie sollen wir fröhlich sein, wenn einer betrübt ist? Beim nächsten Berg ist es dann soweit: Lisa kommt nicht. Wir halten an und warten. Dann kommt sie.
Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.
Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten? Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus. Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht. Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.
Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und deswegen schon etwas weniger ärgerlich.
"Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck, doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts, dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut. In mir schwingt keine Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und Lisa.
Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne, Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um. Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt, der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen, wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben! Angenommen. O.k.
"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.
Jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei, ich will Klarheit haben. Noch mal: Dass sie eben keine Lust auf die Radtour hat. Aber wir. Dass sie lieber zu Hause spielen will, aber nicht allein. Aber wir wollen ihretwegen nicht auf die Tour verzichten. Auf mein "Was willst Du denn jetzt? Nach Hause, und zwar allein, oder mitfahren?" kommt nichts genaues. Klar ist: Sie will nach Hause, und zwar mit uns. Aber wir wollen fahren, mit ihr oder ohne sie.
Was nun? Weiterfahren mit Lisa? Noch zwei Stunden das aushalten? Abbrechen und nach Hause fahren? Xenia und Felix sind gelassen: "Dann fahren wir eben zurück." Sehr zufrieden sehen sie dabei aber nicht aus. Also: Was will ich - was will ich wirklich? Mit den Kindern schöne Zeit verbringen. Geht das so? Nein. Denn eins der Kinder will es so nicht. Meine Radtour ist also gemessen an dem, was ich will (mit den Kindern schöne Zeit verbringen) unrealistisch. Bamm. Da liegt er, der Baumstamm über dem Weg. Ich komme nicht rüber, weiß keinen Weg.
Also? Also keine Radtour. Schwer, aber es kommt, ich halte mich an und erkenne die Realität: So geht es nicht. Ärgerlich, aber wahr. Und deswegen schon etwas weniger ärgerlich.
"Ja, wenn Du absolut nicht willst ..." Ich sage das wirklich ohne Druck, doch wollen zu sollen. Aber ich sage auch und beschönige da nichts, dass ich lieber weiterfahren würde. Nur, dass es uns ja auch keinen Spaß macht, wenn einer dabei ist, der keine Lust hat. Aber dass ich auch nicht richtig sauer bin. Nur nicht gerade erfreut. In mir schwingt keine Schuldzuweisung, aber auch kein Verniedlichen. Diese Psychologie ist fein, sie liegt haarscharf neben dem "Du bist schuld". Wir sagen uns von Souverän zu Souverän, was zu sagen ist. Ohne Oben-Unten. Ohne Anspruchsdenken. Von Person zu Person. Lisa und Hubertus, Hubertus und Lisa.
Wir stehen da und haben unser Dilemma. Energie, Kräfte, Gefühle, Sonne, Wind, Stress, Leidtun, Blumen, Warten. Ich spüre, dass ich mein Rad umdrehen werde. Xenia und Felix drehen ihre Räder bereits um. Stillstand, Ohnmacht, keine Idee mehr, und: die neue Richtung beginnt, der Stillstand ist überwunden. "Ja, dann..." Wie können wir uns freuen, wenn einer unglücklich ist? "Also los, nach Hause." So ist das Leben! Angenommen. O.k.
"Ich glaube, ich schaffe es doch." "Waas?" "Ich komme mit." Na dann! So ist das Leben! Luftholen, durchatmen, kein Kommentar. Auf geht´s. Lisa summt vor sich hin und fährt den Berg rauf, ich schiebe. Die restlichen Stunden ist sie gut drauf, und wir anderen auch.
Freitag, 4. November 2016
Humanität und Tabu
Doch noch einmal Schule - aber versprochen, dann gibt es andere Posts. Es paßt aber grad so gut und ich will mich dem nicht entziehen. Ich poste Texte aus meinem Schultagebuch.
Sonnabend, der 8.5.
Die letze Stunde ist gerade sieben Minuten vorbei. Ich sitze im Medienraum, die Schreibmaschine vor mir. Die Kollegen sind weg, ab ins Wochenende. Ich bin allein und noch voll von der Aktivität der Stunden eben. Es summt noch in mir. Ich stecke noch in der Erfahrung.
Eben, ganz zum Schluß ging es darum, die Stühle wegzuräumen und runtergefallenes Papier aufzuheben. Ich kann Humanität realisieren, wenn ich davon absehe, durchzusetzen, dass alle hierbleiben, bis aufgeräumt ist. Ich habe erst bestimmt: "Alle bleiben hier, bis es sauber ist" - und es dann gemerkt. Ich lasse sie gehen. Ich bitte sie, mir beim Aufräumen zu helfen.
Als sie einige Minuten vor dem Gong bereits nach Hause wollen, lasse ich das nicht zu. Aufsichtspflicht, und überhaupt. Ich sage laut und unüberhörbar: "Bleibt in der Klasse!" Als Gefängniswärter realisiere ich Inhumanität. Wenn ich dann so human bin und das Papier selbst aufhebe - sie also nicht zwinge, etwas zu tun, was sie nicht wollen: Dann kommt mir diese "Portion Humanität" lächerlich vor. Ich sollte mir nichts vormachen. Doch wenn ich etwas aufstöbere, wo es geht - dann bitte ich eben.
Ich denke weiter über die Portionen Humanität nach, die ich ihnen vorsetze, und ich bin wütend. "Natürlich dürft Ihr Euch vor der Hinrichtung noch ein schönes Essen bestellen." Ich suche dauernd Essen für sie aus. Und ich bin wohl jemand in der Schule, der gut kochen kann. Und da diese Hinrichtungen die so Hingerichteten physisch am Leben halten, kann man es mit ihnen morgen ja wieder tun. Und so weiter. Und nur dann, wenn ein Kopf rollt (wenn ein Kind sich nach dem Zeugnis oder wann sonst umbringt), dann schaut man mal auf - und ist erstaunt (nicht erschreckt) über die Schwäche der Objekte, mit denen man es zu tun hat.
Vorher in der Pause auf dem Hof sind Marion und Petra aus der Schule in T. da. Sie haben heute frei und kommen eben mal vorbei, um mich zu besuchen. Das tut mir gut - und ich kann erfahren, was Humanität im inhumanen Feld bewirken kann. Ich habe dann eine freie Stunde. Ich gehe zu ihnen raus, wir sitzen im Gras und reden. Es ist sehr schön. In der letzen Stunde kommen sie dann in die 8a mit. Sie sind rasch integriert, sie haben Freundinnen hier. Und ich bin schnell der "humane" Lehrer, sie machen es mir deutlich genug. Denn eben, draußen, war ich es ja tatsächlich: jenseits von Inhumanität, human ohne Anführungszeichen.
Als ich hier schreibe, kommt Kollege K, er hat noch aufgeräumt. Wir problematisieren "human - inhuman". Wir sind uns einig, dass das Verschleiern der Inhumanität es für die Lehrer aushaltbar macht - diese schizophrene Paradoxie hier. Ich will das nicht - und auch er hat Angst davor, so zu werden.
Ich erlebe den Anspruch der Kinder, Humanität zu erfahren. - ich erlebe ihn, weil ich mich ihm aufschließe. Wer sich ihm verschließt, sieht natürlich alles ganz anders. Ich aber erlebe ihn - und auch, dass ich ihn nicht realisieren kann. Es ist kein Anspruch auf gelegentliche Freundlichkeit. Es ist ein Anspruch auf Grundsätzliches. Die Einforderung grundlegenden Rechts: Die Würde des Menschen ist unantastbar ...
Und dann, nach dem Unterricht, nach dem Gong "ist ja alles nicht so schlimm". Warum? Weil ich dann nicht mehr direkt erlebe, was es heißt und bedeutet und bewirkt, inhuman zu sein. Unterricht ist ja vorbei ... und ich bin ab der 46. Minute sehr rasch in freundlicher und friedlicher Nachher-Stimmung. Da bin ich wieder in Übereinstimmung mit mir. Ich bin ein netter Mensch, habe Zeit, kann jede Menge human sein. Dieses Nachher-Verhalten ist auch von der Struktur her möglich. Man kann doch "persönlich" mit Lehrern gut auskommen ... Und schnell, ganz schnell, sinkt zurück, wie das eben noch war mit dem inhumanen Rasen, das sich Unterricht nennt. Ich erfahre die Inhumanität nach dem Unterricht einfach nicht mehr. Da erfahre ich Humansein. Und dann ist es leicht zu sagen: "Ist ja alles nicht so schlimm."
Die Verschleierung des Inhumanen während des Unterrichts ist ein riesiges Problem. Es gibt keine Diskussion darüber. Es herrscht völliges Tabu. Die betroffenen Erwachsenen, die Lehrer, transportieren das inhumane Geschehen - ihr inhumanes Tun - nicht in die Zeit hinter dem Gong. Wenn sie es denn überhaupt bemerken. Sie bringen ihre Erfahrung mit der täglichen Inhumanität nicht mit nach draußen, aus den Unterrichtsminuten hinaus. Es ist, als würde sie das Pausenzeichen in einen Bewußtseinszustand versetzen, der nicht mehr erfassen kann, was in den vergangenen 45 Minuten geschah. Die inhumane Monstrosität der gerade beendeten 45 Minuten widerspricht ihrem Selbstverständnis so existentiell, dass ihnen die eben realisierte Inhumanität nicht mehr bewußt wird. 46. Minute: Blackout, Realitätsverlust, Wahnsinn.
Die Kinder sagen sehr deutlich, was die Erwachsenne mit ihnen in den 45 Minuten machen. Aber in einer Sprache, die man nur versteht, wenn man die gesamte Problematik erfaßt hat. Und beispielsweise Lärm nicht als "Störung", sondern als Ausübung eines Grundrechts - auf Meinungsfreiheit - begreift. Und Nicht-Aufpassen nicht als "Unaufmerksamkeit", sondern als Ausübung eines anderen Grundrechts - des Rechts auf Gedankenfreiheit.
Mir fällt etwas zu gestern ein. Ich hatte Mathe-Arbeitsblätter für die 6b gemacht. Das Wetter ist schön, und mir kommt die Idee, dass wir sie doch auch draußen am Sportplatz bearbeiten könnten. Gedacht, getan! Sechs Minuten Weg bis dorthin. Sonne, Wärme, Wiese, Bäume. Es ist prima! Wir sind entspannt, und sie arbeiten auch mehr als sonst. Ich habe viel Ruhe und Zeit zum Erklären. Einige klettern auf die Bäume und füllen da oben die Arbeitsblätter aus. Ich bin gerührt: Da klettern sie auf ihre Bäume - und füllen da oben meine Schulblätter aus...
Sonnabend, der 8.5.
Die letze Stunde ist gerade sieben Minuten vorbei. Ich sitze im Medienraum, die Schreibmaschine vor mir. Die Kollegen sind weg, ab ins Wochenende. Ich bin allein und noch voll von der Aktivität der Stunden eben. Es summt noch in mir. Ich stecke noch in der Erfahrung.
Eben, ganz zum Schluß ging es darum, die Stühle wegzuräumen und runtergefallenes Papier aufzuheben. Ich kann Humanität realisieren, wenn ich davon absehe, durchzusetzen, dass alle hierbleiben, bis aufgeräumt ist. Ich habe erst bestimmt: "Alle bleiben hier, bis es sauber ist" - und es dann gemerkt. Ich lasse sie gehen. Ich bitte sie, mir beim Aufräumen zu helfen.
Als sie einige Minuten vor dem Gong bereits nach Hause wollen, lasse ich das nicht zu. Aufsichtspflicht, und überhaupt. Ich sage laut und unüberhörbar: "Bleibt in der Klasse!" Als Gefängniswärter realisiere ich Inhumanität. Wenn ich dann so human bin und das Papier selbst aufhebe - sie also nicht zwinge, etwas zu tun, was sie nicht wollen: Dann kommt mir diese "Portion Humanität" lächerlich vor. Ich sollte mir nichts vormachen. Doch wenn ich etwas aufstöbere, wo es geht - dann bitte ich eben.
Ich denke weiter über die Portionen Humanität nach, die ich ihnen vorsetze, und ich bin wütend. "Natürlich dürft Ihr Euch vor der Hinrichtung noch ein schönes Essen bestellen." Ich suche dauernd Essen für sie aus. Und ich bin wohl jemand in der Schule, der gut kochen kann. Und da diese Hinrichtungen die so Hingerichteten physisch am Leben halten, kann man es mit ihnen morgen ja wieder tun. Und so weiter. Und nur dann, wenn ein Kopf rollt (wenn ein Kind sich nach dem Zeugnis oder wann sonst umbringt), dann schaut man mal auf - und ist erstaunt (nicht erschreckt) über die Schwäche der Objekte, mit denen man es zu tun hat.
Vorher in der Pause auf dem Hof sind Marion und Petra aus der Schule in T. da. Sie haben heute frei und kommen eben mal vorbei, um mich zu besuchen. Das tut mir gut - und ich kann erfahren, was Humanität im inhumanen Feld bewirken kann. Ich habe dann eine freie Stunde. Ich gehe zu ihnen raus, wir sitzen im Gras und reden. Es ist sehr schön. In der letzen Stunde kommen sie dann in die 8a mit. Sie sind rasch integriert, sie haben Freundinnen hier. Und ich bin schnell der "humane" Lehrer, sie machen es mir deutlich genug. Denn eben, draußen, war ich es ja tatsächlich: jenseits von Inhumanität, human ohne Anführungszeichen.
Als ich hier schreibe, kommt Kollege K, er hat noch aufgeräumt. Wir problematisieren "human - inhuman". Wir sind uns einig, dass das Verschleiern der Inhumanität es für die Lehrer aushaltbar macht - diese schizophrene Paradoxie hier. Ich will das nicht - und auch er hat Angst davor, so zu werden.
Ich erlebe den Anspruch der Kinder, Humanität zu erfahren. - ich erlebe ihn, weil ich mich ihm aufschließe. Wer sich ihm verschließt, sieht natürlich alles ganz anders. Ich aber erlebe ihn - und auch, dass ich ihn nicht realisieren kann. Es ist kein Anspruch auf gelegentliche Freundlichkeit. Es ist ein Anspruch auf Grundsätzliches. Die Einforderung grundlegenden Rechts: Die Würde des Menschen ist unantastbar ...
Und dann, nach dem Unterricht, nach dem Gong "ist ja alles nicht so schlimm". Warum? Weil ich dann nicht mehr direkt erlebe, was es heißt und bedeutet und bewirkt, inhuman zu sein. Unterricht ist ja vorbei ... und ich bin ab der 46. Minute sehr rasch in freundlicher und friedlicher Nachher-Stimmung. Da bin ich wieder in Übereinstimmung mit mir. Ich bin ein netter Mensch, habe Zeit, kann jede Menge human sein. Dieses Nachher-Verhalten ist auch von der Struktur her möglich. Man kann doch "persönlich" mit Lehrern gut auskommen ... Und schnell, ganz schnell, sinkt zurück, wie das eben noch war mit dem inhumanen Rasen, das sich Unterricht nennt. Ich erfahre die Inhumanität nach dem Unterricht einfach nicht mehr. Da erfahre ich Humansein. Und dann ist es leicht zu sagen: "Ist ja alles nicht so schlimm."
Die Verschleierung des Inhumanen während des Unterrichts ist ein riesiges Problem. Es gibt keine Diskussion darüber. Es herrscht völliges Tabu. Die betroffenen Erwachsenen, die Lehrer, transportieren das inhumane Geschehen - ihr inhumanes Tun - nicht in die Zeit hinter dem Gong. Wenn sie es denn überhaupt bemerken. Sie bringen ihre Erfahrung mit der täglichen Inhumanität nicht mit nach draußen, aus den Unterrichtsminuten hinaus. Es ist, als würde sie das Pausenzeichen in einen Bewußtseinszustand versetzen, der nicht mehr erfassen kann, was in den vergangenen 45 Minuten geschah. Die inhumane Monstrosität der gerade beendeten 45 Minuten widerspricht ihrem Selbstverständnis so existentiell, dass ihnen die eben realisierte Inhumanität nicht mehr bewußt wird. 46. Minute: Blackout, Realitätsverlust, Wahnsinn.
Die Kinder sagen sehr deutlich, was die Erwachsenne mit ihnen in den 45 Minuten machen. Aber in einer Sprache, die man nur versteht, wenn man die gesamte Problematik erfaßt hat. Und beispielsweise Lärm nicht als "Störung", sondern als Ausübung eines Grundrechts - auf Meinungsfreiheit - begreift. Und Nicht-Aufpassen nicht als "Unaufmerksamkeit", sondern als Ausübung eines anderen Grundrechts - des Rechts auf Gedankenfreiheit.
Mir fällt etwas zu gestern ein. Ich hatte Mathe-Arbeitsblätter für die 6b gemacht. Das Wetter ist schön, und mir kommt die Idee, dass wir sie doch auch draußen am Sportplatz bearbeiten könnten. Gedacht, getan! Sechs Minuten Weg bis dorthin. Sonne, Wärme, Wiese, Bäume. Es ist prima! Wir sind entspannt, und sie arbeiten auch mehr als sonst. Ich habe viel Ruhe und Zeit zum Erklären. Einige klettern auf die Bäume und füllen da oben die Arbeitsblätter aus. Ich bin gerührt: Da klettern sie auf ihre Bäume - und füllen da oben meine Schulblätter aus...
Donnerstag, 3. November 2016
Das Herz des Lehrers
Noch einmal Thema Schule. "Mit welchem Recht?" kommt schon sehr deutlich daher, und es wird ja auch unterschiedlich wahrgenommen: als liebevolle, die Hand auf den Arm legende Mahnung bis hin zum wütenden und verzweifelten Aufschrei. Da sucht sich jeder seine Resonanz aus, von Nachdenklichkeit über Betroffenheit bis zu Schuldgefühlen. Im dritten Post schreibe ich etwas über Lehrer, die um diese Dinge wissen und weiter in der Schule arbeiten wollen.
Lieber Lehrer, liebe Lehrerin:
Wenn man schon in der Schule als Lehrer arbeitet, dann kann man das mit dem klaren Bewußtsein von dem tun, was man dort anstellt. Das Wissen davon, dass man Unrecht tut, und dass man es als solches erkennt, teilt sich den Kindern ohne Worte mit. Die Haltung eines Lehrers, der weiß, was er tut, ist eine andere als die eines Lehrers, der mit einer imperialen, die Wirklichkeit verschleiernden Haltung vor die Kinder tritt. Auf die stumme Frage der Kinder "Warum tust Du das?", kann er antworten, ebenfalls ohne Worte:
"Ich weiß es nicht so genau. Vielleicht wegen meiner Biographie. Meiner Naivität. Weil ich die Zusammenhänge anders gesehen hatte und nun nicht aussteigen will. Wegen der vielen Vorteile: Geld, Macht, Arbeitsplatz, Pension, Urlaub. Wegen meiner Ideale, meiner Liebe zu Kindern, zum Frieden. Vielleicht wollte ich zur Entwicklung der Gesellschaft und der Menschheit beitragen. Aber jetzt sehe ich: Ich tue Euch Unrecht. Ich weiß es, und ich verschleiere es nicht. Ich sage nicht, dass das alles zu Eurem Besten ist. Ich lasse Euch in die Wahrheit meines Herzens sehen."
Die Kinder reagieren: "Er ist ehrlich. Er tut dasselbe wie die anderen Lehrer, aber es fühlt sich anders an. Das Leid, das von ihm ausgeht, hat nicht diese Wucht. Er achtet uns als vollwertige Menschen, auch wenn er uns und unsere Rechte unterdrückt." Die Zerrissenheit, stets um das Unrecht zu wissen, das man tut, es zu verabscheuen und nicht tun zu wollen, und es im gleichen Atemzug aber doch konkret zu tun, kompromisslos und entschieden zu tun, hat auch etwas Komisches und Befreiendes: Der Schleier vor der Macht ist zerrissen, sie ist ungeschminkt zu erkennen. Das, was geschieht, unterliegt nicht länger einem Tabu, gleichsam gottgewollt, unhinterfragbar, sondern wird bei aller Unrechtmäßigkeit und Belastung verständlich, überdenkbar, kritisierbar. Genau solche Prozesse löst dieser Lehrer mit seiner Wahrhaftigkeit aus, und genau das spüren die Kinder, und genau das hilft und heilt.
Lehrer mit dem Bewußtsein von den Menschenrechtsverletzungen, die von ihnen ausgehen, sind eine große Hoffnung für die Kinder. Sie sind nicht nur die, die den Gedanken an den einstigen Sturz der Schule verkörpern und ihn eines Tages mittragen werden. Sie sind vor allem diejenigen, die hier und heute Gleichwertigkeit und Personalität zur unausgesprochenen Grundlage der Lehrer-Schüler-Beziehung machen. Durch sie wird die Achtung vor der Würde des Schulkindes immer wieder eine konkrete und eindringliche Erfahrung.
Diese Lehrer haben eine spezifische achtungsvolle Ausstrahlung. Diese Lehrer lassen Fünfe grade sein. Diese Lehrer geben zu verstehen, dass sie Noten geben müssen, und dass diese Noten niemals etwas mit dem Wert der Kinder, sondern nur etwas mit dem Schulmaßstab zu tun haben. Diese Lehrer sind darüberhinaus eine klare Orientierung, denn sie stehen für sich selbst ein, lassen sich nicht auf der Nase herumtanzen, sind nicht falsch verstanden kinderfreundlich. Sie sind Lehrer mit all diesen Schul-Dingen, adultistische Missionare, aber solche, die die Würde der Kinder nicht aus dem Auge verlieren. Diese Lehrer haben eine von innen kommende Autorität, die sich nichts anmaßt.
Diese Lehrer haben etwas von der Harmonie wiedergefunden, von dem inneren Gleichgewicht, das sie nicht wirklich über die Kinder stellt. Sie stehen über den Kindern nur aufgrund der Struktur, die das von ihnen verlangt. In ihrem Herzen sind diese Lehrer auf einer gleichwertigen Ebene mit den Kindern, und sie geben der Schule, was der Schule ist, ohne Verbrämung, Pathos und Schönrednerei. Diese Lehrer haben sich dadurch, dass sie erkennen, was sie tun, auch zu sich selbst befreit, und ihre Persönlichkeit ist ohne Realitätsverlust und ohne Lüge.
Ein Lehrer, der diese Zusammenhänge erkennt, kann durch die Entschleierung der Realität und durch die Aufdeckung der Lüge sich selbst wieder im Mittelpunkt seines Lebens sehen, auch seines Lebens in der Schule. Er ist zunächst nicht für die Kinder da - er ist zuallererst für sich selbst da, verantwortlich für das großgewordene Kind, das er ist. Und er kümmert sich vor allem um dieses Kind: um sich selbst. Mithin ist er das 31. Kind in der Klasse, und bevor er sich den 30 anderen zuwendet, sorgt er für sich. Zum Beispiel dafür, dass es keine Grenzüberschreitung gibt, und zwar ihm gegenüber. Wenn Worte und Erklärungen nicht reichen, wenn Bitten und Ermahnungen nicht helfen, greift er energisch zu den Abscheulichkeiten, die die Schule zu seinem Schutz aufbietet: Lärm - wird im Keim erstickt. Keine Hausaufgaben - die Daumenschrauben werden angelegt. Ungehörigkeiten - es geht den Strafkatalog rauf und runter. Er setzt dann Autorität für sich ein, nicht aber gegen die Kinder. Und genau das nimmt seiner Aktion das Gift und macht sie erfolgreich.
Dieser Lehrer setzt sich für sich ein und dafür, dass er an seinem Arbeitsplatz zurechtkommt. Auch dadurch, dass er die Kollegen nicht durch zu viele Zugeständnisse an die Kinder gegen sich aufbringt.
Er behält die Übersicht. Er weiß, wo er gelandet ist, und seine befreite Sicht berwirkt nicht einen neuen Realitätsverlust: Er ist in einer Schule, nirgendwo sonst. Er wahrt die Balance zwischen den unzweifelhaft berechtigten Wünschen der Kinder, als vollwertige Menschen behandelt zu werden, einerseits, und den alltäglichen Anforderungen der heutigen Schule und seiner konkreten Arbeitssituation andererseits. Dieser Lehrer ist realistisch, aufgeklärt und so einfühlsam und hilfreich, wie er sich das in Abschätzung aller Möglichkeiten leisten kann. Er transportiert Humanität und Freundlichkeit offen oder auch auf Schleichwegen ins Klassenzimmer, so wie es kommt, flexibel, ohne sich unter Druck zu setzen, ohne Stress. Seine Klarheit befrei ihn auch hier.
Ein solcher Lehrer weiß auch, dass er die Schule jederzeit verlassen kann. Wenn er jedoch bleibt, hält er sie aus, und auch das, was er dort tut. Und warum sollte er die Schule auch verlassen? "Wenn Du gehst, kommt Herr Meier an Deiner Stelle, das wollen wir nicht": Das Votum der Kinder ist eindeutig. Und bei allem Leid, das von ihm kommt, fühlen sie sich doch von ihm gestützt und geachtet. Die Botschaft, die von diesem Lehrer ausgeht, ist eine machtvolle, in Untergrund und im Herzen wirkende Strömung: "Ich bin ein vollwertiger Mensch von Anfang an - so wie Ihr auch. Ich glaube an mich - so wie auch Ihr an Euch glauben könnt. Ich liebe mich so wie ich bin - so wie auch Ihr Euch lieben könnt, wie immer Ihr seid."
Lieber Lehrer, liebe Lehrerin:
Wenn man schon in der Schule als Lehrer arbeitet, dann kann man das mit dem klaren Bewußtsein von dem tun, was man dort anstellt. Das Wissen davon, dass man Unrecht tut, und dass man es als solches erkennt, teilt sich den Kindern ohne Worte mit. Die Haltung eines Lehrers, der weiß, was er tut, ist eine andere als die eines Lehrers, der mit einer imperialen, die Wirklichkeit verschleiernden Haltung vor die Kinder tritt. Auf die stumme Frage der Kinder "Warum tust Du das?", kann er antworten, ebenfalls ohne Worte:
"Ich weiß es nicht so genau. Vielleicht wegen meiner Biographie. Meiner Naivität. Weil ich die Zusammenhänge anders gesehen hatte und nun nicht aussteigen will. Wegen der vielen Vorteile: Geld, Macht, Arbeitsplatz, Pension, Urlaub. Wegen meiner Ideale, meiner Liebe zu Kindern, zum Frieden. Vielleicht wollte ich zur Entwicklung der Gesellschaft und der Menschheit beitragen. Aber jetzt sehe ich: Ich tue Euch Unrecht. Ich weiß es, und ich verschleiere es nicht. Ich sage nicht, dass das alles zu Eurem Besten ist. Ich lasse Euch in die Wahrheit meines Herzens sehen."
Die Kinder reagieren: "Er ist ehrlich. Er tut dasselbe wie die anderen Lehrer, aber es fühlt sich anders an. Das Leid, das von ihm ausgeht, hat nicht diese Wucht. Er achtet uns als vollwertige Menschen, auch wenn er uns und unsere Rechte unterdrückt." Die Zerrissenheit, stets um das Unrecht zu wissen, das man tut, es zu verabscheuen und nicht tun zu wollen, und es im gleichen Atemzug aber doch konkret zu tun, kompromisslos und entschieden zu tun, hat auch etwas Komisches und Befreiendes: Der Schleier vor der Macht ist zerrissen, sie ist ungeschminkt zu erkennen. Das, was geschieht, unterliegt nicht länger einem Tabu, gleichsam gottgewollt, unhinterfragbar, sondern wird bei aller Unrechtmäßigkeit und Belastung verständlich, überdenkbar, kritisierbar. Genau solche Prozesse löst dieser Lehrer mit seiner Wahrhaftigkeit aus, und genau das spüren die Kinder, und genau das hilft und heilt.
Lehrer mit dem Bewußtsein von den Menschenrechtsverletzungen, die von ihnen ausgehen, sind eine große Hoffnung für die Kinder. Sie sind nicht nur die, die den Gedanken an den einstigen Sturz der Schule verkörpern und ihn eines Tages mittragen werden. Sie sind vor allem diejenigen, die hier und heute Gleichwertigkeit und Personalität zur unausgesprochenen Grundlage der Lehrer-Schüler-Beziehung machen. Durch sie wird die Achtung vor der Würde des Schulkindes immer wieder eine konkrete und eindringliche Erfahrung.
Diese Lehrer haben eine spezifische achtungsvolle Ausstrahlung. Diese Lehrer lassen Fünfe grade sein. Diese Lehrer geben zu verstehen, dass sie Noten geben müssen, und dass diese Noten niemals etwas mit dem Wert der Kinder, sondern nur etwas mit dem Schulmaßstab zu tun haben. Diese Lehrer sind darüberhinaus eine klare Orientierung, denn sie stehen für sich selbst ein, lassen sich nicht auf der Nase herumtanzen, sind nicht falsch verstanden kinderfreundlich. Sie sind Lehrer mit all diesen Schul-Dingen, adultistische Missionare, aber solche, die die Würde der Kinder nicht aus dem Auge verlieren. Diese Lehrer haben eine von innen kommende Autorität, die sich nichts anmaßt.
Diese Lehrer haben etwas von der Harmonie wiedergefunden, von dem inneren Gleichgewicht, das sie nicht wirklich über die Kinder stellt. Sie stehen über den Kindern nur aufgrund der Struktur, die das von ihnen verlangt. In ihrem Herzen sind diese Lehrer auf einer gleichwertigen Ebene mit den Kindern, und sie geben der Schule, was der Schule ist, ohne Verbrämung, Pathos und Schönrednerei. Diese Lehrer haben sich dadurch, dass sie erkennen, was sie tun, auch zu sich selbst befreit, und ihre Persönlichkeit ist ohne Realitätsverlust und ohne Lüge.
Ein Lehrer, der diese Zusammenhänge erkennt, kann durch die Entschleierung der Realität und durch die Aufdeckung der Lüge sich selbst wieder im Mittelpunkt seines Lebens sehen, auch seines Lebens in der Schule. Er ist zunächst nicht für die Kinder da - er ist zuallererst für sich selbst da, verantwortlich für das großgewordene Kind, das er ist. Und er kümmert sich vor allem um dieses Kind: um sich selbst. Mithin ist er das 31. Kind in der Klasse, und bevor er sich den 30 anderen zuwendet, sorgt er für sich. Zum Beispiel dafür, dass es keine Grenzüberschreitung gibt, und zwar ihm gegenüber. Wenn Worte und Erklärungen nicht reichen, wenn Bitten und Ermahnungen nicht helfen, greift er energisch zu den Abscheulichkeiten, die die Schule zu seinem Schutz aufbietet: Lärm - wird im Keim erstickt. Keine Hausaufgaben - die Daumenschrauben werden angelegt. Ungehörigkeiten - es geht den Strafkatalog rauf und runter. Er setzt dann Autorität für sich ein, nicht aber gegen die Kinder. Und genau das nimmt seiner Aktion das Gift und macht sie erfolgreich.
Dieser Lehrer setzt sich für sich ein und dafür, dass er an seinem Arbeitsplatz zurechtkommt. Auch dadurch, dass er die Kollegen nicht durch zu viele Zugeständnisse an die Kinder gegen sich aufbringt.
Er behält die Übersicht. Er weiß, wo er gelandet ist, und seine befreite Sicht berwirkt nicht einen neuen Realitätsverlust: Er ist in einer Schule, nirgendwo sonst. Er wahrt die Balance zwischen den unzweifelhaft berechtigten Wünschen der Kinder, als vollwertige Menschen behandelt zu werden, einerseits, und den alltäglichen Anforderungen der heutigen Schule und seiner konkreten Arbeitssituation andererseits. Dieser Lehrer ist realistisch, aufgeklärt und so einfühlsam und hilfreich, wie er sich das in Abschätzung aller Möglichkeiten leisten kann. Er transportiert Humanität und Freundlichkeit offen oder auch auf Schleichwegen ins Klassenzimmer, so wie es kommt, flexibel, ohne sich unter Druck zu setzen, ohne Stress. Seine Klarheit befrei ihn auch hier.
Ein solcher Lehrer weiß auch, dass er die Schule jederzeit verlassen kann. Wenn er jedoch bleibt, hält er sie aus, und auch das, was er dort tut. Und warum sollte er die Schule auch verlassen? "Wenn Du gehst, kommt Herr Meier an Deiner Stelle, das wollen wir nicht": Das Votum der Kinder ist eindeutig. Und bei allem Leid, das von ihm kommt, fühlen sie sich doch von ihm gestützt und geachtet. Die Botschaft, die von diesem Lehrer ausgeht, ist eine machtvolle, in Untergrund und im Herzen wirkende Strömung: "Ich bin ein vollwertiger Mensch von Anfang an - so wie Ihr auch. Ich glaube an mich - so wie auch Ihr an Euch glauben könnt. Ich liebe mich so wie ich bin - so wie auch Ihr Euch lieben könnt, wie immer Ihr seid."
Mittwoch, 2. November 2016
Mit welchem Recht, Teil II
Ich setze meine Überlegungen zum Thema Schule fort. Im letzten Post ging es um Gedankenfreiheit, Gleichwertigkeit, Meinungsfreiheit. Heute geht es um Freizügigkeit, körperliche Unversehrtheit, Beurteilungs- zwang, Traumatisierung. Ich wiederhole, dass ich sehr wohl sehe, was die Schule und die Lehrer und Lehrerinnen an Hilfreichem für die Kinder leisten. Aber mir geht es um etwas sehr Grundsätzliches, um den inhumanen Subtext der Schule. Ich wünsche mir die Rehumanisierung der Kindheit und ein neues Kapitel bei der Vermittlung unseres Wissens. Doch wie soll Neues gelingen, wenn zunächst nicht erkannt wird, was geschieht? Schauen Sie mit mir hin, lassen Sie sich von der tiefgängigen Redewendung "Mit welchem Recht?" treffen und inspirieren.
Lieber Lehrer, liebe Lehrerin:
Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht mißachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmißhandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnng "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?
Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnngen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?
"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"
Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Mißhandlung?
Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?
Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?
Fortsetzung folgt.
Lieber Lehrer, liebe Lehrerin:
Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht mißachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmißhandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnng "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?
Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnngen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?
"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"
Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Mißhandlung?
Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?
Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?
Fortsetzung folgt.
Montag, 31. Oktober 2016
Mit welchem Recht, Teil I
Ich habe eigene Erfahrungen mit dem Lehrersein. Ich habe beide Staatsexamen für das Lehramt abgelegt und Mathematik, Biologie, Physik und Technik in den Klassen 5 bis 10 unterrichtet. Die Schüler wählten mich zum Vertauenslehrer. Ich übersehe nicht das große Engagement der allermeisten Lehrer und ihre vielfältige Hilfe und Unterstützung für die ihnen anvertrauten Kinder. Ich habe vor diesen Leistungen ehrlichen Respekt. Aber ich will hier sehr grundsätzliche Fragen zum Thema Schule aufwerfen und werde sie in vielen
Nuancen, mit großer Entschiedenheit und ungeschminkt vortragen. Dabei kann ich akzeptieren, wenn man meine Gedanken als provozierend und absurd zurückweisen sollte. Doch ich setze niemanden herab, auch keinen Lehrer und keine Lehrerin. Ich erhoffe mir Betroffenheit und Nachdenklichkeit.
"Lieber Lehrer, liebe Lehrerin: mit welchem Recht..."
Mit welchem Recht legen Sie fest, was ein anderer Mensch zu denken und was er nicht zu denken hat? "Schlag Dein Buch auf, lies den zweiten Absatz von oben!", "Wiederhole, was ich gerade gesagt habe!", "Gib den Text mit eigenen Worten wieder!", "Wieviel ist sieben mal acht?", "Wo fließt der Amazonas?", "Wann, warum, womit, weshalb, wodurch, weswegen, wohin, wie lange, wozu, wie oft, wie gut, wie schnell, mit wem, mit wem nicht, mit welchem Recht, ...?" Mit welchem Recht setzen Sie sich grandios über das Recht eines anderen Menschen hinweg, zu denken, was er will? Warum mißachten Sie das Menschenrecht auf Gedankenfreiheit? Permanent, ohne auch nur irgendeinen Impuls des Innehaltens, des Ahnens, dass da etwas Ungeheuerliches passiert? Mit welchem Recht greifen Sie so ohne jeden Skrupel in die innere Souveränität eines anderen Menschen ein? Mit welchem Recht zelebrieren Sie in geradezu religiösem Fanatismus diesen kulturellen Imperialismus? Mit welchem Recht behandeln Sie die Kinder wie die Nigger, denen der Missionar die Religion und Zivilisation beizubringen hat? Warum haben Sie wie die kommunistische Partei immer Recht? Was treibt Sie in diesen unreflektierten Chauvinismus, in diesen überbordenden Adultisms?
Was hindert Sie eigentlich, in Kindern Menschen zu sehen, die ihre eigenen Gedanken und ihre eigene innere Welt haben, mit denen man von Gleich zu Gleich in Austausch treten kann? Was treibt Sie in den "pädagogischen Bezug", der Ihnen die Führungs- und Formungsrolle gibt, wie progressiv sich das heute auch ausnimmt? Wozu ist es gut, dass Sie selbst nach und nach versteinern, weil Sie immer dieselben Fragen stellen und ohne wirklichen geistigen Austausch leben - den Sie verfehlen, wenn Sie Kinder nicht als vollwertige Menschen mit einer eigenen souveränen innern Welt sehen, sondern als Behälter, die mit Ihrem Wissen und Ihrer Kultur gefüllt werden müssen? Warum sind Ihre Augen verschlossen vor dem Leid, das Sie diesen Menshen psychisch, intellektuell und spirituell zufügen? Und vor dem Leid, das Sie sich durch die dadurch bedingte Isolation selbst zufügen?
Warum verschließen Sie sich dem kulturellen Paradigmawechsel von Oben-Unten hin zur Gleichwertigkeit und zur Achtung vor der Identität des anderen? Wie er längst gelungen ist in den Lebensbereichen Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Mensch-Natur, Kultur-Kultur, Religion-Religion und vielen anderen? Mit welchem Recht setzen Sie den historisch überholten Totalitarismus im Klassenzimmer fort? Mit welchem Recht verordnen Sie im Machbarkeitswahn gottgleicher Sendung anderen Menschen Ihre kulturelle und zivilisatorische Vorstellung vom Menschen?
Mit welchem Recht verstoßen Sie gegen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit? Warum können die Kinder nicht sagen, was sie wollen und wann sie es wollen? Was heißt "Ihr seid zu laut!", "Du bist nicht dran!", "Rede vernünftig!", "Das paßt nicht hierher!" eigentlich? Mit welchem Recht maßen Sie sich an, anderen Menschen über den Mund zu fahren? Warum machen Sie die Kinder mit Ihrem "Ruhe jetzt!" zu Duckmäusern? Mit welchem Recht sind nur Ihre Gedanken und Ihre Worte verbindlich, und warum haben die Kinder keine wirkliche Möglichkeit zum Widerspruch, zum Vortragen eigener Meinungen, zur Vertretung ihrer Interessen? Mit welchem Recht hängt alles grundsätzlich und im Detail immer wieder von Ihrem Wohlwollen ab, wie in der Leibeigenschaft? Mit welchem Recht üben Sie im Klassenzimmer Diktatur aus und mißachten die Grundwerte der Demokratie? Mit welchem Recht gilt für Sie nicht "Die Würde des Menschen ist unantastbar"? Mit welchem Recht tasten Sie die Würde der Kinder an, denken und sagen zu können, was sie selbst denken und sagen wollen?
Fortsetzung folgt.
"Lieber Lehrer, liebe Lehrerin: mit welchem Recht..."
Mit welchem Recht legen Sie fest, was ein anderer Mensch zu denken und was er nicht zu denken hat? "Schlag Dein Buch auf, lies den zweiten Absatz von oben!", "Wiederhole, was ich gerade gesagt habe!", "Gib den Text mit eigenen Worten wieder!", "Wieviel ist sieben mal acht?", "Wo fließt der Amazonas?", "Wann, warum, womit, weshalb, wodurch, weswegen, wohin, wie lange, wozu, wie oft, wie gut, wie schnell, mit wem, mit wem nicht, mit welchem Recht, ...?" Mit welchem Recht setzen Sie sich grandios über das Recht eines anderen Menschen hinweg, zu denken, was er will? Warum mißachten Sie das Menschenrecht auf Gedankenfreiheit? Permanent, ohne auch nur irgendeinen Impuls des Innehaltens, des Ahnens, dass da etwas Ungeheuerliches passiert? Mit welchem Recht greifen Sie so ohne jeden Skrupel in die innere Souveränität eines anderen Menschen ein? Mit welchem Recht zelebrieren Sie in geradezu religiösem Fanatismus diesen kulturellen Imperialismus? Mit welchem Recht behandeln Sie die Kinder wie die Nigger, denen der Missionar die Religion und Zivilisation beizubringen hat? Warum haben Sie wie die kommunistische Partei immer Recht? Was treibt Sie in diesen unreflektierten Chauvinismus, in diesen überbordenden Adultisms?
Was hindert Sie eigentlich, in Kindern Menschen zu sehen, die ihre eigenen Gedanken und ihre eigene innere Welt haben, mit denen man von Gleich zu Gleich in Austausch treten kann? Was treibt Sie in den "pädagogischen Bezug", der Ihnen die Führungs- und Formungsrolle gibt, wie progressiv sich das heute auch ausnimmt? Wozu ist es gut, dass Sie selbst nach und nach versteinern, weil Sie immer dieselben Fragen stellen und ohne wirklichen geistigen Austausch leben - den Sie verfehlen, wenn Sie Kinder nicht als vollwertige Menschen mit einer eigenen souveränen innern Welt sehen, sondern als Behälter, die mit Ihrem Wissen und Ihrer Kultur gefüllt werden müssen? Warum sind Ihre Augen verschlossen vor dem Leid, das Sie diesen Menshen psychisch, intellektuell und spirituell zufügen? Und vor dem Leid, das Sie sich durch die dadurch bedingte Isolation selbst zufügen?
Warum verschließen Sie sich dem kulturellen Paradigmawechsel von Oben-Unten hin zur Gleichwertigkeit und zur Achtung vor der Identität des anderen? Wie er längst gelungen ist in den Lebensbereichen Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Mensch-Natur, Kultur-Kultur, Religion-Religion und vielen anderen? Mit welchem Recht setzen Sie den historisch überholten Totalitarismus im Klassenzimmer fort? Mit welchem Recht verordnen Sie im Machbarkeitswahn gottgleicher Sendung anderen Menschen Ihre kulturelle und zivilisatorische Vorstellung vom Menschen?
Mit welchem Recht verstoßen Sie gegen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit? Warum können die Kinder nicht sagen, was sie wollen und wann sie es wollen? Was heißt "Ihr seid zu laut!", "Du bist nicht dran!", "Rede vernünftig!", "Das paßt nicht hierher!" eigentlich? Mit welchem Recht maßen Sie sich an, anderen Menschen über den Mund zu fahren? Warum machen Sie die Kinder mit Ihrem "Ruhe jetzt!" zu Duckmäusern? Mit welchem Recht sind nur Ihre Gedanken und Ihre Worte verbindlich, und warum haben die Kinder keine wirkliche Möglichkeit zum Widerspruch, zum Vortragen eigener Meinungen, zur Vertretung ihrer Interessen? Mit welchem Recht hängt alles grundsätzlich und im Detail immer wieder von Ihrem Wohlwollen ab, wie in der Leibeigenschaft? Mit welchem Recht üben Sie im Klassenzimmer Diktatur aus und mißachten die Grundwerte der Demokratie? Mit welchem Recht gilt für Sie nicht "Die Würde des Menschen ist unantastbar"? Mit welchem Recht tasten Sie die Würde der Kinder an, denken und sagen zu können, was sie selbst denken und sagen wollen?
Fortsetzung folgt.
Samstag, 29. Oktober 2016
Die süßen Gläser unseres Herzens
"Die süßen Glaser unseres Herzens" ist die Fortsetzung meines Posts vom 22.10. "Honig, pures Glück"
„Hast
Du genascht?“ Das Honigglas steht auf dem Tisch vor mir, es ist
offen, der Deckel liegt auf dem Tisch. Der Finger, der eben noch süß
im Mund war, ist blitzschnell verborgen in der anderen Hand. Ich bin
gelähmt, erstarrt. Die Sonne, das Licht, die Bienen, der Garten
draußen mit all den Blumen und den Düften, die klangvolle
Sommerwelt: aus. Eine dunkle Wolke dringt von der Stimme hinter mir
in die Küche.
***
***
Wenn
wir unsre Geheimnisse, unsere Heiligkeiten, unseren Honig und unsere
Rosenwelten leben – wie wird das Echo sein, das da kommt, kommen
kann, kommen könnte? Gibt es dunklen Donner oder lichtes Mitsein?
Was gebe ich von mir preis, was vertraue ich an: den Menschen um mich herum? Erzähle ich von meiner Liebe? Von meinen geheimen Entschlüssen? Von meinen erkundenden Gedanken? Von meinen aufsteigenden Melodien? Von meinem Naschen am Lebensglück?
„Teil
mit mir meinen Frieden.“ So voll ist mein Herz. So viel Freude und
Glück ist in mir. „Willst du auch“ - teilhaben an dem, was mir
geschenkt wird? In Deinen Augen sehe ich den Glanz meiner Augen. Und
Du spürst, wie süß der Honig ist.
Wir
haben früh gelernt, wie das mit dem Anvertrauen der Honigwelten ist.
Wir gehen vorsichtig durch die Welt und durchs Leben. Wir wissen, wen
wir mitnehmen können. Und vor wem wir auf der Hut sein sollten. Und
oft folgen wir lieber dem Mißtrauenspfad, als dass wir uns den Honig
verbittern und die Rosenwelt verwüsten lassen. Und verstecken die
süßen Gläser unseres Herzens. Doch ab und zu geschieht auch das
Wunder, dass der andere nicht dunkel ist, sondern hell und liebevoll,
und ich kann davon erzählen, wie viel Glück und Licht in mir ist.
Ein
jeder kennt da sein eigenes Maß, und wo der eine ganz vorsichtig
ist, ist der andere robust. Was erzählen Kinder noch ihren Eltern,
was erzählen sich noch die Partner? Wie gefährlich ist das
Mich-Zeigen ? Für meinen Frieden? Wo der eine ganz ins Versteck
geflohen ist, hat der andere ein überströmendes Herz und gerät
immer wieder in Gefahr.
Vielleicht
können wir ab und zu innehalten, wenn wir die Kinder beim
Honigschlecken überraschen, und uns zurückziehen, die Küchentür
leise schließen, überwältigt von ihrem Glück in Resonanz geraten.
Vielleicht
können wir Rosen schenken, wenn wir ein süßes Seelengeheimnis aus
der Erwachsenenwelt mitbekommen. Zeuge werden ohne Dunkelwolken zu
verbreiten, so angebracht sie auch sein mögen. Die Dunkeltür leise
schließen, überwältigt vom Glück des anderen in Resonanz geraten
Die
Achtsamkeit im Zusammensein mit den anderen und ihren Heiligkeiten,
mit den Kindern oder mit dem Partner, will immer wieder neu bedacht
werden. Es ist ein so weites Feld.
Freitag, 28. Oktober 2016
Rote Karte
Wer beim Fußballspielen gegen die Regeln verstößt, bekommt schließlich die Rote Karte. Die Rote Karte hat etwas mit Grenzen, Regeln, Strafe, Unterordnung, Einsicht, Sinn, Würde, Achtung zu tun. Ein weites Feld! Was läßt sich vom Fußballspielen und der Roten Karte auf das Zusammensein mit Kindern übertragen?
Wer stellt die Regeln für die Kinder auf? Wir Erwachsene. Was sind das für Regeln? Sie sind das Ergebnis unserer Erfahrung, unseres Wissens, unserer Ängste, unseres Muts, unserer großen und kleinen Befindlichkeiten. Die Regeln, die wir den Kindern vorsetzen, sind immer unsere Regeln. Sie sind wichtig, damit wir im Zusammensein mit den Kindern nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Sie schützen uns. Und viele Regeln schützen auch unsere Kinder. Vor Folgen, die sie nicht überblicken. Vor Folgen, die ihnen selbst oder anderen schaden können. Wie wir meinen. Wir Erwachsene bestimmen die Regeln.
Die Kinder kennen die jeweiligen Regeln. Bei Mutter so, bei Vater so, bei Oma so, bei Lehrer Müller so. Viele sind gleich, viele sind anders. Sei's drum: die Kinder wissen Bescheid.
Wenn sich mein Kind nicht an meine Regeln hält, was dann? Ich möchte meinen Regelfrieden wiederherstellen. Meine Regel hat etwas mit meiner Grenze zu tun. Mein Schild: "Bis hierher und nicht weiter" wurde nicht beachtet. Wenn mir das zuviel ist, muss ich etwas gegen diese Grenzverletzung tun. Wenn ich nichts tue, wird sich mein Kind in einem Bezirk aufhalten, wo es - für mich, meine Weltsicht, Identität - nichts zu suchen hat. Ich werde diese Grenzverletzung heilen, damit ich daran nicht krank werde. Meine Regel wurde verletzt, aber sie soll weiterhin gelten. Eine Regelverletzung läßt sich rückgängig machen. Wirklich? Besser: Sie läßt sich heilen. Aber wie?
Im Fußball durch die Rote Karte. Auszeit. Im Alltag mit Kindern durch - durch was? Was sind unsere Roten Karten für die Kinder, wenn sie unsere Regeln verletzen?
Ein Kind wirft mit Steinchen, ärgert den Bruder, bleibt nicht an der Kreuzung stehen, ach, tausend Situationen. Die Kinder tun nicht, was sie sollen. Regelverstoß - Rote Karte. Nur: Welche Karte funktioniert wirklich? Was ist die Zauberkarte? Ich weiß das natürlich auch nicht. Jeder hat da seine eigenen Erfahrungen, und es ist auch bei allen Roten Karten so, dass sie etwas aus der jeweiligen Beziehung zwischen mir und meinem Kind sind. Und was in der einen Familie funktioniert, ist in der anderen völlig unangemessen.
Ich weiß aber, was alle Karten verdirbt, was nur noch mehr Unfrieden schafft. Es ist das freundliche oder ärgerliche "Ich habe recht" und das gutgemeinte oder missionarische "Sieh das ein". Ganz zu schweigen von dem unakzeptablen "Du bist böse/schlecht/unverschämt/dämlich ..." Es ist die Haltung, der Bessere zu sein, und die Kinder hätten aber doch dies und das bittesehr zu tun. Rote Karten mit gutgemeinter oder nicht gutgemeinter Herabsetzung sind etwas anderes als Rote Karten ohne Herabsetzung. Wenn schon Rote Karten, dann mit Respekt und Achtung. Wie beim Fußball.
Die Rote Karte wird das Verhalten der Kinder beim nächsten Mal kaum ändern können. Nicht die Rote Karte! Die Rote Karte ist etwas für jetzt, für die Heilung der Verletzung. Für das Wiederherstellen meines Regelwerks und meiner benötigten Achtung. Anders beim nächsten Mal wird es erst, wenn die Kinder das selbst wollen. Sie kennen alle Zusammenhänge, die Regeln sind bekannt. Auch die Roten Karten, die im Fall des Falles ins Haus stehen. Doch wie sie damit, mit meinen Regeln umgehen? Steinchenwerfen ist doch super! Wozu sind Steinchen denn da? Das Auge, das in Gefahr ist: Das wird erst dann geschützt, wenn die Idee von Schützen und Achten in der gesamten Beziehung lebt.
Es kann aber auch etwas anderes gelingen: Die Stoppschilder der Kinder sehen und - beachten. Es gibt gute und ungute Varianten, erkennbar am Ton, ablesbar im Gesicht. "Nein", "Will nicht", "Laß mich", "Mama!", "Papa!" Und immer haben wir die Möglichkeit, zu verstehen, ihre Grenzen zu sehen und zu achten. Die Kinder zeigen ihre Stoppschilder, unmißverständlich eigentlich. Man kann um diese Dinge wissen und, ohne Streß, daran denken und vielleicht, ohne Streß, ab und zu oder auch öfter mal halt machen. Sich selbst die Rote Karte verpassen, augenzwinkernd, aber wirksam.
Wer stellt die Regeln für die Kinder auf? Wir Erwachsene. Was sind das für Regeln? Sie sind das Ergebnis unserer Erfahrung, unseres Wissens, unserer Ängste, unseres Muts, unserer großen und kleinen Befindlichkeiten. Die Regeln, die wir den Kindern vorsetzen, sind immer unsere Regeln. Sie sind wichtig, damit wir im Zusammensein mit den Kindern nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Sie schützen uns. Und viele Regeln schützen auch unsere Kinder. Vor Folgen, die sie nicht überblicken. Vor Folgen, die ihnen selbst oder anderen schaden können. Wie wir meinen. Wir Erwachsene bestimmen die Regeln.
Die Kinder kennen die jeweiligen Regeln. Bei Mutter so, bei Vater so, bei Oma so, bei Lehrer Müller so. Viele sind gleich, viele sind anders. Sei's drum: die Kinder wissen Bescheid.
Wenn sich mein Kind nicht an meine Regeln hält, was dann? Ich möchte meinen Regelfrieden wiederherstellen. Meine Regel hat etwas mit meiner Grenze zu tun. Mein Schild: "Bis hierher und nicht weiter" wurde nicht beachtet. Wenn mir das zuviel ist, muss ich etwas gegen diese Grenzverletzung tun. Wenn ich nichts tue, wird sich mein Kind in einem Bezirk aufhalten, wo es - für mich, meine Weltsicht, Identität - nichts zu suchen hat. Ich werde diese Grenzverletzung heilen, damit ich daran nicht krank werde. Meine Regel wurde verletzt, aber sie soll weiterhin gelten. Eine Regelverletzung läßt sich rückgängig machen. Wirklich? Besser: Sie läßt sich heilen. Aber wie?
Im Fußball durch die Rote Karte. Auszeit. Im Alltag mit Kindern durch - durch was? Was sind unsere Roten Karten für die Kinder, wenn sie unsere Regeln verletzen?
Ein Kind wirft mit Steinchen, ärgert den Bruder, bleibt nicht an der Kreuzung stehen, ach, tausend Situationen. Die Kinder tun nicht, was sie sollen. Regelverstoß - Rote Karte. Nur: Welche Karte funktioniert wirklich? Was ist die Zauberkarte? Ich weiß das natürlich auch nicht. Jeder hat da seine eigenen Erfahrungen, und es ist auch bei allen Roten Karten so, dass sie etwas aus der jeweiligen Beziehung zwischen mir und meinem Kind sind. Und was in der einen Familie funktioniert, ist in der anderen völlig unangemessen.
Ich weiß aber, was alle Karten verdirbt, was nur noch mehr Unfrieden schafft. Es ist das freundliche oder ärgerliche "Ich habe recht" und das gutgemeinte oder missionarische "Sieh das ein". Ganz zu schweigen von dem unakzeptablen "Du bist böse/schlecht/unverschämt/dämlich ..." Es ist die Haltung, der Bessere zu sein, und die Kinder hätten aber doch dies und das bittesehr zu tun. Rote Karten mit gutgemeinter oder nicht gutgemeinter Herabsetzung sind etwas anderes als Rote Karten ohne Herabsetzung. Wenn schon Rote Karten, dann mit Respekt und Achtung. Wie beim Fußball.
Die Rote Karte wird das Verhalten der Kinder beim nächsten Mal kaum ändern können. Nicht die Rote Karte! Die Rote Karte ist etwas für jetzt, für die Heilung der Verletzung. Für das Wiederherstellen meines Regelwerks und meiner benötigten Achtung. Anders beim nächsten Mal wird es erst, wenn die Kinder das selbst wollen. Sie kennen alle Zusammenhänge, die Regeln sind bekannt. Auch die Roten Karten, die im Fall des Falles ins Haus stehen. Doch wie sie damit, mit meinen Regeln umgehen? Steinchenwerfen ist doch super! Wozu sind Steinchen denn da? Das Auge, das in Gefahr ist: Das wird erst dann geschützt, wenn die Idee von Schützen und Achten in der gesamten Beziehung lebt.
Es kann aber auch etwas anderes gelingen: Die Stoppschilder der Kinder sehen und - beachten. Es gibt gute und ungute Varianten, erkennbar am Ton, ablesbar im Gesicht. "Nein", "Will nicht", "Laß mich", "Mama!", "Papa!" Und immer haben wir die Möglichkeit, zu verstehen, ihre Grenzen zu sehen und zu achten. Die Kinder zeigen ihre Stoppschilder, unmißverständlich eigentlich. Man kann um diese Dinge wissen und, ohne Streß, daran denken und vielleicht, ohne Streß, ab und zu oder auch öfter mal halt machen. Sich selbst die Rote Karte verpassen, augenzwinkernd, aber wirksam.
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