Donnerstag, 21. September 2017

Wahlrecht für Kinder III: Die Entwicklung



 

 

 

 

 

 

 

 






Fortsetzung vom 19.9.


Über das eigene Schicksal selbst zu bestimmen – dies ist ein uraltes Menschenrecht. Es gilt für den einzelnen und es gilt für die Gesellschaft. Das politische Selbstbestimmungsrecht einer Gemeinschaft bis hin zum Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde in der Geschichte immer wieder gefordert, realisiert, missachtet, zurückerobert. Die Menschheit hat von der Antike bis heute ein wechselvolles Hin und Her von Selbstbestimmung und Unterdrückung erlebt.

Demokratie im alten Griechenland. Republik im Römischen Reich. Am Ende des Mittelalters reichsfreie Städte und Republiken mit Bürgerrechten. 1265 das Parlament in England. 1619 die General Assembly von Virginia. 1787 die Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 1791 das Zensuswahlrecht für Bürger in der Französischen Revolution. 1848 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Männer in der Pariser Revolution. 1887 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Frauen im amerikanischen Staat Wyoming. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges Demokratien in Europa mit dem allgemeinen Wahlrecht für Männer und Frauen. 1949 und 1990 erneut Demokratie in Deutschland. – Dies ist die positive Tradition.

Dagegen stehen unzählige Monarchien, Aristokratien, Oligarchien, Theokratien, Despotien, Tyranneien und Diktaturen. Auf deutschem Boden wurde die letzte gerade erst beendet, die schrecklichste vor einem halben Jahrhundert.

Das politische Selbstbestimmungsrecht war immer ein Mittel, um die eigenen Vorstellungen von der Gestaltung der Verhältnisse ins Spiel zu bringen. Dabei kämpften die jeweiligen Interessengruppen für sich. Die Adeligen stritten mit dem König um ihre Rechte. In der Französischen Revolution ging es um das politische Recht privilegierter Bürger. In England wurde 1832 der Kreis der Wahlberechtigten auch auf die nicht ganz so Reichen erweitert. Die Arbeiterschaft der Pariser Revolution von 1848 trat erstmals für das Wahlrecht für jeden Mann ein. Doch bei allen unterschiedlichen Interessen – die Idee der politischen Selbstbestimmung aller setzte sich mehr und mehr durch. Als am Ende des 1. Weltkriegs die alten Herrschaftsstrukturen in Europa zusammenbrechen, wird in den neuen Verfassungen der Staaten das Wahlrecht für jeden Bürger festgeschrieben. Und, gänzlich neu, nach und nach auch für jede Bürgerin. So gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland 1918, in Österreich und den Niederlanden 1919, in den USA 1920, in Großbritannien 1928, in der Türkei 1934, in Frankreich 1946, in Belgien 1948, in Griechenland 1952 und in der Schweiz 1971 bzw. im Kanton Appenzell Innerrhoden endlich 1990.

Frauen und Politik – bezogen auf alle Frauen, nicht auf einzelne Regentinnen: Das passte nicht zusammen. Erst die Frauenbewegung, die vor 200 Jahren begann, brachte mit Unterstützung der Arbeiterbewegung den Gedanken der politischen Selbstbestimmung von Frauen zur Geltung und machte die Beteiligung aller Frauen an der politischen Macht in den modernen Demokratien möglich.

»Neger« und Selbstbestimmung – auch das war unvorstellbar. Erst durch ein neues Denken konnten die Weißen die Voll- und Gleichwertigkeit der Menschen schwarzer Hautfarbe erkennen. Nach der hieraus folgenden Abschaffung der Sklaverei in den USA im Jahr 1875 erhielten auch sie politische Rechte. Doch diese Rechte wurden erst 1960 mit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King so gestützt, dass den schwarzen Bürgern der USA daraus auch politische Macht und Selbstbestimmung erwachsen konnte.

Die Idee der Selbstbestimmung erhielt nach dem 2. Weltkrieg einen weiteren Aufschwung, als das Ende des Kolonialismus begann. Das bedeutet längst nicht überall Demokratie, aber doch den berechtigten Kampf darum, und unsere Sympathien und unsere Solidarität gelten diesen Völkern der Welt.

Wer in der Bundesrepublik Deutschland groß wurde, kennt nichts anderes als das Selbstbestimmungsrecht des Volkes, realisiert in den Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Die vergangenen Zeitalter sind keine Realität für diese Menschen, vielmehr sind Demokratie, allgemeines Wahlrecht und politische Selbstbestimmung für sie Selbstverständlichkeiten. Dennoch gilt, dass diese Grundrechte eben keine Selbstverständlichkeit sind, wenn man in die Geschichte sieht.


Fortsetzung folgt.

Dienstag, 19. September 2017

Wahlrecht für Kinder II: Die Begründung


 

 

 

 

 

 










Fortsetzung vom 16.9.


Mit dem Wahlrecht wird kein neues Recht gefordert, das die Erwachsenen den Kindern geben. Dieses Recht ist von niemandem zu geben. Es ist unabhängig von anderen längst da, es kommt jedem von Geburt an zu. Aber andere können die Ausübung dieses Rechts behindern. Und genau das geschieht durch das Grundgesetz mit Artikel 38 Absatz 2: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat.«

Das Wahlrecht steht als politisches Persönlichkeitsrecht, als Menschenrecht jedem zu. Wann dieses Recht zur Anwendung kommt, wann man zur Wahl geht – darüber entscheidet ein jeder selbst, zu seiner Zeit. Der eine will mit 8 Jahren zur Wahl gehen, der andere mit 30 oder mit 80 Jahren. Sicher gehen nicht alle Achtjährigen zur Wahl und auch nicht alle Dreißigjährigen und nicht alle Achtzigjährigen, aber sie haben das Recht hierzu und könnten, wenn sie wollten, und niemand darf sie daran hindern. Darum geht es. Nur darum.

Auch der Einwand, man solle, wenn überhaupt, das Wahlalter nicht gänzlich aufheben, sondern an ein bestimmtes unteres Mindestalter binden, etwa an das Schuleintrittsalter, verkennt den Kern des Wahlrechts in der Demokratie. Denn die Überlegungen, die zu einem bestimmten Wahlalter führen, sind für alle, die ausgeschlossen bleiben, weiterhin voller Diskriminierung. Vor allem aber wird übersehen, dass es sich beim Wahlrecht um ein absolutes Recht handelt, das jedem von Geburt an zukommt, und dass hiervon zu unterscheiden ist, wann und wie von diesem Recht Gebrauch gemacht werden kann und wird.

Es wird immer die verschiedensten Gründe geben, sein Wahlrecht nicht auszuüben, auch wenn es einem zusteht. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. Es gibt bei Erwachsenen keinerlei Diskriminierung, ein jeder hat das Wahlrecht, wie immer er auch daherkommt und was immer auch dazu führt, dass er es nicht ausüben kann oder nicht  ausüben will. Keinem unkundigen, bewusstlosen, dementen, volltrunkenen oder sonst wie wahlunfähigen Erwachsenen wird das Wahlrecht je abgesprochen. Warum also Kindern?

Warum sollte das Gesetz für junge Menschen anders sein als für erwachsene Menschen? Es ist gerecht, praktikabel und schließt jede Diskriminierung aus, wenn es keine Altersgrenze gibt, wenn das »Wahlalter Null« existiert und es jedem überlassen bleibt, zu welchem Zeitpunkt er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wird.

Wenn Säuglinge und Kleinkinder nicht zur Wahl gehen, ist das kein Grund zur Diffamierung der Forderung, die Wahlalterdiskriminierung abzuschaffen. Die Selbstverständlichkeit, dass Säuglinge und Kleinkinder sich wahrlich nicht mit politischen Dingen beschäftigen, muss nicht in den Perfektionismus münden, die »wirkliche« Altersgrenze für das Wahlrecht zu definieren. Niemandem schadet es, wenn die untere Altersgrenze nicht gezogen wird. Und ist es so schwer zu erkennen, dass es nicht darum geht, mit dem Wahlrecht für Kinder die Wirklichkeit abenteuerlich zu verbiegen, sondern nur darum, jedem ohne Einschränkung die politische Selbstbestimmung offen zu halten, wann immer er von diesem Menschenrecht Gebrauch machen will?


Fortsetzung folgt.

Samstag, 16. September 2017

Wahlrecht für Kinder I: Die Forderung




















Das Wahlrecht ist ein fundamentales Recht. Es ist nicht erforderlich, Kindern zunächst andere Rechte einzuräumen, bevor man ihnen das Wahlrecht zubilligt. Das Wahlrecht für Kinder ist aus dem Stand heraus realisierbar. Wurde in einer Revolution je gefragt, welche Rechte man erst haben muss, bevor man den König stürzt? Die umgekehrte Reihenfolge ist richtig: Wenn das Wahlrecht da ist, d.h. wenn die politische Macht gegeben ist, werden weitere Diskriminierungen fallen.


»Wenn Du jemandem gestattest,
Dir Dein Wahlrecht zu nehmen,
so bist Du kein freier Mensch,
sondern ein Sklave.

Selbst im Namen der höchsten
Ideale der Brüderlichkeit
oder anderer Werte
kann Dir niemand
das Recht nehmen,
zu wählen, zu entscheiden,
etwas zu schaffen.

Das heißt,
frei
diejenigen zu wählen,
die über Dein Schicksal
regieren werden.«



Europarat
Du bist ein Mensch – Botschaft an die Jugend Europas
1978

 ***

Das Grundgesetz ist zu ändern. In Artikel 38 Absatz 2 heißt es: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.«

Dieser Artikel soll geändert werden. Es wird definitiv festgestellt: »Wahlberechtigt und wählbar sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene; eine Einschränkung des Wahlrechts und der Wählbarkeit aufgrund des Alters gibt es nicht.«

Der Absatz 2 des Artikels 38 könnte auch ersatzlos gestrichen werden. Doch es ist sinnvoll, die Gleichberechtigung des jungen Mitbürgers unübersehbar und unzweideutig in das Grundgesetz einzufügen. An dieser Stelle und an anderen, wo es hingehört.

Demokratie ist nicht begrenzbar. Man kann nicht zu recht demokratische Rechte in Anspruch nehmen – als Mann, als Weißer, als Erwachsener – und sie dann anderen – Frauen, Schwarzen, Kindern – vorenthalten. Das ist der Kerngedanke, wie er in der demokratischen Tradition enthalten ist, und wie er auch im Grundgesetz stehen sollte.

Die Unfähigkeit zum Frieden hat ihre Wurzel auch in der Kindheitserfahrung, gegen die absolute Macht der Erwachsenen kein Recht setzen zu können, in einer Diktatur der Erwachsenen zu leben. Wenn erst mit achtzehn Jahren Demokratie erlebt wird, hat sich die Ohnmachtserfahrung der Rechtlosigkeit längst festgesetzt. Und dass sich Ohnmacht nicht mit Recht, sondern nur mit Gegenunterdrückung aufheben lässt. Die Forderung nach dem Wahlrecht und der Wählbarkeit für Kinder ist Verpflichtung jeder Demokratie der heutigen Zeit.


Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 14. September 2017

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Kinder erzogen werden müssen? II






















Fortsetzung vom 12.9.

Es beginnt mit einem Nachsinnen über das Bild vom Kind.
Woher wissen Erwachsene, was Kinder sind und sie sie mit
ihnen umgehen sollen? Wer kennt sich aus und wen kann
man fragen?

Als die Erwachsenen selbst Kinder waren, haben sie von
ihren Eltern gelernt, was es für ein Bild vom Kind gibt: das
Bild von einem jungen Menschen, der Erziehung braucht,
um ein richtiger Mensch zu werden.

Aber – und hier setzt das Nachsinnen ein – dies ist nur ein
Bild, eine Vorstellung, eine Vermutung, eine Hypothese.
Gewiss, diese Hypothese hat sich bewährt, alles läuft darauf
hinaus, dass Kinder Erziehungsmenschen sind und Erziehung
brauchen, und jeder verhält sich so. Aber Kinder tragen kein
Schild auf der Stirn mit der Aufschrift »Ich brauche Erziehung«.
Erwachsene sehen diese Aufschrift, aber sie ist nicht real da,
sondern nur im gewohnten Blick, in der gewohnten Interpreta-
tion vom Kind.

Und Interpretationen, Bilder vom Menschen, können sich als
überholt erweisen. Zum Beispiel die Sicht, dass jemand mit
schwarzer Haut ein nicht so richtiger und wertvoller Mensch
ist wie jemand mit weißer Haut und dass er sich zum Sklaven
eignet. Oder die Sicht, dass Männer die richtigeren und wert-
volleren Menschen sind, und dass man deswegen den Frauen
das Wahlrecht nicht zubilligen darf. Oder die Sicht, dass nur
der König die Staatsgeschäfte richtig führen kann, nicht das
Volk. Oder, oder, oder. Menschenbilder gibt es viele, doch stets
sind sie Hypothesen, Bilder – niemals jedoch bewiesene Tat-
sachen des Lebens.

Die pädagogische Sichtweise auf das Kind ist auch nichts anderes
als eine solche anthropologische Hypothese.

Sie ist nicht wirklich zu beweisen, aber sehr wohl als Grundlage
für den Umgang mit Kindern geeignet und bewährt.

Bis eine neue anthropologische Hypothese auftritt und das alte
Bild und die vertraute Basis in Frage stellt. Bis jemand kommt,
der die pädagogische Sicht vom Kind nicht mehr akzeptiert und
einen nicht pädagogischen Weg zu den Kindern sucht. Und findet.
Und entsprechend seiner neuen Hypothese zu leben beginnt. Und
nicht scheitert, sondern Erfolg hat. Und genau solche Menschen
gibt es heutzutage.

Diese Menschen kommen aus der konstruktiven Postmoderne, in
der die Gleichwertigkeit aller Phänomene als Grundlage erkannt
wird. Niemals steht etwas wirklich über dem anderen, Weiße nicht
über Schwarzen, Männer nicht über Frauen, Regierende nicht über
Regierten, Menschen nicht über der Natur, Philosophien nicht über
Philosophien, Religionen nicht über Religionen, Kulturen nicht über
Kulturen. Und auch nicht Erwachsene über Kindern.

Wenn das Paradigma der Gleichwertigkeit ernst genommen und zur
Grundlage gemacht wird, dann gibt es den Unterschied von einem
vollwertigen Menschen (dem Erwachsenen) und einem noch nicht
vollwertigen Menschen (dem Kind) nicht mehr – sondern es wird
gesehen, dass beide auf einer gleichen Plattform stehen, der Platt-
form des vollwertigen Menschen. 

Und dann hat eine missionarische Haltung, wie sie jeglicher Erzie-
hung zugrunde liegt, keinen Platz mehr. Dann werden Kinder nicht 
mehr erzogen, dann lebt etwas anderes als Erziehung zwischen 
Erwachsenen und Kindern: personale Beziehungen, wie bei allen 
anderen Menschen auch.




Dienstag, 12. September 2017

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Kinder erzogen werden müssen? I






















Die Kinder sind da, die Erwachsenen sind da, die Gesellschaft
ist da, voller Werte, Orientierungen, Grenzen, Herausforderun-
gen. Es ist alles bereitet und bereit, wenn ein Kind geboren wird.
Das Abenteuer Leben kann beginnen. Eltern lieben ihre Kinder,
sind Ressource und Trost, Unterstützung und Stützpunkt,  wozu
um alles in der Welt braucht es da noch Erziehung?

Nun, Erziehung ist eben mehr als das Selbstverständliche.
Erziehung ist etwas Besonderes. Erziehung ist die Aufgabe
und der Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Kinder gelingen.
Dass sie richtige, vollwertige Menschen werden. Erziehung
ist Sendung, eine kulturelle und zivilisatorische Mission: aus
Kindern Menschen zu machen; sie zu bilden, formen, lenken,
ihnen die richtigen Werte mitzugeben und sie an ein Verhalten
zu gewöhnen, das sie überlebenstüchtig macht.

Erziehung ist unverzichtbar, ohne Erziehung gibt es Chaos und
Unglück. Es braucht heutzutage mehr und vor allem bessere
Erziehung, bessere Methoden, bessere Bücher, bessere Seminare.

Sind daran Zweifel erlaubt?

Jeder weiß, was passiert, wenn zu wenig erzogen wird ... wenn
überhaupt nicht mehr erzogen wird – so etwas ist außerhalb des
Vorstellbaren.

Wer sollte auch ernsthaft auf die Idee kommen, mit der Erziehung
aufzuhören? Dieser Gedanke ist abwegig und ein schlechter Witz.
Gegen diesen Gedanken stehen nicht nur die pädagogische Wissen-
schaft, die zigtausend Erziehungsbücher, das Engagement der un-
zähligen pädagogischen Professionellen, sondern auch die Lebens-
erfahrung und der Blick in die Geschichte.

Aber genau dieser Gedanke soll hier gedacht werden.

Nein, nicht der Gedanke vom Ende der Erziehung, der ins Chaos
führt. Sondern ein anderer Gedanke vom Ende der Erziehung:
ein Gedanke, der einen neuartigen und konstruktiven Weg für
Erwachsene und Kinder öffnet.

Fortsetzung folgt.

Freitag, 14. Juli 2017

Ja zu mir - Ja zu Dir




















Blog - Sommerpause


Ich fahre mit den Kinder in die Sommerferien. Erst zu unserem
traditionellen  Freundschaft mit Kindern - Sommercamp, dann
nach Frankreich ans Meer. Mit dem Blog will ich eine Sommer-
pause machen, ich komme nicht zu regelmäßigem Posten. Mal
sehen, vielleicht klappt es ja doch ab und zu. Ende August bin
ich dann wieder dabei und es gibt neue Posts

Ich habe überlegt, welchen Post ich jetzt als letzten vor der
Sommerpause einstelle. Der letzte Post wird ja erst einmal
aufgerufen, wenn in diesen Wochen jemand auf meinen Blog
schaut. Da soll es schon ein besonderer Post sein. Beim Kra-
men in meiner Schatzkiste bin ich dann bei der Partnerschaft
hängengeblieben. Das ist ein großes Thema und auch voller
Substanz.

Ich sage Tschüs, habt eine gute Sommerzeit! Euer Hubertus




Ja zu mir - Ja zu Dir

»Ich bin für Dich, Dein Glück und Dein Leid verantwortlich,
und Du bist es für mich.«

Eine Frau kommt nachts nicht nach Hause, sie war bei einem
anderen Mann. Ihr Partner ist verletzt und es geht ihm nicht
gut. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie für seinen Schmerz
verantwortlich ist. Denn wenn sie nicht zu einem anderen
Mann gegangen wäre, würde es ihm nicht so schlecht gehen.
Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat ein schlechtes Gefühl und
ein schlechtes Gewissen. Schuldgefühl. Schuldzuweisung. Die
Stunde danach ist hässlich.

Aber es geht auch anders.

In der Nachbarwohnung wohnt ein anderes  Paar. Auch sie
kommt eines nachts nicht nach Hause, auch ihm geht es
schlecht. Kein Unterschied zum Paar nebenan. Doch am
nächsten Morgen ist der Unterschied groß: Denn sie ist in
keiner Weise für seinen Schmerz verantwortlich - dies ist er
selbst. Er ist selbstverantwortlich. Von Geburt an. Auch für
seine Reaktionen. Auch in dieser Situation. Auch für seinen
Schmerz. Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat kein schlechtes
Gefühl und kein schlechtes Gewissen. Kein Schuldgefühl.
Keine Schuldzuweisung. Die Stunde danach ist nicht hässlich.

»Ich liebe Dich, doch ich bin nicht für Dich verantwortlich.
Ich nehme Dir nichts von Deiner Verantwortung für Dich
fort« - dies gilt auch in der Partnerschaft. »Ich wünsche mir
Deine Liebe, aber nicht, dass Du mir meine Verantwortung
für mich absprichst«. Eine andere Basis der Partnerschaft.

Diese Partnerschaft ist ohne Schuldgefühl und ohne Schuld-
zuweisung. »Mein Schmerz ist meine Wahrnehmung, meine
Reaktion auf Dich, und für alle meine Reaktionen trage ich
selbst die Verantwortung, nicht Du.« Damit ist der Schmerz
nicht aus der Welt geschafft, es werden aber die Zuständig-
keiten zurechtgerückt. Gleichwertigkeit wird an die Stelle
von oben (im Recht sein) und unten (im Unrecht sein) gesetzt.

In der Nacht lässt sie ihre Blumen blühen. Und er reagiert
darauf mit Schmerz. Er könnte auch anders reagieren: ge-
lassen, unaufgeregt. Aber er fällt in den Schmerz. Dies ist
verständlich, aber dafür ist nicht sie verantwortlich. Das
weiß er, und er macht sie nicht für seinen Schmerz verant-
wortlich. Und sie? Sie lässt so viel Liebe und Wärme zu
Hause zurück, wie sie kann. Warum sollte sie kalt und teil-
nahmslos sein? Sie kümmern sich umeinander, denn der
andere ist Teil des eigenen Ichs.

Was passiert am Morgen danach? Sie kommt, weil sie wirk-
lich will. Sie ist nicht verstrickt in Abwehr gegen Schuld-
vorwürfe, da er nicht mit Schuldzuweisungen reagiert. Sie
ist offen für ihn, sie trägt die Energie der Nacht zu ihm, sie
steht ihm in seinem Schmerz bei. Sie reagiert mit Empathie,
nimmt ihn vielleicht in den Arm und tröstet ihn. Sie liebt ihn
- aber das hindert sie nicht, ihre Wege zu gehen, auch wenn
dies für ihn Schmerz bedeuten sollte.

Und er? Er liebt sie, und bei allem Schmerz über ihr Weg-
bleiben erfüllt es ihn doch mit Freude, vielleicht mit Stolz,
dass er diesen geliebten Menschen nicht behindert, trotz all
seiner Angst und Not. Seine Liebe trägt sie, und ihre Liebe
trägt ihn.

Doch wenn der Schmerz zu groß wird, trennen sich die Wege.
Das kann er ihr sagen, ohne den lieblosen Druck, sie mit seinem
Schmerz zum Bleiben zu bewegen. Wohl aber mit dem Wunsch
und der Hoffnung, dass sie bleibt. Er weiß, respektiert und ach-
tet, dass sie entscheidet, wie ihr Leben weitergehen wird. So
wie er das auch für sich erkannt hat. Sie kann seine angekündigte
Reaktion mit dem Abenteuer der Nacht abwägen - ohne sich un-
zulässig unter Druck gesetzt oder herabgesetzt zu fühlen. Wenn
sie geht, geht auch er. Wenn sie bleibt, bleibt auch er. Fortgehen
oder bleiben - beide Partner entscheiden sich, ein jeder in seiner
Verantwortung für sich selbst.

Der Schmerz des einen hindert den anderen nicht automatisch,
den eigenen Weg zu gehen. Doch selbstverständlich kann man
auch auf den angestrebten Weg verzichten, auch in der Partner-
schaft. Die Frau kann auch bleiben. Sie fragt sich: »Was will
ich wirklich, angesichts aller Umstände?« Und sie bleibt oder
sie geht.

Sie muss nicht gehen, sie muss nicht bleiben: sie will gehen
oder sie will bleiben. Und sie will zurückkommen. Weil sie
wirklich will, nicht aus Verantwortung.

Liebe und Verantwortung jedoch führen immer wieder zu
Verzicht und Verrat der Träume und Wünsche, eben »aus
Verantwortung«. Und wenn man doch seinen Träumen folgt,
dann mit dem schlechten Gewissen, sein Wort nicht zu
halten und seiner Verantwortung für den Partner nicht ge-
recht zu werden. Es kommen Schuldgefühl und Schuldzu-
weisung, Entschuldigung und Vergebung. Es existiert eine
Beziehung mit gut und böse, richtig und falsch, oben und
unten, ohne gleiche Wertigkeit der Partner.

Doch niemals steht einer über dem anderen, tut der eine das
Richtige, der andere das Falsche, ist der eine gut, der andere
böse - auch nicht in der Partnerschaft, auch nicht bei Leid
und Schmerz. Von gleich zu gleich gehen sie aufeinander zu
und miteinander um, auch wenn die Wege sich trennen, auch
wenn des einen Glück des anderen Schmerz ist.

Diesen Partnern ist Liebe fremd, die aus Verantwortung
füreinander kommt und immer wieder Nein zu sich selbst
sagen muss. Ihre Liebe zueinander kommt aus dem Ja zu
sich selbst und der Freude über den anderen.



Donnerstag, 13. Juli 2017

Smartphonkuscheln



















Ein alter Freund meldete sich gestern nach langer Zeit und
bat mich um Rat. Seine sechsjährige Tochter hängt mehr
und mehr am Smartphon. Er macht sich Sorgen, besonders,
nachdem er ein Video von Manfred Spitzer gesehen hat.


*

Lieber Josef,

meine Jüngsten sind inzwischen 15 und 17. Als sie 11 und
13 waren, begann das. Ich habe mich schwer geärgert, dass
der Apparat so viel Aufmerksamkeit zog. Dass das Erleben
der realen Welt von der virtuellen Kunstwelt irgendwelcher
Geldhaie so abgedrängt wurde. Sie bekamen Zeitlimits, erst
eine Stunde, dann zwei. Auf einer Ferien-Hinfahrt nach Polen
hingen sie dann 6 Stunden am Phon, ich habs überstanden.
Wohl war mir nicht, Spitzer und Co. Heute können sie in ei-
gener Regie machen. Ich habe nicht! bemerkt, dass sie irgend-
ein Problem im Umgang mit der realen Welt bekommen haben.
Wenn wir im Wald sind, sind wir im Wald. Auf der Fahrt dort-
hin hängen sie am Phon.

Ich sage jetzt: Ein Verbot stört ihre innere Ruhe, mit dem Biest
umzugehen. Wenn ich sie lasse und freundlich begleite, haben
sie bei all der Verhexung ja mich als Anker und jemand, der zu
ihnen hält, sie nicht ausmeckert, blöd findet, sich die Haare rauft,
Weltuntergang ruft. Sie können sich bei mir ganz entspannt (mit
meiner freundlichen Begleitenergie) diesem Kram/Irrsinn/Unsinn/
Verblödungsmaschinerie hingeben. Ich glaube, das ist das beste,
was ich beisteuern kann.

Erlebt (= erlöst von meiner Sorge, sie kommen zu Schaden) habe
ich diese Haltung bei einem Freund, hochdekorierter (Anti)Päd-
agogikprofessor in Polen. Wir waren zu Besuch, seine Tochter
(15) hing nur am Phon. Kam zum Abendessen, kurzes Hallo-Auf-
blicken von Phon zu den Gästen, drei Löffel Suppe mit Phon. Bis
dahin war ich not amused. Dann aber: sie kuschelte beim Phon-
spielen ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, der neben ihr saß,
spielte weiter mit dem Biest, er freute sich über sie, die ganze
Atmosphäre war entspannt, friedlich, wunderbar. Das hat mich
überzeugt, da war ich alle Sorgen los.

Wir haben dann darüber gefachsimpelt, klar, er und ich, wir
kennen alle Pro und Contras. Im Ohr habe ich: "Es ist ihre Welt,
die Welt dieser Generation, und wenn wir nicht mehr sind, sind
die Kinder noch da und leben so, wie das dann sein wird."  Ich
erinnerte mich an das Verdikt über Fix und Foxi und all diese
Heftchen in meiner Kindheit. Fazit: Lass Dein Mädel in Ruhe,
wenn Du es kannst, später, wenn wir hin sind, sehen wir uns
das dann mal von oben an, was draus geworden ist. Lieb sie
einfach, auch in diesem Phonwahn. Und Du kannst Dir, wenn
Du das schaffst, auch ihre Phonwelt erklären lassen. Mehr Wis-
sen in Phondingen hilft mir jedenfalls.


Lieber Josef, also entspann Dich, mach Dir keinen Stress, den
überlass Spitzer und Co. Nicht nachgeben, weil alle das machen.
Sondern etwas verwirrt aber mutig mit Deinem Kind einen neuen
unbekannten Weg gehen, sie nicht allein/im Stich lassen. "Papa
steht hinter mir" hat so viel! Und erfreu Dich an Deinem Kind
und geh Du in den Wald = reale Welt, wenn Dir danach ist. Ich
jogge jedenfalls jeden Tag, und beim Geocachen (sieh mal Geo-
caching.com "Was ist Geocaching?") sind die Kinder dann auch
mit draußen.

Liebe Grüße Hubertus








 

Montag, 10. Juli 2017

Kinderland: Tja, Rückwärtsgang!



















Aus meiner Kinderforschung.

Melanie (3) will Rad fahren. Sie hat ein Rad mit Stützrädern.
Ich soll sie schieben. Ich fasse an den Lenker und tu es. Wir
wandern so eine Dreiviertelstunde. Durch die Straßen bis
zum Feld. Sie kennt sich aus. Sie sagt mir, wo es langgehen
soll. Ich staune, dass sie so gut Bescheid weiß.

Ich mache eine Entdeckung: Sie will meine Schiebekraft,
nicht meine Führung. Ich soll nicht lenken beim Schieben.
Ich soll nur schieben. Immer wieder ertappe ich mich, dass
ich drauf und dran bin, beim Schieben auch zu lenken. Zehn
Zentimeter vor dem Gitter dreht sie den Lenker, und ich hatte
mich schon zum Stoppen bereitgemacht.

Einmal kriegt sie die Kurve nicht hin. Ich sah es kommen -
und habe es geschafft, nicht einzugreifen. Sie sieht mich an -
tja, Rückwärtsgang!

Sonntag, 9. Juli 2017

Schulwahrheit, III, Sprengköpfe



















Ich habe selbstverständlich! auch Noten gegeben. Ohne Noten-
gebung kein Lehrersein. Klarer Fall, kein Pardon: Ich war genau-
so anmaßend und unterdrückend wie jeder andere Lehrer. Ich
war mir aber darüber klar, welches Unrecht da von mir ausgeht.
(Warum ich dann überhaupt als Lehrer gearbeitet habe, ist eine
andere Frage.) Und mit diesem Bewußtsein konnte ich etwas
erkennen, was "normalen" Lehrern verborgen ist. Und ich habe
auch anders gehandelt, ein bisschen wenigstens... Aus meinem
Schultagebuch:

*

Große Debatte mit einer Gruppe von zehn Kindern (6a) die
ganze Stunde über. Es geht um meine Notengebung. "Warum
gibtst Du Elisabeth keine 2, wo sie doch 2 steht, wie Du selbst
sagst?". Ich erkläre, dass es nicht gestattet ist, jemandem eine
2 zu geben, wenn er auf dem letzten Zeugnis eine 5 hatte. Und
dass die Note am Ende des Schuljahres eine Gesamtnote für
das ganze Schuljahr ist, dass also die Frühjahrsnote mit berück-
sichtigt werden muss. Aber das interessiert sie nicht.

Sie lassen sich nichts vormachen, wenn es um ihre Interessen
geht. "Wenn Du meinst, dass sie eine 2 kriegen kann, dann
steht ihr das zu." Sie haben ihre eigenen Bezugsgrößen und
Relevanzkriterien, die ihnen Auskunft darüber gebeben, was
gut für sie ist und was nicht.

Ich trickse dann, um ihr die 2 doch geben zu können. "Ja,
da gibt es eine andere Regel, die sagt, dass man die bei
einer Konferenz eingereichten Zensuren nicht mehr ändern
darf." Die Begründung interessiert sie nicht, sie sind zufrie-
den, dass Elisabeth ihre 2 bekommt. Mir aber ist sauunwohl
dabei, der so nicht gültigen Vorschrift und der Kollegen we-
gen. Ich tröste mich damit, dass es nicht an die große Glocke
kommen muss.

Und in mir kommt Wut über diesen ganzen Notenquatsch
hoch. Selbstverständlich sind die Noten, die ich ihnen ver-
passt habe, von mir subjektiv zusammengebraut. Diese
blödsinnigen Ansichten über "objektive" Notengebung!
Derartige Beurteilungen sind Herrschaftsausübung, Kom-
munikationsvernichter, schlicht widerliche Angelegenheiten,
inhuman. Wer anders darüber denkt, weiß nicht, was Sache
ist bei denen, die das alles ertragen müssen. Und natürlich
bin ich dafür, überhaupt keine Noten zu geben, all das "Ich
weiß was über Dich" schleunigst sein zu lassen und statt
dessen in ehrliche und gleichwertige Kommunikation ein-
zutreten.

*

Mit der 5c bespreche ich die Noten auf dem Rasen. Ich gehe
deswegen extra nach draußen. Es ist eine abgesicherte Gele-
genheit, rauszugehen.

Mit vielen geht es schnell. Ich setze die Noten nach Gefühl
fest und mit Hilfe von Notizen, wer mitgemacht hat. Ich gebe
keine 5. Das mache ich sowieso nur dort, wo ich wegen
schriftlicher Arbeiten nicht anders kann, also in Mathe. Aber
in Bio und Physik, wie hier in der 5c, denke ich nicht daran,
diesen Superirrsinn mit den Fünfen mitzumachen. Da habe ich
keinerlei Skrupel, hier kann ich echt mal etwas machen. Denn
in Fächern ohne schriftliche Arbeiten kann es sich jeder Lehrer
sparen, Fünfen zu geben. Wer nie mitgemacht hat, kriegt eben
eine 4 und Schluss.

Bei einigen schwanke ich, sie wünschen eine bessere Zensur.
Sie sollen sie haben. Bei zwei anderen bleibe ich hart. Die ak-
zeptieren. Insgesamt bin ich mit der Sache zufrieden und denke,
dass ich mit meiner Notengebung fair bin.

Zum Schluss sind sie dann besessen von der Notengeberei. Sie
hängen so davon ab. Das geht mir durch und durch. Sie leben
mir vor: Gute Note heißt gut sein. Oh Mann!

*

Letzter Schultag vor den Ferien. In den Klassen werden die
Zeugnisse verteilt. Ich denke daran, dass dies jetzt überall im
Land passiert.

Jetzt, im Momant, findet ein geradezu bombastischer Angriff auf
die Kinder statt, Raketen mit Vielfachsprengköpfen werden ab-
gefeuert: Jedes Zeugnis enthält rund ein Dutzend Sprengköpfe in
Form von Noten, deren Wirkung entweder heimlich, hinterrücks
ist: Zerstörung des Selbstvertrauens, des Setzens auf sich selbst,
durch die "guten" Noten der Erwachsenen. Oder brutal offen:
Schlechte Note = schlechtes Kind.

Und ich habe mitgemacht. Es ist ein widerliches Geschäft.











 

Samstag, 8. Juli 2017

Schulwahrheit, II, In den Tod



















Vor den Sommerferien gibt es Zeugnisse. Erwachsenen urteilen
über Kinder, Lehrer über Schüler. Ungefragt, unbestellt. Was ist
dabei? Dabei ist die Anmaßung, so mit Kindern "selbstverständ-
lich" umgehen zu können. Wen stört das, wer nimmt daran Anstoß?
Sollte es uns stören, sollten wir daran Anstoß nehmen? Und was
für Auswirkungen hat diese Notengeberei, kann sie haben, könnte:
ach ja, tatsächlich? Kann, darf, sollte man sich darüber Gedanken
machen? Läßt sich da was ändern? An dem Notengeben? An der
Einstellung der Erwachsenen? An der Einstellung der Erwachse-
nen? Aus meinem Schultagebuch:

*

Josef fragt mich, ob er sitzenbleibt. Ich spüre, wie sehr es ihn
belastet, nicht zu wissen, wo er dran ist. Ich bin wütend über
die Geheinmiskrämerei seiner Klassenlehrerin und habe anderer-
seits Angst, in ihre Kompetenz einzugreifen. Wenn sie ihm nicht
sagt, was die Konferenz beschlossen hat, so hat sie ihre Gründe.
Aber es macht mich eben an, und ich sage ihm dann, was ich
weiß - dass er versetzt wird - und beende den Terror gegen ihn.

*

Nach dem Sportfest bin ich noch eine Weile mit den Kollegen
im Lehrerzimmer. Sie sind so völlig anders - sie sehen die Kinder
so völlig anders. Als Objekte, aber freundlich (nicht auch noch
hämisch). Und doch weit, weit weg von ihnen. Sie bestimmen
über sie. Es taucht gar nicht die Idee auf, dass jedes Kind sein
eigener Souverän sein könnte. Sie wissen, was für Kinder gut
ist, das ist eine ganz klare Sache. Sie sind auf einem wirklich
anderen Weg als ich. Ich merke es und lasse sie in Ruhe.

Von Josef wissen sie, was es für ihn bedeutet, endlich zu erfah-
ren, ob er versetzt wird oder nicht. Sie sagen es und sehen sich
mit ernsten Minen an - aber auf die Idee zu kommen, ihm mit-
zuteilen, was sie ausgemacht haben, sitzt nicht drin. Können sie 
nicht fühlen, wie es in dem Jungen aussieht? Gut, dass ich
es Josef verraten habe.

*

Ich telefoniere mit einer Mutter, und wir kommen auf die schäd-
lichen Auswirkungen von (schlechten) Zensuren. Sie erzählt von
ihrer Tochter (7. Klasse), die in Latein eine 4 kriegt und deswe-
gen völlig fertig ist. Sie ist in den letzten drei Tagen nicht zum
Schwimmen gegangen, und es sind draußen jetzt jeden Tag über
30 Grad. Ich bin also voll drin in der Wirkungsproblematik der
Notengebung. Und was liegt neben mir? Die Klassenmappen,
und ich werde gleich - Noten festsetzen!

Verkehrte Welt. Natürlich nehme ich mir vor, die negativen Aus-
wirkungen gering zu halten. Und bei den Kindern, die ich gut
kenne, wird das wohl auch gehen. Aber bei den anderen, die
ich nicht näher kenne, weiß ich nicht, was da eine 4 in Bio oder
eine 5 in Mathe, oder, oder, oder bedeuten, welchen Stellen-
wert diese Urteile in ihrem Leben haben.

*

"Schülerpaar tötete sich"
"München, 23. Juni (dpa). Eine Woche nach der Einnahme ei-
nes Pflanzenschutzmittels sind am Montag in einem Münchener
Krankenhaus ein 19jähriger Gymnasiast und seine 15jährige
Freundin gestorben. Vor acht Tagen hatten die beiden be-
schlossen, aus Verzweiflung über schulische Schwierigkeiten
gemeinsam in den Tod zu gehen."

Fortsetzung folgt.