Montag, 29. Oktober 2018
Hinschauen oder Wegschauen
Ich bekomme mit, wie zwei ältere Kinder (9) ein jüngeres Kind (6) ärgern. Lars und Moritz lassen Nils nicht mitspielen, obwohl sie zu dritt verabredet sind. Nils sitzt da und weint.
Das kann ich nicht so stehen lassen. "Ihr seid zu dritt unterwegs", sage ich zu den beiden. "Lasst Nils nicht hängen." Es kommt nichts Nettes. "Der heult doch nur." Was jetzt?
Soll ich mich kümmern, mehr als diesen Satz einwerfen? Wenn ich weiter interveniere, werde ich als jemand wahrgenommen, der die übliche Macht hat. Die Macht, anzuordnen, was Kinder zu tun und zu lassen haben. Das ist nichts, was ich will, und nichts, wie ich mich verstehe. Ich lasse die Kinder ihre Dinge tun, kommentier das schon mal, misch mich auch schon mal ein, lass auch kein Kind an der Steckdose rumspielen. Aber eigentlich: lass ich sie ihre Dinge tun.
Eigentlich. Aber jetzt wegschauen? Ich will den weinenden Nils nicht im Stich lassen. Ich will aber den beiden Großen auch nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, also Nils mitspielen lassen.
Dilemma, Zwickmühle. Da ist Haltung gefragt. Nicht Wegschauen. Hinschauen. Und aktiv werden.
Na ja, das ist ein generelles Problem/Thema. Kommt am Tag zig mal vor, mal kleiner, mal größer. Einmischen bei einem Streit im Supermarkt? Hab ich gemacht. Einmischen bei einem Parkplatzstreit? Hab ich nicht gemacht. Unterschrift für den Erhalt der Kita? Hab ich gemacht. Demonstration für den Hambacher Forst? Hab ich nicht gemacht. Mal schau ich hin und tu was, mal schau ich weg und tu nichts.
Wenn ich nichts tue, obwohl ich etwas tun könnte. Wenn ich das Ungemach/Leid/Übel stehen lasse, was mir über den Weg läuft und mich ruft - dann sag ich, dass ich mich nicht um alles kümmern kann. Was aber so ja nicht stimmt, denn um vieles von dem Alles könnte ich mich ja sehr wohl kümmern. Angefangen damit, vegetarisch zu essen, mit dem Rad zum Einkaufen zu fahren, bei
Greenpeace Mitglied zu werden.
Es gibt da eine Bremse in mir. Ein Stoppschild. Ja, ich könnte dem Bettler einen Euro in seinen Becher tun, aber ich tus nicht. Ziemlich gemein, mein Einkauf hat 25 Euro gekostet, und jetzt
kein Euro für den Mann ohne Beine? Ich bin da nicht stolz drauf oder irgendwie so naseweisaufmichaufpasserisch. Ich finds blöd, aber ich lass es dann so sein. Nehms mir nicht übel, aber find es eben auch nicht schön. So eine Mischung.
Nils Tränen sind mir aber zuviel. Die fehlenden Beine des Bettlers waren es nicht. Wie soll ich da gut rauskommen? Mir ist klar, dass ich den Großen nicht Sympathie verordnen kann. Sowas funktioniert nicht. Aber ich kann mich unabhängig von einer Intervention bei Lars und Moritz um Nils und sein Leid kümmern.
"Die wollen nicht mit Dir Spielen." Feststellung, Kontaktaufnahme. Das ganze "Sollen sie aber doch" wisch ich weg. Ich nehm Nils auf den Arm. "Komm, wir holen Salat aus dem Garten fürs Abendessen."
Montag, 22. Oktober 2018
Pferde
Ich war in den Ferien in Wien. Es gibt im Zentrum am Stephansdom Kutschen. Mit Pferden davor, natürlich. Ich lese: Die Pferde sind von 9 bis 23 Uhr vor Ort, von 10 bis 22 Uhr können sie vor die Kutschen gespannt werden und die Touristen durch den Ort ziehen. Neuerdings mit Ohrstöpseln, mit Scheuklappen sowieso.
Ich lese die Flyer der Tierschützer, sehe das Vergnügen der Fahrgäste, sehe den Profit der Kutscher, sehe das Image für Wien. Fiaker (so heißt das Gefährt dort) gehören zur Stadt, seit mehreren hundert Jahren. Was sagen die Pferde, zu mir? Es ist eindeutig: "Hol uns hier raus!"
Bin ich überkandidelt? Stürze ich mich auf die nächste Unterdrückung, die mir über den Weg läuft? Kann ich den Leuten nicht ihren Spaß, Verdienst, Imagepflege lassen? Außerdem bin ich kein Vegetarier, ich sollte schon die Kirche im Dorf lassen.
Das Leid der Tiere rührt mich an. Hier, jetzt. Ich sehe die Pferde ja. Und ich will sie am liebsten sofort da rausholen, aus ihrem Geschirr, und sie in die grünen Hügel beamen. "Wo kann ich unterschreiben?" Kann ich nicht, weil ich kein Wiener bin. Also zieh ich weiter, lass die Hilflosen zurück, im Stich. Fühl mich ohne wirkliche Chance, bin David, lass mal gut sein Alter. Schön ist das nicht, aber so ist es.
Ich engagiere mich ja im Unterdrückungsland, im Herrschaftsland, im Unrechtsland. An meinem Platz, den ich mir zugeteilt habe. Ich kämpfe, kämpfe? Gegen die Unterdrückung junger Menschen, gegen die strukturelle adultistische Grundordnung. Gegen das, was Erziehung genannt wird. Ich beruhige mich: Ich tu ja was! Jetzt nicht auch noch Pferde befreien.
Es gibt so viel Ungutes, so viel "Hilf mir", endlos. Wo kann ich etwas tun, einen Schritt, eine Hand reichen? Ich gebe dem Bettler am Stephansdom einen Euro.Wars das? Ich schreibe einen neuen Post in meinem Blog. Wars das? Tja. Ich pendle mich da ein, rede mich raus und lass mich groß und gütig sein. Man kann nicht alles schaffen. Aber den Pferden am Stephansdom hätt ich eben so gern geholfen. Jammerei. Jammerei?
Montag, 15. Oktober 2018
Verantwortung ist Vorherrschaft
Neulich hörte oder las ich eine interessante Kombination. Es ging um subtile Gewalt und verborgene Unterdrückung, um Macht und Herrschaft. Wie versteckt kommen diese Dinge daher, auch daher, neben offenkundigem Haudrauf? Welche Schleichwege können sie nehmen? Es ging da hin und her, und dann kam etwas, das mich die Ohren spitzen lies: "Verantwortung ist Vorherrschaft".
Ein Credo meiner Weltsicht ist das "Ich bin nicht für Dich verantwortlich." Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt, dass dies ein jeder selbst ist. Dass auch Neugeborene
dies sind: für sich selbst verantwortlich. Menschen sind von Anfang bis zum Ende selbstverantwortlich.
Dieses Statement ist eine grandiose Einladung zu Missverständnissen aller Art. Obwohl es auch immer wieder ein klares "So ist es" hervorlocken kann. Die vielen Tore, die das Wort "Verantwortung" zeigt, die vielen bunten Assoziationsfelder und grünen Denkwiesen: da muss Klarheit sein, wo ich bin und wo der Gesprächspartner ist, sonst wird das kaum etwas, so ein Gespräch.
Ich bringe da viele Beispiele, um klarzumachen, was ich meine und wo ich unterwegs bin. Aber die ganzen Beispiele bringen nichts, wenn mein Gegenüber in einem anderen Gebiet unterwegs ist. Wenn er im Land des Sorgens unterwegs ist: "Ich wickle und fütter mein Kind aus Verantwortung". Oder im Land der Anteilnahme: "Es ist meine Verantwortung, meinem Partner in seinem Leid beizustehen." Oder im Land des großen Bogens: "Ich bin für die Umwelt verantwortlich." Oder im Land des Guten: "Ich bin für den Frieden verantwortlich." Zig Länder.
Das Wort "Verantwortung" passt mir da nicht. Es passt mir überhaupt nicht. Denn in meinen Ohren schwingt da etwas sehr Unangenehmes mit, etwas Ungutes, Unzulässiges, Übergriffiges, Anmaßendes, Entmündigendes: Herrschaft. Ich über Dir.
"Ich bin für Dich verantwortlich (Kind, Mensch, Umwelt, Frieden)" setzt mich über jemanden, der nicht aus sich selbst bestehen kann. Weil - weil er es eben nicht kann. Kein Kind kann ohne die Hilfe der Erwachsenen überleben. Kein Friede kann ohne das Engagement von Bürgern bestehen. Und deswegen sind wir alle hier oder dort verantwortlich, jeder an seinem Platz.
Da hau ich dann dazwischen: "Verantwortung ist Vorherrschaft!" Ist das so? Kommt auf den Atem an, auf den Hauch, der diese Einsätze umweht. Welche Umhüllung umgibt den, der sich da verantwortlich fühlt? Die Umhüllung/Botschaft des Missionars, Bevormunders, Herrschers? Wenn es das ist, was ihn trägt und ausmacht: Ist mit mir nicht zu machen. So jemand ist ein unguter Zauberer, der verhext, lähmt, krank macht. So jemand halte ich die magische Blume "Jeder ist für sich selbst verantwortlich" entgegen. Und wer dies versteht, da mitschwingt, die Ohren aufmacht, zu blinzeln beginnt, innehält - mit dem kann mein Gespräch fruchtbar werden.
Waren die Großen meiner Kindheit für mich verantwortlich? Ja, waren sie: In einer guten Art des Kümmerns, der Sorge und der Anteilnahme. Ja, waren sie: in einer unguten Art des Entmündigens, Nichtbemerkens meiner Harmonie/Kraft/Souveränitat, in einer gruseligen Vorherrschaft. "Ich helfe Dir, dass Du gelingst und ein richtiger, vollwertiger, für sich selbst verantwortlicher Mensch wirst, der Du jetzt noch nicht bist." Der ich jetzt noch nicht bin? Wie bitte? Ja gehts noch!
Und dann noch alles gleichzeitig und durcheinander und subtil verknüpft. Was einen irre machte. Und was jetzt erst mühsam entdeckt und entwirrt sein will. Amication setzt hier an. Verwirrt die einen - entwirrt die anderen. Entwirrt? Ja, und das ist gut so!
Montag, 8. Oktober 2018
Zufrieden und beschenkt
Ich erzähle von der Gleichwertigkeit. Von der zwischen Erwachsenen und Kindern. "Ja", sagen die Leute dann, "das kennen wir. Wir sind achtsam mit den Kindern. Wir sehen, dass sie eigene Persönlichkeiten sind und wir setzen sie nicht herab." Ich merke dann, dass es schwierig wird.
Wenn man achtsam mit den Kindern ist, dann gibt es da noch etwas zu entdecken. Etwas, das über die Achtsamkeit und das Einfühlen hinausgeht. Davon will ich erzählen. Von einer Gleichwertigkeit, die hinter der Ungleicheit existiert. Und auch hinter der Achtsamkeit.
Als Erwachsener bin ich immer wieder und unvermeidbar derjenige, der sich den Kindern gegenüber durchsetzt. Die dort bestehende Ungleichheit, sie ist, findet statt. Und sie wird auch von den Kindern erlebt. Hingenommen, bekämpft, akzeptiert, wie es kommt und wie die Kinder grad drauf sind. Ich lasse mein Kind nicht an der Steckdose rumspielen,
abertausend Situationen, immer prall voll Oben-Unten. Gleichwertigkeit hat da nichts zu suchen. Achtsamkeit und Einfühlen schon. Durchsetzen mit Achtsamkeit und Einfühlen ist die hohe Schule.
"Ich steh nicht wirklich über Dir, wenn ich mich durchsetze. Ich bin nicht richtiger, wertvoller, besser." Wer soll das verstehen?
Ich weiß um die Gleichwertigkeit in der Ungleichheit. Ich weiß, wie das geht. Und ich erkläre es gern. Es ist mühsam, mir zu folgen. Wer kommt mit?
"Was soll dabei rumkommen?" "Na ja", sage ich. "Entspannung im Alltag mit den Kindern, Harmonie, Frieden halt. Ungebrochene Selbstliebe bei den Kindern, Geborgenheit. Ein besonderes Maß von all dem. Etwas, das sich bei aller Achtsamkeit und Einfühlung nicht erreichen lässt. Ein Mehr, ein viel Mehr an Liebe zwischen Eltern und Kindern als man sich vorstellen kann."
Dann soll ich erzählen. Und dann erzähle ich. Vom Indianer und dem Büffel, von der Schweineschnauze, vom großen Steinehaufen, von der großen Ebene, vom guten Ton, vom Telefonieren mit Albert, Rudi und Mary, vom Freiheits-
kämpfer, von Distel und Brennessel, vom Rauchen, vom Nachhausekommen, von den Eisbällchen. Und von all diesen vielen Zauberdingen und all den Türen noch. Ich lade die Leute ein, und wenn sie denn mitkommen, sich bedanken und erfüllt sind - dann bin ich zufrieden und fühl mich beschenkt.
Montag, 1. Oktober 2018
Kino
Neben mir im Kino unterhalten sich zwei Leute. Die Trailer laufen, sie quatschen. Der Film fängt an, sie quatschen. Vor ihnen dreht sich jemand um und bittet um Ruhe. Sie quatschen weiter. Langsam werde ich unruhig und meine Aufmerksamkeit geht vom Film weg zu den beiden hin.
Ich kann sie ignorieren. Dann ist es heute eben ein Film mit Quasseln nebenan. Aber ich muss sie ja auch nicht ignorieren. Dabei verstehe ich sie schon. Sie sind aus anderen Gründen im Kino als ich. Sie treffen sich hier, reden miteinander, der Film ist Kulisse, den kriegen sie nicht mit. Und: sie fühlen sich wohl.
Aber ich mich nicht. Wenn ich sie bitte, mit dem Reden aufzuhören, wird ihr schönes Kino-Rede-Erlebnis in etwas Unangenehmes umschlagen. Wer hat das schon gerne, beim Reden gestört zu werden, erst recht beim trauten Reden im dunklen Kino.
Ich merke, dass ich mich immer mehr gestört fühle. Es wird darauf hinauslaufen: sie oder ich, ich oder sie. Einer von uns wird sich gestört fühlen. Ich mich, wenn sie weiterquatschen. Sie sich, wenn ich sie drauf anspreche.
Ich sitze in der letzten Reihe, wie immer. Sie auch. Umsetzen weiter nach vorne mach ich nur ungern, außerdem ist da viel besetzt. Ich will also hier bleiben, mich nicht umsetzen, und sie sollen die Klappe halten. Ich verderbe nicht gerne jemandem sein Wohlfühlen. Das lässt mich zögern. Aber dann reicht es mir: es ist mein Kinoabend, und mein Wohlfühlen hat jetzt nach 15 Minuten Film mit Gequatsche Vorrang. Also stehe ich auf, gehe die drei leeren Plätze neben mir zu ihnen hin und sage, dass mich ihr Reden stört.
Es kommt eine abmeiernde Bemerkung, Richtung: Ich soll mich nicht so haben. Hab mich aber. Ich reagiere: Dann hole ich die Security. No reaction.
Soll ich wirklich den Dienst holen? Und ob der es schafft, dass nebenan Ruhe einkehrt? Ok, ich mach es. Raus aus dem Film, aus dem Saal. Unten ist nur die Reinigungsfrau. „Ist keiner vom Security mehr da?“
Ich merke, wie mühsam es ist, mir mein Wohlfühlen zu beschaffen. Soll ich es bleiben lassen? Nach Hause gehen? Das Gequassel doch aushalten? Ich spiel das jetzt ganz hoch: Wer ist für mein Wohlfühlen zuständig? Hier im Kino, und überhaupt im Leben? Schon klar, meine Verantwortung. Ich kanns ja auch bleiben lassen, mich jetzt zu kümmern. Ich kann mich aber auch kümmern. Hier im Kino und überhaupt im Leben.
Hier jetzt will ich es durchziehen. „Kein Security mehr da? Das gibt’s doch nicht!“. Doch, sagt sie, er ist hinten. Sie will ihm Bescheid sagen. Sie macht einen verlässlichen Eindruck. Und ich habe mich bemüht, wenigstens, wenn es nicht klappen sollte. „Saal 9“, sage ich, „letzte Reihe“. „Er wird kommen“, sagt sie.
Zurück im Kino, Treppen rauf im Dunkeln, hinsetzen, auf die Leinwand sehen, nichts mitkriegen vor Angespanntsein von der Aktion grade. Nebenan Gequatsche. Na ja, ich beginne, mich dreinzufügen. „Hab mich ja bemüht.“ Finde in den Film zurück. Mit Quatschen nebenan. Es bleibt mühsam.
Dann kommt er, der Security-Mann. Stattliche Erscheinung, Marke Rauswerfer. Ich steh auf uns sag ihm mein Beschwer. „Geht in Ordnung!“, sagt er. Ich fühl mich verstanden und geachtet. Heilung meiner wunden Kinoseele. Ob er was erreicht?
Er redet zwei Minuten mit dem Pärchen nebenan. „Sie können jetzt in Ruhe den Film sehen“, sagt er zu mir. „Sie werden nicht mehr gestört.“ Er geht, ich sitze und lausche, ob sich nebenan was tut. Nein, tut sich nichts. Ich komm runter und fang an, den Film zu genießen. Na also!
Ich weiß schon, dass ich den beiden anderen den Abend versaut habe. Das ist ein echt blödes Gefühl. Aber anders gings nicht, heute nicht. Echt nicht? Hätt nicht gewusst wie anders. Im Film werden grad auch die Bösen ausgeschaltet, das Gute siegt.
Ich bin der Gute. So soll es sein. Und so ist es ja auch. Aber trotzdem hätt ich es gern anders gehabt. So, dass der Filmgauner seine Beute behält und niemand zu Schaden kommt. So, dass die beiden Kinogauner neben mir ihr Wohlfühlgequassel ausleben können und ich mich nicht gestört gefühlt hätte. Ja: im nächsten Leben...Ich fahr dann zufrieden nach Hause. Der Film war gut, und ich war es auch.
Montag, 24. September 2018
Reden mit Jean-Jacques
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT lese ich den Artikel von Bastian Berbner. Es geht um den anderen, der so ganz anders ist. Und ob es Sinn macht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Oder ob es eben keinen Sinn macht. Berbners Artikel ist überschrieben: "Mit euch kann man doch eh nicht reden." Und: "Vielleicht doch!"
Ich habe meine festen Positionen. Eine davon ist, Kinder nicht zu erziehen. Beziehung statt Erziehung, unterstützen statt erziehen, Postpädagogik, Amication. Macht es Sinn, mit Menschen zu reden, die Kinder erziehen? Was soll dabei rauskommen? "Kann das gelingen, ohne die eigene Haltung aufzugeben?" (Berbner).
Ich rede ja immer wieder mit Menschen, die erziehen. Zu meinen Vorträgen kommt selten jemand, der ein "Erziehung - nein danke!" mit sich herumträgt oder gar als Aufkleber auf seinem Auto hat. Trotzdem bin ich mit diesen erziehenden Menschen einen Abend lang zusammen, und wir reden miteinander.
Wobei da schon ein bestimmtes Momentum dabei ist: Ich frage die Eltern und Erzieher nicht nach ihren Erziehungspositionen. Da erwarte ich nichts Neues. Sie wollen von mir hören, wie das gehen soll, mit Kindern leben ohne Erziehung. Ich erzähle, sie hören zu, sie fragen, ich antworte. Ich frage sie nicht. Warum sollte ich? Ich kenne alle Erziehungsvarianten. Ein "Wie erziehst Du Dein Kind?" kommt mir nicht über die Lippen.
Mach ich aber schon gelegentlich. Jetzt frage ich Jean-Jacques. "Was soll das?" frage ich ihn. "Was meinst?" Ich lese ihm eins seiner Statements vor:
"Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man der Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen...Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will, aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut." *
"Jean-Jacques, da bin ich gänzlich anders unterwegs. Dieses subtile Ding, das da im Unter- und Hintergrund rauscht, genau das will und mache ich nicht."Antwort: "Und genau ohne das geht es nicht, Kinder brauchen Erziehung. Subtile Führung, liebevoll, achtsam, gewaltfrei. Wie immer sie denn auch konkret aussehen mag."
Da gibt es keine Gemeinsamkeit. Immerhin: Ich verstehe, was er will. Was ich ablehne. Versteht er mich? Verstehen die Eltern und Erzieher mich?
Auf den Vorträgen lasse ich mit meiner Märchenerzählerei eine Welt entstehen, die die meisten Eltern und Erzieher, die da sind, fasziniert und in der sie gern unterwegs wären, von der sie mehr wissen wollen, von der sie nicht genug kriegen können. Beziehug ohne Erziehung eben. Aber so ein Abend ist schnell vorbei.
Und Jean-Jaques Rousseau, Jesper Juul, Thomas Gordon, Maria Montessori, Jasnusz Korczak, Alexander Neill und all die anderen? "Mit euch kann man doch eh nicht reden. Vielleicht doch!" Vielleicht doch?
* Aus "Emile oder Über die Erziehung" von Jean-Jacques Rousseau, 1760. Zitiert aus Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.
Samstag, 22. September 2018
Licht und Schatten
Auf dem Vortrag letzte Woche ging es mal wieder um Bösewichte. Wo sind wir selbst, wenn wir über jemanden nachsinnen/urteilen, der irgendetwas Ungutes angestellt hat. Großes, nicht Kaffee verschütten, sondern Grusel, z.B. Missbrauch, Umbringen. Wird ja grad verhandelt, Kirche, Chemnitz und Co.
"Jeder - auch so ein Täter - ist ein Ebenbild Gottes". Einer meiner Standards zu Beginn des Diskutierens. Wobei klar ist, dass es jetzt nicht um das Opfer geht, dem mein Mitgefühl/Trauer gilt, sondern um den Täter. Und unsere eigene Position ihm gegenüber.
Wo bin ich, wenn ich diesem Menschen gegenüber Position beziehe? Wer bin ich, wenn ich diesem Menschen gegenüber Position beziehe?
Ich erlebe eigentlich immer, dass die Leute vor mir in einem Raum der Verurteilung, des Entrüstens, des Entsetzens unterwegs sind. Der Täter ist ein Bösewicht, das ist klar. Ein Ebenbild Gottes? Absurd. Wenn ich das Ebenbild ins Spiel bringe, wird mir Durchgeknallt und Sympathie mit dem Teufel rübergereicht.
Abgesehen davon, dass ich von der Ebenbildgeschichte überzeugt bin (und, um das gleich hinzuzufügen: was mich nicht hindert, so einen Täter - wenn ich das kann - auszuschalten, einzusperren etc.) - abgesehen also davon, dass der Täter für mich immer ein Ebenbild
Gottes ist und bleibt:
Die Leute vor mir sind in einem dunklen Raum unterwegs, eingefangen in Grusel/Böse/Rache/gedanken. Ihr Mitgefühl und Schmerz vertrübt sie, lässt das Licht gehen, wirft Schatten. Kälte, Kochen vor Wut, Empörung. Wobei sie sich auf der guten Seite verorten. Und: von Friede keine Spur. Friede in mir, im Herzen, in der Begegnung, Auseinandersetzung, Positionsbeziehung dem Täter gegenüber: keine Spur. Sie sind die Guten, er ist der Böse.
Und und Aber: sie werden dabei in Schatten versetzt. Und genau das ist nicht mein Ding. Ich lass mich nicht (mehr) in die Schatten-Bearbeitenwelt ziehen/treiben. Ich bin ein Sonnenwesen. Der Großraum, in dem ich unterwegs bin, ist voll Licht.
Eingebildete Pinkelei! Obermoralisierer! Machtgeil durch Gutsein! Ja mei, was solls. Keiner muss mich mögen. Und weiter: Was soll das, sich bei Gruseligkeiten auf die dunkle Seite zu begeben? Das macht doch krank im Herzen! Ich sage den Leuten vor mir so etwas. Manchmal kommt etwas über. Die Kraft des Lichts.
Eine Brücke ist dann, dass ich sie frage, wie das mit der Verzeihung ist. Na ja, da wollen sie erst ordentlich verurteilt haben, das Ebenbild als Teufel entlarvt haben. Dann können sie über Verzeihung nachsinnen. Und dann können sie wieder ins Licht gehen. Mit diesem Umweg.
Mein "Jeder ist ein Ebenbild Gottes, also auch der Täter" ist zu schwere Kost. Sie spüren das Böse, sie nehmen Witterung auf. Und sie mißtrauen sich selbst, fürchten, dass das Böse aus ihnen hervorbrechen könnte, sind in existentieller Bösefurcht. Tja - ich kann sie ja nicht ändern. Aber so ein bisschen Heilerei find ich auch nicht schlecht. Wenns dem einen oder anderen hilft und ihn auf den Licht- und Friedenspfad verlockt: da bin ich doch zufrieden.
Sonntag, 15. Juli 2018
Sommerpause
Liebe Leser von amicationtoday. Ich bin in den Sommerferien und komme unterwegs nicht zum Schreiben. Es geht dann wieder los Anfang September. Habt eine schöne Sommerzeit!
Dienstag, 10. Juli 2018
Kinderforschung: Bericht (11) - Kongruenz und Methode
In unregelmäßigen Abständen poste ich
Texte aus meiner Dissertation, meiner
"Kinderforschung"
*
Nun,
ich
habe
dies
alles
ja
auch
erst
gelernt.
In
den
Encountergruppen
in
Kalifornien
fing
es
an.
Ich
habe
mich
mit
Carl
Rogers
über
diesen
Punkt
länger
unterhalten,
und
auch
mit
Reinhard
Tausch
in
Deutschland. Wer
versucht,
über
ein
wie
immer
geartetes
Expertentum
anderen
nah
zu
kommen,
ihnen
zu
begegnen
-
der
verfehlt
sie
dadurch,
dass
er
sich
SELBST
gar
nicht
erst
ins
Spiel
bringt.
Mit
einer
anderen
Perspektive
gesehen:
Man
kann
nicht
Echtheit
oder
Kongruenz
als
METHODE
einsetzen,
um
personale
Beziehungen
zu
erreichen.
Dieser
Weg
führt
in
die
Irre,
in
die
Irrealität,
in
das Wahrnehmen
einer
falschen
Realität.
Wenn
ich
nicht
aus
methodischer
Erwägung
11Kongruenz
anwende11
in
der
Beziehung,
sondern
kongruent
BIN
-
dann
führt
dies
zum
anderen
Menschen.
11Sie
wenden
Rogers alle
als
Technik
an11 ,
sagte
ich
deprimiert
zu
Carl
Rogers.
Man
kann
nicht
eine
Lebensart
zur
Methode
machen
(um
zu
erreichen,
was
sich
nur
mit
der
ART,
DURCH
UND
DURCH
SO
ZU
SEIN
erreichen
läßt).
Hinter
jedem
methodischen
Vorgehen
steht
ja
wieder
eine
zugrundeliegende
Lebensart:
Und
auf
sie
kommt
es
an.
In
den
Encountergruppen
des
La
Jolla
Programms
wurde
es
ja
dann
GELEBT,
dies
andere,
technikfreie
und
personal-ehrliche
Miteinander.
Jeder,
der
einmal
an
solchen
befreienden
Situationen
teilgenommen
hat
(und
nicht
an
den
unglücklichen
technisierten
Nachahmungen),
wird
es
spüren
können.
Es
sei
denn,
er
selbst
bleibt
bei
seiner
inneren
Haltung,
dies
alles
auf
das
Technikgleis
abschieben
zu
können
(Motto:
Es
ist
eben
eine
ganz
raffinierte
Technik,
keine
Technik
zu
haben
-
tja,
wer
so
denkt,
dem
ist
nicht
zu
helfen,
der
verschließt
sich
der
Differenzierung
in
Lebensart
und Methode).
Es war
wichtig
für
mich,
Carl
Rogers
nicht
nur
aus
seinen
Büchern
(den
neueren)zu
kennen,
sondern
ihm
persönlich
gegenüberzusitzen,
mit
ihm
zu
reden
-
und
im
personalen
ICH-DU
Zugang
zu
IHM
und
der
Glaubwürdigkeit
unserer
personalen
Realität
zu
bekommen.
Fortsetzung folgt (unregelmäßig)
Dienstag, 3. Juli 2018
Kinderforschung: Bericht (10) - Jenseits des Expertentums
Mich
bringen
diese
Überlegungen
auf
einen
sehr
wichtigen
Punkt.
Ich
hätte
mit
dem
Feedback
ja
auch
geschickt
vorgehen
können.
Und
ich
hätte
mich
in
den
Gruppen
immer
"therapeutisch
effizient"
(oder
ähnlich
"fachlich
versiert")
verhalten
können.
Es
war
dies
eine
der
ganz
wesentlichen
Voraussetzungen
für
mich
gewesen,
all so
etwas
NICHT
zu
tun.
Es
ist
NUR
dann
möglich,
ein
persönliches
Gefühl
zu
ihnen
zu
entwickeln,
wenn
ich
davon
absehe,
in
irgendeiner
Weise
fachlich
oder
sonstwie
nicht-persönlich
zu
ihnen
zu
sein.
Es
gibt
da
so
eine
Mischung
von
Fachmann
und
Persönlich-Sein,
die
ich
oft
beobachtet
habe
-
und
die
ich
merkwürdig
eklig,
ja
eigentlich
gemein
gefunden
habe.
Als
Mit-Erwachsener
habe
ich ja
mitbekommen,
was
dieser
so
freundliche
Große
mit
seiner
"persönlichen
Wende" im
Schilde
führte.
Immer
irgendwas
fachlich-expertenhaft
Verantwortetes,
immer
etwas,
das
sich
für
die
Mitteilung
an
den
Jungen
Menschen
vor
ihm
nicht
eignete,
immer
etwas,
das
die
Herrschaft
der
Erwachsenen
Menschen
ausdrückte.
Nein
-
wer
dies
will,
wer
dies
nicht
anders
KANN:
Der
verfehlt
sie,
die
Personen
vor
ihm.
Ich
habe
am
Beginn
der
Gruppenarbeit
(und
eigentlich
zu
Beginn
jeder
neuen
Gruppe)
immer
gespürt,
wie
fern
ich
ihnen
war.
Das
Managen
der
Gruppe
(dass
die
erst
einmal
überhaupt
beginnen
konnte):
Die
Expertengefühle
in
mir
stiegen
dann
zu
sehr
auf,
wenn
ich
den
Jungen
Menschen
plausibel
machen
musste,
was
es mit
so
einer
Gruppe
auf
sich
hat.
Da
war
ich
schnell
weg vom
personalen
"Hallo - DU" hin
zum
Fach-mann,
der
eine
Doktorarbeit über die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern schreibt.
Wenn wir uns dann öfter getroffen hatten, ging das Distanz- und Expertengefühl weg, und ich war
ohne
weißen
Kittel
die
Person,
die
ich eh
bin.
Ich
wusste
ja
dann
auch
um
diese
Problematik
und
gelangte
dann
immer
schnell
wieder
in
die
Unmittelbarkeit.
In
diesem
Punkt
unterscheidet
sich
meine
Arbeit
von
jeder
anderen
Arbeit,
die
am
Expertentum
in
dieser
oder
jener
Form
festhält.
ICH
LEHNE
DIESE
EXPERTENARBEITEN
ALS
SPEZIFISCH
UNQUALIFIZIERT
AB
(wie
sie
es
wohl
auch
mit
mir
tun).
Wer
etwas
über
die
Kommunikation
zwischen
Menschen
aussagen
will
-
der
kann
sich
nicht
als
"Objektiver
Beobachter"
unters
Volk
mischen
und
dann
"die
Wahrheit"
hier
und
da
erwischen,
einordnen,
analysieren.
Er
wird
nur
eine
ganz
bestimmte
Realität
erfassen
können:
Nämlich
die,
die
sich
ihm
als
Experten
überhaupt
eröffnet.
Kommunikation
zwischen
Menschen
hat
aber
eine
Dimension,
die
jenseits
des
Expertentums
liegt:
Sie
geschieht
zwischen
Personen,
dem,
was
Menschen
SIND.
Es
lässt
sich
auch
leichter
ausdrücken:
Die
Beziehung
"von
privat
zu
privat"
ist
die
relevante.
Sicher
gibt
es
auch
die
Beziehungsform
"Experte
-
Experte"
und
"Experte
-
Privater"•
Aber:
Ist
ein
weißer
Kittel
das,
worauf
es
(in
der
Kommunikation)
ankommt?
Fassaden,
Vorgeschobenes,
Tarnschilde
-
all
dies
verstellt
den
Zugang
zum
anderen.
Psychologie
und
Pädagogik
mit
ihrer
riesigen
"Wissens"apparatur
sind
wunderbare
Tarnkappen:
Wer
die
Person
ist,
die
da
agiert,
das
bleibt
im
Dunkeln.
Fortsetzung folgt (unregelmäßig)
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