Montag, 22. April 2019

Anketten im Reichstag II





 

























Fortsetzung vom 15.4.

Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 10 Beispiele:

1.  Kinder werden auf neue Weise von den Erwachsenen ernst genommen. Politische Entscheidungen werden immer auch mit Blick auf die Wähler getroffen. Wie reagieren die Wähler, die unter 18 Jahre alt sind? Diese Frage ist gänzlich neu, und erst sie führt dazu, Kinder tatsächlich ernst zu nehmen und bei den politischen Entscheidungen überhaupt zu berücksichtigen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Die Kinder haben jetzt Macht – gesellschaftliche, politische Macht. Allein ihre Stimmzettel verleihen ihnen dieses Gewicht. Es ist durch nichts zu ersetzen. Großzügigkeit und Freundlichkeit können jederzeit widerrufen werden. Gegen die Macht, die aus den Stimmzetteln kommt, gibt es jedoch kein Mittel.

2.  Es gibt einen psychologischen Durchbruch für die Kinder. Wenn Kinder politisch gleichwertig sind und einige Male an Wahlen teilgenommen haben, wird man ihnen mit einer anderen Achtung begegnen. Im Einkaufszentrum, im Bus, im Schwimmbad erlebt man dann nicht unmündige Kinder, sondern Wahlbürger. Wahlbürger Kind. Von der psychologischen Aufwertung für die Kinder selbst ganz abgesehen. »Ich bin nicht unwichtig – ich bin wichtig. Ich entscheide mit. Meine Stimme zählt.«

3.  Kinder verstehen viel von Politik. Zunächst: Es ist nicht notwendig, etwas von Politik zu verstehen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht und das Wahlrecht geht. Die Bürger entrissen dem König die Macht nicht deswegen, weil sie nachweisen konnten, dass sie mehr von Politik verstehen als er, sondern weil sie über ihr politisches Schicksal selbst bestimmen wollten. Die Legitimation kommt nicht aus dem besseren Verständnis von Politik oder aus irgendeiner Unterweisung in gesellschaftliche Zusammenhänge, sondern aus der demokratischen Idee: Dass die Macht nicht für einen oder für wenige reserviert ist, sondern dass alle Anteil an der Macht haben – alle ohne jegliche Einschränkung. Die Forderung, Kinder müssten etwas von Politik verstehen, ehe sie wählen können, und 18 Jahre oder vielleicht 16 Jahre wäre da die äußerste Grenze, ist eine zutiefst undemokratische Position. Diese Forderung trägt diktatorische Züge, das Verlangen nach Herrschaft und Unterordnung ist offensichtlich. Das »Davon verstehst du nichts« ist ein Abwehrargument, um die Macht nicht zu teilen.

Kinder müssen also nichts von Politik verstehen, um Anteil an der politischen Macht zu haben. Dennoch aber verstehen sie viel von Politik: Humanität, Toleranz, Kreativität, Sensibilität, Fairness u. a. sind wichtige konstruktive Eigenschaften für die Politik. Von diesen gesellschaftlichen Basisfaktoren verstehen Kinder eine Menge, und es ist so, dass Erwachsene über dieses politische Wissen viel von ihnen lernen können. Und von den tagespolitischen Fragen versteht der eine mehr, der andere weniger – so, wie das bei den Erwachsenen auch ist.

4.  Versuche, Kinder zu verführen, laufen ins Leere. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Sie deckt solche Versuche auf, und dann revanchieren sich die Kinder mit Wahl der Konkurrenz. Welche Chance hat denn ein politischer Verführer in einer Zeit, die demokratisch geprägt ist und in der destruktive und faschistische Tendenzen enttarnt werden? Die Inhumanität und der Totalitarismus politischer Verführer sind leicht zu durchschauen angesichts realer Machtbeteiligung durch demokratische Wahlen. Demokratie – erlebte, erfahrene Demokratie – ist die beste Waffe gegen jede Diktatur und jeden Verführungsversuch.

Wenn Kinder aber in einer Diktatur leben – dann nämlich, wenn sie das Wahlrecht nicht haben – , kommt es nur auf den Verführer mit den größten Versprechungen an. Die Sorge vor der Verführbarkeit der Kinder spiegelt die Ängste der Erwachsenen, die in der eigenen Kindheit einer ausweglosen Diktatur ausgesetzt waren: Sie mussten den damaligen Erwachsenen folgen, ohne Recht. Sie lernten folgsam zu sein und allen Sprüchen zu glauben. Die Kinder des demokratischen Zeitalters jedoch kennen ihre Macht. Sie können sich ihre Sensibilität für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit bewahren, denn sie bestimmen selbst über ihr Schicksal. Kinder, für die Demokratie Realität und ein gewachsener Wert ist, werden sich mit Abscheu von diktatorischen Zumutungen und politischen Verführungen abwenden.

5.  Kinder sind sensibler als Erwachsene für Fairness und Wahrheit. Die Versuche, die Wähler zu hintergehen, zahlen sich bei den Kinderstimmen nicht aus. Politische Tugenden sind in Bezug auf diese Wählergruppe viel effektiver, und Politiker werden insgesamt in eine positive Richtung diszipliniert, wenn Kinder über Wahlstimmen verfügen. Sie quittieren unerbittlicher als Erwachsene Unfairness, Lüge und Gemeinheit mit Abwahl.

6.  Die Wahlreden werden verständlich. Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland 15 Millionen Menschen unter 18 Jahren. Selbst wenn nur 20% zur Wahl gehen sollten, sind das noch 3 Millionen Stimmen. Daran kommt kein Politiker vorbei. Er muss so reden, dass er auch von diesen Wählern gut verstanden wird. Es gibt kein Problem aus Politik und Gesellschaft, das man nicht auch Kindern verständlich machen kann. Die Ausrede von der Kompliziertheit der Sachverhalte überzeugt nicht länger, die Konkurrenz hat nämlich den Politiker, der die Dinge auch den Kindern erklären kann. Das gilt nicht nur für Wahlreden, sondern allgemein für die Kommunikation zwischen Gewählten und Wählern, und das tut der gesamten politischen Kultur gut.

7.  Die Wahlprogramme werden zugunsten der Kinder umgeschrieben. Alles, was dem Interesse der Kinder dient und einen Stimmengewinn durch die Kinder verspricht, wird nun ernsthaft thematisiert und diskutiert und in die Programme der Parteien aufgenommen. Zum Beispiel Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, giftfreies Spielzeug, körpergerechte Schulmöbel, arbeitsfreie Wochenenden der Eltern, Umgestaltung des Schulwesens, funktionierender Lärmschutz, kinderfreundlicher Haus- und Wohnungsbau bis hin zu Treppengeländern für Kinder, kindgerechte Gestaltung öffentlicher Räume, phantasievolle Spielplätze, flächendeckende Jugendzentren, adäquate Einstiegsmöglich­keiten in Bus und Bahn auch für Kinder. Viele Dinge, für die engagierte Eltern im Interesse ihrer Kinder bislang erfolglos auf die Straße gehen, werden plötzlich realisiert, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Durch das politische Gewicht der Kinder wird sich etliches ändern – sicher nicht zu unser aller Nachteil.

8.  Es gibt mehr Respekt und Toleranz Kindern gegenüber. Wahrscheinlich unterscheiden sich Kinder in ihrem Wahlverhalten kaum von dem der Erwachsenen. So wie die Frauen insgesamt kaum anders wählen als die Männer. Vielleicht sind Kinder aber auch bestimmten Trends und bestimmten Personen eher zugewandt als Erwachsene und wählen Parteien und Politiker, von denen kaum jemand sonderlich begeistert ist. Doch wie auch immer: Am grundlegenden Recht auf politische Selbstbestimmung des jungen Menschen hat niemand herumzudeuten, es kommt ihnen zu wie jedem anderen Menschen. Auch wenn Kinder das wählen, was einem gerade nicht passt: Es gilt und es muss als Realität zur Kenntnis genommen werden. Erwachsene  lernen durch das Wahlrecht für Kinder, auch die von ihren Auffassungen abweichende Meinung der Kinder zu respektieren und zu tolerieren.

9.  Erwachsene werden zu einer gänzlich neuartigen Einstellung und Beziehung zu Kindern gelangen. Die Politiker werden bemerken, dass die Pädagogik die Kinder unrealistisch sieht. Sie werden erkennen, dass Kinder bereits vollwertige Menschen sind und nicht erst dazu gemacht werden müssen. Die gesamte Forschung wird neu konzipiert, denn wer die Realität des Kindes tatsächlich erfasst, hat das erfolgreichere Wahlprogramm und gewinnt die Wahl. Nicht mehr pädagogische Lehren werden die Beziehungen zu Kindern bestimmen, sondern die Kinder selbst werden die Erwachsenen lehren, wie sie die Kinder richtig ansprechen können und wie Kinder ihre Beziehungen mit den Erwachsenen gestalten wollen. Wer dem nicht folgt, verliert seinen gesellschaftlichen Einfluss – denn die Konkurrenz, die sich auf diese Realität einstellt, gewinnt die Wahl.

Die neuen Machtverhältnisse sehen die Kinder als Machtpartner, gleichberechtigt neben den anderen Gruppen der Gesellschaft. Die politische Emanzipation bewirkt unaufhaltsam die Gleichwertigkeit auch in den menschlichen Beziehungen. Es wird sich herausstellen, dass nicht Erziehung, sondern Beziehung angemessen ist, wie stets, wenn Menschen auf einer gleichen Stufen miteinander leben. Die Erwachsenen erleben in Kindern Menschen, die sie nicht missionieren müssen, sondern die ihnen tatsächlich gleich sind und auf die sie sich stützen können, gesellschaftlich wie privat.

10.  Die Gesellschaft braucht die Kinder als politische Macht. Kinder werden immer als Hoffnung, als Zukunft gesehen. In der Literatur. Im Kindergarten. In der Schule. In Festvorträgen. Jetzt wird diese Hoffnung gesellschaftliche Realität. Die Alltagspolitik – das Ringen darum, wie alle zusammen leben – wird erweitert und korrigiert. Es ist eine große Chance der Menschheit, die Kinder an der Gestaltung der Welt wirksam zu beteiligen. Und es ist vielleicht die letzte Chance. Angesichts der atomaren Gefahr und der drohenden Vernichtung der Lebensgrundlagen wird alles in die Waagschale des Lebens geworfen. Die Kinder werden Wege weisen, die zu gehen niemand bislang gewagt hat. Sie wählen die Partei, die kompromisslos den Hunger in der Welt beseitigt. Das als einziges Beispiel. Sie sehen die Welt aus der unverbrauchten Perspektive derer, die noch Jahrzehnte leben wollen – gesund und in Frieden. Und dies wird reale Politik.


aus: H.v.S., Kinder in der Demokratie: Wahlrecht für Kinder, 2001 (1981)


Montag, 15. April 2019

Anketten im Reichstag I

 


 


























Ich las in der Zeitung, dass die zwanzigjährige Politikstudentin Tracy Osei-Tutu sich in einer spektakulären Aktion mit sieben Gleichgesinnten in der Kuppel des Reichtags ankettete. Im TAZ-Interview vom 28.3. sagte sie hierzu:

"Ich wünsche mir, dass Kinder und Jugendliche aktiver Teil der Demokratie werden mithilfe eines Kinderwahlrechts und eines Jugendrats, der über die Zukunft wacht. Wir stellen uns ein Gremium vor, das die Interessen der Jugend auf  Bundesebene vertritt. Die Mitglieder sollen zwischen 14 und 28 Jahre alt sein. Wichtigster Hebel des Jugendrats ist das Zukunftsveto. Die junge Generation soll 'Stopp' sagen können bei Themen, von denen sie langfristig betroffen sind."

Kinderwahlrecht ab 14? Tja, denke ich, immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt grade so eine Aufbruchsstimmung, Fridays for Future...Ich will die Gelegenheit nutzen und wieder einmal grundsätzlich werden. Also poste ich Texte zum Wahlrecht für Kinder (aus meiner Literatur*).


***


»Wenn Du jemandem gestattest,
Dir Dein Wahlrecht zu nehmen,
so bist Du kein freier Mensch,
sondern ein Sklave.
Selbst im Namen der höchsten
Ideale der Brüderlichkeit
oder anderer Werte
kann Dir niemand
das Recht nehmen,
zu wählen, zu entscheiden,
etwas zu schaffen.
Das heißt,
frei
diejenigen zu wählen,
die über Dein Schicksal
regieren werden.«

Europarat: Du bist ein Mensch – Botschaft an die Jugend Europas (1978)


***


Wie einst Männer, Frauen und Schwarze von der politischen Macht ferngehalten wurden, so geschieht es heute noch mit den jungen Menschen. Mit dem Wahlrecht für Kinder wird kein neues Recht gefordert, das die Erwachsenen den Kindern geben. Dieses Recht ist von niemandem zu geben. Es ist unabhängig davon längst da, es kommt jedem von Geburt an zu. Aber andere können die Ausübung dieses Rechts behindern. Und genau dies geschieht mit Kindern durch das Grundgesetz in Artikel 38 Absatz 2: "Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat." Dies ist zu ändern!
In Artikel 38 Absatz 2 heißt es: »Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.« Dieser Artikel soll geändert werden. Es wird definitiv festgestellt: »Wahlberechtigt und wählbar sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene; eine Einschränkung des Wahlrechts und der Wählbarkeit aufgrund des Alters gibt es nicht.« Der Absatz 2 des Artikels 38 könnte auch ersatzlos gestrichen werden. Doch es ist sinnvoll, die Gleichberechtigung des jungen Mitbürgers unübersehbar und unzweideutig in das Grundgesetz einzufügen.
Das Wahlrecht steht als politisches Persönlichkeitsrecht, als Menschenrecht jedem zu. Wann dieses Recht zur Anwendung kommt, wann man zur Wahl geht – darüber entscheidet ein jeder selbst, zu seiner Zeit. Der eine will mit 8 Jahren zur Wahl gehen, der andere mit 30 oder mit 80 Jahren. Sicher gehen nicht alle Achtjährigen zur Wahl und auch nicht alle Dreißigjährigen und nicht alle Achtzigjährigen, aber sie haben das Recht hierzu und könnten, wenn sie wollten, und niemand darf sie daran hindern. Darum geht es. Nur darum.

Demokratie ist nicht begrenzbar. Man kann nicht zu recht demokratische Rechte in Anspruch nehmen – als Mann, als Weißer, als Erwachsener – und sie dann anderen – Frauen, Schwarzen, Kindern – vorenthalten. Das ist der Kerngedanke, wie er in der demokratischen Tradition enthalten ist, und wie er auch im Grundgesetz stehen sollte.

Die Unfähigkeit zum Frieden hat ihre Wurzel auch in der Kindheitserfahrung, gegen die absolute Macht der Erwachsenen kein Recht setzen zu können, in einer Diktatur der Erwachsenen zu leben. Wenn erst mit achtzehn Jahren Demokratie erlebt wird, hat sich die Ohnmachtserfahrung der Rechtlosigkeit längst festgesetzt.

Auch der Einwand, man solle, wenn überhaupt, das Wahlalter nicht gänzlich aufheben, sondern an ein bestimmtes unteres Mindestalter binden, etwa an das Schuleintrittsalter, verkennt den Kern des Wahlrechts in der Demokratie. Denn die Überlegungen, die zu einem bestimmten Wahlalter führen, sind für alle, die ausgeschlossen bleiben, weiterhin voller Diskriminierung. Vor allem aber wird übersehen, dass es sich beim Wahlrecht um ein absolutes Recht handelt, das jedem von Geburt an zukommt, und dass hiervon zu unterscheiden ist, wann und wie von diesem Recht Gebrauch gemacht werden kann und wird.

Es wird immer die verschiedensten Gründe geben, sein Wahlrecht nicht auszuüben, auch wenn es einem zusteht. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. Es gibt bei Erwachsenen keinerlei Diskriminierung, ein jeder hat das Wahlrecht, wie immer er auch daherkommt und was immer auch dazu führt, dass er es nicht ausüben kann oder nicht  ausüben will. Keinem unkundigen, bewusstlosen, dementen, volltrunkenen oder sonst wie wahlunfähigen Erwachsenen wird das Wahlrecht je abgesprochen. Warum also Kindern?

Warum sollte das Gesetz für junge Menschen anders sein als für erwachsene Menschen? Es ist gerecht, praktikabel und schließt jede Diskriminierung aus, wenn es keine Altersgrenze gibt, wenn das »Wahlalter Null« existiert und es jedem überlassen bleibt, zu welchem Zeitpunkt er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wird.

Wenn Säuglinge und Kleinkinder nicht zur Wahl gehen, ist das kein Grund zur Diffamierung der Forderung, die Wahlaltersdiskriminierung abzuschaffen. Die Selbstverständlichkeit, dass Säuglinge und Kleinkinder sich wahrlich nicht mit politischen Dingen beschäftigen, muss nicht in den Perfektionismus münden, die »wirkliche« Altersgrenze für das Wahlrecht zu definieren. Niemandem schadet es, wenn die untere Altersgrenze nicht gezogen wird. Und ist es so schwer zu erkennen, dass es nicht darum geht, mit dem Wahlrecht für Kinder die Wirklichkeit abenteuerlich zu verbiegen, sondern nur darum, jedem ohne Einschränkung die politische Selbstbestimmung offen zu halten, wann immer er von diesem Menschenrecht Gebrauch machen will?

Die Erwachsenen haben mit Wahlgesetzen dafür zu sorgen, dass ein Kind auch tatsächlich von seinem Wahlrecht Gebrauch machen kann, wenn es das will. Dass Kinder den uneingeschränkten Zugang zu Wahlveranstaltungen haben wie Erwachsene. Dass sie an die gewünschten Informationen herankommen. Dass Eltern sich dem politischen Engagement der Kinder nicht in den Weg stellen. Dass Kinder in einer druck- und angstfreien Atmosphäre wählen können. Dass niemand sie daran hindert, wenn sie zum Wahllokal gehen wollen.

Das alles sind große Aufgaben und Pflichten, und es wird erheblicher Anstrengungen der Erwachsenen bedürfen, bis die Demokratie auch für Kinder Realität ist. Und dies geht bis in die Details: Dass die Schreibpulte in den Wahlkabinen sowohl für große als auch für kleine Menschen geeignet sind. Dass jemand, der noch nicht lesen kann, eindeutige Symbole auf den Wahlzetteln vorfindet. Dass die Wahlurnen so niedrig aufgestellt werden, dass ein Kind seinen Wahlschein ohne Mühe hineinwerfen kann...

Fortsetzung folgt.



* aus: H.v.S., Kinder in der Demokratie: Wahlrecht für Kinder, 2001 (1981)

Montag, 8. April 2019

Die Wanne: erklären und erklären








"Es ist doch gut, wenn man alles erklärt. Immer wieder. Das hab ich von Anfang an gemacht. Aber jetzt sind die Zwillinge in der Schule und wollen endlos diskutieren. Ich bin oft an meiner Grenze. Manchmal schaue ich nachdenklich zu anderen Eltern und werde neidisch. Die ordnen einfach an: Ab in die Wanne! Das klappt dann auch. Bei mir gibts da endlose Diskussionen. Aber das ist doch richtig. Was meinen Sie?"

Mit diesem ausuferndem Eingehen auf die Kinder habe ich nichts im Sinn. Mit Diskussionen schon. Aber im Rahmen. Den setze ich. Die Wanne muss eben sein. Wie zig andere Sachen auch. Sie muss sein, weil ich das so will. Weil ich das richtig finde. Weil ich nicht der Dackel meiner Kinder bin.

Die Kinder sind schon die Gelackmeierten. Klarer Fall. Sie wollen keine Wanne, aber ich. Ich versuche, sie mitzunehmen, achtsam mit ihren Wünschen umzugehen, wie das heute so schön heißt. Aber eben im Rahmen, in meinem Rahmen. Und ich habe die Macht: die Wanne gehört mir, und die Kinder - auch. Nicht wirklich, schon klar. "Also rein mit Euch!" Pronto!

Diese ganze Verschleierungssalbaderei der modernen Pädagogik und der sensiblen neuen Eltern: Das rauscht doch gnadenlos an der Realität vorbei. Und das ist auch einfach extrem anstrengend. Die Mutter wird neidisch. Welcher Lehre ist sie da aufgesessen? So einer Mischung aus achtsam, antiautoritär, seelenheilkundig. Na ja, solche Eltern gibt es zuhauf. Aber diese Mutter fragt mich ja, sie ist am Limit, sie sucht Hilfe. Was kann ich ihr geben?

Ich halte ihr nicht meine Position unter die Nase. Das ist ja Feindbild und geht nicht für sie. Ein "Ab in die Wanne!" ist nicht ihre Welt. Ich versuche lieber, ihr einen versöhnlichen Gedanken zu zeigen, einen, der sie mit sich selbst in Frieden bringt.

Ich sage zu ihr: Sie sind halt eine Erklärerin. Solche Eltern gibt es. Bei jeder Elternart gibt es Leichtes und Schweres. Es gibt nicht eine Art, die immer nur Lächeln und Folgsamkeit erreicht. Es gibt die Gegensätze - Wanne ja / Wanne nein - , und es gibt verschiedene Arten, damit umzugehen. Man kann im Elternklub der Diskutierer sein ("Schau mal ..."), oder der Anordner ("Rein da!"), oder der Nachgeber ("Ok, heute keine Wanne"), oder der Schlaumeier (So wie die heute drauf sind, wird geduscht), oder der Abgeber ("Mach Du das mit den Kindern"). Und so weiter.

Sie wissen ja, wo Sie da unterwegs sind. Also. Dann diskutieren Sie. Auch endlos. Und stopfen die Kinder schließlich auch gegen deren Willen ins Wasser. Und jetzt kommt das, was ich Ihnen sagen will: Dabei müssen Sie absolut kein schlechtes Gewissen haben. Sie tun doch, was Sie können. Sie erhalten aber keine Zustimmung zu Ihren Argumenten. So ist es. Aber: Sie wollen doch den eigenen Kopf Ihrer Kinder. Den haben Sie bekommen. Der sagt zwar Nein zu Ihrem Begehren. Aber: Er ist da. Ihre Kinder steigen mit ihrem eigenen Kopf ins Wasser. Unzufrieden, gezwungen, wütend - aber mit ihrem eigenen Kopf.

Sie wünschen sich das Zaubermittel, dass die Kinder tun, was Sie gern hätten. Das gibt es, das gibt es nicht. Wie es kommt. Und wenn Sie kein "Ja Mama" bekommen, dann leiden die Kinder. Das lässt sich nicht verhindern.

Ich sage es ihr noch einmal. Eindringlich: "Das lässt sich nicht verhindern". Ich weiß, dass Eltern wie sie genau das aber als inneren Auftrag mit sich rumschleppen: Dass kein Leid/Ärger/Wut/Ungemach bis hin zum Trauma bei den Kindern entsteht, wenn man dies und das an sie ranträgt. Quadratur des Kreises. "Stehen Sie einfach zu dem Leid, das Sie verursachen." Darüber kommen wir dann länger ins Gespräch. Jesus und sein wütendes Durchsetzen im Tempel mit dem Leid der Geldwechsler ist auch dabei. Zum Schluss bekomme ich mit, dass so drüber nachzudenekn für sie neu ist -  und irgendwie verboten. Aber süße Frucht. Dass es sie entlastet. Wenn sie für die Kinder eine "Fiese Alte" ist.

Sich einbringen und sich durchsetezn: ein Alltagskram. Überall. Einkaufen, Arzt, Kollegen, Behörde, Autofahren, Partnerschaft. Man steht immer vor der Wahl: Dackel oder Fiesling. Und irgendwann ist man immer mal wieder der Fiesling. Wenn man das schlecht sein kann - dann kann man es eben schlecht. Dann kann man ja nachgeben und Dackel sein und sich dann blöd fühlen. Keine Ahnung, wie man da rauskommt. Ich kenn da meinen Weg, banal für mich: Ich liebe mich halt, so wie ich grad drauf bin, und dann gebe ich nach ("Keine Wanne") oder bin Brutalo ("Schluß jetzt, rein ins Wasser!"). Irgendwie habe ich es da doch leicht und mach mir keinen Kopf. Und von dieser Leichtigkeit erzähle ich der Mutter. Sie nimmt mir das ab - ob sie auch was davon mitnimmt?

Montag, 1. April 2019

Selbstliebe und erziehen







Der Böhme-Zeitung in Soltau bei Hannover gab ich vor kurzem anlässlich eines Vortrags ein Interview zum Thema "Selbstliebe und erziehen". Hier ist es.


Die Annahme, dass Kinder erst zu „richtigen“ Menschen erzogen werden müssten, ist sicherlich falsch, wenn damit „vollwertig“ oder „gleichwertig“ gemeint ist. Dennoch bedürfen Kinder in unterschiedlichen Lebensphasen doch immer wieder elterliche Unterstützung und auch Anleitung. Was soll daran falsch sein?

Nichts. Besser: kommt drauf an. Auf den Ton nämlich, der beim Unterstützen und Anleiten dabei ist. Von oben herab? Weil ich recht habe? Weil Du noch ein Kind bist? Ja, wir stehen oben, haben recht und ein Kind ist ein Kind. Aber bei aller Offensichtlichkeit: da kann ein unguter Ton dabei sein, der von oben herab kommt, mit Rechthaberei und „Du bist nur ein Kind“. Das muss nicht sein. Und es sollte nicht sein.

Die allermeisten Eltern handeln instinktiv so, wie es ihrer Überzeugung nach das Beste für das Kind ist. Wenn sie jetzt hören, dass das zu viel ist – erzeugt das nicht vor allem ein schlechtes Gewissen und verunsichert die Eltern nur noch mehr in einer Welt zwischen Perfektionismus und Überlastung?

Menschen gibt es seit Millionen Jahren, und immer haben Eltern instinktiv so gehandelt, wie sie es als gut für ihre Kinder eingeschätzt haben. Das ist der richtige Weg und nicht „zu viel“. Ich bestärke Eltern darin, sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Das ganze heutzutage ausgetüftelte Erziehungsdenken stört: das ist zu viel, wird leicht zur Last und verunsichert. Ja, man kann auch mal einen Erziehungsratgeber lesen oder einen Vortrag zu Erziehungsfragen besuchen. Aber nötig ist das nicht.

Sie schlagen vor, die Selbstliebe wieder zum Ausgangspunkt des Umgangs mit den Kindern zu machen. Ist das nicht leichter gesagt als getan? Setzt diese Selbstliebe ein radikales Umdenken voraus? Und wie müsste das aussehen? Ist Selbstliebe vor allem eine Frage der inneren Einstellung? 
 
Mein Vorschlag ist keine Hausaufgabe. Niemand muss die Selbstliebe zum Ausgangspunkt des Umgangs mit Kindern machen. So etwas hört sich doch nur anstrengend an. Ich bin da anders unterwegs, nämlich so: Jeder kann es sich gestatten, erlauben, sich hineinfallen lassen in ein freundliches Ich-mag-mich. So was braucht kein Umdenken und keine besondere Einstellung. Und um so besser, wenn einem das im Zusammensein mit den Kindern passiert.

Selbstliebe scheint heute vielen Menschen schwer zu fallen, sie ist alles andere als selbstverständlich. Selbstzweifel scheinen – gerade Eltern – zu dominieren. Wie kann man Selbstliebe lernen?

Menschen tragen die Selbstliebe von Geburt an in sich. Wir haben nur in der Kindheit gelernt, uns nicht als liebenswerte Ebenbilder Gottes zu sehen sondern als fehlerhafte Wesen, die man erziehen muss. Weg damit! Es ist aber auch kein Drama, wenn man an sich zweifelt. Das gehört in der Erziehungskultur, in der wir groß geworden sind, eben dazu. Und: „Selbstliebe lernen“ - so geht das nicht. Sie ist ja da, und es kann einem irgendwie (?) widerfahren oder geschenkt werden, dass sie wieder aufblüht. Jeder ist da eingeladen, sich auf seine Sebstliebewiese plumpsen zu lassen, so wie wir das als Kinder konnten. Vielleicht gehört einfach ein bisschen Mut dazu, sich zu trauen. Sich zu vertrauen. Sich in Ruhe zu lassen. An sich zu glauben.

Auch wenn es Eltern gelingt, sich selbst zu lieben, löst das noch nicht alle familiären Probleme. Auch selbstliebende Eltern werden weiter mit ihrem Kind und miteinander Konflikte austragen müssen, auch miteinander streiten. Wo ist da der entscheidende Unterschied? 

Noch einmal: Es muss Eltern nicht gelingen, sich selbst zu lieben. Das ist doch alles viel zu gewollt. Nichts muss. Nur: Wenn man sich mag, was ja vorkommen kann, dann lassen sich die Alltagsprobleme gelassener angehen. Konflikte wird es immer geben. Ich sag hü, das Kind sagt hott. Und dann gebe ich gelassen nach oder ich setze mich ohne Zimperlichkeit durch: „Es gibt nicht noch ein Eis!“ Das haben die Kinder natürlich nicht so gerne, es entstehen Ärger und Leid. So ist es, und das lässt sich auch nicht vermeiden. Und: Ich mag mich, wenn ich mich durchsetze! Weil mir das wichtig ist, weil es meinen Werten und meinen Vorstellungen vom Besten des Kindes entspricht. 

Zum Unterschied: Ich muss den Kindern dann ihren Unwillen, Ärger oder Leid nicht wegpusten und madig machen durch ein „Sieh das ein“ und „Es ist doch nur zu Deinem Besten“. Nach jedem Regen scheint die Sonne ganz von allein. Wir müssen es uns nicht übel nehmen, wenn wir Steine im Weg der Kinder sind. Das gehört einfach dazu. Die Quadratur des Kreises, sich durchzusetzen und dabei noch ein Lachen hervorzulocken, muss sich niemand antun.

Bedeutet Selbstliebe, dass ich auf Erziehung verzichten kann? Wie soll ich mein Kind dann begleiten?

Auf Erziehung verzichten? Man kann darauf verzichten, sich im Umgang mit Kindern missionarisch, besserwisserisch, mit ungutem Sieh-das-ein-Ton über die Kinder emporzuschwingen. Ich habe den Begriff „Erziehung“ nicht so gerne, weil er diese Oben-Unten-Position normalerweise als Grundrauschen enthält. Aber lassen wir das, erziehen wir die Kinder einfach ohne diese traditionelle und pädagogische Erwachsenen-Macke. Erziehen wir instinktiv oder belesen oder beides. Verunsichert oder gefestigt oder beides. Wie es kommt. Selbstliebe hin oder her. Wie gesagt, seit Millionen von Jahren... Das wird schon!



Montag, 11. März 2019

Greta und die Lehrer







Die Kommentare der Lehrerschaft und ihrer Vasallen zu Greta Thunberg und Fridays for Future lassen kalte Wut in mir aufsteigen, wieder mal. Und wieder mal meißel ich in die Welt die Wahrheit über die Lehrer und alle Erwachsenen, die hinter ihnen stehen. Klar doch, es ist meine Wahrheit, und ich habe keinen Besserwisseranspruch. Keinen Anspruch. Aber sehr wohl habe ich Recht - aus meiner Sicht. Hier also mein Text, geschrieben schon vor 20 Jahren:


Lieber Lehrerin! Lieber Lehrer!

Mit welchem Recht legen Sie fest, was ein anderer Mensch zu denken und was er nicht zu denken hat? "Schlag Dein Buch auf, lies den zweiten Absatz von oben!", "Wiederhole, was ich gerade gesagt habe!", "Gib den Text mit eigenen Worten wieder!", "Wie viel ist sieben mal acht?", "Wo fließt der Amazonas?", "Wann, warum, womit, weshalb, wodurch, weswegen, wohin, wie lange, wozu, wie oft, wie gut, wie schnell, mit wem, mit wem nicht, mit welchem Recht, ...?" Mit welchem Recht setzen Sie sich grandios über das Recht eines anderen Menschen hinweg, zu denken, was er will? Warum missachten Sie das Menschenrecht auf Gedankenfreiheit? Permanent, ohne auch nur irgendeinen Impuls des Innehaltens, des Ahnens, dass da etwas Ungeheuerliches passiert? Mit welchem Recht greifen Sie so ohne jeden Skrupel in die innere Souveränität eines anderen Menschen ein? Mit welchem Recht zelebrieren Sie in geradezu religiösem Fanatismus diesen kulturellen Imperialismus? Mit welchem Recht behandeln Sie die Kinder wie die Nigger, denen der Missionar die Religion und Zivilisation beizubringen hat? Warum haben Sie wie die kommunistische Partei immer Recht? Was treibt Sie in diesen unreflektierten Chauvinismus, in diesen überbordenden Adultisms?

Was hindert Sie eigentlich, in Kindern Menschen zu sehen, die ihre eigenen Gedanken und ihre eigene innere Welt haben, mit denen man von Gleich zu Gleich in Austausch treten kann? Was treibt Sie in den "pädagogischen Bezug", der Ihnen die Führungs- und Formungsrolle gibt, wie progressiv sich das heute auch ausnimmt? Wozu ist es gut, dass Sie selbst nach und nach versteinern, weil Sie immer dieselben Fragen stellen und ohne wirklichen geistigen Austausch leben - den Sie verfehlen, wenn Sie Kinder nicht als vollwertige Menschen mit einer eigenen souveränen inneren Welt sehen, sondern als Behälter, die mit Ihrem Wissen und Ihrer Kultur gefüllt werden müssen? Warum sind Ihre Augen verschlossen vor dem Leid, das Sie diesen Menschen psychisch, intellektuell und spirituell zufügen? Und vor dem Leid, das Sie sich durch die dadurch bedingte Isolation selbst zufügen?

Warum verschließen Sie sich dem kulturellen Paradigmenwechsel von Oben-Unten hin zur Gleichwertigkeit und zur Achtung vor der Identität des anderen? Wie er längst gelungen ist in den Lebensbereichen Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Mensch-Natur, Kultur-Kultur, Religion-Religion und vielen anderen? Mit welchem Recht setzen Sie den historisch überholten Totalitarismus im Klassenzimmer fort? Mit welchem Recht verordnen Sie im Machbarkeitswahn gottgleicher Sendung anderen Menschen Ihre kulturelle und zivilisatorische Vorstellung vom Menschen?

Mit welchem Recht verstoßen Sie gegen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit? Warum können die Kinder nicht sagen, was sie wollen und wann sie es wollen? Was heißt "Ihr seid zu laut!", "Du bist nicht dran!", "Rede vernünftig!", "Das passt nicht hierher!" eigentlich? Mit welchem Recht maßen Sie sich an, anderen Menschen über den Mund zu fahren? Warum machen Sie die Kinder mit Ihrem "Ruhe jetzt!" zu Duckmäusern? Mit welchem Recht sind nur Ihre Gedanken und Ihre Worte verbindlich, und warum haben die Kinder keine wirkliche Möglichkeit zum Widerspruch, zum Vortragen eigener Meinungen, zur Vertretung ihrer Interessen? Mit welchem Recht hängt alles grundsätzlich und im Detail immer wieder von Ihrem Wohlwollen ab, wie in der Leibeigenschaft? Mit welchem Recht üben Sie im Klassenzimmer Diktatur aus und missachten die Grundwerte der Demokratie? Mit welchem Recht gilt für Sie nicht "Die Würde des Menschen ist unantastbar"? Mit welchem Recht tasten Sie die Würde der Kinder an, denken und sagen zu können, was sie selbst denken und sagen wollen?

Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht missachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmisshandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnung "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertrauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?

Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnungen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?

"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"

Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Misshandlung?

Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?

Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?

aus: H.v.S., Schule mit menschlichem Antlitz, 2001, S. 26ff

Montag, 4. März 2019

Das Leid der anderen







Im Zuge der Vatikan-Konferenz zum Missbrauch las ich einen Kommentar von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom vom 24.2.Um diese Passage seines Kommentars geht es mir jetzt:

"Ganz offensichtlich leben viele Kirchenobere in einer Art Paralleluniversum, das es ihnen schwer macht, Gefühle anderer Menschen richtig einzuschätzen...Wie kann es sein, dass diese Kirchenmänner so lange blind waren für das große Leid im eigenen Haus?"

Blind für das Leid anderer? Da tut sich eine sehr große Tür auf, die Tür zum Leid der anderen. Das Öffnen der Tür wird hier garniert mit dem erstaunt-entrüstet-bigotten "Wie kann es sein?" Ja mei! Leute, wo lebt ihr eigentlich? Es gibt dermaßen viel Leid auf dieser Welt, dass es eher an ein Wunder grenzt, dass Leid seiner Selbstverständlichkeit und Allgegenwart entrissen wird, bemerkt wird, erkannt wird, benannt wird. Wir sind heute offener und kundiger in der Leidwahrnehmung als in früheren Zeiten, und das ist gut so. Aber dieses "Wie kann es sein?" finde ich anmaßend.

Beispiele gefällig für Leid, konkretes, das nicht erkannt und thematisiert wird? Bitte sehr: Das Leid jedes Kindes an der Schule. Schultraumatisierung des einzelnen, Schultraumatisierung der Gesellschaft. Dieses tabuisierte Leid habe ich als Lehrer bemerkt und mich drum gekümmert, seit über 40 Jahren - wer zieht mit und merkt was? Wenige, sehr sehr wenige. Das Leid der Tiere, die wir einsperren, dahinvegetieren lassen, umbringen und auffressen: Immerhin, es gibt seit einiger Zeit mehr und mehr Vegetarier. Das Leid der Bäume, die wir zerstören, um Bücher und Zeitungen daraus zu machen: Sieht keiner. Das Leid der Mikroorganismen, die wir bei jedem Schritt durch die Welt mit den Füßen zerquetschen: sieht keiner. Abertausend Beispiele. Und: Das Leid der Kinder, die sexuell konsumiert werden: ja, das ist grade dran, große Glocke. Die neue Leid-Sau, die durchs Dorf getrieben wird.

Durchs Dorf der Rechtschaffenen. Die sagen, wo es lang geht. Die Deutungsmacht beanspruchen und ausüben und den Ton angeben. Die sich entrüsten: "Wie kann das sein..."

Ich sehe dieses Leid der missbrauchten Kinder. Ich sehe auch anderes Leid, so viel Leid... Ich sehe, dass dieser Planet von Leid und von Freud gezeichnet ist. Was dem einen seine Nötigkeit und Freude ist, ist dem anderen sein Missbrauchtwerden und sein Leid. Das sehe ich als Realität, und eine Besserwisserei, ein Moralisieren finde ich in dem ganzen Szenario daneben.

Wenn ich Leid erkenne, bin ich gefragt, gefordert. Wegsehen. Hinnehmen. Eingreifen. Verringern. Vorbeugen. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich bin in meiner Verantwortung für mich und meinen Weg durchs Leben gefragt: wie will ich mit dem Leid vor mir umgehen? Der Leid der Schulkinder? Der Ess-Tiere,? Der Papier-Bäume? Der Mikros? Der Beute-Kinder?

Und, nächste Frage: wie soll ich mit den Leidzufügern umgehen? "Täter" sagen, diese Menschen diskreditieren, Mühlsteine um den Hals? Diese destruktiven Hassorgien der "Guten" nerven wirklich. Wer so mit dem Leid der anderen umgeht, sich nicht nur kümmert um die Leidenden und die Leidzufüger stoppt, sondern wer die Leidzufüger als Monster brandmarkt, fügt gleich wieder Leid zu, vermehrt das Leid der Welt, steigt nicht aus dem Leidstrudel aus. Der Weg zum Frieden kann nur der Frieden selber sein.

Es gibt nur Ebenbilder Gottes. Was immer sie tun. Wenn aus ihrem Tun Leid entsteht, dann kann ich ihnen Einhalt gebieten. Wenn das in meiner Macht steht. Aber ich muss sie nicht - bei allem Leid, dass dann durch mein Eingreifen entsteht - noch obendrein ihrer Würde berauben: "Täter" ist so ein würderaubender Begriff. "Missbrauch" ist so ein würderaubender Begriff. Das führt doch keinen Schritt weiter!

Ich kümmere mich um das Leid der anderen. Aber ich vergrößere nicht das Leid der Welt durch die Verteufelung des Leidzufügers. Ich achte ihn - auch wenn ich ihn ausschalte. Bischöfe, die das Leid der Kinder nicht sehen - Fleischesser, die das Leid der Tiere nicht sehen - Zeitungsleser, die das Leid der Bäume nicht sehen -
Wir Normalos, die wir das Leid der Mikros nicht sehen. Ja, wenn wir ihnen etwas von dem vermitteln können, was wir sehen, dann gelingt etwas. "Einige Bischöfe scheinen tatsächlich erst jetzt verstanden zu haben, was in Missbrauchsopfern vorgeht" schreibt Forchheimer. Das ist doch super! Mehr geht doch gar nicht!

Das alles lässt sich auch ganz klein verhandeln. Wenn ich meine Partnerin verlasse - sehe ich das Herzeleid, das dann bei ihr entsteht? Wenn sie mich verlässt - sieht sie  dann mein Leid? Wenn ich ein Kind ermahne - sehe ich das Leid, wenn seine Krone fällt? Wenn ich eine Bitte abschlage - sehe ich das Leid des Bittenden? Wenn ich einem "Nein", "Komm", "Geh", "Bleib" nicht folge - sehe ich das Leid des anderen?

Und dann: Wieviel Leid will ich auf mich nehmen, um das Leid des anderen zu verringern? Wie sehr will ich auf mich verzichten und mich hintanstellen, damit Du an mir nicht leidest? Mein Leid ist das Leid der anderen. Das Leid der anderen ist mein Leid.


Montag, 25. Februar 2019

Verantwortungsvater







Nach dem Vortrag erzählte mir ein Mann, Mitte fünfzig: "Mein Sohn ist jetzt dreißig, er hat mir neulich Vorhaltungen gemacht wegen unserer Scheidung. Damals war er sieben. Ich wäre meiner Verantwortung ihm gegenüber nicht gerecht geworden und hätte mich auch der Mama gegenüber verantwortungslos verhalten. Was denken Sie darüber?"

So eine Frage geht voll rein in die gesamte Verantwortungsthematik der Amication, und entsprechend springe ich drauf an. Kann jemand einem anderen sagen, wie der seine Verantwortung sehen und wahrnehmen soll? Berechtigt sagen, so dass man die Aussage ernst nimmt und sich damit beschäftigt? Sagen kann man viel, und eine solche Aussage über die Sicht und Realisierung meiner Verantwortung kann ich aufnehmen und drauf eingehen. Ich kann sie aber auch als anmaßend und übergrifftig ablehnen. So habe ich das hier gesehen. Niemand ist befugt, sich zum Verantwortungs-Überwacher eines anderen aufzuschwingen. Auch nicht ein Kind gegenüber den Eltern, auch nicht dieser Sohn gegenüber seinen Vater.

Wir gehören nicht anderen, auch nicht Eltern den Kindern. Ebenso gehört unsere Verantwortung nicht anderen. Andere sind davon betroffen, wie wir unsere Verantwortung sehen und wie wir sie leben. Aber sie haben uns nicht zu sagen, wie wir das zu denken und zu tun haben. Es ist schon klar, dass dieser Sohn unter der Entscheidung seines Vaters, sich von seiner Frau zu trennen, gelitten hat. Da steckt die ganze Dramatik der Scheidungskinder drin. Aber lässt sich zu recht aus dem Scheidungsleid der Kinder ein Handlungsmuss der Eltern herleiten?

Nein, klares Nein. Wenn Paare auseinandergehen hat dies tausend Gründe, Abgründe, Vorder- und Hintergründe. Und die Eltern werden das Leid ihrer Kinder viel, wenig oder gar nicht berücksichtigen. Gibt es dabei eine sittliche/moralische/ethische Forderung der Kinder an die Eltern? Das "Du sollst bei mir bleiben" des Kindes ist gewichtiger als der (getrennte) Weg, den Eltern gehen wollen? Wer steht über wem? Da ein jeder sich selbst gehört, kann man die Aussage des anderen, der Kinder hören - aber sie zu bewerten obliegt jedem selbst. Von daher kommt das "Ich bin nicht für Dich verantwortlich".

Wieviel Willkür und Nichtachtung den Kindern gegenüber liegt in einer Trennung? Ist eine solches Denken (das diese Frage und ähnliche hervorbringt) nicht die eigentliche Willkür und Nichtachtung, und zwar den sich trennenden Eltern gegenüber? Das sehe ich so. Menschen gehen ihren Weg durchs Leben, durch ihr Leben. Dies hat rechts und links Leid und Freud zu Folge. Und darüber, speziell über das Leid, hat jemand zu befinden? Zu befinden mit einem Verhaltensanspruch? "Hättest Du aber tun müssen"? Ist nicht von meiner Welt. Ist ohne Frieden. Ist ohne Liebe. Ist ohne Heilung. Ist von der dunklen Art.

Der Vater war verwirrt von dem Vorwurf seines Sohns. Wir haben länger miteinander gesprochen. Klar weiß er um das Leid seines Trennungskindes. Und das hätte er wirklich gern mit einem Zauber von seinem Sohn ferngehalten, ihn davor bewahrt. Aber dieser Verantwortungs-Vorwurf, dieser Verantwortungslosigkeits-Vorwurf: "Wie soll ich damit umgehen? Was soll ich meinem Sohn sagen? Ich stehe zu meiner damaligen Entscheidung, die Trennung war unser Weg. Das war meine Verantwortung. Mir, meiner Frau und meinem Sohn gegenüber. Um Schlimmeres zu verhindern. Aber das kann ich meinem Sohn nicht vermitteln. Er ist so im Vorwurf und Leid, da komm ich nicht durch. Ich war nicht verantwortungslos."

Ich habe ihm gesagt, natürlich, dass er nichts falsch gemacht hat. Dass es zuerst um sein - sein - Leben und seinen - seinen -Lebensweg geht. Und dass wir dafür die Verantwortung tragen. Wobei wir den anderen, auch unseren Kindern und unserem Partner, so viel Raum in uns und auf unserem Weg geben, wie wir können. Und dass da auch dazu gehört, Ansprüche, die wir als übergriffig erleben, zurückzuweisen. Um uns gesund zu halten. Um uns nicht einreden zu lassen, wir wären Unholde und Monster (gewesen). Das "Ich liebe mich so wie ich bin" gilt auch hier, auch in der Rückschau auf Leid, das andere durch uns erlebt haben. "Sie waren damals ein liebevoller und verantwortungsvoller Vater, so wie Sie es auch heute sind und bis ans Lebensende sein werden." Ich habe ihm das gesagt, überzeugt. Er ist mit diesem Frieden gegangen.

Montag, 18. Februar 2019

Und plötzlich bin ich weg






Eine gute Freundin von mir verschwand von jetzt auf gleich im Krankenhaus. Nach schneller Diagnose wurde sie sofort operiert, es war knapp. Also: Sie ist noch da, aber beinah wäre sie weg gewesen, fort aus ihrem und aus meinem Leben. "Und plötzlich bin ich weg" sagt sie humorvoll zu ihrem Beinahe-Weg. Soweit kam es nicht. Aber sie hat doch irgendwie recht, so kanns ja kommen, und so wird es ja auch kommen. Wann weiß keiner so genau. Aber es ist schon ein Thema.

Was bleibt eigentlich, wenn unsereins plötzlich weg ist? Ich versuch das mal aus dem Futurum 3 anzusehen. Wie es denn sein gewesen hat sollen passiert sein. Aus der Überposition (ich bin weg und sehe zurück) auf das schauen, was dazu jetzt zu sagen ist. Erst mal stellt sich da bei mir der Humor ein. Grad noch da - dann plötzlich weg. Ist schon irgendwie komisch. Es macht einem dann ja gar nichts mehr irgendwas aus: man ist ja weg.

Irgendwie ein beruhigender Gedanke. Für nichts mehr zuständig, kein Knöllchen mehr, kein Ärger mit diesem und jenem. Klar, auch die schönen Dinge des Lebens sind dann weg, so eine rote Rose wie die oben gibts dann nicht mehr. Aber was soll der Trübsinn. Weg ist weg.

Den Dableibenden, den "Hinterbliebenen" wie es so schön heißt, kann ich da nur zuzwinkern: freut Euch über die Rose, solange Ihr sie seht. Ja, seht all das Schöne um Euch herum, es ist da, der Sonnenaufgang, der Sonnenuntergang, all das Unendliche dazwischen, und der Sternennachthimmel. Ach tausenderlei. Das schelmische "Plötzlich bin ich weg" meiner Freundin birgt ja eine tiefe Wahrheit und wichtige Botschaft: Sieh Dich um, sieh, wo Du bist: Blauer Planet Erde, ein wunderschöner Edelstein im Universum, und Du bist darauf unterwegs. Einfach grandios vor dieser monumentalen Kulisse des Kosmos, ein aus vollem Herzen kommendes "Ja" ist hier angesagt.

Ich habe viel Bekümmerliches über den Tod gespeichert in mir, aufgenommen an Wispern und Waspern in meinem Leben, von klein auf bis heute. Da stirbt dieser und jener, meine Großeltern, mein Vater, ein Kind auf dem Camp, etliche Freunde, sie gehen für immer. Und das alles ist mit Trauer und Betrübnis und wehe, wenn es Dir passiert, verwoben. Tja. Das will ich nicht schlechtreden oder zerdeppern, diese Todesgruseligkeiten in mir. Nur: ich rück das mal zurecht, nehm ihnen diese Wucht und Deutungshoheit. "Plötzlich bin ich weg" hat  Glückskraft. Und ist dann auch eine spannende Sache, wer weiß, wo es hingeht. Vielleicht nirgend wo hin, aus die Maus, vielleicht in so einen ewigen Glückseligkeitsmodus. Ist auch egal. Weg ist weg: da ist Heiterkeit angesagt.

Die Erinnerungen bleiben doch. All die schönen Erlebnisse mit denen, die plötzlich weg sind. Die plötzlich weg waren, weg gingen aus ihrem und aus meinem Leben. Und auch all der große und kleine Ärger mit ihnen ist weg. Das Leben: Ja, es kommt, es ist da und es geht wieder. Am anderen Ende des Bogens sind all meine Enkelkinder, inzwischen acht. Sie ragen ins nächste Jahrhundert hinein, sie werden 2100 plus erleben. Wenn ich plötzlich weg bin, sind sie da, und sie stieben davon in ihr Leben, zu ihren roten Rosen. Es ist einfach schön, das aus dem Fiturum 3 anzuschauen. Mein Herz ist voll davon.

Und dann gibt es noch die Sehnsucht und die Tränen. Ja wirklich. Und es tut weh. Aber die Sehnsucht und die Tränen werden auch wieder gehen, ohne die Vermissten zu verraten. Und die, die da so plötzlich weg sein werden, drehen uns hin zu den roten Rosen. Und sie haben ja so recht, und die Fröhlichkeit kehrt zurück.

Montag, 11. Februar 2019

Wissenschaftliche Befangenheit







In meiner Dissertation schrieb ich davon, dass ich mich von der "wissenschaftlichen Befangenheit" lösen konnte, wenn ich mit Kindern zusammen war. Mir war wichtig, die "jungen Menschen", wie ich die Kinder nannte, nicht irgendwie "objektiv" zu beobachten/erforschen. Mir ging es um anderes: um Wahrheiten, und zwar um subjektive Wahrheiten. Hierzu die Passagen der Seiten 112-115 der Diss.

*

Bis zum Encounteseminar in Berlin im März 1977 war meine Wahrnehmung in der Kommunikation mit jungen Menschen spezifisch verstellt. Der Ablösungsprozess von der herkömmlichen wissenschaftlichen Denkweise hinsichtlich kommunikativen Geschehens im Umgang mit jungen Menschen war noch nicht "über den gewissen Punkt hinaus" vollzogen. In den vielen vorausgegangenen Kommunikationssituationen - vor allem in den Encountergruppen in La Jolla - konnte ich meine Fähigkeit zur Wahrnehmung kommunikativer Prozesse vertiefen und weiterkommen im Mich-Wahrnehmen, Mich-Ausdrücken, Dich-Wahrnehmen, Uns-Wahrnehmen. Doch erst in Berlin gelang mir die entscheidende Ablösung von der "wissenschaftlichen Befangenheit", gerade rechtzeitig vor der Erweiterung der Gruppenarbeit mit den jungen Menschen.

Es kostete mich seitdem keine Anstrengung mehr, in der Kommunikation mit jungen Menschen "einfach ich zu sein" - ich fühlte mich nicht länger einem "Forschen-Müssen" verpflichtet. Das Risiko, durch das personale Hineingehen in die Kommunikation (mit dem Verzicht auf Metareflexion während der Kommunikation und der Aufgabe von "expertenhafter Distanz") eventuell nichts zu finden und dann mit leeren Händer dazustehen, war keine Barriere mehr. Dies wäre dann eben das Ergebnis (vielleicht auch: ein Ergebnis) der Arbeit gewesen. Ich war frei und stark genug, mich darauf einzulassen

Ich konnte nun das Projekt so durchführen, wie ich es wollte, befreit und angstfrei traditionellen wissenschaftlichen Normen gegenüber. Ich fand wieder Zugang zum "Einsatz des personalen Risikos" und brachte MICH ungestört von traditionellen Wissenschafts- und Forschungsüberlegungen in die Kommunikation mit jungen Menschen ein. Und ich fand dieses Element (Einsatz des personalen Risikos) auch bei den jungen Menschen wieder und begann mit Erfahrungen neuer Art

Um nicht in objektivierendes Beobachten abzugleiten, brachte ich mich in bestimmte Orientierungsmuster ein. Drei Orientierungsmuster stelle ich beispielhaft vor:

Einbringen
Einbringen bedeutet, dass ich mich nicht teilweise oder "nur zum Zweck des Herausfindes" in die Kommunikation begab, sondern dass ich "mich insgesamt" der Kommunikation und ihren Orientierungen "überschrieb": Ich entschloss mich, SO (kommunikativ mit jungen Menschen) zu SEIN - existentiell so zu sein. Es sollte in meinem Zusammensein mit jungen Menschen nichts sein, das sich von meinem sonstigen Verhalten unterschied. Ich war nicht "Fachmann", sondern der, der ich bin, ohne spezielle Rollenzuteilung. Ich verließ den Boden des "Objektiven" und öffnete mich für das Abenteuer des Subjektiven mit dem deutlichen Gefühl relevanten Forschens.

Geschehen-Lassen
Ich ging davon aus, dass ich mir keinen Zwang antun dürfe, wenn ich Relevantes herausfinden wollte. Dies bedeutete eine gewisse Paradoxie: Einerseits wollte ich etwas herausfinden - andererseits wollte ich "da nicht hinterher sein". Ich wollte mir durch ein intensives Hinsehen nicht meine Sensibilität für rezeptorisches Erkennen zerstören. Ich war offen und ließ das, was mit mir und den jungen Menschen geschah (was auch durchaus aktiv von mir gestaltet wurde), auf mich wirken. Ich ließ die Kommunikation geschehen, ich ließ meine Erfahrungen in mir sich entwickeln. Ich nahm die Phänomene an, wie sie sich mir darstellten, anteilnehmend und beteiligt. Ich vermied es jedoch, das Erfahrene loszulösen vom kommunikativen Geschehen, um mittels Reflexion oder gezielten Beobachtens Entdeckungen weiter zu verfolgen oder "ihnen auf den Grund zu gehen". Ich vertraute mich der Kommunikation an, und wenn es einen Grund geben würde, dann würde er sich mir mitteilen. Ich konnte dies sich entwickeln lassen, geschehen lassen. Ich setzte darauf, dass sich mir durch diese Haltung mitteilen würde, was sich zwischen mir und den jungen Menschen vollzog, sofern es überhaupt erfahrbar wäre.

Verzicht auf Metareflexion
Ich verzichtete konsequenterweise auf Metareflexion während kommunikativer Prozesse. Ich war "in" einer Situation, ich "ging in ihr auf" - aber ich stand nicht "über" einer Situation. Ich hielt mein Denken nicht während der Kommunikation "in Reserve". Die Unmittelbarkeit unserer Beziehung durchdrang mich und prägte sich mir ein. Ich wollte mich dieser Unmittelbarkeit aussetzen und musste in sie auch mein Reflexions-Potential einbringen (und mich nicht von ihm aus der Unmittelbarkeit hinaustragen lassen). Direkt im Anschluss an Kommunikationssituationen konnte ich Aussagen über die gerade erlebte Situation machen, solange die Erfahrung noch gegenwärtig war. Eine Metareflexion während der Kommunikation hätte meine Erfahrung (dieser Kommunikation) zertört, erfahren hätte ich dann die Metakommunikation, nicht mehr die Kommunikation. Gelegentlich gelang es mir, auch während der Kommunikation unmittelbar von ihr zu berichten - als Erfahrungsbericht, nicht als Metareflexion.





Montag, 4. Februar 2019

Niemand ist böse








"Sie sagen, ein Böser ist ebensoviel wert wie ein Guter. Beide sind Ebenbilder Gottes, sie gehen nur unterschiedliche Wege. Heißt das, jeder kann Böses tun, so wie er will? Also Kinder verprügeln oder jemanden umbringen? Und steht dann genauso gut da wie ein Arzt oder ein Feuerwehrmann?"

Ich werde mit seltsamen und skurilen Fragen auf meinen Vorträgen konfrontiert. Die Gleichwertigkeit ist nicht immer leicht zu verstehen, insbesondere, wenn es um Fragen der Moral, also um gut und böse geht. Es geht um das Durcheinander, dass gut und böse von gleichem Wert seien.

Ich unterscheide das, was jemand tut von dem, was jemand ist. Also die Tat vom Täter.

Was jemand ist: Alle handelnden Personen haben gleichen Wert. Alle sind, um im bekannten Bild zu bleiben, Ebenbilder Gottes. Es ist klar und liegt auf der Hand, dass es Personen gibt, die gleiche Wege gehen, und dass es Personen gibt, die unterschiedliche Wege gehen. Etwa: Zwei Ärzte gehen den gleichen Ärzte-Weg. Zwei Mörder gehen den gleichen Mörder-Weg. Die Wege der Ärzte (heilen) und der Mörder (schaden) sind dabei unterschiedlich. Aber es gilt, dass alle vier Personen, die zwei Ärzte und die zwei Mörder, gleichen Wert haben, weil sie alle Ebenbilder Gottes sind.

Was jemand tut: Dies zu bewerten kann sehr unterschiedlich ausfallen und "liegt im Auge des Betrachters", wie es so schön heißt. Ärzte finden ihr Tun gut. Auch Mörder finden ihr Tun gut. Selbstverständlich (!) finde ich das Morden (Tun des Mörders) völlig unakzeptabel. Ich vermeide, wenn ich über diese Thematik rede, dabei das Etikett/Wort/Urteil "böse". Weil "böse" einen unguten Mitklang hat..Weil "böse" in meinen Ohren nach einer Herabsetzung der Person klingt, weil "böse" die Ebenbildlichkeit Gottes eines jeden Menschen desavouiert. So wie "Unkraut" die Distel herabsetzt, die eine wertvolle Pflanze ist wie andere Pflanzn (nur nicht für Menschen). Es gibt viele solcher herabsetzender Begriffe. Einige werden in ihrer Herabsetzung bemerkt und vermieden, z.B. "Neger". Das Etikett "böse" wird aber ganz allgemein verwendet und in seiner Herabsetzungswucht nicht bemerkt.

Was also sagen, ohne missverstanden zu werden? Ein "Der findet es ok, wenn Kinder geschlagen werden, der findet es  sogar in Ordnung, wenn einer jemanden umbringt" will ich mir nicht an Land ziehen oder gar als Kommentar über meinen Vortrag im Internet finden. Andererseits will ich schon klarmachen, wie ich das sehe. Dass ich unterscheide: Tat von Person. Es ist nicht immer einfach und braucht oft mehrere Anläufe, bis ich gut und nachvollziehbar erklärt habe, was ich meine.

Neulich gelang das nicht bei allen. Die Teilnehmerin, die die Frage (oben) stellte, verließ zum Schluss den Vortrag und sagte, meine Position, einen Kinderprügler und Mörder gut zu finden, gehe ja überhaupt nicht. Hatte ich zwar nicht gesagt, hatte sie aber so verstanden. Die anderen Teilnehmer hatten mich aber verstanden. Wir unterhielten uns nach dem Vortrag noch im Stehen eine Weile darüber. Es war nicht so schön, jemanden mit einer solchen Einschätzung von meinem Vortrag und von mir ziehen zu lassen. Aber es tat gut, dass meine Überlegungen den anderen geholfen hatten, sich zurechtzufinden in ihrem Alltag: Dass sie nicht die Bösen sind, wenn sie ihren Kindern Leid zufügen (z.B. etwas wegnehmen), Weil niemand ein Böser ist, auch sie nicht.

Hinzu kommt, dass mich die Innenwelt eines "Bösen" interessiert. Wenn ich seine Motive einschätzen kann, hilft es mir, ihn nicht zu verurteilen, den anderen nicht mit einer Mörderfratze zu sehen, sondern eben als Ebenbild Gottes. Durch ein solchen Verstehen lasse ich mich nicht auf seine Seite ziehen. Was ich als eine böse Tat einstufe, kann niemand in meiner Gegenwart realisieren. Aber wenn ich interveniere, dann ohne Herabsetzung. Verständlich? Ich töte den Büffel wie der Indianer, mit Achtung.