Donnerstag, 1. Dezember 2016

So nah - so fern


Fortsetzung vom 29.11.

Die dreijährige Anne und ihr Vater Martin kommen im Winter zum Spielplatz. Anne will rutschen und klettert die Leiter hoch. Aber es liegt Schneematsch auf der Rutsche, und Martin sagt, dass sie nicht rutschen soll. Weil sie eine nasse Hose bekommt und sich erkälten kann. Anne will trotzdem rutschen. Martin steigt rasch die Leiter hoch und holt Anne nach unten.

Kurz darauf kommen die dreijährige Karin und ihr Vater Klaus zum Spielplatz. Karin will ruschen und klettert die Leiter hoch. Aber es liegt Schneematsch auf der Rutsche, und Klaus sagt, dass sie nicht rutschen soll. Weil sie eine nasse Hose bekommt und sich erkälten kann. Anne will trotzdem rutschen. Klaus steigt rasch die Leiter hoch und holt Karin nach unten.

Beide Väter lieben ihre Kinder. Beide Väter tun dasselbe. Und dennoch gibt es einen großen und hochwirksamen Unterschied. Diesen kann man nicht so ohne weiteres erkennen, er will erfühlt werden. Aber man kann ihn erklären. Ohne dass ein Vorwurf daraus entsteht - aber sehr wohl das Aufzeigen eines anderen Wegs.

Beide Kinder erleben, dass sie nicht tun können, was sie wollen. Was sie als das Beste für sich erkannt haben. Nämlich zu rutschen, auch wenn auf der Rutsche Schneematsch liegt und der Vater das nicht will. Beide Kinder sind Schneematsch-Rutsche-Kinder. Beide Kinder können nicht tun, was sie für richtig halten. Beide erleben den Vater als Verhinderer, als Stein in ihrem Weg.

Annes Vater ist in der amicativen Welt zu Hause. Klaus ist in der traditionellen, der pädagogisch orientierten Welt zu Hause. Im Unterschied zu Martin trägt Klaus die Verantwortung für sein Kind. Für die Beziehung von Klaus und Karin gilt, dass der Vater im Herausfinden und Bewerten des Richtigen dem Kind übergeordnet ist. Es gilt: Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist.

Klaus liebt seine Tochter, und er ist in Sorge um sie. Die amicative Sicht auf Klaus ist ohne Vorwurf, seine Liebe und Sorge werden gesehen. Dennoch aber wird etwas Ungutes erkannt, etwas, das sich vermeiden läßt, wenn man amicativen Boden betritt. Dies geht so:

Aus amicativer Sicht erlebt Karin die Haltung ihres Vaters - ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist - als Grenzüberschreitung, schärfer ausgedrückt: als einen psychischen Angriff auf ihre Bewertung. Sie erlebt, dass sie nicht ein Schneematsch-Rutsche-Kind sein darf, dass ihr Wille nicht richtig sein, dass ihre Weltdeutung falsch sein soll. Die Anspruchshaltung ihres Vaters erreicht Karin im Tonfall der Stimme, in der Art, wie er die Leiter hochkommt, wie er sie anfasst, wie sein Gesicht aussieht, auf den psychischen Kommunikationskanälen. Karin setzt sich innerlich dagegen zur Wehr, dass sie nicht das Kind sein darf, das sie sein will. Sie ist verstrickt in psychischen Übergriff und Abwehr. Sie fühlt, dass ihre Position weniger wert sein soll. Insgesamt: sie fühlt sich demoralisiert.  Zur Verhinderung im Außenbereich - sie kann nicht tun, was sie will - kommt die Grenzüberschreitung im Innenbereich, der psychische Angriff durch die pädagogische Anspruchshaltung.

Anne erlebt dies nicht, weil Martin keine pädagogische, sondern eine amicative Haltung hat. Nach amicativer Auffassung gibt es auf der Innenseite der Beziehung kein objektiv besseres Wissen eines Erwachsenen darüber, was gut für ein Kind ist. Annes Vater interveniert aus seinen subjektiven Gründen, die er nicht als objektiv wertvoller einstuft als die Gründe des Kindes. Es gilt: Jeder spürt selbst am besten, was für ihn gut ist.

Einerseits sind beide Väter gleich: Beide sind in Sorge, dass ihre Kinder sich erkälten können. Und deswegen greifen sie ein. Doch während Klaus meint, dass er objektiv Recht hat (und nicht ahnt, welche ungute Wirkung das auf Karin ausübt), interveniert Martin ohne den Anspruch, dass dies zum objektiv Besten des Kindes geschieht, besser als es das selbst wahrnimrnt.

Dies erspart Arme die Demoralisierung, die Karin erlebt. Anne bekommt mit, dass Martin ihre Bewertung nicht ändern will. Dass er zwar anders bewertet und dies auch mitteilt und sich wünscht, dass sie seiner Bewertung folgt. Dass er ihr aber ihre abweichende Bewertung wirklich lassen kann. Sie erlebt sich auf der psychischen Ebene als gleichwertig. Ihr inneres Königtum wird nicht angetastet. Der Vater geht entschlossen gegen sie vor im Außenbereich, er holt sie ohne Wenn und Aber von der Leiter. Und zwar aufgrund seiner eigenen Interessen (Angst und Sorge verringern). Doch im Innenbereich schwingt die Achtung gegenüber ihrer Fähigkeit mit, das eigene Beste selbst spüren zu können. So, wie Anne es sieht. Nur, dass er dies aus seinen Gründen jetzt nicht Wirklichkeit werden lassen kann.

Die äußere, physikalische Aktion ist dieselbe - die innere, psychische Dimension ist grund-verschieden. Dadurch ist die erlebte Realität gänzlich anders. Väter und Töchter verlassen den Spielplatz, und was so zum Verwechseln ähnlich aussieht, ist doch so verschieden. Zwei Kinder können nicht tun, was sie wollen. Aber das eine wird - trotz väterlicher Liebe und Sorge - zusätzlich belastet mit einer seelischen Grenzüberschreitung, einem psychischem Angriff und Demoralisierung, das andere erlebt sich trotz der Verhinderung seines Wunsches als geachtet und anerkannt.

Kommentare:

  1. Hallo zusammen!

    Je länger ich über die amicative Anne und den amicativen Martin nachdenke, um so mehr vermute ich, dass die dreijährige Anne schon bei einer früheren winterlichen Lebenssituation mitbekommen hat (selbst gespürt hat), dass man von Schneematsch nasse Handschuhe und eben auch eine nasse Hose bzw. einen nassen Schneeanzug bekommt.

    Und (so schätze ich mittlerweile amicative dreijährige Mädchen ein) spätestens oben beim Rutsche-Startblock und einem Blick auf die vom Schneematsch ganz nasse Fläche der Rutsche und auch wegen der schon halbnassen Handschuhe (vom Schneematsch auf den Leitersprossen) hat sich die amicative Anne (die ich gerade in meinem Kopfkino sehe) entschieden, auf der Leiter wieder vorsichtig zurück nach unten zu klettern und dem abwartenden Martin gesagt: "Och menno, Papa, ich habe ja jetzt schon ganz nasse Handschuhe. Komm, wir gehen wieder nach Hause, der Schnee ist ja heute viel zu nass." *grins*
    LG HaJo51

    AntwortenLöschen
  2. ... und dann komme ich als dritter Vater, uns sage, dass sich kein Kind jemals erkältet hat, und dass die ganze Diskussion völlig überflüssig ist!
    Sollte wirklich mal empirisch untersucht werden, das Ganze mit sogenannten "Erkältungen" – ich behaupte, es gibt in einem solchen Fall genau zwei Möglichkeiten, eine folgende Erkrankung des Kindes zu erkären: self fulfilling prophecy oder Scheinkorrelation.
    Typische Denkfehler fast aller Zerwachsenen:
    Erstens werden Kausalität und Korrelation verwechselt.
    Zweitens ist typisch für esoterisch-verdrehte Denkmuster (ob nun bezüglich astrologischer Sternzeichen, Homöopathie oder eben Erkältungen der ungehorsamen Brut), dass eintretende Erwartungshaltungen als Beweise verinnerlicht werden, selbst wenn diese bloß in einem von hundert Fällen eintreffen – die 99 anderen werden ausgeblendet.

    Amicativ-inhaltlich find' ich den Text natürlich gut!
    (Bring' doch mal Beispiele, die bei mir keine Abwehrreaktion hervorrufen – also weder "Gott" noch sonstigen Esokram beinhalten!)

    Ralph

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Arrrrgggggh...ralph, gut, dass ich dich kenne.

      Löschen
  3. Betrifft : Sonntag, 27. November 2016
    Dahergestürmt, mit Verantwortung
    Dieses „ das kann das kind doch noch garnicht überblicken “ hat lange in mir rumort …. Solche und ähnliche aussagen kenn auch ich von dir hubertus … es drückt zwar kein „ dich für das kind verantwortlich fühlen “ für mich aus aber irgendwas fühlt sich s dennoch unstimmig an in mir …
    Wieso weisst du was das kind überblicken kann oder nicht hubertus ? vielleicht hat dieses kind ja einen zugang zu einer perspektive welche die deinige inkludiert UND/ODER darüber hinausgeht ???
    Vielleicht will es ja vom baum fallen ??? und das nicht weil es die situation nicht überblicken kann sondern was weiss ich … weil halt ???
    Woher weisst du was das kind überblicken kann ?
    Also ich weiss nicht was jemand anderer überblicken kann oder nicht ! ich weiss im besten fall dass das was ich glaube dass es eventuell gleich passieren kann NICHT das ist was ich will und deshalb tue ich alles um das zu verhindern … aber NICHT weil ich weiss was das kind überblicken kann oder nicht …
    Du sagst doch immer mal dass wir immer nur von uns selbst sprechen …
    Also wenn du das kind von baum runterholst weil du nicht anders kannst … weil halt! eben … ist das für mich eine andere qualität als du lässt es nicht weiterklettern weil du meinst es könne die situation nicht überblicken …
    Ich habe diese deine feine unterscheidungsfähigkeit zwischen JA genau! Und haarscharf daneben ! immer sehr geschätzt ! und daher verwirrt es mich wenn du solche aussagen machst … genauso wie ironie ;-) …
    Wenn du über mich sagen würdest : das kann christa nicht überblicken ! … ich aber das gefühl habe ich kann das sehr wohl … würd ich mich von dir NICHT gesehen … nicht wahrgenommen … erleben ….. und das ist immer noch schmerzlich für mich … bei jedem menschen ….
    Ich hätte das gefühl du sprichst mir auf grund deiner erfahrungen in der vergangenheit mit mir und/oder anderen und deinen daraus resultierenden schlussfolgerungen ab eventuell doch irgendwann in der lage zu sein etwas zu können was du mir eben nicht zutraust …….
    Und zugleich will ich dir nicht absprechen dass deine perspektive eventuell eine viel weitere und allumfassendere ist als meine … dass du etwas weisst was ich .. noch nicht … weiss ….
    Das ist mein dilemma !
    Du bist nicht dafür verantwortlich hubertus dass mich das schmerzt und/oder verwirrt …. Das ist sowieso klar zwischen uns ….
    Und du bist auch nicht dafür verantwortlich dass DIESER schmerz mir immer weniger weh tut … wenn es denn so ist ;-)
    Du bist in JEDEM fall ein geschenk für mich … in dem spiegel der du mir bist erkenne ich meine tiefsten verborgensten geheimnisse … und heile …. Irgendwann … kann sein … JETZT …
    Alles alles liebe hubertus und danke und alles liebe dir mama mia für dein post das so tiefes in mir angerührt hat
    christa

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Christa, Dank für Deine engagierte Mühe! Doch das Statement "Das kann das Kind doch noch gar nicht überblicken" ist nicht von mir. Es ist ein Satz aus dem Kommentar vom Mama Mia zum Post vom 27.11. Es ist Mama Mias Satz, er kann in ihrem Kommentar leicht so gelesen werden, als wäre er von mir - ist er aber nicht. Leider bist Du da in eine schräge und irritierende Wahrnehmung von mir geraten. Alle Deine langen Ausführungen finde ich ok. - nur, dass sie mich nicht betreffen, sondern dieses Schrägbild von mir.

    Deinen langen Kommentar möchte ich aber gern beantworten. Es lesen ja auch andere Menschen mit, und so kann ich etwas verdeutlichen. Was ich ja gern mache, wie Du weißt, dank Dir für die Gelegenheit. Also: Aus amicativer Sicht hat jeder seine eigene Weltdeutung, auch jedes Kind. Was soll man von den Deutungen anderer, auch denen der Kinder halten? Da reagiert man und schaut zu sich und der eigenen Deutung, und das kann zustimmend oder ablehnend sein. Wenn ich der Deutung eines Kindes nicht zustimme - wenn es z.B.eine Steckdose für eine Schweineschnauze hält - ,muß ich mich in meiner Sprache nicht verbiegen und nicht "amicativ-korrekt" formulieren. Ich red dann so, wie es kommt, und meine andere Sicht (es ist eine Steckdose) könnnte ich dann durchaus auch mit dem Statement "Das kannst Du noch nicht überblicken" kommentieren. Da ich in der amicativen Welt zu Hause bin, ist so ein Statement von anderer Qualität als von jemandem, der traditionell pädagogisch unterwegs ist. Bei mir ist verankert und schwingt mit, dass ich nur für mich spreche, keinen Objektivitätsanspruch habe. Ich habe aus meiner subjektiven Sicht recht. So wie das Kind aus seiner subjektiven Sicht recht hat. Paradigma der Postmoderne: die Gleichwertigkeit. Da stehen wir uns also bei aller Unterschiedlichkeit im Deuten gleichwertig im Deuten gegenüber. Das Statement "Das kann das Kind doch noch gar nicht überblicken" könnte aber auch objektiv daherkommen (nicht von mir), dann nämlich, wenn das Statement von einem pädagogisch orientierten Menschen kommt.

    Grundsätzlich gilt, dass es hier nicht um die Worte geht, sondern um die Welt, die hinter diesen Worten steht. Also: wenn ich, Hubertus sage "Ich habe recht" ist dies von anderer Qualität und Hintergründlichkeit als wenn ein pädagogisch orientierter Mensch denselben Satz sagt. Subjektive Wahrheit hier - objektive Wahrheit dort. Dass ich tunlichst alles vermeide, was sich irgendwie objektivierend anhört und möglichst amicativ politisch korrekt durch die Wortewelt laufe: nicht mein Ding. Ich kann auch Unkraut, Neger, Gewalt usw. sagen, ohne die Diestel, den Afrikaner oder konstruktive Muskelkraft herabzusetzen. Die Unterschiedlichkeit liegt in der psychischen Welt, nicht in der physikalischen. Dieselben physikalisch gesprochenen Worte - doch verschiedene (psychische) Welten. Das gilt auch für "anfassbarere" Situationen als akustische Schwingungen (Worte). Der Post vom 27.11.geht ja auch weiter ("Fortsetzung folgt"), er umfasst drei Teile, am 1.12. geht es um eine körperliche Intervention. Dort versuche ich, diese sensible und schwierige Angelegenheit klar werden zu lassen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sie schreibt, sie kennt solche Aussagen (auch) von dir..😉

      Löschen
    2. Dank Dir fürs Mitdenken. Also: aus amicativer Sicht hat jeder seine eigene Weltdeutung, auch jede Kommentatorin. Weiter siehe oben...

      Löschen
  5. ich bin heute aufgewacht und wollte mein post löschen aus genau dem grund dass ich mich ja auf eine aussage beziehe die du hubertus ja garnicht hier im blog gemacht hast ... ich also mama mia s post und deinen blog dafür nutze klarheit in mir zu erlangen ... will ich das ? gehört sich das ? die zweite frage habe ich mit einem schmunzeln in mir bemerkt und mich dann aber für die erste frage als entscheidungshilfe entschieden JA ! ich will alle mir hilfreichen situationen nutzen um zu klarheit in mir zu kommen und wege für mich erkennen die mich eventuell aus verwirrendem dilemma hinausführen ...
    ich wollte also zu mir und meinem " ungehörigen " .. und wie ich jetzt ja sehe .. gehörten beitrag stehen und erklären was da alles in mir abging ..
    und was ist mittlerweile geschehen ?

    alles schon geklärt ... so als hättest du mir heute nacht in meinem dilemma schon geantwortet ...
    das ist die magie die ich immer wieder erlebe wenn ich den mut habe mich zu zeigen so wie ich bin ... in all meiner unvollkommenen vollkommenheit und ver und entwirrendem gedanklichem chaos ..

    JA hubertus das was du schreibst habe ich heute nacht schon in mir" gehört " und meine entscheidung getroffen in meiner interpretation deiner worte NUR auf mein herz zu hören ... JA ... und wenn du neger sagst liegt die bedeutung dieses wortes im herzen ... in deinem UND in dem des angesprochenen ... das ist ja bei dem vortrag in wien ganz deutlich erlebbar gewesen ... und hat mich so berührt
    seit heute nacht hat sich auch mein dilemma was mein erleben deiner scherzhaften oft ironischen aussagen angeht verwandelt ... mal schauen ob das anhält und wohin mich das führt ...
    ich weiss dass ich auf grund meines bevorstehenden interviews noch bewusster alle gelegenheiten nutzen will um mir zu erlauben mich dabei zu erleben dass ich zu mir selbst stehe ... und mir vertraue ... so wie ich grad bin ...
    mein leben als SVT - spielwiese und selbstliebe abenteuererlebnispark !
    danke hubertus für deine antwort ... und dafür dafür dass du so bist wie du bist !
    alles liebe christa

    AntwortenLöschen