Sonntag, 18. Dezember 2016

2050? 2100? 2200? IV


Thema Schule, 4. Fortsetzung. Bei meinen Bildern geht es mir ja darum, die theoretischen Überlegungen zur Schulthematik mit emotionalem Leben zu füllen. Bei diesem Bild kann man sich mitnehmen lassen und mitgehen. Ich bin hier auf Kommentare und Rückmeldungen mehr gespannt als sonst. Also: Bild 3 aus meinem Buch "Schule mit menschlichem Antlitz".

*

››Vergangenheit, 1880-1999«, Öl auf Holz

New Mexico, im Sommer 1999. Sie machen Ferien in Amerika. Und da Sie sich schon immer für die indianische Kultur interessiert haben, besuchen Sie die Navajos in der Four-Corners-Region und halten sich nun schon drei Wochen bei ihnen auf, in der Reservation am Mount Taylor. Sie haben viel gesehen und unternommen und neue Freunde gewonnen.

Eines Tages fragt Sie Ihr indianischer Freund Tatanga, ob Sie sich nicht einmal das Museum anschauen wollen. "Ihr habt ein Museum? Klar, das interessiert mich!" Sie sind gespannt und erwarten neue Einblicke in die Lebenswelt der Indianer.

Nach einer Weile Fahrt durch die faszinierende Landschaft kommen Sie zu einem schlichten Holzhaus. Es ist schon älter, wirkt aber gepflegt. Niemand ist da, der Sie und Ihren Freund begrüßt, aber die Tür ist offen, und Sie gehen hinein. Der Raum, den Sie zunächst betreten, sieht wie das Klassenzimmer einer Schule aus. Bänke, Stühle, eine Tafel, einige Bücher. Wahrscheinlich werden hier Vorträge zur Geschichte der Indianer gehalten. Nach einem kurzen Blick in die Runde wollen Sie den Raum verlassen, denn es gibt nichts besonderes zu sehen. Aber Tatanga macht keine Anstalten hinauszugehen. Er steht mit ernstem Gesicht in der Nähe der Tafel und sieht aus dem Fenster. "Lass uns hier weggehen, das ist doch nur der Raum für Vorträge. Wo sind die Exponate?", sagen Sie. Doch Ihr Freund verzieht keine Mine und rührt sich nicht. "Was ist los?", fragen Sie. "Wir sind im Museum", sagt er. "Na klar", antworten Sie, "aber hier ist doch nichts. Zeig mir die richtigen Räume."

Tatanga dreht sich zu Ihnen um und sieht Sie voll an. "Du bist im Museum. Es ist hier, dieses Haus, auch dieser Raum. Unser Museum ist eine Schule." "Wieso - eine Schule?" Sie sind enttäuscht. Was ist an einer Schule interessant? Ihr Gesicht spiegelt Unverständnis. Tatanga lächelt. "Ich weiß, dass Du jetzt enttäuscht bist. Aber dies hier ist wirklich unser Museum. Weißt Du, in diesem Haus wurden die Eltern meiner Großeltern, meine Großeltern und auch noch meine Eltern unterrichtet. Von weißen Missionaren und Lehrern. Sie sollten 'zivilisiert' werden. Mit Eurer Kultur. Mit Eurer Denkweise. Sie mußten Eure Buchstaben lernen. Eure Art, die Welt zu sehen. Ihre kulturelle Identität - ihre Persönlichkeit ..." Er schweigt, und dann sagt er leise: "Zumindest haben sie es versucht."

Sie stürzen in einen Strudel voller Gefühle. Ihr abstraktes Wissen vom kulturellen Imperialismus der Weißen wird hier konkret, an diesem Ort: Hier, in diesem Raum fand das alles statt. Die Präsenz dieser Ungeheuerlichkeit nimmt Ihnen den Atem. Empörung, Wut, Hilflosigkeit und tiefe Scham branden auf. Sie fühlen das Leid, das Entsetzen, die Ohnmacht dieser Menschen. Sie hören die Kommandos der Lehrer, das unbeugsame leise und laute Nein der Kinder, die verzweifelten Schreie der Mütter, denen die Kinder von den Soldaten aus den Zelten gerissen werden, und Sie spüren den unendlichen Zorn und die bodenlose Hilflosigkeit der Väter. Sie sehen den Kampf dort und das Niederringen der Seelen hier. Die Brutalität und Demoralisierung dieser "Zivilisierung" springen Sie an. Wie in Trance starren Sie in den Raum, und als Sie endlich zu Tatanga sehen, ist er nicht da. Sie verlassen das Museum, dieses Mahnmal gegen die Unmenschlichkeit, setzen sich unter einen Baum und überlassen sich erschöpft Ihren Gefühlen. Und Sie verstehen.

Als Sie Welten später aufblicken, sehen Sie die stolzen Indianerkinder von damals vor Ihnen stehen. Sie schauen sich an. Und auf einmal verstehen Sie wirklich: "Das stolze lndianerkind - das bin ja ich!" Tränen schießen Ihnen in die Augen. »Auch ich wurde in ein solches Haus geschafft. Auch vor mir stand ein Lehrer. Auch ich wurde gebeugt und gebeugt und gebeugt. Subjekt, Prädikat, Objekt. (a + b)  -  (a + b). Schule. Jeden Tag." Und Sie halten sich selbst fest. Ganz fest.

Kommentare:

  1. JA hubertus ... auch ich wurde gebeugt und gebeugt ... und habe mich gebeugt und gebeugt ...
    es ist mir wie durch ein wunder kein buckel gewachsen und noch kann ich aufrecht stehen ... auch wenn das aufrichten manchmal schmerzt ... verkürzte sehnen wollen sanft und liebevoll gedehnt sein
    ... und JA ... auch ich will mich gehalten fühlen ... sicher gehalten fühlen ... und begreife ... wiedereinmal ...

    auch ich lasse es fliessen ... die tränen und das leben das mich durchströmt ...

    wasser des lebens

    JA ... ich bin

    leise lächelnde liebe


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    1. ... und der wunsch nach gehaltenfühlen wandelt sich in ein staunendes bemerken des mich-sicher- getragenfühlens ... vom fluss des lebens ... so wie s is !

      JETZT ist s grad so ;-)

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  2. Moin, Hubertus!

    Zitat:
    "Bei diesem Bild kann man sich mitnehmen lassen und mitgehen."

    Ich gebe nur mal eben Bescheid:
    Bei diesem Bild gehe ich nicht mit!
    LG HaJo51

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